Ansprüchen so, daß beide Theile hätten damit zufrieden sein können. Der
junge Franzose besaß allerdings ein paar hundert Thaler Geld, aber
Du lieber Gott! was wollte das in einem Lande sagen, wo man manchmal
ebensoviel zu einem Souper verbrauchte, und das Resultat lautete denn auch
demzufolge: der Vater würde gegen eine Verbindung des jungen Mannes mit
seiner Tochter nicht das Geringste einzuwenden haben, wenn -- Don Jerome
nur erst einmal nachzuweisen vermöge, daß er im Stande wäre einen eigenen
Hausstand zu beginnen und eine Frau zu ernähren. Das sah Don Jerome denn
auch ein, nahm zärtlichen Abschied von dem lieben, unter Thränen zu ihm
auflächelnden Kind, kaufte sich Handwerkszeug und schiffte sich frohen
Herzens nach Sacramento ein, um oben in den nördlichen Minen sein Glück
zu versuchen und so rasch als irgend möglich ein reicher Mann zu werden.
Aehnliche Beispiele kamen ja alle Tage vor, und weßhalb sollte _ihm_ das
Glück nicht ebenso günstig sein als tausend Anderen, die es noch dazu nicht
einmal verdienten oder zu benutzen verstanden, weil sie fast regelmäßig
auch das Gewonnene gleich wieder an Ort und Stelle vertranken oder
verspielten.
So vergingen wieder mehrere Monate. Der Sommer war vorüber, und die
Regenzeit setzte aufs Neue ein, ohne daß Briefe von Jerome gekommen wären,
und er hatte doch so fest versprochen dann und wann zu schreiben und
Nachricht über sich und seine Erfolge zu geben. Aber das junge Mädchen
fühlte sich dadurch eben nicht sehr beunruhigt, denn die Postverbindung
zwischen San-Francisco und den Minen war eine noch so unvollkommene, und
ruhte außerdem fast ganz in Privathänden, daß man auf den richtigen Empfang
eines abgesandten Briefes nie rechnen konnte. Es kam sogar grade in dieser
Zeit sehr häufig vor, daß derartige Leute, die übernommen hatten Briefe und
Geldsendungen zu besorgen, entweder unterwegs überfallen und todtgeschlagen
oder beraubt wurden, oder auch selber mit den ihnen anvertrauten Geldern zu
Schiff und durchgingen.
Ja sogar in San-Francisco lag das Postwesen noch derart im Argen, daß
irgend ein Fremder, wenn er vorgab beauftragt zu sein, Briefe abzuholen,
auf dem Bureau sich aussuchen und mitnehmen durfte, was er wollte, -- waren
doch die Beamten nur froh, dadurch wieder ein Packet unbestellbarer und
ihnen lästig werdender Briefe aus ihren Fächern zu bekommen. Ob die Briefe
je an ihre Adressen befördert wurden, was kümmerte es sie, sobald sie nur
das Porto dafür erhielten.
Auf der Mission hatte sich indessen Manches in sofern geändert, als die
Verbindung mit San-Francisco eine weit bessere und leichtere geworden war.
Früher mußte man die drei Meilen durch knöcheltiefen Sand Hügel auf und ab
waten oder reiten, während Fuhrwerke nur mit Mühe und Noth ihren Weg durch
den schweren Boden verfolgen konnten, und jetzt hatten die unternehmenden,
thätigen Yankees eine breite, ebene, mit Planken durchaus belegte Straße
gebaut, auf der das Fuhrwerk dahinrollte, wie auf einer Eisenbahn. Ueberall
auf dem Weg ließen sich dabei Ansiedler nieder, theils auf den späteren
Werth der Grundstücke speculirend, theils um gleich jetzt Wirthshäuser und
Branntweinschenken zu errichten.
Auch mit der Mission selber war eine Veränderung vorgegangen, indem
sich dort einige amerikanische Ackerbauer niedergelassen hatten und zum
erstenmale den Pflug in den Boden brachten. Das Land erwies sich auch in
der That viel fruchtbarer als man geglaubt, und es zeigte sich später als
eine ganz vortreffliche Speculation, das Getreide, das man bis dahin mit
schwerem Geld hatte in weit entfernten Hafenplätzen kaufen müssen, hier
gleich an Ort und Stelle selbst zu bauen.
Dabei waren auch, um die Mission herum eine Menge von neuen Häusern
theils schon entstanden, theils noch im Bau begriffen und ein reges
Leben herrschte auf dem sonst so stillen und einsamen Platz. Nur das alte
Missionsgebäude mit seiner buntgemischten, wunderlichen Bevölkerung lag
noch wie früher träumend unter seinem defecten Ziegeldach, und wenn es auch
seine Bewohner zeitweilig wechselte, blieb die _Art_ des Verkehrs darin
doch noch für lange Zeit die nämliche.
Der Besuch des Hospitals war allerdings ein geringerer geworden, weil man
indessen in der unmittelbaren Nähe der Hauptstadt ein anderes und besseres
gebaut hatte. Da übrigens der Doktor von seinen bis dahin enormen Preisen
herunterging und billigere Bedingungen stellte, so wurden ihm doch noch von
Zeit zu Zeit einzelne Patienten ausgeliefert, deren Mittel entweder
nicht ausreichten, oder für welche Andere zu sorgen hatten, wobei sie die
Vorsicht nicht versäumten, so wenig als möglich Auslagen zu haben.
In den Minen waren auch grade außergewöhnlich viel Krankheiten vorgekommen,
denn so gesund das californische Klima an und für sich sein mochte, so
trug doch die wilde, unregelmäßige Lebensart, wie die schwere, für Tausende
ungewohnte Arbeit viel dazu bei, besonders hitzige Fieber zum Ausbruch zu
bringen, die für die davon Betroffenen nur zu häufig aus Mangel an Pflege
und ärztlicher Behandlung einen schlimmen und tödtlichen Ausgang nahmen.
Wie mancher arme Teufel, der mit goldenen Hoffnungen und Träumen in das
Land gekommen, erhielt dort oben Nichts als sechs Fuß Erde und einen
Steinring um das enge Grab, auch wohl noch ein rohes Kreuz mit dem Beil
in den nächsten Baum eingehauen -- das war Alles. Und daheim seine Lieben
sorgten und ängstigten sich vielleicht noch Jahre lang um den Geschiedenen,
mit sehnenden Herzen seiner Rückkehr harrend, und schrieben und frugen an
bei Behörden und Regierung. Umsonst -- wer kannte die Namen der Todten, die
überall zerstreut unter den Eichbäumen des weiten Landes lagen -- wer hatte
je nach ihnen gefragt!
Glücklich waren noch Solche zu schätzen, welche Krankheit nicht allein
und einsam in der Wildniß traf, und welche Freunde fanden, um sie aus den
Bergen und Schluchten hinaus wieder in den Bereich der Civilisation und
ordentlicher Pflege zu bringen. Allen aber half das freilich auch nicht;
Viele starben schon unterwegs, Andere lebten gerade lange genug, um den
Hospitalkirchhof zu erreichen, und Wenige, o wie entsetzlich Wenige von
alle den armen hülflosen und gebrochenen Menschen konnten wieder soweit
gebracht werden, mit gekräftigtem Körper ihre Arbeit auf's Neue zu
beginnen!
Eins aber büßten _Alle_ ein: das mitgebrachte Gold -- denn eben nur mit
Gold wurden in damaliger Zeit Arzneien aufgewogen und ein tüchtiger
Arzt hatte seine beste und einträglichste Mine in den Krankheiten seiner
Patienten. Was lag den Kranken auch an dem ausgewaschenen und erbeuteten
Gold? -- wo sie das gefunden, gab es mehr, und wenn ihr Körper nur seine
alte Kraft wieder erlangte, alles Andere war nicht der Rede werth.
Draußen am langen Werft hatte auch heute wieder das von Sacramento kommende
Dampfboot angelegt, und nachdem die Passagiere das Schiff verlassen,
schafften die Matrosen noch ein paar schwer kranke Miner an's Land, oder
vielmehr auf die Spitze des über eine halbe Meile langen Werftes hinaus,
legten sie dort, in eine wollene Decke gewickelt, auf die Planken und
kehrten dann an Bord zu ihrer Arbeit zurück. Die Freunde oder Kameraden der
Leidenden mochten jetzt sehen, wie sie allein mit ihnen fertig wurden.
Zwei der Unglücklichen waren Amerikaner und ihr Kamerad lief das Werft
entlang, um irgendwo eine Karre aufzutreiben, auf der er sie in ein
Kosthaus, oder auch vielleicht in das Hospital schaffen konnte. Der Dritte
schien ein Fremder, -- sein Begleiter, der sich zu ihm überbog und einige
Fragen an den halb Bewußtlosen richtete, sprach französisch mit ihm. Ein
paar Yankee's, die auf dem Werft herumschlenderten, blieben neben den
Beiden stehen und frugen endlich theilnehmend, was dem Armen fehle.
»O Gentlemen,« sagte der Franzose in sehr gebrochenem Englisch, »Fieber
-- schweres Fieber -- Phantasieen, viel Phantasieen. Hab' ihn gefragt --
Landsmann von mir -- wohin er gebracht sein will -- bin selber fremd hier
-- vor einem Jahr nur zwei Stunden in San-Francisco gewesen -- Er sagt
Nichts -- nur Mission Dolores -- weiter kein Wort.«
»Ist es Dein Kamerad?«
»Nein -- habe ihn gefunden auf Dampfboot krank -- sehr krank -- weiß nicht,
wie er heißt -- aber Landsmann --«
»Also Mission Dolores sagt er?« frug der andere Amerikaner.
»=Toujours= -- =ever= -- kein anderes Wort.«
»Dann will er auch in das Hospital auf der Mission geschafft sein,« sagt
der Andere -- »dort ist ein Hospital, das ein Fremder hält, ich weiß nicht,
ein Spanier oder Franzose -- er spricht jedenfalls französisch und hat
Viele von Euren Landsleuten oben.«
»Und wo liegt die Mission?«
»Gleich dort drüben, um die Landspitze herum -- rechts hinein geht ein
schmaler Kanal, in den Ihr bei Fluthzeit einfahren könnt. Wenn ihr ein
Boot miethet, bringt Euch das ganz bequem bis ziemlich dicht an's
Missionsgebäude, und dort fragt nur nach dem Hospital -- jedes Kind zeigt
Euch den Weg dahin.«
»Dank' Euch -- dank' Euch vielmals,« nickte der Franzose, der sich des
armen todtkranken Landsmanns in der That erst unterwegs angenommen hatte,
weil er sah, daß sich Niemand sonst um ihn bekümmerte. Keine Seele an Bord
wußte auch, wie es schien, etwas von ihm. Er war allein und allerdings
schon krank auf den Dampfer gekommen und hatte sich, nachdem er seine
Passage bezahlt, in seinen Mantel gewickelt, auf Deck niedergeworfen; dort
mußte das hitzige Fieber erst in ihm ausgebrochen sein, und von da ab war
er auch nicht recht wieder zur Besinnung gekommen, um Rechenschaft über
sich zu geben.
Sein Landsmann aber ließ ihn nicht im Stich, wie denn überhaupt die
Franzosen in fremden Welttheilen besonders treu zu einander halten und uns
Deutschen dabei mit einem -- freilich selten beherzigten -- guten Beispiel
vorangehen. Er miethete ohne Weiteres eines der dort am Werft liegenden
Boote, und da es gerade die günstige Zeit war, um die Mission Dolores zu
Wasser zu erreichen -- fast die höchste Fluth, -- so hoben sie den
Kranken in das Boot hinab und ruderten ihn, von der Strömung noch außerdem
begünstigt, rasch die Bai hinauf, um Rincons Point hinum und in den
schmalen Kanal hinein, dessen Landungsplatz kaum mehr als zweihundert
Schritt von der Mission selber entfernt lag.
Der Franzose wußte sich hier, da er keine Seele am Ufer fand, auch nicht
anders zu helfen, als daß er den Kranken noch unten im Boot ließ und
indessen selber hinauf zum Arzt ging, um mit Diesem Rücksprache zu nehmen.
»Konnte der Kranke für seine Pflege und ärztliche Behandlung zahlen?«
war die erste, vorsichtige Frage Desselben, die der Franzose dahin
beantwortete, daß er an dem Gürtel seines Landsmannes, unter der Blouse,
einen Lederbeutel mit Gold gefühlt habe. Der Mann kam aus den Minen und
führte jedenfalls das dort Erworbene bei sich. Das genügte. Der fremde Arzt
wußte recht gut, daß er sich im Fall einer mißlungenen Kur selbst bezahlt
machen konnte, und hatte in solchen Fällen schon die Erbschaft von
verschiedenen Kranken angetreten, deren Familien nicht ausfindig gemacht
werden konnten -- wenigstens nicht ausfindig gemacht _wurden_. Er sandte
auch augenblicklich seine Krankenwärter hinunter, die den Patienten herauf
holen mußten, und der junge Franzose begleitete den Armen dann noch die
Treppe hinauf bis an sein Bett und schauderte freilich, als er den elenden
Aufenthalt entdeckte, der dem Armen von jetzt ab Heilung geben sollte.
Das Hospital hatte sich auch in der That nicht -- seit der Errichtung
desselben -- zu seinem Vortheil verändert, denn damals waren die Betten
doch noch wenigstens neu und reinlich gewesen -- und wie sahen die jetzt
aus!
Es war vorgekommen, daß einzelne Kranke, die noch die Kräfte besaßen,
wieder die Treppe hinunter schwankten und dann erklärten, lieber wollten
sie auf Gottes freiem Erdboden, als dort oben in jenem entsetzlichen
Aufenthaltsort liegen bleiben -- aber das geschah doch nur im Verhältniß
sehr selten und da Eines von diesen verwöhnten Subjekten eines Abends
wirklich den Platz verließ und noch ein Stück den Hang hinan unter einen
einzeln stehenden Baum kroch und dort in der Nacht starb, so wurde
dieses Beispiel später etwa Widerspenstigen immer mit dem besten Erfolg
vorgehalten.
Der junge kranke Franzose sah Nichts von seiner ganzen Umgebung; er wurde
bewußtlos die Treppe hinan- und auf ein Bett getragen, dort genau von dem
Doktor untersucht und dann zugedeckt. Der oben auf Wache befindliche Wärter
bekam hierauf die Ordre, den Doktor augenblicklich zu rufen, sobald der
letztgekommene Patient -- Nr. 14, wie er nach seinem Bette genannt wurde
-- erwache; aber der Doktor brauchte nicht wieder an dem Tage gestört zu
werden, denn Nr. 14 kam nicht zur Besinnung, phantasirte nur stark und
schwatzte eine Menge tollen Zeuges, rief auch ein paarmal einen spanischen
Frauennamen, und lag dann Stunden lang regungslos mit geschlossenen Augen
da. Ein furchtbares Fieber schüttelte seine Glieder, und der Kopf glühte
ihm, daß es fast seine Stirnadern zu sprengen drohte.
Am nächsten Tag erwachte er allerdings, zeigte sich aber als ein sehr
unruhiger und auch unbequemer Gast, denn sein Geist schien zu wandern und
er wollte auf und davon. Die Wärter hielten ihn zurück und der Doktor wurde
gerufen; er verordnete, daß man den Patienten an sein Bett festbinden und
ihm kalte Umschläge machen solle. Er wehrte sich dabei wie rasend, aber
es half ihm Nichts; es wurde weitere Hülfe herbeigeholt, und kaum eine
Viertelstunde später lag er, an Händen und Füßen festgeschnürt, auf seinem
Schmerzenslager, während ihm einer der Wärter, mit einem Stalleimer voll
Wasser neben sich, nach der Verordnung des Arztes nasse Tücher um den Kopf
legte.
Der Gebundene lag eine Zeitlang still; die kühlen Umschläge schienen ihm
gut zu thun -- aber das dauerte nicht lange. Sobald er sich nur wieder
einmal regte und die ihn haltenden Bande fühlte, so brach auch seine Wuth
von Neuem aus. Er tobte und wand sich umher und schrie dabei, daß man es
weit über die ganze Mission hören konnte, und die Frauen und Kinder
sich davor fürchteten. Dieser Zustand dauerte viele Tage und Wochen
und Jedermann dort wußte und erzählte sich, daß ein sehr bösartiger
Geisteskranker oben im Hospital untergebracht sei und dem Doktor viel
zu schaffen mache. Wo er herstamme und wer er sei, darum kümmerte sich
Niemand; wer hätte auch all die Leute kennen wollen, die von Ost und
West und Süd und Nord nach Californien geströmt waren, um dem Boden seine
Schätze zu entreißen? Es war eben ein »Fremder«, und das Wort entsprach
in damaliger Zeit allen Bedürfnissen, die man sonst vielleicht empfunden
hätte, nach Namen und Stand zu forschen.
Auf das eigentliche tolle Leben in der Mission hatte dieser unheimliche
Gast jedoch nicht den geringsten Einfluß. In beiden Flügeln des großen
Gebäudes wurde ruhig fort musicirt und getanzt, und wenn auch einmal in
einen ihrer Fandangos ein wilder, gellender Schrei hineintönte, so schraken
die jungen Mädchen wohl zusammen und sahen sich scheu einander an, aber die
Instrumente fielen dann nur um so rauschender und tönender ein und der Tanz
verlangte sein Recht. Was hätte es auch dem armen Kranken da oben geholfen,
wenn sie ihre Lust unterbrechen wollten? Dort wo er lag, konnte er nicht
einmal die Musik hören, keinenfalls aber dadurch gestört werden.
Marequita hatte sich indessen in der ersten Zeit, nachdem Jerome sie
verlassen, ziemlich fern von den sonst so häufig besuchten Fandangos
gehalten. Sie kam wohl dann und wann hinüber und tanzte ein- oder zweimal,
ließ sich aber nie verleiten länger zu bleiben, und verließ selbst ihr Haus
nur selten. -- Aber wie monoton war das Leben auf der Mission, wenn man
sich auch noch die so spärlichen Vergnügungen versagen wollte, die von Zeit
zu Zeit ein unschuldiger Tanz bot. Jerome ließ gar Nichts von sich hören;
er hätte doch gewiß einmal schreiben können, wie es ihm ging, und ob er
Hoffnung habe, bald zurückzukehren. Von allen Minen trafen außerdem Händler
oder Goldwäscher in San Francisco ein, und wie leicht wäre es ihm gewesen,
Einen von Diesen zu bewegen, ihnen Nachricht zu bringen. Aber Niemand ließ
sich sehen -- Niemand, und der Vater Marequita's frug _viele_ Menschen aus
den verschiedensten Distrikten; Keiner von alle Diesen wußte freilich etwas
von einem Franzosen Jerome, oder hatte je von ihm gehört; war es denn
ein Wunder, daß ihr zuletzt die Zeit lang wurde und sie den Bitten
ihrer Freunde und besonders des jungen tanzlustigen Volkes nicht mehr so
hartnäckig widerstand? Und wie jubelten ihre Landsleute nicht allein, nein,
auch die Fremden, wenn sie sich wieder im »Saale« zeigte! Welche Triumphe
feierte sie! und manchen Abend mußte sie die ihr geworfenen Dollarstücke
sogar in der Mantille nach Hause tragen, weil sie das viele Geld gar nicht
mehr in den Händen halten konnte.
Heute war der Vater wieder in San-Francisco gewesen und hatte dort,
zum ersten Mal, so oft er sich auch schon erkundigt, einen Franzosen
gesprochen, der Jerome genau kannte und sogar mit ihm gearbeitet hatte. Der
aber behauptete, Jerome sei glücklich in den Minen gewesen und schon vor
langen Wochen nach San-Francisco zurückgekehrt, wo er, wie er ihm erzählt,
heirathen und ein kleines Hotel gründen wollte. Seit dem Tage aber habe er
ihn natürlich nicht mehr gesehen, und wenn er sich jetzt nicht in der Stadt
befinde, müsse ihm doch am Ende ein Unglück zugestoßen sein.
»Aber welches?«
Du lieber Gott! aus den Minen zurückkehrende Goldwäscher wurden aber gar
nicht etwa so selten von nichtsnutzigem Gesindel angefallen, todtgeschlagen
und beraubt; Dampfbootkessel waren außerdem geplatzt, Boote zusammengerannt
und gesunken. Er konnte auch San-Francisco glücklich erreicht und dort sein
ganzes gewonnenes Gold am ersten Abend verspielt haben -- wie oft geschah
das! -- und dann stak er jetzt vielleicht schon wieder oben in den Bergen,
um sein Glück von Neuem zu erzwingen. Das Letztere schien auch in der That
das Wahrscheinlichste, denn leicht gewonnenes Geld wird selten geachtet,
und verschwindet oft rascher als es erlangt wurde, und die also Betrogenen
schämen sich dann stets, ihren Leichtsinn einzugestehen.
Marequita weinte, als ihr der Vater die Kunde brachte -- also das wäre die
Liebe gewesen, die ihr Jerome geschworen, daß er das schon in den Händen
gehaltene Glück auf trügerische Karten setzte, und ihr nicht einmal Kunde
von seiner Rückkehr gab? Dann aber brauchte sie sich auch nicht mehr um den
leichtsinnigen Menschen zu grämen, oder ihm gar ihre Jugend zum Opfer zu
bringen. -- Heute Abend war großer Fandango -- die Offiziere eines in der
Bai ankernden spanischen Kriegsschiffes hatten zugesagt, die Mission zu
besuchen -- lag es doch auch gerade dem Kanal gegenüber, und das junge
Mädchen beschloß, sich heute Abend dem Tanz wieder mit der alten,
unermüdeten Lust hinzugeben wie vordem.
Allerdings machte der Wirth auch die größten und ganz außergewöhnliche
Anstalten, um die einst weiß gewesenen, trostlos nackten Wände seines
Lokals für das Fest so freundlich als möglich zu decoriren, und ein Dutzend
Indianer waren schon seit Tagesanbruch beschäftigt gewesen, grüne Büsche
jenes lorbeerartigen Baumes, der in Masse an den nächsten Hängen wuchs,
herbeizuschleppen, und den ganzen Raum in eine Laube zu verwandeln.
Ueberall wurde gehämmert und gebohrt und recht unheimlich drang zu diesen
Vorbereitungen einer frohen Lust manchmal das Geheul des Wahnsinnigen
herunter, so daß sich der Wirth noch für den Abend eine große Trommel
und zwei Trompeter extra bestellte, um mit der rauschenden Musik die
unglückseligen Laute zu übertäuben. Er hätte das aber nicht nöthig gehabt,
denn schon gegen elf Uhr schwiegen die Aufschreie -- kein Ton wurde mehr
gehört und bald brachte auch ein Krankenwärter die Nachricht herunter, der
Unglückliche, der ihnen die letzten Wochen so viel zu schaffen gemacht, sei
vor etwa einer halben Stunde plötzlich auf sein Lager zurückgefallen und
gestorben.
»=Grazias a Dios!=« rief der Wirth, »Gott sei seiner armen Seele gnädig
und gebe ihr den ewigen Frieden, aber ich bin froh, daß wir ihn los sind,
=amigo=, denn das Geschrei war kaum noch zum Aushalten und ich selber schon
im Begriff, den sonst so bequemen Platz zu verlassen, um mich wo anders
anzusiedeln. Jetzt stört er uns auch heute Abend die fremden Gäste nicht,
und die jungen Damen besonders werden dem Himmel danken, daß sie sich nicht
mehr vor dem Tollen zu fürchten brauchen.«
Das war auch in der That ein reges Leben heute auf der Mission, und
noch dazu Sonntag und prachtvolles Wetter, so daß ganze Schwärme von
Lustwandelnden und Reitern und Wagen aus San-Francisco herüber kamen, um
den Nachmittag hier draußen zuzubringen.
Und wie stolz betrachtete sich indessen der Wirth seinen so stattlich
herausgeputzten Ballsaal, in welchem höchstens die Mittel zur Beleuchtung
etwas zu wünschen übrig ließen. Aber Gas gab es freilich nicht, und
Stearinkerzen, auf Leuchter mit Reflectoren von weißem Blech gesetzt,
mußten da aushelfen.
Uebrigens dachte das tanzlustige Volk gar nicht daran, den Abend zu
erwarten, um die Lustbarkeit zu beginnen; wozu sollten sie den ganzen
schönen Tag versäumen? und der Wirth hatte wirklich Mühe, sie nur so lange
zurückzuhalten, bis er seine nöthigsten Arbeiten im Innern beendet hatte,
denn daß er nachher keinen Moment Zeit dafür behielt, wußte er gut genug.
Es war vier Uhr Nachmittags, als zwei Jöllen mit Offizieren von dem
spanischen Kriegsschiffe abstießen und dem Lande zuruderten, und zugleich
begannen auch die Musici als Introduction einen lustigen Marsch zu spielen,
um die willkommenen Gäste damit zu empfangen. -- In derselben Zeit drückte
der Arzt da oben dem Todten die Augen zu und die Krankenwärter lösten ihm
die bis jetzt noch immer gefesselten Arme und falteten ihm die Hände auf
der stillen Brust, wuschen ihn auch und kämmten sein volles, lockiges Haar,
das ihm bis jetzt wirr und wild um die Schläfe gehangen hatte. Dann
wurden die Wärter hinunter auf den Kirchhof gesandt, um ein Grab für den
Unglücklichen auszuwerfen. Heute war es schon zu spät geworden, aber morgen
mit dem Frühesten sollte er beerdigt werden, denn länger konnte man ihn
unmöglich dort oben zwischen den Lebenden lassen.
Draußen schaufelten, unmittelbar neben dem alten Missionsgebäude, die
Männer das schmale Grab aus, und inwendig spielten mit Trommeln und
Trompeten die Musici den lustigen Marsch und plauderten und lachten die
jungen Mädchen mit einander, sich des schönen Tages freuend. Auch zu ihnen
war wohl die Kunde gedrungen, daß der Wahnsinnige gestorben sei, aber auch
sie freuten sich darüber, denn lange genug hatte er sie fürchten gemacht
und auch wohl bös erschreckt, wenn manchmal mitten in der Nacht sein
gellender Aufschrei zu ihnen herübertönte. Das war jetzt vorbei -- aber
es dachte Keine von ihnen länger als einen flüchtigen Augenblick an den
Unglücklichen; andere Dinge gingen ihnen im Kopf herum, denn dort kamen
die fremden Offiziere in ihren prächtigen Uniformen schon über den niederen
Küstenhang vom Ufer herauf, und der Tanz nahm ihre ganze Aufmerksamkeit
vollständig in Anspruch.
Indessen sammelte sich das »Volk« vor dem alten Missionsgebäude, und es
war in der That wunderlich anzusehen, welche bunte Mischung von Stämmen
und Trachten sich hier zusammen gefunden hatte. Das schienen auch nicht die
Bewohner einer einzigen Stadt, die sich hier an einem Sonntag Nachmittag
versammelten, das glich weit eher einem Carneval, der die Repräsentanten
aller Zonen und Welttheile für kurze Zeit vereinigte, und _alle_ Zonen, --
mit Ausnahme vielleicht der kalten -- waren wirklich vertreten.