ehrliche Leute und haben nicht viel für Fremde übrig, die aufschneiden.
Schauen Sie doch hinauf in den Wipfel unserer Linde, Sie werden sich
rasch davon überzeugt haben, daß die Sonne noch nicht aufgegangen ist.
Schön sind Sie übrigens auch nicht gerade.«
»Nein,« sagte die Lerche, »ich bin nicht schön.«
»Nun, wenigstens darin sind Sie ehrlich, aber das mit der Sonne hat mir
nicht gefallen. Ich habe einmal ein Falkenpaar belauscht, das in der
Linde Rast hielt, und da hörte ich, daß die Falken höher fliegen, als
die Kugel des Jägers reicht, ja, daß sie sich so hoch emporschwingen
können, daß sie, die doch große Vögel sind, wie kleine Punkte am Himmel
erscheinen.«
Die Lerche nickte. »O ja,« sagte sie nachdenklich, »die Falken fliegen
sehr hoch.«
»Ja, nun, und -- --? Wollen Sie etwa sagen, daß Sie höher fliegen können
als die Falken?«
Die Lerche schwieg, aber die Bachstelze gab sich nicht zufrieden, denn
man mußte nach ihrer Meinung sehen, daß man überall Recht behielt, wo es
sich irgend einrichten ließ.
»Wie ist es denn mit dem Singen, meine Gute?« sagte sie, »haben Sie es
jemals zu einer rechten Melodie gebracht?«
Die Lerche schüttelte den Kopf. »Ich muß immer jubeln«, sagte sie.
»Jubeln? Nun ja ... Haben Sie mal unser Rotkehlchen singen hören?«
»Doch,« antwortete die Lerche, »es hat mich sehr glücklich gemacht.«
»Nicht wahr? Sehen Sie, so was finden Sie bei uns auf der Waldwiese. Und
nun wollen Sie sich also hier ansiedeln?«
»Nein, ich fliege in die Saat zurück, aber vielleicht erlauben Sie, daß
ich etwas Tau nehme?«
»Gut,« sagte Onna, »nehmen Sie also.« Und sie schaute zu, wie die Lerche
trank, und es bereitete ihr Freude, sich so gut und gastfreundlich gegen
einen fremden Vogel zu benehmen, der weder ehrlich zu sein schien, noch
schön war, noch etwas Rechtes im Singen zuwege brachte.
Als die Lerche sich anschickte, davonzufliegen, kam durch die Blumen der
Elf. Sein lichter Schein begleitete ihn; wo er dahinschritt, blinkte der
Tau der Gräser in der Morgenkühle auf, und die erwachenden Blumen
grüßten ihn mit feinem Läuten und frischem Duft.
»Ach,« rief die Lerche entzückt und voll höchsten Erstaunens, »haben
Sie hier einen Blumenelfen?«
»Das will ich meinen«, sagte die Bachstelze und trat etwas zurück, damit
die Fremde den Elfen besser sehen konnte.
Aber da gewahrte auch der Elf die Lerche im Gras, und plötzlich breitete
er seine Arme aus, und mit erhobenen Flügeln eilte er auf sie zu:
»O du! o du!« rief er, und sein Gesicht leuchtete vor Glück. »Ist es
denn wahr, eine Lerche ist zu uns gekommen? O sei gesegnet, du
Himmlische im Blauen, du liebliche Verkünderin der Morgenfreude, o du,
die Sorgen und alle Traurigkeit der Nacht aus der strahlenden Höhe her
verscheucht, wie glücklich bin ich, daß ich dich sehe.«
Und er legte seine schimmernden Arme um den Hals des Vogels und barg
sein goldhaariges Haupt an der Brust der Lerche. Dabei brach er in ein
so leidenschaftliches Schluchzen der Freude aus, als sei ihm das größte
Glück widerfahren, das nur immer einem Elfen auf der Erde begegnen kann.
»Ja, Herrgott,« sagte die Bachstelze leise und kraute sich betroffen im
Nacken, »das muß mir passieren, also gerade mir ...« Aber sie sollte
noch ganz andere Dinge erfahren.
»Ich liebe dich, du schöner Vogel«, sagte der Elf zur Lerche, und sein
Lächeln, das durch die Tränen brach, war voll heißen Danks. »Du bist es
gewesen, die mich getröstet hat, als ich im Morgenrot den Weg in meine
Heimat nicht fand, durch dein Lied ist der Glaube in mein Herz
zurückgekehrt, daß ich ihn einst wiederfinden würde. Ich sah den
Menschen, der sein Tagewerk auf dem Acker begann, wie er seine Augen
gläubig zu dir emporhob, dein Jubel segnete seine Arbeit und begleitete
sein Gebet in die Regionen der Herrlichkeit Gottes empor. So fällt dein
Gesang mit dem Tau durch die Frische zu uns Irdischen nieder, von deiner
Freude klingt die Morgenluft, die das Gemüt von den Schatten der Nacht
erlöst. Ich segne dich, du Verkündigerin des Lichts, ich danke dir aus
Herzensgrund.«
»Aber bitte,« sagte die Lerche, beschämt vom Glück des Elfen, »Sie sind
wirklich sehr freundlich zu mir. Ich tue ja nur, was ich muß, ich kann
nicht anders.«
»Ich weiß es,« antwortete der Elf, »aber mein Herz muß lieben, alles was
berufen ist, die Schönheit der Welt in ihrem Sinn zu offenbaren, ich
lobe den Schöpfer, wenn ich dich lobe, du kleiner Vogel.«
Jetzt war Onna, die Bachstelze, doch gerührt; sie trat ein wenig vor und
meinte:
»Man hätte das gar nicht gedacht, daß die Lerche so viel bedeutet,
wenigstens ich nicht. Wie sie da so saß, im Gras ... unerfahrene Leute
hätten sie für einen Spatzen gehalten. Aber, es ist ja wahr, sie jubelt
morgens.«
Der Elf lächelte auf so holdselige Art, wie nur er lächeln konnte, und
Onna sagte sich darauf innerlich: Mein Irrtum kann so schlimm nicht
gewesen sein, sonst würde der Elf nicht lächeln. Da sagte er zu ihr:
»Eine Lerche kann sich im Gras nicht bewähren, so wenig wie ein Falke im
Käfig, oder wie eine Blume im Schatten. Wenn du die Wesen der Schöpfung,
wie auch den Menschen, erkennen willst, so mußt du sie in ihrer Freiheit
aufsuchen. Die Lerche fliegt höher als alle anderen Vögel, nur die Adler
schwingen sich soweit empor wie sie, und nur im Fliegen vermag sie zu
singen. So ist sie uns von Gott zur frohen Botschaft der Hoffnung
gesetzt, die, früher als die Sonne, die Seligkeit am neuen Tag
verkündet.«
»Alle Achtung,« meinte Onna, »ich brächte das nicht fertig, aber ich
habe es nicht schlimm gemeint vorhin. Wer glaubt aber auch ohne
weiteres, daß ein so kleiner Vogel höher fliegen kann als die Falken?
Sie soll sich denn also ruhig hier ansiedeln, die Lerche.«
»Das tut sie nicht, sie wohnt im Korn«, meinte der Elf, und die Lerche
nickte und breitete ihre Flügel aus. Aber sie konnte sich noch nicht vom
Elfen trennen, immer mußte sie ihn ansehen, als würde alles in der Welt
reich und gut durch seine Nähe.
»Wenn du einst heimfliegst, will ich singen«, sagte sie endlich, und sie
nahmen voneinander Abschied; auch Onna wippte höflich und winkte der
Lerche nach, die mit einem hellen Triller der aufgegangenen Sonne
entgegenflog.
Da der Elf den Bach hinaufschritt, um Assap, den Frosch zu besuchen, der
schwer mit dem Leben zu kämpfen hatte, blieb Onna zurück, um
nachzudenken. So rasch wird man innerlich nicht mit einem Ereignis
fertig, das das Herz bewegt hat, man beschäftigt sich am besten noch
eine Weile damit, dann wird das Gemüt ruhiger.
Aber als die Bachstelze gefrühstückt und ihr Bad im Bach genommen hatte,
vergaß sie darüber nachzudenken, auch trug sie kein Verlangen mehr nach
anderen Dingen, als im Glanz der warmen Sonne am Wasser zu sitzen und
überall umher zuzuschauen, wie schön das Leben war.
Zehntes Kapitel
Assap und Jen
Da nun von Assap, dem Frosch, die Rede gewesen ist, den der Elf
besuchte, will ich seine und die Geschichte seines Bruders erzählen, es
ist immer gut, man weiß etwas Näheres über die Leute, mit denen man in
Berührung kommt.
Assap war durchaus nicht etwa auf der Waldwiese geboren, sondern viel
weiter abwärts im Bach, dicht vor seiner Einmündung in den Eulensee, der
ganz zwischen uralten Weiden lag und seinen Namen von den Eulen bekommen
hatte, die ringsumher in den hohlen Weidenstämmen hausten. So hatte er
und sein Bruder Jen schon in frühesten Tagen zur Nacht den Eulenruf
gehört, und da sich nach Meinung der Frösche nun einmal Unheil damit
verbindet, so hatte er nie so recht an eine aussichtsreiche Zukunft
geglaubt. Sie waren damals noch sehr jung, hatten gerade ihre Beinchen
bekommen, besaßen aber noch ihre Schwimmschwänze, mit denen die jungen
Frösche sich anfänglich im Wasser fortbewegen. Das war ein Zustand, der
ihnen nicht besonders behagte, sie wußten nicht recht, ob sie sich noch
zu den Kaulquappen rechnen mußten, oder ob sie schon zu den Fröschen
gehörten. Immerhin, der Morgen war strahlend schön, und sie hockten
vergnügt am Rand eines Huflattichblatts im sanft fließenden Wasser und
betrachteten den Morgenhimmel, der langsam blau wurde. Jen summte leise
seinen Frühgesang vor sich hin, leider dachte er sich nicht viel dabei,
was er eigentlich hätte tun müssen.
Gott, der du im Himmel bist,
über allem Leben,
sorge, daß hier Wasser ist
und auch Land daneben.
Segne unsrer Schenkel Schwung,
sende große Fliegen,
nämlich ohne einen Sprung
kann man sie nicht kriegen.
Assap nickte behaglich vor sich hin und dachte an die Zeit, in der der
Fliegenfang für sie beginnen sollte. O, es mußte eine große Zeit sein!
Da schrie plötzlich sein Bruder Jen entsetzt auf und starrte, halb
umgewandt, mit einem Ausdruck von großer Bestürzung ins Wasser.
»Mein Schwanz!« rief er, »er ist ab und schwimmt fort!«
Assap sah ins Wasser. In der Tat, es ließ sich nicht in Abrede stellen,
dort trieb der Schwanz seines Bruders in den Strudeln, drehte sich um
sich selbst und entfernte sich langsam immer weiter.
»Das geht auf keinen Fall«, rief Jen außer sich. »Ich muß ihn
wiederhaben, er gehört mir!« Und er machte Miene, sich ins Wasser zu
stürzen, um seinem Besitztum nachzuschwimmen; aber Assap, der überhaupt
der Besonnenere von den beiden war, hielt ihn zurück und sagte rasch:
»Denk an die Hechte im Eulensee! Wenn der Bach dich in den See treibt,
kannst du sehen, wie du das Ufer ungefressen wieder erreichst. Was
willst du denn mit deinem Schwanz tun, wenn du ihn zurückhast?«
Dem kleinen Jen kamen Tränen in die Augen, es war, als würde er sich
dessen für einen Augenblick bewußt, daß dort draußen im Bach seine
Kindheit schwamm, die nie mehr zurückkehren sollte. Aber er fühlte sich
doch recht getröstet, als sein Bruder mit einem bewundernden Blick
sagte:
»Du siehst aus wie ein richtiger Frosch.«
Der kleine Jen sah durch seine Tränen in die Flut nieder und versuchte
sich im Wasserspiegel an der Stelle zu erkennen, wo sein Schwanz nicht
mehr war. In der Tat, er sah ungemein erwachsen aus, abgerundet und
fertig.
»Herrlich«, sagte er, ganz still vor Entzücken. »Hättest du das
geglaubt, Assap?«
»Nun ja,« meinte der Bruder, deutlich ein wenig von Neid geplagt, »etwas
Ähnliches mußte wohl eines Tages geschehen, der alte Burr sagte etwas
derart, als er einmal von den Mondkonzerten zurückkam. Alle Kaulquappen
verlieren ihren Schwanz eines Tages, um Frösche zu werden.« Er sah vor
sich nieder und dachte nach.
Ach, es ist schade, daß ich hier nicht vom alten Burr erzählen kann, es
würde zu weit führen, aber er ist einer der erfahrensten Frösche des
ganzen Bachs, ja man kann sogar ruhig auch des Sees sagen; leider ist er
in seinen Gewohnheiten etwas heruntergekommen, aber ungemein witzig und
gescheit. Vielleicht, daß ich in einem anderen Buch sein Leben erzählen
kann, es ist außerordentlich abwechslungsreich, und er gehört zu den
ganz seltenen Fröschen, die einmal in der Gewalt des Storches gewesen
und wieder entronnen sind. Es kam, weil der Storch lachen mußte, man
weiß nicht worüber -- jedenfalls glaubt Burr noch heute, daß jener es
nicht gewagt hätte, einen Mann von seiner Erfahrung als Nahrungsmittel
zu verwenden. Von ihm stammt auch das Volkslied, das noch viel im
Traulenbach und im Eulenteich von den Fröschen gesungen wird:
Ach, wie mir das Herz zergeht
unter großem Weh,
wenn der Mond am Himmel steht
und zugleich im See.
Meine Seele ahnt es dann,
tiefbewegt und still,
daß der Frosch nicht fliegen kann,
auch nicht, wenn er will.
Auch Assap und Jen kannten dieses Lied bereits, wenn sie auch bisher
noch keine Erlaubnis gehabt hatten, es öffentlich mitsingen zu dürfen.
Aber in diesem Augenblick dachten sie an alles andere eher, besonders
Assap wurde immer nachdenklicher, je mehr er sich mit seinem Bruder
verglich, der nun ein fertiger Frosch geworden war. Und so plötzlich!
Niemand hatte vorher irgend etwas Bestimmtes vermutet.
»Faß an, Jen, Bruder!« rief er plötzlich, »wir reißen ihn aus!«
»Wen denn?« fragte Jen etwas erschrocken.
»Meinen Schwanz, Bruder. Es ist unmöglich, daß er noch besonders fest
sitzt, wenn der deine sich ohne besondere Mühe, ja geradezu von selbst
entfernt hat, bedenke, wir sind am selben Tag geboren!«
Jen sah es ein. »Wir wollen es versuchen«, sagte er etwas unsicher.
Eigentlich wünschte er sich heimlich, es möchte nicht gelingen, denn er
wäre gar zu gern eine Weile allein schon ein fertiger Frosch gewesen und
hätte seinem Bruder davon erzählt, wie es ist, schon erwachsen zu sein.
Sie mußten einen Augenblick warten, denn es kam eine große Latte den
Bach heruntergeschwommen, auf der zwei kleine Waldschnecken saßen, grau
und klebrig, wie solche Tiere von Haus aus nun einmal sind, eine blaue
Fliege und ein Ohrwurm. Der Ohrwurm war sehr aufgeregt, er lief hin und
her und rief irgend etwas, indem er den Arm schwenkte. Die Frösche
verstanden nicht alles, es scholl etwa herüber zu ihnen von »verlassener
Heimat«, »Wanderfahrt« und »großem Strom«. Endlich hörten sie noch:
»Mein selbstgewolltes Erdenschicksal!«
So fuhr er auf dem großen Holzfloß dahin in der Sonne, und das
Uferschilf warf rasche Schatten, als ob man an einem Gitter
vorüberführe.
Assap schüttelte den Kopf und sah dem Fremden nach:
»Was will er denn?« meinte er, »er scheint ganz von Gott verlassen.«
»Vielleicht treibt das Holz eines Tages ans Ufer, er steigt aus und
gründet eine neue Heimat«, meinte Jen nachdenklich; »so was soll
vorkommen.«
Assap nickte. »Jetzt zieh, was du kannst«, sagte er gefaßt, und Jen tat
es mit brüderlicher Hingabe, bis der Schwanz glücklich riß und jeder von
ihnen nach einer anderen Seite ins Wasser stürzte. Assap tauchte als
erster und nun auch als fertiger Frosch aus den Fluten empor, und die
Brüder umarmten einander und beschlossen, ihr Leben lang in Treue
zusammenzuhalten. Es ist gewöhnlich so, daß man in einer glücklichen
Stunde des Erfolgs gern gute Vorsätze für die Zukunft faßt, und das ist
auch durchaus so am Platz.
Leider wurde den beiden jungen Fröschen keine Gelegenheit zur Ausführung
ihrer gemeinsamen Lebensfahrt gegeben, denn der kleine Jen geriet
unvermutet in die Gefangenschaft eines Knaben. Er tat alles, was ein
vernünftiger Frosch zu tun pflegt, wenn sich ein Storch, ein Mensch oder
sonst ein gefährliches Wesen dem Bach nähert: er sprang ins Wasser,
tauchte unter und wühlte nach Möglichkeit den Boden des Bachs auf, damit
er in der getrübten Flut nicht mehr gefunden werden konnte. Aber diesmal
nützte es ihm nichts, denn der Knabe hatte ein Netz bei sich, das an
einer Stange befestigt war und vermutlich in der Regel dem Fang von
Schmetterlingen diente. Jen wurde emporgezogen, und als das Wasser im
Netz sich verlaufen hatte, zappelte er zwischen einigen Schilfhalmen auf
dem Grund und war fassungslos, weil er in keiner Weise an die
Möglichkeit einer solchen Einrichtung gedacht hatte.
Der Knabe sah erwartungsvoll in das Netz, und Jen entsetzte sich über
die Maßen über die großen blauen Augen des Menschen, die unter gelben
Haaren, die im Sonnenschein funkelten, auf ihn niedersahen. Er hörte
eine fürchterlich laute Stimme dicht über sich und sah durch die Maschen
des Netzes einen zweiten Menschen über die Wiese kommen, der sich nun
auch über das Netz beugte, ebensolche Augen hatte, aber bei weitem
längeres Haar und eine feinere Stimme.
[Illustration]
Es wurde mancherlei über ihn gesprochen, die Laute kamen aus den roten
Mündern hervor, und man sah weiße Zähne dahinter blitzen. Jen dachte,
während er verzweifelt an der Wand des Netzes emporzukommen suchte, es
müßte doch hundertmal besser sein, in die Gewalt des Storches zu
geraten, als dem Menschen in die Hände zu fallen. Was er rief und bat,
wurde nicht verstanden, soviel ließ sich bald erkennen. Auch er verstand
die Laute nicht, in denen die beiden Menschen sich unterhielten.
»Ach Gott,« sagte der Knabe zu dem kleinen Mädchen, das mit ihm auf die
Sommerwiesen gelaufen war, »es ist wieder nur ein ganz gewöhnlicher
brauner, ich hätte so gern einmal einen echten grünen Laubfrosch
gefangen.«
»Ja,« antwortete das kleine, blonde Mädchen, »es ist nur ein brauner,
aber er ist hübsch klein und nicht so garstig wie die großen.«
Der Knabe schien zu überlegen. »Ich will ihn jedenfalls mitnehmen,«
entschloß er sich, fuhr mit der Hand in das Netz und ergriff Jen,
»vielleicht versteht er doch etwas vom Wetter, oder ich kann es ihm
beibringen.«
Er hatte Jens Bein erwischt, zog ihn daran empor und hielt ihn gegen den
Himmel. Das Mädchen öffnete eine ovale, grüne Büchse, die ihr Bruder,
über die Schulter gehängt, bei sich trug. Jen verschwand in der Öffnung
wie im Rachen eines grünen Ungeheuers und hörte noch einen
ohrenbetäubenden Knall, der wie ein Donnerschlag dröhnte, denn die
Büchse mußte rasch wieder zugeschlagen werden, weil noch eine ganze
Reihe andere Gefangene darin untergebracht worden war. Dann wurde es
dunkel.
Bald merkte er, daß er sich in einem Gefängnis befand, aber zu seinem
Entsetzen wurde er gleich darauf gewahr, daß er nicht allein war. Es
brummte, surrte und krabbelte rings um ihn her, in einem ganz
unbeschreiblichen Durcheinander von Beinen, Flügeln und feuchten und
trockenen Leibern. Dabei herrschte ein unerträglich scharfer Geruch von
allerhand Kräutern und Blumen, mit denen die Büchse fast bis an den Rand
gefüllt war. Das Entsetzen des kleinen Jen war um so nachhaltiger, als
beim besten Willen nicht das geringste deutlich zu erkennen war, und
wenn man schon einmal von Angst gequält wird, so wird sie durch die
Ungewißheit, die die Dunkelheit herbeiführt, meist noch um vieles
größer.
Er hörte Klagerufe und tiefes Seufzen und so inniges Bitten um
Befreiung, oder wenigstens um etwas Licht, daß ihm Tränen in die Augen
kamen, und er empfand, daß um ihn her ein großes Sterben war, wie auf
einem Schlachtfeld. Er kannte die Stimmen der Blumen und Pflanzen nicht,
aber so viel ließ sich ihrem Seufzen leicht entnehmen, daß sie in großem
Elend waren. Dabei stieß und schaukelte die Büchse erbarmungslos, und
man war beim besten Willen nicht in der Lage, eine bestimmte Stellung
einzunehmen, immer wieder befand man sich plötzlich anderswo.
Einmal kam Jen neben eine Blindschleiche zu liegen in der äußersten Ecke
des Gefängnisses. Der Knabe hatte die Büchse abgehängt und ins Gras
gelegt, so daß es einen Augenblick still geworden war.
»Mein Gott,« sagte die Schlange zu Jen, »ist Ihnen so etwas schon einmal
passiert?«
»Wie kommen Sie darauf?« fragte Jen, »dies ist ja einfach unfaßlich. Wo
sind wir denn, und was soll das alles?«
»Der liebe Himmel weiß es«, seufzte die Schlange und wickelte sich auf.
»Aber ich werde schon sehen, daß ich entwische. Über eine solche
Behandlung läßt sich überhaupt nicht reden. Wenn man noch giftig wäre,
aber so ...«
Über ihnen flüsterte es aus den Blättern hervor.
»Ach, es war hell über den gelben Blumen.«
Es war ein Schmetterling, der mit gebrochenen Flügeln in die
Pflanzenstiele eingeklemmt war. Er lag im Sterben und sagte deshalb von
nun ab nichts mehr. Eine große Weinbergschnecke, der sehr übel geworden
war, weil sie das Schaukeln der Büchse nicht vertragen konnte, sagte
schluchzend: »Wenn ich nur mein Haus nicht bei mir hätte, ich würde
eine Geschwindigkeit an den Tag legen, die man so leicht nicht wieder
bei einem Tier fände.«
Nach einer Weile begann das unangenehme Rütteln von neuem, diesmal in
gleichmäßigen, derben Stößen, denn der Knabe hatte sich verspätet und
mußte nun laufen, um womöglich noch rechtzeitig zu Hause anzukommen.
Dort flog endlich das Gefängnis mit einem donnerartigen Krachen auf den
Tisch, und dann wurde es für lange still und blieb unheimlich dunkel,
und jedes der gefangenen Tiere versuchte sich darüber klar zu werden,
wieviel von seinem Leben noch übrig war.
Jen machte noch eine Reihe angenehmer Bekanntschaften, aber es hatte
viel gegen sich, einander im Finstern vorgestellt zu werden, es kamen
die peinlichsten Verwechslungen vor, und die Stimmung war allgemein
gedrückt. Der einzige, der die Laune nicht verlor, war ein Grashüpfer,
immer wieder glaubte er, sich durch einen Sprung aus seiner
Gefangenschaft retten zu können, aber jedesmal stieß er aufs neue an und
fiel zurück, und man hörte ununterbrochen in kleinen Abständen das
Ticken, das entstand, wenn er mit dem Kopf an die Wand stieß. Als er
einmal auf eine Eidechse fiel, erregte er Ärgernis bei diesem gutmütigen
Tier:
»Geben Sie endlich Ruhe«, sagte sie mürrisch.
»Ich kenne Sie überhaupt nicht«, sagte der Grashüpfer, »reden Sie nicht
mit mir, wenn Sie nicht vorgestellt sind.«
»Dann springen Sie mir auch nicht auf dem Rücken herum, ohne
vorgestellt zu sein«, gab die Eidechse ärgerlich zurück.
»Wenn Sie mich Ihren Buckel herunterrutschen lassen«, rief der
Grashüpfer, »so deuten Sie doch damit bereits an, daß Ihnen nichts an
meiner Bekanntschaft liegt. Übrigens, wenn Sie springen könnten, täten
Sie es auch. Jeder springt, wenn er kann.«
Die Eidechse seufzte. Es war besser, nicht auch noch Streit anzufangen,
sie meinte deshalb nachsichtig:
»Sie sollten sich die unglückliche Lage, in der wir uns alle befinden,
so weit zu Herzen nehmen, daß Sie wenigstens nur bescheidene Äußerungen
tun.«
»Was nützt mir Bescheidenheit, meine Liebe!« rief der Grashüpfer, »ich
verlasse mich lieber auf meine Beine, mit ihnen komme ich weiter. Passen
Sie auf, sobald die Büchse geöffnet wird, werden Sie sehen, wozu Beine
gut sind, wie ich sie habe.«
Jen hörte aufmerksam zu. »Wie interessant,« dachte er, »einmal vom
Charakter der Leute etwas zu erfahren, die man bisher nur gefressen hat.
Übrigens werde ich mir die Pläne des Grashüpfers zunutze machen und
springen, sobald das Gefängnis geöffnet wird.«
Dies geschah kurz darauf. Der Knabe hatte die ganze Familie um den Tisch
versammelt, auf den er seine Botanisiertrommel gelegt hatte, und war
willens, alle seine Lieben an der Freude teilnehmen zu lassen, die seine
Beute ihm bereitete.
Jen war durch den grellen Lichtschein geblendet, der plötzlich in die
Nacht des Kerkers drang, er sah anfänglich so gut wie nichts, nur einige
Menschenköpfe glaubte er zu unterscheiden, die dicht über den Ausgang
gebeugt waren. Er dachte an die Pläne des Grashüpfers und sprang
blindlings drauflos, so hoch und weit er konnte. Er landete auf einer
harten blanken Platte, und in seiner Verwirrung achtete er nicht darauf,
daß sich plötzlich die Hand des Knaben über ihn legte und ihn fest
umschloß.
Die Hand war warm, bebte ein wenig und drückte heftig, aber gleich
darauf öffnete sie sich wieder, und Jen fiel zu seiner unaussprechlichen
Freude in klares Wasser, auf dessen Grund es von allerlei Pflanzen grün
schimmerte. So rasch er konnte, tauchte er unter und verkroch sich, so
gut es ging, unter Schilfblättern, etwas erstaunt darüber, daß sich der
Boden nicht aufwirbeln und das Wasser nicht trüben ließ.
Er ahnte nicht, wo er sich befand, noch wußte er, daß er ohne seinen
Willen durch seinen voreiligen Sprung zum Erretter eines großen Teils
seiner Leidensgefährten geworden war, denn sowohl der Grashüpfer wie ein
Teil der übrigen Tiere hatten die allgemeine Aufregung benutzt, um sich
davonzumachen. Dies gelang ihnen in der Hauptsache deshalb, weil sich
die Erschließung ihres Kerkers gottlob auf der Hausveranda zugetragen
hatte, die unmittelbar in den Garten führte.
Die Zeit verging langsam, und es wurde dämmerig, der Abend sank nieder.
Der kleine Jen hatte bald herausgebracht, daß er sich nicht in der
Freiheit, sondern in einem engen, runden Käfig befand, dessen Wände
durchsichtig wie Wasser waren, aber so hart wie Stein. Er hatte seine
Bemühungen aufgegeben, dieser Gefangenschaft zu entrinnen, saß still und
traurig an der glatten Wand und sah in die Abenddämmerung, in den Garten
hinaus. Einmal war der Deckel seines Käfigs geöffnet worden, und jemand
hatte einen Grashüpfer zu ihm ins Wasser geworfen, der nun ruhig, alle
Beine weit vom Körper abgespreizt, auf der Oberfläche schwamm. Er war
tot. Jen glaubte in ihm seinen Gefährten aus dem ersten Gefängnis
wiederzuerkennen, aber er war dessen nicht sicher.