den hohen Cylinderhut weit nach hinten auf den Kopf gedrückt, die Hände in
den Taschen und goldene Uhrketten, Tuchnadeln, Hemdknöpfchen und Berloques
eingehakt. Dazwischen drängte sich ein kleiner Schwarm von Chinesen herum,
in ihren blauen Kattunjacken und weiten weißen Hosen, die langen Zöpfe
wohl geflochten und gepflegt. Südsee-Insulaner waren da, die scheu und
verwundert auf dem fremden Boden umhergingen, und oft nur in ihrer
eigenen Sprache zusammen plauderten und lachten, wenn ihnen etwas gar zu
Absonderliches in die Augen sprang -- Mexikaner mit den, an der Seite bis
oben hin aufgeschlitzten und mit silbernen Knöpfen besetzten Sammethosen
und den kurzen, ebenfalls so garnirten Jacken, den breitrandigen
Wachstuchhut auf dem Kopf; Californier mit ihrem langen, in den
prachtvollsten Farben gewebten Ponchos, die ihnen fast bis auf die Knöchel
hinabreichten und die ganze Gestalt verhüllten. Deutsche, Engländer,
Franzosen, Irländer, Backwoodsmen in ihren ledernen Jagdhemden, die
lange Büchse noch auf der Schulter, wie sie gerade über die Felsengebirge
gekommen waren; Chilenen in den kurzen Ponchos, Neger und Mulatten in allen
Schattirungen, und dazwischen die aus den Minen oft mit schweren Beuteln
voll Gold zurückgekehrten Goldwäscher in den phantastischsten Costümen,
die sich nur denken lassen -- abgerissen in ihren Kleidern auf das
Entsetzlichste, mit geflickten Hosen und Jacken, mit zerrissenen Stiefeln,
und Hüten, die Monate lang am Tag der Sonne und dem Regen getrotzt und
Nachts dann als Kopfkissen gedient hatten. Und in kleinen Gruppen standen
dabei die Eingebornen des Landes, die eigentlichen, rechtmäßigen Herren des
Bodens, und doch vielleicht die einzigen, vollständig Besitzlosen in der
ganzen Masse, die ihr Leben jetzt durch Tagelohn kärglich fristen mußten.
Welch bunte Völkermischung trieb sich auf dem engen Platz umher, und dieser
schlossen sich nun auch noch die spanischen Marine-Offiziere in ihren
blitzenden, goldgestickten Uniformen an und vollendeten eigentlich erst das
bunte, wunderliche Bild. Aber die rauschende Musik zog sich auch bald zu
dem eigentlichen Knotenpunkt des Vergnügens hin, und so öde der Platz da
drinnen sonst gewöhnlich aussah, so freundlich schien er ihnen heute nicht
allein durch das frische Grün der Zweige, das die Wände deckte, nein auch
durch die vielen, lieben Mädchengestalten, die sich hier versammelt hatten
und jetzt nun verschämt und doch auch wieder mit vor Vergnügen blitzenden
Augen des Tanzes harrten.
Wo alle Theile so willig waren, dauerte es aber auch nicht lange, bis er
begann, und wie nur die kriegerischen Töne des Marsches schwiegen und in
die allbeliebte muntere Weise des Fandango übergingen, hatten sich
rasch einige gleichgesinnte Paare gefunden, die zusammen antraten -- und
Marequita war unter ihnen und ihr Tänzer einer der jungen Offiziere.
Es gab allerdings damals noch wenig Frauen in Californien, denn das wilde
Leben im ganzen Lande bot noch keinen rechten Grund und Boden für eine
Familie. Was deshalb von Amerika oder Europa an weiblichen Wesen herüber
gekommen war, gehörte nur den Klassen an, die sich darin wohl fühlen
konnten, und dazu hatte Chile die größte Zahl gestellt. Die Fremden, wenn
sie wirklich anständige Damengesellschaft suchten, blieben deshalb allein
auf die hier ansässigen Californierinnen angewiesen.
Zu _diesem_ Fandango hatte übrigens auch die weite Nachbarschaft ihre
schönen Gesandtinnen hergeschickt. Die Mission selber stellte fünf
allerliebste Mädchen, und nicht allein befand sich gerade ein Besuch von
Pueblo San-José hier, der drei reizende junge Damen aufweisen konnte, es
waren auch noch flinke und hübsche Tänzerinnen theils vom Präsidio, theils
von Sanchez Rancho angekommen. Ja selbst von der Mission San-Rafael hatten
sich zwei junge Damen eingefunden.
Allerdings wären wohl noch immer am heutigen Tage auf eine Tänzerin mehr
als zwanzig Tänzer gekommen, wenn sich Alle hätten dabei betheiligen
können, aber die »Fremden« verstanden ja nicht den Fandango und seine
verwickelten und doch so graziösen Touren, und nur die Chilenen, deren
Sambacueca die größte Aehnlichkeit damit hat, durften es wagen, Theil daran
zu nehmen. Sonst blieb der Boden, mit Ausnahme einiger Franzosen, die sich
rasch hineingefunden, den Spaniern, Californiern und Mexikanern, und
da stellte sich denn doch kein so bedeutendes Mißverhältniß in der Zahl
heraus.
Kopf an Kopf gedrängt standen aber die Zuschauer wenigstens auf der einen
Seite des Saals und im hinteren Theil desselben, nur eben genügend Raum
für die Paare lassend, während die andere Seite, an welcher sich auch die
Musici befanden, der einen Thür wegen, frei bleiben mußte, da der Wirth
nur durch diese aus- und eingehen konnte. Seine durstigen Gäste verlangten
Erfrischungen, denn die Hitze im Saal war fast erstickend. Wie aber die
Nacht einbrach, änderte sich das, denn die meisten heutigen Besucher
der Mission kehrten in ihre Wohnungen nach San-Francisco zurück, und die
Yankees besonders bekamen es auch satt, allein ruhige Zuschauer bei einem
Tanz abzugeben, den sie nicht einmal verstanden und deshalb auch nicht
schön finden konnten. Dies ruhige Herüber- und Hinüberschweben gefiel ihnen
nicht; es war, so anmuthig die Damen es auch ausführen mochten, doch viel
zu monoton für sie und sie vermochten nicht einmal dem Takt zu folgen -- ja
wenn es ein tüchtiger »Reel« oder eine »Hornpipe« gewesen wäre, der hätten
sie mit Hacken und Fußspitze schon Nachdruck geben wollen!
Die Miner und das übrige Volk hielten ebenfalls nicht viel länger aus,
denn es gab keine Spielzelte auf der Mission, keinen Platz, auf dem sie
ihr Glück versuchen, und das mühsam ausgegrabene Gold in leichter Weise
verdoppeln -- oder auch verlieren konnten, und sie verließen einzeln
oder in Trupps die Mission wieder, um zu den Spielhöllen der Plaza
zurückzukehren und sich der Aufregung des Monte hinzugeben. Viele Mexikaner
thaten das Nämliche, aber die Chilenen, obschon dem Hazardspiel ebenso
ergeben, hielten aus, auch die Offiziere der spanischen Fregatte wichen
nicht vom Platze, ebensowenig die dort ansässigen oder benachbarten
Californier, und der Raum blieb immer noch gefüllt, wenn er auch nicht mehr
wie den Nachmittag über, gedrängt war.
Je mehr dabei die spanischen Gäste mit den jungen californischen Damen
bekannt wurden, desto lebendiger gestaltete sich der Tanz, und Alles schien
zu wetteifern, um neue und piquante Touren zu erfinden. Die Königin des
Festes blieb aber, trotz vieler bildhübschen Rivalinnen, Marequita, der
ihr Tänzer fast nicht mehr von der Seite wich, und bald war sie die
Ausgelassenste und Lebendigste von Allen, und übertraf sich selber. Aber
die spanischen Offiziere sollten sie heute Abend nicht blos tanzen sehen,
sie sollten auch noch einige von den californischen Sitten und Gebräuchen
kennen lernen, und Marequita flüsterte deshalb ihrem Bruder zu, rasch nach
Hause zu springen und eine Anzahl von ausgeblasenen Eiern, die zu dem Zweck
schon immer vorräthig gehalten wurden, in der bekannten Art zu füllen --
galt es doch eine Ueberraschung.
* * * * *
Oben im Hospital des Missionsgebäudes herrschte tiefe Dunkelheit. Das
Wetter war den ganzen Tag über schön und klar gewesen, und noch jetzt
funkelten die Sterne in heller Pracht vom Himmel nieder, aber der Wind
hatte sich erhoben, der über die niederen Küstenberge fast unablässig mit
solcher Gewalt herüberweht, daß die dort einzeln wachsenden Bäume ihr Laub
alle nach der entgegengesetzten Seite hinüber gedrückt tragen, und auch
selber dorthin neigen, als ob sie den steten Stürmen entfliehen wollten und
sich von ihnen abwendeten.
Wie das da oben auf dem dunklen Boden pfiff und zog! Die alten,
moosbewachsenen Ziegel klapperten ordentlich dumpf und klanglos zusammen,
und nur das Stöhnen und Aechzen der unglücklichen Fieberkranken mischte
sich mit dem unheimlichen Laut.
Und dazwischen lag der Tod. Kalt und starr auf seinem Schmerzenslager
ausgestreckt, ruhte der »Wahnsinnige«, wie er überhaupt seit den letzten
Monaten von den Krankenwärtern nur genannt worden. Man hatte ihm eins von
seinen neuen rothen Hemden und ein paar weiße Beinkleider angezogen -- denn
die Decke war augenblicklich zum Waschen gegeben, um wieder verwandt zu
werden -- und mit gefalteten Händen träumte er der Ewigkeit entgegen.
Träumte er? -- die Betten rechts von ihm (denn man hatte ihn zunächst
der Treppe gelegt, um ihn so fern als möglich von den übrigen Kranken zu
halten, die er bis jetzt durch sein wildes Schreien nur zu oft gestört und
erschreckt) standen leer. Das Hospital barg jetzt nicht so viele Patienten,
um nicht Raum genug für die Anwesenden zu finden. Der arme Doktor hatte in
dem Stadthospital Concurrenz bekommen, und sich doch so viele Mühe gegeben,
_seine_ Kranken behaglich unterzubringen.
Und wie still das heute Abend dort oben war! Ein paar Leidende wimmerten
allerdings leise vor sich hin, aber sonst hörte man Nichts, als das dumpfe
Rauschen und Pfeifen des Windes und gelegentlich mit dem Luftzug, die von
unten herauf schallenden munteren Weisen der Trompeten und Violinen,
wie zuweilen das dumpfe Hämmern der großen Trommel, die ein Mulatte mit
unendlicher Ausdauer bearbeitete. Da unten herrschte Jubel und frische
Lebenshoffnung -- hier oben kauerte der _Tod_ und zählte die ihm
verfallenen Opfer.
Die alte Missionsglocke schlug die zehnte Stunde, und kein Wärter ließ sich
sehen, obgleich der eine Fieberkranke schon lange nach einem Trunk Wasser
gewimmert hatte. Wer konnte es ihnen auch verdenken, daß sie nicht da oben
zwischen Jammer und Elend blieben, wo nur ein paar hölzerne Stufen sie
mitten unter Lust und Freude brachten? Es war Fandango auf der Mission
und ein paar Gläser =agua ardiente= (Branntwein) konnten ihnen gewiß nicht
schaden, um den Körper zu erwärmen, und die lange mühselige Nachtwache
nachher auszuhalten. Außerdem war der »Doctor« gerade heute nach der Stadt
geritten, und sie brauchten deshalb nicht zu fürchten, daß er sie bei einer
Vernachlässigung ihrer Pflicht ertappe, über welche sie sich selber wenig
genug Gewissensbisse machten. Hatten sie doch seit Wochen fast den oberen
Raum nicht verlassen dürfen, so lange der »Wahnsinnige« dort tobte und an
seinen Banden riß. Heute war der _erste_ freie Abend, den sie bekamen, und
den wollten sie denn auch nach besten Kräften nutzen.
Hei, wie das durch die Ziegel pfiff! und drüben in der Lorbeerwaldung,
die in der Richtung nach San-Francisco zu lag, hatten dazu die Wölfe ihr
Abendconcert begonnen, die großen, braunen californischen Wölfe, und die
Cayotas, das kleine Steppengesindel, das mit seinen feinen Stimmen den
Diskant zu dem Grundbaß der ersteren heulte. Und wie deutlich konnte man
das hier oben hören, da der Luftzug die Laute gerade herübertrug, und wie
sonderbar das zu der Musik und dem Pfeifen des Sturmwinds klang!
Die Glocke draußen hatte eben ausgeschlagen, als ein heftiges Zittern den
Körper des »Todten« überflog. Der Nachtwind wehte auch kalt genug, und dem
von Krankheit abgeschwächten Körper fehlte die schützende Decke, die ihn
sonst wenigstens warm gehalten.
Der Kranke hob staunend den Kopf und horchte den fremden, wunderlichen
Lauten, die zu ihm herüberdrangen. Hatte er in einem Starrkrampf gelegen,
der bis dahin seine Glieder gefesselt hielt? Er fuhr sich mit der Hand
nach der Stirne -- auch die Hand war nicht mehr gebunden -- er hob sich vom
Lager und fühlte seinen Körper frei und unbehindert -- aber dunkle Nacht
umgab ihn -- er war nicht im Stande zu _sehen_, wo er sich befand, noch
hatte er eine Ahnung, an welcher Stelle das sein könnte.
Wie schwach er auch geworden war! -- als er zum ersten Mal wieder auf den
Füßen stand, vermochten ihn seine Kniee kaum zu tragen, und er mußte sich
zurück auf das Bett setzen, um nicht umzusinken. -- Und wie das in seinem
Kopfe hämmerte, und pochte, und mit wilden, unheimlichen Gedanken herüber-
und hinüberzuckte! Aber die Musik da unten? -- er horchte hoch auf -- was
war das? wohin hatte ihn das Schicksal geführt?
Er versuchte noch einmal aufzustehen, und als er herumtappte, trafen
seine Finger auf einen dünnen Kattunvorhang, hinter welchem er ein festes
Geländer fühlte. Er hob den Vorhang auf und glitt darunter durch; wie er
aber vorsichtig weiter tappte, trat sein Fuß ins Leere und er merkte bald,
daß er an einer Treppe stand. Einen Augenblick überlegte er, aber munterer
als vorher ertönten in diesem Moment wieder die Instrumente von unten
herauf, und ohne sich länger zu besinnen, stieg er hinab.
* * * * *
Wie das da unten lachte und jubelte und seiner unschuldigen Lust und Freude
folgte! Die Eier waren angekommen, und Marequita's Tänzer erschrak nicht
wenig, als ihm seine Tänzerin plötzlich, mitten im Fandango, die Mütze ein
wenig zurückschob, und er gleich darauf einen wahren Schauer von Eau de
Cologne an sich niederrieseln fühlte.
»=Caramba, Señorita=« rief er aus, indem er erschreckt zurücksprang, »was
ist das?« -- Aber lautes Jubeln und Lachen beantwortete seine bestürzte
Frage und Marequita's Bruder hatte jetzt wirklich Mühe, nur noch
einen Theil seiner sorgfältig präparirten Eier für die Schwester
zurückzubehalten, denn von allen Seiten stürmten die jungen Mädchen auf
ihn ein, um ihm ein paar abzubetteln, oder auch, wenn das nicht ging, durch
List oder Gewalt zu entreißen, und jetzt brach der Muthwillen der jungen
Damen voll und entfesselt los.
Und wie schön Marequita in dieser ungezwungenen Fröhlichkeit war -- wie
bildschön! Der arme Marineoffizier, der Jahre lang draußen auf öder See
herumgeschwommen, und hier zum ersten Mal wieder dem Reiz weiblicher
Liebenswürdigkeit begegnete und von dessen Zauber umsponnen wurde, war ganz
hingerissen.
Der Tanz hatte einen Moment aufgehört, und jetzt begann ein neuer Fandango,
noch lebendiger als der vorige.
»Marequita,« flüsterte er, indem er seinen Arm um ihre Taille legte, und
sie leise an sich zog, -- »Du bist eine Sirene, Mädchen, und ich könnte
verrückt werden, wenn ich mir nur die Möglichkeit denken müßte, Dich je
wieder zu verlieren -- von Dir vergessen zu sein. Sei mein, Marequita --
in kurzer Zeit kehre ich zurück, und dann folgst Du mir in mein schönes
Vaterland!«
Marequita sah zu ihm auf, ihre Blicke begegneten sich, aber in dem ihrigen
lag vielmehr Schelmerei als Liebe -- sie hob ihre Hand, und im nächsten
Moment fühlte er, wie sie sich aus seinen Armen wand, zugleich aber
auch seine Mütze ergriff, sich aufsetzte, und damit einem andern Tänzer
entgegenhuschte, mit dem sie im nächsten Augenblick den Fandango begann.
Der junge Offizier wollte ihr nach, ein alter Californier aber, der schon
den ganzen Abend die rauschende Musik mit seiner kaum hörbaren Guitarre
begleitet hatte, hielt ihn zurück und rief aus:
»=Caramba, Señor=, das geht nicht -- das ist ein Recht der californischen
Señioritas beim Fandango, und wenn Ihr die Mütze wieder haben wollt, müßt
Ihr sie auslösen.«
»O, wie gern!« rief der junge Mann, indem er einen Ring vom Finger zog und
jetzt die Zeit nicht erwarten konnte, wo die Geliebte einen Augenblick vom
Tanz zurücktrat.
Marequita hatte aber nur das Zeichen zu dem neuen Scherz gegeben, denn die
andern jungen Damen folgten bald ihrem Beispiel, und allerliebst sahen sie
in der That in den kecken Seemannsmützen aus.
Jetzt hielt Marequita dicht an der Thür, die in das Innere des Hauses
führte, und der junge Galan war im Nu an ihrer Seite.
»Meine theure Marequita,« flüsterte er ihr zu, »wie glücklich machen Sie
mich, daß Sie mir Gelegenheit geben, Ihnen ein Andenken zurücklassen
zu dürfen -- wollen Sie es tragen?« -- Und dabei schob er ihr leise den
kleinen goldenen, mit einem Brillant gezierten Reif an den Finger; »darf
ich, Marequita?«
Hinter Marequita trat ein Mann in einem rothwollenen Hemd in die Thür. Das
braungelockte Haar hing ihm aber über eine alabasterweiße Stirn -- sein
Antlitz selber sah todtenfahl aus, und nur die großen dunklen Augen
überflogen erstaunt den sich vor ihm öffnenden, buntgeschmückten und
hellerleuchteten Raum. Da traf der letzt geflüsterte Name sein Ohr, und
rasch und wie erschreckt schaute er auf das vor ihm stehende junge Paar.
Marequita erröthete tief, als sie den Ring an ihrem Finger führte, und
flüsterte leise:
»Tausend Dank, Señor, -- ich -- werde ihn tragen,« und der junge Mann, in
der Erregung des Augenblicks selbst die Umgebung vergessend, zog sie an
sich und preßte einen heißen Kuß auf ihren Nacken.
»Marequita,« sagte eine hohle, tonlose Stimme, und das junge Mädchen wandte
bestürzt den Kopf. Da fiel ihr Blick auf die bleiche Gestalt und begegnete
den stieren, entsetzlichen Augen, die glühend und wie verzehrend auf ihr
hafteten.
»=Ave Maria Purisima!=« schrie da eine entsetzliche Stimme; es war einer
der Krankenwärter, der sich in den Saal geschlichen, um hier zuzusehen:
»der Wahnsinnige -- der todte Wahnsinnige!«
»Jerome!« stöhnte Marequita und schlug, ehe der Offizier nur zuspringen
konnte, um sie aufzufangen, schwerfällig und bewußtlos zu Boden nieder.
»Der Wahnsinnige!« von Mund zu Mund lief der Schreckensschrei, und entsetzt
drängten die Mädchen von der Stelle hinweg, dem hinteren Theil des Zimmers
zu.
Ob Jerome begriff, was hier geschah? Einen Moment stand er selber
regungslos, und wie scheu und erstaunt flog sein Blick über den inneren
Raum -- über die wild vor ihm fliehenden Gestalten der Mädchen. Da schrie
der Wärter wieder:
»Haltet ihn, um der Mutter Gottes willen laßt ihn nicht fort!« und als ob
nur der Ton dieser Stimme ihn zum Leben zurückgerufen hätte, so zuckte der
Unglückliche empor. Sein Auge glühte, seine ganze Gestalt hob sich -- fast
unwillkürlich öffnete er dabei den Mund und zeigte seine beiden Reihen
blinkender Zähne, daß selbst die ihm nächsten Offiziere scheu davor
zurückwichen.
»Haltet ihn! haltet ihn!« schrieen jetzt auch Andere, und drängten vor
-- nur der junge Offizier kniete, gar nicht auf den unheimlichen Fremden
achtend, an der Seite der ohnmächtigen Geliebten und suchte sie zum Leben
zu erwecken.
»Haltet ihn?« kreischte da Jerome, dessen ganze Wildheit bei dem Rufen
auf's Neue erwachte -- »haltet ihn?« und ehe ihn Jemand daran verhindern
konnte, riß er den kurzen Schiffsdolch, den der spanische Seeoffizier an
der Seite trug, aus seiner Scheide; »haltet ihn?« gellte er noch einmal,
die Waffe mit einem entsetzlichen Lachen schwingend -- »Raum da vorn!« und
zum Stoß ausholend, warf er sich mit wildem Muth mitten auf den dichtesten
Schwarm, der kaum so rasch zur Seite konnte, um ihm Bahn zu machen.
Wohl streckten sich hie und da Arme nach ihm aus, um ihn zu halten, aber
nach rechts und links hinüber -- unbekümmert, wen er traf, stieß der
scharfe Stahl -- nach rechts und links stürzten die Männer übereinander,
zwei oder drei von ihnen schwer verwundet -- wer hätte sich ihm
entgegenwerfen wollen? und jetzt war er draußen im Freien, in der dunkelen
Nacht.
»Marequita!« schrie seine gellende Stimme -- »Marequita!« und sein Fuß
berührte kaum den Boden, als er, die blutige Waffe noch immer in der Faust,
an der Mission hin dem Ufer der Bai entgegenflog.
Einzelne der Tänzer und Zuschauer folgten ihm allerdings, oder thaten
wenigstens so, als ob sie ihm folgen wollten, aber es holte ihn Niemand
ein, und wenige Minuten später war er in der da draußen lagernden
Finsterniß verschwunden.
Die Verwirrung, die jetzt in dem bis dahin noch so belebten Raum entstand,
war nicht zu beschreiben, und an eine Fortsetzung des Tanzes kein Gedanke
mehr. Zitternd und nur unter hinreichender Begleitung suchten die Mädchen
ihre Wohnungen zu erreichen, und Fackeln wurden dann angezündet, um den
entflohenen Kranken, bei dem es ein Räthsel blieb, wie er wieder vom Tode
erwacht sei, doch noch vielleicht aufzufinden -- aber vergebens. Der Boden
war zu sehr von Menschen zertreten, um irgend einer bestimmten Spur folgen
zu können, und unverrichteter Dinge kehrten die Männer erst spät in der
Nacht zu der Mission zurück. Auch die Offiziere der spanischen Fregatte
waren indessen wieder an Bord gerudert.
Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch begannen die Bewohner der Mission alle
ihre Nachforschungen von Neuem und jetzt mit besserem Muth, denn es blieb
immer ein unbehagliches Gefühl, in Nacht und Nebel einem bewaffneten
Wahnsinnigen hinaus in die Dunkelheit zu folgen -- war auch wohl Keinem von
ihnen am letzten Abend rechter Ernst gewesen. Jetzt aber gestaltete sich
die Sache anders; mit Sonnenlicht war wenigstens die Gefahr beseitigt, daß
der entsetzliche Mensch im Finstern auf sie einspringen könne, und auf und
ab durchsuchten sie die Nachbarschaft und selbst den sandigen Waldrand, wo
sich die Fährten leicht erkennen ließen. Sogar nach San-Francisco wurden
Boten gesandt, um das Geschehene zu melden und dort nach dem Flüchtling zu
forschen.
Sie hätten nicht nöthig gehabt, so weit nach ihm zu suchen. Als die Fluth
ablief, fanden Fischer seinen Leichnam auf dem Schlamm unmittelbar am Ufer
in der See und zwar genau in der Richtung, die er gestern Abend auf seiner
Flucht genommen, als er aus der Thüre des Missionsgebäudes sprang. Es war
auch damals gerade Fluth gewesen und ob er im Dunkeln von dem steilen Ufer
hinab in die See gestürzt, ob er absichtlich den Tod dort gesucht -- wer
hätte es sagen können?
Er wurde still in das schon für ihn ausgeworfene Grab gelegt, und drei
Tage später verließ auch die spanische Fregatte die Bai von San-Francisco
wieder, um einer nur ihrem Kapitän bekannten Richtung zuzusteuern.
Der junge Lieutenant war allerdings noch zweimal an Land und in dem Hause
von Marequita's Eltern gewesen, wo er das arme Mädchen bleich und in
Thränen fand.
Und wann kehrte er wieder? -- Wer konnte es sagen; denn sein Weg ging durch
eine weite Strecke -- aber mit den heißesten Schwüren betheuerte er der
Jungfrau seine Liebe, und als er sie endlich verlassen mußte, barg sie laut
schluchzend ihr Antlitz an der Brust des Vaters. -- Es war zu viel für das
arme Kind gewesen; zu rasch war Schlag auf Schlag gefolgt. Von dem Tage
an -- tanzte sie nicht mehr, vier volle Wochen lang. Als ich aber -- etwas
nach dieser Zeit -- Californien verließ, blüheten ihre Wangen wieder wie
vordem, und sie war unstreitig das schönste Mädchen und die beste Tänzerin
auf der Mission Dolores.
Eine Polizeistreife in Cincinnati.
Eine so friedliche und geschäftige Stadt das halb von Deutschen bewohnte
Cincinnati ist, so hat sie doch trotzdem ihr »schlechtes Viertel,« und da
sich mir die Gelegenheit bot, es eines Abends zu besuchen, so versäumte ich
sie nicht.
In den Hauptstraßen der Stadt und im ganzen übrigen Theil derselben
herrscht nämlich volle Sicherheit und man kann dort zu jeder Stunde der
Nacht ungefährdet passiren; dieses Viertel aber dürfte von einem anständig
gekleideten Menschen doch lieber zu vermeiden sein, denn der Auswurf der
Bevölkerung hat dort seinen Wohnsitz aufgeschlagen, und wer sich dahinein
mischt, hat sich die Folgen selber zuzuschreiben. Ermordungen fallen dort
wenigstens gar nicht so selten vor, und noch am letzten Abend war ein
Bootsmann in einer dieser Winkelgassen erstochen worden, ohne daß man bis
jetzt im Stande gewesen wäre, den Thäter zu ermitteln.
Ein Fremder, der sich dort allein hineinwagte, würde außerdem nichts weiter
zu sehen bekommen, als die der Straße zunächst gelegenen Trinklokale, und
man ihm nie gestatten, weiter in diese Höhlenwirthschaft einzudringen.
Dazu aber hat die Polizei das volle Recht und macht denn auch davon zu
unregelmäßigen Zeiten Gebrauch, um hie und da einmal einem dort vielleicht
versteckten Verbrecher auf die Spur zu kommen, oder die Insassen der
verschiedenen, ihnen wohlbekannten Cabachen zu revidiren.
Einem solchen Streifzug, den zwei Polizeilieutenants (der Eine von ihnen
ein Deutscher) unternahmen, schloß ich mich mit einem Freunde an, und etwa
um acht Uhr Abends trafen wir uns auf der einen Polizeistation, die an sich
schon manches Interessante bot.