erklärt sich aus des *Boëtius* (um 473-525 n. Chr.) "Tröstung der
Philosophie" 2, 17:
"Als jemand einen Mann, der den falschen Namen eines Philosophen
nicht zum Vorteil wahrer Tugend, sondern aus hochmütiger Eitelkeit
führte, mit Schmähung angegriffen und hinzugefügt hatte, dass er bald
erfahren würde, wenn jener nämlich die zugefügten Beleidigungen sanft
und geduldig trüge, ob derselbe ein Philosoph sei, so trug letzterer
einige Zeit lang Geduld zur Schau, und gleichsam höhnend über die
erlittene Schmähung fragte er: "Merkst Du nun endlich, dass ich ein
Philosoph bin?" Darauf sagte der erste recht beissend: "Intellexeram,
si tacuisses" ("Ich hätt's gemerkt, wenn Du geschwiegen hättest").
Mit anderen Worten: "Du wärst ein Philosoph geblieben, wenn Du
geschwiegen hättest". Ist die Bibel die erste Quelle dieses Wortes?
In Hiob 13, 5 heisst es: "Wollte Gott, ihr schwieget: so würdet ihr
weise"; in Sprüche Salomonis 17, 28: "Ein Narr, wenn er schwiege,
würde auch weise gerechnet und verständig, wenn er das Maul hielte".
Vielleicht spielt der heilige ~Bernhard~ († 1153) darauf an, wenn
er in der "Praefatio in librum de diligendo Deo" sagt: "Accipite
de mea paupertate quod habeo, ne tacendo philosophus puter" (Nehmt
von meiner Armut an, was ich habe, damit ich nicht wegen meines
Schweigens für einen Philosophen gelte).--
* * * * *
*In flagranti* (_crimine comprehensi_)
*Auf frischer That ertappt*
stammt aus dem von *Tribonian* († 545) und neun anderen Juristen
529 n. Chr. edierten "Codex Justinianeus", einem Teile des "Corpus
iuris" (1. 13. C. 9, 1). Dort steht: "in ipsa rapina et adhuc flagrante
crimine comprehensi."--
Ebendaher stammt (1. 27. C. 3, 28) das "levis notae macula adspergi",
"mit einem kleinen Schandflecken bespritzt werden", daher wir kurz sagen
*levis nota*
ein leichter Verweis.
(vrgl. "Handlexikon zu den Quellen des römischen Rechts" von H. G.
Heumann. 6. Aufl. 1884.)--
* * * * *
*Ut, re, mi, fa, sol, la, si,*
die italienische Benennung der Töne durch ~Guido~ von ~Arezzo~ (11.
Jahrh.), bildete man aus den Anfangssilben der ersten Strophe der
sapphischen Ode von *Paulus Diaconus* († 797) an den heiligen
Johannes:
*Ut* _queant laxis_ *re*_sonare fibris_
*Mi*_ra gestorum_ *fa*_muli tuorum_
*Sol*_ve polluti_ *la*_bii reatum_
*S*_ancte_ *J*_ohannes!_
Dass mit leichtem Herzen die Jüngerscharen
Deine Wunderthaten besingen können,
Nimm hinweg die Schuld von den Sünderlippen,
Heil'ger Johannes!
(Des Wohlklangs wegen setzten dann die Italiener für "ut" "do",
während die Franzosen bei "ut" blieben).--
* * * * *
*Secunda Petri*
oder:
*Altera pars Petri*
wird für "Urteilsvermögen" gebraucht nach dem 2. Buche "de iudicio"
("Über das Urteil") der "Sententiarum" des *Petrus Lombardus* (†
1164).--
* * * * *
Das kanonische Recht enthält im 6. Buch der "Decretalen" (B. 5, Tit.
12, Reg. 43) den Grundsatz von *Bonifacius VIII.* († 1303):
*Qui tacet, consentire videtur.*
Wer schweigt, von dem wird angenommen, dass er zustimmt.
Es erinnert an des ~Sophokles~ Worte ("Trach." 814): "οὐ κάτοισθ' ὅθ'
οὕνεκα ξυνηγορεῖς σιγῶσα τῷ κατηγόρῳ;" "begreifst du nicht, dass
du durch dein Schweigen dem Ankläger beipflichtest?" (vrgl. auch
~Euripides~ "Orest." 1592 "Iphig. Aul." 1142 und ~Terenz~ "Eunuch"
3, 2). ~Bonifacius~ verbessert übrigens den zu weit greifenden Satz
durch den folgenden aus des ~Paulus~ lib. 56 ad Edictum (v. l. 142. D.
50, 17; l. 11 § 4. 7 D. 11, 1; l. 13 § 11 D. 19, 2) geschöpften: "Is
qui tacet non fatetur, sed nec utique negare videtur" ("Wer schweigt,
pflichtet nicht etwa bei, sondern scheint nur nicht schlechtweg Nein zu
sagen"), vrgl. Windscheid "Pandekten" 1, § 72 u. 10.--
* * * * *
Aus der 1277 verfassten "Alexandrëis"[67] des ~Philippe~ *Gualtier* de
Châtillon (5, 301) stammt:
*Incidis in Scyllam, cupiens vitare Charybdin,*
Während du wünschst, die Charybdis zu meiden, verfällst du der
Scylla.
[Fußnote 67: Der Titel der ersten Ausgabe lautet: "Alexandri Magni
Regis Macedonum vita per Gualtherum Episcopum Insulanum heroico carmine
elegantissime scripta. 1513"; und im 5. Buch lesen wir dort:
"Incidis in scillam cupiens vitare caribdim".]
Dieser Vers ist einem griechischen Sprichworte bei ~Apostolius~ 16, 49
(Paroemiogr. Graeci ed. Leutsch II, 672) nachgebildet, das sich aus
Homers "Odyssee" (XII, 85-110) entwickelte, wo die Gefahren der beiden
Meeresstrudel Scylla und Charybdis zuerst geschildert werden. Auch
setzt man für "Incidis" "Incidit" und dann für "cupiens" "qui vult".
Homerischer als Gualtier sagen wir:
*Aus der Scylla in die Charybdis gerathen;*
denn Homer schildert die Scylla zuerst.--
* * * * *
Im Gedichte W. *Langland*s (Mitte des 14. Jahrh.) "Piers Ploughman's
Vision" V. 12, 908 heisst es:
Clarior est solito post maxima nebula (sic!) Phoebus.
Glänzender scheinet, als sonst, nach mächtigen Wolken die Sonne.
Das Citat ist in dieser unrichtigen Form durch Jahrhunderte bis in
~Binders~ "Novus Thesaurus Adagiorum Latinorum" (2. Ausg., Stuttgart
1866) gewandert; berichtigt, enthält es das bekannte, schon in ~Sebast.
Francks~ "Sprichwörter" (1541, II, 104'a) aufgenommene:
*Post nubila Phoebus.*
(Nach Wolken die Sonne).
Vielleicht beruht das Wort auf Tobias 3, 23: "... nach dem Ungewitter
lässest du die Sonne wieder scheinen".--
* * * * *
*In dulci iubilo ...*
In süssem Jubel ...
beginnt ein Weihnachtslied, das aus einer des Mystikers ~Suso~ Leben
enthaltenden Handschrift des 14. Jahrh. stammt und somit nicht, wie
oft behauptet wurde, von dem 1440 gest. ~Petrus Dresdensis~ herrührt
(s. Hoffmann v. Fallersleben: "In dulci jubilo" S. 8. Hannover 1854).
Das Wort findet sich später in Studentenliedern und hat dort den Sinn
von in "Saus und Braus".--
* * * * *
*De omni re scibili et quibusdam aliis*