* * * * *
*Plato* (um 427-347 v. Chr.) sagt im "Phaedon" 91 c.: "ὑμεῖς μέντοι,
ἂν ἐμοὶ πείθησθε, σμικρὸν φροντίσαντες Σωκράτους, τῆς δὲ ἀληθείας
πολὺ μᾶλλον", "wenn ihr mir folget, so kümmert ihr euch
um Sokrates ein wenig, viel mehr aber um die Wahrheit". Dieses Wort
überliefert uns ~Ammonius~ ("Leben d. Aristot.") in der zugespitzten
Form: "φίλος μὲν Σωκράτης, ἀλλὰ φιλτάτη ἡ ἀλήθεια", "Sokrates
ist mir lieb, aber die Wahrheit am allerliebsten". Wir citieren
es in lateinischer Sprache und setzen für "Sokrates" "Plato":
*Amicus Plato, sed magis amica veritas,*
Plato ist mir lieb, aber die Wahrheit ist mir noch lieber,
wie es sich schon in des ~Cervantes~ "Don Quijote" (c. 51. T. II,
ersch. 1615) findet; während ~Luther~ ("de servo arbitrio" z. A.)
schreibt: "Amicus Plato, amicus Socrates, sed praehonoranda (höher zu
schätzen) veritas" (vrgl. Aristot. 1096, a, 14. Bekker).--
In "Tim. 26, e" stellt ~Plato~ "πλασθέντα μῦθον" "die
erdichtete Fabel" und "ἀληθινὸν λόγον" "die wahre
Überlieferung" einander gegenüber. Auch wendet er "μῦθος"
und "λόγος" einzeln in demselben Sinne an, weshalb F. A.
~Wolf~ ("zu Platos Phaedon". Berl. 1811. S. 27) diese Worte mit
*Dichtung und Wahrheit*
übersetzte, indem er auf den gleichen Gebrauch in des Aristoteles
"Poëtik" hinwies. Vor ihm hatte schon G. E. ~Lessing~ ("Vossische
Zeitung" v. 12. Juni 1751) "Erdichtung und Wahrheit" und J. G. ~Jacobi~
(in d. Aufs. "Dichtkunst. Von der poetischen Wahrheit". S. 9 u. 17, mit
dem er im Okt. 1774 die "Iris" eröffnete) den Ausdruck
*Wahrheit und Dichtung*
angewendet. ~Goethe~ nannte dann (1811) seine Lebensbeschreibung
"Dichtung und Wahrheit", welcher Titel nach seinem Tode durch ~Riemer~
und ~Eckermann~ in "Wahrheit und Dichtung" keck verändert wurde.--
Aus ~Platos~ "Gorgias", 1, citieren wir das damals schon
sprichwörtliche "κατόπιν ἑορτῆς" stets in der lateinischen
Form:
*post festum,*
nach dem Fest,
d.h. "zu spät, wenn alles, weswegen man kommt, vorüber ist"; obgleich
sich die Römer dieses Ausdrucks selbst nicht bedienten.--
*Platonische Liebe*
nennt man diejenige, welche sich zu der geliebten Person nicht durch
Sinnenreiz hingezogen fühlt, sondern durch die Schönheit der Seele und
des Charakters; platonisch heisst sie, weil ~Plato~ im "Gastmahl" sie
von Pausanias also erklären lässt.--
*Deus ex machina*
beruht auf ~Plato~, der ("Kratylos", p. 425, D) den ~Sokrates~ sagen
lässt: "wir müssten uns denn auch unsererseits mit der Sache so
abfinden, wie die Tragödiendichter, die ihre Zuflucht zu den Maschinen
nehmen, wenn sie in Verlegenheit sind, und die Götter herbeischweben
lassen, indem wir sagten, die ursprünglichen Wörter hätten die Götter
eingeführt und deshalb wären sie richtig".--
~Platos~ "Gesetze" rügen (p. 625), dass die meisten es nicht einsehen,
"dass ihr Lebelang stets alle Städte mit allen Städten in beständigem
Kriege wären", und es heisst ferner dort (pag. 626): "dass naturgemäss
stets alle Städte mit allen Städten in unversöhnlichem Kriege wären",
und nicht nur diese, sondern dass auch "Dorf gegen Dorf, Haus gegen
Haus, Mensch gegen Mensch, ein Jeder gegen sich selbst Krieg führe", ja
"dass Alle mit Allen auf Kriegsfuss seien" ("πολεμίους εἶναι πάντας
πᾶσι"). Hiernach heisst es vielleicht bei ~Lucilius~ (Lachm. v.
1020):
"insidias facere, ut si hostes sint omnibus omnes",
"sie legen Fall'n, als wären Alle Allen Feind'",
und gewiss bei ~Hobbes~ ("De cive" .... als Mscpt. gedr. 1642,
ersch. Amst. 1648 .... c. 1, 12):--"es ist unleugbar, dass Krieg der
natürliche Zustand der Menschen war, bevor die Gesellschaft gebildet
wurde, und zwar nicht einfach der Krieg, sondern der
*Krieg Aller gegen Alle",*
*Bellum omnium in omnes,*
während sich in seinem "Leviathan" (engl. Lond. 1651, latein. Amst.
1668) c. 18 der Ausdruck also wiederholt:
*Bellum omnium contra omnes.--*
* * * * *
*Kosmopolit*
*Weltbürger*
stammt nach ~Diogenes Laërtius~ VI, 2 n. 6, 63 von *Diogenes* dem
Cyniker (412-323 v. Chr.), der auf die Frage, woher er sei, sich
"κοσμοπολίτης" nannte.
~Cicero~ erzählt ("Tusc." 5, 37, 108): "Als Sokrates gefragt wurde,
aus welchem Lande er sei, antwortete er: 'Aus der Welt'. Denn er
hielt sich für einen Einwohner und Bürger der ganzen Welt". Dass
dies Wort mit Unrecht auf Sokrates zurückgeführt wird, darüber vrgl.
~Zeller~ II, 1, p. 160'6 und 277'4. (3. Aufl., Lpz. 1875.)--
* * * * *
*Aristoteles* (384-322 v. Chr.) sagt uns, der Mensch (ἄνθρωπος)
sei von Natur (φύσει) ein
*πολιτικὸν ζῷον* ("Polit." 1, 2), *ζῷον πολιτικόν* (3, 6),
*politisches Geschöpf, geselliges Wesen, geselliges Tier,*
"Der Mensch ein gesellicht Thier" ist die Überschrift eines Verses
von Friedrich von ~Logau~ (Salomons von Golau Deutscher Sinngetichte.
Drey Tausend. Breslau. In Verlegung Caspar Klossmanns. 1654 ersch.
Jedoch ohne Jahresangabe. 3. Tausend, 10. Hundert No. 95).--
~Aristoteles~ spricht ("Hist. animal." 6, 3) davon, dass sich im
Weissen des Eies das Herz des werdenden Vogels "als ein Blutfleck"
anzeige, "welcher Punkt, wie ein Lebewesen, hüpfe und springe"
("Στίγμη αἱματίνη ἐν τῷ λευκῷ ἡ καρδία· τοῦτο δὲ τὸ σημεῖον πηδᾷ
καὶ κινεῖται, ὥσπερ ἔμψυχον"). Theodorus ~Gaza~ († 1478)
übertrug die letzten Worte also: "quod ~punctum salit~ iam et movetur
ut animal". Volcher ~Coiter~ ("Exercitat. anatom." Norib. 1573) citiert
dies: "punctum salit", und dann nennen ~Aldovrandi~ ("Ornithol." Frcf.
1610; L. 14 c. 1) und W. ~Harvey~ ("Exercit. d. gener. anim." 17; Lond.
1651) "den hüpfenden Punkt", der sich (s. Schiller "Der Genius" 1795)
"verborgen im Ei reget":
*punctum saliens,*
welch'
*springender Punkt*
("der Lebenspunkt, der Punkt, auf den Alles ankommt") von uns
meistens übertragen auf das in geistiger Beziehung als Hauptsache
Hervorspringende angewandt wird.--
Im ~Aristoteles~ ("De incessu animalium" cap. 2 n. 8) findet sich der
Satz "Die Natur macht Nichts vergeblich" ([ἡ φύσις οὐδὲν ποιεῖ
μάτην) (natura nihil frustra facit) und es scheint, als habe
man zerstreuterweise hieraus das dann viel gebrauchte Wort mit völlig
anderer Bedeutung gebildet:
*Natura non facit saltus*
*Die Natur macht keinen Sprung* (_wörtl. keine Sprünge_)
(vrgl. Linné "Philosophia botanica" 1751 unter 77); denn es wird (cap.
8) bald darauf das Springen (ἅλσις, ~saltus~) der Tiere
besprochen.
Julius ~Frauenstädt~ leitet es irrig in seiner Einleitung von
Schopenhauers "sämtl. Werken" (S. 22. 2. Aufl. Lpz. 1877) kurzweg aus
obiger Aristotelesstelle her.--
Auf dem von ~Aristoteles~ ("Histor. animal." 8, 28) überlieferten
Sprichworte: "ἀεὶ φέρει τι Λιβύη καινόν", "immer bringt Afrika
etwas Neues" beruht:
*Quid novi ex Africa?*
Was giebt es Neues aus Afrika?
(vrgl. ~Aristot.~ "de generat. animal." 2, 5, ~Anaxilas~,
Komödiendichter um 350 v. Chr. bei ~Athen.~ 14, p. 623 E., ~Plin.~
"Nat. hist." 8, 17: "vulgare Graeciae dictum: semper aliquid novi
Africam afferre" und ~Nicephorus Gregoras~ [um 1350] "Histor.
Byzant.", p. 805, 23, ed. Schopen).--
~Aristoteles~ ("de anima" 3, 4) sagt: "ὥσπερ ἐν γραμματείῳ
ᾧ μηδὲν ὑπάρχει ἐντελεχείᾳ γεγραμμένον" ("wie auf einer Tafel, auf
der wirklich nichts geschrieben ist"). Hierzu fügt Trendelenburg das
Wort ~Alexanders aus Aphrodisias~ (um 200 v. Chr.): "ὁ νοῦς ... ἐοικὼς
πινακίδι ἀγράφῳ" ("die Vernunft, einer unbeschriebenen Tafel
gleichend"), das ~Plutarch~ "Aussprüche d. Philos". 4, 11
(χαρτίον, "Blatt" für "Tafel" setzend) den Stoikern zuschrieb.
Wir citieren lateinisch
*Tabula rasa,*
abgewischte Schreibtafel;
was nach Prantl ("Gesch. d. Logik") zuerst bei ~Ägidius a Columnis~
(† 1316) vorkommt.
"Tabellae rasae" lesen wir zwar schon bei ~Ovid~ ("Ars Amandi" 1,
437) aber ohne jene Beziehung auf Geistiges.--
~Aristoteles~ ("Problemata" 30, 1) fragt: "Διὰ τί πάντες
ὅσοι περιττοὶ γεγόνασιν ἄνδρες, ἢ κατὰ φιλοσοφίαν, ἢ πολιτικὴν,
ἢ ποίησιν, ἢ τέχνας, φαίνονται μελαγχολικοὶ ὄντες ..." "Woher kommt es,
dass all' die Leute, die sich in der Philosophie, oder in der Politik,
oder in der Poesie, oder in den Künsten auszeichneten, offenbar
Melancholiker sind?" Hieraus bildete Seneca ("de tranquill, anim." 17,
10) den uns geläufigen Satz:
*Nullum magnum ingenium sine mixtura dementiae fuit.*
Es hat keinen grossen Geist ohne eine Beimischung von Wahnsinn
gegeben.--
Im ~Aristoteles~ ("Oekonom." 1, 6) lesen wir: "Καὶ
τὸ τοῦ Πέρσου, καὶ τὸ Λίβυος ἀπόφθεγμα εὖ ἂν ἔχοι· ὁ μὲν
γὰρ ἐρωτηθεὶς τί μάλιστα ἵππον πιαίνει,
ὁ τοῦ δεσπότου ὀφθαλμὸς
ἔφη· ὁ δὲ Λίβυος, ἐρωτηθεὶς ποία κόπρος ἀρίστη, τὰ τοῦ δεσπότου ἴχνη, ἔφη."
"Sowohl des Persers, wie des Libyers Ausspruch ist gut,
denn Jener sagte auf die Frage, was ein Pferd am Besten mäste:
*Das Auge des Herrn;*
während der Libyer auf die Frage, welcher Dünger am Besten sei, sagte:
des Herrn Fussstapfen". ~Columella~ (4, 18) vermengt diese Worte, indem
er schreibt: "oculos et vestigia domini res agro saluberrimas", "die
Augen und Fussstapfen des Herrn seien die heilsamsten Dinge für den
Acker", und ~Plinius~ ("Nat. hist.", 18, 2) kürzt dies also: "majores
fertilissimum in agro
*oculum domini*
esse dixerunt".--"Die Altvordern sagten, am fruchtbringendsten für den
Acker sei das Auge des Herrn".--
Im ~Aristoteles~ ("Analyt." prior. B. 18 p. 66 ed. Bekker) steht:
"Ὁ δὲ ψευδὴς λόγος γίνεται παρὰ τὸ πρῶτον ψεῦδος", "der
falsche Satz entspringt dem falschen Grundgedanken" oder "die falsche
Conclusion der falschen Prämisse". Hieraus stammt für "Grundirrtum"
*Das πρῶτον ψεῦδος,*
das wir jedoch nach dem Sprachgebrauch, der "ψεῦδος" nicht
als "Irrtum" sondern als "absichtliche Täuschung" nimmt, oft als
"Grundbetrug" oder "Urlüge" aufzufassen und theologisch anzuwenden
geneigt sind.--
* * * * *
*Theophrast* (um 372-287 v. Chr.) pflegte (nach Diogen. Laërt. V. 2 n.
10, 40) zu sagen: "πολυτελὲς ἀνάλωμα εἶναι τὸν χρόνον",
"Zeit sei eine kostbare Ausgabe". Hieraus scheint hergeleitet:
*Zeit ist Geld,*
was wir auch englisch ausdrücken:
*Time is money.*
In Bacons "Essayes" ("Of Dispatch" 1620) heisst es: "Time is the
measure of business, as money is of wares: and business is bought at a
deare hand, where there is small dispatch" (Zeit ist der Arbeitmesser,
wie Geld der Waarenmesser ist: und Arbeit wird teuer, wenn man nicht
sehr eilt).--
* * * * *
Der Redner *Pytheas* (um 340 v. Chr.) sagte (nach Plutarch
"Staatslehren" 6 n. "Demosthenes" 8, sowie nach
Aelian "variae hist." 7, 7) von den Reden des von ihm unaufhörlich
angefeindeten Demosthenes, dass sie "nach Lampendochten röchen"
(ἐλλυχνίων ὄζειν) und noch heute sagen wir
*nach der Lampe riechen*
von jeder litterarischen Arbeit, welche ohne Anmut der Form nächtliches
Studium verrät.--
* * * * *
Bei ~Stobäus~ (Serm. LXVI, p. 419. Gesn.) finden wir des *Menander*
(342-290 v. Chr.):
Τὸ γαμεῖν, ἐάν τις τὴν ἀλήθειαν σκοπῇ,
Κακὸν μέν ἐστιν, ἀλλ' ἀναγκαῖον κακόν.
Heiraten ist, wenn man die Wahrheit prüft,
Ein Übel, aber ein
*notwendiges Übel.*
~Malum necessarium~, die lat. Übersetzung, steht in des ~Lampridius~
(4. Jahrh. n. Chr.) "Alexander Severus" 46.--
~Plutarch~ überliefert uns in der "Trostrede an Apollonius", dessen
Sohn gestorben war, (p. 119'e; cap. 34) den Vers des ~Menander~:
"*Ὃν οἱ θεοὶ φιλοῦσιν ἀποθνήσκει νέος*",
den ~Plautus~ ("Bacch." 4, 7, 18) also übersetzt:
"quem di diligunt adolescens moritur"
und der bei uns zu lauten pflegt:
*Wen die Götter lieben, der stirbt jung.--*
~Menanders~ Wort "ἀνεῤῥίφθω κύβος" ("der Würfel falle!"--Überl.
v. Athenäus XIII, p. 559 c.) citierte ~Cäsar~, als er 49 v. Chr.
den Rubicon überschritt, in griechischer Sprache, wie Plutarch
("Pompeius", 60 und "Ausspr. v. Kön. u. Feldh.") ausdrücklich
hervorhebt. Sueton hingegen lässt ihn lateinisch sagen ("Caesar" 32):
*Alea iacta est!*
*Der Würfel ist gefallen!*
(Erasmus verbessert: "Iacta esto alea!" "Der Würfel falle!") Huttens
Wahlspruch (s. Kap. III) "Jacta est alea" hat hier seine Quelle.--