Er fluchte allerdings jedesmal still vor sich hin, wenn ein Bahnzug

vorüberrasselte, und die Leute darin aus den offenen Fenstern hinaussahen,

und über den wunderlichen Menschen lachten, der zu Fuß hinterd'rein

keuchte, während er doch hätte, für ein paar Groschen, so bequem darin

fahren können; aber Zacharias setzte den Hut bei solchen Gelegenheiten nur

noch immer schiefer, um seine Verachtung bildlich auszudrücken und wanderte

trotzig seines Weges, ohne auch nur einmal nach ihnen umzuschauen.

Es ist überhaupt erstaunlich, mit welcher Genauigkeit sich menschliche

Gemüthsbewegungen und Charaktere nur allein durch die verschiedene Stellung

des Hutes ausdrücken lassen.

»In den Augen liegt das Herz,« lautet ein altes, wunderschönes Lied,

aber es ist durchaus nicht wahr. Im _Hute_ liegt es, und der aufmerksame

Beobachter kann manchem Menschen nur allein durch den Hut direkt in's Herz

sehen.

Wer z. B. den Hut recht gerade und steif auf hat, daß er ihm senkrecht

auf dem Wirbel des Kopfes sitzt, das _mag_ ein sehr guter rechtschaffener

Mensch sein, aber er ist jedenfalls nach _einer_ Richtung hin Pedant und

geht unausweichlich, vielleicht praktisch, doch unter jeder Bedingung steif

und trocken durchs Leben mit nicht einer Spur von Poesie. Ich gebe zu, daß

er ein ausgezeichneter Beamter und vortrefflicher Geschäftsmann sein kann,

aber ein guter _Gesellschafter_ ist er keinesfalls.

Ein _klein wenig_ geneigt -- nach rechts oder links bleibt sich gleich --

und welch' einem fabelhaften Unterschied begegnen wir hier. -- _Das_ sind

die besten und interessantesten Menschen, mit gerade genug leichtem Sinn,

um liebenswürdig zu sein und über das Nützliche einer Sache auch nicht das

Angenehme zu vergessen -- aber ja nicht zu viel -- den Hut zu viel auf

eine Seite bedeutet sehr großen Leichtsinn -- ein keckes Herausfordern

der Menschheit, um das sich gewöhnlich Niemand kümmert, Rauflust und

verschiedene andere schlimme Leidenschaften. Solche Menschen werden auf die

Länge der Zeit im Umgang unerträglich.

Der Hut weit hinten verräth Sorglosigkeit, aber auch Behaglichkeit, mit

einer kleineren oder größeren Mischung von Eigendünkel. Leichtsinnige

Schuldenmacher und Speculanten sind geneigt den Hut in solcher Weise zu

tragen, und je weiter er nach hinten gerückt wird, desto gefährdeter ist

ihre Position.

Dagegen deutet es Schwermuth und Niedergeschlagenheit, wenn der Hut, im

entgegengesetzten Fall, weit in die Stirn gezogen wird: düsteren Groll, ein

gepreßtes Herz oder gedrückte Lebensverhältnisse -- auch unsaubere Wünsche;

kurz der Hut zeigt den Menschen wie er wirklich _ist_, und Zacharias

Hasenmeier, der leichtsinnigste »wasserdichte Hutmachergesell,« der diese

Straße je passirt war, strafte mit seinem Hut keck auf dem linken Ohr diese

Theorie wahrlich nicht Lügen.

Zacharias machte sich auch wirklich _keine_ Sorgen, und erst nur einmal mit

seinem Entschluß im Reinen hielt er alles Andere, was ihn möglicher Weise

betreffen, oder ihm hindernd in den Weg treten könne, für Nebensache -- und

doch hatte er gerade da, wo er die Hauptschwierigkeit fand, keine erwartet.

Seine Begriffe von Reisespesen waren nämlich sehr unvollkommener Art, denn

wenn er sonst von einer Stadt zur anderen wanderte -- mochte sie auch noch

so weit entlegen sein -- so brachte er dorthin doch gewöhnlich noch immer

ein paar Groschen mehr mit, als er von Hause aus mit genommen, denn er

verstand die Kunst des Fechtens aus dem Grunde und wenig Familien, die er

ansprach, konnten sich rühmen ihn unbeschenkt entlassen zu haben. Darnach

berechnete er also auch die etwa zu zahlende Passage nach einem fremden

Welttheil, und fand sich hier in Hamburg sehr enttäuscht, als die Kapitäne

dort liegender segelfertiger Schiffe eine weit größere Quantität der

landesüblichen Münzsorte verlangten, um ihn als _Passagier_ aufzunehmen,

als er im Stande war aufzuzeigen -- selbst wenn er gewillt gewesen wäre,

sich zu diesem Zweck von seinem ganzen Capital zu trennen.

Wo er an Bord kam, schüttelten die alten Seeleute mit dem Kopf und meinten,

das reiche nicht, und unnützes Volk könne man nicht Monate lang umsonst

an Bord füttern. Von dem Seedienst verstand er aber gar Nichts, Hutmacher

wurden nicht unterwegs gebraucht, und so blieb das Resultat auf allen

Schiffen dasselbe, so daß Zacharias, am Abend des zweiten Tages, den er

auf solche Weise verwandt, mit in die Stirn gezogenem Hut -- so keck er ihn

auch noch an dem Morgen auf dem einen Ohr getragen, in sein Wirthshaus nahe

am Hafen zurückkehrte, und sich mürrisch und der ganzen See grollend hinter

ein Glas etwas dünnes Bier setzte.

Es war das eine der sogenannten Matrosenkneipen, in der fast nur Seeleute,

oder mit der Schiffahrt zusammenhängende Personen, wie Segelmacher,

Reepschläger etc. einkehrten, und es läßt sich denken, daß ein

Handwerksbursch mit Tornister und Knotenstock und einer richtigen

»Landschraube« auf dem Kopf nicht unbemerkt passiren konnte. Es war etwa

gerade so, als ob ein ausgespannter Stier hinaus in den Wald ging, und sich

einem Rudel Hirsche beigesellte, und die Matrosen steckten dann auch

bald die Köpfe zusammen, und flüsterten und lachten über den wunderlichen

Gesellen. Nachdem sie indeß ihren Spaß eine Weile gehabt, ohne daß er

weiter Notiz von ihnen genommen, wollten sie ihn auch aufziehen, aber

Zacharias war nicht auf den Kopf gefallen, und antwortete ihnen bald so

scharf und treffend, daß sie jetzt selber Vergnügen daran fanden, sich mit

ihm zu unterhalten -- doch freilich nicht bei einem Glas Dünnbier, dem sich

ihre ganze Lebensweise nicht zuneigte.

Grog wurde bestellt, und da Zacharias nicht den geringsten Grund sah,

seine Absichten, die ihn hierher geführt, zu verheimlichen, so erfuhr die

Gesellschaft bald, daß er aus dem inneren Land käme und auswandern wolle,

aber kein Schiff finden könne, weil es ihm gerade am Besten fehle.

Die Matrosen, meist immer gutmüthig gegen Fremde, sobald sie keine

Gelegenheit mehr finden sich über sie lustig zu machen, schlugen jetzt bald

das, bald jenes Schiff vor, das knapp an Mannschaft, vielleicht doch hätte

bewogen werden können, ihn mitzunehmen -- Zacharias schüttelte aber immer

mit dem Kopf, denn auf fast allen war er schon selber gewesen, und wenn

auch noch ein oder das andere da lag, auf dem er noch nicht nachgefragt, so

konnte er sich doch ziemlich genau denken, welche Antwort er dort bekommen

würde. -- Es war nicht der Mühe werth, es auch nur zu versuchen.

»Sag' einmal Landsmann,« frug der Wirth, ein breitschultriger,

blatternarbiger Gesell, mit einer blauen, goldgestickten, aber entsetzlich

schmutzigen Mütze auf den scharf gekräußten braunen Haaren und dabei mit

ein paar kleinen verschmitzten Augen -- »wo willst Du denn eigentlich hin?«

»Fort -- hinaus in die Welt,« erwiederte der wasserdichte Hutmacher --

»wohin, ist mir vollkommen gleich, zu den Menschenfressern oder Kannibalen

-- nur die Welt möcht ich sehen, und die verfluchten Eisenbahnen los

werden.«

»So?« sagte der Wirth, »na, hast Du es denn da schon auf einem

Wallfischfänger versucht?«

»Auf einem Wallfischfänger?« frug Zacharias erstaunt, »was ist das?«

»Nun ein Schiff, das hinaus in die Südsee fährt und Fische fängt, und dabei

an allen Inseln anlegt, die es erreichen kann.«

»=Damn it!=« rief da Einer der Matrosen, »da liegt gerade die »Seeschlange«

draußen im Fahrwasser, vor einem Anker und will morgen früh mit der Ebbe in

See gehen -- die braucht noch Leute, und nimmt was sie kriegen kann.«

»Aber ich kann gar nicht angeln,« sagte Zacharias.

»Angeln -- =hell=!« rief der Wirth, »zu angeln brauchst Du auch nicht,

und die nehmen Dich mit Kußhand, denn an Bord von einem Wallfischfänger

brauchen sie Leute zu allerhand und wenn's auch nur wäre, um einen

Schleifstein oder Schiemannsgarn zu drehen und Feuer unter den Kesseln zu

halten.«

Die anderen Matrosen stimmten dem Wirth bei. Wallfischfänger waren in der

That die einzigen Schiffe, die Jeden annahmen, der sich auf ihnen verdingen

wollte, und dabei am Weitesten in der Welt herumkamen. An alle Inseln,

die sie nur erreichen konnten, fuhren sie hinan und segelten jetzt an der

Japanischen Küste -- dann wieder im Eismeer, und vier, fünf Monate später

zwischen den Corallen-Inseln der Südsee herum. Das aber war gerade

was Zacharias wollte, denn hätte er sich an _einer_ bestimmten Stelle

niedergelassen, so wäre ihm doch zuletzt nichts Anderes übrig geblieben,

als wieder zu arbeiten, und zu diesem _letzten_ verzweifelten Mittel, sich

eine Existenz zu sichern, wurde er noch immer zeitig genug getrieben.

Einer oder der andere von den Leuten am Tisch hatte aber auch schon eine

Fahrt mit einem Wallfischfänger gemacht, und erzählte dann Wunderdinge,

was er da draußen gesehen: von den Meerweibchen und See-Greisen und den

Corallenhäusern, die sie in der See hätten, von fliegenden Fischen

und Palmen, die mit den langen Blättern in der Luft herum föchten, von

Schildkrötenjagd und dann dem lustigen Wallfischfahrerleben selber, wie sie

in Booten hinter den großen Fischen herruderten, ihnen die Harpune in

den Leib warfen und sie dann endlich todtstachen und einkochten, und den

ausgekochten Speck für ein enormes Geld verkauften.

Zacharias saß mit offenem Mund daneben, und so gut wie ihm der Grog

mundete, gerade so gefielen ihm auch die wunderbaren Schilderungen dieses

fabelhaften Lebens, das die Matrosen -- einer solchen Landratte gegenüber

-- denn auch noch tüchtig auszumalen wußten. Einer erzählte immer tollere

Geschichten als der andere, und als sie endlich fort wollten, ließ sie

Zacharias nicht und bestellte frischen Grog, nur um noch immer mehr zu

hören, und jetzt konnte er schon die Zeit nicht erwarten, daß es wieder Tag

würde, um sich auf einem solchen merkwürdigen Fahrzeug einzuschiffen, und

all das Wunderbare selbst mit zu erleben.

Ein alter Segelmacher, der den tollen Erzählungen gelauscht, schüttelte

zwar mit dem Kopf, denn es that ihm leid, daß sie den armen Teufel mit

seinen verworrenen Ideen nur noch verrückter machten, und er meinte einmal:

»Kamerad, nimm Dich in Acht. Wenn das wahr ist, was _ich_ von

Wallfischfängern gehört habe, so ist verdammt wenig Vergnügen und

heidenmäßige Arbeit dabei, und kriegst Du Einen von den Burschen zum

Kapitän, wie sie hie und da auf den Schiffen stecken, so wollte ich lieber

an Land irgendwo als Kettenhund in Condition treten, ehe ich mich an Bord

eines solchen Schiffes verdingte.«

»Ach Unsinn, Mate,« lachte aber ein Anderer, »wenn das bischen Arbeit nicht

wäre, machte Einen ja die Langeweile auf der langen Reise todt.«

»Na, wenn ihn weiter nichts todt macht, als die Langeweile,« nickte der

Segelmacher vor sich hin, »so kann er zufrieden sein -- mit Deckwaschen,

Garnspinnen, Theerstreichen, Kettenklopfen, Thran einschneiden und

auskochen und wie die angenehmen Beschäftigungen alle heißen, wird ihn die

nicht viel plagen. Aber meinetwegen Kinder,« sagte er, von seinem Stuhl

aufstehend und sein Glas zurückschiebend, »wer nicht hören will,

muß fühlen, und wenn er's denn nicht anders haben mag, wird ihm eine

dreijährige Lehrzeit auf einem solchen blutigen Kasten auch gerade Nichts

schaden -- viel Glück Mate und einen guten Fang --« und damit stieg er

langsam zur Thüre hinaus.

Zacharias war wirklich ein wenig stutzig geworden, aber das Lachen und

Erzählen der Anderen trieb bald jeden solchen Gedanken aus seinem Hirn.

_Das_ war eine Landratte, die überhaupt nicht mehr auf's Wasser hinaus

mochte, und von dem lustigen Leben draußen wenig wußte. Nur _ein_ Bedenken

kam ihm noch -- er konnte nicht schwimmen, und wenn er nun einmal aus

dem Schiff herausfiel! Er theilte es dem neben ihm Sitzenden, der sich

überhaupt am Meisten seiner angenommen hatte, mit, der aber lachte gerade

hinaus: »Schwimmen?« rief er, »glaubst Du, Kamerad, daß Einer von uns

Allen, die wir zur See gehen, schwimmen kann? fällt uns gar nicht ein. Daß

wir uns etwa lange quälen müßten, wenn die Geschichte einmal schief geht,

nicht wahr? -- denken gar nicht daran. Fällt Einer über Bord, dann geht der

Steuermann in seine Cajüte und schreibt's in's Logbuch, und damit ist's

zu Ende -- lustig gelebt und fröhlich gestorben, das hat dem Teufel die

Rechnung verdorben,« und jubelnd stießen die wilden Burschen wieder mit

ihren Gläsern an, und immer neuen Stoff mußte der Wirth herbeischaffen.

Endlich fingen sie an zu singen -- ganz schrecklich lange Balladen, die mit

ihren zahllosen Versen gar kein Ende nehmen wollten, und Zacharias

wurde schläfrig und wäre richtig eingenickt, wenn sich nicht eines der

Schenkmädchen, die bis dahin mit den Matrosen gelacht und getrunken, zu ihm

gesetzt und mit ihm geplaudert hätte. Die erzählte ihm jetzt aber auch, daß

der eine Wallfischfänger, der im Hafen läge -- und es war in der That nicht

der einzige -- nur auf Tageslicht und Ebbe warte, um die Elbe hinunter und

hinaus in See zu fahren, und wenn er die Zeit verpasse, könne er nicht mit

und müsse hier bleiben.

Das machte ihn geschwind wieder munter, denn die Gelegenheit durfte er

nicht ungenutzt vorüber lassen; sie bot sich vielleicht so bald nicht

wieder. Das Mädchen wollte ihm noch einmal zu trinken geben, aber er

fühlte, daß er genug hatte, denn da draußen dämmerte schon wieder der Tag

-- so lange geschwärmt zu haben erinnerte er sich gar nicht, verlangte

aber jetzt noch eine Tasse Kaffee, nahm sich dann ein reines Hemd aus dem

Tornister, um anständig vor dem Kapitän zu erscheinen, und ging, als es

vollständig hell geworden war, mit einem der Matrosen, der ihn begleitete,

zu dem bezeichneten Schiff.

Zweites Kapitel.

Zacharias Hasenmeier hält es nicht an Bord aus.

Hatte er aber früher Angst gehabt, daß es ihm hier wie auf den anderen

Fahrzeugen gehen und der Kapitän ihn abweisen würde, so fand er sich

angenehm getäuscht, denn der brauchte allerdings Leute, und wenn er

zuerst auch genau so ein Gesicht schnitt, wie die Uebrigen, als er den

Handwerksburschen mit seinem Tornister und Knotenstock sah, so schien er es

doch wenigstens für möglich zu halten, einen Matrosen aus ihm zu machen.

Er sagte, er wolle es jedenfalls versuchen. Zacharias wurde sein Platz

angewiesen, wo er schlafen konnte, und mit dem Bewußtsein, jetzt endlich

sein Ziel erreicht zu haben, und einem neuen Leben entgegen zu gehen, hing

er dort seinen Rock an einen Nagel, hakte den Tornister darüber und -- war

eingezogen.

Aber es schien auch die höchste Zeit für ihn gewesen zu sein, an Bord

zu kommen, denn in demselben Augenblick schon fast wurden die Segel

ausgespannt, und das Schiff fuhr den Strom hinunter und in die See hinaus.

-- Wie das aber tanzte und schwankte und der arme Hutmachergesell, der

schon so viel von der Seekrankheit gehört, sich aber noch nie eine richtige

Idee davon gemacht hatte, sollte jetzt erfahren, wie das thue.

Die ganze Welt schien sich mit ihm zu drehen; Alles wirbelte im Kreis herum

-- er wußte nicht mehr was oben oder unten war, ob er auf dem Kopf oder auf

den Füßen stand. -- Er warf sich auf Deck nieder und breitete die Arme und

Beine aus, um nicht noch tiefer zu fallen, kurz, er befand sich in einem

Zustand, der sich wohl bedauern, aber nie im Leben beschreiben läßt.

Wie lange er so gelegen, wußte er gar nicht, und nur das einzige Bewußtsein

war ihm dabei geblieben: der Wunsch zu sterben, um dieser Höllenpein,

diesem qualvollen und unerträglichen Zustand ein Ende zu machen. -- --

Aber auch das ging zuletzt vorüber, das Schiff lag ruhiger, oder er fühlte

vielleicht auch die Bewegung nicht mehr so stark, und als er eigentlich

erst wieder ordentlich zu sich kam, befanden sie sich schon so weit draußen

in See, daß er, wohin er auch blickte, kein Land mehr erkennen konnte. Er

hatte seine Reise angetreten und ein Rückschritt war nicht mehr möglich.

Aber ob er sich eine Seefahrt anders gedacht haben mochte; er fühlte

sich keineswegs behaglich und sehnte sich fortwährend danach, das ewig

schwankende Schiff nur erst einmal wieder unter den Füßen los zu werden,

und festen, sicheren Boden zu betreten. Reisen -- war _das_ Reisen, wo man

in einemfort, wie ein Sack, hin- und hergeworfen wurde, und den einen Fuß

nie vom Boden heben konnte, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, auf die

Nase zu fallen? Da marschirte sich's anders in seinen festen soliden

Pappelalleen und er bekam wieder das alte Heimweh nach seinem früheren

Leben.

Und wenn sie ihn jetzt noch wenigstens zufrieden gelassen hätten, daß er

sich ordentlich ausruhen und das häßliche schwindliche Gefühl überwinden

konnte -- aber Gott bewahre; kaum machte er die Augen wieder auf, so

kam auch schon der Steuermann und stellte ihn an die Arbeit, und keine

Entschuldigung half, daß er noch hundeelend sei.

Jetzt erfuhr er, daß der alte Segelmacher Recht gehabt, der ihm ganz genau

prophezeiht hatte, was ihn hier erwartete. Wo er schon außerdem schwindlich

war, mußte er noch eine große Schiemannsgarn-Winde oder gar einen schweren

Schleifstein drehen, daß ihm der Kopf immer mit dabei herum ging -- und

dazu sollte er fetten Speck essen und harten Schiffszwieback kauen -- so

ein Leben -- der Böse hätt's holen können, wenn es ihm recht gewesen wäre,

aber es war ihm nicht recht.

_Arbeiten_ -- nun ja, er hatte in seinem Leben schon oft gearbeitet, und

einen Hut zu walken und zu bügeln thaten ihm vielleicht Wenige gleich,

aber was half ihm das _hier_? Statt des Bügeleisens bekam er einen alten

schmutzigen Sandstein in die Hände und mußte damit das Verdeck abschleifen,

und wenn das Deck nur wenigstens ruhig gelegen hätte, aber Gott bewahre;

auf und nieder gings und im Kreis herum mit ihm und dann kam auch noch der

Steuermann und hieb ihm mit einem Ende Tau eins hinten über, wenn er nicht

rasch genug kratzte, daß er die dicken Striemen fühlen konnte.

O wie sehnsüchtig sah er jetzt über Bord, ob er nicht irgendwo Land

erkennen und aussteigen könne, denn _die_ Vergnügungstour hatte er schon

bis oben hin satt; aber nichts war zu entdecken als Himmel und Wasser und

immer weiter fuhren sie dabei in den großen Ocean hinein.

Wenn er dabei auch geglaubt hatte, er würde sich mit der Zeit an die

Seereise gewöhnen, so fand er doch bald, daß er sich da schmählich geirrt.

Je länger er fuhr, je schlechter wurde es ihm zu Muthe, der Kopf brannte

ihm, als ob Feuer drinnen wäre, sein Magen revoltirte gänzlich gegen den

ekelhaften Speck und er hielt sich um so mehr für schlecht und nichtswürdig

behandelt, als es ausdrücklich in seinem Paß stand, daß alle Civil-

und Militärbehörden unterwegs ersucht wurden, ihn frei und ungehindert

passiren, auch ihm nöthigenfalls Schutz angedeihen zu lassen -- und hier

sollte er sich behandeln lassen wie einen Hund?

Er ging jetzt direkt zum Kapitän und verlangte wieder an Land gesetzt zu

werden, aber der sagte weiter nichts als: »geh zum Teufel!« und drehte ihm

den Rücken, und die Matrosen verhöhnten ihn und lachten ihn aus.

Und jetzt begann der Sturm wieder zu toben; die Segel mußten eingenommen

werden, und das Schiff fing an zu tanzen, daß Zacharias manchmal meinte, es

müsse sich überschlagen, so hoch hob es sich vorn in die Höhe und fuhr dann

wieder in die Tiefe hinab, bis ihm ordentlich der Athem ausging und er Luft

schnappen mußte.

Er wollte sich jetzt in sein Bett legen, denn auf den Füßen konnte er sich

doch nicht mehr halten, aber was half es ihm? Kaum war er hineingekrochen

und machte die Augen zu, so schlenkerte das Schiff nach der andern Seite

hinüber, und warf ihn wie ein Bündel alte Kleider an die andere Wand, daß

ihn alle Rippen im Leibe schmerzten. Wieder kletterte er hinein, hatte sich

aber noch nicht einmal ordentlich fest gelegt, als er noch unsanfter als

vorher hinaus geschleudert wurde, und jetzt bekam er's satt.

»Nein,« schrie er, »so ein Hundeleben soll ja der Teufel holen -- ich thu'

nicht mehr mit,« und zugleich fuhr er in seine Kleider, zog sich fertig an

und nahm dann auch seinen Tornister vom Nagel, um ihn zu packen.

Die alten Matrosen, die ganz gemüthlich in ihrer Hängematte schaukelten,

lachten, und frugen ihn, ob er an Land wolle und auch tüchtig lange

Wasserstiefeln habe -- aber er antwortete ihnen gar nicht, schnallte seinen

Tornister, mit den noch unbenutzten hellglänzenden Stiefelsohlen oben,

fest, knöpfte sich seinen Rock bis oben hin zu, setzte seinen Hut auf und

zog ihn sich vorn tief in die Stirn, holte seinen Knotenstock vor und

hing ihn sich mit dem Lederriemen an's rechte Handgelenk, sagte »adjes

miteinander« und stieg an Deck.

Gegen Alles, was ihn nach Außen umgab, schien er völlig blind geworden,

nur an sich selber dachte er und die ihm hier gewordene nichtswürdige

Behandlung, und so schritt er denn auch fest und entschlossen auf den

Kapitän zu, der in seinen wasserdichten Kleidern auf dem Quarterdeck auf-

und abging, und die Augen auf das kleine Segel gerichtet hielt, das sie in

dem Wetter noch führen konnten.

»Herr Kapitän, ich wollte Ihnen man blos Adjes sagen,« bemerkte hier

Zacharias, indem er seinen Hut abnahm und eine Verbeugung machte.

»Junge,« rief der Kapitän, »wie siehst Du denn aus? Bist Du verrückt

geworden?«

»Bitte,« sagte Zacharias, »wollte nur fragen, ob Sie sonst noch etwas zu

bestellen hätten.«

»Aber wo willst Du denn hin? -- gehst Du etwa so schlafen?« lachte der

Seemann.

»Auf die Wanderschaft will ich,« erwiederte aber Zacharias Hasenmeier,

indem er seinen Hut jetzt wieder keck auf ein Ohr stülpte, »also Adjes

Kapitain, leben Sie recht wohl, denn _die_ Wirthschaft hier hätt' ich

satt,« und damit drehte er sich um, der See zu, wo gerade eine riesige Woge

heraufgestiegen kam, daß sie mit dem hohen Hinterdeck vollkommen gleich

lief. Dort trat er auch ganz ruhig, als ob er ein festes Stück Grund und

Boden unter sich gehabt, auf das Wasser hinaus, und sank natürlich in

demselben Augenblick, wo er die Welle nur berührte, mit ihr in die Tiefe.

Er wollte jetzt schreien, aber das ging nicht mehr -- oben hörte er nur

noch den wildverstörten Ruf: Mann über Bord, und wußte jetzt, daß der

Steuermann nun in seine Coje gehen und in sein Tagebuch schreiben werde:

Mittwoch den 13. August Nachmittags halb vier -- soviel Grad Länge, soviel

Grad Breite, Mann über Bord gegangen -- Zacharias Hasenmeier -- das war

seine Grabschrift und damit fuhr er ab -- tiefer und immer tiefer.

Drittes Capitel.

Wie Hasenmeier den ersten Seegreis trifft.

Eigentlich war er selber sehr überrascht worden, als er hinaus aus dem

Schiff trat, dort erst merkte, daß er auf gar nichts mehr stand und zu

gleicher Zeit fühlte, wie ihm das Wasser nicht allein in die Stiefeln,

nein auch schon in die Halsbinde lief, und gleich darauf über seinem Kopf

zusammenschlug.

»Du meine Güte,« dachte er, »das ist doch hier eine verzweifelte

Einrichtung mit den Chausseen, und wenn ich nach Hause komme« -- weiter

dachte er aber nichts, denn so rasch schoß er in die Tiefe, daß ihm

Luft und Gedanken ausgingen, während er umsonst versuchte, sich irgendwo

festzuhalten. Nicht einmal der bekannte Strohhalm war bei der Hand,

nach welchem sonst ein Ertrinkender gewöhnlich greifen soll, und er kam

eigentlich erst wieder zur Besinnung, als er sich gar nicht mehr besinnen

konnte, wo er sei und was mit ihm vorging.

Da er aber keinen festliegenden Gegenstand mehr um sich her erkennen

konnte, fühlte er auch nicht mehr, daß er sank, und die ganze Welt kam ihm

nur in dem Augenblick wie eine riesige, grüne Glasflasche vor, in welcher

er eingestöpselt herumschwamm. -- Er wollte dabei Athem holen, aber das

ging nicht, denn sobald er den Mund aufmachte, lief ihm das Salzwasser

hinein, und trotzdem befand er sich wohl dabei, und es beschlich ihn eine

Empfindung, als ob er kaum so viel wiegen könne, wie ein Schneidergeselle

gleichen Alters.

Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 11 / 16 段