»Aber ich muß doch bitten,« sagte Hassan gekränkt, »ich bin weder das

eine noch das andere. Was das erste ist, weiß ich überhaupt nicht, aber

ein Stachelschwein bin ich erst recht nicht. Ich bin Hassan, der Igel.«

»Das ist mir vollkommen gleichgültig«, lautete die ärgerliche Antwort.

Sonst war das Eichhörnchen in der Regel viel höflicher, aber es hatte

sich in der Tat auf das heftigste erschrocken, und dadurch verliert man

leicht den Sinn für liebenswürdiges Entgegenkommen.

[Illustration]

Hassan entschuldigte sich; aber nun meinte das Eichhorn erst recht, ihm

sei Unrecht geschehen.

Es saß da, im Gras, daß es ein Entzücken war, Hassan fühlte sich

wirklich neben diesem zierlichen Tier wie ein schwerfälliger

Eindringling, er hätte es am liebsten in die Arme geschlossen, so

lieblich war der Anblick, das feine Köpfchen mit den spitzen Ohren, die

dunklen klugen Augen und der breite buschige Schwanz, der den eleganten

Körper in einem Bogen überragte und von einer leuchtenden rotbraunen

Farbe war, wie das Buchenlaub im Herbst.

»Nehmen Sie es nicht übel,« sagte er noch einmal, »ich habe Sie nicht

erschrecken wollen -- aber wie Sie meinen.«

Das Eichhorn merkte, daß es dem Igel gefiel, und wurde deshalb etwas

freundlicher. Nun darf man aber nach diesem Vorfall nicht etwa annehmen,

daß ein Igel ein dummes oder ungeschicktes Tier sei. Ganz im Gegenteil

ist er ein ungewöhnlich kluges Tier und in keiner Weise so tölpelhaft,

wie er auf den ersten Blick erscheinen kann. Natürlich, wenn man ein

Eichhörnchen ist, versteht man unter Geschicklichkeit etwas ganz anderes

als ein Igel.

»Ich habe mich heute morgen ohnehin verschlafen«, sagte das Eichhorn und

musterte den Fremden. »Was wollen Sie denn hier?«

»Ich möchte fragen, ob man gut tut, sich hier anzusiedeln.«

Das Eichhorn schaute interessiert auf. »So, darauf will man hinaus! Nun,

ich heiße Li und habe darüber zu entscheiden.«

Hassan schaute aus seinen Stacheln hervor und dachte nach. Er sagte sich

plötzlich, daß er eigentlich niemand zu fragen brauchte, wenn er bleiben

wollte, denn wenn Li das mächtigste Tier der Wiese war, so gab es

niemand, der ihn wegschaffen konnte, wenn er nicht geneigt war. Er

blinzelte listig und lachte vor sich hin.

»Nun, ich denke, Sie erlauben es«, meinte er, rollte sich plötzlich

zusammen, so daß er wie eine große dunkelbraune Kugel aussah, und seine

Stacheln sträubten sich und klirrten leise.

»O, pfui Teufel«, rief das Eichhorn und machte einen kleinen Satz. »Nun

sieh einer dies Stachelschwein!«

Hassan schielte nur über die Spitze seiner schwarzen Nase aus seinem

gewölbten Stachelberg hervor, es sah ungemein originell aus, weil

niemand, der noch keinen Igel erblickt hatte, dort unten eine Nase

vermutet hätte. Aber so war ihm nicht beizukommen. Li ärgerte sich.

»Können Sie etwa senkrecht an einem Baumstamm in die Höhe laufen?«

fragte es.

»Nein«, sagte Hassan betroffen und wurde wieder etwas länglicher.

Li lachte. »Das hab' ich mir gleich gedacht, Sie ...«

»Dann versuchen Sie gefälligst einmal jemanden zu stechen, der Ihnen mit

der Hand über den Rücken fährt«, gab Hassan verdrießlich zurück, denn er

merkte nun, daß das Eichhorn ihn verspotten wollte.

»Warum denn,« fragte Li, »weshalb soll ich denn jemanden ohne allen

Grund stechen? Wer tut denn das? Stachelschweine tun das!«

»Ich bitte mir jetzt endlich Respekt aus!« rief Hassan.

»Was sollte mich denn dazu veranlassen, Sie zu respektieren? Sie können

nicht klettern, stechen jeden, der Sie anfaßt und haben nicht einmal

einen Schwanz. Sehen Sie den meinen an!«

Li drehte sich ein wenig im Gras und sah sich nach Hassan um, der nicht

ohne Erstaunen und Neid auf den prächtigen buschigen Schwanz des

Eichhörnchens schaute. Es war in der Tat eine Pracht.

»Jeder hat eben etwas anderes«, sagte er verstimmt.

»Ganz recht, mein Lieber, und ich habe etwas Besseres.«

Mit diesem Tier war nicht auszukommen, Hassan sah es ein. Wenn das die

Folge seiner Ansiedlung sein sollte, daß er sich täglich über dies

eingebildete Geschöpf zu ärgern hätte, so stand für ihn fest, daß er

nicht blieb. Es fiel ihm auch gar nichts mehr ein, was er zu seinem

Vorteil hätte sagen können. Als er nachdachte, erklang hinter ihm ein

kaum hörbares Rascheln und gleich darauf ein scharfes Zischen. Das

Eichhorn flog herum, als ob es sich zu einem wilden Tanz anschickte,

versuchte einen Satz zu machen, um davonzukommen, blieb aber zitternd

und völlig willenlos an seinem Platz hocken, und ein schmerzliches und

unbeschreiblich angstvolles Wimmern brach aus seinem Mund.

»Ala, die Kreuzotter«, stammelte das arme Tier. Seine Augen verdrehten

sich, es begann einen sonderbaren schaukelnden Verzweiflungstanz mit

dem Oberkörper, kam aber nicht vom Fleck, und jedes Tröpfchen Blut war

aus seinem frechen Gesichtchen gewichen.

Es war in der Tat Ala, die Kreuzotter, die sich im Gras aufrichtete. Sie

hatte sich etwa um die Hälfte ihrer Länge emporgehoben, ihre hellen

Augen funkelten wie zwei Diamanten, und ihre langsamen, beinahe trägen

Bewegungen in der Sonne hatten etwas ungemein Grauenerregendes. Das

Furchtbarste aber war dies scharfe, eindringliche Zischen, das über die

gespaltene feine Zunge her aus dem bösen Rachen des platten Köpfchens

kam, und das das Blut aller Geschöpfe erstarren machte, wie die Stimme

des Todes. Wer weiß auch nicht, daß Alas Biß tötet, noch ehe ein

Hilfsmittel beschafft werden kann, ja, ehe man recht darüber zur

Besinnung kommt, was geschehen ist.

Li, das Eichhorn, war in der Tat zu bedauern. Es war herzzerreißend

anzuschauen, wie es versuchte, davonzukommen, wie aber die Bewegungen

der Giftschlange und ihr Zischen es am Platz bannten und ihm alle

Vernunft und jeden Willen raubten. Es ist eine alte Wahrheit, daß die

Bewegungen der Schlange alle kleineren Tiere zu verzaubern scheinen.

»O, hab' Erbarmen«, wimmerte es. Es dachte an die hohen, schaukelnden

Zweige seines Baums; wie wollte es seine freie Kunst im Klettern und

Springen gebrauchen, wenn es nur davonkönnte.

Aber die Kreuzotter kennt kein Erbarmen. Es sah aus, als ob das

merkwürdig süße Maul des bösen Tiers heimlich lächelte, und die schöne

Zickzacklinie auf seinem Rücken, in ihrer schaurigen Todespracht,

glitzerte im Sonnenlicht und verdunkelte sich wieder im Schatten der

kleinen Kräuter und im Moos. Nichts war beängstigender, als daß man

nicht in der Lage war, diesen schleichenden, ziehenden Bewegungen im

Gras mit den Blicken zu folgen.

»Töte mich doch, ach, töte mich gleich«, flehte das Eichhörnchen.

Da fiel in seiner heißen Angst Lis Blick auf Hassan, den Igel, und ein

unbeschreibliches Erstaunen durchfuhr das Eichhorn in seiner Todesnot.

Es wußte wirklich nicht, ob es seinen Augen trauen sollte, aber es war

kein Zweifel, Hassan saß ganz still und vergnügt im Gras und lächelte zu

Ala hinüber. Aber das war ja unmöglich, kannte er denn die Kreuzotter

nicht?

Li hatte sich vor Schreck und Entsetzen noch nicht gefaßt, als plötzlich

Hassan ein Stückchen vorlief, gerade vor die Schlange hin und so rasch,

wie es in seinem Leben nicht gedacht hätte, daß ein Igel laufen könnte.

»Hassan,« schrie es, »Sie sind verloren!« Der Igel war gerade auf die

Schlange zugelaufen und stand nun unmittelbar vor ihr.

Zu Lis unbeschreiblichem Erstaunen ringelte sich die Schlange jählings

zusammen, so daß ihr Kopf nur noch oben aus dem bunten Ornament

hervorragte, das ihr gewundener Körper am Boden bildete. Sie öffnete

den Rachen weit, ihre Zunge schoß wie ein kleiner Blitzstrahl aus und

ein, und ihre Augen funkelten in unerhörtem Zorn. Dabei zischte sie so

laut und wild, daß man es weit über die Waldwiese hin vernahm, und alle

Kreaturen umher erschauerten, es wäre sicher selbst ein Löwe

davongesprungen, aber Hassan, der kleine Igel, hielt diesen giftigen

Drohungen so gelassen stand, als zirpte nur eine Grille im Gras.

Sein Lächeln war verschwunden. Seine dunklen Augen blickten ernst und

kühn drein, seine Haltung hatte etwas ungemein Bewußtes, dazu war sie

kampfbereit und fast geschmeidig, ganz verändert sah Hassan aus, der

eben noch nachlässig und scheinbar schwerfällig im Gras gehockt hatte.

»Hab' ich Sie endlich, Ala«, sagte er langsam und mit sonderbar tiefer

Stimme. »Hier haben Sie mich nicht vermutet, nicht wahr? Aber nun hilft

Ihnen Ihre List nichts mehr, die mich so oft getäuscht hat. Sie müssen

nun den Kampf aufnehmen, denn die erste Wendung zur Flucht, die Sie

machten, würde Ihr sicherer Tod sein!«

Das helle wilde Zischen wiederholte sich, Ala dachte nicht an Flucht.

Sie machte plötzlich eine weiche, angstvolle Bewegung, als habe sie

allen Mut verloren, gegen Hassan zu kämpfen. Doch der Igel ließ sich

nicht täuschen, er kannte Alas Art. Und richtig, kaum daß sie den

Anschein erweckt hatte, als sei ihr nicht um Streit zu tun, fuhr sie

auch schon mit einer blitzschnellen Bewegung hoch durch die Luft zu, und

ihr weit geöffneter Rachen mit den furchtbaren Giftzähnen schnellte

jählings zwischen Hassans Augen auf die ungeschützte Stirn.

Aber so rasch die Bewegung der Schlange gewesen war, Hassans

blitzschnelle Neigung des Kopfes war schneller, und das Maul der

Schlange fuhr mitten in die gesträubten Nackenstacheln ihres Gegners.

Bei dem furchtbaren Anprall durchbohrten die Stacheln des Igels Lippen

und Kiefer der Schlange; mit einem hellen Zischen der Wut und des

Schmerzes fuhr sie zurück, rüstete sich aber sogleich zu einem neuen

Angriff, obschon ihr große, dunkle Blutstropfen am Mund niederrannen.

Hassan saß unbeweglich da. Er wußte, daß der Schlange keine Wahl blieb,

als den Kampf auf Tod und Leben fortzusetzen, und er wußte auch, wie

dieser Kampf ausgehen würde. Hätte Ala sich zur Flucht gewandt, so hätte

er sie leicht ereilt und ihr Genick mit den Zähnen erwischt, denn ein

Igel kann rascher laufen als eine Schlange. Die Kreuzotter wußte dies

alles nur zu gut, kochend vor Grimm spähte sie nach einer verletzbaren

Stelle am Körper des Gegners.

Li hatte die erste Niederlage der Schlange benutzt, um mit einem

gewaltigen Satz den Stamm der Linde zu erreichen, und nun saß es auf

einem niedrigen Ast, trocknete sich den Angstschweiß von der Stirn und

suchte zu begreifen, was sich unter ihm zutrug. War denn das möglich,

daß Hassan, der plumpe Gesell, den Kampf mit der allmächtigen Ala

aufnahm, die den ganzen Wald mit Schrecken füllte? Bei all seiner

Beschämung klopfte das Herz des Eichhorns vor Begeisterung. »Ich werde

es gutmachen, daß ich ihn verspottet habe«, flüsterte es mit bleichen

Lippen. Es zitterte immer noch am ganzen Körper.

Da sah es, wie Hassan vorsichtig das spitze Köpfchen ein wenig vorschob,

um seiner Gegnerin Gelegenheit zu einem neuen Angriff zu geben. Und

richtig machte die Schlange den gleichen Versuch wie das erstemal, und

wieder fuhr ihr geöffneter Rachen mitten in die Stacheln des Igels.

Diesmal war ihre Bewegung um vieles matter, als sie sich zurückzog; ihr

Blut rann in Strömen, und nun erschien es, als ob Schmerz und Grimm sie

in einen Taumel von Mordgier und Kampfeswut trieben. Unter Zischen und

Fauchen fuhr ihr verwundeter Kopf wieder und wieder zu, wie ein kleiner

wilder Hammer, blindlings und sinnlos. Hassan traf kein einziger Biß,

seine Stacheln färbten sich rot, seine Bewegungen und Wendungen waren

sicher, geschickt und rasch.

Da plötzlich warf Ala, die Kreuzotter, den bösen schönen Kopf, der ganz

von Blut überströmt war, in einer müden ergebenen Senkung zurück auf den

geringelten Leib, sie rollte sich zu einem bunten, gezackten Knäuel

zusammen, als wollte sie sich in die Erde einwühlen, und man sah, daß

sie vor Schmerz und Todesangst nicht mehr wußte, was sie tat.

Hassan fuhr zu, mit einem jähen Ruck, als habe er von unsichtbarer Hand

einen Stoß bekommen, und durchbiß das Genick seiner Gegnerin dicht

hinter dem Kopf. Da hörten die Windungen des zackigen Knäuels langsam

auf. Ala war tot.

Es ging wie ein bebendes Aufatmen durch den Wald. Das boshafte Zischen

der Schlange hatte das ganze Volk der Wiese und alle Tiere weit umher

aufgescheucht, und was nicht entflohen war, hatte mit Zittern und Bangen

dem heißen Kampf zugeschaut. Nun verbreitete sich die Kunde rasch im

Revier. Aus dem Wipfel der Linde erhob sich mit Rauschen und schwerem

Flügelschlag ein Rabe und rief laut über die grüne Wildnis hin, die sich

unter seinen Flügeln wie ein wogendes Blättermeer ausbreitete:

»Ala, die Kreuzotter, ist überwunden, Hassan hat sie getötet!«

Was schreit er denn so, dachte der Igel und trabte gemächlich zum Bach

hinab. Weiß er denn nicht, daß das sein muß? Er tauchte das spitze,

schwarze Maul ins Wasser und trank in gierigen Zügen. Hinter ihm, auf

dem Kampfplatz, richteten die Blumen und Gräser sich langsam wieder auf,

und Li, das Eichhörnchen oben im Baum, schämte sich, obgleich es

unbeschreiblich erleichtert war.

Da steckte Josa, die Ringelnatter, ihren mondfleckigen Schlangenkopf

aus den braunen dürren Schilfmassen, auf denen die Sonne brannte, und

sagte zu Hassan:

»Haben Sie Dank, das war eine große Tat!«

Hassan wandte sich nach ihr um. »Machen Sie, daß Sie weiterkommen,«

sagte er, »sonst geht es Ihnen ebenso.«

Josas Kopf war so still und rasch wieder fort, als wäre er nie

dagewesen. Er ist eben ein Igel, dachte sie, ein grober Igel! Aber er

soll sich vorsehen, wenn erst ich einmal den Kampf aufnehme.

Hassan aber sah sich weder nach ihr, noch nach den anderen Tieren der

Waldwiese um. Ein anständiger Kerl, der nicht mehr als seine Pflicht

getan hat, will nichts von Dank hören, am wenigsten, wenn die Leute erst

dann freundlich werden, wenn sie einen Vorteil durch ihn gehabt haben.

Dies ist so Art der Igel, da ist nichts zu ändern. Ich bin ein rechter

Tor, dachte er, daß ich vergessen habe, wer ich bin und was ich kann,

nur weil ein Eichhorn senkrecht an einem Baumstamm hinauflaufen kann und

ich nicht. Ich werde nicht mehr um Unterkunft bei Fremden bitten. Ich

bin ein Igel, nicht mehr und nicht weniger, das will ich sein.

Achtes Kapitel

Die Winde

Wo am Waldrand am Stamm einer Föhre das dunkle Moos zwischen knorrigen

Wurzeln wuchs, rankte die Winde sich empor. Ihre jungen Ranken tasteten

sich an der braunen Borke hoch und waren von zartestem Hellgrün und so

empfindlich, wie die Glieder eines neugebornen Kindes, das seine Hände

liebebedürftig gegen das Angesicht der Mutter emporhebt. Ihre

durchscheinenden Blätter sahen gegen den braunen Föhrenstamm licht und

leicht aus, als wäre ein helles Ornament von der Hand eines Malers auf

dunklen Grund gezeichnet worden, aber ihre Sinne waren wach und

wohlbestellt, so daß sie ihren Weg zum Licht empor vertrauensvoll und

glücklich suchte.

Ein großes Farnblatt und ein Trieb der wilden Rose, die dicht neben ihr

emporgewachsen waren, hatten ihr hilfreich zur Seite gestanden, als ihre

ersten Ranken, noch blind von der Erinnerung an die dunkle Erde, sich

Halt suchten. Tastend, bewegt vom Frühlingswind, und von der Sonne

geführt, war sie langsam höher geklommen, den Waldgefährten dankbar und

die erwachende Seele voll Hoffnung. Nun war ihre Stunde gekommen, und am

Abend vor ihrem Erblühen flüsterte sie im Wind der Dämmerung den

Pflanzen zu:

»Morgen werde ich meine Augen öffnen, morgen zieht der Himmel in meine

Seele ein.«

Ihre hellblaue Knospe, die kaum noch vom grünen Kelch geborgen war,

zitterte im Lufthauch und empfand die kühle Nacht, die auf den Wald,

ihre Heimat, niedersank, aber das Licht und die Wärme des vergangenen

Tages fluteten durch ihren Traum, und noch als sie schon schlief unter

dem Tau, war ihr, als wachte ihr Herz.

Sie träumte vom unsichtbaren Wind, von den Stimmen der Bäume und dem

Summen der Insekten, dessen ferne Lebensmelodie sie mit

unbeschreiblichen Ahnungen von künftiger Seligkeit durchschauert hatten.

Sie vernahm in der tiefen Erinnerung ihres Schlafs wieder die frohen

Rufe um sich her, die sie auf ihrer Lebenswanderschaft von den schon

Erwachten im Licht vernommen hatte. Wie wird mir sein, wenn ich erblühe,

dachte sie, wenn meine Blume den Himmel empfängt. »Den Himmel!«

flüsterte sie im Traum. Was hatten ihre Sinne nicht von den Beglückten

um sich her vernommen und erlauscht, wie ein einziger goldener Jubel

empfing sie die Ahnung dessen, das ihr am Morgen geschehen sollte. »Dies

sind die Vögel in den Zweigen«, hatten die wilden Rosen ihr gesagt, »ihr

Lied fällt aus den Strahlen der Morgensonne, so kühl wie Tau, liebreich

wie der Wind und holdselig wie der Sinn der Freude. Sie werden am

strahlenden Tag deines Erwachens singen, ihre Lieder, die Farben der

Welt, die lebendige Glut der himmlischen Sonne, und die Seligkeit aller

Atmenden werden wie ein einziger Rausch unfaßbaren Entzückens auf dich

einsinken, wenn du erblühst. Du selbst wirst schön sein unter den

Schönen, du wirst beseligen wie du beseligt bist, und alle, die dich

erblicken, werden dich segnen, wie du ihnen dankst. Keine Sorgen sollen

deinen Wohlstand stören, alles, dessen du bedarfst, wird zur Stunde zu

dir kommen, deine Freude soll vollkommen sein. Wenn dein Kelch sich am

Abend nach vollbrachtem Tag neigt, wirst du in gnädigem Dunkel mit den

Schlafenden ruhen, müde vor Glück, und ein neuer Tag wird dir kommen.«

Die Knospe erwachte schon früh vor Tag aus ihrem Traum, und erzitternd

im Morgengrau fürchtete sie sich vor der Allmacht dessen, was ihr

geschehen sollte. Es war unfaßlich still in der kaum vom Licht berührten

Welt, nichts regte sich, alle Vögel schliefen noch, und der Tau war noch

nicht gefallen. Sie empfand, daß der Himmel langsam, langsam heller

wurde. Die Zweige des Baums über ihr zeichneten sich dunkel gegen die

totenstille Höhe ab, und man erkannte noch keine Farben, nicht grün,

nicht braun, alles war wie in silbergraue Schleier gehüllt.

»Heute, heute werde ich aufbrechen,« dachte die kleine Knospe, »goldener

Tag, komm bald!«

[Illustration]

Da erscholl über ihr ein zaghaftes, klares Trillern und verstummte. Aus

der Waldferne antwortete ein silberner Schlag. Sie erzitterte unter

einem Tropfen, der sich auf ihrem geneigten Blumenkelch bildete, der

noch geschlossen war, und nun nahm ein kaum spürbarer Wind sich ihrer

an, lindernd, tröstend und von erlösender Lebensliebe.

»Ich will tun, was ich muß,« flüsterte sie erbebend, »laß mich geduldig

für mein Glück sein, du unbekannte Liebe, die mein Geschick leitet.«

Aber sie erzitterte fort und fort, ihre Ruhe versank in einem heimlichen

Glühen und Pochen, das aus dem Pulsschlag der gärenden Erde, aus allen

Trieben ihres zarten Leibes und aus dem Wesen des waltenden Windes

drang.

Es wurde nun bald heller und immer heller, die frohe Regsamkeit der

Morgenerwartung bewegte die erwachende Welt, und in das Raunen der

Blätter klangen die Stimmen der Tiere, die den heraufziehenden Tag

begrüßten. Bis um die Windenknospe her plötzlich der gewaltige Jubel der

Natur ausbrach. »Die Sonne! Die Sonne!«

»Ich werde heute meine Seele öffnen und die Sonne sehen«, flüsterte die

Winde, und geheimnisvoll regte sich in den farbigen Blättern ihrer Blüte

das Wesen der Sonnenstrahlen. Es war eine Liebkosung, ein Locken, ein

lautloses Rufen, und ihr war zumute, wie wohl einem Schlafenden sein

mag, auf dessen Angesicht erwartungsvoll die Augen eines geliebten

Menschen ruhen, der in heißer Sehnsucht auf den Augenblick seines

Erwachens harrt, um ihn mit seiner ganzen Liebe zu überschütten.

Da entfaltete sich die blaue zarte Blüte, ganz langsam, im Sonnenschein,

wie in einer taumelnden Ohnmacht der entzückten Sinne, und der

schimmernde Kelch öffnete sich mehr und mehr, ein bebender Blumenbecher

von unbeschreiblicher Reinheit, der sich auftat, um das fließende

Himmelsgold der Sonne zu trinken.

»Ist das die Sonne?« schluchzte die Blume, haltlos vor Glück, »ich kann

nicht hineinschauen, aber ich muß! O Schwestern im Licht bei mir, ergeht

es allen Irdischen so wie uns?«

Aus ihrem schimmernden Farbenlicht, aus ihrem Duft und ihrem Neigen im

Wind brach ihre Stimme, allen vernehmbar, die ihrer Art waren und die

die Geborenen der dunklen Erde im Sonnenschein lieben müssen. Über ihr

sang ein Waldvogel sein Morgenlied im Glitzern des Taus auf den

Blättern, die erwachte Blume verstand seinen Ruf und sein Locken:

»Sprich mit mir, sprich dein Herz, sprich deine Freude.«

Der Frische des funkelnden Morgens folgte der warme, farbige Tag mit

seinem Treiben um sie her, aber die Blume sah nur die Sonne an. Bis bald

auch in ihrer Nähe die geheimnisvollen Stimmen der Käfer und Bienen

laut wurden. Die Sonnenwärme nahm immer mehr zu, ein Schwingen wie von

himmlischem Erbrausen hüllte sie mehr und mehr ein, sie tat ihren Kelch

weiter auf und immer weiter, ihr war, als verginge sie in diesem

glühenden Glänzen, und ihre Hingabe war so inbrünstig, als verblutete

sie vor Verlangen.

Nun zog mit lautlosem Schaukeln, fröhlich von seinem reinen Flügelkleid

getragen, ein Schmetterling an ihr vorüber, mitten zwischen ihrem

aufgetanen Kelch und der goldenen Sonne hindurch. Da rief die Blume, ihr

Farbenglanz trug ihre Stimme, und ihr Duft begleitete ihn:

»Tu mir Liebe an und komm!«

Der Schmetterling ließ sich mitten in dem blauen Rund ihrer Blüte

nieder, o Wunder, daß er sie verstand. Tausend Bächlein von Sonnenwärme

und zitternder Himmelsluft rieselten mit seiner Berührung an ihr nieder,

sie neigte sich tief unter der hellen, lebendigen Last und hob sie

wieder mit sich empor.

»Bleib noch,« bat sie, »du himmlischer Sendbote, du Freund meines

Lebens.« Aber der Falter mußte weiter, und nun vernahm die Blume

plötzlich das Bitten, Rufen und Locken um sich her, von dem die ganze

Wiese in Farben und Düften erklang. Je mehr Insekten nun zu ihr kamen,

um so besser verstand sie ihre Schwestern umher und in der Ferne, sie

begriff, daß sie ihr Lebensgrüße sandten und gab sie freien Sinnes

zurück, immer die strahlende Blüte gegen die Sonne geöffnet, als sei

keine Schuld und kein Fehl möglich, wenn sie sich ganz dem Licht

anvertraute.

So ging ihr erster Tag im Blühen dahin, sie durchlebte ihn wie alle

Glücklichen, ohne Bedenken und Rückhalt, ohne den Gedanken an sein Ende,

in ihrer schönen Pracht. Als die Sonne, mit der ihr Angesicht gewandert

war, hinter den Baumkronen im Grünen niedersank, begann sie sich langsam

zu schließen, aber solange noch ein Strahlenabglanz des Lichts auf der

Erde widerschimmerte, wachte sie und ließ ihn zu sich ein. Als aber der

Abendwind von den Saaten zu ihr kam, fand er sie stumm und verschlossen

im Dunkeln, als habe ihre Seele sich nie geöffnet. Aber sie konnte auch

im Schlaf die Sonne nicht vergessen, die ihr ganzes Wesen durch und

durch erhellt hatte. Keine Finsternis kann mich mehr vom Licht trennen,

träumte sie, ich habe es mit meinem ganzen Wesen eingesogen, ich habe

das Glück der anderen und ihre Seligkeit erfahren an mir, nichts wird

meine Seele mehr vom ewig schönen Leben scheiden.

Neuntes Kapitel

Die Lerche

Eine Lerche verflog sich auf die Waldwiese, es war noch sehr früh, aber

Onna, die Bachstelze, war schon auf und sah die Lerche fallen.

»Wie ist es?« sagte sie zu ihr, »wollen Sie hier bleiben, ich meine,

wollen Sie immer hier bleiben, wollen Sie sich hier auf unserer Wiese

niederlassen, oder wie ist es?«

»Guten Morgen«, sagte die Lerche.

Onna erwiderte den Gruß und nickte auf ihre wirklich entzückende Art,

wie nur Bachstelzen es können. Ihre Bewegungen waren viel anmutiger als

ihre Worte. Dann meinte sie, um nichts freundlicher:

»Es ist hier wenig Aussicht zu gedeihlicher Ansiedelung, man findet wohl

was man braucht, aber nicht viel mehr. Im trockenen Schilf wohnt Josa,

die Ringelnatter, von der Eule in der Linde schweige ich, Sonne kommt

auch nicht eben viel her; also nun sagen Sie, was Sie wollen.«

»Ich will wieder fort«, sagte die Lerche. »Entschuldigen Sie, daß ich

gestört habe, aber ich war sehr hoch am Himmel, und das Licht der Sonne

hat meine Augen geblendet. Ich war so entzückt vom Glanz und der Kühle,

daß ich nicht mehr recht wußte, wo ich mich niederließ, es war wie ein

heller, seliger Taumel, wissen Sie.«

»Taumel ...?« wiederholte die Bachstelze und wippte, »und was reden Sie

da nur sonst noch, die Sonne ist ja noch gar nicht aufgegangen?«

»Doch,« sagte die Lerche, »hoch oben schien sie schon.«

Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott · 第 3 / 12 段