die Woge, die den Schooner zertrümmern wollte, ihn selber über eines der
niedern Riffe hinübergehoben und dadurch, für den Augenblick wenigstens, in
Sicherheit gebracht hatte; möglich auch daß der Kiel zufällig eine Lücke in
den Korallen getroffen und hindurchgeschoben war. Jedenfalls saßen sie fest
in die Riffe eingekeilt, und an ein Wiederhinauskommen in tiefes Wasser mit
dem verkrüppelten Fahrzeug durfte nicht gedacht werden.
Jetzt sammelte sich die Mannschaft auf dem etwas höher liegenden
Quarterdeck, denn wie sich nachher zeigte, war der Bug zertrümmert und
das Wasser schon in den innern Raum eingestürzt -- zwei Mann fehlten; die
Brandungswelle mußte sie über Bord gewaschen haben, und dann war freilich
an Rettung nicht zu denken; der Kapitän hatte sich, von der Fluth
emporgehoben, noch in der einen »Want« gefangen und dort angeklammert; die
Meisten schienen nur wie durch ein Wunder dem sicheren Verderben entgangen.
Vorderhand ließ sich indessen gar Nichts thun, es war stockfinster, der
Sturm heulte, und das einzige Licht, was einen matten Dämmerschein über
Deck warf, kam von dem leuchtenden Kamm der Brandungswelle herüber. Den Tag
mußten sie jedenfalls abwarten, und nur darüber suchten sie sich vorderhand
zu vergewissern, ob sie noch der Gefahr des Sinkens ausgesetzt seien.
Dem schien aber nicht so; das Hintertheil des Schooners saß fest auf den
Klippen, ja sogar in einer Korallenspalte drin, denn kaum zwei Fuß
unter dem Wasserspiegel fühlten sie mit dem ausgeworfenen Loth an der
Starbordseite Grund, während der Top des großen umgestürzten Mastes auf
einer hohen Sandklippe lag, so daß man dieselbe auf diesem hin recht gut
hätte erreichen können.
Erschöpft und aufgerieben warfen sich die Leute jetzt an Deck, um den nicht
mehr so fernen Tag zu erwarten; der Wind heulte noch, der Donner rollte
und ein prasselnder Regen schlug nieder. Was that's -- eines der Segel
schnitten sie von dem Mast herunter, um sich dadurch nur etwas gegen den
Regen zu schützen, und sanken dann bald in einen unruhigen, kurzen Schlaf.
Und der Morgen kam endlich, schien aber keineswegs eine Erleichterung zu
bringen, sondern ließ sie nun erst das Trostlose ihrer Lage vollständig
übersehen.
Der große Mast hatte in seinem Sturz die auf Deck befestigte Barkasse
vollständig zerschmettert, so daß an eine Reparatur derselben nicht gedacht
werden konnte; das ganze Hintertheil derselben war abgedrückt, und es blieb
ihnen nur zur Rettung die kleine Kapitäns-Jölle, die hinten am Heck hing
und sich noch glücklicherweise in brauchbarem Zustande befand -- aber wie
diese in offenes Wasser bringen? -- Nach See zu war es ganz unmöglich, denn
keine Lücke selbst ließ sich in der wälzenden Brandungswoge erkennen, die
jetzt für einen Moment von den zackigen Klippen zurückwich, um im
nächsten mit neugeschaffener Gewalt wieder darüber hinzustürzen. Nach dem
Binnenwasser der Riffe zu lagen hingegen ganze Reihen starrer Felsen,
hie und da von grünem, und oft von blauem, also sehr tiefem Wasser
unterbrochen; welche Gefahren es aber barg, ließ sich noch nicht einmal
erkennen, da es vom heftigen Winde gekräußt gehalten wurde. -- Und
sollten sie hier an Bord bleiben? Es wäre nutzlos gewesen, denn selbst ein
vorbeisegelndes Schiff hätte ihnen durch diese Brandung hin keine Hülfe
bringen können; sie mußten sich selber helfen.
Vor allen Dingen war es nöthig, den inneren Raum zu untersuchen, ob sie
noch möglicherweise Provisionen: Wasser und Zwieback bekommen konnten. Der
Koch und der Schiffsjunge -- der Stewards-Dienste versah -- wurden zu dem
Zweck beordert, nachzusehen, während der Kapitän in seiner eigenen
Kajüte die Schiffspapiere und sonstige Werthsachen zu bergen suchte.
Glücklicherweise fand sich ein Korb mit Zwieback, aber von eingeschlagenem
Seewasser ganz aufgeweicht; es war aber immer besser als Nichts. Doch
zum Wasser konnten sie nicht kommen, denn die zwei Fässer, die an Deck
geschnürt gelegen hatten, waren mit der Kambüse und dem ganzen Vordertheil
durch die eine Sturzsee rein über Bord gewaschen worden. Gegen zehn Uhr
fiel aber wieder ein kleiner Regenschauer und das eine Segel wurde jetzt
aufgespannt, um so viel als möglich davon aufzufangen -- es genügte
freilich noch immer nicht. Dann packte der Kapitän ein, was er an
Blechbüchsen für den Kajütstisch oben in seiner Coje hatte, und brachte
doch so viel zusammen, um für kurze Zeit gegen den _Hunger_ geschützt zu
sein. Vielleicht half ihnen dann der Himmel mit einem frischen Regenschauer
weiter.
So lange der Sturm wüthete, ließ sich nichts unternehmen, obgleich sie im
Binnenwasser keine unruhige See zu fürchten hatten. Gegen Mittag
klärte sich aber der Himmel auf; der Wind ließ nach, und etwa vier Uhr
Nachmittags, während die See noch da draußen unruhig wogte und bäumte,
regte sich schon kein Lüftchen mehr und das Binnenwasser war spiegelglatt.
Jetzt gingen sie an die Arbeit, um das kleine Boot flott zu machen und ihre
Ladung wenigstens erst einmal auf die Sandbank hinüber zu schaffen. Das
ging verhältnißmäßig rasch; auch über den Sand weg konnten die Leute das
leichte Boot tragen und ziehen und auf der andern Seite in's Wasser lassen.
Weit schwieriger war es aber, über die nächste Reihe von Korallenklippen
hinüberzukommen, die mit ihren schlüpfrigen und spitzen Zacken keinen
festen Fußhalt gestatteten, und da sie hier ihre Fracht nicht ausladen
konnten, sahen sie sich genöthigt, eine lange Strecke daran hin zu fahren,
bis sie endlich zu einer Stelle kamen, wo sie im Stande waren, sich
hindurchzuzwingen.
Jetzt hatten sie etwa fünfzig Schritt breit glattes Wasser und dann wieder
einen Korallengürtel, der aber gefährlicher aussah als er war. Er bestand
nur aus neben einander liegenden Klippen und bot zahlreiche Durchfahrten,
und die kleine Bootsmannschaft, die aus neun Personen bestand, ruderte nun
bei gänzlicher Windstille auf eine hohe Sandbank zu, die sie für das feste
Land hielten. Glücklicherweise war es nur eine etwa hundert Schritt breite
Barre, und dahinter, als der Steuermann hinauflief, um sich von oben aus
umzusehen, entdeckte er das offene Wasser der Binnenriffe, von einzelnen
Inseln und Sandbänken nur überstreut.
Hier blieb ihnen allerdings noch eine tüchtige Arbeit, das Boot und dessen
Ladung hinüberzuschaffen, und es war dunkle Nacht, ehe sie damit fertig
wurden, aber dann stand ihrer weiteren Fahrt auch kein Hinderniß mehr im
Wege. Die Nacht lagerten sie auf der Sandbank, und der nächste Morgen fand
sie schon beim ersten Schimmer des anbrechenden Tages unterwegs, um vor
allen Dingen erst einmal in das Fahrwasser der Schiffe zu kommen und
die Möglichkeit zu haben, von einem oder dem anderen vorübersegelnden
aufgenommen zu werden.
Instrumente und Compaß hatte der Kapitän gerettet, und die Karte der Straße
ebenfalls, da diese schon zum Gebrauch bereit hinter dem Spiegel in der
oberen Kajüte stak. Außerdem fehlte ihnen aber jeder Leitfaden, denn Keiner
der Leute war je diesen Weg gekommen. Nur der Koch wollte einmal eine Fahrt
durch die Torresstraße gemacht haben, da er sich aber nicht um die Führung
des Schiffes zu bekümmern brauchte, wußte er auch sehr wenig darüber
anzugeben. Nur auf das erinnerte er sich, daß Booby-island draußen vor den
Klippen im freien Wasser lag, und daß sie damals dort beigelegt und ein Faß
Wasser, ein Faß Zwieback und ein halb Faß gepökeltes Schweinfleisch an Land
geschickt hätten. Im Boot war er aber selber nicht mit gewesen und wußte
deßhalb auch nichts über die eigentliche Beschaffenheit der Insel zu sagen.
Seiner Aussage nach sollte es nur ein großer Felsklumpen sein, um welchen
eine Unmasse großer schwarzer Möven herumschwärmte; das war Alles.
Uebrigens behauptete er, ihn augenblicklich wieder zu erkennen, sobald er
ihn nur sehen würde.
Der Kapitän hatte indessen auch nicht versäumt, die Schiffs_waffen_
mitzunehmen, da die australischen Eingeborenen in einem wohlverdienten
schlechten Ruf standen und man gar nicht wissen konnte, in welcher Art
man mit ihnen zusammentraf. Uebrigens gedachte er nicht, sie muthwillig
aufzusuchen, und an eine Insel zu landen, von welcher man sich nicht vorher
sorgfältig überzeugt hatte, daß keine Eingeborenen an Land oder wenigstens
in unmittelbarer Nähe wären. Er hatte zu viel über ihre hinterlistige
Schlauheit und Grausamkeit gehört, um sie nicht zu fürchten und jeden
Zusammenstoß mit ihnen ängstlich zu vermeiden.
Die Aussagen des Kochs, der als einzige Autorität in diesem Meere galt,
dienten ebenfalls nicht dazu, ihn zuversichtlicher zu stimmen, denn
der Bursche -- nach Art solcher Leute, die alles Gehörte entsetzlich
übertreiben und wo möglich noch ihren Theil dazu erfinden -- wußte
nicht genug von den Scheußlichkeiten zu berichten, mit welchen sie
Schiffbrüchige, die in ihre Händen fielen, behandelten. Daß sie dieselben
schließlich auffraßen, war noch das Wenigste.
Zu Mittag legten sie an einer nackten Sandbank an und der Kapitän nahm hier
erst einmal seine Observation, die ihm zeigte, daß sie sich nördlich von
der eigentlichen Einfahrt befänden und deßhalb mehr nach Süden hinunter
halten mußten. Sie sahen auch selber, daß dies kein Kanal für größere
Schiffe sein konnte, denn mehrmals hatten sie Plätze passirt, in denen sie
die Korallen so dicht und deutlich unter sich erkannten, daß man glauben
mußte, man könne sie mit der Hand ergreifen. Allerdings waren da noch immer
zwei bis drei Faden Wasser, aber oft trafen sie auch Klippen, die bis unter
die Oberfläche reichten und zwischen denen sie sich selbst mit dem schmalen
Boot kaum hindurchwinden konnten.
Erst gegen Abend erreichten sie eine der wirklichen Passagen und blieben
die Nacht auf einer kleinen, nur mit niederen Büschen bewachsenen Insel, wo
sie wenigstens nichts von feindlichen Indianerstämmen zu fürchten hatten --
aber kein Regen fiel und ihr spärlicher Wasservorrath ging zu Ende.
Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch ruderten sie weiter und setzten auch
das mitgenommene Segel, aber die Brise war sehr schwach und trieb sie,
allerdings mit günstiger Strömung, nur langsam vorwärts. Wieder kamen sie
aber hier, irregeführt durch die verschiedenen Inseln und Sandbänke,
in einen falschen Kanal und erreichten erst lange nach Dunkelwerden die
größere Insel Mount Adolphus, wo sie wenigstens Wasser zu finden hofften,
denn das vom Regen aufgefangene war in der glühenden Hitze vollständig
ausgetrunken.
Allerdings befinden sich dort dicht am Ufer in dem einen Felsen ein paar
kleine Süßwasserquellen, wie sie aber den Platz erreichten, war hohe Fluth,
und weiter in das Land wagten sie sich nicht hinein, da sie in den schmalen
Thälern in einen Hinterhalt zu fallen fürchteten.
Einige Früchte hatten sie allerdings auf mehreren der kleinen
Zwischeninseln aufgelesen, auch Eier gefunden, welche die Möven in den
heißen Sand legen, um sie dort von der Sonne ausbrüten zu lassen -- sonst
nichts. Tauben, eine weiße prächtige Art mit dunkelbrauner Abzeichnung,
sahen sie genug und schossen auch ein paar Mal danach, aber ohne irgend
welchen Erfolg, denn ihre Munition bestand nur in Rehposten, nicht in
Schroth, und die alten Musketen schossen nicht so sicher, daß sie einen
so kleinen Gegenstand wie eine Taube damit aus den hohen Bäumen hätten
herausholen können.
Auf Mount Adolphus, wo sie aber nur beilegten und sich nicht einmal
getrauten das Boot zu verlassen, blieben sie aber wieder nur auf den Rest
ihrer mitgenommenen Vorräthe angewiesen, und ihre einzige Hoffnung lag
jetzt darin, jenes Booby-island zu erreichen und von den dort befindlichen
Provisionen so lange zu zehren, bis sie eben ein durch die Torresstraße
kommendes Schiff anrufen und mit diesem Batavia oder Singapore erreichen
konnten.
Der Kapitän wußte übrigens von hier aus, da er die genaue Beschreibung und
sogar Zeichnung der Conturen dieser Insel auf der Karte fand, genau die
Richtung, die sie zu nehmen hatten. Schon um vier Uhr Morgens setzten sie
auch mit einer günstigen Brise in dem hier ziemlich breiten Kanal aus, und
Nachmittags um vier Uhr endlich, von brennendem Durst fast zur Verzweiflung
getrieben, sichteten sie gerade im Westen den einzelnen Felsen im Meer, der
nach jeder Berechnung das angegebene Booby-island sein mußte.
Der Koch wollte freilich nichts davon wissen; er behauptete, Booby-island
sei ein ganz spitzer kleiner Felskegel, und das hier lag breit und flach
auf dem Wasser; der Kapitän ließ sich aber nicht irre machen, denn seiner
Karte und Berechnung nach stimmte es und er hielt gerade darauf zu.
Die Leute selber hatten sich bis jetzt ziemlich gut gehalten, nur der
Zimmermann, der aber auch auf dem Fahrzeug Matrosendienste versah, jammerte
und klagte über Durst und schöpfte mit der Hand das Seewasser, um seine
Lippen zu kühlen. Damit machte er freilich das Uebel nur noch ärger, denn
wenn es auch für den kurzen Augenblick etwas Erfrischendes haben mochte,
der salzige Geschmack hintennach reizte und trocknete nur um so viel mehr,
und er wimmerte leise vor sich hin.
»Geduld, Mann, Geduld,« sagte der Steuermann zu ihm, indem er ihn auf die
Schulter klopfte, »da vorn liegt Wasser; in zwei oder drei Stunden können
wir dort sein, und so lange werdet Ihr's doch bei Gott wohl aushalten.
Schämt Euch doch vor dem Jungen, denn der hat noch nicht einmal geklagt.«
»Was weiß auch so ein Junge von Durst, Steuermann,« sagte der Angeredete
mürrisch, »der kommt erst mit den Jahren. S'ist gerade so, als ob mir die
Zunge im Hals springen und bersten müßte -- und wer weiß denn, ob auch nur
ein Tropfen Wasser auf dem blutigen Felsen zu finden ist. Kahl genug sieht
er aus.«
»Darüber tröstet Euch, Zimmermann,« sagte der Kapitän. »=The Yorkshire
lady=«, die vierzehn Tage vor uns ausgesegelt ist, hat dort angelegt und
von Sydney besonders Wasser und Zwieback für den Zweck mitgenommen, um es
dort zu lassen. Finden wir aber nicht genug, um eine Zeitlang liegen zu
bleiben, nun so nehmen wir, was wir für den nächsten Tag brauchen, und
laufen damit zu einer der Inseln im indischen Archipel hinauf. So weit ist
die Fahrt ja nicht, und hohe See haben wir dort auch nicht zu fürchten.«
»Geb's Gott,« sagte der Zimmermann resignirt, und von jetzt ab wurde kein
Wort weiter gesprochen, während sich die Leute nur schärfer in ihre Ruder
legten, um den verheißenen Platz desto rascher zu erreichen.
Die Brise wurde lebhafter, sie konnten das Segel setzen, die Strömung half
ebenfalls nach und das Boot glitt verhältnißmäßig rasch über das glatte
Wasser seinem Ziel entgegen. Die ersehnte Insel, die bis jetzt nur wie ein
kurzer Streifen auf dem Horizont gelegen und dadurch weit entfernter
schien als sie wirklich lag, hob sich mehr und mehr, bis sie die Form eines
Topfkuchens annahm und man jetzt deutlich schon den Fuß derselben, gegen
den die Strömung wusch, erkennen konnte.
Die Brise, die hier mehr stoßweise kam, lullte nach einiger Zeit wieder
ein, und vier von den Leuten hatten deßhalb die Ruder wieder aufgegriffen,
die Uebrigen lagen, so gut es eben ging, ausgestreckt im kleinen Boot,
und nur der Kapitän saß, das Gesicht dem Lande zugedreht, am Tiller und
betrachtete sich das nicht mehr so ferne Eiland. Plötzlich richtete er sich
etwas empor und schützte die Augen mit der flachen Hand gegen die schon
im Westen stehende Sonne, die ihn auch überdieß durch das Blitzen auf
dem Wasser blendete; dann ohne ein Wort zu sagen, nahm er das neben ihm
liegende Telescop auf und hob es an's Auge. Kaum aber hatte er einen Blick
hindurch geworfen, als er wirklich erschreckt ausrief:
»=Damnation!= Die Schwarzen haben Booby-island besetzt!«
»Was?« schrie der Zimmermann voller Entsetzen -- »oh du grundgütiger Himmel
-- dann sind wir verloren.«
»Verloren?« brummte der Steuermann, mit einem wilden Fluch durch die
Lippen, »hat sich was von verloren -- Wie viele sind's, Kapitän?«
»Der Strand schwärmt von ihnen, und oben drauf tanzt auch etwa ein Dutzend
herum -- aber ich sehe keine Canoe's.«
»Die liegen jedenfalls hinter der Insel in ruhigem Wasser. Also haben die
schwarzen Bestien den Platz endlich richtig gefunden!«
»Und was nun?« sagte der Kapitän.
»Was nun? Ei, wir müssen ihn wieder erobern.«
»Gegen den Schwarm?«
»Geben Sie mir einmal das Glas, Kapitän, daß ich einen Ueberblick kriege
-- immer zu, Jungen, laßt die Ruder nicht schleppen, hier können wir doch
nicht liegen bleiben.«
»Wenn wir landen, fressen sie uns mit Haut und Haar!« klagte der Koch, der
sich bestürzt emporgerichtet hatte und nach dem jetzt gefürchteten Land
hinüberstarrte.
»Was fressen,« knurrte der Steuermann ärgerlich, während er durch das Glas
sah -- »erst müssen sie uns haben. Alle Wetter! es ist eine hübsche Portion
und wir sind auch jedenfalls schon bemerkt worden, denn wie die Ameisen
klettern sie da an den lichten Felsen in die Höh'. Jungens, Jungens, und
wie werden sie den Vorräthen mitgespielt haben!«
»Wie viele sind's, Steuermann?«
»Ich zähle siebenundzwanzig, groß und klein,« erwiderte dieser, »aber da
links heraus kommen noch mehr aus dem Felsen, das ist jedenfalls die
Höhle -- da sind noch drei, vier, fünf, sechs, sieben -- es ist ein ganzer
Schwarm, und wir werden Teufelsarbeit bekommen.«
»Wie viel Gewehre haben wir eigentlich im Boot?« frug der Kapitän, nachdem
er selber das Glas genommen und durchgeschaut; sie waren der Insel aber
indessen so nahe gekommen, daß sie die schwarzen nackten Gestalten schon
mit bloßen Augen erkennen konnten.
»Es sollen sechs sein,« sagte der Steuermann, »aber an dem einen ist der
Hahn abgebrochen -- und dann Ihre Doppelflinte.«
»Und Pistolen?«
»Vier; aber noch ein halb Dutzend Lanzen.«
»So nahe dürfen wir den Halunken nicht kommen,« sagte der Kapitän
kopfschüttelnd, »daß wir die gebrauchen könnten, sonst spicken sie _uns_
mit ihren verdammten Wurfspeeren, mit denen sie vortrefflich umzugehen
wissen.«
»Wenn wir aber zu kanoniren anfangen,« sagte der Steuermann trocken, »und
mit den alten, von Rost halbzerfressenen Schießprügeln nichts treffen, so
machen wir sie erst recht übermüthig, und wer dann unverrichteter Sache
abziehen muß, sind wir.«
»Den ersten Schuß,« rief der Kapitän, »müssen wir jedenfalls über ihre
Köpfe feuern, denn ich möchte die armen Teufel nicht todtschießen, wenn ich
es irgend umgehen kann. Ich denke aber auch, das wird genügend sein, denn
wenn sie nur den Knall eines Gewehres _hören_, laufen sie schon was
sie laufen können. Schußwaffen fürchten sie mehr als ihren sogenannten
Devil-Devil.«
»Ich will's wünschen,« brummte der Mate oder Steuermann, »ich habe nur
so eine Ahnung, daß ihnen unser kleines Boot keinen besondern Respekt
einflößen wird. Ja wenn wir mit dem Schooner angesegelt kämen und einen
der kleinen Böller hätten lösen können, dann wär's vielleicht 'was Anderes,
denn die machen mehr Spektakel, und so ein Schuß klingt als ob er von allen
Seiten auf einmal käme.«
Es wurde jetzt kein Wort weiter gesprochen, denn das Boot näherte sich
rasch dem Lande, und die gerettete Mannschaft nahm zu viel Interesse an
dem, was sie dort erwartete, um sich nicht selber durch den Augenschein von
der Zahl der Feinde zu überzeugen. Selbst die Rudernden drehten die Köpfe
über die Schulter zurück, und deutlich konnte man auch jetzt den Schwarm
erkennen, der mit wildem Jauchzen auf der Insel herumsprang, während
eine Anzahl von ihnen grüne Zweige von den Büschen brach und damit
hinüberwinkte. Fast Alle aber, wie der Kapitän deutlich durch sein Glas
erkennen konnte, trugen ihre Lanzen in den Händen, und legten sie erst
zwischen den Steinen nieder, als sie vielleicht glaubten, daß man sie vom
Boot aus mit bloßen Augen erkennen könne.
»Ach Kapitän,« sagte der Zimmermann, »die thun uns ja nichts, die schwingen
grüne Büsche; das ist immer ein Zeichen bei den wilden Hallunken, daß sie's
gut meinen -- Einen Tropfen Wasser geben sie uns gewiß.«
»Ja trau' Du denen,« knurrte der Koch -- »mit denselben Zweigen braten sie
Dich nachher.«
Dem Kapitän gefiel übrigens das Winken mit den Zweigen auch nicht. Durch
sein gutes Glas sah er deutlich, wie eine Anzahl der Schwarzen, die
wieder zum Strand hinabgeklettert waren, ihre Lanzen in eine Vertiefung
-- wahrscheinlich den Rand der Höhle -- stellten, aber dicht dabei stehen
blieben und dann aus Leibeskräften mit den grünen Büschen wehten, als ein
Zeichen, daß das Boot dort landen solle. Er änderte seinen Cours nicht,
sondern hielt vielmehr noch etwas nach rechts hinüber, um die nördliche
Spitze der Insel anzulaufen, und die Wilden, wie er deutlich erkennen
konnte, griffen jetzt ihre Waffen wieder auf und verschwanden hinter der
Insel, um vorn nicht damit gesehen zu werden.
Das Alles deutete auf Hinterlist, und daß die Eingeborenen dieser Küsten
Alles daran setzen, um in den Besitz eines guten europäischen Bootes zu
kommen, wußte er schon zur Genüge aus den Erzählungen anderer Kapitäne.
Geld hat für sie nicht den geringsten Werth. Kleidungsstücke beachten
sie nicht, und selbst von Eisenwerk können sie nichts gebrauchen, als
vielleicht ein Beil oder Messer, da ihre Lanzen aus den harten und schweren
Hölzern bestehen, welche ihnen die Wildniß in Masse liefert, aber ein
sicheres Boot war für sie von unschätzbarem Werth, denn damit konnten sie
das Meer in jeder Jahreszeit befahren, und daß sie _kein_ Mittel scheuen
würden, um sich in den Besitz eines solchen zu setzen, ließ sich denken.
Wie viel Wilde befanden sich aber überhaupt auf der Insel und hatten sie
auch schon Alle gesehen? -- wohl schwerlich, denn von dem Augenblick an, wo
sie nahe genug gekommen, um die Eingeborenen mit bloßen Augen zu erkennen,
waren höchstens noch acht oder zehn sichtbar, die sich aber dafür durch das
Schwingen von grünen Büschen um so bemerkbarer zu machen suchten. Wo waren
die Anderen? Jedenfalls irgendwo hinter den Steinen oder in der Höhle
versteckt, und hatten sie wirklich friedliche Absichten, so würden sie sich
ungescheut gezeigt haben -- daß _ihnen_ die Weißen nichts nehmen konnten,
wußten sie ohnedieß. Das Wichtigste also war: einen ungefähren Ueberblick
über ihre Zahl zu bekommen, und das konnte nur dadurch geschehen, daß sie
in Sicht der Canoe's kamen. Die Insel war auch gar nicht so groß, um das
nicht leicht zu bewerkstelligen, und der Kapitän, der auf die Nordspitze
zugesteuert hatte, änderte plötzlich seinen Cours, hielt wieder vom Ufer
etwas ab und ruderte nun, seine Distance vom Land auf ungefähr hundert
Schritte haltend, um das kleine Eiland herum zur Westküste, wo er
allerdings einen ganzen Trupp nackter schwarzer Gestalten überraschte, die
nicht schnell genug den kahlen Hang hinan kommen konnten und sich nun, so
gut das gehen mochte, hinter Korallenbänken und Steinen niederkauerten.
Außerdem entdeckten die Seeleute hier auch eine kleine Flotte von elf
Canoe's, die nebeneinander auf den Sand gezogen waren, und stärker an
Mannschaft wäre es ihnen jetzt ein Leichtes gewesen, die schwarzen Diebe
festzuhalten und zu züchtigen. Aber sie durften ihnen nicht das einzige
Mittel, sich zu entfernen, selber abschneiden, denn an Zahl waren sie
ihnen doch zu weit überlegen und das Schlimmste von Allem, nur Wenige
der Seeleute wußten wirklich mit Feuerwaffen umzugehen, und verstanden
besonders nicht, ein einmal abgeschossenes Gewehr auch rasch und ruhig
wieder zu laden.
Der Kapitän behielt aber indessen seinen Cours bei; er wußte jetzt genau,
daß er es mit einer verrätherischen Bande zu thun hatte, und war nicht
gewillt, dieser auch nur den geringsten Vortheil über sich einzuräumen. Das
Boot glitt dabei, immer noch in der sicheren Entfernung, um die Insel hinum
der Südküste zu, wo sie die wieder überraschten, die vorher an der Höhle
Posto gefaßt hatten.
»Sind die Gewehre alle geladen?« frug er ruhig.
»Ja, Sir,« sagte der Steuermann.
»Setzt frische Zündhütchen auf; die alten könnten die Nacht über feucht
geworden sein.«
Das geschah lautlos.
»Wollen wir hier landen, Kapitän?« frug der Steuermann; »ich glaube es wäre
besser, wenn wir das so dicht als möglich bei der Höhle thäten.«