Ganz besonders über diese Katze wäre vieles zu erzählen; es ist schade,

daß es hier nicht angeht. Sie war ursprünglich unter Menschen gewesen

und ist auch in ihrer Gemeinschaft geboren und aufgezogen worden. Aber

dann wechselte der Besitzer des Hofes, auf dem sie lebte, und da Katzen

meistens eher an dem Ort hängen, an welchen sie gewöhnt sind, als an

Menschen, so war auch diese Katze geblieben; aber sie traf es schlecht

mit den Nachfolgern der ausgewanderten Bauersleute und entschloß sich

deshalb eines Tages kurzerhand, ihr Heil in der Freiheit zu suchen. Sie

hatte einen sehr schweren Winter hinter sich und war oft drauf und dran

gewesen, zurückzukehren, aber nun, mit dem eingekehrten Frühling, schien

ihr Los ihr beneidenswert.

Uku, die alte Eule, sah von ihrer sicheren Baumhöhle aus auf die Katze

nieder. Die grünlichen Augen waren wie zwei harte, glänzende

Metallplättchen, alles an der Katze, auch das prächtig gestreifte Fell,

war auf das sauberste gehalten und so wohlbestellt, gesund und anmutig,

daß es ein Entzücken war. Uku sah, wie die Pfote am Gesicht entlang

glitt und wie die kleine rosa Zunge die weichen Härchen des Fells

glättete. Nachdenklich sah der weise Vogel auf die Katze nieder. Wer

würde vermuten, dachte er, daß dies zärtliche Tier vom Wipfel eines

Baumes oder vom Giebel eines Daches niederspringen kann, ohne Schaden zu

nehmen, wer ahnt hinter dieser kindlichen Gebärde die Wildheit, die sie

verbirgt, die geschmeidige Kraft und die unbeugsame zähe Eigenart der

Katze? Ist es so bestellt, daß sich mit der größten Kraft und Wildheit

solch arglose Gebärde des Spiels und der Harmlosigkeit vereinen kann,

mit diesem Lächeln die furchtbarste Blutgier und mit soviel Anmut die

Falschheit?

Uku konnte nicht aufhören, die Katze zu betrachten, und sie dachte lange

und sehr scharf über sie nach, wie es so Art der Eulen ist. Sie weiß die

größten und bissigsten Hunde in Respekt zu halten, dachte sie, ja in

manchen Fällen selbst den Menschen, und sieht doch aus wie ein

schüchternes Kind. Wie sie den Schein der Sonne genießt! Es ist wirklich

sehr schwer zu sagen, was gut oder was böse ist in der Natur, ich

glaube, man kann es nur für sich selbst und sein eigenes Handeln wissen.

Wie ungebrochen sind diese harten Augen, wild und rein, fuhr sie fort zu

sinnen, sie werden eines Tages brechen, wie ein edler Stein unter einem

Hammer, aber sie werden sich nicht trüben. Man muß sagen, Uku kam

geradezu in Begeisterung, und da eine Katze alles andere eher ist als

die Freundin der Eulen, so war diese Anerkennung des Vogels um so

erstaunlicher. Aber Uku hatte Grund, über die Katzen nachzudenken, sie

hatte vor Jahren einmal zur Nachtzeit eine Katze sterben sehen, die, von

der Kugel eines Bauernsohns getroffen, auf dem Hof ihr Leben lassen

mußte, auf dem damals auch Uku viel verkehrte. Es war Mondschein

gewesen, der junge Mensch stellte den Katzen nach, weil sie seinem

kleineren Federvieh Schaden taten. Seine Kugel ging der Katze durch die

Brust, schlug durch und öffnete sie an zwei Stellen. Das Tier war auf

einen Baum geflüchtet, und anfänglich hätte man glauben können, sie sei

nicht verwundet, aber dann löste sich langsam, man möchte sagen Kralle

für Kralle, ihr schöner gefleckter Leib von dem Ast, den sie umklammert

hielt. Es kam kein Laut über ihre Lippen, erst am Fallen sah man, daß

sie keine Gewalt mehr über ihren zähen, wohlgeübten Körper hatte. Am

Boden, im schrägen Mondlicht kreiste sie im Gras, und nun, wie mit ihrem

letzten Atem, kam ein Geschrei aus ihrem Mund, das Ukus Herz erstarren

ließ, und der junge Mensch, der herzugeeilt war, sprang betroffen

zurück, als dieser Todeston sein Ohr traf. Es war ihre erste und

zugleich ihre letzte Klage, es war, als habe sie zu Lebzeiten das Klagen

nicht gelernt. Dreimal hintereinander stieß sie diesen langgezogenen

Schrei aus, der keine leiblichen Schmerzen zu verraten schien, sondern

den wilden Wehelaut um ihr schönes, starkes Leben.

Die Natur umher lauschte wie in einer jähen Ahnung ihres Geschicks auf.

Es ist furchtbar, die Mächtigen im Tode schreien zu hören. Und doch

hatten diese Töne nichts Jämmerliches, es lag kein Hilferuf darin, kein

Flehen um Erbarmen, sondern viel eher war es das metallische Verklingen

der gebrochenen Kraft; unbeschreiblich einsam durchdrang es die

Mondnacht.

Voll Grauen war Uku damals auf und davon geflogen, tief bewegt von

diesem Erlebnis und doch nicht einzig entsetzt, sondern zugleich

wunderbar erhoben. Sie hatte wieder und wieder denken müssen: Wie

gewaltig ist das Leben, das sich auch in mir offenbart, wie gewaltig ist

der unvermeidliche Tod.

Man wird nun viel besser verstehen, weshalb sie so lange und

nachdenklich auf die Katze schauen mußte, die auf die Waldwiese gekommen

war. Sie blieb übrigens nur für kurze Zeit und, soviel ich weiß, ist sie

nicht wiedergekommen.

Fünftes Kapitel

Der Tod der Eiche

Ein wenig von der Waldwiese entfernt stand am Rand des Tals die Eiche,

sie war der älteste Baum im Land; in diesem Frühling ist sie gestorben.

Man wußte es überall, weit im Umkreis. Ihre letzten Worte aus dem

vergangenen Herbst rauschten in den Büschen und Bäumen des Landes als

Erinnerung wieder, und nun im Frühling nahm sie Abschied.

Um ihre mächtige Gestalt umher sproßte und blühte es, ihre großen

dunklen Glieder reckten sich gewaltig über den wirren, grünen

Lebenstrubel der neuen Jugend dahin, in den Himmel empor, ihre Klage

erfüllte das Land, alle Herzen. Viele hundert und wieder hundert Jahre

des Lebens beschlossen sich nach einem unbegreiflichen Ratschluß, der

alle in heiliger Scheu erbeben ließ. Die langen Nächte hindurch, in der

Frühe und am verständlichen Tag wehte es aus der kahlen Höhe ihrer Krone

klagend im Wind über das Land, durch den Vogelgesang dahin, durch das

selige Seufzen der vom Frühling begnadeten Geschöpfe und durch das

strahlende Tageslicht, das seine Macht über die Lebensgeister des alten

Baums verloren hatte.

[Illustration]

Eines Tages vernahm der Elf die Klage der sterbenden Eiche im Wind und

konnte sie nicht vergessen. Nun ward er gewahr, daß alle sie wußten, und

seit jener Stunde zwang es ihn plötzlich, im Schreiten innezuhalten,

wenn er durch den Wald ging, um zu lauschen, ob durch die Lebensmelodien

der lebendigen Bäume wieder diese Klage dränge, die den ganzen Wald

erfüllt hatte. Und er vernahm die Töne und erschauerte. Sie erklangen so

heimlich, daß sein Gemüt in der Erkenntnis erzitterte, daß diese

bescheidenen Wehelaute eine so stille Wildheit zu bergen vermochten, und

daß Geduld so schmerzhaft sein könne.

Da ging er der Stimme nach, um den sterbenden Baum zu finden. Wie es zum

Herzen griff! Er sah eine Blume, die zu blühen anfing, den Tau trinken;

in der Erwartung ihrer Sonne sangen alle Vögel, da warf er sich ins Moos

und lauschte. Seit jener Stunde trieb es ihn wieder und wieder herzu, am

Tag, in der Nacht, immer wieder zog es ihn an diesen Waldort ohne

Schatten, wo die große Eiche stand. Rings der Himmel über ihm war wie

mit Sterben angefüllt, und die Seele des Elfen füllte sich mit dieser

Schwermut des Scheidens vom Leben, wie ein Becher mit Wein.

Er verstand den Baum. »Es ist kalt,« rief er einmal des Nachts, »der

große Wald ist leer! Ich sehe hin und zurück, zurück und hin, schaue,

forsche und suche, und bin doch allein. Ich erinnere mich, ich träume

und bin doch allein.

Der Mond leuchtet hell, wenn seine Strahlen die Erde erreichen, scheint

mir die Welt ohne Elend, ohne Schmerz, alles und alle erscheinen mir

sanft. Er bringt helle Tücher, als wollte er mich vor dem schützen, was

kommen soll, als wollte er mich erwärmen, und ich fühle wieder wie

durstige Pflanzen, die sich öffnen und zu blühen anfangen.

Enttäusche ich euch jetzt, weil ich dürr und kahl dastehe? Ihr habt mich

grün gesehen! Ich gab der Erde Schatten, den Vögeln Ruhe und den Tieren

Früchte. Ich habe die Blicke entzückt, und nun liebt ihr mich weniger,

weil ich es nicht vermag? Müßt ihr nicht stets an jene Zeit denken, wo

ihr mich anders saht?

Ihr denkt nicht mehr daran! Meine Klage erniedrigt mich. Nun fühle ich

zum erstenmal, daß mein irdisches Gefühl mich von der Welt trennt. Einst

erzählte ich, ich teilte das Neue, das Leben den Blumen, den Bäumen mit.

Dort oben liebkoste mich der Wind, als wollte er zu mir sagen: Du hast

nicht unrecht. Da wußte ich, daß mein irdisches Gefühl mich mit der Welt

verband. Ich rief: Nehmt mich nur auf, laßt mich euer Teil sein, ein

Glied eurer reichen Familie. Ich fühlte die Welt und vereinte mich mit

ihr und wurde zum erstenmal mündig. Alles tönte in mir und mein Herz

strömte über. O, wie ich der Erde verschuldet bin, wie kein Wesen vor

mir!«

Der Blumenelf lag im Moosgrund und lauschte der Klage, er begriff die

Wirklichkeit des Todes und erbebte. Aber er vermochte seine Sinne nicht

vom Sterben des Baumes abzuwenden.

Da hörte er wieder die alte Stimme über sich im Wind:

»Es forscht ohne Aufhör in mir und will doch von nichts wissen. Meine

Wurzeln werden vom Wasser berieselt, das alle Pflanzen zu neuem Sprossen

ernährt. Ich fürchte mich vor dem Tage, die Sonne, die mein Blut

beeinflußt hat emporzudrängen, blendet mich nun. Wie lockt mich die

Weite, die ich lange ohne Begehren im Bild erblickt habe! Wo sind die

Tiere? Ich höre nur die Vögel. Und doch ist alles Weite so nah, so

möglich geworden.

Mein Herz war einst in der Sonne so weit offen, daß es nicht nur sich

selber trug und ahnte, sondern die ganze Welt. Da wußte ich die Wahrheit

über mich. Nun umgibt es mich rings wie eine Wand, so kalt wie Eis, so

durchsichtig wie Glas, so nah, daß mir ist, als spiegelte ich mich

wider. Sie macht die Seele zum Verbrennen durstig, und ich fühle Angst.

Lebt wohl!«

Da drückte der Elf erzitternd sein Herz fest, fest an die Erde, die

Auferstehung und Vermoderungen in sich barg und einen herben Geruch von

Harz ausströmte. Ihm war, als durchdränge dieser Geruch seinen

vergänglichen Leib, er schloß seine Augen und schwieg, denn es redete

mit vielen Stimmen zu ihm, die wie eine Stimme waren.

Sechstes Kapitel

Von den Engeln

Eines Morgens in der Dämmerung, als von der Sonne noch wenig zu spüren

war, kam Hassan, der Igel, durch den Tau. Er sah sich auf der Waldwiese

um, etwas mürrisch, wie es nun einmal seine Art war, aber im Grunde

recht gut gelaunt, obgleich er sich sehr verspätet hatte. Er hielt nach

einem Ort Ausschau, an dem er schlafen könnte, denn er wäre um alles

gern in einem Schlupfwinkel gewesen, bevor die Sonne emporstieg. Die

Igel haben nicht viel für den Sonnenschein übrig.

Da die Vögel und Blumen und alle kleinen Tiere der Waldwiese noch

schliefen, entdeckte niemand den Igel, es wäre zweifellos ein großer

Jammer unter ihnen ausgebrochen, denn Hassan war nicht beliebt, weil er

von kleineren Tieren so viel fraß, als er irgend finden konnte. Wo immer

es draußen im Wald in der Gemeinschaft einer Tiergesellschaft sein mag,

überall fürchtet man den Igel, nirgends sieht man ihn gern. Es kommt

sicher hierbei noch hinzu, daß er für gewöhnlich in der Abenddämmerung

aufbricht. Das hat schon an sich etwas Unheimliches, auch ist er schwer

von einem rundlichen dunklen Erdhaufen zu unterscheiden, wenn er still

im Gras sitzt und auf Mäuse wartet. Was aber am peinlichsten ist, ist

die Tatsache, daß er viel rascher laufen kann, als man denkt. Viele

Tiere bekommen allein schon darüber einen solchen Schreck, daß sie sich

in ihrer Verwirrung von ihm greifen lassen.

Hassan kam etwas träge heran, ging das Bachufer nieder, trank ein wenig

und sah nach dem Himmel. Es würde ein warmer Tag werden. Unter der

großen Linde gefiel es ihm, er dachte sich, zwischen diesen dicken

Wurzeln finde ich irgendeine Höhle, die mir den gewünschten

Schlupfwinkel für den sonnigen Tag bietet, vielleicht, daß ich dort auch

ein Mäusenest entdecke und für den Abend auf eine gesunde Mahlzeit

rechnen kann.

Nun muß man wissen, daß Hassan in Zwistigkeiten mit seiner Familie

geraten war, um zu verstehen, daß er kein eigenes Heim hatte. Sein Vater

hatte ihm eines Abends ohne viel Umstände erklärt, er solle sich ein

eigenes Jagdgebiet suchen, denn die Umgebung ihrer gemeinsamen Behausung

ernähre nicht mehr Vater, Mutter und die kleineren Geschwister, am

allermeisten deshalb, weil es fast unglaublich sei, wieviel er, Hassan,

an einem Tage verschlänge. Das läge an den Jahren; aber nun sollte er

gehen.

So rasch findet nun aber ein Igel kein neues Heim, auch dachte Hassan

daran, sich zu verheiraten, und so war er genötigt, sich in der Fremde

umzusehen. Und wie es oft ist, wenn man keinen anregenden Umgang mit

seinesgleichen hat, so kommt man leicht ans Herumtreiben, und so war es

geschehen, daß sich Hassan einmal wieder gründlich verspätet hatte.

Als er nun langsam durch Blumen und Gräser auf die Linde zuschritt,

dachte er: Hier sieht es nach guter Beute aus. Er gähnte und kroch unter

die Wurzeln. Da sah er im Moos einen hellen Schimmer und erschrak, denn

es war schwer zu begreifen, wie hier in die Schattendämmerung des

Moosgrundes ein Lichtschein kommen sollte. Glühkäferchen kamen im

Morgengrauen nicht vor, so konnte es nur noch ein Stückchen faulendes

Holz sein, das oft einen weißlichen Glanz ausstrahlte, wie er im Sumpf

erfahren hatte. Er bog um die letzte Wurzel, die wie ein dicker

Schlangenleib aus den Farnkräutern kroch, und spähte vorsichtig in den

Grund der kleinen Höhle, aus welcher das Licht kam.

Da sah er einen unendlich kleinen Menschen mit hellgoldenem Haar im Moos

liegen, auf einem weißen Kissen von Blumenblättern und in einem

schimmernden Kleid, erglänzend und feiner gewoben als Spinnweben im

Sonnenschein der Waldtiefe, und so leicht wie kühler Wind, der kaum das

Zittergras bewegt. Es war durchaus nicht zu erkennen, woher das Licht

kam, bis Hassan zu seiner unbeschreiblichen Verwunderung gewahr wurde,

daß die Stirn, das Angesicht und die Hände des kleinen Menschenwesens

aus eigenen Lichtgründen leuchteten. Was aber sein Gemüt am meisten

bewegte, war der Ausdruck von Traurigkeit in dem schlafenden Angesicht

des fremden Wunderkindes. Hassan mußte, er wußte selbst nicht wie es

kam, an die ungetrübten Glücksstunden seiner Kindheit im Moorland

denken, unter den Birken und im Ginster.

Lieber Gott, dachte er, was geschieht mir nur, daß ich etwas so

Liebliches finden soll? Und dann kam ihm in den Sinn: Ich muß irgend

etwas für dieses Geschöpf tun. Vielleicht findet sich eine Beere oder

ein ganz zarter Regenwurm, wenn es nur irgend etwas ist, wodurch ich es

erfreuen kann, oder was es etwa beim Erwachen essen möchte. Über das

Essen hinaus gibt es höchstens noch das Schlafen, und das tut dieses

helle Himmelskind ohnehin. Wenn mir nur etwas Rechtes einfiele.

Als er noch darüber nachdachte und dabei die Stirn runzelte, wie es

seine Art war, und den dunklen Kopf mit der spitzen Schnauze und den

wirklich sehr schönen und klugen Augen hin und her bewegte, erwachte der

Elf und sah den großen Hassan dicht vor sich stehen, so daß die kleine

Höhle geradezu verdunkelt worden wäre, wenn das Elfenkleid nicht

geglänzt hätte.

»Wo kommst denn du her?« fragte der Elf und lächelte.

»Da, so, von hinten her, irgendwoher,« stotterte Hassan in großer

Verlegenheit, »nehmen Sie es nicht übel. Wenn Sie wollen, geh ich sofort

wieder.«

»Nein, bleib nur,« sagte der Elf und erhob sich, »soviel ich weiß, bist

du ein Igel, und wie mir scheint, sogar ein ganz prächtiger.«

»Nein, nein,« sagte Hassan rasch, »nur so einer wie alle, aber wenn Sie

wollen, gehe ich gleich.«

»Hast du Eile? Siehst du nicht, wie schön es hier ist und wie strahlend

der Tag werden will? Komm, wir gehen miteinander an den Bach. Übrigens

kannst du ruhig du zu mir sagen, ich bin ein Blumenelf.«

»So, so, ein Blumenelf,« sagte Hassan, »das ist aber sehr angenehm für

Sie. Wollen Sie wirklich mit mir zusammen gehen? Ich bin nicht beliebt,

wissen Sie, und auch sonst, ich bin eben ein Igel ...« Hassan hatte

eigentlich etwas anderes sagen wollen, aber er war zu verwirrt durch den

Anblick dieses hellen Wesens mit seinen Flügeln, die sein Haupt

überragten und schimmerten wie Schnee.

Sie gingen nebeneinander ans Wasser, und der Elf flog auf einen

niedrigen Zweig des Berberitzenstrauchs, der ihn sanft schaukelte.

»Sehen Sie,« sagte Hassan, »Sie sind doch ein Engel.«

»O nein,« antwortete der Elf, »wenn du glaubst, ich sei ein Engel, so

hast du niemals einen gesehen. Die Engel sind groß und leuchten wie die

Sonne am Mittag, niemand kann in ihr Angesicht schauen, der nicht das

seine vom Irdischen abgewandt hat.«

»Nun, ich dachte, Sie wären vielleicht einer von den kleineren Sorten«,

meinte Hassan schüchtern und bewegte seine schwarze Nase an der Spitze.

Darüber mußte der Elf lachen.

»Das sieht ungemein lustig aus, wenn du mit der Nase wackelst,« sagte

er, »das kann nicht jeder.«

»Mit der Nase erfahre ich, was ich nicht sehen kann«, sagte Hassan, sehr

stolz darüber, daß der Elf so viel Anteil an seiner Eigenart nahm.

»Flügel hätte ich wohl auch gern,« seufzte er nach einer Weile, »aber wo

sollte man sie anbringen?« Er schaute bewundernd und glücklich zum Elfen

empor, der mit dem Finger an die Tauperlen stieß und zusah, wie sie

funkelnd ins Gras niederbrachen.

»Große Tropfen, nicht wahr?« sagte er nachdenklich. Endlich meinte er

und sah auf:

»Ich bin nun schon lange Zeit auf der Erde und habe vielerlei erfahren,

auch unter Menschen bin ich gewesen und habe ihre Worte gehört und ihre

Hoffnungen, ihren Kummer. Es ist seltsam, wie sie und auch du und die

meisten Wesen über die Engel denken. Sie glauben kaum noch daran, daß es

welche gibt, und sehen sie selten. Vielleicht im Traum oder im

Todesschmerz, auch wohl in ihrer höchsten Beseligtheit, aber es ist, als

ob sie vergessen hätten, daß die Engel immer unter ihnen einhergehen.

Wie oft hat ein himmlischer Engel ein Geschöpf angesehen, und es ist es

nicht gewahr geworden. Woran mag es liegen?«

[Illustration]

»Ich weiß nicht«, sagte Hassan, der mit großer Spannung zuhörte.

»Vielleicht liegt es an den Verhältnissen.«

»Du kannst es auch nicht wissen,« meinte der Elf, »ich glaube, um die

Engel sehen zu können, muß man ein Mensch sein und ein großes und gutes

Herz haben. Oder vielleicht eine Blume; manche Blumen kennen die Engel.«

»Kannst du etwa auch mit den Blumen reden, wie du mit mir reden kannst?«

fragte Hassan erstaunt.

Der Elf nickte. »Wo ich Liebe finde, da kann ich mich verständigen«,

sagte er. »Wäre mehr Liebe in der Welt, so würden sich alle verstehen.«

»Ach so,« meinte Hassan, »ja, das ist gut möglich.«

Der Elf sann nach, und nach einer Weile sagte er langsam, mit einem

traurigen Ausdruck:

»Warum haben die Menschen die Engel vergessen? Sie kommen in vielerlei

Gestalt zu ihnen und offenbaren ihre Gegenwart allen, deren Augen für

die Gaben der Liebe offen geblieben sind und deren Herzen sich Andacht

bewahrt haben und den freien Gleichtakt der Unschuld. Bald geht ein

Engel dahin in der Gestalt eines Kinderlächelns oder im Lied eines

Vogels, auch kommt er als ein jäher Sonnenblick in einen dunklen, öden

Raum, oder als Erinnerung an genossenes Glück. In solchen Augenblicken

sind die Engel willens, die Menschen zu führen, ihnen die Augen für das

Rechte und Schöne zu eröffnen und ihnen den Weg ihres Heils zu zeigen.

Kinder nehmen sie oft geradezu bei der Hand, so daß man es deutlich

sehen könnte, wenn die Augen nur ein wenig dafür noch tauglich wären.

Die Menschen nennen es einen glücklichen Zufall, wenn solch ein

geliebtes kleines Wesen wie durch ein Wunder bewahrt bleibt, aber es

sind immer die Engel in unsichtbarer Gestalt. Auch zu den Großen kommen

sie in Stunden schwerer Entscheidungen, tiefer Erniedrigung oder hoher

Beseligung. Sie können so deutlich reden, daß das Herz erschrickt, so

liebreich trösten, wie nur himmlische Sendboten es vermögen; oft

eröffnen sie Bedrückten durch einen Wink ihrer Hand einen Blick in eine

schöne Zukunft oder sie weisen ein Herz auf sein angestammtes Recht

zurück und erhellen seine Irrtümer, so daß ihm plötzlich der Gang der

Welt um vieles gerechter erscheint, als noch eben zuvor, denn wer an

Gerechtigkeit zu glauben vermag, wird nicht durch Mißgeschick in

dauernde Finsternis gestoßen. Die Erinnerung und die Hoffnung sind ihre

schimmernden Boten, im Gleichtakt zwischen ihren Mächten pocht jedes

irdische Herz. Wessen Hoffnung aber zu erlöschen droht, dem gestalten

sie, wie in einer stillen Abkehr der Seele, die Erinnerung um so

strahlender. Immer stiften sie Helligkeit, Zufriedenheit, und endlich

führen sie die Seelen in das Reich. Ach, arm ist eine Zeit, die den

Glauben an die Engel verloren hat.«

»Ich glaube jetzt schon wieder daran,« sagte Hassan rasch, »was du

sagst, ist schön, und weshalb sollte das Schöne nicht eher wahr sein als

das Arge?«

Der Elf sah Hassan liebevoll an:

»Ich wünsche dir, daß dir alles gut ausgeht, was du heute beginnst«,

sagte er herzlich. »Ich fliege nun zu den Menschen, leb wohl.«

»Du fliegst in der Tat zu den Menschen, Elf? Da sähe ich mich doch

lieber vor.«

»Es zieht mich zu ihnen,« antwortete der Elf und breitete seine Flügel

aus, »ich kann nicht anders, aber ich werde am Abend wieder auf die

Wiese kommen.« Damit flog er davon. Hassan sah ihm nach, bis er wie ein

winziger Lichtschein zwischen den Baumstämmen verschwand. Er ist doch

ein Engel, ein kleinerer, dachte er und versuchte zu begreifen, was ihm

geschehen war und was er gehört hatte.

Siebentes Kapitel

Hassans Kampf mit Ala

Am folgenden Tag sang dicht über dem fließenden Wasser des Bachs das

Rotkehlchen in einem Lindenzweig. Es saß in einem wundervollen

Blätterraum, so licht geborgen, wie Leute es kaum ahnen, die nicht schon

einmal in einem Baum gesessen haben. Alle Blätter, aus welche das

Rotkehlchen niederschauen konnte, waren vom schönsten saftigen Grün,

hatten kleine goldene Sonnenteller und zeichneten sich prächtig gegen

das blaue Wasser ab. Viel schöner aber waren die Blätter anzuschauen,

die über dem Kopf des kleinen Vogels wuchsen, denn die Sonne

durchleuchtete sie, so daß sie wie von hellem grünen Glas erschienen,

mit einem seligen Glanz aus Gold.

Man kann sich auch für den Widerhall des Gesangs nichts Besseres denken,

als so ein offenes Blätterhaus, das Licht, Blumenduft und den warmen

Odem des Frühlingswindes einläßt, gedeckt ist und doch offen, allem

Hellen zugängig und doch versteckt, und gerade das, worüber so viele

Sänger klagen, war für das Rotkehlchen so prächtig erfüllt, daß sich

verstehen läßt, daß es fast den ganzen Morgen hindurch sang.

Lieblich und klar, wie fallendes Wasser auf bunten Steinen, hallte es

durch den strahlenden Wald. Es schien, als leuchtete die Sonne heller

als zuvor, feierlich standen die großen Bäume auf ihrem dunklen

Erdengrund, und die Blumen neigten sich, in ihrem Glück so würdevoll, in

ihrer Schönheit so reich, daß die Welt vollkommen erschien. Und

unermüdlich sang der kleine Vogel:

Die Weite des Bachs liegt blau in grün,

mein Herz möchte weiter, ach weiter!

Aber es weiß mein Herz nicht wohin,

immer bleibt alles fern blau in grün,

wo ich verweil', ist es heiter.

Aber ich möchte der Traurigkeit,

tief, meines Herzens folgen.

Schön ist das Nah', aber herrlich das Weit';

sagt mir, ihr Wellen, wann kommt die Zeit

über den himmlischen Wolken?

Hassan, der Igel, saß unten im Farnkraut und hörte zu; er konnte sich

nicht entschließen, einen Ort zu verlassen, an dem ein Blumenelf weilte.

Dies war erstens etwas ungemein Seltenes, dann kam aber auch noch hinzu,

daß es hier ohnehin sehr schön war. Wenn man schließlich durch seinen

Appetit störte und dadurch unliebsames Aufsehen erregte, daß man zu

viele der Wiesenbewohner herunterschlang, so konnte man seine Nahrung

auch anderswo suchen, der Wald war groß und Hassan gut zu Fuß. Ich

könnte wahrhaftig diesem Elfen zulieb Pflanzenkost genießen, dachte er,

und den Versuch machen, mich von Gras zu ernähren, aber ich weiß im

voraus, daß ich es nicht aushalte. Nun, es wird sich schon finden, ich

jage anderswo und lebe hier.

Über ihm in den Zweigen raschelte es, und als Hassan durch die grünen

Fächer des Farnkrautes sah, erblickte er ein Eichhörnchen, das sich von

Ast zu Ast bis auf den Boden, dicht bei seinem Versteck, niederschwang.

Hassan entschloß sich, hier um Rat zu fragen, obgleich er im allgemeinen

nicht viel für diese Tiere übrig hatte, sie waren ihm zu beweglich. Er

trat hervor, und das Eichhörnchen machte einen Satz, so lang, wie der

Bach breit war.

»Himmel und Wolkenbruch, Sie dicker Popanz, wie können Sie einen so

erschrecken!« rief das Eichhörnchen atemlos. »Kommen Sie her und fühlen

Sie, wie mein Herz klopft, oder bleiben Sie lieber, wo Sie sind, Sie

Stachelschwein!«

Himmelsvolk: Ein Buch von Blumen, Tieren und Gott · 第 2 / 12 段