*Der Blumen Rache*
wurde zum geflügelten Wort. Doch nimmt man hier Blumen in übertragenem
Sinn und denkt an weibliche Rache, während in dem Gedichte wirkliche
Blumen durch ihren Duft ein schlummerndes Mädchen tödten, aus Rache
dafür, dass sie von ihr grausam aus der Erde gerissen wurden.--
* * * * *
*Rrr! ein ander Bild!*
sind die Worte des Guckkästners in des pseudonymen ~Brennglas~
(*Glasbrenner*s) "Berlin, wie es ist--und trinkt" (Lpz. 1832-50). Aus
denselben Heften ist:
*Auch eine schöne Gegend!*
(_eigentlich: Ooch 'ne scheene Jejend._)
Diese Redensart kommt in einem Gespräche zweier Berliner Frauen vor,
die einander fragen, wo ihre beiderseitigen Söhne im Freiheitskriege
gefallen seien. Auf die Antwort der Einen: "Bei Leipzig", erfolgt nun
die oben angeführte Äusserung im breitesten Berliner Dialekt.
Heinrich ~Heine~ schaffte dem Worte weitere Verbreitung; denn er sagt
im "Tannhäuser" (1836):
Zu Hamburg sah ich Altona,
~Ist auch eine schöne Gegend,~
im "Ex-Nachtwächter":
~Das ist eine schöne Gegend
Ebenfalls.~
und in "Himmelfahrt" (Letzte Gedichte, 1853-55):
Sie (die Spree) fliesst gemütlich über, wenn's regent
Berlin ist ~auch eine schöne Gegend~.
Vielleicht kam ~Glasbrenner~ auf diese Wendung durch ~Tiecks~
"Gestiefelten Kater" (1797), worin (3, 5) der König sagt:
"Auch eine hübsche Gegend. Wir haben doch schon
eine Menge schöner Gegenden gesehen".--
* * * * *
In der No. 395 der Münchener "Fliegenden Blätter" (1852) befindet sich
ein "Die Wassersnoth in Leipzig" betiteltes Gedicht, das anfängt:
*In der grossen Seestadt Leipzig,*
und in dessen Verlauf sich die bekannten Zeilen finden:
*Auf dem Dache sitzt ein Greis,
Der sich nicht zu helfen weiss.*
Das Gedicht ist unterzeichnet G. H. und der Dichter war nach einer
Mitteilung der Redaktion der "Fliegenden Blätter" ein damals in Kiel
lebender stud. jur. G. J. F. ~Hansen~. Es wird aber behauptet, dass das
Gedicht schon vor 1852 in Leipzig allgemein bekannt war.--
* * * * *
Die in Gustav *Raeder*s (1810-68) Posse "Robert und Bertram oder
die lustigen Vagabonden" (1859) häufig vorkommende und vielfach
umgestaltete Redensart Bertrams:
*Weiter* (_oder:_ *Sonst) hat es keinen Zweck*
ist ein sehr gebräuchliches Wort geworden, ebenso wie das in seiner
Zauberposse "Der artesische Brunnen" (ersch. 1860) oft im Munde
Balthasars vorkommende:
*Meine Mittel erlauben mir das!--*
* * * * *
Aus ~Fritz~ *Reuter*s (1810-74) "Ut mine Stromtid" (ersch. 1862-64)
Kap. 3 wird Inspektor Bräsigs Äusserung zu Karl Havermann citiert:
*Darin bin ich dir über.--*
* * * * *
*Alles schon dagewesen,*
pflegt Rabbi Ben Akiba in Karl *Gutzkow*s (1811-78) "Uriel Acosta"
(1847) in den verschiedensten Formen zu wiederholen [s.: Prediger
Salomo 1, 9].--
* * * * *
Wir sprechen, um die Richtung des Komponisten ~Richard~ *Wagner*
(1813-83) und seiner Anhänger zu bezeichnen, auf Grund seiner Schrift:
"Das Kunstwerk der Zukunft" (Leipz. 1850) von
*Zukunftsmusik.*
In der "Niederrheinischen Musikzeitung" von 1859, No. 41 schrieb deren
damaliger Redakteur, Prof. Ludwig ~Bischoff~: "All' die Ungegohrenheit,
der Schwindel, all' die Eitelkeit, all' die Selbstbespiegelung, all'
die Trägheit, der Zukunft zuzuschieben, was man selbst leisten müsste,
all' die Hohlheit und Salbaderei der ästhetischen Schwätzer--wie schön
fasst sich das alles in dem einen Wort 'Zukunftsmusik' zusammen".
~Wagner~ antwortete darauf (s. "Das Judentum in der Musik" S. 36):
"Prof. Bischoff in der Kölnischen Zeitung verdrehte meine Idee
eines 'Kunstwerkes der Zukunft' in die lächerliche Tendenz einer
Zukunftsmusik". Jedoch adoptierte ~Wagner~ später das Spottwort; denn
er gab 1861 eine Schrift "Zukunftsmusik. Brief an einen französischen
Freund" heraus. Übrigens ist die Idee nicht ganz Wagners Eigentum.
Schon in Rob. ~Schumanns~ "Gesammelten Schriften" (Bd. I, S. 46) findet
man unter den Aufzeichnungen Florestans die Bemerkung aus dem Jahre
1833: "Eine Zeitschrift für zukünftige Musik fehlt noch"! und Karl
~Gaillard~, Redakteur der "Berliner musikalischen Zeitung", sagt No.
24, Jahrgang 1847 derselben: "Schafft sich Herr Berlioz ein eigenes
Orchester an, so mag er dirigieren, soviel es ihm beliebt, und seinen
musikalischen Hokuspokus, genannt 'die neue Musik' oder 'die Musik der
Zukunft', treiben", (vrgl. die gründliche Erörterung Wilh. ~Tapperts~
in dessen "Wagner-Lexikon", Lpz. 1877, S. 45.)--
* * * * *
~Emanuel~ *Geibel*s (1815-84) Lied "Der Zigeunerbube im Norden" beginnt:
"Fern im Süd' das schöne Spanien,
Spanien ist mein Heimathland,
Wo die schattigen Kastanien
Rauschen an des Ebro Strand."
Danach sagen wir:
*Spanien, das Land der Kastanien"--*
Aus ~Geibels~ Lied "Wo still ein Herz von Liebe glüht" wird citiert:
*O rühret, rühret nicht daran!*
und aus seinem Gedichte "Hoffnung" ("Zeitstimmen", Lübeck 1841, S. 15):
*Es muss doch Frühling werden.--*
* * * * *
Johannes *Scherr* (1817-86) gab dem ersten Kapitel des achten Buches
seines Werkes "Blücher und seine Zeit" (1862-63) die auf Napoléon I.
bezügliche Überschrift:
*Kaiserwahnsinn;*
danach dann (1864) in der "Verlorenen Handschrift" Gustav *Freytag*s
(geb. 1816) Professor Werner von der Meisterschaft spricht, mit welcher
Tacitus die eigentümlichen Symptome und den Verlauf des
*Caesarenwahnsinns*
schildert.--
* * * * *
~Georg~ *Herwegh*s (1817-75) Gedicht "Aus den Bergen" bietet:
*Raum, ihr Herren, dem Flügelschlag
Einer freien Seele*
und sein Gedicht "Strophen aus der Fremde" schliesst:
*Das arme Menschenherz muss stückweis brechen.*
Es stand zuerst in Rückerts "Musenalmanach" (Lpz. 1840, S. 246 ff.)
und darauf in den "Gedichten eines Lebendigen" (Zürich u. Winterthur
1841).--
* * * * *
Der Titel eines Walzers von Johannes Strauss:
(_An der Donau_)
*An der schönen blauen Donau*
ist der Kehrreim der ersten beiden Strophen des Gedichtes "An
der Donau" aus den "Stillen Liedern" (Lpz. 1839) von Karl *Beck*
(1817-79).--
* * * * *
Es giebt eine alte Anekdote[56] von einem Reisenden, der im Auslande
Bienen von der Grösse eines Schafes gesehen zu haben vorgab, während
die Bienenkörbe nicht grösser gewesen seien, als die in der Heimat,
und der dann auf die Frage "Wie die Bienen denn hineinkämen?" die
Antwort giebt: "Dafür lass' ich sie selbst sorgen." Diese Anekdote hat
~Wilhelm~ *Camphausen* (geb. 1818) in den "Düsseldorfer Monatsheften"
illustriert und einem für sein Vaterland begeisterten Russen die
volkstümlich gewordene Antwort
*Der Bien' muss*
in den Mund gelegt.--Von demselben Künstler ist die Illustration zu dem
berühmten Worte eines Unteroffiziers an einen Soldaten:
*Was nutzt mich der Mantel, wenn er nicht gerollt ist?*
welche auf No. 23 der "Münchener Bilderbogen", 5. Aufl., steht und
schon 1847 in den "Fliegenden Blättern", Bd. V. No. 98 unter dem Titel:
"Der einjährige Freiwillige auf dem Marsche" zu finden war.--
[Fußnote 56: S. den Lügenmärchen-Anhang zur 6. Ausgabe des
"~Laienbuches~" (Schiltbürger) von 1597, deren einziges bekanntes
Exemplar sich auf der Wiener Hofbibliothek befindet; ferner:
~Melanders~ "Jocor. atq. serior. centur. aliq." No. 115 (Frkf.
1603), Olorin. ~Variscus~ "Ethogr. mundi", T. 1 No. 2 (Magdb. 1609),
Nicod. ~Frischlini~ "Beb. et Pogii facetiae, item additamenta Phil.
Hermotimi", p. 304 (Amst. 1660), "~Kurtzweiliger Zeitvertreiber~" von
1666, S. 117 unter "Aufschneidereien", und ~Abraham a Santa Clara~ in
"Huy und Pfuy! der Welt" (1680) unter "Ross".]
* * * * *
Aus der "Wacht am Rhein", gedichtet 1840 von ~Max~ *Schneckenburger*
(1819-49) stammt:
*Lieb Vaterland, magst ruhig sein!*
Das 1854 von Carl ~Wilhelm~ komponierte Lied wurde erst im Jahre
1870 volkstümlich. Anton ~Langer~ in Wien verfasste im Aug. 1872
eine Entgegnung darauf unter dem Titel "Donauwacht". Als Antwort auf
dieses antideutsche Pasquill schrieb F. F. *Masaidek* (geb. 1840), ein
Mitarbeiter des Wiener Figaro, ein Gegenpasquill:
*Die Wacht am Alserbach,*
das am 23. Aug. 1872 in der "Deutschen Zeitung" und im "Figaro"
erschien und Tags darauf vom "Vaterland", der "Tagespresse", der
"Wehrzeitung", dem "Volksfreund" und dem "Extrablatt" abgedruckt
wurde. Der Titel hat sich in Österreich erhalten und dient heute zur
Bezeichnung der exaltierten Schwarzgelben.--
* * * * *
Aus der Posse "Berlin, wie es weint und lacht" von ~David~ *Kalisch*
(1820-75) stammt:
*Alles muss verrungeniert werden,*
(_Alles muss ruiniert werden,_)
und:
*Was ich mir dafür kaufe!*
(_eigentlich:_ *Wat ick mir dafor kofe!)*
(_im Sinne von: Was ich mir daraus mache!_).--