Laune, »na ja,« murmelte er dabei -- »hier unten einen Gulden gekriegt
und da oben das Trinkgeld verloren; wo bleibt da der Profit.« -- Als guter
Deutscher hatte er aber viel zu großen Respect vor der Polizei, um irgend
einen anderen Gedanken, als den unbedingten Gehorsams zu hegen. Was ging
ihn auch der Fremde auf No. 11 an, daß er sich seinetwegen hätte in böse
Händel verwickeln lassen. Helfen konnte er ihm doch nichts. Er ging in das
Zimmer und ließ die Thür angelehnt.
»Hier mein Bursche,« begann Reuhenfels, »nimm einmal den Kasten und komme
mit mir zum Flußufer hinunter. Ist der andere Herr schon fort?«
»Oh wohl schon vor zehn Minuten.«
»So? Dann habe ich keinen Augenblick Zeit mehr zu versäumen -- komm rasch.«
»Sie werden wohl noch einen Augenblick entschuldigen müssen, Herr Major
von Reuhenfels,« sagte in diesem Moment die tiefe, ernste Stimme des
französischen Polizei-Agenten, dessen Gesicht sich Reuhenfels erinnerte oft
in Wiesbaden gesehen zu haben, wenn er auch wohl nie eine Ahnung von seiner
Function hatte. Aber er erbleichte, denn hinter diesem traten noch vier
andere Männer ins Zimmer und füllten den kleinen Raum, während sich der
Hausknecht vor das Fenster zurückgezogen hatte, um eine Flucht dort hinaus
zu verhindern.
»Was wollen Sie von mir?« rief Reuhenfels, und sein scheuer Blick verrieth
deutlich genug, daß er kein reines Gewissen hatte. »Halten Sie mich nicht
auf -- ich habe eine Ehrensache abzumachen.«
»Weshalb wir kommen, mein Herr,« sagte der Beamte mit schneidender Kälte,
»betrifft keine Ehrensache, sondern einen Bubenstreich -- ja vielleicht
eine Kette von solchen, und die Erledigung derselben muß diesmal der
Ehrensache vorgehen. Sie sind mein Gefangener.«
»In wessen Namen?« fuhr Reuhenfels auf.
»Im Namen Sr. Majestät des Kaisers der Franzosen wegen Anklage auf Mord und
Raub, wie anderer geringfügiger Vergehen.«
»Das ist eine schändliche Lüge!« rief der Verbrecher, aber Todtenblässe
deckte seine Züge und der scheue Blick umher suchte nach Hülfe, vielleicht
nach einer Waffe. Die Pistolen im Kasten waren aber nicht geladen und
dieser auch verschlossen. Ueberhaupt gaben ihm die Polizeibeamten keine
Zeit mehr, sich lange zu bedenken. Ehe er ernstlichen Widerstand wagen oder
nur beschließen konnte, hatten sie sich auf ihn geworfen, und obgleich er
sich jetzt wie ein Verzweifelter wehrte, fand er sich doch machtlos in
der Hand der fünf baumstarken und gewandten Männer. Seine Kraft war auch
gebrochen. Der Schlag hatte ihn zu rasch und plötzlich getroffen und
zähneknirschend ergab er sich endlich in sein Schicksal.
Ehe man ihn abführte, verlangte er allerdings noch einmal seine Frau
zu sprechen, der Beamte erklärte aber strengen Befehl zu haben, keine
Unterredung weiter mit irgend wem gestatten zu dürfen. Er wußte überdies,
daß ihm die Dame entflohen sei, und also keine Gefühlsrichtung diesen
Wunsch hervorgerufen hatte. Der Gefangene wurde ohne Weiteres, mit Allem
was man bei ihm fand (seine in Wiesbaden befindlichen Sachen waren schon
mit Beschlag belegt) in Gewahrsam gebracht, bis der nächste Zug ging und
dann fort transportirt, ohne daß die Leute im Haus weiter erfuhren, was mit
ihm geschah.
Zwei Stunden später etwa kehrte Trautenau vom anderen Ufer zurück. Schon
unten in der Hausflur erzählte ihm aber der Wirth, den er dort antraf, die
Gefangennahme des fremden, gestern Abend angekommenen Herrn, der jedenfalls
ein großes Verbrechen begangen haben müsse, denn als man ihn auf die Bahn
gebracht, habe er Handschellen angehabt.
»Und die Damen?«
»Die Eine ist noch oben,« erwiederte der Wirth, »und wartet, glaube ich,
auf den nächsten Zug, oder das nächste Boot -- die andere ist mit einem
jungen Herrn, einem Franzosen, gleich nachdem der Herr fortgeschafft wurde,
oder etwa eine Stunde später, an Bord des zu Thal gehenden Bootes
gefahren. Der Dampfer konnte ja kaum die Landung verlassen haben, als Sie
heraufkamen.«
Trautenau war es, als ob das Haus mit ihm im Kreise herum ging. -- Eine der
Damen hatte das Hôtel mit einem jungen Franzosen verlassen -- aber es war
doch nicht möglich -- nicht denkbar, daß Clemence --
Er drehte sich langsam ab und stieg die Stufen hinauf, die zu der oberen
Etage führten. Dort lag das Zimmer, in welchem Clemence wohnte -- Er
klopfte leise an.
»=Entrez!=« lautete der ziemlich lebhaft gegebene Ruf, und als er die Thür
öffnete, bemerkte er Jeannette, eben im Begriff, ihren Koffer zu packen,
wie sie mitten in der Stube stand.
»Ah Monsieur Trautenau!« rief das junge Mädchen, indem sie auf ihn zuflog
und seine Hand ergriff -- »Sie sind zurückgekehrt? Ah das ist schön, das
ist brav von Ihnen.«
»Mein liebes Fräulein,« erwiederte Trautenau, der das Alles noch gar nicht
fassen konnte, »wollen Sie mir freundlichst sagen, was hier vorgegangen
ist, denn der Wirth unten scheint mir verrückt -- die ganze Welt muß
wahnsinnig geworden sein, oder ich bin es am Ende selber.«
»Nein, Monsieur,« rief Jeannette lebhaft aber unter Thränen aus -- »man hat
Ihnen die Wahrheit gesagt. Das Unerhörteste ist geschehen.«
»Clemence ist wirklich fort?«
»Heute Morgen, mit Monsieur Armand.«
»Mit dem Franzosen?«
»Dem ich gestern noch in der Nacht mit Lebensgefahr, denn der gnädige Herr
hätte mich umgebracht, wenn er es erfuhr -- telegraphiren mußte. Solch' ein
Undank ist noch gar nicht dagewesen.«
»Sie haben ihm telegraphirt?«
»Jawohl -- für die gnädige Frau, und heute Morgen, wie er ankommt, entläßt
sie mich aus ihrem Dienst und reist allein mit ihm ab.«
»Clemence?«
»Nun versteht sich -- mit dem ersten Boot, das stromab kam, sind sie fort.
Ich habe sie selber an's Ufer begleitet.«
»Und kannte Madame jenen Monsieur Armand schon früher?«
»Ah gewiß,« rief Jeannette in Aerger über die erlittene Unbill. »Das Ganze
war eine abgekartete Sache, und Monsieur Armand hat uns ja selber dies
Hôtel bestimmt, um auf ihn zu warten.«
»So?« sagte Trautenau und es war ihm zu Muthe, als ob ihn Jemand mit
eiskalter Hand sein Herz gefaßt und zerdrückt hätte -- »also eine
abgekartete Sache -- und ich selber --?«
»Ah Monsieur, diese Dame ist eine durchtriebene, gefährliche Kokette. Sie
wären verloren gewesen, wenn Sie vollständig in ihr Netz fielen.«
»Wahrhaftig?«
»Was ich Ihnen sage -- diesen Armand liebt sie wie rasend. Mit Ihnen hat
sie nur ihr Spiel getrieben, weil sie Jemanden brauchte, der den Verdacht
ihres Gatten ablenkte.«
»In der That?«
»Und mich -- die mit solcher Treue und Aufopferung an ihr hing, jetzt mit
so schmählichem Undank zu lohnen; oh es ist schändlich! abscheulich!«
Trautenau wandte sich langsam ab und wollte das Zimmer verlassen, als ihn
Jeannette zurückhielt.
»Und was gedenken Monsieur jetzt zu thun?«
»Ich? -- oh, Nichts, ich darf Madame natürlich nicht mehr belästigen, und
denke auch gar nicht daran. Ich werde in meine Heimath zurückkehren.«
»Und was wird aus mir?« rief Jeannette, indem sie ihn bittend ansah --
»wollen Sie mich, ein armes, unbeschütztes Mädchen hier allein in dem
fremden Land zurücklassen?«
»Hat Sie Madame auch um Ihren -- Lohn betrogen?«
»Nein das nicht -- Monsieur Armand ist reich; er war generös.«
»Und was verlangen Sie noch von mir?«
»Ist es Sitte in Deutschland, daß man unbeschützte Frauen allein reisen
läßt?«
»Mein liebes Fräulein,« antwortete Trautenau, dem diese kaum versteckte
Zumuthung doch ein wenig zu stark schien, -- »Sie haben der gnädigen Frau
getreu geholfen und beigestanden -- es war an ihr, Sie dafür zu belohnen.
Sie werden von mir hoffentlich nicht verlangen, daß ich mich zum Cavalier
ihrer Kammerfrau aufwerfe, da sie selber es vorgezogen, einen anderen
Schutz zu suchen. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Reise --« und sich
abwendend schritt er aus der Thür und hörte nur noch den Ausruf der
Empörung Jeannettens: »Oh diese Deutschen -- diese Menschen von Holz!« --
Aber er war geheilt -- vollständig geheilt von seiner tollen Leidenschaft,
und als er etwa drei Wochen später nach M-- zurückkehrte, konnte er Frank
sein Abenteuer -- oder vielmehr seine Kette von Abenteuern mit lachendem
Munde erzählen.
Drei Monat später druckte ein deutsches Blatt in M-- einen Artikel
aus einer französischen Zeitung ab -- einen Criminalfall, der für M--
besonderes Interesse hatte. Es war die Verurtheilung eines Deutschen, eines
Herrn von Reuhenfels, der beschuldigt und überführt worden war, seinen
Schwiegervater, einen geborenen Franzosen Monsieur Joulard, mit dem er
früher Wechselfälschungen und anderen Betrug getrieben, in Paris
ermordet, und in einem Keller vergraben zu haben. Er hatte das Verbrechen
eingestanden und war, da ein vorbedachter Mord nicht nachgewiesen werden
konnte, zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurtheilt worden.
Von Clemence hörten sie Nichts wieder. Möglich, daß sie als Madame Armand
irgendwo in Frankreich lebte. Trautenau dachte nicht mehr an sie -- er
hatte ihr Bild, die Copie, die er damals behalten, gleich nachdem er nach
M-- zurückkehrte, zerstört, aber mit desto größerer Vorliebe zeichnete und
malte er sich in seinem neuen Atelier den Major in der alten Staffage an
die Wand, und wo ihm einmal wieder das Herz mit dem Verstand durchgehen
wollte, bedurfte es nur eines Blickes auf das Bild, um all die alten, fast
begrabenen Erinnerungen wieder wach zu rufen. Damit war denn auch jede
Gefahr beseitigt, denn er hatte sich den Teufel als Schutzengel an die Wand
gemalt.
Booby-island.
Australische Skizze.
Wenn der Leser die Karte von Australien in die Hand nimmt, so sieht er,
daß im Norden dieses Welttheils, zwischen Australien und der großen Insel
Neu-Guinea, eine schmale Meerenge hindurchführt, die noch außerdem
mit zahlreichen Punkten -- nichts als bösartige Klippen -- gesprenkelt
erscheint. In der That füllen eine Menge von Korallenriffen und Sandinseln
diesen schmalen Meeresarm aus, und nur einzelne Passagen mit kaum fünf
oder sechs Faden tiefem Fahrwasser ziehen sich hindurch und müssen von den
Schiffen sorgfältig eingehalten werden. Da diese aber, wenn sie aus dem
Stillen in den Indischen Ocean wollen, durch die Meerenge ein tüchtig
Stück Weg abschneiden, so benutzen sie doch häufig den Weg, und bei ruhigem
Wetter und einiger Vorsicht ist auch nicht eben viel Gefahr dabei.
Anders stellt sich freilich die Sache, wenn gerade an der Einfahrt,
besonders von Osten her, wo die Passage nicht so leicht zu finden ist,
stürmisches Wetter einsetzt. Manches arme Schiff ist dann schon an jenen
sogenannten =barrier-reefs= (Riffbarrière) gescheitert, und die Mannschaft
hat sich, wenn sie nicht gar an einer zu bösen Stelle strandete, in ihren
Booten retten müssen.
Einmal erst in der Meerenge -- welche die Torresstraße genannt wird -- und
die Boote haben auch in der That Nichts mehr von den selbst stürmischen
Wogen des Oceans zu fürchten, da diese Korallenriffe die schwere Dünung
vollständig abhalten. Sie befinden sich in der Meerenge selber in ruhigem
glatten Wasser, und eine Menge Inseln liegen dort überall, auf denen sie
selbst landen können. Freilich bieten diese Inseln auch gar Nichts weiter
als eben Land, und nur einige der größten haben dürftige Quellen. Zu
gewissen Jahreszeiten wachsen aber auch auf den meisten sehr delikate,
dattelähnliche Früchte, die wie unsere deutschen Pflaumen aussehen, und
mit denen und den zahlreichen Fischen im seichten Wasser könnten sich
Schiffbrüchige eine Zeitlang das Leben fristen.
Stranden sie freilich zu einer Zeit, wo diese Früchte nicht reif sind, und
haben sie -- wenn sie rasch von Bord flüchten mußten -- keine Gewehre bei
sich, um von den dort häufig vorkommenden Tauben zu erlegen, so sind sie
sehr übel daran, und ihre einzige Aussicht bleibt, »Booby-island« so bald
als möglich zu erreichen.
Alle diese Inseln -- selbst Mount Adolphus, die größte von ihnen mit
tüchtigen Hügelrücken, sind unbewohnt, und nur in gewissen Zeiten kommen
einzelne australische Familien oder Stämme vom Continent herüber, um
hier zu fischen. Selbst aus dem ostindischen Archipel, von Timor-laut und
anderen kleineren Inseln segeln mit dem günstigen Monsuhn (temporären Wind)
die Malayen herüber, um hier dem Fischfang obzuliegen, und kehren
erst, wenn diese, regelmäßig fünf Monate wehende Luftströmung nach der
entgegengesetzten Himmelsrichtung umspringt, in ihre Heimath zurück.
Die ganze Torresstraße ist derart mit kleinen Inseln angefüllt, und die
westlichste davon, die schon eine ziemliche Strecke draußen im indischen
Ocean und von sehr tiefem Wasser umgeben liegt, ist Booby-island, nach den
von den Engländern =boobies= genannten großen Seemöven so getauft.
Sie besteht allerdings nur aus kahlem Felsgestein, mit immergrünen
Rankgewächsen überwuchert, zwischen denen nur einige niedere, kaum
sechs Fuß hohe Büsche hervorragen. Kein Baum giebt dort Schutz gegen die
brennenden Strahlen der Sonne, keine Quelle entspringt dem dürren Boden,
keine Frucht wächst darauf, kein Fischfang ist selbst in dem tiefen Wasser
möglich, und da die Insel noch dazu weit ab vom festen Lande und den
übrigen Inselgruppen liegt, so fanden weder australische Eingeborene noch
die in der Nähe vorbeifahrenden Malayen je eine Veranlassung, dort zu
landen und den Platz näher zu untersuchen.
Englische Seefahrer hatten das aber schon längst gethan und eine besondere
Eigenthümlichkeit dieses kleinen Eilands entdeckt, nämlich eine tief in
den Fels hineingehende, sehr geräumige Höhle, die aber durch vorspringende
Zacken ziemlich versteckt lag. Längst schon hatte man dabei das Bedürfniß
gefühlt, in einer Gegend, wo Schiffbrüche gar nicht zu den Seltenheiten
gehörten und wenigstens kein Jahr verging, daß nicht ein oder das andere
Fahrzeug auf oder zwischen den Korallen scheiterte, irgendwo ein
Depot anzulegen, in welchem die gerettete Mannschaft Wasser und einige
Provisionen finden konnte.
Dazu erwies sich eben dies Booby-island ganz vortrefflich, und die
praktischen Engländer ergriffen den hier gebotenen Vortheil auch ohne
Weiteres. In den englischen Zeitungen wurde bekannt gemacht, daß jene Insel
für diesen Zweck benutzt werden solle, und dieselbe dem Schutz und der
Pflege englischer Seeleute empfohlen. Vorbeilaufende Schiffe legten dann
dort bei und schafften Fässer mit Wasser und Schiffszwieback, gesalzenes
Fleisch, trockenes Obst und verschiedene andere Lebensmittel in die
Höhle. Selbst eine kleine Anzahl Flaschen spirituoser Getränke wurde nicht
vergessen, wie etwas Tabak für schiffbrüchige Seeleute. Oben auf dem Felsen
befestigte man dann noch eine kleine Flagge und etablirte eine »Postoffice«
-- freilich ohne irgend einen Beamten oder Aufseher.
Es stand dort oben nämlich ein, nur durch ein einfaches Bretterdach
gegen den Regen geschützter Kasten -- eine der gewöhnlichen starken
und angestrichenen Seekisten, wie sie Matrosen statt Koffer gebrauchen.
Darinnen lag etwas Papier, Bleistifte, Oblaten, Couverte etc., und ein
Schild daneben deklarirte den Platz als »Postoffice«, und deutete an, daß
an der Süd-Ostseite der Insel in einer Höhle Provisionen lägen -- falls
dort landende Schiffbrüchige sie nicht schon vorher gefunden hatten.
Fahrzeuge, welche die Torresstraße, von Osten kommend, passirt hatten,
legten nun hier bei, sandten ein Boot an Land und hinterließen in diesem
merkwürdigen Postbureau Namen und Zeit ihrer Durchfahrt, und das nächste
nach Sydney durchgehende Schiff fand dann den Brief, nahm ihn mit und
brachte dadurch die Nachricht nach dem Port viel rascher, als dies auf eine
andere Weise möglich gewesen wäre.
So bestand diese Einrichtung viele lange Jahre, und noch im Jahre 58 hatte
kein australischer Wilder den Platz betreten oder, wenn so, die ziemlich
versteckte Höhle entdeckt. Die dort eingelegten Provisionen blieben
wenigstens unberührt, und wenn auch einzelne der dort aufgehäuften Sachen,
z. B. manche Fässer mit gepökeltem Fleisch in dem heißen Clima verdarben,
so wurden sie doch immer wieder von Zeit zu Zeit durch andere frische
ersetzt, und manche Bootsmannschaft, die sich bis hierher gerettet, segnete
die wackeren Geber, die mitten im Ocean einen Tisch für sie gedeckt und
ihren Hunger und Durst in einer Wüste gestillt hatten.
Es war im November des Jahres 59, daß zuerst ein Canoe der Australier
dorthin, vielleicht auf einer Entdeckungsreise kam. Möglich, daß sie
untersuchen wollten, ob dies kleine Eiland doch vielleicht irgend eine Art
Frucht trage -- denn auf den anderen Inseln waren die Früchte in dem Jahr
nicht gerathen, möglich, daß sie nur Möveneier sammeln oder den Versuch
machen wollten, in der dortigen Gegend zu fischen, kurz sie landeten, und
ein englisches, gerade vorbeikommendes Fahrzeug sah die dunklen Gestalten
kaum oben auf dem kahlen Felsen, als es auch näher heran hielt, einen
seiner kleinen Böller löste und zwei Boote absandte, um die Wilden
zu vertreiben. Es bedurfte aber der Boote nicht einmal; schon bei dem
abgefeuerten Schuß hatten sich die erschrockenen Eingeborenen Hals über
Kopf den Felsen hinunter geworfen, sprangen in ihr Canoe und ruderten
in wilder Hast dem Festlande zu. Die Boote folgten ihnen wohl noch eine
Strecke, aber das Canoe konnten sie nicht einholen; wie ein Pfeil glitt
es über's Wasser, und da sie sich auch nicht zu weit von ihrem Schiff
entfernen durften, kehrten sie auf die Insel zurück, um zu untersuchen, ob
die schwarze, diebische Bande dort schon Schaden angerichtet habe.
Den Kasten oben _mußten_ sie gefunden haben, denn das kleine ihn umgebende
Mauerwerk mit dem Bretterdach darauf wie der Fahnenstange daneben -- an
der der Wind freilich nur noch ein paar dünne verbleichte Lappen gelassen
hatte, war zu deutlich erkennbar; aber sie konnten ihn nicht berührt haben,
denn Alles fand sich noch in vollständiger Ordnung wie vorher, und die
Höhle hatten sie gar nicht entdeckt.
Möglicherweise daß sie den Kasten oben für irgend eine Begräbnißhütte der
»bleichen Männer« gehalten, für irgend einen Zauber auch vielleicht, denn
oben im Sand waren die Spuren ihrer nackten Füße überall zu erkennen, nur
nicht unmittelbar an der »Postoffice«, die sie, wie man deutlich sehen
konnte, scheu umkreist hatten, ohne ihr näher als zehn oder zwölf Schritte
zu kommen.
Die Höhle unten konnten sie aber keinenfalls gefunden haben, denn dort
hätten sie sich schwerlich gescheut, zuzulangen, da sie in dieser Art sonst
gar nicht blöde sind. Die Gefahr war deshalb noch für dießmal abgewandt und
_dies_ Canoe kehrte sicher nicht so rasch dahin zurück -- und andere? --
Man mußte der Sache eben ihren Lauf lassen, denn es gab keinen Schutz für
die dort deponirten Provisionen, als eben die öde und entfernte Lage der
Insel selber. Die Boote fuhren deßhalb noch einmal zum Schiff, brachten ein
Faß frisches Wasser herüber und gingen dann an Bord, um noch vor Nacht
den günstigen Wind zu benutzen und ein Stück in den indischen Ocean
hineinzukommen. Oben in den Kasten hatte der Steuermann aber für
nachkommende Schiffe die Notiz aufgeschrieben, daß er australische Wilde
auf der Insel gefunden und sie davon verjagt habe. Andere Fahrzeuge wurden
gebeten, ein wachsames Auge auf die Canoe's zu halten.
Ende November und Anfang December legten dort noch vier oder fünf fremde
Schiffe bei und notirten, daß sie Alles in Ordnung und keine Spur von
Indianern gefunden hätten.
Ende December, und die letzte günstige Zeit benutzend, von Ost nach Westen
die Straße zu passiren, lief ein kleiner englischer Schooner gegen die
Barrierreefs auf, als es gegen Abend tüchtig zu wehen anfing und eins der
hier sehr häufigen und starken Gewitter von Süden herüber zog. Der Kapitän
hoffte noch Raines Einfahrt zu erreichen, aber die Nacht brach an, ehe er
den auf Raines Eiland errichteten hölzernen Thurm erkennen konnte. Nur die
Brandung an den Riffen selber war deutlich sichtbar und das dumpfe Brausen
der sich überstürzenden Wogen drang klar und deutlich herüber. Nach seiner
Mittags genommenen Observation mußte er sich aber etwa auf der Höhe der
Einfahrt oder wenigstens dicht davor befinden, und um nicht durch das
Wetter zu weit nach Norden aufgetrieben zu werden, hielt er ein wenig von
den Korallenriffen ab und legte dann bei, denn zum Ankern ist die See dort
viel zu tief.
Nicht lange dauerte es, so fegte der Sturm über das Meer, wühlte die Wogen
auf und jagte die Kämme derselben wie dünnen Wasserstaub über die kochende
Fläche. Blitze zischten dabei, der Donner rollte und es wurde eine
bitterböse Nacht, so daß das kleine, außerdem leicht geladene Fahrzeug, nur
vor seinem Vorstengenstagsegel liegend, kaum die Nase den immer wilderen
Sturzseen entgegenhalten konnte. Gegen Mitternacht drehte sich der Wind
nach Süd-Ost und dann fast nach Ost herum, und der Steuermann rieth
jetzt, ernstlich abzufallen, um lieber aus ihrem Cours zu treiben, als der
dringenden Gefahr ausgesetzt zu sein, an die Riffe geworfen zu werden; der
Kapitän sträubte sich dagegen und da er selber von zwölf bis vier Uhr die
Wacht hatte, bedeutete er seinem Offizier, er würde sehen wie sich das
Wetter mache, und wenn es noch eine Stunde so anhalte, die Mannschaft an
Deck rufen lassen.
Der Sturm ließ in dieser Zeit allerdings etwas nach und der Himmel zeigte
schon an einigen Punkten wieder Sterne, aber der Wogengang hatte sich
indessen auch geändert und drängte das kleine, tanzende Fahrzeug mehr und
mehr nach Lee herüber und den gefährlichen Barrier-reefs zu.
Gegen zwei Uhr sprang der Steuermann an Deck; er hatte nicht schlafen
können und das Toben der gar nicht mehr so fernen Brandung unten in seiner,
sogar vom Lande abliegenden Coje gehört.
»Kapitän, um Gottes willen, ich glaube, wir treiben auf die Riffe!«
»Noch nicht, Mr. Brown, aber ich denke selber, daß es Zeit wird,
abzufallen; der Wind hat etwas nachgelassen und wir dürfen ein wenig
Leinwand zeigen. Rufen Sie Ihre Wacht an Deck.«
Die Wacht kam, schlaftrunken nach der kurzen Rast, langsam
herausgeklettert; der Bug fuhr, dem Steuer rasch gehorchend, herum, und die
Leute hingen eben an den Fallen, um die Gaffel des schweren Schoonersegels
aufzuhissen, als es von Osten her mit erneuter Wuth über die See brauste.
Es war »eine frische Hand am Blasbalg«, wie die Seeleute sagen, und in
der Dunkelheit hatten sich die dort schon lange aufquellenden Wolkenmassen
nicht erkennen lassen. Wohl versuchten jetzt trotzdem die Leute ihr
Aeußerstes, das Segel zu setzen, aber die Flanke dem Sturm zugedreht,
war es der überdieß schwachen Bemannung nicht möglich, mit so furchtbarer
Gewalt legte sich riesenschwer der Wind hinein. Aufdrehen konnten sie auch
nicht mehr dagegen, und abfallen vor dem Sturm, den Riffen gerade entgegen?
-- und doch blieb nichts Anderes übrig; der Versuch mußte wenigstens
gemacht werden.
Zu spät! »Brandung voraus!« schrie einer der Leute, der nach oben gelaufen
war, um eins der Falle klar zu machen, und »Brandung in Lee!« tönte der
Schreckensruf dazwischen. Die Leute ließen die Taue los, während sich der
Sturm in dem nur etwas aufgehißten Segel fing -- der Kapitän sprang selber
zum Rad, um den Versuch zu machen, das seinem Geschick verfallene Fahrzeug
von der gefährlichen Küste abzudrehen -- _zu spät!_ Die Wogen hatten
es gefaßt und jagten es mehr und mehr dem schon deutlich und unheimlich
leuchtenden Gürtel der Brandungswellen zu; der Bug gehorchte zwar noch
einmal dem Steuer, aber ein anderer Windstoß schlug das Segel zurück. Der
Kapitän schrie seine Befehle über Deck, aber Niemand verstand ihn in dem
Aufruhr der Elemente, in dem furchtbaren Toben der Brandung. --
Willenlos setzte das Fahrzeug nach Lee zu und jetzt -- eine einzige wilde
Brandungswoge jagte über Deck, der Schooner wurde wie von einer Riesenfaust
emporgehoben, im nächsten Augenblick krachten Masten und Balken --
ein dumpfer Stoß folgte, und der Steuermann, der das Gangspill in dem
entscheidenden Moment umklammert hatte, fühlte plötzlich, daß das _Wrack_
in ruhigem Wasser lag und dieselbe Brandungswoge, die eben noch über ihr
Deck gestürzt, das gescheiterte Fahrzeug nicht mehr erreichen konnte.