Jetzt muss getrunken werden!--

* * * * *

Bekannte Worte sind die Inschriften des Apollotempels in Delphi, das:

*γνῶθι σεαυτόν,*

*Erkenne dich selbst,*

*(Nosce te,*

wie Cicero, Tuscul. 1, 22, 52 übersetzt), das Einem der sieben Weisen,

bald dem *Thales* (um 620 - 543 v. Chr.), bald dem *Chilon*, bald

anderen zugeschrieben wird, und das von ~Terenz~ ("Andria" I, 1, 34)

durch

*Ne quid nimis*

übersetzte, bald auf *Chilon*, bald auf *Solon* (um 640 - 559 v. Chr.),

bald auf *Sokrates* (469-399 v. Chr.), endlich im allgemeinen auf die

Sieben Weisen zurückgeführte

*μηδὲν ἄγαν,*

Nichts zu viel.

(~Diogenes Laërtius~ I, 1 n. 14, 41; I, 2 n. 16, 63; II, 5 n. 16, 32;

IX, 11 n. 8, 71. vrgl. Theognis 219, 335 und 401.)--

*De mortuis nil nisi bene,*

Über die Toten (sprich) nur gut,

ist wahrscheinlich eine Übersetzung des von ~Diogenes Laërtius~ (I, 3

n. 2, 70) überlieferten Wortes des *Chilon*:

τὸν τεθνηκότα μὴ κακολογεῖν.

Doch führt ~Plutarch~ "Solon", c. 21 (Anfang) den Spruch in etwas

anderer Form auf Solon zurück. ~Thucydides~ sagt II, 45: "τὸν γὰρ

οὐκ ὄντα ἅπας εἴωθεν ἐπαινεῖν", "Den, der nicht mehr ist, pflegt

Jeder zu loben".--

* * * * *

*Epimenides* aus Kreta (um 596 v. Chr.) galt den Alten als der

Verfasser des Verses:

"Κρῆτες ἀεὶ ψεῦσται, κακὰ θηρία, γαστέρες, ἀργαί",

den Luther in der "Epistel S. Pauli an Titum" (1, 12) also übersetzt:

"Die Creter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche". Danach

sagen wir von einem trägen Schlemmer, er sei ein

*fauler Bauch.--*

* * * * *

In *Äsop*s (6. Jahrh. v. Chr.)[61] Fabel 27: "Der flöteblasende

Fischer" (citiert wird hier stets die Halmsche Ausgabe) versucht ein

Fischer erst vergeblich durch Flötenspiel die Fische an sich zu locken:

dann greift er zum Netz und spricht, als sie nun vor ihm auf dem

Strande hüpfen: "ὦ κάκιστα ζῶα, ὑμεῖς, ὅτε μὲν ηὔλουν, οὐκ ὠρχεῖσθε,

νῦν δὲ ὅτε πέπαυμαι, τοῦτο πράττετε"--"O ihr schlechtes

Getier, als ich flötete, wolltet ihr nicht tanzen, nun ich aber

aufhöre, thut ihr's!" Diese Fabel erzählte Cyrus in Sardes höhnend

den Gesandten der Ioner und Äoler, weil die Ioner, als er sie bitten

liess, vom Krösus abzufallen, nicht auf ihn hörten, nun aber, da er

die Herrschaft erlangt, gehorsamst bereit waren. Er schliesst:

"Παύεσθέ μοι ὀρχεόμενοι, ἐπεὶ οὐδ' ἐμέο αὐλέοντος ἠθέλετε κβαίνειν

ὀρχεόμενοι"--"Höret auf vor mir zu tanzen, denn als ich euch flötete,

da wolltet ihr nicht herauskommen und tanzen!" (Herodot I, 141.) Der

Evangelist ~Matthäus~ (11, 17; vrgl. Luk. 7, 32) kürzt das äsopische

Wort also: "ηὐλήσαμεν ὑμῖν καὶ οὐκ ὠρχήσασθε". Und wir entnehmen

aus Luthers Übersetzung "Wir haben euch gepfiffen und ihr

wolltet nicht tanzen" unser:

*Nach Jemandes Pfeife tanzen sollen.--*

[Fußnote 61: Die "geflügelten Worte" aus griechischen Fabeln sind zwar

dem 6. Jahrh. unter Äsop eingereiht, aber es ist wohl möglich, dass

keines von ihnen dem Fabelerzähler Äsop sein Dasein verdankt, da die

auf uns gekommene Sammlung "äsopischer" Fabeln diesen Namen mit keinem

besseren Rechte führt, als die der "anakreontischen" Gedichte den des

Anakreon.]

Wie der Fuchs in ~Äsops~ Fabel (33 u. 33b) "Der Fuchs und die

Trauben" sagen wir, das Misslingen unserer Pläne nicht der eigenen

Unzulänglichkeit, sondern den Umständen zuschreibend:

*Die Trauben sind sauer,*

(ῥᾷγες ὀμφακίζουσι μάλα)

wenn sie für uns zu hoch hängen.--

Aus ~Äsops~ Fabel 97 "Der Bauer und die Schlange" und 97'b "Der

Wanderer und die Natter" entlehnen wir:

*Eine Schlange am Busen nähren;*

(vrgl. Petron. 77: "tu viperam sub ala nutricas").--

Zu den äsopischen Fabeln (158) wird auch eine Erzählung des Sophisten

~Prodikus~ (bl. um 430 v. Chr.) in seinen "Horen" gerechnet, die wir

in Xenophons "Denkwürdigkeiten" (2, 1, 21) durch den Mund des Sokrates

erfahren, wonach Herkules als Jüngling in der Einöde zwei Wege vor sich

sah, den zur Wollust und den zur Tugend, und lange zweifelte, welchen

er einschlagen solle (vrgl. Cicero "de off." 1, 32). Wir citieren

danach:

*Herkules am Scheidewege.--*

Aus ~Äsops~ Fabel (200) "Die Dohle und die Eule" und 200'b "Die Dohle

und die Vögel" stammt:

*Sich mit fremden Federn schmücken.--*

In ~Äsops~ Fabel (203) "Der Prahler" und (203'b) "Der prahlerische

Fünfkämpfer" rühmt sich jemand, dass er in Rhodus einst einen

gewaltigen Sprung gethan, und beruft sich auf die Zeugen, welche

es dort mit angesehen hätten. Einer der Umstehenden antwortet ihm:

"Freund, wenn's wahr ist, brauchst du keine Zeugen. ~Hier ist Rhodus,

hier springe~" (ἰδοὺ ἡ Ῥόδος, ἰδοὺ καὶ τὸ πήδημα), was lateinisch

in der Form citiert wird:

*Hic Rhodus, hic salta.--*

Aus ~Äsops~ Fabel (232) "Der Hund und der Koch" wird kurz

herausgegriffen:

*παθήματα--μαθήματα.*

*Leiden sind Lehren.*

vrgl. Paulus im Ebräerbriefe 5, 8: "ἔμαθεν ἀφ' ὧν ἔπαθε τὴν

ὑπακοήν"--"er lernte an dem, was er litt, Gehorsam".--

Die 237b. Fabel "Die Hasen und die Frösche" schliesst: "ὁ μῦθος

δηλοῖ· ὅτι οἱ δυστυχοῦντες ἐξ ἑτέρων χείρονα πασχόντων

παραμυθοῦνται", "die Fabel lehrt, dass die Unglücklichen aus den

schlimmeren Leiden Anderer Trost schöpfen" (vrgl. Thucyd. 7, 75; Seneca

"Über den Trost, an Polybius" 31). Mit einer leichten Veränderung des

Sinnes wurde hieraus im Mittelalter ein Hexameter gebildet, den wir

bei ~Dominicus de Gravina~ ("Chronic. de reb. in Apul. gest. ab anno

1333-50", s. "Raccolta di varie croniche etc." Nap. 1781. II, 220)

also citiert finden: "iuxta illud verbum poëticum: gaudium est miseris

socios habuisse poenarum", "nach jenem Dichterwort: Wonne für Jeden im

Leid ist Leidensgefährten zu haben". Dann bietet ~Marlowes~ "Faustus"

(1580): "Solamen miseris socios habuisse doloris", "Trost für Jeden

im Leid ist Schmerzensgefährten zu haben"; während die heute übliche,

schon von Spinoza ("Ethik" 4, 57; ersch. 1677) als sprichwörtlich

bezeichnete Form lautet:

*Solamen miseris socios habuisse malorum.*

Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes · 第 227 / 438 题