Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
Proofreading Team at https://www.pgdp.net
Waldemar Bonsels
_Himmelsvolk_
Ein Buch von Blumen,
Tieren und Gott
Illustrierte Ausgabe mit
sechzehn Bildern nach Scherenschnitten
von Margarete Schreiber
1920
Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig
91.-110. Auflage der deutschen
Gesamtausgaben. Die Illustrationen
sind nach Scherenschnitten
von Margarete Schreiber. Die
Buchausgabe ohne Illustrationen
ist im gleichen Verlag zum Preise
von 5 Mark gebunden erschienen
_Die schwedische Ausgabe_
bei C. W. K. Gleerup, Verlag, Lund
_Die finnische Ausgabe_
bei Werner Söderström Osakeyhtiö Powvoo, Suomi
_Die holländische Ausgabe_
im Verlag »Patria«, Amersfoort
_Die dänische Ausgabe_
bei E. Jespersen, Verlag, Kopenhagen
Copyright 1919 by Schuster & Loeffler, Berlin
Spamersche Buchdruckerei in Leipzig
Kapitelfolge
Seite
I. Kapitel: Die Waldwiese 9
II. Kapitel: Die Ankunft des Elfen 19
III. Kapitel: Die Frühlingsnacht 34
IV. Kapitel: Wiesenleute 46
V. Kapitel: Der Tod der Eiche 56
VI. Kapitel: Von den Engeln 61
VII. Kapitel: Hassans Kampf mit Ala 72
VIII. Kapitel: Die Winde 86
IX. Kapitel: Die Lerche 95
X. Kapitel: Assap und Jen 102
XI. Kapitel: Ukus Nacht mit dem Elfen 122
XII. Kapitel: Traule 133
XIII. Kapitel: Der Maikäfer 153
XIV. Kapitel: Das sterbende Kind 167
XV. Kapitel: Der Fuchs 176
XVI. Kapitel: Die Elfennacht 202
XVII. Kapitel: Das Reich 223
XVIII. Kapitel: Der Abschied 252
Erstes Kapitel
Die Waldwiese
[Illustration]
Bei der Waldwiese, auf der alten Linde, die sich noch kaum belaubt
hatte, saß Kuno, der Star, vor Sonnenaufgang und putzte sich im
Frühlicht. Seine Brust glänzte schwarz und golden, er war ein prächtiger
Vogel.
Unten am Traulenbach, der unter der Linde dahinfloß, lief Onna, die
Bachstelze, im Sand am Wasser dahin zwischen den jungen Trieben des
Schilfs.
»Hallo!« rief Kuno, »hören Sie auf zu wippen, Madame, ich bin
angekommen, verstehen Sie? Es wird Frühling!«
Die Bachstelze machte halt und sah hinauf.
»Ach so, ein Star,« sagte sie, »Stare gibt's genug.«
»Aber wenige, wie ich einer bin! Übrigens bin ich erst kürzlich
angekommen, eigentlich zu früh, verstehen Sie?«
»Ich versteh schon«, gab Onna zurück. »Sie wollen doch nicht etwa hier
nisten?«
»Hier? Wo denn? In der Linde? Zwischen Krähen, Eulen und Eichhörnchen,
oder gar in Ihrer Nähe? Sie haben eine Ahnung, Madame. Aber ich habe mir
gleich gedacht, daß Sie nichts verstehen. So sitzen Sie doch wenigstens
still. Mein Gott, ist das ein Tag!«
»Sie sind einfach unverschämt«, sagte Onna ärgerlich.
»Ach, denken Sie sich,« rief Kuno erstaunt, »das haben verschiedene
Leute schon oft behauptet, ich kann mir gar nicht recht ausmalen, wie
solch ein Gerücht hat aufkommen können. Die Leute sind heutzutage
geradezu auf böse Nachrichten aus. Merkwürdig. Aber ein Tag ist das
heute, nicht wahr?«
»Meinetwegen«, meinte Onna und wollte weiter.
»Warten Sie,« rief der Star, »und reden Sie nicht immer; dabei kommt ja
kein Wesen zu vernünftigen Worten. Was haben Sie da eben gegen den
Frühling gesagt? Es ist sonderbar, wie geschwätzig ihr Waldvögel werdet,
wenn kaum einmal etwas Frühlingssonne durch die Wolken gesehen hat. Da
traf ich eben im Schlehdorn einen Mistfinken, und der Kerl sagte zu mir,
er sei ein Goldspatz. Wissen Sie, ich könnte mich totlachen über solche
Leute. Er meinte, seine ganze Familie sollte ihren Namen ändern, und
dann flog er auf den Misthaufen zurück, der Goldspatz, verstehen Sie?«
»Soll er Sie etwa um Erlaubnis fragen?«
»Der Schlehdorn blüht schon,« sagte der Star nachdenklich, »haben Sie
einmal mitten in diesem reinen Blütenlicht gesessen, so recht mitten
darin, womöglich bei Sonnenschein? Ich sage Ihnen, Madame... aber Sie da
unten in Ihrem Morast sind ja eigentlich nur dem Namen nach ein Vogel.
Doch jetzt halten Sie mich nicht länger auf, ich muß fort.«
Und er machte einen kleinen Sprung und segelte schnurgerade über die
Saatfelder dahin, auf die Wohnungen der Menschen zu. Ein kleiner dürrer
Ast brach ab und fiel nieder ins Moos, mitten zwischen die Anemonen, die
noch nicht erwacht waren.
Die Bachstelze wollte sich zuerst noch längere Zeit ärgern, aber dann
dachte sie: Es hat nicht den geringsten Wert. Erstens ist dieser Narr
doch jetzt fort, und zweitens beginnt ein geradezu fabelhafter
Frühlingstag. Sie atmete die kühle Luft ein, die von den Bäumen her über
die Waldwiese zog. »Erdgeruch, Veilchen und Tau,« sagte sie, »und dabei
eine Frische, die man nicht glauben würde, wenn man sie nicht durch den
ganzen Körper bis in die Flügelspitzen spürte.«
Und sie wippte wiederholt auf ihre ungemein zierliche Art und eilte
bachaufwärts davon, durch die jungen Sprossen des Schilfs und der
Primeln.
* * * * *
Bald darauf stieg die Morgensonne am Frühlingshimmel empor, und die
Anemonen wiegten sich sanft im Wind, der kühl und unsichtbar, nach
Windesart, aus den Zweigen der großen Linde niederzusinken schien. Die
Gräser wurden wach, fröstelten ein wenig unter den winzigen Tauperlen,
die zu vielen Tausenden an ihnen hingen, und rasch verbreitete sich die
Nachricht unter den Erwachenden, daß es ein heller Sonnentag werden
sollte.
Man muß nun wohl bedenken, daß ein Tag den Pflanzen viel mehr bedeutet
als den Menschen, denn das Leben der meisten ist kürzer bemessen, als
das der großen lebendigen Geschöpfe, es gibt unter ihnen sogar viele,
die nur einen Tag lang blühen, sie erwachen in der Frühe, entfalten ihr
Blumenangesicht im heraufsteigenden Licht der Sonne, der Mittag des
Tages ist der Mittag ihres Daseins, und die hereinbrechende Nacht ist
das Ende ihres Frühlings. So erscheint den kleinen Pflanzen, auch denen,
welche länger leben, die Dauer eines Tages um vieles wichtiger und
bedeutungsvoller, als den Tieren oder uns Menschen. Ihre allerschönste
Zeit sind die Tage, in welchen sie blühen.
[Illustration]
Man merkte gleich, wie wichtig so ein warmer Frühlingstag ist, an der
Art, wie glücklich eine ältere Gänseblume sich langsam gegen das Licht
aufrichtete und zurückgelehnt den roten Schein aufnahm. Sie hatte
überwintert und war sehr erfahren. Es sah aus, als tränke ein durstiges
Wesen in vollen Zügen Wasser an einer Quelle. Dann rief sie den
erwachenden kleineren Blumen, die rund um sie her standen und alle von
ihrer Art waren, den Morgengruß der Blumen zu:
Alle, die wir Blumen sind,
bitten Gottes Segen,
daß uns Sonne, Tau und Wind
heute finden mögen.
Goldne Sonne, mach uns weit
deinen Strahlen offen,
wie auf deine Herrlichkeit
alle Wesen hoffen
Himmelswunder, kühler Wind,
Tau aus deinen Schwingen,
wiege unser Leben lind,
laß den Tag gelingen.
Es will hier gesagt sein, daß unter vielen Menschen die Meinung
verbreitet ist, daß die Pflanzen und Tiere keine Sprache hätten. Das ist
nun freilich insofern wahr, als die Sprechweise dieser Geschöpfe der
unsrigen nur schwer zu vergleichen ist, sie reden gewiß nicht auf
dieselbe Art miteinander, wie Menschen es tun. Aber daraus darf niemand
zu Recht den Schluß ableiten, daß alle diese Geschöpfe sich nicht auf
ihre Weise miteinander verständigten, ihre Sinne sind wohl anders
beschaffen, als die unsrigen, aber deshalb sind sie nicht weniger fein
und fügsam, nicht weniger klar oder eindringlich. So bedürfen die
Pflanzen, um miteinander zu verkehren, des Windes oder ihres Duftes und
vor allem der Insekten, die einen großen und weitverzweigten
Nachrichtendienst zwischen allen Blumen versehen, die alle Ansprüche,
Wünsche und Gedanken, ja sogar die feinsten und lieblichsten
Empfindungen, derer die Pflanzen fähig sind, auf wundervolle Art
vermitteln.
Es hat in der Vergangenheit Zeiten gegeben, in welchen der Glaube der
Menschen an die Sprache und die Stimmen der Geschöpfe der Natur
verbreiteter war, als es heute der Fall ist. Es muß daher gekommen sein,
daß vor Tausenden von Jahren die Menschen enger am Herzen der Natur
lebten, daß sie den Pflanzen dankbarer waren für ihre Früchte, den
Tieren für ihre Dienste und den Wäldern für das Obdach, das sie ihnen
gewährten. So hörten sie in frommer Andacht auf die Stimmen ihrer
Wohltäter und lauschten auf das Rauschen der alten Linden. Sie vernahmen
in der Stimme des Baums, die Stimme der Vergangenheit und der Zukunft.
Wir müssen uns wohl hüten, diese alte Weisheit rasch als ein Zeichen des
Aberglaubens zu verwerfen; alle, welche die Natur draußen kennen, werden
gerne gestehen, daß der Sonnenschein über weiten Wiesen oder das
Rauschen der Bäume im Wind das menschliche Herz ruhiger machen, besonnen
und frei. Wer sähe aber die Vergangenheit oder die Zukunft, oder auch
die Sorgen der Gegenwart nicht mutiger und gerechter an, wenn sein Herz
einer solchen Freiheit teilhaftig geworden ist? Auf diese Art war zu
manchen Zeiten ein Band tiefen Einvernehmens zwischen der Welt der
Menschen und der übrigen Geschöpfe der Natur geschlungen, und es ist nur
unser Verschulden, wenn wir verlernt haben, es zu erkennen.
Wenn ich euch nun so mancherlei aus dieser Welt erzähle, so übersetze
ich alles, was ich gesehen und gehört habe, in die Sprache der Menschen,
bis ihr einmal selbst hinausgeht, um die Sprechweise der Tiere und
Pflanzen zu lernen, und wahrscheinlich werdet ihr dann mehr und Besseres
erfahren, als ich euch erzählen kann, denn es ist nun einmal so in der
Welt bestellt, daß man von allem Schönen, das man erlebt, das Beste
nicht sagen, sondern nur empfinden kann.
Die meisten der wichtigen Ereignisse, die in diesem Buch erzählt werden,
haben sich auf der Waldwiese am Traulenbach abgespielt, dort wo die
tausendjährige Linde an der Grenze der Felder und des Laub- und
Föhrenwaldes steht. Es ist ein von den Menschen fast ganz vergessener
Ort, nur im Frühling oder im Herbst kommt ein Landmann in die Nähe
dieser Waldwiese, wenn er seine Äcker besät oder pflügt, und alle Jahre
vielleicht einmal ein Jäger mit seinen Hunden, aber nicht einmal das ist
ganz sicher.
So hatten die Tiere des Waldes, die Bäume, Pflanzen und Blumen auf der
Waldwiese ein ruhiges Leben auf ihre Art, das nicht von Menschen gestört
wurde. Die meisten von ihnen kannten nur den Wind, den Sonnenschein und
den Regen, außer dem dunklen Erdboden, dem sie vertrauten. Sie hörten
wohl durch die Bäume oder Vögel von den Menschen, auch kam es vor, daß
an schönen Abenden die Linde aus ihrer an Erlebnissen reichen
Vergangenheit erzählte, aber die wenigsten von ihnen hatten den Menschen
überhaupt jemals gesehen.
Zweites Kapitel
Die Ankunft des Elfen
Es mochte nach der Zeitrechnung der Menschen zwischen Pfingsten und
Ostern sein, als im Frühling dieses gesegneten Jahres ein niegesehenes
Ereignis die Bewohner der Waldwiese in Erregung und Entzücken versetzte.
Es war an einem unbeschreiblich hellen Sonnenmorgen, das Land duftete
vom Regen der Nacht, und die Frische war so beseligend im Licht, daß die
Freude aller Lebendigen wie ein einziger Jubel durch den Wald hallte.
Über den Primeln in der Lichtung und über den blauen Sternen der
Leberblumen sang eine Grasmücke, sie war ganz in ihr Lied versunken, ihr
Kopf war voll Hingabe in das blaue Glänzen des Himmels erhoben, und es
sah aus, als wäre sie ganz verzückt von Daseinslust. Ihr Lied klang
unter den hellen Schleiern des jungen Buchengrüns dahin, das von der
Sonne wie Gold leuchtete, und zwischen den Stämmen der Tannen ließ die
Ruhe der Waldeinsamkeit die Töne in ihre dunklen Tore einziehen. Nah und
fern, überall, wo es grün und hell war, zwitscherte und jubilierte es,
kein Wesen war in der Lage, traurigen Gedanken nachzuhängen. Und über
dem Frühlingsglück der Ihren zog die strahlende Sonne hoch im Blauen
ihre Gnadenbahn.
Es war ein Tag, ach, wer vermag so viel Überschwang zu fassen?! Überall
blühte es, tief unten im Tau trieb das Moos am Boden seine
smaragdgrünen, dichten Wäldchen, und in den Baumwipfeln öffnete sich
Blüte neben Blüte in der Sonnenfreiheit.
Als die Grasmücke, nachdem sie ihre Lieder beendet hatte, sich in den
Waldgrund niederließ, um nach einem Morgentrunk Umschau zu halten, traf
sie den Maulwurf an einer Baumwurzel im Eingang zu seinem unterirdischen
Höhlenbau.
»So ein Tag lockt sogar Sie heraus, wie?« fragte sie freundlich, trat
aber doch etwas zur Seite, man weiß nie recht, bei so einem Maulwurf ...
Der Alte schüttelte den Kopf und blinzelte:
»Die Wärme,« sagte er, »die Wärme ist mir bisweilen ganz recht, aber
dieses Übermaß an Licht kann mir gestohlen werden. Kommen Sie einmal mit
herunter, meine Liebe, treten Sie ein! Sie werden Wunder an
Behaglichkeit erleben. Alles ist dämmrig, kühl und still, und dabei von
einer Gleichmäßigkeit der Temperatur, daß man gedeiht wie ein Kürbis.
Dabei brauche ich nicht hinter jeder Fliege oder Mücke herzujagen wie
Sie, Würmer und Engerlinge dringen sozusagen von selbst in meine Gänge
ein, morgens liegen sie da und warten, daß sie gefressen werden. Das
nenne ich so recht ein Leben nach dem Herzen Gottes.«
»O pfui Teufel«, sagte die Grasmücke und lachte. »Aber so sind Sie,
genau wie ein Maulwurf. Wenn ich Sie nicht schon länger kennte, würde
ich überhaupt nicht mit Ihnen reden, an Sie muß man sich erst gewöhnen,
verstehen Sie? Ach, wenn Sie Einsehen hätten, aber Sie sind verbohrt,
das kommt von Ihrer langweiligen Beschäftigung, sonst würde ich Ihnen
erklären, wie man lebt, um glücklich zu sein. Vor allen Dingen muß ein
Haus gegen den Himmel geöffnet sein, das ist die erste Vorbedingung für
ein heiteres Herz. Glauben Sie, wir Vögel würden so viel singen, wenn
wir nicht Wohnungen hätten, die weit gegen den Himmel offen sind?«
Der Maulwurf blinzelte, und sein breiter Grabfuß, der innen rosa gefärbt
war, scharrte die Erde ein wenig beiseite.
»Bilden Sie sich etwas auf Ihre Nester ein?« fragte er, ehrlich
erstaunt. »Wer hätte das für möglich gehalten! Wenn Sie das meine nur
einmal erblickt hätten, würden Sie vor Neid und Mißmut Ihre Eier künftig
ins Gras legen. Was tun Sie denn viel? Sie tragen ein paar dürre Äste
zusammen, Heu, bestenfalls ein Pferdehaar, Gerümpel sozusagen, werfen
alles durcheinander und hocken sich mitten hinein. Hinterher zu sagen,
der Himmel schiene hinein, ist nicht schwer, denn was bleibt dem Himmel
anderes übrig? Er ist jeden Tag da, regnet oder leuchtet, und es ist ihm
wahrscheinlich höchst gleichgültig, ob er Ihren Hausrat an einer Stelle
oder an verschiedenen Orten am Boden zerstreut bescheint. Und deshalb
meinen Sie nun, Sie müßten singen? So sind also Vögel! Gut, daß ich es
endlich weiß.«
»O du lieber Gott, Sie Maulwurf«, sagte die Grasmücke, ganz betroffen
von so viel Einseitigkeit der Betrachtung. »Aber wer wird sich die Mühe
machen, einen solchen halbblinden Popanz zu überzeugen, der überall nach
Schmutz und Schlamm sucht, nur um seine Nase hineinbohren zu können. Was
tun Sie denn eigentlich sonst? Sie suchen nach schwarzem Unrat, und dann
immer hinein, immer hinein! Wenn Sie möglichst fest drin sitzen, so
sagen Sie, Sie lebten nach dem Herzen Gottes!«
»Sie wissen nicht, was Erde ist«, antwortete der Maulwurf freundlich und
langsam, lächelte und strich sich über den Bauch. »Sie wissen es nicht,
Sie windiges Federvieh. Wer sich in der Luft herumtreibt, muß
notwendigerweise leichtsinnig und haltlos werden. Nicht einen einzigen
Gang haben Sie, der Ihnen gehört, den Sie kennen. Hierhin, dorthin, wie
es Ihnen in den Sinn kommt, und abends sitzen Sie da und wissen selbst
nicht, wozu dieses ungeregelte Geflatter eigentlich stattgefunden hat.«
Es zog ein Duft herüber vom Abhang, irgendwo mußte ein Waldstrauch
aufgeblüht sein.
Ein paar Tiere hatten sich um die Streitenden versammelt, Li, das
Eichhorn, Josa, die Ringelnatter, und von der Dolde einer eben erblühten
Schafgarbe schauten ein paar Käfer hinüber und amüsierten sich über den
Streit, der andauerte und ebenso erregt wie heiter wurde, aber plötzlich
verstummten die lachenden und eifrigen Stimmen eine nach der anderen,
obgleich zu Anfang noch niemand recht wußte, was eigentlich geschehen
war.
Hinter einem großen alten Baumstumpf hervor fiel aus dem Waldschatten
ein Lichtschein, der nicht von der Sonne kam, aber trotz ihres Lichtes
hell schimmerte. Dieser Glanz war es, der die plötzliche Stille mit sich
brachte, dies Schweigen eines tiefen Erstaunens, in das alle
versammelten Tiere fielen. Sie wandten ihre Augen in großer Verwunderung
eins nach dem andern diesem Leuchten zu, und ihnen ward so seltsam
zumut, daß manchem das Herz laut und hörbar in der Brust klopfte.
Da erkannten sie einen kleinen, kleinen Menschen, der blaß und still
mitten in diesem Leuchten stand und seine Arme emporhob, als ob er ihnen
mit Angst und einer Bitte nahte. Er war kaum so groß wie die Feldblumen
am Wiesenrand. Sie erkannten, daß zwei helle Flügel seine Schultern
überragten, so weiß wie Schnee und von großer Zartheit, so daß sie in
dem sanften Windzug erzitterten, der über die winzigen braunen Wäldchen
der Moosblumen zog. Der ganze Körper dieses wunderbaren Wesens war
durchschimmert von Licht und schien viel eher zu schweben, als zu
schreiten, aber es war kein Zweifel, ein lebendiges Wesen kam auf sie
zu, mit großen Augen, wie zwei Sterne.
Das Erstaunen und das Entzücken der Waldwiesenleute läßt sich nicht
schildern und, o Wunder, nicht nur die großen und kleinen Tiere, nein
auch die Sträucher und Blumen, ja die kleinsten Pflanzen erschauerten
bis tief in ihre Seelen vor dieser reinen Lichtgestalt, die wie ein
kleiner Engel unter sie trat.
Nun wußten wohl manche der erfahrenen Geschöpfe, daß dies nur ein
Blumenelf sein konnte, aber ihre Verwunderung wurde darüber nicht
geringer, denn die Blumenelfen leben nur des Nachts, für wenig Stunden,
in denen der Mond sie weckt, und wer wüßte nicht, daß sie mit der
heraufsteigenden Sonne sterben müssen und im Morgentau zerfließen, damit
die Blumen sie wieder in ihre Kelche nehmen können? Es war nie gehört
worden, soweit die ältesten Tiere zurückdenken konnten, daß am Tage, im
Sonnenlicht, ein Blumenelf erblickt worden wäre, und selbst die Linde,
die schon viele hundert Jahre lang die Erde kannte, rauschte
geheimnisvoll auf, und es erklang über alle die betroffenen Seelchen hin
aus ihrer Höhe:
»Ein Wunder geschieht, ihr Lieben, ein Wunder!«
Die Geschöpfe des Waldes standen ratlos da, ohne daß eines von ihnen
gewagt hätte ein Wort zu sagen. Andere kamen aus ihren Schlupfwinkeln
hervor und starrten fassungslos hinüber, alle Furcht voreinander
vergessend, es dachte aber auch wirklich jetzt niemand daran, einem
anderen ein Leid zuzufügen.
Da sagte das kleine Menschenwesen zu den Tieren:
»Erschreckt euch nicht, ich bin nur ein Blumenelf. Ich habe mich
verflogen und kann nicht mehr in meine Heimat zurück. Erlaubt mir, daß
ich bei euch bleibe.«
Die Bewegung unter den Waldwiesenleuten war unbeschreiblich. Sie hatten
alles eher erwartet, als diese einfache und bescheidene Bitte, und waren
ratlos vor lauter Verlangen, dem Elfen ihr Entgegenkommen und ihr
Wohlwollen zu zeigen. Da ließ sich aus einem Lindenast, dicht am Stamm
im Schatten, die Stimme der alten Eule Uku vernehmen, die durch dieses
Ereignis trotz der Tageshelle aus ihrer Baumhöhle getreten war.
»Preist euch glücklich,« rief sie laut, »ein Elf will bei euch wohnen!
Glaubt mir, daß mit ihm nur Freude bei uns einkehren wird, und seid
liebreich zu ihm.« Hierauf wandte sie sich an den Elfen selbst und fuhr
fort. »Sei uns willkommen und wohne bei uns auf der Waldwiese, wo du
willst und solange du magst. Es wird keiner unter uns sein, der dir
nicht gerne gefällig ist, wir sind sehr erfreut, daß du Wohnung bei uns
nehmen willst, und es ist auch recht schön hier, das kann man ohne
Übertreibung wohl sagen.«
Die alte Uku galt als sehr weise und genoß hohes Ansehen auf der
Waldwiese. Aber es hätte ihrer Fürsprache kaum bedurft, denn alle Tiere
waren sich darüber einig, daß dem lieblichen Lichtwesen, das unter sie
getreten war, ein herzlicher Empfang bereitet werden müßte. Nach Ukus
Worten war die Befangenheit der Überraschten ein wenig gewichen, sie
drängten sich herzu, jeder mit einem Vorschlag oder mit einem Angebot,
und die Wiesenblumen begannen ihr feines Läuten im Windhauch, kurz, es
war niemand da, der nicht in freudiger Erregung in Ukus Meinung
einstimmte.
Der Elf nahm diese Freundlichkeiten mit einem Dankeslächeln auf, das
alle aufs tiefste rührte, denn sie wußten, daß ein Elf nicht zu bitten
braucht, wer kannte nicht die Macht der Blumenelfen?! Wohl erschien es
ihnen, als habe er das Reich seiner Macht, die ungewisse Nacht,
aufgegeben, aber wer konnte wissen, welches Vorhaben ihn bewogen hatte,
den hellen Tag und das Bereich der Sonne aufzusuchen? Jedoch ihre
Neugierde und ihre Zweifel sollten bald gestillt werden, und sie
erhielten Gewißheit über die Fragen, die sie beschäftigten, denn der Elf
erzählte ihnen seine Geschichte, nachdem er ihnen von Herzen Dank gesagt
hatte.
»Ich muß auf der Erde verharren,« begann er mit heller, trauriger
Stimme, »ich kann nicht in das freie Reich der Elfen zurückkehren wie
meine Gefährten, denn ich habe das Licht der Sonne erblickt, die kein
Elf sehen darf. Als ich in einer klaren Nacht der Lilie entstieg, die
mich geboren hat, wuchsen mir meine Flügel, die wir Elfen erhalten,
sobald wir den Willen haben, unsere Blume zu verlassen, um einem
anderen Wesen Glück zu bringen. Aber wir können dann nicht in die Blume
zurückkehren, sondern im Morgengrauen verwandelt das erste Licht uns in
Tau, und die Pflanzen nehmen uns auf, und unsere Seele kehrt ins
Elfenreich zurück. Aber das werdet ihr wissen, ihr Lieben.
In jener Nacht nun, in welcher ich erwachte, kam ein kleines geflügeltes
Tier zu mir, es war eine Biene, die Maja hieß, und die ihren
heimatlichen Stock verlassen hatte, um die Welt kennenzulernen. Sie
hatte den Wunsch, die Menschen zu sehen, wie sie am schönsten und
glücklichsten sind, und ihr wißt, daß wir Elfen Macht haben, den
liebsten Wunsch des ersten Wesens zu erfüllen, das uns in unserer
Lebensnacht begegnet. So flogen wir miteinander durch die helle Nacht
bis an einen Ort am Waldrand, wo in einer Laube, unter blühenden
Zweigen, zwei Menschen weilten. Es waren ein Mädchen und ein Jüngling.
Sie hatte ihren Kopf an seine Schulter gelehnt, und sein Arm hielt sie
umschlungen, als ob er sie schützen wollte. Sie saßen still da und
schauten mit ihren großen Augen in die Nacht.
Dort nun, ihr Lieben, geschah meinem Herzen das Wunder, um dessentwillen
ich heute unter euch erscheine, denn ich konnte meine Augen nicht mehr
von den Angesichtern der beiden Menschen abwenden. Im Himmelsschein der
stillen Nacht strahlte es von ihren Stirnen und aus ihren Augen, kein
irdischer Mund vermag das selige Heil zu nennen, in dem sie zu glühen
schienen. Ich erzitterte heiß, bis tief in die Gründe meiner Seele
hinab, ich versuchte diesen Glanz zu fassen, diese Wohltat und die
Freude dieser Gemeinschaft zu verstehen, aber mein Herz vermochte es
nicht. Ich fühlte, wie es sich dieser hellen Kraft des Irdischen zu
öffnen trachtete, aber zugleich empfand ich in unbeschreiblicher
Traurigkeit, daß dieses Erdenwunder des Glücks nicht mein Teil werden
konnte.
Und mehr und mehr erschien es mir, als ginge von der Seligkeit der
beiden Menschen eine immer größere Helligkeit und Wärme aus, ein Glanz,
der mich taumeln machte, und mich in eine schmerzhafte Verzückung
brachte, in der ich fast meine Sinne schwinden fühlte, und die doch wie
ein barmherziges Wunder in meine Seele einzog. Was geschieht mir nur,
dachte ich, was soll ich erleben?! Was gibt es noch auf dieser fremden
Erde, was ich nicht gewußt habe?
Da traf es plötzlich meine Stirn wie ein lautloser Donner, ich werde es
euch niemals schildern können, ihr Lieben, aber mir war, als ob eine
unerhörte Lebensgewalt mich in ihre Wirbel risse und ins Unendliche
dahinschleuderte, meine Augen waren geblendet, ich schrie laut auf und
taumelte in die Blüten, die naß vom Tau waren.
[Illustration]
Da erkannte ich ein gewaltiges rotes Feuer am Horizont, das überall
tausendfältig widerstrahlte, die ganze Natur umher brach in einen
befreiten Jubel aus, ich hörte fremde Stimmen, die mich erschreckten und
doch zugleich in die Seligkeit ihres Freudenrausches fortrissen, und da
wußte ich, daß die Sonne aufgegangen war, daß ich die Sonne gesehen
hatte und nicht mehr in meine Elfenheimat zurückkonnte!«
Der Elf schwieg und verbarg sein Angesicht. Es herrschte tiefe Stille
umher, denn alle Geschöpfe, die ihn angehört hatten, sahen in großer
Ergriffenheit und wortlos auf seine helle Gestalt und auf seinen
goldhaarigen Scheitel nieder, der milde erglänzte, und von dem eine
unbeschreibliche Wehmut ausging.
Da fuhr der Elf fort zu erzählen, und seine feine Stimme zitterte vor
Ergriffenheit.
»Ihr wißt nicht, ihr Lieben, was Augen, die niemals die Sonne gesehen
haben, ihr strahlender Aufgang am Himmel bedeutet! Ihr feuriger Glanz,
ihre himmlische Allmacht betäubten mich und ich verlor die Besinnung,
bis ich nach einer Weile, deren Dauer ich nicht zu sagen vermag, von
einem neuen, unfaßbaren Leben erwachte, das wie in warmen Goldbächen
meinen ganzen Körper durchrieselte. Als ich die Augen aufzuschlagen
wagte, fand ich mich unter Blumen auf dem Erdgrund liegen, und der
Sonnenschein überflutete mich über und über, lange lag ich so still und
konnte die Wohltat nicht fassen, die mein trauriges Gemüt zu einem ganz
neuen Glück überredete, mein Herz schwankte in großer Angst und
unnennbarem Entzücken und mir war, als wollte es tief aus dem Grund
meiner Seele hell und brennend in die Augen brechen.«
Als der Elf bei diesen Worten eine Pause machte, konnte ein Waldvogel,
der ihm von einem Lindenzweig aus in atemloser Spannung gelauscht hatte,
nicht länger an sich halten, und nun rief er laut:
»Vertrau' der Sonne, lieber Elf! Es ist unsagbar schön in der
himmlischen Sonne!«
Und wie eine Antwort auf diesen Ruf, erklang es tausendstimmig von allen
Geschöpfen umher. »Es ist herrlich in der himmlischen Sonne!« Als ein
einziges, jauchzendes Rauschen ging es durch den Blätterwald, durch die
Gräser und Blumen hin, und es war auch nicht ein Tier, das nicht in
überzeugtem Glauben in dieses Lob der Sonne einstimmte.
Aber das Lächeln, mit dem der Elf den Geschöpfen dankte, war bei allem
Glück seiner Erwartungen doch von so großer schmerzvoller Traurigkeit,
daß die alte Uku nachdenklich ihren Kopf schüttelte. Sie war in der Tat
ein weiser Vogel, und sie verstand das Elfenkind.
»Hast du Heimweh nach deinem verlorenen Reich?« fragte sie herzlich.
Da sah der Elf zu ihr auf und nickte.
»Die Liebe hat dich an die Erde gebunden,« sagte Uku, »sie wird dich
wieder lösen, Elfenkind.«
Erstaunt sah das kleine, helle Menschenwesen zu dem großen Vogel auf.
»Es ist wahr, was du sagst,« antwortete er, »aber die Liebe, die mich
erlösen kann, muß weit größer sein als die, durch deren Schönheit ich
meine alte Heimat verloren habe, das ist ein uraltes Gesetz des
Elfenreichs, ach, traurig ist es, die Heimat zu verlieren! Wie soll ich
jene Liebe finden, wann wird sie mir begegnen?«
Da schwieg Uku und sah sinnend in die helle Weltweite. Aber allen Tieren
umher war, als müßten sie etwas tun, um dem Elfen seinen Aufenthalt auf
der Waldwiese so angenehm wie möglich zu machen. Mit großem Eifer und in
schöner Gemeinschaft machten sie sich ans Werk, ihm unter einer
mächtigen Wurzel des Lindenbaums aus Moos und Federn eine kleine
Wohnstätte herzurichten, sorgsam vor dem Regen geschützt und gegen die
Morgensonne zu geöffnet.
Und der Elf nahm zu ihrer Freude ihre Gabe an und versprach, bei ihnen
zu bleiben.
Drittes Kapitel
Die Frühlingsnacht
So war nun ein Blumenelf, ein Wunderwesen der Sommernacht, durch das
Begebnis, das ich erzählt habe, verbannt worden, auf der Erde der
Menschen, Tiere und Pflanzen zu leben. Auf dieser Erde, auf der auch wir
für kurze Zeit zu unserer Bewußtheit erwacht sind, dieser Erde der
grünenden Fluren, der Wasserläufe, der Berge und Täler, der Tage und
Nächte.
Da es sonst den Elfen bestimmt ist, nur für ein paar Nachtstunden im
Mondschein aus ihrem Blumenbett zu erwachen, so erfahren sie von der
Erde selbst und von allem Irdischen nur wenig; in blauen Nachtbildern,
die vom Himmelssilber glänzen, prägt sich diese Welt des Wirkens und der
Leiden nur flüchtig in ihre Seele ein, und mit einem fragenden Lächeln
versinken sie beim hereinbrechenden Morgen aufs neue in ihren
Weltenschlaf. Im Tau, im Frühlicht, trinken die Pflanzen ihre zarten
Seelen, und der Wandel der Natur nimmt ihre durchschimmernden Körperchen
auf, wie Nebel sich in der Sonne verflüchtigt.
Die Menschen sehen die Elfen nur selten, zuweilen begegnen sie Kindern,
aber zumeist nur im Traum, oder ungesehen, wie auch die Engel, die nur
von denen erkannt werden, die sie lieben und an sie glauben.
Die Elfen haben große Ähnlichkeit mit den Engeln, aber sie sind wie
Kinder und haben von Haus aus keine Beziehungen zum Reich der Liebe, und
nicht die Allmacht der himmlischen Engel. Aber darüber soll in diesem
Buch noch vielerlei gesagt werden, es ist in der Tat ein großes Ereignis
gewesen, daß ein Elf die Erde im Sonnenschein kennenlernte, wunderbar
hat ihr Lebensglanz auf sein Herz und Wesen eingewirkt, es hat ihn
langsam den Irdischen gleichgemacht und ihn in ihr Bereich der Freude
und der Schmerzen gezogen.
Mitten im Frühling waren die Sinne des Blumenelfen zu seiner irdischen
Reise erwacht, zugleich mit den Seelchen unzähliger Blumen und Blüten
und in Gemeinschaft mit der erneuten Daseinslust aller Tiere und
Menschen. Täglich kamen nun neue Vögel und vierfüßige Tiere auf der
Wiese an, es war sehr schwer, ihre Gestalt und Eigenart rasch zu
begreifen, täglich brachen neue Blumen auf, und die Farben und Düfte im
Sonnenschein oder im Regen überwältigten zu immer neuem Glück. Wäre den
Seelen der Elfen nicht eine tiefe Ahnung vom Wesen alles Lebendigen
eigentümlich, so hätte sicherlich sein Herz der Fülle der Eindrücke
nicht ohne Verwirrung standgehalten.
Ein heimliches Brennen in den Tiefen seiner Brust führte ihn langsam
allem näher, was er erkannte. Er wußte noch nicht, daß es Liebe war, die
wie ein stilles Licht in den Kammern des Herzens emporglühte, aber er
empfand, daß diese brennende Süßigkeit der Hoffnung und des Heimwehs
nach Gemeinschaft seine Führer und seine Freude wurden. Ihm war, als
leitete dies hilflose Weh in der Tiefe ihn dem Licht immer näher, dieser
unfaßbaren Fülle, die die ganze Erdoberfläche erstrahlen ließ. Dies
Glühen des Verlangens war es, das ihn sehen und lauschen lehrte, so daß
er alle Stimmen um sich her verstehen lernte, und er erkannte, noch wie
in einem Traum, daß dies heiße Begehren seiner Brust nach Zugehörigkeit
das eine, große, treibende Element des Lebendigen um ihn her war.
In träumerischem Staunen schritt er dahin, lernte den Tag und die Nacht
begreifen und erbebte vor Glück über ihre Treue. Er sah die Sternbilder,
die er wie aus ferner tiefer Erinnerung einer anderen Jugend
wiederzuerkennen glaubte, strahlen, wandern und singen und doch immer
gleichbleiben, er begriff den hohen Himmelsweg des Wassers, das die
Sonne aufsaugte und das die Wolken den Irdischen zurückgaben, und liebte
über alles den Himmelswiderschein im Tau. Am meisten aber beseligte ihn
die gewaltige Sonne, ihre Gnadenbahn im Blauen, ihre Milde und Fülle,
ihre unaussprechliche Freigebigkeit. Ihren Glanz und ihre Wärme liebte
er in betörend hingebender Demut, sein Vertrauen zu ihr war so groß, daß
schon der kleinste Lichtblick ihrer Herrlichkeit ihn wie in einen Rausch
von Zuversicht versetzte.
Oft konnte er stundenlang dasitzen und in den Tannenwald schauen, durch
dessen hohe, gerade Stämme das Sonnenlicht auf das Moos sank und überall
helle Inseln von strahlendem Goldgrün zurückließ. Die Lichtflecke
rührten sich nicht, der Waldboden sah wie ein stiller Teppich mit
strahlenden Ornamenten aus. Aber hoch oben in den Kronen rauschte es in
einer gewaltigen Lebensmelodie im Frühlingswind, als zögen himmlische
Heerscharen im Goldrauschen ihrer Gewänder darüber hin. Dieses Rauschen
der Baumkronen verwandelte sein Herz in einen einzigen schimmernden
Traum, ihm war, als erklängen darin die ewige Heiterkeit der freien
Bewegung und zugleich die Schwermut der irdischen Fesseln.
Als er eines Nachts, nachdem er schon manchen Tag auf der Wiese wohnte,
erwachte, lockte der Mondschein ihn aus seiner grünen Höhle im Moosgrund
in die Stille der strahlenden Nacht empor. Am Bach waren die Lilien
aufgeblüht, sie leuchteten wie Schnee über dem dahinziehenden Wasser, es
war still und kühl und schon nahe dem Morgen, die Stimmen der Nachttiere
waren verstummt.
Es war Halbmond, aber sein Licht schien so klar, daß die Sterne in
seiner Nähe nur blaß schimmerten, die Erde umher duftete von Nässe, denn
es hatte am Tag vorher geregnet. Als der Elf sich auf einen niedrigen
Zweig der Linde setzte, fielen ein paar große Tropfen ins Gras nieder,
auf ihrem kurzen Weg zur Erde blinkten sie auf, kleine durchschienene
Kugeln, sie trugen Mondlicht durch die Luft und Glanz und Frische.
Der Elf sah dem fallenden Wasser nach und dachte an die Pflanzen, die es
im Schlaf trinken würden. Wenn die Erde die hellen Tropfen aufnimmt,
sann er, so kehrt das Licht zum Himmel zurück. Der Gedanke beschäftigte
sein Gemüt, er rührte die Blätter in seiner Nähe an und sah zu, wie die
fallenden Tropfen, erfüllt von Licht, die Pflanzen tränkten. Die
Waldtiefe schimmerte schwarz wie Teer, nur die ersten Stämme waren vom
Mond beschienen, und zwischen ihnen zogen sich Lichtstreifen in die
stille Finsternis hin. Gibt es auf der Erde ein Fleckchen, so groß wie
meine Hand, dachte er, auf dem nicht Leben schlummerte? Überall, wo
Leben pocht, da glüht ein kleiner Lichtherd, eine Stätte, wo das Licht
einmal in Verlangen erwartet und empfangen wird, wo es beglückt und
zurückstrahlt. Nichts hat so viele Heimatrechte auf der Erde, wie das
Licht.
[Illustration]
Die Luft wurde von einem Surren erfüllt, das kaum vernehmlich zwischen
den schwarzen Stämmen begann, langsam anschwoll und nun beinahe drohend
und feierlich über ihm dahinzog. Es war ein großer Wasserkäfer, der sich
ein neues Gewässer suchte, um dort den Tag zu verbringen. Wie mag es ihm
in der silbernen Dunkelheit und in der Ruhe der Luft behagen, dachte der
Elf und sah ihm nach. Es wurde wieder still, dicht neben ihm glitzerte
ein Tropfen so hell wie ein Diamant, fast wurden seine Augen geblendet,
der Mond spiegelte darin, wie in geschliffenem Glas, aber es wurde
darüber umher nicht heller, hinter ihm war die Nacht so schwarz wie
Kohle. Der Tropfen behielt das Licht, es kreiste in seinem kühlen Rund,
in freier Klarheit entstand eine unbeschreiblich erstrahlende kleine
Welt für sich.
Vielleicht leben auch in ihr Geschöpfe, dachte der Elf, halten die
Sekunden ihrer Zeit für ein langes Dasein und empfangen unser
Himmelslicht in eigenen Lichtherden, aus denen es als Freude
widerstrahlt.
Der Tropfen sank und erlosch in der Finsternis am Boden.
Dem Elfen kamen die Schwalben in den Sinn, die er bis in die Stunde des
sinkenden Abendlichts in schwindelnder Himmelshöhe hatte fliegen sehen.
Eine von ihnen war am Tage mit ihm bekannt geworden, sie hatten sich auf
dem Felde getroffen, wo der Vogel am Erdboden Lehm für sein Nest suchte,
und die Erzählung der Schwalbe war wie ein strahlendes Bild der fernen
Welt in sein Herz gesunken.
Wie mag euch Schwalben die Erde erscheinen, die ihr bewohnt, dachte er
nun in der Erinnerung ihrer Worte, wie anders werdet ihr sie kennen und
empfinden als ein kleines Bodentier des ebenen Feldes, oder als der
Mensch. Eure Reise nach dem Süden führt euch Jahr für Jahr über das
schimmernde Meer, über welchem, wie über einer unabsehbaren, runden
Silberfläche, die Sonne rot aufwacht, ihren hohen Strahlenweg geht,
einsam über dem tausendfältigen Glitzern, und am Abend langsam, feuerrot
in ihr helles Bett sinkt. Dann fliegt ihr allein über der großen Ebene,
das Wasser sieht wie flüssiges Eisen aus, der Himmel im Westen wie
durchscheinendes Glas und im Osten kalt und blau, im Wehn der
herannahenden Nacht. -- Wie schön die Schwalbe erzählt hatte.
Seid ihr nicht viel mehr als alle, seid ihr nicht am glücklichsten, ihr
Menschen, fuhr er in seinem Sinnen fort. Ich lebe unter Tieren und
Pflanzen und kann euch nicht erscheinen, aber es zieht mich zu euch,
stärker und freier als in jener ersten Nacht, in welcher ich euch
erblickte und euer Glück verstand. Ihr Sonnenmenschen, ihr Gesegneten,
die ihr geschickt seid, alles, alles zu empfangen! Was macht euch so
reich an Frohsinn und Betrübnis, ich möchte den Grund der Quellen in
euch kennen, aus denen die jauchzenden Lichtgarben eures Lachens
entspringen und das schwermütige Geheimnis der Tränen. Wieviel Sagen von
eurer Herrlichkeit und eurem Elend kennt die alte Welt!
Wie aus tiefer Kindererinnerung stieg über solchen Gedanken in der Seele
des Elfen eine Ahnung empor, als habe er schon zu einer anderen Zeit
alles gewußt und alles erfahren. Die Seele ist so alt wie die Welt,
dachte er, sie wird zur Erde geboren, um wieder jung zu sein. Aber kaum
glaubte er sich einer Gewißheit zu erfreuen, da zog es aus blauen Tiefen
heran wie Wolken, und ihn befiel eine Traurigkeit, so daß er sich aus
dem Bereich der Ahnungen und Gedanken in die Welt der Erscheinungen
zurückflüchtete.
Leben, o schönes Leben auf der Erde, dachte er. Ihm war zumut, als sei
er ein Geschöpf aus fremden Regionen der Welt, das nur träumte, es lebte
auf der Erde unter ihren Wesen. Es lag am geheimnisvollen Weben der
Nacht, daß alles ihm unaussprechlich wunderbar vorkam, und er sprach
leise vor sich hin, wie Leute, die viel allein sind, es bisweilen tun,
und sagte:
»Es muß an meiner Herkunft liegen, und weil ich ein Fremdling bin, daß
ich alle Erscheinungen, die mir begegnen, so groß, so schön und
sonderbar empfinde. Wer in seiner Kindheit als ein Geschöpf seiner
irdischen Eltern unter seinesgleichen erwacht, der wächst in seiner
Umgebung empor, ohne daß ihn dies selige Erstaunen befällt, das immer
und immer wieder mein Gemüt erschüttert. Anderen werden alle Dinge
langsam vertraut, sie gewöhnen sich auch an das Schönste und nehmen es
wie ihr selbstverständliches Recht hin. Sie haben sichere Augen und
gleichmütige Gedanken, die Erde ist ihre Heimat, und sie wundern sich
nur über den Tod, obgleich er das einzige ist, was sie bestimmt wissen.
Alle Geschöpfe, die ich kennengelernt habe, haben mehr Zuversicht und
ein größeres Vertrauen der Zugehörigkeit als ich, aber weniger
Entzücken. Es muß daran liegen, daß sie die Erde längst gewohnt sind,
aber ich kann mich nicht in ihre Wunder finden, denn ich bin niemals mit
unbewußten Sinnen durch ihr blühendes Tal geschritten. Als ich die
Sterne zum erstenmal sah, wußte ich, daß es die Sterne waren, ich
erkannte das erste Lachen, das ich vernahm, aber es war meinen Lippen
fremd, und der erste Sonnenschein überwältigte mich zu unnennbarem
Glück. Auf die Anderen aber haben die Sterne schon niedergesehen, ehe
ihre Augen sie erkennen konnten, Tränen sind wie Tau auf sie
niedergetropft, Tränen der Freude oder des Schmerzes, und sie haben
nicht gewußt, was sie bedeuten, ihnen ist alles vertraut geworden, bevor
sie es erkannten, vielleicht sind sie viel glücklicher unter den
Wohltaten ihrer Heimat, die sie blind, ohne Gedanken, hingenommen haben.
Es ist gut so, die Pracht der Erde ist so groß, daß ein Mensch sterben
müßte, wenn ihre Gewalt eines Tages plötzlich über ihn hereinbräche.«
Während in dieser stillen Frühlingsnacht sein Herz auf solch seltsame
Wanderschaft ging, überkam ihn plötzlich im Wandel von Andacht und Sorge
ein geheimnisvolles Erzittern, und er mußte seine Arme ausbreiten, als
gälte es, eine liebreiche Fülle zu umschlingen, und er verstand nicht,
wie ihm geschah. Er mußte an die beiden Menschen denken, die sich in der
Sommernacht seines Erwachens umarmt hatten, an alle Blüten, an alle, an
die Sonne über den Wiesen und an den Jubel der Vögel im Grünen. Und
plötzlich, wie in einer seligen Offenbarung, ahnte er das Wesen der
Kraft, die ihn mit allem Leben in der Natur verband, und er mußte
singen. Er wandte sich in die Weite, die im Mondlicht blühte, an die
große, atmende Natur, die mit ihm ihrer Erlösung harrte, und sang:
Du bist mein Eigentum, weil ich dich liebe,
kein Sinn ermißt die Fülle meines Glücks.
Wie bitte ich die Güte des Geschicks,
daß mein Gemüt dem deinen nahe bliebe.
Was dir geschieht, das soll auch mir geschehn,
o Hort der Liebe, so in dir zu weilen.
Nun lernt mein Herz in seiner Zeit verstehn,
in deiner Anmut seinen Gram zu heilen.
Im Osten tauchte ein schmaler Glutstrich auf, und der Elf faltete seine
Hände, denn der Morgen kam. Ich werde euch alle, alle sehen und kennen
und lieben, wie ihr seid, ihr Irdischen mit mir, dachte er, das soll
mein Glück sein.
Viertes Kapitel
Wiesenleute
Der Elf saß unter den Blumen. Eigentlich war es sein liebster
Aufenthalt, und er kannte keine schöneren Stunden, als in ihrer
Gemeinschaft zu weilen, sein Glück erschien ihm vollkommen, wenn die
Seligkeit der Blühenden ihm seine Einsamkeit in ein Fest glücklichen
Bescheidens verwandelte. Er saß auf einem halbentrollten Farnblatt, um
ihn her erhoben sich schlanke Grashalme, die unaufhörlich schaukelten
und deren feine Stimmen die sanft bewegte Luft mit leisem Rauschen
füllten. Aus der Höhe mischte sich das Summen der Insekten in dies
gleichmäßige Lied, wie wir Menschen es von den Bäumen im Wind kennen.
Es war ein reger Verkehr im Graswald, und zwischen den vielerlei
Kräutern zogen die Tiere ihre Straße, alle beschäftigt und eifrig, aber
fröhlich um des heiteren Tags willen. Man glaubt es kaum, was alles lebt
auf einem so kleinen Fleckchen Erde, wie der Elf es von seinem Platz aus
übersah. Käfer in den prächtigsten, schillernden Farben, Ameisen,
Waldschnecken, geflügelte Würmchen und die zahllosen kleinen Tiere, die
auf den Pflanzen leben, von ihren Blättern oder ihrem Blütenstaub. So
winzige Erdbewohner waren tief im grünen Schattengrund beschäftigt, daß
man sie für gewöhnlich nur erblickt, wenn man lange Zeit aufmerksam
hinschaut. Sie unterscheiden sich in ihrer Art und Lebensgewohnheit
ebensosehr voneinander, wie es größere Tiere tun, in ihren Interessen,
ihrer Gestalt und Farbe.
[Illustration]
Es war leicht zu spüren, daß die Tiere des Graswalds viel kecker und
beweglicher waren als die Blumen, die voll Schüchternheit und geduldig
auf ihr Geschick harrten. Der Elf beugte sich tief über ihre Kelche,
deren Licht und Farbe sich in seinem zarten Gesicht widerspiegelten, er
sog ihre Frische ein, ihren Duft, und als er vernahm, was ihre
heimlichen Wünsche waren, rief er die Bienen zu ihnen.
Zwei kleine Käfer stiegen miteinander in den goldstrahlenden Kelch
einer Blume hinab, beinahe betäubt von dem warmen Duft und ganz in das
Blütenlicht eingehüllt. Die Blume zitterte leise und atmete schwer und
tief.
»Elf, lieber Elf,« flüsterte sie, »was geschieht mir? Ich bin so
glücklich.«
Der Elf nickte ihr mit glänzenden Augen zu.
»Der Frühling,« antwortete er, »der Frühling! Er durchdringt dein Wesen
durch und durch. Halt still, Liebe.«
Die Düfte, die der Waldwind heranschaukelte, wechselten ohne Aufhören,
und dem Elfen war, als trüge ihn die eine Sehnsucht unvermerkt in das
Wunderreich der anderen. Eine selige Welt vertauscht sich gegen die
andere, dachte er, ich schließe meine Augen und bevölkere sie aus meinem
Herzen.
Dieser Wechsel verzauberte sein Gemüt immer wieder aufs neue, und er
träumte fort in Farben, Licht und Düften, unter den Liedern der Vögel.
Wenn der Wind den Geruch der wilden Rosen aus dem Gesträuch zu mir
trägt, und ich lausche dem Gesang des Rotkehlchens, dachte er, so ist
das Herz auf ganz andere Art im Lieblichen geborgen, als wenn ich den
kühlen Hauch des Flieders spüre und höre die Amsel flöten. »Trag mich
von Freude zu Freude, du warmer Frühling,« sagte er, »aber behüte mein
Herz, damit es nicht vor Glück zerspringt.«
Das Summen der Insekten über den Blumen klang hinter den lichtroten
Vorhängen seiner geschlossenen Augenlider wie fernes Orgelbrausen, in
das aus noch größerer Ferne das Meer zu rauschen schien. Es vermischte
sich mit dem Flüstern der Blätter, den kaum vernehmbaren Stimmen der
Gräser und dem Läuten der Blumen, das so fein erklingt, daß ein
menschliches Ohr es nur nach langem, tiefem Warten erlauschen lernt.
Die Güte und der Reichtum der Natur überwältigten das Elfenkind. »Seid
gesegnet, meine Sinne,« rief es, »meine Augen, mein Gehör und du mein
Herz, du Quelle und Pfand meines irdischen Wohls. In den Augen wohnt der
rasche Blick, der zu entflammen und froh zu ruhen vermag, der das Licht
bis tief in die Kammern des Herzens führt. Ich fühle die Berührung des
Lebens mit allen Gliedern, wie das Wasser den Windhauch spürt, der seine
Oberfläche bewegt, jeder Sinn hat sein seliges Amt, aber du hast das
herrlichste, mein Herz, in dir wohnt das Heimweh.«
* * * * *
Die Fülle nahm nun von Tag zu Tag zu, das Blühen wollte kein Ende
finden, immer wieder kamen neue Tiere auf der Waldwiese an, verweilten
für kurz oder lange oder blieben auch für immer. Eines Morgens fand sich
ein Wildtaubenpaar ein, man hatte sie schon von weitem lachen und
plaudern hören, die zwei, sie machten einen sehr glücklichen Eindruck.
Die Linde, überhaupt der ganze Platz schien ihnen ausnehmend zu
gefallen, sie flogen innen im Baum von Ast zu Ast, untersuchten die
alten, dürren Stümpfe der abgebrochenen Zweige und prüften jedes
Baumloch im Stamm. Als sie aber merkten, daß eine Eule im Baum wohnte,
wurden sie nachdenklich.
»Schon wegen des Bachs, wegen der Nähe des Wassers hätte ich hier gern
gewohnt,« meinte die junge Frau betrübt, »man hat es so bequem morgens
mit dem Bad, und dann auch an der einen Seite die Weite der Felder, an
der anderen den dichten Wald; der Ort hat viel für sich. Sieh unten das
Moos im Sonnenlicht!«
»Ich lebe nicht mit einer Eule zusammen,« antwortete ihr Mann, »aus
solcher Nachbarschaft entsteht nichts Gutes. Ich habe nichts gegen die
Eulen, ich verfolge sie nicht, aber sie sind mir unheimlich.«
Und sie flogen mit lautem Flügelschlagen, das man noch lange in der
Waldstille hörte, über die Bäume hin, davon.
In der Frühe sah man bisweilen den Bussard zwischen den Stämmen jagen.
Er flog lautlos und geheimnisvoll, seine scharfen, farbigen Augen
suchten am Boden, und seine graubraunen Schwingen bewegten sich groß,
feierlich und kraftvoll. Es war ein herrlicher Anblick, den mächtigen
Vogel zu beobachten, der allein lebte, vom Raub, in seiner Waldfreiheit.
Eines Tages kam eine Katze, o Gott! Sie setzte sich mitten auf die Wiese
in die Blumen, blinzelte und putzte sich sorgfältig und so arglos, als
gäbe es in der Welt für sie keine Gefahr, und als habe sie niemals einen
bösen Gedanken gehabt. Es wurde eine Weile auffallend still auf der
Waldwiese, nur der Bach kümmerte sich nicht um das Tier, er rauschte
fort, die kleineren Geschöpfe aber bekamen zum größten Teil Herzklopfen.
Wer ein sicheres Versteck hatte, beobachtete die Katze mit Spannung. Es
läßt sich auch in der Tat kaum etwas Schöneres denken, das zugleich mit
so viel Schrecknis verbunden ist, als eine Katze. Natürlich, wer sich
gegen sie wehren kann, wer stärker oder geschwinder als sie ist, der
sieht und nimmt nur ihre anmutigen Seiten, deren sie viele hat, und
begreift nicht so rasch das Entsetzen, das sie kleineren Geschöpfen
einflößt. Aber wenn man in Betracht zieht, daß manche Tiere, denen sie
nachstellt, kaum größer sind als eine ihrer Pfoten, so begreift man
eher, welchen Schrecken die Katze verbreiten kann.