das nächste Feld ab und hielt plötzlich still und sah vorsichtig voraus.
Zacharias bemerkte jetzt, daß er ein paar große Seehunde bei sich hatte,
und der eine stand -- der Bürgermeister winkte, daß sie sich ruhig
verhalten sollten, und schritt leise vor. Der eine Seehund zog vortrefflich
an -- plötzlich fuhr ein Volk fliegender Fische aus dem Gras heraus und der
Bürgermeister machte eine famose Doublette nach rechts und links, während
die beiden Seehunde vorsprangen und jeder seinen Fisch apportirte.
Hasenmeier, von dem ermüdenden Marsch durch das Seegras vollständig
erschöpft, war froh genug, einen, wenn auch nur kurzen Ruhepunkt zu
gewinnen, wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich dann auf
einen der nahebei befindlichen Korallenblöcke, die hier überall aus dem
Gras hervorschauten. Mit einem lauten Aufschrei sprang er aber auch schon
in demselben Moment wieder in die Höh', denn er hatte sich den Platz, auf
den er sich niederlassen wollte, vorher nicht genau angesehen, und sich
dabei mitten auf einen Meerigel gesetzt, der dort zusammengerollt lag.
Die Anderen lachten, aber es war jetzt doch keine Zeit zur Kurzweil mehr,
denn der Bürgermeister kam heran und theilte den Leuten mit, daß er das
Versteck des Meerungeheuers aufgespürt habe. Es sollte zusammengeknäult
in einem kleinen Dickicht von Algen und Korallenbäumen liegen, die etwa
tausend Schritt von dort entfernt standen und deutlich von hier aus zu
erkennen waren.
»Wer ist der Neue da,« sagte der Bürgermeister plötzlich und streng, als
sein Blick auf Hasenmeier fiel, »wo kommt er her?«
»Bitte um Entschuldigung, Herr Bürgermeister, ich wollte nur --« stammelte
der Handwerksbursch.
»Paß in Ordnung?« fragte der Beamte.
»Alles -- wenn Sie erlauben --«
»Nachher -- jetzt ist keine Zeit dazu,« wehrte aber der Bürgermeister
ab, der übrigens wie ein ganz gewöhnlicher Mensch aussah, nur daß er
Schwimmhäute zwischen den Fingern trug -- und Hasenmeier überzeugte sich
jetzt, daß dies bei allen Uebrigen ebenso der Fall war. Der Bürgermeister
aber fuhr fort: »Wir müssen das Dickicht umzingeln und dann zwei Mann
hineinschicken -- denn meine Hunde wollen nicht dran und ich mag sie auch
nicht riskiren. -- Zwei Mann, die das Beest aufstören und hinaus in's
Freie treiben -- und nun vorwärts marsch, damit wir nicht zu spät zum Essen
kommen.«
Er hatte dabei sein Gewehr wieder auf eine ganz eigenthümlich rasche Art
geladen und fort ging's auf's Neue, gerade auf das furchtbare Dickicht
zu, dem Hasenmeier viel lieber, so weit er nur irgend gekonnt hätte,
ausgewichen wäre. Es lag ihm auch jetzt gar Nichts daran, daß sie so rasch
vorrückten, aber all diese verzweifelten Seemenschen schienen auf einmal
eine ganz entsetzliche Eile zu haben, und ehe eine Viertelstunde verging,
befanden sie sich dicht vor der Dickung, in welcher das Ungeheuer seinen
Mittagsschlaf halten sollte.
Da winkte der Bürgermeister mit der Hand, denn die Seehunde drückten sich
scheu zwischen seine Füße -- ein sicheres Zeichen, daß die Bestie in der
Nähe sei.
»Kameraden,« redete er die kleine Schaar an, »wir sind am Ziel. Da drinnen
liegt das Ungeheuer, das unsere Heerden und Hirten frißt, und nächstens
auch vielleicht einmal nach Seeburg hinein kommt, um Einen von uns zu
holen. Das müssen wir verhüten, denn ein solcher Satan respektirt nicht
einmal die Obrigkeit, also zieht Euch jetzt um das Dickicht herum und
thut Eure Pflicht, wenn der richtige Moment naht. -- Vorher aber zwei
Freiwillige vor, die kühn in das Dickicht hineinbrechen und den tückischen
Feind zum Weichen bringen -- dann läuft er uns nachher von selber in die
Hände. -- Also habt Ihr mich verstanden? -- _zwei Freiwillige_ vor!«
Niemand rührte sich.
»Na?« rief da Bürgermeister entrüstet, und fuhr Hasenmeier an, »Hast Du es
nicht gehört, Du Lump! Freiwillige vor! warum kommst Du nicht? soll ich Dir
etwa erst Beine machen?«
»Aber bester Herr Bürgermeister,« rief Hasenmeier erschrocken, »als
wasserdichter Hutmachergeselle --«
»Wirst Du Dein Maul halten und freiwillig vortreten oder nicht!« schnauzte
ihn da noch einmal der Schreckliche an und Hasenmeier sah eben keinen
anderen Ausweg als sich für das allgemeine Wohl zu opfern. Nur erst einmal
im Dickicht drin, wollte er aber schon Sorge tragen, daß er dem Seeungethüm
nicht zu nahe käme, denn es muthwillig aufzustören und böse zu machen,
daran dachte seine Seele nicht. -- Aber auch hierin sollte er sich
getäuscht sehen, da sich der Wirth selber als _zweiter_ Freiwilliger
meldete, und jetzt, dem Hutmacher auf die Schultern klopfend rief:
»Und nun komm, Kamerad -- es ist Zeit. Donnerwetter, Du hast Dich doch
jetzt genug ausgeruht und die Seeschlange geht Dir sonst meiner Seel'
durch!«
»Das wär' ein Unglück,« dachte Hasenmeier, aber was half's, vorwärts mußte
er, und sich den Hut verzweifelnd in die Stirn rückend, sagte er:
»Na denn man zu, aber wenn das eine Behandlung ist für eine Civil- und
Militärbehörde, so will ich Schulze heißen« -- und mit den Worten sprang er
so rasch in das Dickicht hinein, daß ihm der Wirth kaum folgen konnte. --
Am meisten störte ihn aber dabei der lange Schleppsäbel, der bald in den
Algen hängen blieb, bald zwischen seine Füße hineinkam, daß er darüber
hinstürzen mußte. Aber er achtete das Alles nicht -- vorwärts -- weiter
hatte er in diesem Augenblick gar keinen Gedanken, und ehe er nur recht
wußte, wie er dahin gekommen, stak er mitten im Dickicht drin und in einem
wahren Gewirr von Korallen und ekelhaften Seegewächsen.
Da raschelte etwas vor ihm, deutlich konnte er sehen, wie sich die langen
grünen schleimigen Blätter bewegten, und in den Korallenästen krachte und
brach es, daß die bröcklichen Zweige herumstoben. Der Wirth, der dicht
hinter ihm war, faßte ihn jetzt an der Schulter und schrie ihm in's Ohr:
»Auf! auf! Hutmacher. Zieh den Degen! sie kommt!«
Hasenmeier wollte seinen Degen aus der Scheide reißen, aber es ging nicht
-- die verwünschte Klinge war in dem Seewasser fest eingerostet.
»Herr, du meine Güte!« schrie er, »das hat noch gefehlt.«
Vor ihm hob sich ein furchtbares Ungethüm aus dem Gebüsch und sperrte
gierig den weiten, mit ganz entsetzlichen Zähnen bewehrten Rachen gegen ihn
auf -- heißer Dampf schoß daraus hervor, die kleinen grünen Augen blitzten
ihn mit funkelnder Wuth an, und schienen das ausersehene Opfer schon voraus
zu durchbohren.
Nur den Säbel jetzt heraus, daß er sich gegen das Scheusal wehren konnte --
mit der Linken hatte er die Scheide gefaßt, mit der Rechten riß er an dem
Griff, daß es ihm die Stirnader zu sprengen drohte -- der Säbel saß fest --
noch einmal -- jetzt brach der Griff ab, als ob er von Glas gewesen wäre,
und mit einem jähen Sprung warf sich das Ungeheuer auf ihn und faßte ihn
mit den Zähnen.
»Hülfe! Hülfe!« brüllte Hasenmeier und hörte nur noch wie der Wirth ganz
ruhig sagte:
»Aber was schreist Du denn so, Hutmacher -- Donnerwetter, Mensch, Du
alarmirst mir ja das ganze Haus.«
»Ja -- ja -- wo ist -- wo ist denn die Seeschlange?« rief Hasenmeier und
richtete sich erschreckt empor.
»Die Seeschlange?« lachte der Wirth, »die soll wohl auf _Dich_ warten, die
ist mit der Ebbe ausgesegelt und schon aus Sicht.«
»Die Seeschlange? -- aber Du meine Güte -- wo bin ich denn?« rief der arme
Teufel sich erschreckt die Augen reibend, »wo ist denn der Bürgermeister
und -- ich war doch? --«
»Der Bürgermeister?« sagte der Wirth schmunzelnd, »von Civil- und
Militärbehörden hast Du genug gefaselt, aber jetzt wach' einmal ordentlich
auf -- es ist bald Mittag und das Mädchen will die Stube rein machen.«
Hasenmeier saß in seinem Bett, aber im Kopf ging's ihm wie ein Mühlrad
herum -- da stand der Wirth aus dem goldenen Haifisch, und hier lag er in
einer fremden Stube im Bett, und von Seeschlangen, Algen und Korallen keine
Spur -- nicht einmal den Säbel hatte er umgeschnallt.
»Aber wo bin ich denn, Herr Wirth,« rief er mit kläglicher Stimme, »was ist
denn nur mit mir vorgegangen?«
»Was mit Dir vorgegangen ist, mein Bursche?« meinte der Blatternarbige,
»nichts Besonderes -- einen höllischen Rausch hast Du Dir gestern Abend
angetrunken und geschlafen wie ein Ratz und das tollste Zeug dabei
geschwatzt. -- Jetzt mach aber, daß Du heraus kommst, denn das Zimmer soll
gelüftet werden.«
Zacharias Hasenmeier war wie vor den Kopf geschlagen. Die Erinnerung an
den gestrigen Abend stieg wohl dämmernd in ihm auf, aber Seegreise, Nixen,
Schildkröten und Seeschlangen schwammen dazwischen herum, und seine Reise
selbst -- war denn das Alles nur ein Traum gewesen? -- Angezogen wie er
gestern in das Wirthshaus gekommen, lag er überdieß im Bett -- nur die
Stiefeln hatten sie ihm ausgezogen -- nicht etwa _seiner_ Bequemlichkeit,
sondern des Bettes wegen und fast mechanisch griff er in die Tasche nach
seinem Geld. -- Herr du meine Güte, das war fort und -- das machte ihn
munter.
Wie der Blitz sprang er auf und visitirte bestürzt alle Taschen -- nicht
die Spur davon war mehr zu finden.
»Na was suchst Du Schatz?« sagte der Wirth, der ihn kopfschüttelnd
betrachtet hatte, »Deine Brieftasche?«
»Nein, die ist da,« rief der Hutmachergesell -- »aber mein Geld -- zehn
Thaler 17½ Silbergroschen.«
»So?« lachte der Blatternarbige, »einen ganzen Abend zechen und die
Gesellschaft traktiren und den Mädels Geld schenken und dann soll am
anderen Morgen auch noch die Baarschaft vollständig beisammen sein -- wäre
nicht übel. Einen solchen Geldbeutel wünschte ich mir auch.«
»Ja aber,« stammelte Hasenmeier, »hab' ich denn Alles bezahlt?«
»Soweit es reichte, ja,« lautete die Antwort, »drei Mark zehn Schilling
bist Du aber noch schuldig, mein Bursch, und wenn Du die nicht zahlen
kannst, werde ich indessen Deine neuen Stiefeln als Pfand behalten.«
Zacharias Hasenmeier saß, die Hände gefaltet, auf dem Bettrand und starrte
wie verloren vor sich hin. Fortwährend schüttelte er dazu mit dem Kopf, und
so wenig er im Anfang begriffen haben mochte, wie Alles zusammenhing,
kam er doch jetzt endlich zu der Ueberzeugung, daß er der unglückseligste
wasserdichte Hutmachergesell wäre, der je einer Pappelallee Fährten
eingedrückt. Er machte allerdings einen Versuch seinen Unwillen und sogar
einen Verdacht zu äußern, daß vielleicht nicht Alles mit rechten Dingen
zugegangen sei, aber der Wirth wurde, nur bei der geringsten Andeutung
dahin, so furchtbar grob, daß er das bald in Verzweiflung aufgab.
Und jetzt? -- der Wallfischfänger, die »Seeschlange« war allerdings schon
an dem Morgen ausgesegelt; wäre er aber auch noch vor Anker gelegen,
Hasenmeier hatte, mit der Erinnerung an das Ausgestandene, alle Lust zur
Seefahrt und zu fremden Ländern verloren und dankte sogar noch Gott, als
er später in Hamburg selber Arbeit fand, um zuerst seine Stiefeln wieder
auszulösen und dann neues Reisegeld zu verdienen. Von Schiffen wollte er
aber Nichts mehr wissen und hütete sich von da an ganz besonders keiner
Matrosenkneipe wieder zu nahe zu kommen.
Das Hospital auf der Mission Dolores.
Californische Skizze.
Es ist eine allbekannte Thatsache, daß viele Kirchen und Klöster, die nur
gebaut wurden, um Gott darin anzubeten, ihrem ersten, frommen Zweck nicht
immer erhalten werden konnten und die verschiedenste, oft nichts weniger
als heilige Verwendung fanden. Besonders in Kriegszeiten geschah
das häufig, wo die festen Mauern der Gotteshäuser wie die steinernen
Einfassungen der Kirchhöfe als Festungen und Verschanzungen benutzt wurden;
aber auch selbst im vollen Frieden trifft man hier und da Tempel und
Kapellen, zu denen kein Küster oder Sakristan mehr die Schlüssel führt,
sondern ein Markthelfer, weil man sie eben in Lagerhäuser oder Keller
umwandelte.
Bei Buenos-Ayres besuchte ich einst, noch zu _Rosa's_ Zeiten, ein in der
unmittelbaren Nähe der Stadt gelegenes altes Kloster, das der Dictator
einem Stamm der Pampas-Indianer zum Wohnort und zugleich zu einem halben
Gefängniß angewiesen hatte, und in der Kapelle selbst lagerten die wilden,
halbnackten Gestalten der braunen Krieger, während der Altar noch die
Ueberreste einer, wohl zerrissenen und in Fetzen niederhängenden, aber
reich gestickten Decke trug. Das Außerordentlichste in dieser Art fand aber
doch wohl mit der dicht bei San-Francisco gelegenen californischen Mission
Dolores statt; denn so urplötzlich wurde nach der Entdeckung des Goldes das
Land von Einwanderern überschwemmt, und so rasend schnell folgte Schiff auf
Schiff, daß die Anlangenden gar nicht gleich untergebracht werden konnten
und alle Winkel und Räume schon vorhandener Gebäude füllten.
Das alte Missionsgebäude, das bis dahin still und einsam in wenig mehr
als einer Wüste, und etwa drei englische Meilen von San-Francisco, der
Hauptstadt des Landes, ab gelegen, entging denn auch dieser Umwandlung
nicht.
Es war ein mächtiges Gebäude, aus ungebrannten Backsteinen aufgebaut und
mehrere Stockwerke hoch, einen großen geräumigen Hof umschließend, während
in der Front nach der Bai zu die Kirche selber lag. Das ganze übrige
kasernenartige Haus hatten aber bis dahin nur eigentlich drei Menschen
bewohnt: der Geistliche, dessen alte Haushälterin, und eine Art Factotum
des katholischen Pfarrers, ein Deutscher -- und welche Veränderung brachten
da wenige Monate zu Stande!
Kaum war das Gold entdeckt und die Nachricht von jenen fabelhaften Schätzen
zu gleicher Zeit fast über alle Welttheile verbreitet worden, als die
Einwanderung begann, und das benachbarte Mexico und die Vereinigten
Staaten zuerst ihre Schaaren hinüber sandten. Dann folgten die Bewohner der
Westküste und Sandwich-Insulaner, dann Australier und Europäer, und selbst
die Chinesen schwärmten herüber, um ihren Theil von dem Gold zu holen, und
reiche Leute zu werden.
In San-Francisco sammelte sich natürlich Alles, aber nicht Jeder
führte Zelt oder Wohnung mit, und nun mußte die Nachbarschaft ebenfalls
unterbringen, was sie unterbringen konnte, da die einsetzenden Regen ein
Lagern im Freien nicht mehr gestatteten. -- Was wurde da aus dem alten
Missionsgebäude!
Unten in einem der Flügel errichtete ein Deutscher eine Brauerei, mauerte
einen Kessel ein und fing an zu kochen. In der vorderen Flanke,
zunächst der Kirche, setzte sich ein Amerikaner fest und etablirte eine
Restauration, wobei er es bald zweckmäßig fand, eines der alten, großen und
öden Zimmer zu einem Tanzsalon umzuwandeln, in dem dann allwöchentlich ein
paar Fandangos gehalten wurden.
Hierauf folgte ein Sohn der »grünen Insel« -- ein Ire, der an die andere
Seite noch eine gewöhnliche Branntweinkneipe setzte, und der Priester mußte
es sogar geschehen sehen, daß eine chilenische alte Señora mit fünf jungen
Damen, aber keinen Nonnen, in das alte Kloster einzog und nicht wieder zu
vertreiben war.
Aber _noch_ nicht genug. Von Buenos-Ayres war ein portugiesischer Arzt nach
Californien gekommen, der in San-Francisco ein Hospital gründen wollte,
dort aber keinen Platz fand und sich nun ebenfalls auf die Mission
angewiesen sah.
Er ritt hinaus, um mit dem Priester eine Verabredung zu treffen, fand
ihn aber nicht mehr, denn dem würdigen Herrn war der Lärm doch zu bunt
geworden, da sich in den letzten Tagen auf der einen Seite ein Schwarm
Indianer, und dicht unter seiner eigenen Wohnung auch noch eine Rotte von
Mexikanern eingenistet, die des draußen niederstürzenden Regens wegen gar
nicht mehr fortzubringen waren.
Anfangs hatte er, um sich die Lästigen aus seinem eigenen Hause zu halten,
und nicht im Stande Gewalt anzuwenden, eine Anzahl Processe angestrengt,
aber nur zu bald sollte er die traurigen Folgen derselben kennen lernen,
denn er fiel dadurch einer ganzen Schaar von Geiern in die Hände, die alle
Zahlung von _ihm_ wollten, ohne daß sie das Geringste für ihn ausgerichtet
hätten. Da wurde ihm der alte Platz zu warm, und eines Morgens war er
spurlos verschwunden.
Der portugiesische Doctor aber sah das als kein Hinderniß an. Da er
Niemanden fand, der ihm ein Quartier _vermiethen_ konnte, nahm er das
Gebäude selber in Augenschein, fand die Bodenräume zu einer Aufstellung von
Betten passend und quartierte sich dabei ganz ungenirt in der verlassenen
Priesterwohnung ein. Er war ein praktischer Mann, der recht gut wußte, daß
das Recht des _Besitzenden_ in diesem Land schwer anzutasten blieb. Schon
am nächsten Tag trafen auch eine Anzahl von Maulthieren mit Matratzen und
wollenen Decken ein, während mit höchster Fluth ein paar Wallfischboote,
mit einer Anzahl eiserner Bettgestelle befrachtet, den schmalen Canal,
der die Mission mit der Bai von San-Francisco verband, hinauf fuhren. Als
Aushülfe hatte sich der Doctor dabei die müßig im Haus liegenden Mexikaner
und Indianer gemiethet, und noch vor Sonnenuntergang standen zwanzig Betten
dort oben, unmittelbar unter dem schrägen, an vielen Stellen defecten
Ziegeldach auf dem offenen Boden, durch den der oft stürmische Wind nach
allen Richtungen hin seinen Durchzug hatte. -- Das war das _Hospital_, das
jetzt seiner unglücklichen Bewohner harrte.
Die bisherigen Insassen des alten Gebäudes sahen allerdings mit nicht
geringem Erstaunen diese Vorbereitungen und schüttelten auch wohl den Kopf,
wenn die Vermuthung ausgesprochen wurde, daß dort hinauf _Kranke_ geschafft
werden sollten -- noch dazu mitten in der Regenzeit, wo man da oben und in
dem kalten Wetter nicht einmal ein Feuer anzünden konnte. Aber was war in
damaliger Zeit in Californien nicht möglich, noch dazu mit armen Teufeln,
die sich selber nicht mehr helfen konnten!
Schon am zweiten Tag traf der erste Kranke ein, -- ein junger Matrose,
bewußtlos und todtenbleich, der von vier Leuten die steilen Treppen
hinaufgeschafft und in ein Bett gelegt wurde, Nr. 1. An dem nämlichen Abend
langte noch ein kranker Portugiese an und wurde in No. 2 des Amerikaners
Nachbar, und ehe eine Woche verging, waren von den zwanzig Betten schon
siebenzehn mit solchen Unglücklichen gefüllt, die in diesem »Hospital« kaum
besser als auf offener Straße lagen.
Die Bewohner des Missionsgebäudes wollten jetzt allerdings gegen eine
solche Einquartierung protestiren, denn sie fürchteten nicht mit Unrecht
durch irgend eine gefährliche und ansteckende Krankheit selber bedroht zu
werden; aber es half ihnen Nichts. Das nämliche Recht, in dem alten Gebäude
zu wohnen, das die Gesunden für sich geltend machten, mußte auch den
Kranken werden, und welchen Ausgang gerichtliche Klagen in Californien
nahmen, hatten sie nur zu deutlich an dem eigentlichen Besitzer
der Mission, an dem katholischen Priester, gesehen, der durch die
_Gerechtigkeit_ des Landes von Haus und Hof getrieben worden war.
Welch ein entsetzlicher Aufenthalt war es aber für die unglücklichen
Kranken selber, wenn der Regen auf die unmittelbar über ihren Köpfen
befindlichen Ziegel schlug und oft sogar auf ihre Kissen tropfte, und der
Wind dann durch all die tausend Ritzen und Spalten heulte und pfiff,
denn nirgends war der Ort, an dem sie sich befanden, auch nur durch eine
Bretterwand abgegrenzt, ja selber nach unten, zu der Brauerei führte nur
die vollkommen offene Bodentreppe, und von dort her stieg, wenn da unten
gebraut wurde und Feuer unter dem Kessel brannte, der dicke Qualm empor,
und sammelte sich da oben zu solchen Schwaden, daß man kaum seine Hand vor
Augen sehen konnte.
Der Doctor wollte diesem Uebelstand allerdings abgeholfen haben und
beschwerte sich darüber bei den Brauern; aber was nützte ihm das? Die
Brauerei hatte dort früher bestanden als das Hospital, und Niemand ihn
gezwungen, seine Patienten dort unterzubringen. Allerdings schien sich
die Brauerei verpflichtet zu haben, ihre Abtheilung des Bodens, wenn es
je verlangt werden sollte, von der andern abzutrennen, aber es war nicht
bestimmt, durch was, und so zogen die Eigenthümer, da eine feste Wand gar
nicht zu bezahlen gewesen wäre, einfach dünnen Kattun querüber, und
durch den ließ sich der Qualm natürlich nicht abhalten; er drang überall
hindurch.
So vergingen Monate. Viele, viele Unglückliche waren in diesen
entsetzlichen Aufenthalt geliefert, und nur sehr wenige gesund daraus
entlassen worden; oft und oft aber kletterten Morgens mit Tagesanbruch vier
oder sechs Männer, einen in eine Decke gewickelten Leichnam zwischen
sich tragend, die steile und schmale Holztreppe hinab und legten den
Verstorbenen unten auf dem kleinen Kirchhof, den die darüber hängende
Dachtraufe in der Regenzeit zu kaum mehr als einem Sumpf wandelte, in sein
kaltes, feuchtes Grab -- nicht einmal einen Sarg bekam er mit; der hätte zu
viel Geld gekostet.
Und immer wilderes Leben füllte die weiten, trostlosen Räume des alten
Klosters, dessen Zimmer mehr Ställen und Kellern, als menschlichen
Wohnungen glichen. Die Brauerei war allerdings indessen aufgegeben, aber
an einen anderen Brauer verkauft, der nur noch nicht Besitz davon
ergriffen hatte, und noch zwei neue Schenkstände wurden, der eine von einem
Mexikaner, der andere von einem Amerikaner, eröffnet.
Zu dem Amerikaner hatten sich die chilenischen Mädchen gezogen, und hielten
dort wilde Fandangos, zu welchen nicht selten das rohe Männervolk aus der
Umgegend gezogen kam, während die dort in der Nachbarschaft ansässigen
Californier mit ihren Frauen und Töchtern das Lokal des Mexikaners
benutzten; denn sie haßten die Amerikaner, die ihnen ihr Land genommen
und verkehrten nur wenig mit ihnen. Ohne Tanz konnten sie aber ebensowenig
bestehen, denn auf der Mission wohnten doch wenigstens zehn oder zwölf
californische Familien mit einer Anzahl erwachsener Töchter, und ganz
allerliebste Mädchen unter ihnen, denen die kleinen Füße schon zuckten,
wenn sie nur Musik hörten.
Eine der hübschesten unter ihnen, und dabei unstreitig die beste,
zierlichste Tänzerin, war aber die Señorita Marequita, die Tochter eines
dort ansässigen und ziemlich wohlhabenden Viehzüchters, und sobald sie bei
einem der Fandangos zum Tanze antrat, wurden ihr nicht nur jubelnde Bravos
zugerufen, sondern es flog sogar, nach californischer Sitte, mancher
Silberdollar, ja manches Goldstück zu ihren Füßen nieder.
Es konnte auch in der That nichts Lieblicheres geben, als dies junge,
bildhübsche Wesen den Fandango oder einen jener anderen spanischen Tänze
auszuführen zu sehen. Da bemerkte man freilich Nichts von dem unanständigen
Beinewerfen nachgemachter Spanierinnen, die sich bei uns produciren -- jede
Bewegung war züchtig, aber auch eben so graciös, und wie eine Elfe glitt
sie herüber und hinüber. Die Schönheit und Liebenswürdigkeit der jungen
Californierin war auch schon bis nach San-Francisco gedrungen, und häufig
kamen die Amerikaner heraus, um sie zu bewundern, ja selbst von den in
der Bai ankernden amerikanischen Kriegsschiffen trafen zu Zeiten einzelne
Officiere ein, und man erzählte sich, daß Einer von Diesen schon sogar um
ihre Hand angehalten habe. Aber er mußte mit einem Korb abgezogen sein,
denn er ließ sich seit jener Zeit nicht mehr auf der Mission blicken, und
die Californier selber zeigten sich danach nur noch soviel stolzer auf ihre
Landsmännin, daß sie in keine Verbindung mit dem verhaßten amerikanischen
Stamm gewilligt hatte.
Marequita wußte aber auch noch einen anderen Grund, weßhalb sie den
freundlichen Worten des jungen Officiers nicht gelauscht, denn ihr Herz
war schon seit Monden nicht mehr frei, und sie erröthete tiefer und tanzte
befangener, wenn ein junger Franzose, Jerome -- wie er von den Kameraden
genannt wurde, den Tanzsaal betrat, und ihr in der ersten Zeit nur mit
schüchterner Zurückhaltung die Hand zum Gruße bot. Nach und nach schien er
aber doch dreister geworden zu sein, denn er besuchte die Mission häufiger,
und jetzt auch sogar das Haus in dem Marequita's Vater wohnte, und faßte
zuletzt sogar Muth genug, Diesen um die Hand seiner Tochter zu bitten,
was der Californier vor allen Dingen mit einer Frage nach seinen
Vermögensverhältnissen beantwortete.