Ernst schritt rasch der eigenen Wohnung zu, aber er begegnete dem Freund

schon unterwegs, der eben seine Briefe zur Post gegeben hatte. Er nahm auch

ohne Weiteres seinen Arm, und erzählte ihm, während er mit ihm die Straße

hinabschritt, das Begebniß der letzten Stunde sowohl, wie das, was er von

dem Kellner über die beiden Gatten gehört.

»Hm, zeig' mir einmal die Karte. Clemence de Joulard -- eine kleine

Eitelkeit -- und sechs Risse darin.«

»Sie können zufällig hinein gekommen sein.«

»Sie können, ja -- aber ich glaube es nicht. Frau von Reuhenfels sieht mir

nicht so aus, als ob sie etwas zufällig thut.«

»Aber was können sie bedeuten?«

»Wenn irgend etwas, natürlich nur eine Zahl -- also sechs, und das kann

wieder nur sechs Uhr sein. Sie wünscht ein Rendezvous mit Dir.«

»Das ist nicht denkbar.«

»Bah, was ist bei einer jungen, intriguanten Frau nicht denkbar, noch dazu

wenn sie einen Tyrannen zum Gemahl hat.«

»Die wenigen Jahre können sie nicht so verdorben haben, oder ihr Mann müßte

mehr als ein Teufel sein.«

»Erstlich hast Du sie früher gar nicht so genau gekannt, und nur =par

distance= angebetet, und dann weiß man auch in der That nicht, was Alles in

der Zeit kann vorgefallen sein.«

»Vielleicht verlangt sie in irgend etwas meine Hülfe.«

»Höre Ernst, wenn Du meinem Rath folgst, so gehst Du der Dame entschieden

aus dem Weg. Wir wissen jetzt, was wir von dem Paare wissen wollten, und

wahrscheinlich auch Alles, was wir überhaupt erfahren werden. Hat sie

Streitigkeit, oder lebt sie in Unfrieden mit ihrem Gatten, so kann und darf

sich da natürlich kein Fremder hineinmischen -- ich wenigstens möchte dafür

danken. Und dann, was könntest Du ihr auch helfen? Also folge mir, alter

Freund. Heute Nachmittag halb drei oder drei Uhr -- ich weiß es nicht

genau, gehen fast zu gleicher Zeit die beiden entgegengesetzten Züge nach

Frankfurt und nach Köln ab. Ich werde jedenfalls den einen benutzen, setze

Du Dich in den anderen, und laß die gnädige Frau nur ruhig allein ausessen,

was sie sich dazumal eingebrockt.«

»Meine arme Clemence.«

»Werde nicht langweilig oder gar sentimental,« sagte Frank, »denn Du hast

gar keine Ahnung davon, in welche höchst unangenehmen Verwickelungen Dich

ein solcher Wahnsinn bringen könnte.«

»Und Du willst wirklich heute Mittag fort?«

»Ich muß jetzt. Ich habe meine Ankunft in M-- fest auf übermorgen angezeigt

und reichlich noch einen halben Tag, vielleicht sogar mehr, in Frankfurt zu

thun. Ich kann nicht länger bleiben.«

Ernst schritt eine ganze Weile in tiefem Nachdenken neben dem Freund her.

Er war unschlüssig, was er thun, wie er handeln solle. Seine Vernunft sagte

ihm wohl, daß Frank vollkommen Recht habe, aber sein Herz drängte ihn doch

immer wieder, der zu dienen, die lange Jahre hindurch nicht allein sein

Ideal von Schönheit, sondern auch aller weiblichen Tugenden gewesen war.

Er konnte sich den Glauben an sie wenigstens nicht so rasch erschüttern

lassen.

»Und gehst Du heute mit dem Mittagszug nach Köln?«

»Ich weiß es nicht,« erwiederte Ernst zerstreut. »Ich weiß es wahrhaftig

noch nicht, Frank.«

»Du irrst Dich, wenn Du glaubst, der Dame durch Dein Bleiben einen Gefallen

zu erzeigen.«

»Ich werde ihr wahrscheinlich gar nicht wieder begegnen. Nur aus der Ferne

möchte ich sie noch einen Tag beobachten. Ihr Benehmen dann soll nachher

maßgebend für mich sein.«

»Ich will Dir etwas sagen, mein Junge,« bemerkte da Frank, »es ist ein

ganz altes, ehrwürdiges Sprüchwort: Wer nicht hören will muß fühlen, und

Du scheinst mir auf dem besten Weg dazu. Komm,« setzte er herzlich hinzu,

»mach' den kleinen Umweg über Frankfurt und gehe mit mir. Ich gebe Dir mein

Wort, ich lasse Dich hier nur mit recht schwerem Herzen zurück, und wollte

zu Gott, wir hätten dies verdammte Wiesbaden im Leben nicht gesehen.«

»Ich bin ja doch kein Kind, Frank, daß ich tolle Streiche machen würde.

Du darfst mir mehr zutrauen.« Frank seufzte, aber es ließ sich eben an der

Sache nichts mehr ändern, Ernst mußte in der That wissen, was er selber

zu thun hatte, und Beide schritten jetzt zu ihrer Wohnung zurück, um

wenigstens die letzten Stunden noch zusammen zu verbringen. Frank redete

dem Freund allerdings selbst noch auf dem kurzen Weg nach dem Bahnhof

ernstlich zu, wenigstens das Haus des Herrn von Reuhenfels zu vermeiden

und sich auf neutralem Boden zu halten. Ernst war aber recht einsylbig

geworden, denn die bezeichnete Visitenkarte ging ihm im Kopf herum. Wenn

Clemence nun wirklich nach ihm verlangte? -- Wohl mußte er sich dabei

sagen, daß er ihr gar Nichts helfen oder nützen könne -- er wollte ja auch

nur Gewißheit darüber haben, daß sie sich nicht unglücklich fühle -- daß

seine Befürchtungen ungegründet seien, und dann wieder kam das Bild der

Frau dazwischen, wie er sie gestern Abend am Spieltisch gesehen, und wenn

er sie dann dachte, wie er sie früher gekannt und geliebt hatte! Am Ende

war es das Beste, er folgte Frank's Rath. Hätte er nur seine Sachen bei

sich gehabt, er würde ihn selbst jetzt begleitet haben, aber dazu hatte er

keine Zeit mehr.

»Hab' keine Angst um mich, Frank,« flüsterte er ihm aber noch in das Coupé

hinein, »ich werde gewiß vernünftig handeln. Ich sehe ein, daß die jetzige

Wirklichkeit nicht mehr mit meinem Ideal zusammenpaßt, ich werde mir eine

noch bitterere Täuschung ersparen, und die Dame nicht besuchen, sondern den

Handschuh einfach unten im Hotel abgeben.«

»Und versprichst Du mir das wirklich?«

»Hier hast Du meine Hand darauf.«

»Jetzt bin ich zufrieden und dann thu' mir nur noch die Liebe und mach' daß

Du so rasch als möglich nach Köln hinunter kommst.«

Die Locomotive gab ihren schrillen Pfiff, der Zug that den ersten Ruck --

Ernst reichte dem Freund noch einmal rasch seine Hand, dann zog sich die

lange Kastenreihe am Perron hin, immer rascher rollten die Räder, und

wenige Minuten später zeigte nur noch in weiter Ferne eine dichte weiße

Dampfwolke, welche Richtung der davonbrausende Zug genommen.

Ernst schritt langsam nach der Stadt zurück, aber es litt ihn jetzt nicht

zwischen den Häuserreihen. Er wollte hinaus in's Grüne, um dort noch

ein paar Stunden zu verbringen. Diesen Abend spät ging noch ein Zug

nach Bieberich, den konnte er benutzen, dann blieb er dort die Nacht im

Rheinischen Hof, und fuhr am nächsten Morgen mit dem ersten oder zweiten

Boot den schönen Strom hinab.

Allerdings dachte er wohl daran, gleich im Vorbeigehen den gefundenen

Handschuh im Hotel abzugeben, und nur die Karte zum Andenken zu behalten,

aber das hatte ja auch noch Zeit. Er mochte es sich freilich selber nicht

eingestehen, doch zögerte er damit bis zur sechsten Stunde. Er war dabei

fest entschlossen, Clemence nicht aufzusuchen, er hatte es ja auch dem

Freunde versprochen, aber -- er wollte doch einmal sehen, ob die sechsmal

eingerissene Karte wirklich eine Bedeutung gehabt, oder nur durch einen

harmlosen -- wenn freilich wunderlichen Zufall, ihm in die Hand gespielt

sei.

Es mußte und konnte ja auch nur ein Zufall gewesen sein. Je mehr er darüber

nachdachte, desto mehr fühlte er sich davon überzeugt. Ein Zeichen? -- Wie

wäre die Frau nur im Stand gewesen so rasch einen Entschluß zu fassen, oder

gar gleich danach zu handeln, denn das Ganze, von dem Augenblick an wo

sie ihn erkannte, bis zu dem Moment wo der Handschuh auf die Treppe

fiel, konnte kaum zwei Minuten Zeit in Anspruch genommen haben. Nein, so

durchtrieben war Clemence nicht, und wäre er jetzt selber zu ihr gegangen,

um ihr den Handschuh zurückzubringen, sie würde jedenfalls über ihn

gelacht, oder sich auch vielleicht gar beleidigt gefühlt haben, daß er

sie, einer solchen Kleinigkeit wegen, belästige; dem durfte er sich nicht

aussetzen. Hätte er Frank auch das Versprechen nicht gegeben, war er doch

jetzt fest entschlossen, die Rückgabe des Handschuhs durch einen Kellner zu

erledigen.

Sonderbar nur, daß er sich auf dem ganzen Spaziergang immer und

ausschließlich mit Clemence beschäftigte. Er passirte einige Punkte von

denen man eine reizende Aussicht über die Stadt und das Thal hatte, aber

er bemerkte sie gar nicht. Sein Auge blieb allein auf den Weg geheftet, und

fast, ohne sich der Richtung die er nahm, klar bewußt zu sein, lenkte er

doch immer wieder in einem größeren Bogen zu der Stadt zurück, um eben die

sechste Stunde im Hotel nicht zu versäumen.

Achtes Kapitel.

Das Wiedersehen.

Er erreichte den Platz, an welchem das Hotel lag, wirklich pünktlich.

Die Uhren schlugen gerade an, als er schräg über denselben hin, dem Hause

zuschritt. Er beobachtete auch genau dabei die Fenster, ob er vielleicht

irgend eine weibliche Gestalt an einem derselben entdecken könne -- aber

vergebens. Es zeigte sich Niemand und nur in der ersten Etage waren in

einer Stube die Gardinen herunter gelassen, so daß er von unten natürlich

nicht bemerken konnte, ob irgend Jemand dahinter stand. Doch was kümmerte

das auch ihn -- Frank hatte sein Wort, und er wollte nicht einmal im

Hause nachfragen, in welcher Etage die Herrschaft wohne, um den gefundenen

Handschuh abzugeben, -- weiter Nichts, und das war ja in wenigen Secunden

geschehen. Dann ginge er nach Hause, packte seinen Koffer und verließ

Wiesbaden auf Nimmerwiedersehen.

Wie er das Hôtel betrat, kam ein junges Mädchen die Treppe herunter, das

in großer Eile zu sein schien. Ernst beachtete sie aber nicht. Er trug den

leichten Handschuh zwischen den Fingern und wollte sich eben damit rechts

gegen den Speisesaal wenden, als ihm das Mädchen den Weg dorthin abschnitt,

oder vielmehr direct auf ihn zukam und freundlich mit etwas fremdartigem

Dialect sagte:

»Haben Sie vielleicht den Handschuh, den Sie da tragen, hier im Haus

gefunden, mein Herr?«

»Allerdings, mein Fräulein,« erwiederte Ernst, »ich war auch eben im

Begriff ihn wieder abzuliefern. Kennen Sie ihn?«

»Ja gewiß,« antwortete das junge Mädchen, das ihn nahm und betrachtete, »er

gehört meiner gnädigen Frau.«

»Dann bitte empfehlen Sie mich der Dame, und sagen Sie ihr, daß ich

mich --«

»Aber wollen Sie ihn nicht selber hinauftragen? No. 5. in der ersten Etage.

Sie brauchen nur anzuklopfen.«

»Ich darf nicht wagen die Dame, einer solchen Kleinigkeit wegen zu stören,«

meinte Ernst und wollte sich abwenden.

»Aber sie hat mich ja selber heruntergeschickt,« erwiderte fast ärgerlich

die junge und wie es schien ziemlich gewandte Person. »Wenn ich Ihnen sage,

daß sie sich freuen wird Sie zu sehen, so können Sie doch getrost

hinauf gehen. Sie sind ein echter Deutscher, Monsieur. Einer von meinen

Landsleuten wäre schon lange die Treppe hinauf.«

Ernst war blutroth geworden, denn jetzt blieb ja kein Zweifel mehr, daß

die Einrisse in der Karte ein absichtliches Zeichen gewesen. Aber konnte

er eine directe Einladung ausschlagen? Er hatte Frank freilich sein Wort

gegeben, Clemence nicht wieder aufzusuchen, aber that er denn das jetzt?

nein, die Dame selber ließ ihn durch ihr Kammermädchen bitten, den

Handschuh zu ihr hinauf zu bringen, und es wäre ungezogen gewesen, dem

nicht Folge zu leisten. --

»No. 5?« fragte er.

»Ja! gleich links im Gang über der ersten Treppe -- die dritte Thür. Sie

können gar nicht fehlen.«

Er war mit wenigen Sätzen hinauf, und vor dem bezeichneten Zimmer. -- Wie

ihm das Herz schlug. Kaum aber hatte er angeklopft, als auch schon ein

nicht lautes, aber deutliches »Herein« ertönte, und wie er die Thür

öffnete, stand Clemence mitten im Zimmer, und streckte ihm zum Gruß die

Hand entgegen.

»Das ist sehr lieb von Ihnen,« sagte sie freundlich, »daß Sie alte Freunde

nicht vergessen haben.«

»Gnädige Frau,« stammelte Ernst verlegen, denn er wußte sich die Anrede

nicht zu erklären, da er im Joulard'schen Hause wenigstens nie wie ein

Freund, sondern immer nur wie ein fremder Künstler behandelt worden. Er

nahm aber die dargereichte Hand, zog sie ehrfurchtsvoll an die Lippen und

sagte dann befangen: »vor allen Dingen erlauben Sie mir Ihnen Ihr Eigenthum

zurückzuerstatten, das ich heute Morgen hier im Haus zufällig fand. Ich

hätte auch nicht gewagt selber --«

Clemence winkte ihm mit der Hand.

»Herr Trautenau,« sagte sie ernst, aber mit tiefem Gefühl -- »lassen Sie

alle Entschuldigungen; uns bleibt keine Zeit dazu, denn selbst die Minuten

sind mir zugemessen. Nur mit zwei Worten will und muß ich auf eine

frühere -- glückliche Zeit zurückkommen -- ich war Ihnen früher nicht

gleichgültig.«

»Clemence!« rief Trautenau bewegt.

»Sagen Sie Nichts darüber,« wehrte Clemence ab -- »ich fühlte es, aber es

war zu spät und mein Schicksal schon besiegelt. Ich mußte Sie streng in die

Grenzen kalter Gleichgültigkeit zurückweisen -- mich selber darin halten.

Aber ich habe es Ihnen nicht vergessen, daß Sie damals der einzige Freund

waren, der es wagte mich zu warnen, -- wenn ich auch der Warnung nicht mehr

folgen konnte.«

»Ach wären Sie ihr gefolgt,« seufzte Trautenau.

»Wär' ich --« flüsterte leise Clemence, »doch jetzt ist es zu spät,« fuhr

sie lebendiger fort, -- »zu spät wenigstens, um das Geschehene wieder gut

zu machen, wenn auch nicht zu spät um weiterem Unheil -- um dem Schlimmsten

vorzubeugen, und Sie sind der einzige Freund, den ich hier habe. Wollen Sie

mir helfen?«

»Oh wenn es in meinen Kräften steht, wie gern,« rief der junge Mann, der

in dem Augenblick Frank's sämmtliche Warnungen und Ermahnungen vergessen

hatte. »Sagen Sie mir nur wie -- was ich thun soll.«

»Reuhenfels, mein Gemahl, der mich wie eine Sclavin behandelt,« fuhr

Clemence fort, »hat die Absicht mich nach England und von da nach Amerika

zu schleppen. Dort wäre ich ganz verloren und in seinen Händen, denn ich

habe da keinen Freund mehr, der mich selbst vor seinen rohen Mißhandlungen

schützen könnte.«

»Aber er wagt es doch nicht?« rief Ernst entsetzt.

»Er hat es gewagt,« sagte Clemence düster, »und nur eine Rettung giebt es

für mich -- Flucht!«

»Aber wohin? -- zu wem?« rief Trautenau erschreckt, denn in dem Augenblick

wäre er in der größten Verlegenheit gewesen, wenn er hätte sagen sollen

wohin er selbst die Geliebte entführen könnte, obgleich ihm schon der

Gedanke das Herz mit Seligkeit füllte.

»Sorgen Sie sich nicht,« beruhigte sie ihn aber -- »ich habe Mittel genug

zu unserer Flucht und auch ein Ziel -- ich will zu meinem Vater zurück, der

in Paris wohnt. Er allein kann und wird mich schützen, aber ich darf nicht

allein in die Welt hinaus -- ein armes schwaches Weib; ich brauche die

Stütze eines starken Armes, und wenn Sie je der armen Clemence nur ein

klein wenig gut gewesen sind,« setzte sie weich hinzu »oh so helfen Sie ihr

zur Rettung aus diesem furchtbaren Elend --«

»Sagen Sie mir was ich thun soll,« rief der junge Maler, seiner Sinne kaum

mehr mächtig bei den verführerischen Tönen, »was es auch ist -- ich stehe

Ihnen mit Leib und Seele zu Diensten.«

»Ich wußte es,« erwiederte Clemence, indem sie seine Hand wieder ergriff

und ihn mit einer Thräne im Auge ansah, »und Dank -- tausend Dank

dafür, lieber, theurer Freund. Aber nun auch rasch zur That,« setzte sie

lebendiger hinzu -- »denn alles Weitere besprechen wir unterwegs. Sind Sie

zur Abreise gerüstet?«

»Jeden Augenblick.«

»Gut -- heute Abend ist es nicht mehr möglich. Ich muß jetzt in das Kurhaus

oder Reuhenfels würde mich vermissen und augenblicklich nach mir suchen. --

Morgen früh um sechs Uhr geht ein Zug nach Bieberich ab -- Reuhenfels steht

nie vor sieben Uhr auf und weiß mich dann jedesmal beim Brunnentrinken.

Er wird vor acht Uhr, wo ich gewöhnlich zum Frühstück zurück bin, keinen

Verdacht schöpfen.«

»Und wohin wenden wir uns von Bieberich?«

»Das bespreche ich mit Ihnen morgen unterwegs -- jetzt fort, daß um

Gotteswillen Niemand Verdacht schöpft oder Alles ist verloren. Sie

begleiten mich nur bis zur französischen Grenze, oder wenn Sie sich mir

soweit opfern wollen, bis nach Paris in die Arme meines Vaters. -- Und noch

eins -- besuchen Sie heute Abend das Kurhaus nicht -- mein Mann hat Sie

erkannt. -- Nicht gleich als wir Ihnen begegneten, wenn ihm auch Ihr

Gesicht bekannt vorkam, aber er besann sich oben im Zimmer darauf, und er

schwur, daß er Sie das Bild wollte entgelten lassen.«

»Er weiß jetzt, wer es sein soll?« lächelte Trautenau.

»Mehr als das,« erwiderte Clemence, »er behauptete sogar, daß Sie nur

in eifersüchtigem Neid eine solche unwürdige Rache an ihm genommen, und

bedauerte, die Bosheit nicht früher entdeckt zu haben, um Sie dafür zur

Rechenschaft zu ziehen.«

»Bah, was kann er thun?«

»Er hat Sie heute schon im Kurhaus gesucht und wollte sogar nach Ihrer

Wohnung gehen, nach der er sich auf der Polizei erkundigte -- aber

glücklicher Weise kam etwas dazwischen und seine Spielzeit versäumt er

nie. Morgen früh würde er aber jedenfalls hartnäckig die Verfolgung wieder

aufnehmen, und er ist furchtbar in seiner Rache.«

»Ich fürchte ihn nicht, Clemence,« sagte Trautenau ruhig, »und wenn es

nicht Ihretwegen wäre, möchte ich ihn wirklich lieber erwarten.«

»Und mich wollten Sie dadurch elend machen und zu Grunde richten?«

»Nein, Clemence -- nein!« rief Trautenau rasch, »Sie haben mein Wort, und

beim ewigen Gott, ich halte treu zu Ihnen, so lange Sie meiner bedürfen.«

»Sie sind ein edler, braver Mann,« sagte das junge schöne Weib gerührt und

weich, -- »ich vertraue Ihnen ganz -- Sie werden mich nicht verlassen. Aber

nun auch fort -- ich habe schon zu lange gezögert, denn wenn Reuhenfels nur

im Geringsten mißtrauisch werden sollte, ist jede Hoffnung verloren. Gehen

Sie, lieber Freund, gehen Sie und halten Sie morgen früh, ehe der Zug

abgeht, drei Billette nach Bieberich bereit -- ich nehme meine Kammerfrau

mit mir. Lassen Sie uns bis dort erster Classe fahren, wir sind darin

weniger der Gefahr ausgesetzt, Gesellschaft zu finden.«

Nochmals reichte sie ihm die Hand zum Abschied, die er rasch an seine

Lippen drückte -- dann drängte sie ihn selber freundlich der Thür zu und

Ernst fühlte, als er das Hôtel verließ, kaum den Boden unter seinen Füßen.

In seiner Wohnung angekommen, machte aber doch dies erste Gefühl der

Aufregung und des Entzückens einem etwas ruhigeren Ueberlegen Platz, und er

konnte sich nicht gut verhehlen, daß er im Begriff sei, einen nicht allein

außergewöhnlichen, sondern auch ziemlich tollen Streich zu begehen. Er

wollte eine Frau ihrem eigenen Manne entführen, und wenn er auch Muth genug

besaß, die Rache des Betrogenen nicht zu fürchten, so konnte er doch

auch nicht gut umhin, die möglichen Folgen eines solchen Schrittes zu

überdenken.

Daß er Clemence noch immer mit derselben Gluth als früher liebe, das fühlte

er jetzt klar und deutlich. Er glaubte jene Leidenschaft in den letzten

Jahren bekämpft zu haben, aber sie hatte nur geschlummert, und heute, wie

er dem holden Wesen auf's Neue gegenüber stand und ihre Blicke so lieb und

gut auf ihm hafteten, wie sie es nie gethan, loderte die alte Leidenschaft

frisch und gewaltig auf's Neue in seinem Herzen empor. -- Aber sie war

nicht mehr frei -- sie war vermählt, und ließ es sich denken, daß

der Major, durch die Flucht der Gattin auf das Schwerste gekränkt und

beleidigt, je selber und freiwillig das Band lösen würde, das sie an ihn

fesselte -- und was dann?

Daß er sich selber einen Hausstand gründen und eine Frau ernähren könne,

wußte er; daß er an Clemence's Seite den Himmel auf Erden finden würde,

davon fühlte er sich fest und innig überzeugt, und wenn sie auch in Glanz

erzogen und dabei verwöhnt sein mochte, die Liebe zu ihm würde sie alles

leicht überwinden lassen. -- Und Clemences Vater? -- Nur der Gedanke an

diesen blieb ihm peinlich, denn sein Bankerott damals war, nach Allem, was

er darüber von vorurtheilsfreien Männern gehört, eine zu offenkundige und

freche Schwindelei gewesen, um sich darüber auch nur noch im Entferntesten

einer Täuschung hinzugeben, und mit dem sollte er jetzt in nähere

Verwandschaft treten? -- Aber was konnte Clemence dafür? Trug sie die

Schuld des Verbrechens? wahrlich nicht, und von dem gestohlenen Gelde

wollte und brauchte er Nichts, wenn er die Kraft in sich fühlte, frei und

unabhängig von irgend Jemandem sich seinen Lebensunterhalt auch selber zu

erwerben.

Aber was zerbrach er sich jetzt über alle diese Dinge den Kopf, wo es ja

vor Allem galt, die Geliebte aus den Händen eines rohen und tyrannischen

Gatten zu befreien. Alles Andere fand sich später von selber. Lieber Gott,

er wollte sie ja nur glücklich wissen, und wenn er dann auch noch Jahrelang

auf ihren Besitz harren, oder wenn es nicht anders möglich war, selbst die

Heimath verlassen mußte, um in einem fernen Welttheil das Glück zu suchen,

das ihm hier starre Formen und Gesetze verweigerten.

Während er sich so in Gedanken um das Wohl der Geliebten absorgte, schritt

Clemence zu dem Kurhaus hinüber, aber nicht auf dem direkten Weg, sondern

auf einer etwas weiteren Bahn. Sie war, von ihrer Kammerfrau begleitet,

in voller Toilette, aber sie schien eilig, denn es dunkelte schon, und sie

hatte nicht viel Zeit mehr zu versäumen. Eben schlugen drinnen in der Stadt

die Uhren die für das Rendezvous bestimmte Stunde.

Armand war eben so pünktlich gewesen als sie. Um jedoch auf der noch immer

sehr belebten Promenade keinen Verdacht zu erregen, grüßte er sehr förmlich

und achtungsvoll, und schritt dann, während sich die Kammerfrau tactvoll

einige Schritte zurückzog, neben ihr her.

»Glückliche Nachricht,« flüsterte er ihr, wie das unbeachtet geschehen

konnte, zu, »eben habe ich einen Brief bekommen, daß übermorgen, vielleicht

schon morgen Abend mein Schwager eintrifft, und nun, da die Zwischenzeit so

kurz ist, haben wir auch keine Gefahr weiter zu fürchten. Benutze jetzt die

erste Gelegenheit, Geliebte, und erwarte mich dann in St. Goarshausen im

goldenen Roß. Hinterlaß' für Reuhenfels aber einen Brief, worin Du ihn auf

eine falsche Fährte schickst, und überlaß mir das Weitere. Natürlich

folgt er Dir augenblicklich, aber er muß durch die Nachforschungen, die er

genöthigt ist anzustellen, aufgehalten werden und ich bin dann vielleicht

schon den nächsten Tag bei Dir. Nie im Leben wird er auch daran denken, in

einem so kleinen abgelegenen Nest nach Dir zu suchen und es bleibt uns dort

Zeit und Muße genug, unsere weiteren Pläne zu besprechen.«

»Ich habe einen Begleiter gefunden,« sagte Clemence rasch.

»Wen?« frug der junge Mann erstaunt.

»Einen alten Bekannten aus M--, einen braven jungen Künstler, der früher

einmal für mich geschwärmt hat,« fuhr sie lächelnd fort. »Er ist treu und

ehrlich und fühlt sich glücklich mir einen Dienst erweisen zu können.«

»Aber es ist jetzt kaum mehr nöthig,« meinte Armand, dem der Gedanke, einen

früheren Anbeter mit seiner Geliebten reisen zu lassen, vielleicht nicht so

ganz angenehm war.

»Aber auch unmöglich, es jetzt noch zu ändern,« erwiderte sie. »Er erwartet

mich morgen früh um sechs Uhr am Bahnhof.«

»So früh willst Du fort?«

»Es ist die höchste Zeit, denn Reuhenfels hat mich heute Nachmittag

aufgefordert, meine Koffer zu packen und jeden Augenblick zur Abreise

bereit zu sein.«

»Dann kann es freilich Nichts mehr helfen. Dein Begleiter ist ein

Deutscher?«

»Gewiß!«

»Und heißt?«

»Trautenau -- ein Maler.«

»Derselbe, der Dein Bild gemalt, mit dem Major als Teufel auf dem

Ofenschirm.«

»Derselbe.«

»Gut!« rief Armand lachend. »Wenn man das nur Deinem Gatten beibringen

könnte --«

»Ich werde es ihm in dem Brief, den ich ihm zurücklasse, schreiben. Er

hat Trautenau gestern selber gesehen und war schon früher eifersüchtig auf

ihn.«

»Desto besser, dann folgt er jedenfalls einer ganz falschen Fährte und

Richtung und wir sind vollkommen sicher.«

»Dort ist das Kurhaus -- Du mußt mich jetzt verlassen! Reuhenfels wird

schon zürnen, daß ich so lange fortgeblieben bin, und Dich auch vermissen.«

»Ich stand kurz vorher noch hinter seinem Stuhl und schlenderte dann

langsam nach dem anderen Tisch hinüber; er weiß, daß ich nie bestimmt

setze.«

»Also auf Wiedersehen, Armand -- o wie mir das Herz klopft, wenn ich an die

Zeit denke.«

»Und Du vergißt den Ort nicht?«

»St. Goarshausen -- im goldenen Rosse.«

»Die Bahn geht von Bieberich den Rhein abwärts.«

»Ich weiß es,« und sich fest in ihren Burnus hüllend, eilte sie jetzt, so

rasch sie konnte, dem ganz nahen Kurhaus und den Spielsälen zu, während

ihr die Kammerfrau noch ein paar Schritt folgte und dann umdrehte, um nach

Hause zurückzukehren. Sie hatte für morgen früh noch entsetzlich viel zu

besorgen.

Neuntes Kapitel.

Verfolgend und verfolgt.

Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 5 / 16 段