unser Wesen sie, das nicht, wie das ihre, leicht in Hoffnung oder Angst
in die Irre geht. Traule war wunderschön zu schauen, wie überhaupt die
Menschen das Schönste und Erhabenste sind, was die Natur hervorgebracht
hat. Ihr Gang ist aufrecht, und ihre Stirn taucht in das himmlische
Licht empor, das ihre tiefen Augen widerstrahlen können, als lebte der
Glanz der Höhen in ihrer Brust. Ihnen ist Macht über alle Wesen der Erde
gegeben, ihr Bild ist in Gestalt und Anmut dem Schöpfer alles Lebendigen
ähnlich, und ihre Seele ist unsterblich wie das Licht der Welt. Nichts
gibt es, was den Menschen gleichkommt! In den Zügen ihrer Angesichter
spiegeln die Lust und der Gram alles Irdischen wider, wie meine Blätter
es im Wasser tun, so beweglich und geheimnisvoll, ihnen ist der Hort der
unvergänglichen Liebe anvertraut, und Gottes Sohn ist um ihretwillen
gestorben. Wohl haben viele Menschen vergessen, wieviel sie wert sind,
aber Gott vergißt es nicht.
Kurze Zeit, nachdem Traules Mutter gestorben war, kam eines Tages zu
Pferd der junge Herr vom Schloß durch den Wald geritten in einem
Reiterkleid aus Samt, einer weißen Feder auf dem breitkrempigen Hut und
einem Degen an der Seite. Es war ein herrlicher Anblick, ihn so auf
seinem weißen Pferd durch den Frühlingswald reiten zu sehen, im Grünen,
unter dem Jubel der Vögel dahin, unter dem schimmernden Himmelsblau.
Traule hatte am Bach in meinem Schatten geschlafen, nachdem sie zuvor im
klaren Wasser gebadet hatte, und sie erwachte vom Klirren der Zügel, die
mit Silber verziert waren, und vom Schnauben des Pferdes.
Aber nicht weniger erstaunt als sie war der Grafensohn, denn er sah
Traule vor sich im Moos, das Angesicht mit dem goldenen Haar in heißem
Schreck erhoben und eine Flut von Morgenlicht und Vogeltrillern um die
Schläfen. Es strahlte ihm aus den blauen Augen des Mädchens entgegen,
als hätten aller Frohsinn des Frühlings und alle Schwermut der
Waldeinsamkeit sich darin in einem blauen Glühen vereint. Sein Entzücken
über Traules Anblick war so groß, daß er die Hände emporhob, als wollte
er ihr aus seinen Armen den Jubel seines Herzens darreichen.
Beide waren eine Weile still, und man hörte das Wasser des Bachs, so
leise es floß, und die Blumen neigten sich an ihren Stielen im Wind, als
ahnten sie, daß ein Menschengeschick auf den Lichtwegen der entzückten
Augen seinen Einzug in die warme Brust, tief in die Kammern des Herzens
hielt.
Und so ist es gewesen. Ich habe niemals etwas Lieblicheres gesehen, nie
etwas Schöneres als Traules Freundschaft mit dem jungen Herrn, der
vornehm und mächtig war, und dem alles Land umher einmal gehören sollte.
Er kam nun täglich zu Pferd durch den Wald, bald im Morgenwind, bald im
Dämmerlicht der blauen Abendstunden, mit Lachen und Rosen und so viel
Zärtlichkeit, wie selbst der Sonnenschein oder die Mailuft sie nicht
gewähren. Glaubt mir, ihr alle, das ist das lieblichste Wunder der Welt,
wenn ein von Glück überwältigtes Menschenkind, von seiner Liebe glühend,
nicht weiß, wie es seine Seligkeit bergen oder zeigen soll. In solchen
Stunden sehen die Augen der Menschen den Himmel geöffnet bis an den
Thron der Herrlichkeit. Wer nur eine solche Stunde in seinem Dasein
durchlebt hat, den kann keine Gewalt im Himmel und auf Erden mehr von
seiner zukünftigen Heimat trennen.
[Illustration]
Der Jüngling lag in Traules Arm und lachte oder schlief, oder sie sahen
miteinander dem Spiel des Lichts auf dem dahinziehenden Wasser zu, oder
der Wanderschaft der Wolken im Blau. Das Mädchen flocht Kränze aus
Anemonen und legte sie bald um sein Haar, bald um das ihre; aber der
Ausdruck ihres Gesichts war am geheimnisvollsten, wenn sie die Züge des
Mannes, den sie liebte, betrachtete, wenn er schlief. Dann habe ich
wahrgenommen, daß das Übermaß der Freude den Angesichtern der Menschen
einen Zug von Schmerz aufprägen kann, als bestände ihr ganzes Wesen aus
Heimweh.
Die Schwermut und der Frohsinn wechselten einander ab in den freien
Stunden der beiden jungen Menschen im Wald. Sie hielten einander oft
umschlungen wie Kinder und spiegelten sich lachend im Bach, und ihre mit
Blumen geschmückten Stirnen blinkten aus dem Wasser zurück. Aber ihr
Glück verwandelte sich oft jählings, und ohne daß ein Anlaß erkenntlich
war, in Schwermut. Dann lag Traules Kopf weit zurückgelehnt an der
Schulter ihres Freundes, sie faltete die Hände in ihrem Schoß, und die
Augen suchten eindringlich und heiß in der Ferne. Es war seltsam genug,
ihre Blicke blieben im strahlenden Grün der Waldbüsche hängen, ganz nah,
und doch tauchten sie in unabsehbarer Ferne unter. Diese Ferne muß in
den Augen der Menschen beschlossen liegen. Menschliche Augen sind ein
Wunder der Schöpfung, in einem kleinen, kleinen Kreis leuchtet die Weite
der Welt.
Wir alle, die wir Pflanzen sind, ihr Blumen in meinem Schatten, Kräuter
und Gras, wir wissen es, und es ist das Gesetz und der Glaube unseres
Lebens, daß die Geduld unsere teuerste Pflicht ist. Ihr danken wir
Gedeihen und Erblühen, Wachstum und Samen. Wir können den Ort unserer
Entstehung unser Leben lang nicht wechseln, uns kommt aller Segen aus
unserer Geduld, in welcher wir Sonnenschein und Regen erwarten und auf
uns niedersinken lassen, in der wir dem feuchten Erdboden vertrauen und
dem unsichtbaren Wind. Auch den Menschen gilt Geduld als Tugend. Aber es
gibt etwas in der Welt, das höher als Geduld ist, das ist die himmlische
Ungeduld. Uns ist sie fremd, wir ahnen sie in unseren Träumen, aber sie
erhebt oder quält uns nicht, wie sie es den Menschen tut. Mit allem
Großen, was ihnen widerfährt, kommt diese himmlische Ungeduld über sie,
am stärksten mit der Liebe. Alles Große, was in der Welt an Taten
vollbracht worden ist, hat seinen Ursprung in jener himmlischen
Ungeduld. Der Tag wird kommen, an dem ich euch von ihr noch viel
erzählen werde. In solchen Augenblicken, wie ich sie euch von Traules
Schwermut genannt habe, brach auch aus ihren Augen die himmlische
Ungeduld hervor, und sie weinte mit unbewegtem Gesicht vor sich hin, und
ihr Freund verstand ihre Tränen und wehrte ihnen nicht.
'Höre, Traule,' sagte er liebreich zu ihr und sah das Mädchen nicht an,
sondern hinaus in die schimmernde Waldweite, 'die Freude und der Schmerz
entspringen in unserer Brust der gleichen Quelle, und wenn die Gründe
der Tiefen erschlossen worden sind, so strömen die Bäche des Leids wie
die der Freude ohne unseren Willen oft gleicherweise hervor. Aber wie
tausendmal schöner ist es so, als wenn das Leben an den Türen des
Herzens vorübergeht, ohne sie erschlossen zu haben. Ach, Traule, ich
liebe mein Leben sehr, seit ich dich liebhabe, ich habe alles Vergangene
vergessen, und mit dir ist jede Zukunft leicht zu ertragen.'
'Ich bleibe immer bei dir,' antwortete Traule, 'bis an mein Todesende.'
Da geschah eines Abends das Schreckliche, das den ganzen Wald mit
Entsetzen und Trauer füllte, es trug sich auf unserer Wiese zu, dort wo
ihr nun blüht, nah am Ufer. Der junge Herr war früher als gewöhnlich
gekommen, sein Pferd graste weiter unten am Bach, hinter Büschen; es
wollte ein Ungewitter heraufziehen, am Himmel stand eine Wolkenwand und
schob sich langsam über das Land empor, von der Abendsonne beschienen.
Die Vögel sangen noch, aber der Sommer war schon nah.
Da Traule noch nicht kam, warf der Grafensohn sich ins Gras nieder,
trank aus der hohlen Hand Wasser und blieb endlich still auf dem Boden
liegen, die großen Augen weit und glücklich gegen das Himmelslicht
geöffnet. Sein helles Lockenhaar ringelte sich wie in kleinen Goldbächen
ins Rasengrün, und in einem seligen Traum seiner Erwartung, fern allem
Bösen der Welt, lauschte er auf Traules Tritt im Laub.
Aber plötzlich schreckte ein anderes Geräusch ihn empor, ein Rascheln
und Zweigeknacken im Gebüsch erscholl und ein zorniges Brummen mischte
sich hinein. Es war, als wäre plötzlich ein Sturm des Bösen im
friedlichen Gehölz ausgebrochen, und es nahte rasch heran, mit schwerem
Tappen. Als der Jüngling erschrocken emporsprang und nach seinem Degen
griff, den er neben sich ins Gras geworfen hatte, teilten sich schon vor
ihm die Zweige über dem Boden und spien den dunklen Koloß eines
gewaltigen Bären aus, der sich auf seine Hinterbeine aufrichtete und mit
lautem Gebrüll auf den zu Tode erschrockenen Menschen zustürmte.
Aus dem weitgeöffneten Rachen des Raubtiers blitzten die Zähne, und sein
dampfender Odem quoll mit dem Brüllen hervor, wie Rauch eine heulende
Flamme begleitet. Er hielt seine Vorderbeine mit den mächtigen Pranken
zu einer schrecklichen Umarmung weit geöffnet, es war ein altes,
verbittertes Tier, das durch irgendein Ereignis in Zorn geraten sein
mußte und nun den unschuldigen Menschen zum Ziel seines Grimms machte.
Was half dem Bedrohten sein zierlicher Degen und sein mutiges Herz. Er
war aufgesprungen, hatte seine Waffe ergriffen und erwartete nun,
totenbleich, aber gefaßt und standhaft, den Ansturm des wilden Tiers. Er
zielte mit der Spitze des Degens mitten in den blutigroten,
weitgeöffneten Rachen und stieß, als das Ungeheuer ihn nahezu erreicht
hatte, mit edlem Geschick und der ganzen Kraft seines Armes zu, aber ein
unvermuteter, rascher und wilder Tatzenhieb traf die Waffe, bevor die
feine Spitze einzudringen vermochte, und warf sie so mühelos zur Seite,
als wäre sie ein ungefährliches Spielzeug.
Ich will euch den kurzen furchtbaren Kampf nicht schildern, der nun
folgte, und in welchem der junge Mann der Kraft des Raubtiers erlag.
Wohl eine Stunde später kam Traule singend den gewohnten Waldpfad
entlang, ahnungslos; die Vögel sangen auch in der Abendsonne, die ihr
rotes Licht so friedlich auf die Stämme der Waldbäume legte, als gäbe es
kein Ungemach, kein Todesringen in der Welt.
Traule fand den Freund ihres Lebens tot am Bach. Sein Lockenhaar
ringelte sich wie in kleinen Goldbächen in das zerstampfte Rasengrün, er
lag mit weit ausgebreiteten Armen, die Augen geöffnet, als lauschte er
immer noch, wie zuvor, auf Traules Tritt im Laub. Denn der Bär hatte von
ihm abgelassen, nachdem er ihn in seiner mächtigen Umarmung erdrückt
hatte, sein Grimm schien verrauscht, als sein Opfer sich nicht mehr zur
Wehr setzte und ins Gras sank. Er war brummend und fast wie beschämt ins
Dickicht getrottet, vielleicht ahnte er in seinem Sinn die wilde
Treibjagd, die bald darauf vom Schlosse aus beginnen sollte, um den Tod
des jungen Herrn an ihm zu rächen.
Jedoch in der Brust des Jünglings, nahe dem Herzen, hatte ein Tatzenhieb
des Bären das Blut zum Fließen gebracht, und es rann immer noch in
einem feinen roten Bächlein aus der zerstörten Brust in die Blumen, als
Traule kam. Die Abendsonne war nun im Haiderot versunken, hinter den
Kornfeldern, und der Wald wurde dunkel. Traules schwere Nacht begann.
Ich habe alle Stunden hindurch gewacht, ich sah den Mond kommen und
sinken, und der Gang der Sterne segnete uns, aber ich habe nicht einen
Klagelaut unter meinen Zweigen vernommen, kein Geschrei und kein
Seufzen. Es war so still über den großen Schmerzen am Grund, daß mich
Ehrfurcht befiel vor ihrer Allmacht. Einmal war mir, als sähe ich ein
Leuchten, ich weiß es nicht, ich klagte im Nachtwind um Traule, denn
ihrem Geliebten war wohl, er schlief den Schlaf der Erlösten, aber sie
mußte leben. Die Pflanzen und Tiere klagten um das verlorene Liebesglück
der Menschen, und es ging eine Angst durch diese bange Nacht über die
dunkle Erde, die ihren Mund aufgetan hatte, um das Blut des Menschen zu
trinken.
Traule lag über dem Toten, so erstarrt vom Gram ihrer Seele, als sei
auch sie gestorben, sie bedeckte den Körper, den sie liebte, mit dem
ihren, und ihre kleinen braunen Waldhände hielten zur Rechten und Linken
sein Gesicht.
Mit dem Morgenwind hallte der stürmische Ruf einer Trompete durch die
Dämmerung. Eine zweite fiel aus anderer Ferne ein, und ihr wildes,
angstvolles Mahnen weckte den Wald. Sie suchten den Grafensohn. Sein
Pferd war nachts ohne den Reiter in den Schloßhof getrabt, da erkannten
sie, daß ein Unglück geschehen sein mußte. Bald mischte sich das Bellen
von Hunden in den Hörnerklang, und da wußte ich, daß sie den Toten
finden würden, denn ein Hund ruht nicht, bis er die Spur seines Herrn
aufgenommen hat, und findet ihn immer.
Ich rauschte im Frühwind und warf meinen Tau auf Traule, denn mir war,
als dürften die rauhen Männer sie nicht in ihrem Schmerz finden. Und das
Mädchen, das mich liebhatte, verstand die Warnung meiner Stimme und
erhob sich langsam und lauschte in die feuchte Dämmerung hinaus. Wie
erschrak ich da über ihr Angesicht! Es war blaß wie das des Toten, und
der Geist einer Trauer ohne Ende brannte wie ein heiliges Feuer in ihren
großen Augen, die noch keine Tränen gekühlt hatten. Aber sie war eigen
gefaßt, beinahe still, drückte die Augen des Toten zu und küßte ihn zum
Abschied auf den Mund. Dann lauschte sie noch einmal hinaus, ob die
Menschen kamen, und wandte sich ab, um vor ihnen in den Wald zu
flüchten. Es war ein seltsames Mädchen, Traule, nach der unser Bach
genannt worden ist, sie war anders als alle Mädchen, die ich
kennengelernt habe, aber an sie muß ich am meisten denken.
Bald darauf kamen die Reiter und Fußleute mit Hunden und Waffen durch
das Dickicht und fanden ihren toten Herrn am Bach. Zuerst vernahm ich
die klagende Stimme eines heulenden Hundes, dann mischte sich ein
gellender Notschrei des Schreckens hinein, und bald war der morgendlich
stille Wald von Jammer- und Zornrufen der Menschen erfüllt.
Als es still geworden war, und die Vögel wieder ihre Lieder anstimmten,
machten die Männer aus Ästen, die sie aus meiner Krone brachen, eine
Tragbahre, legten den Leichnam auf die Blätter und trugen ihn davon, in
einem dunklen Trauerzug, in dem sie gebeugt und weinend dahinschritten.
Aus der Ferne hörte ich noch einmal die Stimme der Trompete über die
Felder hin durch das Tal erklingen. Ihr Goldklang wiegte sich dahin in
unbeschreiblicher Traurigkeit, ich dachte an den Sturm im Herbst und
erzitterte. Nun hatten sie auf dem Schloß die Kunde vernommen, daß der
junge Herr hatte sterben müssen.
Ich dachte an Traule, das Kind, und wußte, daß sie wieder an die Stätte
zurückkehren würde, an welcher ihr Freund den Tod erlitten hatte. Tag
für Tag kam sie um die Stunde der Dämmerung zu mir, lehnte sich an
meinen Stamm und weinte. Sie sagte mir alles, was ihr Herz wund machte,
denn sie verstand meine Antworten nicht, sondern nur meinen Willen,
alles zu heilen, den die Natur an uns bewährt, und unter dem ich von
Jugend an gewachsen war und geblüht hatte. Meine Blüten waren nun
aufgebrochen, und die Völker der Bienen brausten in der warmen Sonne um
meine Krone.
Traule lag nachts unter meinen Zweigen auf der kleinen Wiese, am Boden,
allein. Was hätte ich nicht getan, um ihr Leid zu lindern, aber ich
konnte es nicht, obgleich ich fühlte, daß das Mädchen nur bei mir sein
wollte. Ihr Angesicht war schmal geworden, und ihre großen Augen
leuchteten zu viel, in unirdischem Schein, mir war angst und weh um
Traule. Einmal hörte ich sie leise des Nachts singen, Sterne schienen,
und der Bach zog im weißlichen Dämmerlicht dahin, kühl in seiner
gelinden Eile. Traule aber sang:
Nimm mir nicht den Schmerz,
den laß mich haben.
Gib meinem Herzen mehr
deiner himmlischen Gaben.
Immer wieder hält es mich davon ab, in der Erzählung von Traules
Geschick fortzufahren, weil ich euch vom Menschen selbst so vielerlei
sagen möchte, denn ihr kennt ihn noch nicht, ihr Lieben, meine Blumen.
Ich fragte mich oft, kann so das Herz des Menschen beschaffen sein, daß
es seine Schmerzen haben will und nichts sonst, daß sie ein Eigentum
werden können, dem kein Besitz auf Erden an Wert zu vergleichen ist, und
daß das Gebet eines Menschen zu Gott so lauten kann wie Traules Lied?
Ich weiß es nicht, aber ich habe es erfahren und sage es euch, mögt ihr
es lieben und glauben, nach eurem Wert.
Wer lange gelebt hat, lernt auch den Tod besser erkennen als die,
welche ihn früh erleiden, und so ahnte ich sein Nahen, wenn ich Traules
Züge sah. Ich kann sie euch nicht beschreiben, es lag um ihre Wangen und
Stirn der Glanz der himmlischen Ungeduld, von der ich euch erzählt habe,
ihr blasses Leuchten ist schöner als alle Tugend, es sinkt aus der Höhe
und lockt den Gang nieder in das Tal der Welt.
So kam es, daß eines Nachts, zur Zeit, als schon die letzten
Sommerblumen verwelkt waren, ein Engel vom Himmel niederstieg und vor
Traule hintrat. Das Mädchen erschrak nicht, sondern lächelte ihm auf
ihre Art entgegen, die ich innig liebte und nie vergesse. Der Engel
sagte zu ihr:
'Ich bin vom Himmel gekommen, um dir deine Schmerzen zu nehmen, du
sollst von ihnen erlöst sein, denn du hast sie ohne Bitterkeit, wie ein
heiliges Gut, getragen.'
Da sah Traule den hellen Engel an, schüttelte den blassen Kopf mit den
feuchten Haaren, die der Tau der Nacht benetzt hatte, und indem ein
Beben durch ihr gebrechliches Körperchen ging, sagte sie zu ihm:
Nimm mir nicht den Schmerz,
den laß mich haben.
Gib meinem Herzen mehr
deiner himmlischen Gaben.
Da erschien es mir, als ob der Engel erschrak, aber seine Verwunderung
war von Freude verklärt, als sei ihm ein großes Wunder widerfahren, da
er in Traules Herz Gottes unvergängliche Liebe wiederfand, als hätten
niemals die Finsternis des Bösen, oder die Armut sie geschmälert, und er
verwandelte die Schmerzen Traules in zwei große Flügel, die bis auf den
Erdboden niedersanken und ihr Haupt überragten. Von ihrem Glänzen wurde
der Wald umher hell, es brach bis hoch empor in die Blätter meiner
Krone. Der Engel und Traule flogen miteinander empor in den Morgenwind
und verschwanden im Hellen unter den letzten Sternen.
Schlaft ihr schon, ihr Blumen, meine Lieben? Dies ist Traules
Geschichte, bewahrt sie eurem Gemüt, und Traules Herzensgut sei auch
euer Frieden.«
Dreizehntes Kapitel
Der Maikäfer
Der Elf flog auf den grünen Wipfel der Linde, der sich im warmen Wind
des schönen Tages sanft schaukelte, und seine Augen durchschweiften das
weite Land bis an die Hügel hinüber, die den Horizont säumten. Unter ihm
sangen die Vögel, und die Krone der Linde erbrauste von den Völkern der
Bienen, ein erklingender grüner Lebensdom, in warmer Freiheit.
Er schloß seine Augen, von Sommerseligkeit überwunden, und breitete im
Wiegen seine Arme aus, als ließe die schimmernde Welt sich umarmen. »Was
soll ich tun,« flüsterte er, »was soll ich tun? Ach, ich bin sicher des
Glücks nicht wert, das mir geschieht, in meiner Seele ist nicht Raum für
die Fülle der Wohltaten, die mir zufallen.«
Ach, das Lächeln des Elfen möchte ich schildern können! Es war kaum zu
sehen, ihr Lieben, wie sollen die freie Kinderherrlichkeit der Freude
und die heimatlose Wehmut irdischen Geschicks in ein armes Wort gebracht
werden? Wenn man sein helles Angesicht in diesem Leuchten sah, so mußte
man unbedingt glauben, daß Gott es mit seinen Geschöpfen unendlich gut
meint; es ging nicht anders.
Als das himmlische Kind nach einer Weile seine Augen aufs neue
aufschlug, da war ihm, als sei die Erde mit ihren fernen Hügeln in der
Runde ein grüner Kelch und der strahlende Himmel eine große, blaue
Blume. Dieses Bild voll Glanz und Stille verwandelte sein Herz auf
wunderbare Art, und ihm war zumut, als wäre er einst in seiner tiefsten
Jugend so hell gebettet und so wohl geborgen gewesen wie nun. Es ist das
Glück, das Glück, dachte er erzitternd, überall schafft es die Heimat.
Und er erhob seine Stimme, in der strahlenden Erdenblume seines Traums,
wandte sich an die himmlische Sonne und sang:
Schließ mich wieder ein in deine Freude,
deine Anmut, deinen hellen Sinn,
daß ich mich in deinem Glück bescheide
und empfinde, daß ich glücklich bin;
Daß ich selig deine Kräfte schaue
und des Herzens Trauer, wie ein Lied,
deiner Stille, deinem Licht vertraue,
deinen Glanz im fröhlichen Gemüt.
Keine Liebe hat mich überwunden,
so wie deine es am Morgen tut.
Sieh mich offen und zu dir gefunden,
und mach' meine Seele hell und gut.
Kaum war das Lied im grünen Glänzen verklungen, da rief jemand dicht
neben dem Elfen. »Ausgezeichnet, famos! Sie haben eine Stimme, die sich
hören lassen kann, mein Lieber! Sind Sie ein Engel?«
Der Elf mußte lachen, er konnte nicht anders. Dicht neben ihm saß auf
einem Blatt ein Maikäfer und sah ihn mit großen Augen vergnügt an. Aber
als er nun den Elfen lachen hörte, klappte er die Fächer seiner braunen
Fühler zusammen und runzelte die Stirn.
»Warum lachen Sie?« fragte er ernst.
Der Elf grüßte ihn freundlich. »Ich war sehr überrascht,« sagte er,
»deine Frage klang so ganz anders als mein Lied. Entschuldige nur, ich
meinte es nicht böse.«
»Erwarten Sie, daß ich meine Frage singe, statt sie zu sprechen?« fragte
der Käfer. »Aber wahrscheinlich haben Sie gelacht, weil ich immer noch
da bin.«
»Du bist ja eben erst gekommen.«
»Nein, ich meine überhaupt. Blühen nicht schon die Linden? Um diese Zeit
ist ein anständiger Maikäfer längst in der Erde, legt Eier oder ruht
sich aus, je nachdem. Aber ich habe meinen guten Grund, noch zu zögern.
Wollen Sie wissen, warum ich trotz der Hitze noch da bin?«
»O doch,« sagte der Elf, »das ist sicher interessant zu erfahren.«
»Gewiß, also hören Sie: Man hat mir dort unten auf der Waldwiese
gesagt, es hielte sich hier in der Gegend ein Blumenelf auf, und ich
möchte ihn kennenlernen. Erstens kommt unsereins nur alle vier Jahre auf
die Erdoberfläche, und wie lange ein Elf braucht, ehe er wiederkommt,
ist unbekannt. Eine solche Gelegenheit läßt man sich nicht entgehen,
verstehen Sie?«
»Doch, doch«, sagte der Elf und lächelte. »Was versprichst du dir denn
von dieser Bekanntschaft?«
»Das fragt sich noch,« meinte der Maikäfer, »ich muß erst sehen. Von den
Elfen wird so viel erzählt, daß man kaum recht weiß, wo einem der Kopf
steht. Ich bin für gesicherte Anschauungen und möchte Klarheit haben.
Das wunderbarste an diesen Geschöpfen ist, daß sie sich mit aller
Kreatur unterhalten können, mit Blumen, Insekten, vierfüßigen Tieren und
sogar mit dem Menschen. Sie wissen doch, daß wir Maikäfer mit dem
Menschen viel verkehren?«
»Ich kann es mir denken«, meinte der Elf.
»Nun, Sie als Engel müssen es sich ja denken können.«
»Ich bin kein Engel«, sagte der Elf.
»Nun, was sollen Sie denn sonst sein? Ich war übrigens anfangs sehr
erstaunt, als ich Sie sah, und habe mich lange gewundert; Sie sind ja
geradezu lieblich! Aber Sie machen sich keine Vorstellung davon, an was
alles ein Maikäfer sich gewöhnt. Haben Sie eine Ahnung. Man muß den
Menschen kennen, um zu wissen, was möglich ist. Himmel und Wolkenbruch,
unsereins hat unter Umständen etwas auszustehen! Es ist in der
Hauptsache eine Folge unserer Beliebtheit.«
Der Elf mußte wieder lachen. Was gibt es für Gesellen, dachte er, und
sein Herz war froh. Er war freundlich gegen den Käfer und hörte ihn an.
Vielleicht kann ich etwas für ihn tun, dachte er, das wäre mir heute
morgen besonders recht, wo doch alles umher in fröhlicher Fülle steht.
»Ja, der Mensch«, seufzte der Maikäfer, »fängt einen aus der Luft, mit
der Hand, glauben Sie das?«
Der Elf nickte und verbarg sein Lachen.
»Man kann nachher sehen, wie man seine Flügel wieder in Ordnung bekommt,
die vier. Ich habe nämlich vier Flügel, Sie wissen doch, nicht wahr? Sie
haben, scheint mir, nur zwei, dafür sind sie aber weiß. Schöne Flügel
übrigens, und sehr apart im Format. Nun, ich sprach vom Menschen. Er ist
im Grunde gutmütig, ich werde nicht dulden, daß falsche Gerüchte über
ihn verbreitet werden, es fehlt ihm nur an jeglichem Zartgefühl;
merkwürdig ist bei ihm seine Vorliebe für unser Volk. Kommt der Mai, so
verläßt er seine Behausungen, um uns zu finden, er schüttelt die Bäume
und schaut nachher am Boden nach, ob wir heruntergefallen sind. Rührend
ist sein Bemühen, später etwas mit uns anzufangen, es ist ihm aber noch
nie gelungen. Er läßt uns in seiner Behausung fliegen und fängt uns
wieder ein. Wozu wohl, glauben Sie, fängt er uns wieder ein? Bei Gott,
nur um uns wieder auffliegen zu lassen! Er hört zu, wie wir summen,
lacht und fängt uns wieder. Zuweilen läßt er uns auf einen anderen
Menschen los, seltsam. Dieser andere Mensch weiß es nicht, er steht und
spricht arglos von irgendeiner Sache, weiß Gott wovon, die Menschen
haben ja ungemein viele Interessen. Wir laufen an dem Menschen in die
Höhe, was bleibt uns übrig? Es wird Ihnen bekannt sein, daß man von
erhöhten Punkten am besten abfliegen kann, und das will man doch, wozu
sollte man auf einem fremden Menschen sitzenbleiben? Nun kommt eine
Stelle am Menschen, weiß der Kuckuck, was mit dieser Stelle los ist,
aber kaum hat man sie im Klettern berührt, da brüllt der Mensch auch
schon auf und schlägt um sich. Einige springen sogar. Wenn unsereins
diese Stelle wüßte, mein Lieber, er würde sie natürlich vermeiden, aber
woher soll man wissen, wo diese Stelle ist?«