Er konnte das Bild nicht aus seiner Erinnerung zwingen, wie er Clemence zum

ersten Mal in Wiesbaden gesehen: an jenem grünen Tisch in der Spielhölle,

den hübschen schlankgewachsenen Franzosen hinter ihrem Stuhl. -- Er konnte

den Blick nicht vergessen, den sie ihm einmal -- gerade als sein Auge

zufällig auf ihr haftete, zugeworfen -- aber wenn ihr Mann sie nun

gezwungen hätte, dem Spiel beizuwohnen? und es gab eigentlich nichts

Natürlicheres, denn er konnte die junge Frau in einem solchen Badeort doch

nicht den ganzen Abend allein, und sich selber überlassen. -- Aber der

Blick -- dieser eine Blick. -- Doch wie ungerecht war sein Verdacht, denn

wenn sie zu jenem auch nur in der geringsten freundlichen Beziehung stand,

so hätte sie doch wahrlich auch ihn um seinen Beistand bei ihrer Flucht

gebeten, und sich nicht an den vollkommen Fremden gewandt. -- Fremden? --

nein, sie hielt ihn nicht für fremd -- sie wußte ja ihren eigenen lieben

Worten nach -- wie lange er sie schon im Herzen getragen, und da sie das

wußte und gerade ihn zu ihrer Hülfe wählte, mußte sie ihm doch auch ein

klein wenig gut sein, oder sie würde es nicht gethan haben. Wie gern hätte

er sich auch mit ihr ausgesprochen; aber die verwünschte Kammerzofe

ging ihr nicht von der Seite. Und was für ein durchtriebenes kokettes

Frauenzimmer das war. Bildhübsch in der That, mit einem kleinen kecken

Stumpfnäschen und großen klugen und dunklen Augen; die aber hatte sie auch

eben überall, und weshalb flüsterte sie nur immer so viel und geheimnißvoll

mit Clemence? -- Die Person hatte sie doch hoffentlich nicht zu ihrer

Vertrauten gemacht? -- es war ihm das ein peinlicher Gedanke. Aber er sah

auch recht gut ein, daß sie eine weibliche Begleitung haben mußte und für

die kurze Zeit mochte es denn ja auch gehen.

Der Aufenthalt in dem engen dumpfen und noch recht altväterlich gebauten

Hause wurde ihm zuletzt drückend, und er beschloß, einen Spaziergang

nach der Ruine hinauf zu machen. Gar zu gern hätte er Clemence um ihre

Begleitung gebeten; aber er wagte es nicht. Es war heute der erste Tag,

und er mußte ihr den ungestört lassen, um sich vollkommen auszuruhen. Sie

blieben ja auch jedenfalls morgen noch hier, und dann erfüllte sie gewiß

seinen Wunsch. Dann konnte er Alles, Alles mit ihr besprechen, was ihm

auf dem Herzen lag und es war vielleicht sogar besser, daß das erst morgen

geschah; er fühlte sich dann auch selber mehr mit sich im Reinen. Der

morgende Tag sollte deshalb sein Schicksal entscheiden. Er that es auch

wirklich.

Langsam stieg er den ziemlich steilen Pfad empor, der hinauf zu der alten

prachtvollen Ruine führte -- aber er traf zu viel Menschen unterwegs

-- Kinder aller Nationen, die hier zusammenkamen, um an den Wundern des

Rheines zu schwelgen und den vortrefflichen Wein dazu zu trinken. Er fühlte

sich heute wahrlich nicht in der Stimmung, unter ihnen zu verkehren und

schlug sich seitab in die Büsche, wo er einen Platz suchte, auf dem er

ungestört ausruhen und mit dem Rhein und der alten Ruine Rheinfels vor sich

das prachtvolle Bild in voller Ruhe genießen konnte.

So lag er lange und träumend dicht versteckt im Gehölz, und wenn manchmal

einzelne Gruppen von Spaziergängern in dem weiter oben hinlaufenden Pfad

stehen blieben um die Aussicht zu genießen, so konnte er deutlich hören,

was sie mit einander sprachen, ohne von ihnen dabei gesehen zu werden. Aber

was interessirten ihn diese Unterhaltungen. Die Leute sprachen sich mit

schaalen Phrasen über die Schönheit der Gegend aus oder zeigten sich von da

oben aus die Stellen, wo guter Wein zu haben war. Einmal erzählten sie auch

von der Eisenbahn, daß der letzte, von Mainz kommende Zug entgleist und

dicht vor Rüdesheim liegen geblieben sei, so daß die Bahn verstopft wäre

und man nicht wisse, ob sie heute noch wieder frei würde -- dann gingen

sie weiter und bedauerten noch dabei, daß sie nun wahrscheinlich das

»Frankfurter Journal« nicht erhielten.

Der Zug entgleist? -- aber was kümmerte ihn das? Es konnte höchstens nur zu

ihren Gunsten sein, da dadurch die Verbindung mit den südlicher gelegenen

Uferplätzen, wenn auch nicht abgeschnitten, doch jedenfalls erschwert

wurde. -- Aber die Zeit verging, er wußte gar nicht wie lange er schon

gelegen und die Sonne neigte sich wieder den Bergen zu. Durfte er denn auch

seine Schützlinge so lang allein lassen? Konnte er wissen, was indessen

da unten vorfiel? Wenn nun der Zufall sein Spiel doch hatte. Er sprang,

erschreckt von dem Gedanken, auf, und eilte, so rasch er konnte, in die

Stadt zurück, um sich wenigstens darüber erst einmal zu beruhigen. Aber die

Befürchtung war glücklicherweise grundlos gewesen, denn er fand dort Alles

noch gerade so, wie er es verlassen hatte, nur, daß die Damen, wie es

schien, mit dem Essen auf ihn gewartet hatten.

»Aber Monsieur,« rief ihn die Kammerzofe an, die ihm auf der Treppe

begegnete -- »wo bleiben Sie so lange? Wir haben gewartet und gewartet und

Monsieur vielleicht indessen in aller Ruhe oben in der Stadt dinirt. Wir

sind so hungrig, daß wir es kaum noch aushalten können.«

»Das bedaure ich in der That unendlich« rief Trautenau bestürzt, aber doch

auch im Stillen erfreut, daß Clemence seinetwegen gewartet hatte. »Hätte

ich eine Ahnung davon gehabt, ich wäre gewiß eine Stunde früher gekommen.

Haben Sie das Essen schon bestellt?«

»Gewiß, das Mädchen hat Ordre es sofort zu bringen, sowie wir die Nachricht

Ihrer Ankunft erhielten. Ich werde sie gleich rufen. Bitte gehn Sie nur

hinauf zur gnädigen Frau.«

Am liebsten hätte er das freilich gethan, aber er mußte doch erst

hinüber in sein Zimmer, um sich von der Hitze und dem Staub seines langen

Spazierganges zu säubern, und als er das beendet, fand er Jeannette schon

wieder bei ihrer Herrin, und das dralle Mädchen aus dem Wirthshaus eben

emsig beschäftigt die bestellten Speisen aufzutragen. Wie er sich aber

nun gegen Clemence seines langen Ausbleibens wegen entschuldigen wollte,

unterbrach sie ihn freundlich und lächelte:

»Aber Sie sollen ja doch nicht unser Sclave sein, lieber Trautenau,

wenn wir Sie zu unserm Ritter ausgewählt haben. Wir haben hier Nichts zu

versäumen und der Abend bleibt uns ja so noch immer, um hier am offenen

Fenster ein paar Stunden zu plaudern, oder vielleicht auch einen kleinen

Spaziergang im Mondenschein am Rhein zu machen. -- Aber bitte, wollen Sie

nicht Platz nehmen?«

Trautenau's Augen leuchteten. So herzlich hatte Clemence noch nie zu

ihm gesprochen, selbst nicht als sie ihn um seine Hülfe bat -- aber die

Kammerjungfer war ihm im Weg; er hätte ihr so gern eben so geantwortet;

in deren Gegenwart ging das nicht, denn wenn sie sich auch hie und da im

Zimmer zu thun machte, wußte er doch recht gut, daß sie trotzdem jedes Wort

bewachte, auf jeden Blick selbst paßte. Vielleicht erhielt er aber am Abend

bei dem versprochenen Spaziergang Gelegenheit ihr zu sagen, wie glücklich

sie ihn dadurch gemacht, und jetzt deshalb nur mit ein paar höflichen

Worten erwidernd, setzte er sich mit den Damen zu Tisch.

Es war in der That spät geworden und die Sonne selbst schon untergegangen.

Trautenau mußte aber während des Essens von seinem Spaziergang erzählen und

that das in so lebendiger Weise, daß Clemence ihm gespannt und aufmerksam

lauschte.

Da klopfte Jemand draußen laut und deutlich zwei Mal an die Thür und

Jeannette fuhr entsetzt von ihrem Stuhl empor -- Niemand antwortete -- noch

einmal klopfte es, als Trautenau, der sich den augenscheinlichen Schrecken

auch in Clemencens Zügen nicht erklären konnte, ärgerlich über die

Störung »Herein« rief. In dem Augenblick öffnete sich die Thür und in dem

Dämmerlicht des Abends erkannte die kleine Gesellschaft den Major, der

höhnisch lächelnd, mit triumphirendem Blick die überraschte Gruppe mit den

Augen überflog.

»Ich störe doch nicht?« sagte er endlich mit seiner trockenen, aber

unheimlich klingenden Stimme, denn die erregte Leidenschaft lauerte

dahinter -- »sollte mir wirklich leid thun Madame -- =et Monsieur aussi= --

da finde ich ja die ganze kleine Gesellschaft gemüthlich bei einander.«

»Herr von Reuhenfels,« stammelte Trautenau, der entsetzt von seinem Stuhl

aufgesprungen war.

»Kuno!« hauchte Clemence und war bleich auf ihren Stuhl zurückgesunken.

Selbst Jeannette wechselte die Farbe, obgleich sie für sich selber

wenig oder nichts zu fürchten hatte. Reuhenfels schien sich aber an dem

Schrecken, den seine Erscheinung unter den Flüchtigen verbreitete, mit fast

teuflischer Schadenfreude zu weiden und selbst in der Ueberraschung des

Augenblicks drängte sich Trautenau der Gedanke auf, daß der Major noch

nie im Leben dem Bilde, das er an jener Wand entworfen, so ähnlich gewesen

wäre, wie in diesem Augenblick.

Aber die Stille dauerte nicht lange. Haß und Rache, die in des betrogenen

Gatten Augen blitzten, mußten endlich zum Ausbruch kommen und mit vor Wuth

heiserer Stimme sagte er endlich:

»Also dahin ist es mit Ihnen gekommen, Madame, und mein Verdacht, den ich

als gutmüthiger Thor selber einzuschläfern suchte, war doch begründet? Aber

Sie sollen diesen nichtswürdigen Undank bereuen -- bitter bereuen, darauf

gebe ich Ihnen mein Wort, und daß ich mein Wort halte, wissen Sie, sollte

ich denken -- gut genug. Und nun zu Ihnen mein Herr, der Sie es gewagt

haben, in das Heiligthum einer glücklichen Ehe die frevle Hand zu stecken.

Ich weiß nicht, ob Sie ein Mann von Ehre sind -- was ich bis jetzt davon

gesehen habe, spricht wenigstens nicht dafür -- wenn dem so ist, so folgen

Sie mir in ein anderes Zimmer, daß wir das Nöthige dort besprechen können.«

»Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Major,« rief Trautenau, dessen Antlitz

bei den beleidigenden Worten alles Blut verlassen hatte -- »wo und wann

Sie wollen und werde Ihnen beweisen, daß Sie gerade der Letzte sein dürfen,

einen rechtschaffenen Mann an seine Ehre zu mahnen. Weitere Worte, glaube

ich, werden wohl fortan unnöthig sein.«

»Ich glaube es auch,« zischte der Major in Haß und Bosheit, denn die

Anspielung des jungen Mannes auf sein vergangenes Leben war zu deutlich

gewesen um sie mißzuverstehen. »Folgen Sie mir, und Sie, Madame, werden

dies Zimmer nicht verlassen, bis ich zurückkehre, um Ihnen meine weiteren

Befehle kund zu thun.«

»Mein Herr!« rief jetzt Clemence erzürnt von ihrem Stuhl emporfahrend --

Reuhenfels würdigte sie aber keines weiteren Blicks. »Ich weiß, daß Sie

gehorchen werden,« sagte er tückisch und verließ das Zimmer, während

Trautenau seinen Hut ergriff, um ihm zu folgen. So aber und ohne ein Wort

des Abschieds konnte er Clemence nicht verlassen. Bewegt und zitternd vor

Aufregung schritt er auf sie zu und ergriff ihre Hand.

»Fürchten Sie Nichts, Clemence,« sagte er leise und rasch -- »so lange ich

lebe haben Sie einen Freund, der Sie nicht verlassen soll.«

»Er wird Sie tödten,« hauchte Clemence -- »er trifft mit der Pistole eine

Schwalbe im Flug.«

»Ich selber bin nicht ungeübt darin,« erwiederte Trautenau trotzig, »ich

schieße rasch und sicher. Noch ist es möglich, Ihnen Ihre volle Freiheit

wieder zu geben.«

»Und für mich wollen Sie in den Tod gehen,« bat das junge schöne Weib,

jetzt wirklich furchtbar ergriffen, »ach, ich habe es nicht um Sie

verdient!« und Thränen glänzten dabei in ihren Augen.

»Jetzt komme was da wolle!« rief Trautenau jubelnd aus, denn diese Thränen

waren ihm der erste Beweis ihrer Liebe -- »Du weinst um mich, Clemence, und

so möcht' ich sterben. Aber es lebt ein Gott! er wird mir nicht die höchste

Seligkeit des Lebens zeigen, um mich dann nur verzweifelnd von der Erde zu

nehmen. Lebe wohl, auf baldiges frohes Wiedersehen.« -- Sie stürmisch in

die Arme pressend, drückte er den ersten Kuß auf ihre Lippen, und wie

er jetzt zur Thür hinauseilte, wäre er dem Bajonnetangriff eines ganzen

Bataillons mit nackter Brust jauchzend entgegen gerannt.

Draußen empfing ihn der Major mit eisiger Kälte.

»Ist es gefällig?« sagte er, und öffnete eine Thür, die in einen jetzt

leer stehenden düsteren Saal hineinführte. »Es ist allerdings schon etwas

dunkel, aber zu dem, was wir zu reden haben, brauchen wir wohl kein Licht.«

Trautenau folgte ihm, und die Thür hinter sich zudrückend, fuhr der Major

mit halblauter und jetzt vollkommen leidenschaftloser Stimme fort:

»Ich habe diesen Augenblick lange herbeigesehnt, denn von dem Moment an, wo

ich entdeckte, welchen frechen Scherz Sie sich mit mir erlaubt, schwor ich

es mir zu, daß unser erstes Begegnen auch unser letztes sein sollte. In

Wiesbaden entschlüpften Sie mir freilich. -- Sie wissen selber am Besten

wie, jetzt hoffe ich aber, daß wir unser Geschäft mit einander erledigen,

ehe wir uns trennen, denn ich möchte Ihnen doch gern eine Erläuterung dazu

geben, was es heißt, »den Teufel an die Wand malen.«

»Ich sehe dieser Erläuterung mit großer Ruhe entgegen, Herr Major,«

erwiderte Trautenau kalt. »Ich werde Ihnen dann auch beweisen können, daß

ich Ihnen in Wiesbaden nicht »entschlüpft« bin, wie Sie sich auszudrücken

belieben, sondern nur, um eine Frau von der teuflischen Tyrannei --«

»Halten Sie ein, mein Herr,« unterbrach ihn gebieterisch der Major, »wir

wollen nicht mit Worten, sondern mit Waffen fechten. Heute Abend ist es

freilich dafür zu dunkel -- ich konnte leider nicht früher eintreffen, da

der Zug entgleiste und ich das nächste Dampfboot benutzen mußte, um heute

Abend noch den Ort hier zu erreichen. Da auch kein Zug vor morgen früh neun

Uhr von hier wieder stromauf gehen kann, bleibt es sich gleich, und wir

können das Tageslicht abwarten, um unsern -- wie ich jetzt vermuthen muß --

beiderseitigen Wunsch zu erfüllen. Sind Sie am anderen Ufer bekannt?«

»So ziemlich, ich war erst vor wenigen Wochen längere Zeit dort. Aber

weshalb?«

»Weil ich auf nassauisches Gebiet zurückkehren muß, möchte ich unser

Geschäft im Preußischen erledigt sehen. Kennen Sie den hinteren Thurm an

der Ruine Rheinfels? Gleich darunter ist ein kleiner offener Platz.«

»Ich erinnere mich.«

»Gut -- sein Sie dort morgen früh eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang,

Waffen bringe ich mit. Haben Sie einen Secundanten?«

»Nein -- ich kenne Niemanden hier.«

»Ich habe viele Officiere heute Abend in St. Goarshausen gesehen. Sie

werden leicht einen der Herrn dazu bewegen können.«

»Ich denke ja.«

»Gut -- weiteres ist nicht nöthig. Es bleibt Ihnen der ganze Abend dazu, da

Ihre weitere Anwesenheit im Hôtel,« setzte er höhnisch hinzu, »doch nicht

mehr verlangt wird. Für Madame werde ich selber sorgen. Sie kommen gewiß?«

»Schon die Frage ist eine unwürdige Beleidigung,« sagte Trautenau finster,

»ich hoffe der Erste auf dem Platz zu sein.«

»Gut, mein Herr Maler,« erwiderte Reuhenfels sarkastisch, »ich werde Sie

nicht lange warten lassen.«

Elftes Capitel.

Die Entscheidung.

Trautenau verließ das Hôtel, um an den Rhein hinab zu gehen. Wenn er aber

auch sonst friedlicher, fast sanfter Natur war, und sein Pistolenschießen

nur als eine interessante Uebung betrieben hatte, von der er nie im Leben

einen ernstlichen Gebrauch erwartete, so konnte er jetzt kaum den anderen

Morgen erwarten, wo er Dem gegenüberstehen sollte, den er nun als seinen

ärgsten Feind kannte und haßte. Clemencens Kuß brannte ihm ja noch auf den

Lippen, und er fühlte, daß Einer von ihnen Beiden -- Reuhenfels oder er,

die Erde räumen müsse -- es war nicht Platz darauf für Beide.

Mit diesen Gedanken schritt er rasch den Rhein hinab, und es dauerte nicht

lange bis er zwei nassauische Officiere traf, die Arm in Arm am Rhein

spazieren gingen, und denen er ohne Weiteres sein Anliegen vortrug. Er war

vollkommen fremd hier und hatte morgen früh, zum Schutz einer Dame, eine

Ehrensache auszumachen -- ob ihn Einer der beiden Herren dabei unterstützen

wolle?

»Wie ist Ihr Name?« frug der Eine der Officiere.

»Trautenau -- ich bin Maler, und nur zum Besuch an den Rhein gekommen.«

»Und wo ist das Rendezvous?«

»Dort drüben gleich hinter der Ruine; ich werde hier morgen früh etwas

vor Sonnenaufgang ein Boot bereit halten, da wir eine halbe Stunde nach

Sonnenaufgang an Ort und Stelle sein müssen.«

»Ich werde Sie begleiten,« lautete die Antwort -- »mein Name ist von

Klingen -- haben Sie Waffen?«

»Mein Gegner wollte sie besorgen.«

»Pistolen oder Säbel?«

»Pistolen.«

»Gut -- ich werde zur Vorsorge noch meine eigenen mitbringen, die Herren

können dann wählen -- aber dann muß ich gleich nach Hause, um Alles in

Stand zu setzen.«

Die jungen Leute drückten sich die Hand und Trautenau wanderte noch

schweigend und seinen Gedanken nachhängend in die Nacht hinaus.

Er dachte an Frank und was der zu dem Allen sagen würde, wenn er es erfuhr.

Der hatte ihn wohl genug gewarnt, aber konnte er denn anders handeln,

als er es gethan? und würde sich Frank, an seiner Stelle, nicht genau so

benommen haben? Arme Clemence! was wurde aus ihr, wenn er in dem morgenden

Zweikampf fiel? war sie dann nicht elend für ihr ganzes Leben? Doch ihr

Schicksal lag ja in Gottes Hand, und dem wollte er vertrauen, daß er noch

Alles zum Besten führe. Wozu sich jetzt auch unnöthige Sorgen machen, die

ihn nur weich stimmten und entmannten. Mit kaltem, ruhigen Blut mußte er an

die Arbeit gehen, denn nur dann konnte er hoffen zu siegen.

Am nächsten Morgen war er lange vor Tag auf und in seinen Kleidern. Einen

Schiffer hatte er sich noch am vorigen Abend bestellt, der auch schon mit

seinem Boot wartete; der Officier fand sich ebenfalls pünktlich ein, und

schon näherten sie sich dem anderen Ufer, als die ersten Strahlen der

Morgensonne die höchsten Thürme der alten Ruine vergoldeten. Sie durften

sich fest überzeugt halten, daß sie pünktlich und auch noch vor dem

Gegenpart das Rendezvous erreichen würden, denn daß dieser schon vor ihnen

aufgebrochen sei, ließ sich nicht gut denken.

Der Morgen war frisch, aber wunderbar schön und klar, und der Thau blitzte

von allen Zweigen und Grashalmen funkelnd wieder. Aber Trautenau war

nicht in der Stimmung, das heute zu beachten, denn er ging einen ernsten,

schweren Weg, und wer wußte denn, ob nicht sein Blut bald häßliche Flecken

auf diese Gräser werfen würde, wenn sie ihn, schwer verwundet oder todt

wieder zurück zum Ufer trugen. -- Doch gewaltsam schüttelte er alle diese

Gedanken ab -- er durfte sich ihnen nicht hingeben und sein einziger Wunsch

war, jetzt den Gegner schon auf dem Platz zu finden, um -- was sie zu

erledigen hatten, so rasch als möglich abzumachen.

Aber der Platz, als sie ihn erreichten, war noch leer: nur die Vögel

zwitscherten in den benachbarten Büschen und ein Zug Krähen strich

krächzend von dem einen alten Thurm ab, hinüber dem Walde zu.

»Wir sind die Ersten,« begann der Officier, als er den Platz überschaute.

»Ich hoffe, wir werden nicht lange zu warten haben,« erwiederte Trautenau,

»er versprach, pünktlich auf dem Platz zu sein.«

»Ich glaube, wir sind noch etwas vor unserer Zeit, aber desto besser;

es ist immer ein unangenehmes Gefühl, den Gegner schon uns erwartend zu

finden.«

Trautenau nickte schweigend mit dem Kopf und schritt, die Arme verschränkt,

auf dem kleinen offenen Raum auf und ab, -- aber Reuhenfels ließ lange

auf sich warten, -- höher und höher stieg die Sonne, und als der Secundant

wieder und wieder auf seine Uhr sah, rief er endlich aus:

»Aber zum Teufel auch, der Herr ist jetzt wenigstens schon drei Viertel

Stunden hinter seiner Zeit. Sind Sie auch gewiß, daß er überhaupt kommt?«

»Ich habe nicht den geringsten Grund, daran zu zweifeln, und begreife es

selber nicht. Ob er am Ende kein Boot bekommen hat?«

»Zehne für eins, wenn er sie haben wollte. Zwischen den beiden Orten

wechseln ja die Boote fortwährend herüber und hinüber. Das kann ihn nicht

zurückgehalten haben. Welche Zeit hatte er Ihnen bestimmt?«

»Eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang.«

»Die Sonne ist jetzt fast anderthalb Stunden hoch. Wir wollen noch eine

halbe Stunde warten, dann sind wir aber an Nichts mehr gebunden. Sie wären

jetzt schon völlig berechtigt, den Platz wieder zu verlassen.«

»Lassen Sie uns noch warten,« bat Trautenau, und wieder schritten die

beiden Männer eine Zeitlang schweigend auf und ab, aber es erschien

Niemand, ja noch kurz vor der gestellten Frist hörten sie sogar lautes

Lachen und schwatzende Leute, eine Gesellschaft von Reisenden, die auf die

Ruine gestiegen waren und jetzt wahrscheinlich einen Spaziergang in der

Nachbarschaft machen wollten.

»Mein lieber Herr Trautenau,« sagte der Officier, indem er seinen kleinen

Pistolenkasten unter den Arm nahm, »ich kann Ihnen bezeugen, daß Sie Ihre

übernommene Pflicht auf das Vollständigste erfüllt und jedem Gesetz der

Ehre genügt haben. Ihr Gegner ist -- aus welchem Grunde auch immer --

ausgeblieben. Lassen Sie uns zurückkehren und zusammen frühstücken, denn

ich fange an hungrig zu werden.«

Zwischen den Büschen wurden in der That schon die hellen Gestalten der

Spaziergänger sichtbar; sie durften hier gar nicht länger bleiben, wenn

sie nicht auffallen wollten und Trautenau selber schritt jetzt an seines

Begleiters Seite um die Ruine herum, damit sie den Fremden nicht mit dem

Pistolenkasten in den Weg kamen. Unterwegs begegneten sie auch Reuhenfels

nicht und Trautenau begriff nicht, was ihn abgehalten haben konnte;

denn wie auch immer sein Charakter sein mochte, für feige hielt er ihn

nimmermehr.

Unten in St. Goar angelangt, bestellten sie rasch ein Boot und setzten sich

indessen in eines der nächsten Weinhäuser, um etwas zu frühstücken, denn

der Magen verlangte sein Recht. Trautenau, von Ungeduld gepeinigt, wäre

allerdings am liebsten gleich nach St. Goarshausen zurückgekehrt, aber der

Officier ließ ihn nicht los und er konnte ihm die Gefälligkeit, noch eine

Viertelstunde bei ihm auszuhalten, nach der ihm geleisteten nicht versagen.

Jetzt lag das Boot bereit und brachte sie wieder über den Strom hinüber,

ihrem Ziel entgegen, und Trautenau eilte nun, so rasch ihn seine Füße

trugen, in das goldene Roß hinüber, um dort den Major seines Wortbruchs

wegen zur Rede zu stellen.

Im goldenen Roß hatte sich indessen eine andere Scene zugetragen, die

allerdings das Ausbleiben des Herrn von Reuhenfels, soweit es seinen

persönlichen Muth betraf, vollkommen entschuldigte.

Der genannte Herr war ebenfalls lange vor Tag aufgestanden und fertig zum

Aufbruch, sah seine Pistolen noch einmal nach, ob auch Alles in tüchtigem

Stand wäre, füllte das kleine Pulverhorn, das er in die Tasche schieben

konnte, aus einem größeren, und hatte die Uhr dabei vor sich auf dem Tisch

liegen, damit er den richtigen Moment nicht versäume.

Der Hausknecht stand unten im Flur und putzte die Stiefeln der

verschiedenen Gäste, als die Hausthür geöffnet wurde und ein Fremder -- zu

so früher Stunde allerdings etwas Ungewohntes, darin erschien.

»Sagen Sie mir, lieber Freund,« redete er den Hausknecht an, »ist gestern

Abend oder in der Nacht, wohl noch ein Fremder hier im goldenen Roß

angekommen, der zu einem paar Damen gehört?«

»Heute Nacht nicht, aber gestern Abend,« sagte der Mann -- »No. 11«.

»In der That? Wie sah er aus, wenn ich fragen darf?«

»Na, wie soll er aussehn -- wie andere Fremde auch.«

»Trägt er einen Bart?«

»Ja, einen Backenbart glaub' ich -- ein Bischen breit.«

»Aber keinen Schnurrbart?«

»Ich glaube nicht, aber da müssen Sie seinen Barbier fragen.«

Der Fremde drückte dem Hausknecht ein Guldenstück in die Hand, was dieser

mit äußerstem Erstaunen betrachtete.

»Hollo?« rief er, »so früh Morgens? -- der Tag fängt gut an.«

»Es war noch ein anderer Herr bei den Damen, wie?« frug der Fremde weiter.

Der Hausknecht nickte -- »Ja und die Beiden haben sich mit einander

gezankt,« erzählte er, denn der Gulden hatte ihn gesprächig gemacht, --

»sie waren zusammen im großen Saal allein, und wie ich den fremden Herrn

heute Morgen weckte, und ihm Licht ansteckte, hatte er einen offenen

Pistolenkasten vor seinem Bett auf dem Stuhl stehen!«

»So? -- das war der Letztgekommene?«

»Ja.«

»Und ist er noch auf seinem Zimmer?«

»Gewiß, aber lange wird er nicht mehr bleiben, denn sonst hätte ich ihn

nicht vor Tag zu wecken brauchen.«

»Da kommt Jemand die Treppe herunter.«

Der Hausknecht sah hinauf, schüttelte aber mit dem Kopf, -- »ne, das ist

der Andere.«

Der Fremde zog sich in den Schatten des Geländers zurück, bis Trautenau

das Haus verlassen hatte; dann folgte er ihm langsam bis zur Thür und

blieb dort wohl noch zehn Minuten stehen. Endlich pfiff er leise auf einem

kleinen Instrument und es dauerte nicht lange, so traten auch vier andere

Männer in die Flur, von denen der Eine die Uniform der Landes-Polizei trug.

»Ich denke wir haben den Burschen,« meinte der Fremde jetzt, zu diesem

gewandt, »denn was ich eben von dem Hausknecht gehört, läßt kaum noch einen

Zweifel. Unser Extrazug wird sich wahrscheinlich bezahlt machen.«

»Daß wir nur keinen Verkehrten fassen,« entgegnete der Polizeibeamte, --

»kennen Sie ihn persönlich?«

»Allerdings, -- Herr von Reuhenfels, der sich in Wiesbaden »zu Berg«

nannte, ist eine zu allbekannte Persönlichkeit, und war jeden Abend in der

Spielbank zu treffen -- ebenso wie seine schöne Frau.«

»Und was wird mit der Dame?«

»Es ist keine Anklage gegen die Dame erhoben; wir werden sie nicht

belästigen.«

Oben wurde in diesem Augenblick geklingelt.

»Das ist auf No. 11,« rief der Hausknecht, -- »ich soll ihm den Kasten

hinunter zum Wasser tragen.«

»Gut -- gehen Sie hinauf,« sagte der Polizeibeamte. »Wir sind hier um

den Herrn zu verhaften. -- Sollte er Widerstand leisten, so sind Sie

verpflichtet, uns beizustehen. Sie haben mich doch verstanden?«

»Ja wohl -- gewiß.«

»Und wenn Sie ein Wort oben äußern, könnten Sie in die schlimmste Lage

kommen, lieber Freund.«

»Werde mich hüten,« brummte der Hausknecht; der Herr da oben schien aber

ungeduldig, denn eben klingelte es zum zweiten Mal, und bedeutend stärker

als vorher.

Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 7 / 16 段