Der nächste Morgen kam, und in demselben Moment, als vor dem Kurhaus wieder

(eine ganz merkwürdige Melodie für ein, zu Spielhöllen benutztes Gebäude)

der Choral begann, läutete draußen am Bahnhof die Glocke, die Locomotive

pfiff und in einem Coupé erster Classe saßen, glücklich entkommen, unsere

drei Flüchtigen und dampften, unmittelbar an dem schönen Strom hinab, der

Freiheit entgegen.

Von Reuhenfels lag indessen noch in seinem Bett und schlief sanft, denn er

war gestern sehr lange mit Freunden auf und beisammen, und vielleicht etwas

schärfer hinter der Flasche gewesen, als gewöhnlich. Es mochte halb acht

Uhr sein, als er endlich aufstand, denn die in sein Zimmer fallenden

Sonnenstrahlen genirten ihn. Er wusch sich und zog sich an, stopfte sich

dann eine Pfeife, zündete sie an und lehnte sich damit zum Fenster hinaus,

um die wundervolle Morgenluft zu genießen -- aber er bekam Appetit nach dem

Caffee und draußen schlug es schon acht Uhr. Wo blieb nur Clemence heute?

Er war nicht besonders guter Laune, denn er hatte gestern Abend wieder

ein paar hundert Thaler verloren und doch gerade auf Glück gehofft, auch

schmeckte ihm, nach der halb durchschwärmten Nacht, der Taback heute

Morgen nicht besonders. Er wurde endlich ärgerlich, daß die Frau noch nicht

zurückkam, und klingelte nach dem Caffee. Bis er kam, schritt er langsam

und mit finster zusammengezogenen Brauen in dem kleinen, aber freundlichen

Gemach auf und ab, als sein Blick zufällig auf den runden, in der Ecke

stehenden Tisch fiel und er dort einen noch geschlossenen Brief bemerkte.

Er nahm ihn und las die Adresse, aber das Herz stand ihm still dabei, denn

die Aufschrift lautete nicht, wie er jetzt alle seine Briefe erhielt --

Dem Herrn Baron zu Berg, sondern: Dem Major von Reuhenfels, und das war die

Handschrift seiner Frau.

Mit zitternden Händen riß er das zierlich gefaltete Blatt auseinander

und las, während seine Augen Feuer sprühten und seine Zähne sich fest

zusammenbissen:

»Herr Major! Wenn diese Zeilen in Ihre Hände fallen, bin ich frei von

einer verhaßten und unerträglich gewordenen Verbindung. Versuchen

Sie nicht, mir zu folgen; es wäre nutzlos. Ich habe den Freund

wiedergefunden, für den das Herz der Jungfrau in erster Liebe schlug

-- ich werde nie wieder von seiner Seite weichen. Meine Mutter wird das

Geschäftliche mit Ihnen besorgen und die Verbindung lösen, die ich in

unseliger Verblendung eingegangen. Leben Sie wohl.

Clemence Joulard.«

Einen Moment stand Reuhenfels sprachlos vor Wuth und Schreck und Staunen

über das noch Unbegreifliche -- aber das dauerte nicht lange. Er war

wahrlich nicht der Mann, etwas derartiges ruhig und geduldig über sich

ergehen zu lassen, und wie er nur erst wieder denken und überlegen konnte,

fuhr er auch wild und entschlossen empor.

»Versuchen Sie nicht mir zu folgen?« rief er höhnisch vor sich hin --

»hoho Madame. Sie haben sich in mir geirrt, wenn Sie glaubten, daß Sie

mir entgehen könnten, und nur leichtsinnig und unüberlegt war es von Ihnen

gehandelt, mir den Schurken zu bezeichnen, der es gewagt hat, in

meine Rechte einzugreifen. Ich kenne ihn, diesen gemeinen tückischen

Farbenschmierer der -- aber alle Teufel!« unterbrach er sich plötzlich

rasch, indem ein neuer Gedanke sein Hirn kreuzte. »Sollte Clemence? -- Sie

ist bei Gott schlau genug, um ihr etwas Derartiges zuzutrauen.« --

Rasch stellte er die, überhaupt schon lange ausgegangene Pfeife in die

Ecke und beendete in Hast seine Toilette. Zugleich klingelte er nach dem

Stubenmädchen, um zu erfahren, ob die Kammerfrau auf ihrem Zimmer wäre. Das

Mädchen kam nach wenigen Minuten zurück und meldete, das Fräulein sei

heute Morgen mit der gnädigen Frau nach dem Bahnhof gefahren und noch nicht

zurückgekehrt.

»Es ist gut!« brummte Reuhenfels zwischen den Zähnen durch und war wenige

Minuten später zum Ausgehen gerüstet. Aber nicht nach dem Bahnhof eilte er

hinüber, sondern nach Armands Wohnung, zu dessen Zimmer er ohne Weiteres

hinaufsprang.

Dort klopfte er an; aber Niemand antwortete. Die Thür war verschlossen und

fast zitternd vor Wuth flog er wieder zu dem Portier hinab.

»Wann ist Monsieur Armand heute Morgen abgereist?« rief er hier mit

heiserer Stimme.

»So viel ich weiß, gar nicht,« erwiederte der höfliche Portier. »Monsieur

kamen etwas spät nach Haus und schlafen wahrscheinlich noch. Der Schlüssel

ist wenigstens nicht unten.«

»Ich habe an der Thür gepocht; es hat mir Niemand geantwortet.«

»Monsieur hätten ein wenig stärker pochen sollen.«

»Er ist nicht oben.«

»Wir wollen gleich noch einmal nachsehen. Ich müßte ja doch sonst den

Schlüssel hier haben, wenn der Herr ausgegangen wäre.«

Beide stürzten wieder die Treppe hinauf und wiederholten ihr Pochen, als

von drinnen eine Stimme antwortete:

»Wer ist da?«

»Machen Sie auf, Armand.«

»Es ist nicht verschlossen -- kommen Sie doch herein.«

Reuhenfels drückte auf die Klinke; die Thür öffnete sich in der That und

der Major fand den jungen Franzosen noch im Bett und augenscheinlich erst

aus festem Schlaf erwacht.

Der Portier zog sich mit einem Lächeln, das etwa sagen sollte: »Sehen Sie

wohl, daß ich Recht gehabt?« zurück und Reuhenfels betrat das Zimmer, in

welchem die Rouleaux noch niedergelassen waren. Er fand sich aber jetzt

wirklich in einiger Verlegenheit, wie er seinen frühen Besuch entschuldigen

sollte, denn was vorgefallen, mochte er gerade diesem Mann nicht

eingestehen.

»Hallo, zu Berg!« rief Armand, sich in seinem Bett emporrichtend, »was zum

Henker führt Sie denn mit Tagesgrauen zu mir?«

»Tagesgrauen -- es ist fast neun Uhr.«

»So spät? Ich habe unverzeihlich lange geschlafen, aber das letzte Glas

Grog, das wir gestern Abend zusammen tranken, hat mir den Rest gegeben. Und

womit kann ich dienen?«

»Ich -- wollte Sie fragen, ob Sie hier in Wiesbaden einen deutschen Maler

Namens Trautenau kennen.«

»Einen deutschen Maler? nein. Wollen Sie sich heute in aller Frühe ein Bild

bei ihm bestellen?«

»Ich wollte, ich könnte ihn finden,« rief Reuhenfels, und er mußte sich in

der That Mühe geben, die furchtbare Aufregung, in welcher er sich befand,

zu verbergen. »Entschuldigen Sie, Armand, daß ich Sie gestört habe, aber da

ich gerade hier vorbei ging, fiel es mir ein, Sie zu fragen.«

»Wenn Sie ein paar Minuten unten im Gastzimmer warten,« sagte Armand,

»so komme ich hinunter und begleite Sie. Ich mache meine Toilette in

unglaublich kurzer Zeit und muß doch zu Ihnen, denn ich habe Ihrer Frau

Gemahlin gestern Abend versprochen, ihr heute Morgen eine Photographie von

Salzburg zu bringen, die sie sich gewünscht.«

»Das eilt nicht,« entgegnete Reuhenfels kurz, »meine Frau ist -- überdies

wieder mit einer Freundin spazieren gegangen, und Sie würden sie jetzt

nicht einmal treffen. Also auf Wiedersehen, Armand,« -- und ohne sich in

eine weitere Unterhandlung einzulassen, eilte er rasch nach Hause, raffte,

was er zu einer kurzen Fahrt brauchte, zusammen, überlieferte seine

Schlüssel dem Wirth und lief dann mehr als er ging auf den Bahnhof hinaus,

um dort nur eine Spur von der Flüchtigen zu bekommen.

Hier half es ihm freilich Nichts, Erkundigungen einzuziehen, denn die eine

Bahn führte nur nach Bieberich, von wo dann zwei verschiedene Geleise --

eines stromauf, eines stromab -- auszweigten. Wie aber sollte er sich dort,

in dem Gewirr von Fremden, nach der Flüchtigen erkundigen -- von wem

sollte er Auskunft erlangen? Den einen Cassirer am Schalter nach Mainz und

Frankfurt kannte er freilich und dort war Hoffnung, denn dieser kannte

auch seine Frau und konnte ihm wenigstens sagen, ob er sie an dem Morgen

im Bahnhof irgendwo gesehen habe. Er hielt sich deshalb auch gar nicht in

Wiesbaden selber mit Fragen auf, sondern bestieg augenblicklich den gleich

abgehenden Zug, um nur wenigstens erst einmal Bieberich zu erreichen.

Der kleine Handkoffer, den er bei sich führte, enthielt auch ein paar

vortreffliche Duell-Pistolen und er war fest entschlossen, Gebrauch von

ihnen zu machen, wo er den Entführer antreffen mochte. Hegte er ja doch

jetzt einen doppelten Haß gegen ihn, und seiner Rache sollte er wahrlich

nicht entgehen.

In Bieberich angekommen, eilte er augenblicklich an die Casse und seine

erste Frage war:

»Hat meine Frau hier heute Morgen den Zug benutzt?«

»Jawohl, Herr zu Berg,« sagte der alte Mann freundlich. »Frau Gemahlin

waren da, -- drei Billette genommen, glaub' ich -- zwei oder drei: ich weiß

es jetzt wahrhaftig nicht mehr genau. Lieber Gott, das ist jeden Morgen

solch ein Gedränge -- waren aber selber an der Casse.«

»Und wer war bei ihr?«

»Bin ich nicht im Stande zu sagen,« erwiederte der Mann achselzuckend;

»das wimmelte nur so heute Morgen, aber die gnädige Frau erkannte ich den

Augenblick wieder.«

»Sie wissen wohl nicht mehr, wohin sie sich hat einschreiben lassen?«

»Haben wohl die Frau Gemahlin verfehlt? -- nach Mainz nahm sie Billette.

Ich weiß es noch genau, ich mußte ihr einen Napoleonsd'or wechseln.«

»Ich danke Ihnen, -- ja wir hatten uns verabredet, eine Vergnügungstour zu

machen. Wann geht der Zug nach Mainz ab?«

»Wird kaum noch zehn Minuten dauern, -- sobald der nach Coblenz gehende

hereinkommt, und signalisirt ist er schon.«

»Gut, -- bitte um ein Billet zweiter Classe Mainz.«

Reuhenfels nahm sein Billet und schritt indessen, bis die Abfahrt des Zuges

angezeigt werden würde, mit verschränkten Armen und ganz seinen düsteren

Gedanken nachhängend, auf dem Perron auf und ab, als er plötzlich seinen

Namen hörte.

»Hallo, zu Berg! auch einmal nach Bieberich gekommen? Ja, die Saison geht

jetzt zur Neige und da ziehen unsere Schwalben wieder fort!«

Reuhenfels sah auf und bemerkte einen Herrn von Plauen, dessen flüchtige

Bekanntschaft er in Wiesbaden gemacht und der auf ihn zukam und ihm die

Hand entgegenstreckte. Er war allerdings jetzt nicht in der Stimmung, sich

mit irgend einem Fremden zu unterhalten, mochte aber auch nicht unhöflich

sein und sagte nur ausweichend:

»Ja -- aber nicht ganz -- nur eine kleine Vergnügungstour.«

»Aha, mit Frau Gemahlin,« meinte der andere Herr, »habe sie heute Morgen

schon gesehen.«

Reuhenfels biß sich auf die Lippen, aber er durfte den Fremden den wahren

Stand der Sache nicht ahnen lassen, und sagte deshalb so gleichgültig, als

es ihm irgend möglich war:

»Ja -- wahrscheinlich. Sie ist nur nach Mainz vorausgefahren.«

»Nach Mainz? -- ih bewahre,« rief Herr von Plauen, »sie saß ja im Coblenzer

Zug.«

»Im Coblenzer Zug?« fragte Reuhenfels bestürzt, »das ist ja gar nicht

möglich. Sie hat Billete nach Mainz genommen.«

»Dann ist sie in den falschen Zug gerathen,« sagte Herr von Plauen, »aber

ich weiß es zu gewiß, denn in dem nämlichen Coupée in welchem sie mit

einem Herrn und noch einer Dame saß, befand sich auch eine mir befreundete

Familie, der Assessor Hörich mit seiner jungen Frau, dem ich noch, ein paar

Secunden vorher ehe der Zug abging, die Hand in den Waggon reichte.«

»Und meine Frau war darin?«

»Gewiß! Ich bin der gnädigen Frau zwar nie vorgestellt worden, und ich weiß

nicht einmal, ob sie mich kennt -- bezweifle es sogar, aber die Dame ist

nicht zu verkennen. Sie macht durch ihre Schönheit ja überall Aufsehen. Sie

sah wieder reizend heute Morgen aus.«

»Und Sie haben keine Ahnung wohin sie gefahren sein kann?«

»Ja mein Himmel, wer soll das wissen, denn es giebt zahllose

Zwischenstationen -- aber sie wird jedenfalls auf dem ersten Halteplatz

wieder ausgestiegen sein, sobald sie nur merkt, daß sie in den falschen Zug

gerathen ist.«

»Jedenfalls -- jedenfalls« sagte Reuhenfels zerstreut -- »aber -- was ich

Sie gleich noch fragen wollte -- Passagiere für eine bestimmte Station

werden gewöhnlich zusammen in ein Coupée gethan. Wohin fuhr jener Herr --

der Assessor sagten Sie, glaub' ich -- heute Morgen?«

»Der Assessor? oh nicht weit, nur nach St. Goarshausen. Sie haben dort

Verwandte, die sie erst auf einen Tag besuchen wollen.«

»So? ich danke Ihnen. Merkwürdig!«

»Ach solche Verwechselungen sind schon häufig vorgefallen,« meinte Herr von

Plauen, der den Ausruf ganz anders verstand, »und auf unseren Rheinischen

Bahnen hat es eben Nichts zu sagen, denn es gehen zu viele Züge, mit denen

man sich immer rasch wieder helfen kann. Wenn Sie hier eine Stunde warten,

kommt sie jedenfalls mit dem nächsten Zug wieder zurück.«

»Ich werde ihr lieber entgegen fahren, sie findet sich sonst am Ende nicht

zurecht.«

»Ja, Damen sollte man nie allein reisen lassen, sie haben ein merkwürdiges

Geschick darin, sich irgendwo festzufahren. Es war ganz das nämliche im

vorigen Jahr mit meiner Frau, wo wir auch eine Tour nach --«

»Sie entschuldigen mich,« sagte Reuhenfels -- »da kommt schon der Zug nach

Coblenz und ich muß mir erst noch ein Billet lösen.«

»Oh Sie haben überflüssig Zeit,« war die Antwort -- »jetzt wird erst der

Zug nach Mainz expedirt und der Coblenzer hält wenigstens zehn Minuten an.«

»Ich will mich doch fertig machen, denn ich muß auch erst mein Gepäck

hier unterbringen. -- Guten Morgen lieber Plauen; herzlichen Dank für die

Nachricht.«

»Bitte -- bitte -- sehr gern geschehen. Freut mich nur der gnädigen

Frau wegen, daß ich Sie hier getroffen habe. Bitte mich gehorsamst zu

empfehlen.«

Reuhenfels winkte ihm nur noch mit der Hand zu und eilte dann rasch an die

Casse, um dort ein Billet für St. Goarshausen zu lösen. Hatte sich der alte

Cassirer für den Mainzer Zug geirrt? Aber das blieb sich jetzt gleich -- an

einen Irrthum seiner Frau glaubte er nicht, und seine einzige Hoffnung war

jetzt nur, die Flüchtige entweder unterwegs an den Zwischenstationen oder

in St. Goarshausen zu erfragen.

Reuhenfels hatte übrigens an dem Morgen kaum mit dem Zug Wiesbaden

verlassen, als drei sehr anständig gekleidete Herren in Civil, mit einem

etwas militairischen Anstrich, unten im Hôtel Kompelt nach ihm frugen,

und von dem Kellner bedeutet wurden, daß der Herr Baron heute Morgen einen

Ausflug -- aller Wahrscheinlichkeit nach bis Frankfurt gemacht habe.

»Und glauben Sie, daß er heute Abend zurückkehren wird?«

Der Oberkellner zuckte die Achseln.

»Ein Theil seiner Sachen ist allerdings noch da,« sagte er, »aber

die gnädige Frau hat ihren Koffer und anderes Handgepäck schon vor

Sonnenaufgang hinunterschaffen lassen, was allerdings auf einen längeren

Ausflug deutet.«

»Sind sie Ihnen noch etwas schuldig?«

»Sehr unbedeutend -- die Herrschaften zahlen hier im Hôtel immer jede

Woche ihre Rechnungen, und der Herr Baron hat die seinige erst gestern

berichtigt. Uebrigens kommt er jedenfalls zurück, denn er hat noch eine

Menge von Sachen oben.«

Die fremden Herren erwiederten nichts weiter, sondern schritten zusammen

auf den Platz hinaus, unterhielten sich aber dabei sehr angelegentlich in

französischer Sprache miteinander.

»Der Vogel ist ausgeflogen,« sagte der Eine, als sie sich außer Hörweite

des Kellners wußten -- »daß wir auch nicht ein paar Stunden früher hier

eintreffen konnten. Was nun?«

»Jedenfalls ist er mit der Eisenbahn fort, dabei brauchen wir aber nichts

zu beeilen,« meinte der Andere, »denn der nächste Zug geht erst in zwei

Stunden. Wie aber der Kellner sagt, hat er hier noch seine Sachen stehn,

und es wäre der Mühe werth, die indessen zu untersuchen. Vor allen Dingen

müssen wir nach den verschiedenen Stationen abtelegraphiren -- vielleicht

erhalten wir eine günstige Rückantwort, und dann visitiren wir das Nest da

oben.«

Damit schienen die Anderen einverstanden und trennten sich jetzt erst

wieder in der Stadt, um nachher aufs Neue hier zusammenzutreffen. Hinter

den grünen Vorhängen der Fenster hatte sie aber der Oberkellner aufmerksam

beobachtet, und rieb sich sehr bedenklich die Hände:

»Alle Teufel,« murmelte er dabei, »das ist, hol mich Dieser und Jener,

Polizei; den Einen kenne ich; das ist der geheime französische Agent, der

sich hier immer in Wiesbaden aufhält, und genau so thut, als ob er sich

um keinen Menschen auf Gottes Welt bekümmerte -- und ob der Halunke nicht

Alles weiß was vorgeht -- Einer mußte ein Fremder sein, aber der dritte

war ja unser liebenswürdiger Meier -- die rechte Hand vom Polizeidirector.

Sollten die denn hinter dem Baron her sein? -- wäre nicht übel, so ein

vornehmer Herr. Wenn man ihm nur wenigstens einen Wink geben könnte, aber

weiß der Henker wo der jetzt steckt. -- Oder hat er vielleicht gar selber

Wind bekommen? -- Na dann können sie schnüffeln, denn der ist von klein auf

in der Welt gewesen und weiß Bescheid.« -- Und mit diesen Gedanken ging

er, sich wieder vergnügt die Hände reibend, an seine gewöhnliche

Morgenbeschäftigung -- d. h. er setzte sich vor das große Hauptbuch und

kratzte sich hinter den Ohren.

Zehntes Kapitel.

Die Entführung.

So ängstlich sich Clemence gezeigt, als sie an dem Morgen den Gatten

verließ, so daß sie nur zitternd auf den Bahnhof eilte und dort der

furchtbaren Aufregung, in welcher sie sich befand, kaum Herr werden konnte,

so plötzlich war jede, auch die letzte Angst von ihr genommen, als sich

der Zug in Bewegung setzte, denn von dem Augenblick an hielt sie sich für

sicher. Trotzdem versäumte sie keine nur irgend mögliche Vorsicht, und da

sie recht gut wußte, daß man sie in Bieberich, besonders an dem Mainzer

Schalter kannte, ging sie selber dorthin um Billete zu lösen, während

Trautenau die wirklichen Billete nach St. Goarshausen nahm. Die List wäre

auch vollständig geglückt, wenn eben nicht Reuhenfels zufälliger Weise den

Herrn von Plauen auf dem Bahnhof angetroffen hätte, der ihn freilich, ohne

es zu wissen, auf die rechte Fährte setzte.

Indessen verfolgten die Flüchtigen ahnungslos ihren Weg, und erreichten

nach einer kurzen aber reizenden Fahrt das ziemlich große Dorf

St. Goarshausen, einen der schönsten Punkte am ganzen Rhein.

Trautenau war selig; er durfte neben der Geliebten sitzen, ihre Hand

halten, ihr in die guten Augen sehen und ihrer silberreinen Stimme

lauschen, ja da noch zwei Fremde, ein Herr und eine junge Dame im Coupé

wenn auch an der anderen Seite saßen, wehte ihn sogar, als sie sich

flüsternd zu ihm überbog, ihr warmer Athem an. Er hörte auch kaum was sie

sprach; es war ihm genug in ihrer Nähe zu sein. Aber wie das Alles enden

würde! Wie hätte er in diesem seligen Augenblick der Gegenwart nur an die

Zukunft denken mögen oder können. Er war auch mit Allem einverstanden,

was sie ihm vorschlug, daß sie jetzt erst einmal in St. Goarshausen,

einem kleinen unbedeutenden Ort, ein paar Tage still liegen wollten, um

Reuhenfels, der jedenfalls schon auf der Verfolgung begriffen sei, von

ihrer Spur abzubringen. Gewiß suchte er sie auf den größeren Stationen,

und hatte auch wohl Freunde veranlaßt, ihn dabei zu unterstützen, damit er

sowohl den Norden als Süden im Auge behalten konnte. Waren aber erst einmal

ein paar Tage vergangen, so mußte er sie natürlich fern glauben, und

dann gelang es ihnen leicht, mit irgend einem Nachtzug von hier aus die

französische Grenze zu erreichen.

Clemence schien auch in St. Goarshausen bekannt, denn sie beorderte

augenblicklich, wie sie nun dort anhielten, ein paar Träger, um ihre Sachen

in das goldene Roß hinauf zu schaffen. Es war das auch keines der ersten

Hôtels dicht am Rhein, wo allerdings ein reger Fremdenverkehr statt fand,

sondern lag etwas abseits vom Strom mitten in der Stadt und schien in

früherer Zeit -- gerade dem Gemeindehaus gegenüber, den behäbigen Bewohnern

des kleinen Orts zum Mittelpunkt ihrer Versammlungen und Casinos gedient

zu haben. Jetzt freilich, wo der Verkehr einen ganz anderen Aufschwung

genommen und von verwöhnten Fremden weit größere Ansprüche gemacht

wurden, hatten sich neue sogenannte Hôtels, fast nur mit englischen Namen,

unmittelbar an's Ufer des Rheines gesetzt, und im goldenen Roß kehrten nur

noch die alten spießbürgerlichen Honoratioren ein, denen die Fremden ein

Dorn im Auge waren, und die ungestört von ausländischem »Kauderwälsch«

einen »guten« Schoppen trinken wollten.

Für ihren Zweck lag der Platz aber in der That vortrefflich, denn hierher

kam so leicht Niemand der Durchreisenden und wenn sie sich nicht draußen

zeigten, hätten sie vielleicht einen Monat lang still und unbeachtet dort

leben können.

Clemence übernahm aber hier ohne Weiteres die Leitung ihrer inneren

Angelegenheiten. Sie bestellte zwei Zimmer, eins für sich und Jeannette,

ihre Kammerfrau, eins für den Herrn, und befahl dem aufwartenden Mädchen

-- denn einen Kellner schien es im goldenen Roß gar nicht zu geben -- ihnen

das Frühstück heraufzubringen, das sie gemeinschaftlich verzehren wollten.

Trautenau war damit nicht ganz einverstanden; er hätte so gerne einmal eine

Unterredung mit Clemence unter vier Augen gehabt -- so Vieles war es ja,

was sie noch besprechen mußten. Aber Clemence schien das gerade vermeiden

zu wollen, und so freundlich, ja herzlich sie sich gegen ihn zeigte, wich

sie, für jetzt wenigstens, geschickt einer solchen aus. Trautenau selber

entschuldigte sie aber darin -- es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie

sich anders gezeigt -- unweiblich wenigstens, wo ihr die Neuheit dieser

Situation doch noch immer die Seele beklemmen mußte. Morgen, wo sie eine

Nacht Zeit gehabt, um ruhiger darüber nachzudenken, würde das anders --

besser werden, und er beschloß deshalb auch, sie in dieser Zeit ganz sich

selber zu überlassen.

Jeannette war dabei das wahre Muster einer Kammerzofe und arrangirte alles

Nöthige so leicht und schnell, daß sich die Damen wenigstens in unglaublich

kurzer Zeit vollständig eingerichtet hatten. Das Frühstück verlief ziemlich

ruhig und einsylbig, denn Jeder war noch zu sehr mit seinen eigenen

Gedanken beschäftigt, und der ernste, fast verzweifelte Schritt, den sie

gethan, rechtfertigte das auch vollkommen. Trautenau war allerdings fest

entschlossen, Clemence bis nach Paris und zu ihrem Vater zu begleiten,

wie aber sollte er dort dem Mann, den er überdieß nicht achten konnte,

als Entführer seiner Tochter und zugleich als Bewerber um ihre Hand

entgegentreten? Der Gedanke peinigte ihn, wenn auch nicht in Clemencens

Gegenwart, denn sobald er die lieben, so wunderbar schönen Züge der

verführerischen Frau sah, und in diese Augen blickte, die manchmal ihn

fast traurig anschauten und nur scheu den Boden suchten, wenn er ihnen

begegnete, vergaß er alles Andere -- vergaß er sich selbst. Aber als er

wieder allein auf seinem Zimmer war, gingen ihm diese Dinge -- und noch

viele andere -- wieder und wieder durch den Kopf, die er denn nicht so

leicht abschütteln konnte.

Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 6 / 16 段