ihnen Gelegenheit zur Flucht geben, sonst wehren sie sich um ihr Leben --
Alle Teufel, was ist das da oben?« Er deutete zugleich mit dem Arm hinauf,
und seine Leute erkannten dort auf einer eben in Sicht kommenden Felsspitze
eine allerdings wunderliche Gestalt, die sich von den Uebrigen wesentlich
unterschied.
Alle anderen Indianer waren vollkommen nackt und trugen nicht einmal, wie
doch die meisten wilden Stämme, einen Schurz um die Lenden. Der da oben
aber -- oder war es ein Frauenzimmer? hatte einen weißen, wehenden Talar
an, der in der Sonne schimmerte und bis über die Kniee hinabreichte; nur
die Arme schauten nackt daraus hervor. Dort wo er stand, als man ihn
zuerst entdeckte, war er auch durch den höheren und mit Büschen bewachsenen
Hügelrücken gegen den jetzt wieder frischer wehenden Wind geschützt
gewesen. Nun aber, als er sich bemerkt sah, sprang er die wenigen Schritte
hinauf und stand im nächsten Augenblick in der Brise, und das Zeug, was er
anhatte, knitterte und knatterte dabei.
»Gott straf' mich, das ist Papier!« rief der Steuermann aus, und in
demselben Augenblick riß sich ein Stück der Kleidung los und flatterte, ehe
es der danach greifende Wilde erhaschen konnte, aus in See, nach dem Boot
hinüber, von dem es nicht weit entfernt auf das Wasser niederfiel.
Es war in der That ein Bogen weißes Schreibpapier, und jetzt kein Zweifel
mehr, daß die Eingeborenen dort oben die Postoffice gefunden und geplündert
hatten; welche Verwendung sie für das Papier fanden, zeigte sich dabei. Die
Umfahrt um die Insel hatte den Seeleuten die Versicherung gegeben, daß sie
es hier mit einer großen Anzahl gutbewaffneter Schwarzen zu thun bekämen,
und wären sie nur wenigstens mit Wasser versorgt gewesen, so würde der
Kapitän kaum daran gedacht haben, einen so ungleichen Kampf zu wagen.
Mußten sie doch sogar jedes Handgemenge auf festem Land vermeiden, blieben
immer noch der Gefahr ausgesetzt, daß die Wilden, erst einmal gereizt
und zur Rache angetrieben, vielleicht sogar mit ihren Canoe's einen
verzweifelten Angriff auf ihr Boot machten.
Aber was blieb ihnen Anderes übrig? Zurück gegen Wind und Strömung nach
Mount Adolphus _konnten_ sie nicht wieder, noch dazu, da sie im Inneren
jener Insel vielleicht gerade so gut auf Eingeborene trafen und dann erst
recht, bei Theilung der Mannschaft, ihr Boot und sich selber in Gefahr
brachten; Wasser aber _mußten_ sie haben, und das war hier noch zu
bekommen, dort draußen im Westen lag dagegen eine weite See vor ihnen, die
sie ohne dies nöthige Lebensbedürfniß nicht durchschiffen konnten, also
blieb ihnen schon nichts weiter übrig, als sich ihren Weg zu erzwingen, im
schlimmsten Fall mit Waffengewalt, und wenn die Schwarzen dabei zu Schaden
kamen, hatten sie es sich selber zuzuschreiben.
Das Boot umruderte indessen das Südwestende der Insel und näherte sich der
Südost-Ecke, wo, wie der Kapitän von anderen Collegen erfahren, die Höhle
liegen sollte. Dort standen auch immer noch Eingeborene und winkten wieder,
als das Boot in Sicht kam, mit den abgebrochenen Büschen.
»Wenn wir's nun einmal versuchten, Kapitän,« sagte da der Steuermann, »ob
sie uns im Guten in die Höhle ließen? Der Eingang muß dicht am Wasser sein,
und wir könnten ihn mit unseren Musketen recht gut frei halten.«
»Ich will Ihnen etwas sagen, Mr. Brown,« meinte aber der Kapitän; »die
Möglichkeit ist allerdings da, daß wir _hinein_ kommen, aber schwerlich
wieder heraus, denn die Kanaillen spielen da drin Versteckens.
Auf Freundschaft ist mit ihnen nicht zu rechnen, und ich will die
Verantwortlichkeit nicht auf mich laden, auch nur zwei von Euch an ein
Experiment gewagt zu haben. Halten Sie Ihre Gewehre bereit; wissen die
Leute, welche sie halten, auch ordentlich mit denselben umzugehen?«
»Die Meisten, Sir -- mit einer Pistole verstehen sie es besser.«
»Die Pistolen helfen uns nichts,« sagte der Kapitän trocken, »und sind in
dem engen Boot hier gefährlicher für uns selbst, als für die Schwarzen --
ha, dort ist die Höhle -- sehen Sie den dunklen Strich im Felsen?« -- Er
hatte sein Telescop wieder aufgenommen und sah hindurch.
»Ist das der Platz, Sir?«
»Ja -- ich kann dort im Inneren schon aufgeschichtete Fässer erkennen. Sie
wissen doch zu schießen?«
»Ay, ay Sir!«
»Gut, dann seien Sie so gut und halten Sie einmal, wenn wir noch ein klein
Stück voraus sind und den Eingang breit haben, mitten in die Höhle hinein
-- aber hoch -- verwunden Sie noch keinen; möglich doch, daß wir sie mit
einem einzelnen Schuß in die Flucht treiben.«
Der Steuermann nahm sein Gewehr an den Backen und zielte mitten in die
Höhle hinein -- jetzt waren sie gerad vor dem Eingang, etwa noch hundert
Schritte vom Land entfernt.
»Feuer!« rief der Kapitän, und in dem Moment krachte auch der Schuß, dessen
Echo sich wohl in der gewölbten Höhlung noch tüchtig brechen mochte, denn
mit Blitzesschnelle sprangen plötzlich zehn oder zwölf schwarze Gestalten,
ihre Lanzen und Midlas[1] in den Händen, aus dem dunklen Grund der Höhle
hervor und kletterten wie Katzen an den Felsen hinauf nach oben. An
Widerstand schienen sie in der That nicht zu denken.
[1]: Die Midla ist ein kurzer, etwa dritthalb Fuß langer Hebel, der mit
einem kleinen Widerhaken versehen hinten in die Wurflanze eingreift
und sie beim Schleudern mit vermehrter Kraft vorwärts treibt. Mit Hülfe
dieser Midla ist der australischen Wilde im Stande, seinen einfach
hölzernen Speer auf sechzig bis achtzig Schritte -- ja vielleicht
noch etwas weiter -- mit großer Sicherheit zu werfen, so daß er selbst
kleineres Wild, wie die Känguru-Ratte, damit trifft und tödtet.
»Aha,« lachte der Steuermann, der von der alten Muskete einen Stoß bekam,
daß er beinah hinten übergestürzt wäre -- »das hat richtig geholfen; die
haben wir hinausgeräuchert, und meinen Hals wollt' ich darauf verwetten,
daß keine von den Canaillen mehr da drinnen steckt. Was nun, Kapitän? Ich
denke, die Luft ist rein, und ich dächte, das Beste wäre, wir benutzten den
ersten Schreck und räumten was wir brauchen aus, indeß Sie uns hier mit ein
paar von den Leuten die Luft rein halten.«
»Ich denke auch, Mr. Brown,« sagte der Kapitän, der seinem Steuermann
indessen das Gewehr abgenommen hatte und rasch wieder mit einer Patrone lud
-- »Nehmen Sie sich drei Mann mit -- wieder zu euern Rudern, meine Jungens,
und nun scharf an Land -- und sehen Sie besonders zu, daß Sie ein Faß mit
Wasser finden -- Zwieback soll genug dort liegen, packen Sie auf was Sie
fortbringen können, der Junge soll Sie mit dem Provisionskorb begleiten --
aber um Ihr Leben, halten Sie sich nicht länger auf als nöthig ist. Daß Sie
indessen Keiner da drinnen stört, dafür wollen wir schon mit den Gewehren
sorgen.«
»Also ganz ohne Waffen --«
»Jeder von euch nimmt eine Lanze mit -- drinnen könnt Ihr vielleicht das
Faß gleich auf die Schäfte legen und damit herauslaufen -- aber daß ihr
kein _faules_ Wasser bringt, denn einzelne sollen schon viele Jahre dorten
liegen.«
»Aber wer zum Henker kann sie erst lange untersuchen,« meinte der
Steuermann verlegen, »denn flink muß die Geschichte gehen, sonst ist's
gefehlt, und wenn sie die schwarzen Halunken zerschlagen haben, sind wir
ganz verloren, denn was wissen die Bestien davon, wie man mit einem Faß
umgehen muß.«
»Lange können sie noch nicht da sein,« entgegnete der Kapitän, der die
Natur dieser wilden Stämme besser kannte als sein weit jüngerer Steuermann,
»sonst hätten sie die Canoe's schon beladen und wären fortgerudert. Daß
sie sich hier vor unseren Schiffen nicht sicher fühlen, ist gewiß, und das
beweist auch, wie treffliche Wacht sie gehalten haben müssen, denn unser
kleines Boot war ja kaum in Sicht, als sie es augenscheinlich schon bemerkt
hatten. Aber da sind wir -- jetzt an's Werk, das Reden hilft nichts -- ehe
sie nur wissen, was wir eigentlich wollen, müssen wir's haben. Vorwärts,
Steuermann -- Ihr, Bill, Ned und John, eure Lanzen -- das ist recht, mein
Junge, den Korb packst du voll Zwieback -- liegt ein Faß bei der Hand, so
rollt's nur gleich hier herunter: wenn's auch an den Steinen zerbricht,
werfen wir in's Boot, was wir brauchen. Vorwärts!«
Die Seeleute bedurften keiner weiteren Mahnung, denn jeder Einzelne von
ihnen begriff recht gut, was von ihm verlangt wurde, während an der raschen
Ausführung desselben sein eigenes Leben hing. Von den Wilden schienen sie
in der That nichts weiter zu fürchten zu haben, und es war fast, als ob
der eine, blind gefeuerte Schuß vollkommen genügt habe, sie zu Paaren zu
treiben. Nur einzelne schwarze Köpfe schauten noch vorsichtig einen Moment
über die Felsen nieder und verschwanden eben so rasch wie sie gekommen.
Hatten sie sich in ihre Canoe's geflüchtet und die Insel bei Annäherung der
gefürchteten Weißen verlassen? -- Alle freilich noch nicht, denn Einzelne
kamen immer dann und wann wieder zum Vorschein. Aber es blieb jetzt keine
Zeit, nach ihnen auszusehen, denn wie nur der scharfe, eisenbeschlagene Bug
des Bootes den Korallensand berührte, sprangen die bezeichneten Seeleute,
lauter kräftige Burschen und jeder seine Lanze fest in der Hand gepackt,
hinaus an Land und waren auch mit wenigen Sätzen in der Höhle verschwunden.
Die Zurückgebliebenen aber, jeder seine Muskete im Anschlag, behielten mit
ängstlicher Spannung die benachbarten Felsen im Auge, ob nicht von dort aus
ein versteckter Feind seine Speere auf sie hinabschleudern könnte, und kein
Wort wurde mehr gesprochen.
»Da kommen sie!« schrie plötzlich des Kochs ängstliche Stimme; und als der
Kapitän, der bis dahin eine oben in den Büschen lauernde Gestalt im Auge
behalten, rasch den Kopf ihm zuwandte, sah er nach rechts hinüber vier oder
fünf Canoe's um die Inselspitze kommen, und fast zu gleicher Zeit drückte
der feige Bursche auch sein Gewehr blind in die Luft hinein ab.
»Holzkopf!« schrie der Kapitän und riß ihm die Muskete aus der Hand, »wenn
ich wüßte, daß sie _Dich_ brieten, wollte ich ihnen selber ein Feuer dazu
anzünden.«
»Oh bester Kapitän,« jammerte der Mann, »es ging mir ja von selber los!«
»Ruhe da und aufgepaßt!« rief aber der alte Seemann, indem er das Gewehr
rasch wieder lud. Er sah dabei, wie die Rudernden einen Moment innegehalten
hatten, als ob sie selber erst sehen wollten, ob der Schuß einen von ihnen
getroffen. Jetzt stießen sie plötzlich ein wildes Jubelgeschrei aus, und
fast zu gleicher Zeit rief auch der Zimmermann:
»Habt Acht, bester Kapitän -- von drüben herüber kommen sie auch. Jetzt
haben sie uns fest.«
In demselben Augenblick schien es aber, als ob die Felsen selber belebt
würden. Unmittelbar über der Höhle konnte allerdings Keiner niederklettern,
denn die Steine ragten dort schroff und steil empor; aber rechts und links
davon sprangen sie herab, und sechs, acht Speere wurden zu gleicher Zeit in
das Boot hinabgeschleudert, von denen einer dem Kapitän den Hut vom Kopfe
riß, während ein anderer dem Koch durch den Arm fuhr und diesen laut
aufheulen machte.
Kapitän Powel warf den Blick umher, und dem Koch erst einmal mit dem Kolben
seines Gewehrs einen Stoß in den Nacken gebend, der ihn vornüber sandte,
rief er dem Zimmermann zu:
»Jetzt dürfen wir nicht mehr schonen -- haltet in den dicksten Klumpen
hinein, sobald sie näher kommen. In den schwanken Canoe's können sie
mit ihren Lanzen doch nicht ordentlich treffen -- Du, Peter, nimmst die
Anderen, ziel' ruhig, Mann -- wenn Du fehlst, sind wir verloren.«
Zu gleicher Zeit hatte er sein eigenes, mit groben Posten geladenes
Doppelgewehr angelegt und einen riesigen Schwarzen, der an der Höhle
niederglitt, auf's Korn nehmend, feuerte er ihm den Schuß gerade in den
Leib, daß er wie ein Sack herunterstürzte. Aber er sah nicht einmal nach
ihm hin, denn die Feinde links nahmen seine Aufmerksamkeit ebensogut in
Anspruch, während jetzt von den beiden Seeleuten ein eben so wirksamer,
aber noch viel mehr Schaden anrichtender Schuß in die Canoe's hinein
gefeuert wurde. Die Rehposten gingen in der größeren Entfernung mehr
auseinander, und der Zimmermann besonders schien so gut gezielt zu haben,
daß sich die fünf Canoe's nicht gleich weiter wagten oder auch vielleicht
von den Verwundeten behindert wurden.
Zwei von den anderen dagegen kamen, so rasch sie die Fahrzeuge vorwärts
treiben konnten, an, und alle trugen aus dem eisenharten Holz der äußeren
Palmenrinde gefertigte Ruder. Diese aber, schwer und an den Kanten
scharf geschnitten, können ebensogut als Keule dienen und sind dann eine
furchtbare Waffe in der Hand eines starken Mannes.
»Noch einen Schuß, Zimmermann,« rief der Kapitän, während er in aller Hast
sein eigenes Doppelgewehr wieder lud, »nehmt die geladene Muskete da neben
Euch, aber zielt gut -- der erste war vortrefflich.«
Wieder der Knall über das Wasser und dießmal hatte der Matrose nur das
erste Boot voll auf's Korn genommen, in dem er aber eine arge Verwüstung
anrichtete. Zwei der nach links überschlagenden Schwarzen drückten es sogar
auf der Seite unter Wasser und es füllte. Wohl kamen die anderen Canoe's
jetzt auch in vollem Lauf wieder näher, aber sie hatten ihre richtige Zeit
versäumt. Kapitän Powel feuerte zuerst eine Ladung Rehposten zwischen einen
Trupp hinein, der sich wieder an den Felsen zeigte, und schickte dann die
andere Ladung mitten in die Canoe's, die jetzt dicht neben dem Boot an's
Ufer liefen und wahrscheinlich einen Angriff zu Land versuchen wollten,
da sie in den schwanken Fahrzeugen _ihre_ Waffen nicht gebrauchen konnten.
Kaum aber schoß der hohe Bug des ersten auf den Sand hinauf, als der
Steuermann mit seinen drei Matrosen, die auf den Augenblick nur schienen
gewartet zu haben, aus der Höhle sprangen und jetzt ihrerseits mit den
Lanzen auf die Feinde einstürmten. Der Angriff kam aber zu plötzlich und
aus zu unmittelbarer Nähe, und ohne sich nur zu besinnen sprang die ganze
Mannschaft der Canoe's über Bord und tauchte unter. Wie durch Zauberei
waren sie verschwunden.
In dem Moment schien es fast, als ob sämmtliche Schwarze von der Insel
verschwunden wären; aber der Kapitän traute ihnen nicht und benutzte die
ihm vergönnte kurze Zeit, um rasch die abgeschossenen Gewehre wieder zu
laden, während die Seeleute indessen in aller Hast das schon bis an den
Eingang gewälzte Faß Wasser jetzt aufhoben und heraustrugen. Allem Anschein
nach war es das letzt hierhergeschaffte, denn es trug den Brand der
=Yorkshire lady=. Auch der Junge war nicht müssig gewesen und mit einem
gehäuften Korb von Zwieback angekommen, den er ohne Weiteres in's Boot
schüttete und dann zurück in die Höhle sprang, um noch eine zweite Ladung
zu holen. Den Zwieback mußten die Wilden nämlich zuerst entdeckt haben,
denn das eine große Faß war auseinandergebrochen und der Inhalt über den
ganzen Boden der Höhle zerstreut.
Ihr Boot wurde übrigens durch den neuen Proviant, besonders durch das
Faß Wasser bedenklich tief geladen. In der Straße selber wäre das bei dem
spiegelglatten Wasser gegangen, jetzt aber, wo sie in den indischen
Ocean einlaufen wollten, mußten sie wenigstens darauf vorbereitet sein,
unruhigere See zu bekommen -- aber der Steuermann wußte Rath.
»Schafft das Canoe herbei, Jungens!« rief er, einen Blick umherwerfend,
»das nehmen wir in's Schlepptau, bis wir draußen in See erst Alles richtig
weggestaut und geordnet haben, und ein paar von Euch können damit nebenher
fahren. Das Ding ist breit genug, Euch zu tragen -- dort liegen auch
Ruder.«
Es war im Nu geschehen; die Leute sprangen zu, schoben das Canoe in
tieferes Wasser zurück und brachten es langseit. Die ganze Sache dauerte
keine fünf Minuten. Trotzdem waren sie von den Wilden dabei beobachtet
worden, denn wieder flogen vier oder fünf Speere nach ihnen herunter, aber
zu kurz, denn die Schwarzen trauten sich nicht mehr in den Bereich der
Schußwaffe.
»Fertig Alles?« rief der Kapitän.
»Alles klar, Sir,« lautete die Antwort.
»An Bord denn und fort -- die Sonne ist gleich unter und nach Dunkelwerden
möchte ich nicht mehr in der Nähe der schwarzen Halunken sein. Sie holten
dann jedenfalls ein, was sie jetzt unterlassen haben -- aus mit dem Boot!«
Der Befehl wurde fast so rasch ausgeführt, wie er gegeben worden, denn sie
waren mit steigender Fluth gelandet und das Wasser mochte in der Zeit fünf
bis sechs Zoll gewachsen sein. Die Leute sprangen alle in die Fluth, um
es zurückzuschieben. Zwei von ihnen nahmen dann das Canoe und den eben mit
einem anderen Korb Zwieback zurückkommenden Jungen ein, und wenige Minuten
später stießen sie von der Küste ab -- aber der Kapitän hielt noch nicht in
See hinaus.
»Eine Lektion müssen wir den Burschen noch geben,« sagte er finster, »daß
sie später das Eigenthum der Weißen mehr respektiren lernen oder wenigstens
in einer heilsamen Furcht gehalten werden -- Zimmermann, nehmt einmal Euer
Beil und bearbeitet das Canoe dort drüben ein wenig.«
Der Zimmermann that dies mit Vergnügen und das Fahrzeug war im Nu
unbrauchbar gemacht; dann nahmen sie ihren Cours um die Insel herum, um die
übrigen ebenfalls abzuschneiden und die Schwarzen dadurch auf der Insel zu
halten, bis ein größeres Schiff dort landete, das eher die Macht hatte, sie
zu züchtigen. Die Eingeborenen schienen es aber vorgezogen zu haben, etwas
Derartiges nicht abzuwarten, denn wie sie an den anderen Rand der Insel
kamen, sahen sie die kleine Flotte von neun Canoe's schon unterwegs, und
zwar in voller Flucht gen Süden, dem nächsten Festland zu haltend. Daß
sie von dem schwergeladenen Boot der Weißen nicht verfolgt werden konnten,
wußten sie gut genug, aber sie schienen auch gar nicht die Absicht zu
haben, weit zu fliehen, denn draußen ein Stück in See lagen sie jetzt
plötzlich auf ihren Rudern, um dort erst einmal abzuwarten, was die Feinde
beginnen würden.
Der Kapitän war überzeugt, daß sie, sobald das Boot nur außer Sicht wäre,
augenblicklich nach der Insel zurückkehren würden, nicht allein um ihre
Todten abzuholen, sondern auch die begonnene Plünderung zu beenden. Das
Alles ließ sich aber nicht mehr ändern. Der für den Seemann so wichtige
Platz war einmal verrathen; die Schwarzen hatten das Geheimniß der Höhle
entdeckt, und es durfte wohl schwerlich mehr an eine weitere Niederlage
dort von Wasser und Provisionen für verunglückte Seeleute gedacht werden.
Jenes diebische Gesindel revidirte jetzt gewiß regelmäßig die Höhle, um
Alles mitzuführen, was sie fanden.
Das Boot -- nachdem sich die Leute an dem erbeuteten Wasser gelabt -- hielt
eine nordwestliche Richtung bei, um irgend eine der Inseln des ostindischen
Archipels anzulaufen, schon am zweiten Tag aber sichteten sie eine
portugiesische Brigg, die, von Europa kommend, nach der portugiesischen
Besitzung in Timor bestimmt war. Von dieser wurden sie an Bord genommen und
gingen später mit einem holländischen Schiff nach Singapore, von wo aus sie
leicht in ihre Heimath zurückkehren konnten.
Der Kapitän machte allerdings in Singapore die Anzeige des zerstörten
Depots auf Booby-island, und ein nach Australien bestimmtes Kriegsschiff
bekam auch Auftrag, dort anzulaufen; als es aber mit dem nächsten
Monsuhn Booby-island berührte, fand es in der Höhle nur noch einen Haufen
verdorbenes Fleisch, den die Schwarzen verschmäht hatten -- alles Uebrige
war ausgeräumt und selbst die »Postoffice« wahrscheinlich nach dem Festland
geschafft worden.
Zacharias Hasenmeier's Abenteuer.
Erstes Kapitel.
Die Matrosenkneipe.
Da lebte einmal vor langen Jahren ein Handwerksbursch, und den freute die
Welt nicht mehr, denn anders wurde es wohl mit der Zeit, wohin er auch kam,
aber nie und nimmer besser.
Früher ja, da ließ sich's aushalten, da marschirte so ein armer
Handwerksbursch nach Herzenslust im lieben deutschen Vaterland herum,
Chaussee auf und ab, ging in den Dörfern fechten, schlief Nachts auf der
Streu oder in einem Heuschober, setzte sich, wenn er unterwegs müde wurde,
auf einer vorbeirollenden Extrapost hinten auf und dachte gar nicht daran,
die Beine je lang unter einen Arbeitstisch zu strecken. Das ließ schon die
Wanderlust nicht zu, und geschah es je einmal ausnahmsweise, so erfaßte
ihn rasch die unbezwingbare Sehnsucht nach einer Pappelallee, der er nicht
widerstehen konnte und wollte.
Da erfanden böse und hinterlistige Menschen, aus reiner Bosheit gegen die
armen Handwerksburschen, die _Eisenbahn_, und mit dem lustigen Marsch auf
der Landstraße war's vorbei. Extraposten und Lohnkutschen -- wo bekam
man sie noch zu sehen? der Dampf hatte die Zügel ergriffen und bei einem
davonbrausenden Bahnzug -- mit _den_ groben Condukteuren -- war kein
Gedanke mehr hinten aufzusitzen.
Das macht zuletzt den besten Menschen verdrießlich und so war denn auch
Zacharias Hasenmeier, ein »wasserdichter Hutmachergesell,« endlich zu dem
verzweifelten Entschluß gekommen -- nicht etwa seinem Leben ein Ende zu
machen, nein -- dazu besaß er zu viel Religion und zu wenig Courage --
aber auszuwandern und sich irgend einen Platz auf der Welt zu suchen, wo es
erstlich einmal keine Eisenbahnen gab, und wo ein reisender Handwerksbursch
auch noch leben konnte, »wie sich's gehört und gebührt,« d. h. wo er ein
Terrain zum fechten und hinten aufsitzen fand.
Mit dem Entschluß erst einmal im Reinen, hielt er sich denn auch nicht
lange bei der Vorrede auf, packte seinen Tornister, mit ein paar neuen
Stiefeln oben d'rauf, daß die blinkenden weißen Sohlen rechts und links
unter der Klappe vorschauten, ließ sich eine neue Zwinge an seinen dicken
Knotenstock machen, und ging danach auf die Polizei, um sein Wanderbuch
visirt zu bekommen. Ordnung muß nämlich sein, und ob er nun zu den Chinesen
oder Menschenfressern kam, sein Wanderbuch wollte er in Ordnung haben, denn
den Chinesischen Gensdarmen traute er gerade so wenig wie den Deutschen.
Die Behörde besorgte ihm das auch. Gegen seine Auswanderung hatte sie,
merkwürdiger Weise Nichts einzuwenden, und visirte ihm sein Wanderbuch, auf
seine Anweisung, daß er nach Amerika, Australien und sonst wohin wollte,
gewissenhaft und wörtlich:
»Nach Australien und weiter!«
wonach er dann lustig und wohlgemuth in die Welt hinaus wanderte.
Er hatte, als er die Stadt verließ, in der er zuletzt gearbeitet, den Hut
keck auf die eine Seite gerückt, was andeuten sollte, daß er sich aus ganz
Europa Nichts mehr mache, und mit dem buntgestickten Tabaksbeutel vorn im
Knopfloch baumelnd (einen Orden besaß er nicht, den er hätte hinein thun
können, und etwas _muß_ der Mensch doch im Knopfloch haben) mit außerdem
zehn Thaler siebenzehn und einen halben Silbergroschen in der Tasche,
meinte er, daß er nun die Welt durchwandern könne. -- Was weiß so ein
wasserdichter Hutmacher überhaupt von der Welt!
Natürlich ging er gerade in einem Strich auf Hamburg zu, weil er gehört
hatte, daß von dort ab fast täglich Schiffe nach aller Herren Ländern
ausliefen, und man von diesem Hafen aus mit derselben Bequemlichkeit zu
den Botokuden wie zu den afrikanischen Baumaffen kommen könne. Wohin? blieb
sich aber vollständig gleich -- Hüte brauchten Alle oder konnten ihnen doch
wenigstens angepaßt werden, und er war von sich selber überzeugt, daß er
sein Fortkommen in irgend einem Land der Welt finden würde -- er müsse nur
erst einmal dort sein.
»Der liebe Gott verläßt keinen Deutschen,« sagte er sich und mit dem
schönen Liedchen: »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus -- Städtle
hinaus,« ließ er sich wahrlich kein Gras unter die Sohlen wachsen, und
wanderte, jede Eisenbahn von Grund seines gekränkten »wasserdichten
Hutmacherherzens« aus verachtend, zu Fuß bis in die ferngelegene
Hafenstadt, um sich dort nach einer womöglich wüsten Insel einzuschiffen.