berichtete -- purpurfarbene, sondern weit eher Bouteillenglasfarbene
Finsterniß umgeben hatte, so bemerkte er jetzt zu seinem Erstaunen, daß
sich die Dämmerung augenscheinlich lichtete, Gegenstände umher wurden
sichtbar -- hie und da begegnete er einem riesigen Seeungeheuer, das sich
faul in seinem Element herumwälzte, und keine Ahnung von der Nähe eines
fremden Hutmachergesellen zu haben schien -- unangenehme Quallen und Blasen
trieben sich dort umher, und Fische sah er hier und dorthin schießen -- ob
_die_ aber _aufwärts_ fuhren, oder er _ab_wärts, war er nicht im Stand zu
sagen, denn seine ganze Aufmerksamkeit blieb in diesem Augenblick auf den,
unter ihm befindlichen Raum gerichtet, der mit jeder Secunde mehr aus der
dichten Finsterniß heraustrat, und mit einem ganz eigenthümlichen Licht
übergossen schien.
So mußte es einem Menschen zu Muthe sein, der aus hoher Luft in einem
Ballon zur Erde niedersank, so daß unter ihm, je tiefer er kam, das weite
Land heller und klarer sichtbar wurde, bis sich endlich die einzelnen
Baumgruppen und Ortschaften und zuletzt Häuser und Menschen klar und genau
erkennen ließen.
Dort lagen weiße, zackige Flächen, aus denen er nicht klug werden konnte,
denn sie sahen aus wie beschneit -- dort breiteten sich weite grüne Ebenen,
mit Thieren auf der Weide, dort standen Häuser, die in jenem wunderbaren
Licht funkelten und blitzten und in rasender Schnelle zu wachsen schienen.
Ehe Zacharias aber nur einen Ueberblick über das Ganze gewinnen konnte,
fuhr er plötzlich bis über die Kniee in weichen Sand hinein, blieb aber
nicht darin sitzen, sondern wurde wie von selber wieder herausgehoben. --
Und was das für eine curiose Gegend war, in der er sich befand!
»Jetzt -- wenn ich nicht auf Reisen wäre,« brummte er leise vor sich hin,
»sollt' ich meiner Seel' denken, _die_ Pappelallee führte nach Halle hinein
-- aber puh, wo liegt Halle!«
Er befand sich in der That in einer langen, schnurgeraden Allee, die
freilich aus den wunderbarsten Bäumen bestand. Sie sahen wohl so aus wie
Pappeln, hatten aber gar keine Blätter, sondern nur dünne elastische und
sich fortwährend bewegende Zweige. Gar nicht weit voraus aber lag ein
Haus -- er konnte das Dach im Lichte blitzen sehen und ohne sich lange
zu besinnen, marschirte er darauf zu. -- Aber sein Blick fiel dabei
unwillkürlich auf den Weg, in dem er auch nicht die Spur von einem
Wagengleis bemerkte -- mit den Extraposten sah es jedenfalls windig aus.
Zu solchen Betrachtungen blieb ihm jedoch keine lange Zeit, denn viel
rascher als er gedacht, erreichte er das Haus. Und wie sonderbar leicht
sich das hier ging; den Tornister fühlte er fast nicht auf den Schultern,
die Füße nicht auf dem Boden, und der schwere Knotenstock hob sich bei
jedem Schritt immer ganz von selber wieder.
Und da lag das Haus: es war aus rauhen Korallenblöcken aufgeführt, aber mit
den herrlichsten Perlmutterschalen gedeckt, und hatte Thüren und Fenster,
wie die Häuser an der Oberwelt -- die Fenster bestanden aber nicht aus
Glas, sondern aus Hausenblase und der Thürgriff war aus Bernstein, wie der
Thürklingelgriff aus einem Zahn des Spermacetiwals gemacht.
Aber nur einen Blick warf er auf diese äußeren Baulichkeiten, denn zu
seinem Erstaunen bemerkte er jetzt, daß vor dem Haus, auf einer dort
angebrachten Austerbank, ganz gemüthlich ein menschenähnliches Individuum
saß, das ihn, anscheinend eben so überrascht, betrachtete.
Es war eine kleine dicke Gestalt mit einer runden Schuppenmütze auf, aber
sonst wohl ganz kahlem Kopf und einem Gesicht, das weit eher einem Karpfen,
als einem menschlichen Wesen glich. Uebrigens hatte es Arme und Beine, nur
daß der untere Theil derselben an den Seiten Flossen zeigte, auch trug es
eine Art Schlafrock aus irgend einer Seegrasart geflochten, der um den Leib
mit einem Korallengürtel festgebunden war.
»Gu'n Morgen,« sagte der Fischschwänzige ruhig, und Zacharias erschrak
ordentlich über die deutsche Anrede, aber alte Gewohnheit ließ vor der
Hand kein anderes Gefühl in ihm aufkommen, und seinen Hut schnell
herunterreißend, erwiederte er höflich:
»Armer reisender Handwerksbursch; seit drei Tagen keinen warmen Löffel im
Leibe gehabt.«
»Jemine Junge,« lachte da der kleine Dicke vergnügt, ohne aber in
die Tasche zu greifen, »das ist eine lange Zeit, seit ich keinen
Handwerksburschen hier gesehen habe. Wo kommst Du denn her? Bist Du erst
kürzlich ersoffen?«
»Bitte,« sagte Zacharias, »so viel ich mich erinnere, noch gar nicht --
ich habe meinen ordentlichen Paß bei mir, und wollte nur einmal sehen wie's
hier unten ausschaut -- sehr hübsche Gegend.«
»So?« sagte der Kleine, aber dabei ungläubig mit dem Kopf schüttelnd,
»also Du bist _nicht_ ersoffen -- das ist doch eigentlich merkwürdig. Woher
kannst denn Du das Wasser vertragen?«
»Entschuldigen Sie,« sagte Zacharias, der die Möglichkeit eines Geschenkes
noch nicht aufgab, und deshalb seine Höflichkeit bewahrte, »ich bin
wasserdichter Hutmachergesell und da --«
»Ja so, das ist was Anderes,« nickte der Kleine, »aber Du bist noch nicht
lang hier, wie? -- gefällt's Dir hier bei uns?«
»Muß schon sagen, daß mir's gefällt,« meinte der Hutmacher, »nur ein
Bischen feucht kommt mir die Gegend vor.«
»Aber man gewöhnt's,« meinte der Kleine wieder, »ich wohne nun jetzt schon
etwas über zweitausend Jahr hier und befinde mich ganz wohl --«
»Donnerwetter, das ist eine schöne Zeit,« rief Zacharias, »und darf man
fragen, was Sie eigentlich für ein Geschäft hier treiben, und wo Sie so gut
deutsch gelernt haben?«
»Geschäft,« sagte der Kleine, »gar keins, ich bin Seegreis und beziehe
meine jährliche Pension, und Deutsch hab ich von meinen neuen Nachbarn
gelernt, die gar nicht weit von hier wohnen.«
»Deutsche?« rief Zacharias erstaunt aus.
»Ja wohl,« nickte Jener, »vor etwa fünfzig Jahren versank grad' über uns
ein großes Schiff mit lauter Deutschen, die nach Amerika hinüber wollten,
und die kamen denn grad herunter und siedelten sich da an. Wollen wir
einmal hinüber gehen?«
Zacharias hätte gar nichts Erwünschteres angeboten werden können, denn der
kleine komische Kauz hatte ihm noch nicht einmal einen Schluck Branntwein
angeboten und er wußte, daß er bei Landsleuten jedenfalls besser behandelt
würde. Der Kleine stand aber indessen auf, schwamm in's Haus hinein, kam
aber gleich darauf wieder heraus und hatte, zu Zacharias' unbegrenztem
Erstaunen einen _Regenschirm_ unter der einen Flosse, den er dann
aufspannte und sagte:
»So, nun kann's losgehen.«
»Aber entschuldigen Sie,« meinte der Hutmacher, »brauchen Sie denn hier im
Wasser einen Regenschirm?«
»_Regenschirm?_« sagte sein Begleiter, »einen _Schirm_ gewiß. Es fahren
hier jetzt in letzter Zeit so eine Menge Schiffe drüber weg und die Leute
darauf kehren sich den Henker darum, was sie über Bord werfen, so daß man
nie sicher ist einmal unterwegs einen zerbrochenen Teller, oder sonstige
Porzellan- und Glasscherben, alte Nägel und Gott weiß was, auf den Kopf zu
bekommen. Ich gehe deshalb nie ohne Schirm aus.« Und damit schwamm er ganz
behaglich die Allee entlang.
»Was sind denn das nur für komische Bäume,« sagte Zacharias, der
nebenherkeuchte und kaum mitkommen konnte, »solche hab ich doch mein Lebtag
noch nicht gesehen.«
»Bäume?« sagte der Seegreis, »da drüben stehen Bäume -- Korallenbäume --
andere haben wir hier unten nicht. Das hier sind Polypen, die in Reihen
gepflanzt werden, weil's hübscher aussieht.«
»Polypen -- 's ist die Möglichkeit,« rief Zacharias erstaunt aus, »wenn ich
wieder nach Hause komme, glauben sie mir's gar nicht.«
»Nach Hause kommen,« sagte der Seegreis mit dem Kopf schüttelnd, »ich lebe
nun hier unten über zweitausend Jahr, kann mich aber nicht besinnen, daß
jemals irgend wer, der uns hier besuchte, wieder nach Hause gekommen wäre.«
»Das ist bei uns gerade so,« rief Hasenmeier, »die ältesten Leute in einem
Orte wissen sich nie auf etwas zu besinnen -- aber entschuldigen Sie,
verehrter Seegreis, was ist denn das da drüben -- das sind ja komische
Thiere.«
Rechts, wohin er zeigte, dehnte sich eine weite grüne Seegraswiese aus und
Hasenmeier bemerkte jetzt zu seinem Erstaunen, daß dort ein paar Hundert
große Schildkröten auf der Weide herumgingen, während der Hirt, oder die
Hirtin vielmehr, ein junges allerliebstes Seenixchen, wie er sie schon oft
hatte abgemalt gesehen, mit einem Seehund neben sich, sie überwachte.
»Das ist ja ein allerliebstes Mädel,« fuhr der galante Hutmachergesell
fort, der sie schmunzelnd betrachtete, denn sie gefiel ihm ausnehmend,
»können wir nicht einmal dort vorüber gehen.«
»Warum nicht?« erwiederte der Seegreis gefällig, »wenn wir nachher schräg
durch den Korallenwald halten, schneiden wir sogar ein tüchtiges Stück
Weges ab, denn die Colonie liegt gerade dort hinüber,« und ohne Weiteres
bog er rechts durch die Grasebene ein und hielt auf die kleine Nixe zu, die
neugierig aufschaute, als sie den komischen, wunderlichen Fremden bemerkte.
Es läßt sich nicht leugnen, sie war eigentlich unanständig einfach
gekleidet, und trug nichts als ihre langen grünen mit Meerrosen
durchflochtenen Haare, aber die klugen großen Augen funkelten wie ein paar
Sterne, und der Arm, den sie ihnen entgegenstreckte, war weiß und zart wie
Elfenbein. Zacharias Hasenmeier fühlte auch, daß er hier die Gesetze der
Höflichkeit nicht außer Acht lassen dürfe. Er nahm also den Hut ab, und das
ihm schon aus alter Gewohnheit und mit der Bewegung zusammenhängende und
auf den Lippen schwebende »Armer reisender Handwerksbursch« gewaltsam
hinunter schluckend, sagte er mit größter Artigkeit:
»Mein schönes Fräulein, äußerst angenehm ihre werthe Bekanntschaft zu
machen.«
Die kleine Nixe sah ihn lächelnd an, was ihm Muth zu einer größeren
Freiheit machte: er hob also den Arm und wollte ihr mit dem Finger unter
das Kinn greifen, zog aber die Hand blitzschnell zurück, denn das kleine
Hirtennixchen, dessen Augen plötzlich einen grünen Schein annahmen,
schnappte danach mit den Zähnen und der Seehund knurrte und fuhr ihm auch
zu gleicher Zeit nach den Beinen.
»Donnerwetter,« rief Hasenmeier zurückspringend, und hatte eben noch Zeit,
seinen Stock vorzuhalten, um wenigstens von dem Hund frei zu kommen.
»Ja, die beißt,« lachte der Seegreis, »Du darfst ihr nicht zu nahe kommen.«
»Das ist aber doch hier ganz anders als bei uns,« sagte Hasenmeier
bestürzt, »bei uns beißen die Mädels nicht.«
»Ländlich, sittlich,« bemerkte der Seegreis, »aber laß uns weiter gehen,
siehst Du, dort fängt schon der Wald an.«
Zacharias war nicht böse darüber, denn die kleine Nixe hatte auf einmal
alle Reize für ihn verloren, und er warf nur noch einen Blick auf die
wunderliche Heerde von Schildkröten, die auf ihren platten Bäuchen im
Seegras herumkrochen und unter Obhut der kleinen bissigen Hexe standen.
Vergebens sah er sich aber nach einem Wald um, denn das, worauf sie jetzt
zuschritten, glich weit eher einer überzuckerten Hecke, als was er sich bis
jetzt unter einem Wald gedacht. Als er aber hinein kam, sah er doch, daß es
große stämmige Korallenbäume waren, die ihre zackigen laublosen Aeste nach
allen Seiten hinausstreckten, so daß man kaum seine Bahn hindurch finden
konnte.
Da blieb der Alte plötzlich unter einem der Bäume halten und zankte hinauf
und als Zacharias erstaunt dorthin sah, bemerkte er oben in den Zweigen ein
paar kleine Jungen, die sehr verdutzt zu sein schienen und sich hinter den
Aesten zu verstecken suchten.
»Nichtsnutziges Gesindel,« schimpfte aber der Seegreis, »Ihr glaubt wohl,
ich seh Euch nicht? Wollt Ihr machen, daß Ihr herunter kommt, und wenn ich
Euch noch einmal dabei erwische, häng ich Euch bei den Flossen auf und
laß Euch eine Woche zappeln,« -- und rechts und links glitten die scheuen
Bengel jetzt, wie blitzende Fische, durch die Wipfel hinaus, in deren
Gewirr sie bald verschwanden.
»Aber was haben denn die da oben gemacht?« sagte Zacharias erstaunt.
»Was sie gemacht haben?« rief der Alte, »die Nester der fliegenden Fische
nehmen sie aus und saufen die Eier aus -- aber wartet, ich passe Euch auf
den Dienst, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Jetzt sind wir übrigens gleich
durch den Wald, -- siehst Du, dort drüben stehen schon die Häuser Deiner
Landsleute, und denen wollen wir nun einmal einen Besuch abstatten. -- Die
werden sich freuen, wenn sie Einen aus ihrem Lande zu sehen bekommen.«
Der kleine Korallenwald wurde hier schon lichter und bald betraten sie
wieder eine offene Ebene, in der auf einem flachen Hügel, ganz nahe bei dem
Wald, die Ansiedelung der damals gescheiterten deutschen Auswanderer lag.
Daß sie aber zu Deutschen kamen sah Zacharias augenblicklich, denn die Wege
waren hier nicht allein vortrefflich in Ordnung gehalten, sondern er kam
auch bald darauf zu einem weiß und grün angestrichenen Wegweiser, dessen
Arm gerade nach dem Dorf hinüberdeutete, und auf dem die Worte standen:
»Nach Seeburg, eine halbe Pfeife Tabak«
was die Entfernung andeutete, in welcher sie sich von dem Ort noch
befanden. Hasenmeier mußte freilich die Beine tüchtig unter den Arm nehmen,
um mit dem Seegreis Schritt zu halten, der trotz seiner zweitausend Jahre
noch vortrefflich auf den Füßen schien, sie rückten dadurch aber auch rasch
näher, und nach kaum einer halben Stunde, nachdem sie den Wald verlassen,
erreichten sie die äußeren Einfriedigungen des Dorfes, das mit seinen
reinlichen Straßen vor ihnen lag.
Allerdings hatten sie unterwegs noch ein paar Heerden von Seekühen mit
ihren Kälbern und auch Schildkröten getroffen, die ebenfalls von kleinen
allerliebsten Nixen gehütet wurden; der Hutmachergesell schien aber jede
Lust verloren zu haben mit ihnen anzubinden, und es drängte ihn jetzt
selber, wieder in »gesittete Gesellschaft« zu kommen.
Viertes Kapitel.
Der Kampf mit der Seeschlange.
Was unseren Handwerksburschen wunderte, war, daß er noch gar keinen
Menschen auf der Straße sehen konnte, und er wollte sich eben deßhalb gegen
seinen Begleiter aussprechen, als hinter einer Korallenhecke, die hier
zum Einfassen der Gärten benutzt zu werden schien, plötzlich ein Gendarm
hervortrat, und den Handwerksburschen mit barscher Stimme nach seinem
Wanderbuch frug.
»Herr, du meine Güte,« rief Hasenmeier überrascht aus, »haben sie denn hier
unten auch Gendarmen?«
»Hast Du schon ein deutsches Dorf gesehen, mein Bursche,« rief aber der
Mann des Gesetzes trotzig, »wo _keine_ gewesen wären?« -- und in der That
konnten sich weder der zweitausendjährige Seegreis noch der Hutmachergesell
auf eins in der Geschwindigkeit besinnen -- »also mach' rasch, denn ich
habe keine lange Zeit.«
»Das ist merkwürdig,« murmelte der Handwerksbursch erstaunt vor sich hin;
aber nicht gewohnt einer solchen Persönlichkeit gegenüber irgend eine
Widersetzlichkeit zu zeigen, warf er seinen Tornister ab, schnallte ihn auf
und suchte das Buch.
»Ei du mein Herrgottchen,« rief er dabei, »Alles klatsche naß -- wenn hier
nur ein Platz wäre, wo man sein Zeug ein Bischen trocknen könnte.«
»Trocknen?« sagte der Seegreis erstaunt, während der Gendarm es unter
seiner Würde hielt, mit dem reisenden Handwerksburschen ein Gespräch
anzuknüpfen, ehe sich dieser nicht vollständig legitimirt hatte -- »was ist
denn das?«
»Was trocknen ist?« rief Zacharias, »das nehmen Sie mir aber nicht übel --«
»Na wird's bald!« rief der Gendarm.
»Entschuldigen Sie gütigst,« meinte der Handwerksbursch, »hat ihm schon
-- hier verehrter Herr Gerichtsbehörde ist mein Paß -- Alles in Ordnung --
Civil- und Militärbehörden werden ersucht, mich gefälligst --«
»Schon gut,« unterbrach ihn der Mann des Gesetzes, indem er das Papier
wieder zusammenfaltete und seinem Eigenthümer zurückgab, »können sich hier
aufhalten, müssen den Paß aber beim Bürgermeister vorher visiren lassen.«
»Beim Herrn Bürgermeister, haben Sie denn hier auch einen Bürgermeister?«
»Ist das wieder eine dumme Frage,« brummte der Gendarm, »wo sechs Deutsche
zusammen wohnen, brauchen sie doch auch eine Obrigkeit; wofür sollte man
denn sonst nur Steuern erheben? -- Alles hier wie oben -- Alles genau so!«
»O du lieber Himmel,« seufzte Hasenmeier, aber ganz im Stillen, denn was
er _jetzt_ dachte, durfte er nicht laut werden lassen, »und deshalb die
schreckliche Seereise gemacht.«
»Hutmachergesell?« frug der Gendarm lakonisch.
»Wasserdichter,« bestätigte Hasenmeier ebenso.
»Gut -- können einmal meinen alten Filz wieder aufbügeln -- ist ein wenig
lappig geworden hier unten.«
Zacharias warf einen prüfenden Blick auf den besagten Toilette-Gegenstand
und bemerkte allerdings, daß die Krempen des alten dreieckigen Filzhutes,
der einmal mit silbernen Borden besetzt gewesen, eine sehr trübselige Form
angenommen hatten.
»Wird mir eine Ehre sein,« erwiederte er höflich, »aber wo finde ich den
Herrn Bürgermeister?«
»Ist gerade auf der Jagd,« sagte der Gendarm, »können so lange in's
Wirthshaus gehen -- zum goldenen Haifisch.«
»Wirthshaus?« rief Hasenmeier rasch, »alle Wetter, ist hier auch ein
Wirthshaus im Ort?«
»Na, wenn ein Bürgermeister da ist, wird doch auch ein Wirthshaus da
sein,« sagte der Gendarm, »gleich dort neben der Kirche -- dem Haus mit dem
kleinen Thurm.«
Hasenmeier schulterte vergnügt seinen Ranzen wieder und faßte seinen
Knotenstock fester, denn jetzt fing ihn sein Leben an zu freuen. Das Eine
nur genirte ihn, daß der Seegreis fortwährend um ihn herum schwamm, und ihn
dabei immer über die Achsel ansah. Was sollte denn das eigentlich heißen?
ob er sich vielleicht über ihn lustig machte, weil er sich hatte von dem
Gendarmen so anfahren lassen? Bah, was verstand so ein Seegreis davon; wie
Gendarmen behandelt sein wollten, das wußte _er_ besser, und sich an den
Alten gar nicht mehr kehrend, wanderte er vergnügt der bezeichneten Stelle
zu.
Rechts und links standen Häuser, alle aus Korallenblöcken aufgebaut, und
mit breiten Muscheln, wie mit Schindeln gedeckt. Auch Trottoirs hatte
das Dorf, gar künstlich von Austernschalen gelegt, und an einer großen
Oekonomie kam er ebenfalls vorüber, wo in einem mächtig breiten Stall eine
Menge Seekühe mit ihren Kälbern standen, aber keinen einzigen Menschen
konnte er entdecken -- nirgends die Spur von Leben oder Thätigkeit, und das
Ganze fing schon an ihm unheimlich vorzukommen. War das Dorf ausgestorben,
und der Gendarm ganz allein zurückgeblieben?
Jetzt hatte er das Wirthshaus erreicht -- fehlen konnte er's nicht, denn
ein großes Schild mit einem goldenen Haifisch verrieth den Platz schon von
Weitem, und rasch schritt er darauf zu, blieb aber ganz erstaunt in der
Thür stehen, als er das ganze Gebäude, das etwa noch einmal so groß wie die
gegenüberliegende Kirche sein mochte, gedrängt voll fröhlicher zechender
Menschen sah.
»Ja, alle Wetter!« rief er erstaunt aus, »da wundert's mich freilich nicht
mehr, daß ich Niemanden in den Häusern gesehen habe, wenn sie Alle im
Wirthshaus sitzen.«
»Mach' die Thür zu!« rief ihn aber der Wirth an -- eine große
breitschultrige Gestalt mit Pockennarben, dessen Gesicht ihm merkwürdig
bekannt vorkam -- »Donnerwetter das ganze Wasser läuft ja herein.«
Hasenmeier zog rasch die Thür hinter sich zu und den Hut vom Kopf.
»Armer reisender Handwerksbursch,« sagte er dabei mit kläglicher Stimme,
»bittet allerseits um ein kleines Geschenk.«
»Hurrah, ein Handwerksbursch!« lachten und schrien aber die Gäste
durcheinander, und ein Toben entstand jetzt, wie es auf der Oberfläche der
Erde nicht natürlicher hätte aufgeführt werden können.
Hasenmeier sah auch hier zu seinem Erstaunen, wie reichlich mit Getränken
und Speisewaaren versehen die Bewohner dieser unterseeischen Station sein
mußten, denn rings an den Wänden waren Massen von Fässern, mit allen nur
denkbaren köstlichen Weinen und Spirituosen aufgeschichtet, während neben
an, ein anderes weites Lokal die Speisekammer zu sein schien. Lange Zeit
ließen ihm aber die Insassen nicht zum Umschauen, denn von allen Seiten
wurden ihm Krüge und Gläser entgegengehalten, und Hasenmeier wußte gar
nicht, wo er zuerst zulangen sollte.
»Wo habt Ihr nur alle die guten Sachen her?« rief er dabei, »Ihr lebt ja
hier wahrhaftig, wie der liebe Gott in Frankreich.«
»Woher?« lachte der Wirth, »glaubst Du denn mein Bursch, daß alle die
guten Sachen verloren gehen, die uns die Schiffe herunter schütteln --
Ladungsweise bekommen wir sie, daß wir manchmal gar nicht wissen wohin
damit -- aber jetzt trink aus, denn wir müssen fort.«
»Fort? wohin?« frug der Handwerksbursch, der gar nicht daran dachte, sobald
wieder fortzugehen, »hier ist's doch hübsch genug.«
»Ja es wird Zeit,« riefen aber auch die Anderen und holten jetzt aus Ecken
und Winkeln alle nur erdenkbare Arten von Mordwaffen, Lanzen, Spieße,
Flinten, Säbel, Pistolen und wer weiß was hervor.
»Aber was ist denn nur los?« rief Hasenmeier, »wollt Ihr in den Krieg? --
Donnerwetter, halten Sie mir die Flinte nicht so auf den Leib; das Ding
kann losgehen.«
»Was los ist, Kamerad,« sagte der Wirth, »das sollst Du gleich wissen. Hier
ganz in der Nähe läßt sich nämlich seit einigen Monaten die _Seeschlange_
blicken, und holt uns unsere Kühe und Kälber von der Weide, ja, hat neulich
sogar ein kleines Nixchen, das mit einer Muschel nach ihr warf, mit Haut
und Haaren aufgefressen.«
»Und hat denn das der Gendarm gelitten?« frug Hasenmeier.
»Ja, _die_ kehrt sich wohl an einen Gendarm,« lachte der Wirth, »nein,
wo wirklich etwas los ist, da müssen wir immer selber hinaus und uns Ruhe
schaffen, denn solche Bestien giebt's leider nur zu häufig in unserer
Gegend. Der Bürgermeister ist auch schon heut Morgen in aller Früh mit
seinen Hunden ausgegangen, um einmal abzuspüren und wenn wir dann wissen,
wo sie sich versteckt hält, wollen wir sie nachher schon kriegen.«
»Na, dann will ich derweile ein Bischen hier bleiben und mich ausruhen,«
sagte Hasenmeier, dem Nichts ferner lag, als hier unten mit einer
Seeschlange anzubinden, da diese allen früher gelesenen Beschreibungen nach
ja ein ganz entsetzliches Beest sein sollte.
»Möchtest Du wohl,« meinte der Wirth lachend, »ne mein Bursche, wenn Du
hier unten bei uns leben willst, gehörst Du auch mit zur Landwehr und mußt
ausrücken.«
»Aber ich bin militärfrei,« rief Zacharias, »der Doctor hat mich untersucht
und erklärt, ich hielte die dreijährige Dienstzeit nicht aus -- und dann
bin ich auch auf dem linken Ohr taub.«
»Papperlapapp!« riefen aber die Anderen, »das macht hier Alles Nichts --
gebt ihm einmal eine Lanze oder sonst was und nun vorwärts, sonst schimpft
der Herr Bürgermeister.«
Alle weiteren Gegenvorstellungen, daß er sich eine Blase unter den rechten
Fuß gelaufen, und den Rheumatismus im Knie hätte, halfen ihm in der That
Nichts. Sie schnallten ihm einen furchtbar großen Säbel um, der wohl einen
Fuß hinten nach schleifte und ihm, wenn er sich umdrehen wollte, zwischen
die Beine kam, und dann brach die ganze Gesellschaft auf, sammelte sich
draußen auf der Straße und marschirte nun in Reih und Glied, während ein
paar Jungen vorneweg auf Muscheln bließen, zum Dorf hinaus.
Hasenmeier war bei der Sache nicht recht wohl.
»Wenn ich _das_ gewußt hätte,« dachte er bei sich, »so wäre ich lieber
noch einen Tag an Bord geblieben,« aber es nützte ihm Nichts. Als
Vaterlandsvertheidiger mußte er mit in Reih und Glied marschiren, und dabei
auch noch vergnügt aussehen, wenn er nicht von seinen Nebenmännern verhöhnt
sein wollte.
So zog der kleine Trupp, etwa vierzig Mann stark, durch die stillen Straßen
der Stadt, und Hasenmeier bemerkte wohl, daß hie und da verstohlen ein
Frauenkopf an die Fenster kam, um nach einem oder dem anderen der jungen
Lieutenants hinunter zu schielen; aber es blieb ihm auch nicht viel Zeit
zu solchen Betrachtungen, denn schon öffnete sich vor ihnen das weite Feld,
eine mit hohem Seegras bewachsene Wiese, in der ihnen jeden Augenblick die
gefürchtete Seeschlange unter den Füßen herausfahren konnte.
Dort draußen bewegte sich jetzt eine menschliche Gestalt, die ihnen
zuzuwinken schien -- das mußte der Bürgermeister sein und die Muschelbläser
vorn wurden bedeutet, ruhig zu sein, denn man konnte ja nicht wissen, wie
nahe die Bestie versteckt lag.
So rückten sie leise und geräuschlos vor, aber das Seegras war hier so
tief und verwachsen, daß Hasenmeier kaum darin fortkonnte und immer ärger
stöhnte und schwitzte.