kein gesitteter Frosch frißt einen toten Grashüpfer. Ein Grashüpfer, der
verschlungen werden soll, muß springlebendig sein, munter und jung. Man
muß ihn noch eine ganze Weile im Magen rumoren fühlen, ganz von dem
angenehmen Kribbeln zu schweigen, das er verursacht, wenn er den Hals
hinuntergleitet.
Jen war unbeschreiblich traurig. Was sollte werden? Draußen über dem
Garten ging der Mond auf und schien in den gläsernen Käfig. Der tote
Grashüpfer drehte sich langsam an der Oberfläche des Wassers, und sein
Schatten bewegte sich, schaurig anzusehen, grau und groß auf dem
Fensterbrett, auf dem der Glaskäfig stand. Dort sah Jen auch seinen
eigenen Schatten, rund und plump, wie einen feuchten Fleck zwischen den
silbrigen Streifen vom Wasser, vom Glas und vom Mondlicht. Alles war
fremdartig und unheimlich, und an Schlaf war unter diesen Umständen kaum
zu denken. Einmal kam, gegen Mitternacht, eine Maus auf dem Fensterbrett
daher, sie sah durch das Glas, schien aber niemand zu erkennen und
entfernte sich dann rasch wieder, weil sie unten, in der Dunkelheit,
gerufen wurde.
Kurze Zeit darauf mußte der kleine Jen doch aus Erschöpfung eingenickt
sein und lange geschlafen haben, denn als er erwachte, war es heller
Tag, und draußen funkelte der Sonnenschein im Grünen. Der Knabe, der ihn
gefangen hatte, kam nach einer Weile und schaute neugierig durch das
Glas, wobei er seine Nase so dicht an die Wand des Kerkers drückte, daß
sie an der Spitze glatt und rund wurde. Er öffnete den Deckel und nahm
Jen heraus, legte ihn auf ein weißes Tuch, das er über ihm
zusammenschlug, und dann rieb er ihn von allen Seiten, um ihn
abzutrocknen. Jen ging der Atem aus, er glaubte jeden Augenblick zu
ersticken. Hierauf wurde das Tuch wieder geöffnet, und der Knabe rührte
mit der einen Hand Farbe in einem kleinen Topf an, mit der anderen hielt
er Jen fest und begann dann ihn grün anzustreichen, denn er wollte einen
Laubfrosch aus ihm machen, der das Wetter ansagen sollte.
Jen kamen Tränen in die Augen, es war ihm unbegreiflich, weshalb dies
geschah, und zu seinem Schrecken sah er zuerst seinen schönen hellen
Bauch und dann auch den braunen Rücken und sein Gesicht über und über
grün werden. Man kann sich nichts Peinlicheres denken. Alle Anzeichen,
die Jen gab, um kundzutun, daß er dagegen war, wurden mißverstanden, der
Knabe pinselte eifrig weiter und lachte vor Vergnügen, als Jen bald
darauf als ein grüner Frosch auf dem Tisch umhersprang und überall
Flecken zurückließ, wo er gesessen hatte.
Jen selbst war so verwirrt, daß ihm kein vernünftiger Gedanke mehr kam.
Er wurde wieder in seinen Käfig gesetzt, der nur noch wenig Wasser
enthielt, oben auf die Spitze einer kleinen Holzleiter, dort sollte er
trocknen, auch gehörte es sich sowieso, daß er oben saß, denn das Wetter
war schön, und dann muß ein Laubfrosch oben sitzen und nicht unten im
Wasser. Jen galt nun als Laubfrosch und sollte die Verpflichtung
übernehmen, die man von solchem Tier erwartet.
Trauriger kann das Leben nicht mehr werden, dachte er und wünschte
sich, sterben zu dürfen. In diesem Aufzug konnte er sich ohnehin nicht
mehr bei seinen Verwandten sehen lassen, und was würde Assap sagen?
Als er sich nach einer Weile allein sah, stieg er gedankenvoll und
betrübt die Leiter nieder, um sich im Wasser etwas abzukühlen, denn die
Sonnenstrahlen fielen heiß in seinen Kerker, und die Farbe brannte auf
der Haut. Aber kaum war er untergetaucht, als er gewahr wurde, daß das
Wasser sich langsam grün zu färben begann, während sein Körper wieder
die alten Farben annahm. Jen glaubte, alles umher sei verzaubert, und
von Angst getrieben, kroch er rasch wieder die Leiter empor und sah
erstaunt auf das grüne Wasser nieder. Der alte Burr aus dem heimatlichen
Bach mußte doch im Recht gewesen sein, wenn er früher oft gesagt hatte:
»Hütet euch vor dem Menschen, er ist ein großer Zauberer.«
Das Schicksal des kleinen Jen geht nun unendlich traurig zu Ende, denn
er ist von den Menschen vergessen worden und hat vor Hunger sterben
müssen. Es kam daher, daß der Knabe, der ihn gefangen hatte, mit seinem
Schwesterchen in die Ferien reiste, und da gab es so vielerlei zu sehen
und zu erleben, daß beide nicht mehr an Jen dachten, der in seinem
Glaskäfig auf der Fensterbank der Veranda stand. Sie hatten nicht einmal
gewußt, wie er hieß.
Jen starb, nachdem er drei Tage und drei Nächte vergeblich auf Hilfe
gewartet hatte. Es war eine sehr schwere Zeit für Assaps kleinen Bruder,
und es ist nur gut, daß man im Traulenbach nichts von seinem Geschick
erfahren hat. Nun ist ein Jahr darüber vergangen. In seinen letzten
Lebensstunden mußte Jen oft an das klare Wasser des Bachs seiner Heimat
denken und an die wilden Rosen, die über der Flut hingen. Mit solchen
Gedanken schlief er eines Abends vor Schwäche ein und erwachte nicht
mehr. Es war am vierzehnten August.
Elftes Kapitel
Ukus Nacht mit dem Elfen
In der Nacht, die den letzten Ereignissen auf der Waldwiese folgte, fand
der Blumenelf auf seinem Mooslager keinen Schlaf; er sah hinaus in den
Mondschein, der dicht vor dem Ausgang seiner kleinen Höhle glitzerte,
und ihn verlangte danach, in die Freiheit hinauszukommen und in das Land
zu schauen. So flog er empor bis auf einen Ast der Linde, und sein
Leuchten begleitete ihn.
Die Welt war verklärt vom Licht des Mondes, der voll und rund hoch am
Himmel über dem schlafenden Erdreich stand, inmitten unzähliger Sterne.
Da der dürre Ast des Baumes vorragte, saß der Elf in der kühlen, hellen
Luft zwischen Himmel und Erde, allein, wie er war, unter den vielen
schlafenden Geschöpfen, unter denen er verweilen mußte, bis eine große
Liebe ihn zu seiner himmlischen Freiheit erlöste.
Sein Goldhaar blinkte im Mond, wie einst, als er die Lilie verließ, um
das Glück eines irdischen Wesens zu werden. Er dachte an die kleine
Biene Maja, mit der er zu den Menschen geflogen war, und die nun in
hohem Ansehen bei den Ihren daheim in der Bienenstadt des Schloßparks
weilte. Und die himmlische Ungeduld, der irdische Teil aller Wesen, die
das Gute von ganzem Herzen wollen, strahlte aus seinen Augen in ihrer
Traurigkeit.
Gibt es auf der Erde diese große Liebe, die mich erlösen soll? dachte
er. Ich will nicht in Bangen leben, die Nacht ist wundervoll. Mir wird
geschehen, wie es im ewigen Rat bestimmt ist.
Er erschrak ein wenig, als ihn plötzlich jemand sanft, aber recht
vernehmbar, von der Seite anstieß. Es war Uku, die Nachteule, die groß
und dunkel dicht neben ihm auf dem Lindenast saß und ihn mit ihrem
Flügel angestoßen hatte.
»Gute Mondfahrt«, sagte sie bedächtig, aber herzlich, auf ihre Art, und
der Elf grüßte sie auf seine.
»Du schläfst nicht?« fragte Uku, »dir ist wohl in der Kühle und im
sanften Licht; ist es nicht so? Ich werde die Leute nie recht begreifen
lernen, die das grelle Sonnenlicht diesem milden Himmelssegen
vorziehen.«
»Lebst du hier immer in der Linde?« fragte der Elf, der Uku
wiedererkannte.
Uku nickte. Ihr großes Gesicht mit den schwarzen runden Augen sah
merkwürdig genug aus, der kleine gebogene Schnabel hockte darin wie eine
Nase, und sie hatte eine seltsam melancholische Art, ihre Augenlider
ganz langsam zu öffnen und zu schließen. Man unterschied in ihrem
weichen Gefieder kaum eine Färbung, es schimmerte grau und leblos, wie
die Schatten der Blätter am Stamm. Wäre die vertrauensvolle Art des
Elfen nicht frei von Furcht gewesen, so hätte ihn sicher ein heimliches
Grauen vor seiner lautlosen Nachbarin befallen.
Uku schwieg lange und sah über die Felder auf das beschienene Land. Es
lag ein feiner Nebelschleier über dem Korn, und von weit, weit her hörte
man das Bellen eines Hundes.
»Ein stilles Land«, sagte sie endlich und seufzte aus tiefster Brust
auf.
Der Elf wandte sich ihr zu und sah sie an.
»Quält dich etwas?« fragte er.
»Ich kenne dich schon lange,« entgegnete die Eule, ohne gleich auf seine
Frage zu antworten, »ich habe dich unter Pflanzen und Tieren gesehen,
mit Faltern, Rehen und dem kleinsten Gewürm, und habe mir viele Gedanken
über dich gemacht. Ich bin ein alter Vogel, und du, der so vielerlei
weiß, wirst auch wissen, daß ich es ernst nehme mit meinen Gedanken.
Manche fragen mich um Rat, und ich gelte als weise. Ich kann, was ich
sehe und erfahre, in meine Betrachtung der Welt einreihen, ich verstehe
es auf meine Weise, aber dich verstehe ich nicht. Es ist meine Art
nicht, viel zu sprechen, und auch du sprichst wenig. Dich liebt man,
obgleich du schweigst, und ich schweige, obgleich ich weiß, daß ich
deshalb nicht eben geliebt werde. Wenn ich es recht betrachte, so bin
ich den Tieren des Waldes, den Geschöpfen des Tages verhaßt, du aber
bist geliebt, wohin du kommst, und tust nichts, um es zu erreichen.
Willst du nicht mit mir sprechen? Ich möchte verstehen lernen, was dich
so lieblich macht, du mußt aus einer hellen Welt unvergänglicher Freude
stammen.«
[Illustration]
Uku schwieg und sah nun mit weitgeöffneten Augen in die Weite. Es war
so totenstill im Baum und umher im Umkreis, als seien die Zweige und
Blätter nicht aus zartem, beweglichem Lebensstoff, sondern erstarrt.
Nicht die Spitze eines Blättleins rührte sich. Und über der leblosen
dunklen Welt mit ihren schlafenden Geschöpfen lag das weiße, tote
Himmelslicht und die feuchte Kühle der Sommernacht.
Der Elf hatte den Kopf geneigt. Nun warf er in holder Ruhlosigkeit sein
schimmerndes Haar zurück und sah groß und gerade hinauf in den Mond.
»Uku, wie redest du denn?« sagte er leise. »Wäre ich ein Wesen wie ihr,
so würde ich leiden und mich freuen wie ihr, aber ich bin nur ein
verflogener Elf. Hast du nie von den Elfen gehört, daß du nicht weißt,
woher sie stammen und wohin sie gehen?«
»Du liebst und leidest doch wie wir,« sagte Uku, »wenn du auch sagst,
daß du es nicht tust. Ist nicht schon vieles in deinem Herzen anders
geworden?«
Der Elf sah erstaunt auf, wandte sich der Eule zu, und seine Augen
leuchteten, als habe er ein Wort des Danks auf den Lippen, aber er sagte
es nicht, sondern barg plötzlich sein helles Angesicht in den Händen und
schluchzte.
»Siehst du«, sagte die Eule, aber es klang unbeschreiblich liebevoll.
Sie war in der Tat ein weiser und erfahrener Vogel. Und sie schwieg,
denn sie wußte, daß Schweigen oft mehr Linderung bringt als die besten
Worte.
Nach einer Weile hob der Elf sein Haupt ruhig empor, man sah keine
Spuren von Tränen mehr in seinen Augen, und der Klang seiner feinen
Stimme war so klar, als würde eine hohe Saite mit einem silbernen Hammer
angeschlagen. Doch hatte diese Stimme nichts Fremdes oder Besonderes,
sie war den vertrauten Lauten der Natur verwandt, dem Lied des Windes,
dem Gesang der Vögel oder dem Fall des Wassers. Uku war ganz betört von
dieser Stimme, und ihr schien, als träumte sie, als der Elf sagte:
»Wenn ich eure Freude und euer Leid teilen muß, so liegt es daran, daß
ich mich verflogen habe. Meine Bestimmung war, ein irdisches Wesen zu
seinem höchsten Glück zu führen und in die Helligkeit meiner Heimat
zurückzukehren, nicht aber unter euch zu verweilen. Nun ich aber an die
Erde gebunden bin, verwandelt ihr Wesen das meine langsam. So ist meine
Seele nun geteilt, Uku; sie war berufen, eure Freude und eure Betrübnis
zu verstehen, euer Verlangen und eure Schuld, sowie auch eure Schönheit
und eure Armut. Nur für euch erwachte sie für kurze Zeit. Die Aufgabe
meiner Seele war, alles zum Besten zu kehren, nach ihrer Kraft, und sie
selber bedurfte der Erlösung nicht, denn sie selber war damals noch
nicht an Vergängliches gebunden. So zog ich im silbernen Nachtfrieden
durch das Tal der Welt, selig, da ich beseligen durfte, wunschlos und
unaussprechlich frei. Aber nun ich durch meine Schuld an Vergängliches
gebunden bin, Uku, bedarf auch ich der Erlösung, denn ich habe die
irdische Sonne gesehen in ihrer Herrlichkeit, und wenn ein Elf sie
gesehen hat, so ist er an ihr irdisches Reich gebunden.
Verstehst du nun, warum mein Herz zerteilt sein muß? Bei meinem Wunsch,
nichts zu tun, als andere zu beseligen, empfinde ich nun auch das
Verlangen nach eigener Seligkeit, ich wollte Leiden lindern und sehe
mich nun in eigenes Leid verstrickt, ich wollte durch Freude Erlösung
bringen, und nun harre ich selbst der Erlösung vom irdischen Bann.
Daraus entsteht meine Traurigkeit.«
Uku hatte sich in die Dunkelheit abgewandt und schwieg. Es bewegte ihr
Herz, was der Elf sagte. Nach einer Weile fragte sie:
»So bist du nicht mehr glücklich, Elf?«
»Doch,« antwortete der Elf, »ich bin es.«
»Was macht dich glücklich?«
»Daß ich lieben kann und Hoffnung im Herzen trage. Alles hat sich
verändert, seit ich die irdische Sonne an jenem Morgen gesehen habe.«
»Ja, ja,« meinte Uku, »es ist eine ganz neue Liebe in dir entstanden.«
»Sie kann nicht beginnen oder aufhören«, sagte der Elf zuversichtlich.
»Sie schlief in mir.«
Wieder war es eine Weile still in der feierlichen Nacht zwischen diesen
beiden Geschöpfen, der großen dunklen Eule, die wie eine unförmige Figur
auf dem Ast hockte, und dem Elfen, der licht und zart wie ein kleiner
Engel neben ihr saß.
Bald darauf sagte Uku bedächtig und schloß für einen Augenblick ihre
großen runden Augen, die, gerade wie beim Menschen, beide vorne
nebeneinander unter der Stirn saßen:
»Auf unser Volk ist im Lauf der Jahrhunderte viel Wissen überkommen und
hat sich getreulich vererbt, und so habe ich wohl immer erfahren, Elf,
daß diejenigen Wesen, die Liebe im Herzen tragen, auch am
zuversichtlichsten auf eine Erlösung hoffen, aber glaube es mir, Uku,
der alten Eule: Nur wer wahrhaft weise ist, kann glücklich sein!«
»Nein,« sagte der Elf mit seiner kindlichen Stimme, »es ist umgekehrt,
nur wer wahrhaft glücklich ist, kann weise sein.«
Uku war wirklich außerordentlich erstaunt über diese Antwort des Elfen
und mußte sich sehr lange besinnen, bis sie eine Entgegnung darauf
machen konnte.
»Daran muß ich nun Nacht für Nacht denken,« sagte sie endlich langsam,
»ich bin eine alte Eule geworden und kann meine Ansichten nicht mehr
ändern, aber soviel sehe ich aus allem, was du sagst und tust, du bist
ein himmlisches Kind. Die Frage, die zwischen uns aufgekommen ist, ist
so alt wie die Welt, um sie hat sich viel Streit der Gedanken auf Erden
erhoben, und manche Stirn voll Hoheit und Kraft ist darüber ermüdet in
die Nacht zurückgesunken. Denn die Wunden, welche die Gedanken schlagen,
sind brennender und bitterer als die Verwundungen jedes anderen
irdischen Kampfes. Aber davon sollst du nichts wissen, du Gesegneter in
deiner Einfalt. Was unser letztes Ziel ist, ist dir von Anfang
zugefallen. Dir und deinesgleichen, euch ist von den Heiligen der Welt
das Reich versprochen.«
Der Elf saß ruhig mit gefalteten Händen da und schaute ins Land, er
wehrte der Eule nicht, noch gab er ihr recht, man hätte wirklich nicht
mit Sicherheit sagen können, ob er ihr zugehört hatte. Er erhob
plötzlich seine helle Stimme und sang in die Nacht hinaus:
Meine Heimat ist das Licht,
heller Himmel meine Freude!
Tod und Leben wechseln beide,
aber meine Seele nicht.
Trauer du, mein irdisch Los,
über deinen bittren Gaben
will ich meine Seele groß,
will sie stark und glänzend haben.
Ein Wind erhob sich mit leisem Erbrausen der Blätter und mit feuchter
Wiesenkühle und trug das Lied über das schlafende Land dem Morgen
entgegen. Die Eule aber warf sich plötzlich in ihre weichen, lautlosen
Flügel, totenstill, wie ein Schatten, flog sie davon, über die
Kornfelder, dem sinkenden Mond entgegen, der sich rötlich färbte. Eine
seltsame Traurigkeit begleitete sie und doch zugleich eine tiefe
Beseligung. Sie sah das Land, das sie überflog, die Äcker, die Wälder
und Wiesen mit ihren Weiden und die Häuser der Menschen, die dunkel und
lichtlos zwischen Bäumen lagen, in der verschleierten Ebene. Alles
erschien feierlich und zu Großem bestimmt, wie auch uns Menschen
bisweilen die Dinge erscheinen können, wenn Musik erklingt.
Zwölftes Kapitel
Traule
Ein warmer Frühlingsabend zog über die Waldwiese und ihre Leute, es war
einer von jenen unbeschreiblich klaren Abenden, die die Herzen aller
Wesen in einen Frieden versenken, wie niemand ihn nennen kann. Die Sonne
ging langsam hinter einer schmalen Wolkenbank unter und umzog ihre
Ränder mit einem strahlenden Feuerband, als flösse glühendes Gold in
unversiegbaren Strömen um sie her, und in weiter Ferne funkelte ein
leuchtendes Wolkengebirge, schneeweiß und blutigrot. Es ging eine solche
Klarheit und Ruhe von diesem gewaltigen Bild am Himmel aus, daß niemand
an nahe oder kleine Dinge zu denken vermochte, alle Gedanken wurden weit
emporgehoben in diese Freiheit der Himmelsform, so daß sie über die
ganze Erde Ruhe und Glück verbreitete.
Ein Abglanz dieser Schönheit sank auch bis tief hinab in die
heimlichsten Gründe der Waldwiese, er rieselte durch das Laub der alten
Linde nieder, als würde das Abendgold von ihren höchsten Wipfeln vom
Windhauch niedergeschüttet. Die Blumen konnten nicht schlafen vor Glück,
immer noch kamen Käfer und Schmetterlinge zu ihnen, ruhlos vor
Seligkeit, doch leise und beinahe geheimnisvoll, weil sie nicht stören
wollten in dieser Andacht, in der mit dem kühlen Wind die Träume
herangaukelten, um in die Seelen der lebendigen Wesen einzuziehen.
Da breitete sich ein kaum vernehmbares Rauschen über die Wiese und ihre
Bewohner aus, es kam von der Linde, durch die der Abendwind zog, und nun
wußten alle, daß der alte Baum, noch vor der Ruhe der Nacht, seinen
Schützlingen eine seiner Geschichten von den Menschen erzählen wollte,
und die leise Bewegung aus den Zweigen der Linde teilte sich den Gräsern
und Blumen und allen Tieren mit in einer fröhlichen Erwartung. Was
konnte es Schöneres geben, als am Frühlingsabend seine Augen zu
schließen und einer so liebevollen Stimme zu lauschen, die noch nicht
schlafen wollte und doch die kühle Ruhe der Nacht nicht störte, die
verstand, daß das Glück eines genossenen Tages sowohl den Schlaf
fernhalten kann, wie auch ein großer Schmerz es vermag. Aber beide,
Freude und Schmerz, haben in der Klarheit eines scheidenden Tages ein
milderes Wesen, als ahnten sie, daß, wie nun Licht und Finsternis in der
Natur, so auch Freude und Schmerz in den Herzen der irdischen Geschöpfe
wechseln müssen.
Aber als eben die Linde beginnen wollte, erhob sich im Busch über dem
Bach noch einmal die Stimme des Rotkehlchens. Es erklang im goldenen
Licht ein so lieblicher Jubel, daß man für einen Augenblick seine Augen
schließen mußte, als gelte es, die Lichtquellen zu bewahren, die im
Gemüt bei diesen Tönen aufbrachen. In der Dämmerung, unter den
geschlossenen Lidern, war es, als hätten das Windesrauschen, der Klang
des Bachs und das Lied des Vogels sich zu einer einzigen Harmonie
vereint, die das Glück aller Wesen wie einen frohen Dank dem himmlischen
Vater emportrug.
Als das Rotkehlchen sein Lied beendet hatte, flog es empor in die Krone
der Linde, die es in ihrem goldgrünen Glänzen empfing, und lauschte nun
dem Rauschen des mächtigen Baumes, wie alle anderen Geschöpfe es taten.
Nun werde ich erzählen, was sie vernommen haben.
»Heute sollt ihr erfahren,« begann die Linde ihre Geschichte, »woher der
Traulenbach, an dem wir alle wohnen, seinen Namen erhalten hat. Es sind
nun wohl nach der Zeitrechnung der Menschen etwa dreihundert Jahre her,
da trug sie sich zu. In diesem Zeitraum sind ungezählte Menschen geboren
worden und gestorben, aber wenn sie sich auch oft recht verschiedenartig
gebärdeten, anders sprachen oder dachten und ihre Gewohnheiten änderten,
so sind sie doch immer dieselben geblieben, und dies ist wahr für die
ganze Zeit meines langen Lebens. Im tiefsten Grund bewegen ihr Gemüt
doch nur zwei große Fragen, um sie dreht sich ihr irdisches Geschick,
wie auch das unsere, es sind die Fragen danach, was das Herz froh macht,
oder was es betrübt. Alle anderen Fragen verlieren bald an Wert, alles
andere vergeht rasch auf der Erde.
Und so sind sich durch alle Zeiten auch zwei Dinge an den Menschen
immer gleich geblieben, das sind die Zeichen für die Freude und für den
Schmerz, ihr Lachen und ihr Weinen. Nicht viele von euch sind alt genug
geworden, und längst nicht alle werden alt genug werden, um jemals eines
von den beiden zu erleben, aber glaubt mir, es gibt nichts, was tiefer
erschüttert und inbrünstiger bewegt, als das Lachen oder das Weinen der
Menschen. Beide müssen so unvermittelt aus den Gründen ihres Herzens
brechen, wie das Licht aus den Feuerschlünden der Sonne, oder wie ein
Quell aus den Tiefen eines Felsens. Niemals, solange ich Menschen
gesehen habe, sind ihr Weinen oder ihr Lachen anders geworden, und so
kann auch ihr Herz sich nicht verändert haben. Immer noch bricht es
ihnen aus den Augen, wenn sie Schmerzen erleiden, in den gleichen klaren
Tropfen wie am Anfang, sie sind nicht kleiner und nicht größer geworden,
sie rinnen über ihre Wangen zur Erde nieder, wie helles Blut, eine nach
der andern, unbeschreiblich geheimnisvoll, als ob der Glanz der Augen
und das Licht darin nicht mehr zum Himmel emporstrebten, sondern zur
dunklen geduldigen Erde heimverlangten. Wer einen Menschen weinen sieht,
wird andächtig, alle guten Seiten seines Wesens regen sich und trachten
danach, etwas zu tun, damit die Tränen des anderen aufhören zu rinnen.
Aber glaubt nicht, daß das Lachen der Menschen von geringerer Macht
sei. Ein heiteres Lachen, das aus tiefster Brust emporquillt, ist dem
Sonnenschein über grünendem Land oder einem Springquell zu vergleichen,
der aufleuchtend und wie berauscht von seiner Frische, ins strahlende
Himmelsblau emporbraust, um beseligt von der reinen Höhe, die seine
Kraft erreicht hat, wieder niederzubrechen. Glockenklingen, hell wie ein
Meer von Blüten, und das farbige Blitzen der zerbrechenden
Sonnenstrahlen läuten und funkeln darin, aber zu tiefst im Lachen der
Menschen erschallt es fein und verborgen von einem heimatlichen
Bewußtsein des Glücks, als wären sie in solchen Augenblicken am Herzen
der Erde geborgen.
Sagte ich euch nicht schon, weil beides sich in aller irdischen Zeit
nicht verändert hat, daß auch das menschliche Herz im Grunde keinem
Wandel unterstellt sein kann? So treffen alle wahren Geschichten über
die Schicksale der längst dahingesunkenen Menschen auch auf die heutigen
noch zu und um so eher, je schöner sie sind. Denn alles Schöne ist so
eng mit dem Wahren verbunden, wie das Unwahre mit dem Häßlichen, daran
kann niemand etwas ändern, denn es ist so in Gottes Rat bestimmt.
Traule war die Tochter eines Jägers, der sein Haus nicht weit von
unserer Wiese entfernt stehen hatte, dort wo jetzt das Erlendickicht und
die alten Fichten wachsen. Ihr könnt nicht bis dort hinüberschauen, die
ihr Blumen oder Sträucher seid, aber ihr wißt durch die Bienen und
Schmetterlinge von dem Ort, oder durch die Vögel. Das Haus ist längst
verfallen, und seine Mauerreste sind überwachsen, der Ort ist euch und
euren Völkern zurückgegeben, ich glaube auch nicht, daß es noch Menschen
im Lande gibt, die von dem Hause wissen. Die Tannen hat der Jäger um die
Zeit gepflanzt, in welcher Traule geboren wurde; auch sie kennen die
Geschichte des Mädchens, aber nicht so gut wie ich, denn wenn Traule
besonders froh oder traurig war, kam sie auf einem Waldpfad, den nur sie
kannte, zu mir, um auf dem Moos unter meinen Zweigen am Bach zu weilen.
Wir kannten uns gut und liebten uns sehr. Einmal, in der Zeit, nachdem
ihre Mutter gestorben war, kam sie zu mir, legte ihre Arme um meinen
Stamm und sagte zu mir: 'Bei dir ist mir ums Herz, wie mir bei meiner
Mutter war, du nimmst mich an, wie ich bin, du spendest deine Wohltaten,
ohne nach meinem Wert zu fragen, und die Ruhe, die dein Wesen atmet,
ist, ohne meine Bitte, immer vorhanden.'