Das Wort

*romantisch,*

das 1734 im "Bernischen Spectateur" neben dem bis dahin üblichen

"romanisch" zuerst[54] vorkommt, erlangte seine allgemeine

Bedeutung als litterarischer Parteiname, nachdem ~Tieck~ 1800 seine

Gesamtgedichte unter dem mit vollster Unbefangenheit gewählten Titel

"Romantische Dichtungen" herausgegeben hatte (s. R. ~Köpke~: "Ludwig

Tieck, Erinnerungen aus dem Leben des Dichters", I, 265; s. auch

II, 172). Erst A. W. ~Schlegel~ stellte in "Charakteristiken und

Kritiken" (Königsberg 1801) die klassische Poesie des Altertums und die

romantische des Mittelalters und der Neuzeit als auf ganz verschiedene

Weise entstanden gegenüber. ~Romantic~ wird nach ~Friedländer~

("Darstell. aus d. Sittengesch. Roms", 5. Aufl. 1881. Bd. 2, S. 245)

im Englischen schon Mitte des 17. Jahr. von Personen und Naturscenen

gebraucht.--

[Fußnote 54: S. "Die Gegenwart" XXVII, S. 71 "Klassisch und

Romantisch." Eine Wortstudie von H. Breitinger.]

Ein Losungswort für und gegen die Romantik war einst Tiecks:

*Mondbeglänzte Zaubernacht.*

Nämlich im Prolog und am Schlusse seines "Kaiser Oktavianus" (1804)

glossiert er das Thema:

Mondbeglänzte Zaubernacht,

Die den Sinn gefangen hält,

Wundervolle Märchenwelt,

Steig' auf in der alten Pracht!

~Uhland~ verwendet das Wort in seiner Glosse "Der Romantiker und

Recensent".--

* * * * *

Amadeus Gottfr. Adolf *Müllner*s (1774-1829) Worte in dem Drama "Die

Schuld" (aufgeführt 1813, ersch. 1816) 2, 5:

(Und) erklärt mir, Oerindur,

Diesen Zwiespalt der Natur!

(Bald möcht' ich in Blut sein Leben

Schwinden seh'n, bald--ihm vergeben)

hat der Volksmund also umgestaltet:

*Erkläret* (_löset_) *mir, Graf Oerindur,

Diesen Zwiespalt der Natur.--*

* * * * *

Von ~Luise~ *Brachmann* (1777-1822) citieren wir den ersten Vers ihres

Gedichtes "Columbus":

*Was willst du, Fernando, so trüb und so bleich?--*

* * * * *

~De la Motte~ *Fouqué*s (1777-1843) "Trost" ("Frauentaschenbuch für

1816" S. 187) beginnt:

*Wenn alles eben käme,

Wie du gewollt es hast.--*

* * * * *

*Zahlen beweisen*

oft erweitert zu:

*Zahlen beweisen, sagt Benzenberg,*

müsste eigentlich heissen: "Zahlen entscheiden"; denn so lautet es an

vielen Stellen der Schriften des rheinischen Physikers und Publicisten

Joh. Friedr. *Benzenberg* (1777-1846). Verbreitet wurde der Ausdruck

besonders durch die "Kölnische Zeitung". Als nämlich 1833 der Stadt

Köln das Stapelrecht genommen und ihr zum Ersatz ein Freihafen gegeben

wurde, entspann sich unter den Beteiligten ein lebhafter Streit über

den Nutzen oder den Schaden der neuen Einrichtung, welcher in der

genannten Zeitung unter der abwechselnden Überschrift "Zahlen beweisen"

und "Zahlen beweisen nicht" ausgefochten wurde. Der Karneval von 1834

bemächtigte sich der Frage und verschaffte durch allerlei drollige

Wendungen und Zusätze dem Worte Eingang in die weitesten Kreise.--

* * * * *

In Clemens *Brentano*s (1778-1842), Lustspiel "Ponce de Leon" (1804),

5, 2, sagt der Haushofmeister Valerio zu einem Schulmeister mit Bezug

auf eine erwartete Musikantenschar: "Diese schlechten Musikanten

und guten Leute aber werden sich unter Eurer Anführung im Walde

versammeln". Hieraus entstand durch E. T. A. ~Hoffmann~ ("Seltsame

Leiden eines Theater-Direktors", anonym, Berl. 1819, S. 198, u. "Kater

Murr", 1820, 2. Abschn.) und ~Heinrich Heine~ ("Ideen. Das Buch le

Grand", 1826, Kap. 13) das Dictum:

*Gute Leute und schlechte Musikanten.*

~Brentano~ wird dadurch zu seinem Worte angeregt worden sein, dass die

Amme in Shakespeares "Romeo und Julia" (IV, 5) die Musikanten "Ihr

guten Leute" anspricht, denen weiterhin Peter sagt: "Es heisst 'Musik

mit ihrem Silberklang', weil solche Kerle, wie ihr, kein Gold fürs

Spielen kriegen".--

* * * * *

Aus dem zuerst im "Neuen Liederbuch für frohe Gesellschaften",

Hamburg 1808, S. 91, sodann im Sommer 1810 bei J. A. Böhme in Hamburg

erschienenen "Gesellschaftslied: Im Kreise froher kluger Zecher, in

Musik gesetzt fürs Piano-Forte von Karl ~Döbbelin~" stammt:

*Wir Menschen sind ja alle Brüder.*

(Schon Maleachi 2, 10 ruft aus: "Haben wir nicht alle einen Vater?")

Das Lied ist unterzeichnet *Ludwig*. Ist damit ~Johannes Ludwig~

gemeint, der Verfasser der "Lieder und Gedichte für Freunde der Natur

und häuslichen Glückseligkeit", Hildburghausen 1802? Später steht

~Zschokkes~ Name unter dem Liede. Nach dem "Nekrolog der Deutschen"

(IV, 281) soll Christian Gottlob ~Otto~, Professor der Mathematik an

der Fürstenschule zu Meissen (1763-1826) der Verfasser sein.--

* * * * *

*Volkstum*

ist Friedrich Ludwig *Jahn*s (1778-1852) Erfindung. Er gab "Das

deutsche Volkstum" 1810 zu Lübeck heraus. In der bereits 1808

geschriebenen, dem Buche vorangehenden "Erklärung", erwähnt er, dass

er schon früher eine Schrift "Volkstum" verfasst habe, die verloren

gegangen sei.--

*Turnen*

ist ein ebenfalls von ~Jahn~ um jene Zeit eingeführtes Wort. Er

eröffnete 1811 den ersten Turnplatz in der Hasenhaide bei Berlin.

Turner (mit turnieren in Verbindung) steht bereits gegen 1650 bei

~Moscherosch~, "Philander von Sittewald", II, 146. (Althochdeutsch

turnan = wenden, lenken).--

* * * * *

(_Das Publikum, das ist_) *ein Mann,

Der alles weiss und gar nichts kann,*

beginnt ein Gedicht "Das Publikum" von ~Ludwig~ *Robert* (1778-1832),

welches nach dem Nekrolog von W. Alexis für Robert (im "Freimütigen",

Juli 1832) "von Mund zu Munde" ging (s. "Ludw. ~Roberts~ Schriften".

Mannh. 1838. T. I, S. 19). Ernst ~von Wildenbruch~ in seinem "Christoph

Marlow" (1884) lässt Ben Jonson sagen (Akt 3, Sc. 5): "Ein Recensent,

siehst du, das ist ein Mann, der Alles weiss und gar nichts kann".--

Aus ~Roberts~ Gedicht "An L. Tieck. Promenaden eines Berliners in

seiner Vaterstadt" (1824) stammt das Wort (s. "Morgenblatt" vom 21.

Sept. 1824 und L. Roberts "Schriften" II, 125):

*Hof-Demagoge.*

("So nämlich nenn' ich keinen Berliner! Hof-Demagogen sind Männchen,

Die allem Volke den Hof machen Und bei jeder Gelegenheit Für massigen

Preis, Was preussisch ist, preisen".)

Dies wurde der Spitzname für den aus Münchengosserstädt stammenden

Berliner Schriftsteller Friedrich ~Förster~, der ein eifriger

Liberaler und Hofgelegenheitsdichter war. Später nannte ein Kritiker

der "Nachträge zu den Reisebildern (1831)" im "Konversationsblatt"

Heinrich ~Heine~ einen "Salondemagogen" (s. "Ges. W." XX, 225, 1876),

woraus dann das harmlosere Witzwort "Salontiroler" entsprungen sein

mag, was Berthold ~Auerbach~ in seinem Roman "Auf der Höhe" gebraucht

und das von ~Defregger~ zum Titel und Inhalt eines Gemäldes (Berliner

Nationalgalerie) auserkoren ward, nur dass dort nicht das Waldkind im

Salon, sondern der Salonmensch unter den Wäldlern die komische Figur

spielt.--

* * * * *

Der "Denkspruch" von ~Karl~ *Streckfuss* (1779-1844):

Im Glück nicht stolz sein und im Leid nicht zagen,

*Das Unvermeidliche mit Würde tragen,*

Das Rechte thun, am Schönen sich erfreuen,

Das Leben lieben und den Tod nicht scheuen,

Und fest an Gott und bess're Zukunft glauben,

Heisst leben, heisst dem Tod sein Bitt'res rauben,

findet sich in seinen "Gedichten" (Lpzg. 1811) und ist im

Inhaltsverzeichnisse mit der Jahreszahl 1809 versehen. Die zweite Reihe

wurde zum "geflügelten Worte".

Nach den Mitteilungen seiner Söhne bestimmte Streckfuss 1831, als die

Cholera in Berlin herrschte, in seinem Testamente, dass jene Verse

auf sein Grab gesetzt werden sollten. Sie befinden sich auch auf

seinem namenlosen Grabstein auf dem alten Dreifaltigkeitskirchhofe

in Berlin vor dem Hallischen Thore. 1843, ein Jahr, ehe Streckfuss

starb, liess die litterarische Gesellschaft, deren Vorsteher

er war, ihn durch Franz ~Kugler~ zeichnen und die, mit dem von

ihm eigenhändig geschriebenen Denkspruch versehene Zeichnung

lithographisch vervielfältigen.--Der gleiche Gedanke ist schon früh

den Griechen aufgestiegen. Vrgl. ~Theognis~, 591-594 (Poetae lyrici

graeci, ed. Bergk. Leipz. 1882, 4. Aufl. Tom. II):

Τολμᾶν χρή, τὰ διδοῦσι θεοὶ θνητοῖσι βροτοῖσιν,

ῥηϊδίως δὲ φέρειν ἀμφοτέρων τὸ λάχος,

λίην χαλεποῖσιν ἀσῶ φρένα, μηδ' ἀγαθοῖσιν

τερφθῇς ἐξαπίνης, πρὶν τέλος ἄκρον ἰδεῖν.

(_Der Mensch soll dulden, was die Gottheit sendet,

Und, wie das Loos auch fällt, es leicht ertragen.

Im Leid lass nie dein Herz zu tief verzagen,

Im Glück nicht jubeln, eh' du weisst, wie's endet!_)

und die Worte des ~Kleobulus~ bei Diogenes Laertius (I, 6 u. 4, 93):

εὐτυχῶν μὴ ἴσθι ὑπερήφανος ἀπορήσας μὴ ταπεινοῦ.

(_Sei nicht übermütig im Glück, nicht kleinmütig im Unglück._)

Conz († 1827) übersetzt den am Ende des "Handbuches des Epiktet"

(Stuttgart o. J.) befindlichen Vers (der nach Simplicius dem

~Kleanthes~, Schüler des Zeno und Lehrer des Chrysippus, angehört):

Ὅστις δ' ἀνάγκῃ συγκεχώρηκεν καλῶς

(_Wer sich der Notwendigkeit in schöner Weise fügt_)

mit Benutzung der Streckfussischen Worte:

_Und wer das Unvermeidliche mit Würde trägt._

Die erste Zeile der Streckfussischen Grabschrift entsprang wohl dem

Verse

"Im Glücke bin ich stolz, verzagt in Kümmernissen"

aus ~Gellerts~ Gedicht "Das natürliche Verderben des Menschen" (s.

"Geistliche Oden und Lieder" 1757).--

* * * * *

Aus der zuerst 1809 aufgeführten "Schweizerfamilie" Joseph ~Weigls~

mit Text von Ignaz Friedr. *Castelli* (1781-1862) citieren wir:

*Setz' dich, liebe Emeline,

Nah', recht nah zu mir.--*

* * * * *

Der Anfang eines Liedes von ~Johann Rudolf~ *Wyss d. J.* (1781-1830)

lautet:

*Herz, mein Herz, warum so traurig?

Und was soll das Ach und Weh?*

Es erschien im Schweizeralmanach "Alpenrosen" 1811 zuerst in Berner

Mundart:

"Herz, myn Herz, warum so trurig?"--

* * * * *

Adalbert *v. Chamisso*s (1781-1831):

*Der Zopf, der hängt ihm hinten,*

(1822. "Tragische Geschichte". Zuerst in "Moosrosen" auf das Jahr 1826,

herausg. von Wolfgang ~Menzel~, Stuttg. 1826, S. 395, 396) ist ebenso

bekannt, wie sein

*Das ist die Zeit der schweren Not,*

was zuerst in einem im Juni 1813 von ~Chamisso~ an J. ~Hitzig~ aus

Kunersdorf geschriebenen Briefe vorkommt (J. Hitzig: "Leben und Briefe

von Ad. v. Chamisso", I., S. 343, Leipz. 1839), wo es heisst: "Gott

verzeihe mir meine Sünden!

Thema.

Das ist die schwere Zeit der Not,

Das ist die Not der schweren Zeit,

Das ist die schwere Not der Zeit,

Das ist die Zeit der schweren Not".

Diese vier Zeilen führen in den Werken Chamissos jetzt den Titel

"Kanon".--

In ~Chamissos~ "Nachtwächterliede" (1826; Werke 3, 95 Lpz. Weidmann,

1836) lautet die dritte Strophe:

"Hört, ihr Herrn, so soll es werden:

Gott im Himmel, wir auf Erden,

*Und der König absolut,

Wenn er unsern Willen thut.*

Lobt die Jesuiten!"--

Auch wird aus ~Chamissos~ "Frauen-Liebe und -Leben" 2 ("Gedichte" 1831

n. A.) citiert:

*Er, der herrlichste von allen.*

vrgl. Hiob 1, 3: "Er war herrlicher, denn Alle, die gegen Morgen

wohneten".--

* * * * *

Max von *Schenkendorf* (1783-1817) sagt in der vorletzten Strophe von

"Schills Geisterstimme" (1809):

*Für die Freiheit eine Gasse!*

Theodor ~Körner~ sagt nach ihm in seinem "Aufruf" (von 1813) "Frisch

auf, mein Volk! die Flammenzeichen rauchen", wo es den Anfang des

vorletzten Verses der ersten Strophe bildet:

*Der Freiheit eine Gasse!*

Dass Arnold von Winkelried, wie erzählt wird, sich mit diesen Worten

1386 in der Schlacht bei Sempach in die Speere der Feinde gestürzt

habe, lässt sich nicht nachweisen. Im Liede ~Halbsuters~, das von

Liliencron in den "historischen Volksliedern der Deutschen vom 13.

bis 16. Jahrh.", 1. Bd. S. 125-140 mitteilt, wird nur Strophe 27 "Ein

Winkelried" genannt und Strophe 29 von ihm gesagt:

Hie mit da tet er fassen

ein arm voll spiess b'hend;

den sinen macht er gassen,

sin leben hat ein end.

~Herwegh~ besang Winkelrieds That mit einem Gedichte, dessen Titel

und Kehrreim: "Der Freiheit eine Gasse!" ist. Ähnlich sagte schon um

61 n. Chr. ~Seneca~ ("de provid." 2), indem er schildert, wie Cato

Uticensis sich nach der Niederlage bei Thapsus (46 v. Chr.) das Leben

nahm: "Una manu latam libertati viam faciet"--"mit einer Hand wird er

der Freiheit eine breite Bahn schaffen".--

Auch citieren wir den Anfangsvers von ~Schenkendorfs~ Liede (1813):

*Freiheit, die ich meine,*

Die mein Herz erfüllt,

Komm' mit deinem Scheine,

Süsses Engelsbild!--

* * * * *

*Was vergangen, kehrt nicht wieder;

Aber ging es leuchtend nieder,

Leuchtet's lange noch zurück!*

bildet in den Gedichten ~Karl~ *Förster*s (1784-1841), herausg. v. L.

~Tieck~, Leipz. 1843, I. S. 60 den Anfang des Gedichtes "Erinnerung und

Hoffnung".--

* * * * *

Das von ~Pius Alex.~ *Wolff* (1784-1828) nach des Cervantes Novelle:

"la gitanilla de Madrid" gedichtete Drama "Preciosa" (zum ersten Male

in Berlin 14. März 1821 auf die Bühne gekommen) enthält 1, 5:

*Herrlich! Etwas dunkel zwar--

Aber 's klingt recht wunderbar,*

und

*Leb' wohl, Madrid!* (_Nie wende sich dein Glück!_)--

Der 2, 1 vorkommende Reim:

Wird man wo gut aufgenommen,

Muss man ja nicht zweimal kommen,

lautet als stehendes Citat gefälliger so:

*Wird man wo gut aufgenommen,

Muss man nicht gleich wiederkommen.--*

2, 2 enthält Preciosas Gesang:

*Einsam bin ich nicht alleine,*

(s. "Geflügelte W. a. d. Geschichte". "Rom": Scipio.)--

Aus 3, 2 der "Preciosa" sind die Worte Pedros:

*Auf der grossen Retirade*, und:

*Peter des Plaisirs*

für "maitre de plaisir", und

*Thut nichts, könnt's noch öfter hören;*

aus Sc. 3 u. 8:

*Donnerwetter Parapluie;*

Die Stelle der dritten Scene lautet:

Pedro: Parapluie!

Ambrosio: Flucht nicht so grässlich!

Pedro: Donnerwetter!

Pedro spricht gern in wälschen, von ihm missverstandenen Wörtern,

und so wird jenes "Parapluie" von ihm aus "parbleu" verzerrt, das

seinerseits aus "par Dieu" entstand, wie "Potsdonnerwetter" aus

"Gottsdonnerwetter".--

* * * * *

Ernst Benj. Sal. *Raupach* (1784-1852) lässt seinen "König Enzio"

(1831) zweimal sagen:

*Das Glück war niemals mit den Hohenstaufen.*

(Akt 2, Sc. 2, Auftritt 5 und Akt 4, Sc. 2, Auftritt 8.)--

* * * * *

Adolf *Bäuerle*s (1784-1869) Lied "Was macht denn der Prater?" aus

seinem von Wenzel ~Müller~ komponierten Operntext "Aline" (aufgef. in

Wien am 9. Okt. 1822) hat den Refrain:

"Ja nur ein' Kaiserstadt, ja nur ein Wien".

Dies Lied wurde in K. v. ~Holteis~ "Die Wiener in Berlin" (4. Jahrb. d.

Bühne für 1825) eingeschoben, und man citiert es im Wiener Dialekt:

*'s giebt nur a Kaiserstadt, 's giebt nur a Wien!*

"Es giebt nur a Wien" steht übrigens schon in einer 1781 in Wien

erschienenen, namenlosen Schrift "Schwachheiten der Wiener".--

* * * * *

Ein altes jüdisches Sprichwort: "Butterbrot fällt uf's Ponim" (d.h.

aufs Gesicht, vom hebräischen "panim") hat Ludwig *Börne* (1786-1837)

zu dem Worte verarbeitet (Ges. Schr., 3, 276):

*Minister fallen, wie Butterbrode, gewöhnlich auf die*

_gute_ *Seite.--*

In seiner "Rede auf Jean Paul" (Ges. Schr., 1, 313) sagt ~Börne~ (vrgl.

Kap. IX ~Heraklits~ "*πάντα ῥεῖ*"):

*Nichts ist dauernd als der Wechsel,*

was ~Heine~ als Motto seiner "Harzreise" (1824) verwendet.--

In den "Briefen aus Paris" schreibt ~Börne~ unter dem 4. Nov.

1831 (Ausg. 1833: IX, 83): "Salvandy ist einer von den ~bequemen

Carlisten~, die in ~Pantoffeln und im Schlafrock~ die Rückkehr

Heinrichs V. abwarten". Dies Wort verwandte der preussische Minister

des Auswärtigen, Frhr. v. ~Manteuffel~, als er am 8. Jan. 1851 in der

ersten Kammer über eine etwaige Beamtenrevolution sagte: "Ja, meine

Herren, ich erkenne eine solche ~Revolution~ für sehr gefährlich,

gerade weil man sich dabei in ~Schlafrock und Pantoffeln~ beteiligen

kann, während der Barrikadenkämpfer wenigstens den Mut haben muss,

seine Person zu exponieren". Daher stammt der Ausdruck:

*Revolutionäre in Schlafrock und Pantoffeln.*

Börne wird nur ein in Paris wohl längst bekanntes Wort ~Napoléons~

umgemodelt haben, welcher, nach den "Memoires de Mdme la Duchesse

d'Abrantés" (Par. 1832, VI, 40), kurz bevor er die Tempel der Pariser

Theophilanthropen schloss (Décret des 1. Consuls vom 4. Okt. 1801),

deren Religion "une religion en robe de chambre" nannte.--

* * * * *

*Der Karnickel hat angefangen!*

steht in folgender von dem Reimer und Kupferstecher Heinrich

*Lami* (1787-1849) in Verse gebrachten Geschichte, "Eigennützige

Dienstfertigkeit" (s. "Mixpickel (sic!) und Mengemus, eingemacht von H.

~Lami~", Magdeburg 1828, S. 21 und 22): Der Pudel eines über den Markt

wandelnden Herrn zerreisst ein lebendiges Kaninchen, das zu dem Kram

einer Hökerin gehört. Obwohl der Herr ihr zehnfachen Ersatz bietet,

besteht die Verkäuferin, in der Absicht, ihn zu prellen, darauf, dass

er mit ihr "auf die Obrigkeit" gehen soll. Ein Schusterjunge, der

dem Streite zugehört hat, nimmt Partei für den Herrn und verspricht,

gegen ein Trinkgeld zu bezeugen, "det der Karnickel hat angefangen"

(dass das Kaninchen angefangen hat). Der Ausdruck ist jetzt auch ins

Französische übergegangen. Am Schluss eines Artikels "Aménités" der

Pariser Zeitung "Le Bien public", No. 66, 7. März 1877, heisst es:

"Encore une fois,

c'est le lapin qui a commencé!"--

* * * * *

Aus Ludwig *Uhland*s (1787-1862) "Wanderliedern" (7, "Abreise"; 14.

Sept. 1811; zuerst gedruckt im "Deutschen Dichterwald", S. 32, Tübingen

1813, wo es die Bezeichnung 6 trägt) wird citiert:

*Von Einer aber thut mir's weh;*

aus ~Uhlands~ "Frühlingsglauben" ("Frühlingslieder", 2; 21. März 1812;

zuerst ebenda S. 5):

*Nun muss sich Alles, Alles wenden,*

und:

*Die Welt wird schöner mit jedem Tag;

Man weiss nicht, was noch werden mag;*

aus ~Uhlands~ "Freier Kunst" (24. Mai 1812, zuerst gedruckt im

"Deutschen Dichterwald", S. 3):

*Singe, wem Gesang gegeben,*

was Chamisso 1831 zum Motto seiner "Gedichte" erkor; aus "Des Sängers

Fluch" (3. u. 4. Dez. 1814; Gedichte, Stuttg. u. Tüb., Cotta, 1815, S.

335) das vielfach travestierte:

*Denn was er sinnt, ist Schrecken, und was er blickt, ist Wut,

Und was er spricht, ist Geissel, und was er schreibt, ist Blut;*

ferner:

*Noch eine hohe Säule zeugt von verschwundener Pracht;*

und:

*Versunken und vergessen.--*

Aus der "Schwäbischen Kunde" (6. Dez. 1814), ebenda S. 287 wird citiert:

*Der wackre Schwabe* (_oft verwandelt in:_ *Ein wackrer Schwabe)

forcht sich nit;*

aus ~Uhlands~ "Vaterländischen Gedichten. Am 18. Okt. 1816":

*Untröstlich ist's noch allerwärts;*

aus "Bertran de Born" ("Morgenblatt von 1829", No. 283. 6. Nov.):

*Deines Geistes

Hab' ich einen Hauch verspürt.--*

* * * * *

Aus dem einaktigen, 1836 erschienenen Vaudeville Karl *Blum*s

(1786-1844): "Ein Stündchen vor dem Potsdamer Thor", ist wohl nur in

Norddeutschland geläufig:

*O Kyritz, mein Vaterland!--*

* * * * *

Aus Louis *Angely*s (1788-1835): "Fest der Handwerker" (Angelys

"Vaudeville und Lustspiele", Berlin 1828-34, II. 11) sind die Worte des

Maurerpoliers Kluck:

*Positus, ich setz' den Fall,*

mit Anlehnung an ~Jean Pauls~ "Posito, gesetzt Sie werden unser

Landmesser" (in dem "heimlichen Klaglied der jetzigen Männer", "4.

Ruhestunde") und:

*Darum keine Feindschaft nicht!*

(_eigentlich: "Dadrum keene Feindschaft nich"_)

sowie die Redensart Hähnchens des Tischlers:

*Allemal derjenige, welcher,*

besonders in Berlin übliche Citate geblieben.--

Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes · 第 172 / 438 题