Stelle zu, wo wieder einmal dieser »Fluch des Rheins«, das höllische
Spiel, ein Opfer gefordert hatte. Aber es war nicht möglich rasch dahin zu
gelangen, denn durch die von den Tischen plötzlich zurückpressenden Leute
wurde der Raum für kurze Zeit vollkommen angefüllt. Langsam rückten sie
aber trotzdem am Tische hin und wollten eben links abbiegen um eine
freiere Stelle zu gewinnen, als Frank plötzlich seinen Arm fast krampfhaft
festgehalten fühlte, und als er sich erstaunt nach der Seite umdrehte, sah
er des Freundes Augen, dessen Antlitz aschenbleich geworden war, an einem
Punkt des noch immer besetzten Tisches haften.
Da er gar nicht wußte, was er aus dem Benehmen Trautenau's machen sollte,
folgte er seinem Blick, konnte aber nicht das geringste Auffällige
entdecken. An dem Tische saßen die gewöhnlichen Gestalten, Herren und
»Damen« -- wenigstens elegant angezogene Frauenzimmer, sehr decolletirt und
in oft höchst unnöthigem Putz für diese Gesellschaft, dabei meist ältliche
Herren mit verlebten, aber leidenschaftlich erregten Gesichtern, mit
aufgestellten Rollen von Gold und Silber vor sich, von denen sie dann
und wann kleine Haufen, ohne sie zu zählen und nur nach dem Gefühl
herunternahmen und auf irgend einen Punkt setzten, oder auch gewonnene
Summen wieder sorgfältig neben die anderen häuften. Diese Leute hatte der
Schuß im anderen Zimmer auch nicht gestört; was kümmerte sie irgend
ein fremder, alberner Mensch, der nicht einmal Tact genug besaß, sein
unbedeutendes Leben außerhalb der Spielsäle abzuschütteln. Es wäre nicht
der Mühe werth gewesen, auch nur den Kopf nach ihm umzudrehen, viel weniger
das »=jeu=« seinethalben zu vernachlässigen.
»Aber was hast Du nur?« flüsterte Frank jetzt dem Freund zu, »Du drückst
mir ja blaue Flecke in den Arm.«
»Kennst Du den Herrn, der dort unten an dem Tisch sitzt, gleich hinter
jener Dame, die den Kopf von uns abdreht?«
»Hinter jener Dame im weißen Kleid?«
»Ja.«
»Nein, den kenne ich nicht -- kann mich wenigstens nicht auf das Gesicht
besinnen.«
»Und hast es in Deinem eigenen Arbeitszimmer an der Wand?«
»Der Major? Unsinn -- Du träumst.«
»Lehre mich das Gesicht kennen, das ich unzählige Male gezeichnet habe
-- jeder Zug desselben steht mir so fest im Gedächtniß, daß ich es mit
geschlossenen Augen mit Kohle an die Wand malen könnte. Er ist es, beim
ewigen Gott.«
»Und jene Dame?«
»Das kann nicht Clemence sein, es ist nicht möglich. Sie würde sich doch
nicht zwischen diese Gesellschaft an den grünen Tisch setzen. Nein, sie
scheint zu dem jungen Herrn zu gehören, der hinter ihrem Stuhl steht und
fortwährend mit ihr flüstert. Beide pointiren wahrscheinlich zusammen.«
»Du mußt Dich irren, Ernst.«
»Glaube mir, eine Täuschung ist dieser Gestalt gegenüber nicht möglich.
Ich habe mir nicht den Teufel an die Wand gemalt, daß ich ihn nicht
wiedererkennen sollte, wo auch immer. Findest Du ihn denn noch nicht in den
Zügen?«
»Er hat allerdings Aehnlichkeit mit dem Major,« sagte Frank, der ihn
indessen aufmerksamer betrachtet hatte. »Er trägt nur den Bart ganz anders
als früher und mehr in französischer Art; ich habe ihn auch anfangs für
einen Franzosen gehalten. Du könntest wirklich Recht haben -- doch was
liegt daran. Er ist wahrscheinlich mit anderem Gesindel von Frankreich
herüber gekommen und treibt sich hier eine Zeitlang in den Bädern herum.
Laß ihn und komm -- was interessirt uns der Mensch.«
»Wenn ich nur wenigstens einmal das Profil der Dame, die neben ihm sitzt,
sehen könnte,« entgegnete Ernst, der noch immer zögerte, dem Freund zu
folgen.
»So laß uns an die andere Seite hinüber gehen.«
»Ich möchte nicht von ihnen gesehen werden -- wenigstens jetzt noch nicht
-- nicht bis ich mich näher überzeugt habe.«
Das Publikum fing schon wieder an zu dem Tisch zurückzukehren, so rasch
hatte man da drüben, in dem anderen Zimmer, den Leichnam wie die letzten
Spuren der fatalen Angelegenheit beseitigt. Das Spiel durfte unter keiner
Bedingung gestört werden. Kein Mensch sprach mehr über den Selbstmord des
Unglücklichen, wie denn überhaupt eine laute Unterhaltung im Heiligthum der
grünen Tische gar nicht mehr geduldet wurde. Alles verkehrte in Flüstern
mit einander.
Dadurch gruppirten sich die Zuschauer wieder fester um die eigentlichen
Spieler, und Trautenau wie Frank konnten auch, unter deren Schutz, etwas
näher an den entdeckten Major hinanrücken. Uebrigens war kaum Gefahr da,
daß er sie bemerken würde, denn seine Augen wanderten für keinen Moment von
dem Tisch selbst und dem darauf stehenden Golde ab. Was kümmert sich der
Spieler um die Zuschauer.
Frank verstand allerdings das Spiel gar nicht, Trautenau dagegen hatte auf
seinen verschiedenen Reisen schon öfter Gelegenheit gehabt es zu beobachten
und zu verfolgen, und es konnte ihm bald nicht mehr entgehen, daß der Major
ziemlich hoch und zwar nach einem bestimmten Plan spiele, während die Dame
an seiner Seite, die aber noch immer den Kopf abgedreht hielt, bald da,
bald dort pointirte und den hinter ihr stehenden jungen Mann dabei oft um
Rath frug. Die Gestalt konnte aber nicht die Clemences sein. Sie schien
allerdings von hoher, stattlicher Figur, kam Ernst aber weit stärker vor,
als Clemence gewesen -- auch die Contur der Wangen war voller als er sie
gekannt. Nur das Haar glich dem ihrigen vollkommen und man hätte kaum
glauben sollen, daß zwei Personen eine so ähnliche und wahrhaft prachtvolle
Lockenfülle haben könnten. Aber sie war es trotzdem nicht; es ließ sich
ja auch nicht denken, daß Clemence, das stolze, schöne Mädchen, so weit
gesunken sein könne, um hier am grünen Tisch --
In dem Moment drehte sie den Kopf zur Seite -- der bis jetzt hinter ihr
stehende junge Herr hatte sie einen Augenblick verlassen, um zu einem
anderen Spieler hinüber zu treten. Sie schien ihn zu suchen und ihr Blick
streifte selbst Trautenau's Gestalt -- wenn auch vollkommen gleichgültig,
denn er trug nicht die bestimmten Formen, denen sie folgte.
»Beim ewigen Gott, sie ist es,« stöhnte da Ernst, indem er scheu und
erschrocken einen Schritt zurücktrat -- »Clemence!«
»Wahrhaftig? das ist allerdings merkwürdig,« sagte Frank, »und hier der
Tisch wäre der letzte, hinter dem ich sie gesucht hätte. Sie scheint aber
stärker geworden zu sein. Ah, da tritt auch ihr Courmacher wieder hinter
ihren Stuhl. -- Komm Ernst; ich glaube, wir haben genug gesehen, um nicht
nach Weiterem zu verlangen. Die Dame scheint sich in ihrem neuem Beruf
außerordentlich wohl zu fühlen.«
Trautenau erwiederte kein Wort; es schnürte ihm das Herz zusammen, der
Athem wurde ihm schwer, und er drängte selber jetzt hinaus in's Freie, weil
er den Anblick nicht länger ertragen konnte.
Das Interesse für die früher Geliebte war aber doch zu frisch und gewaltig
geweckt worden, um es so rasch wieder abschütteln zu können, und da selbst
Frank neugierig geworden war, zu erfahren, unter welchen Verhältnissen
sich die beiden Gatten hier aufhielten, so ließen sie sich, in ihrem
Hôtel angelangt, vor allen Dingen die Kurliste geben, um dort die Namen
aufzusuchen und dadurch ihren Wohnort herauszubekommen.
Es dauerte allerdings einige Zeit, bis sie das alphabetisch geordnete und
etwas voluminöse Actenstück durchstudirt hatten, aber den Namen Reuhenfels
fanden sie nirgends angegeben -- nicht in der alphabetischen Ordnung, nicht
unter den einzelnen Hôtels. War er etwa hier in Wiesbaden ansässig? dann
kam er allerdings nicht in die Kurliste. Aber auch im Adreßbuch stand er
nicht. Da fiel, als Trautenau noch einmal die Kurliste aufschlug, sein Auge
zufällig auf den Namen »Zu Berg« -- Reuhenfels hatte ja -- soviel erinnerte
er sich, den Namen »zu Berg« bei dem eigenen. -- Das mußte er jedenfalls
sein und als Wohnung des »Baron und Gemahlin nebst Bedienung« war Hôtel
Kompelt angegeben.
Also er reiste, wenn auch nicht unter falschem, doch jedenfalls verstellten
Namen, und das schien erklärlich, denn er mochte Ursache haben, sich der
Vergangenheit zu schämen. Auch der verschnittene Bart sprach dafür, der
ihn allerdings so entstellte, daß ihn selbst Frank niemals unter demselben
aufgefunden hätte.
Die beiden jungen Leute waren aber doch neugierig geworden, etwas mehr von
den alten Bekannten zu hören. Besonders Frank, der recht gut wußte, daß
man sich dafür in M-- außerordentlich interessiren würde -- und beschlossen
deßhalb jedenfalls noch bis zum nächsten Mittag in Wiesbaden zu bleiben
und Nachforschungen anzustellen, denn heute Abend war es dazu allerdings zu
spät geworden.
Ernst aber konnte Clemences Bild, wie er sie an dem Spieltisch gesehen,
nicht wieder aus dem Gedächtniß bringen. Wie hatten sie die wenigen Jahre
verändert -- wie gänzlich umgestaltet. Vermögenlos konnte sie allerdings
nicht sein, denn sie prangte noch immer im höchsten Staat -- aber wohin war
der gute, liebe Ausdruck in ihren Zügen gekommen? wohin jene schüchterne
Jungfräulichkeit, die er sonst darin zu finden geglaubt. Sie war wohl noch
schön -- oh so wunderbar schön wie je; aber mochte die Umgebung dabei die
Schuld tragen, genug ihm machte es den Eindruck, als ob sie jene holde
Weiblichkeit verloren habe, die gerade so bezaubernd auf das Männerherz
wirkt und es fesselt. Auch ihr Blick, wenn sie ihn im Saal umherwarf,
schien weit mehr keck und herausfordernd gewesen zu sein als er es
gewünscht, und an dem Spieltisch sich wie zu Hause zu fühlen. Ja, er
erinnerte sich jetzt sogar, daß sie eine kleine Geldkrücke in der Hand
geführt und ein Blatt zum Controliren des Spiels neben sich gehabt, -- ganz
wie es alte Spieler gewöhnlich thun. Sie konnte doch nicht in den wenigen
Jahren schon so tief gesunken sein.
Wie ihn die Gedanken quälten -- und er grübelte und sorgte sich darüber,
bis endlich die Müdigkeit seine Augen schloß.
Am andern Morgen war Ernst früh auf. In einem Badeort giebt es überhaupt
wenig Langschläfer, denn schon die Kur erfordert viel Bewegung und die
Damen wissen, daß sie in ihrem einfachen Morgenanzug oft ebenso hübsch,
gewöhnlich aber in Wirklichkeit noch viel hübscher aussehen, als
Nachmittags in allem Glanz einer Gesellschaftstoilette. Vor dem Kurhaus um
den blitzenden Teich herum, in dem die Fontainen sprangen, ergingen sich
denn auch schon eine Menge Damen, die, ihr Glas in der Hand, gewissenhaft
ihre Promenade machten und dabei gar nicht so aussahen, als ob sie irgend
wie nöthig hätten, ihrer Gesundheit wegen solch nichtswürdiges Wasser zu
trinken. Aber die Form mußte beobachtet werden. Wenn sie auch nur ihres
Vergnügens wegen, unter dem Vorwand von Nervenleiden, hierhergekommen
waren und das eigentlich blos den Zweck hatte, eine reiche, dazu besonders
angefertigte Garderobe zur Schau zu tragen, so durften sie sich doch der
Kur nicht entziehen. Es hätte sonst der schmerzliche Fall eintreten können,
daß ihnen der Gatte in der nächsten Saison die nothwendigen Reisespesen
vorenthielt, und der Gedanke schon war furchtbar. Nein, da lieber Brunnen
trinken.
Frank war zu Hause geblieben, um ein paar nothwendige Briefe zu schreiben,
die, bei jetzt fest bestimmter Abreise seine Rückkunft daheim anzeigen
sollten. Ernst dagegen machte vor allen Dingen einen Spaziergang nach dem
Kurhaus, um dort erst einmal zu sehen, ob er Clemence nicht wieder begegnen
könne. Die Musik spielte eben den unvermeidlichen Choral, um unmittelbar
von demselben auf einen lustigen Schottischen überzuspringen; aber er
suchte unter den dort auf und ab wandelnden Badegästen nach den lieben,
bekannten Zügen der jungen Frau vergebens. Er konnte sie nirgends bemerken.
Es gab allerdings in Wiesbaden auch noch andere Stellen, wo Brunnen
getrunken, und zahllose, wo gebadet wurde, -- möglicher Weise, daß sie
sich dort irgendwo befand, aber dort hinaus konnte er sie in jeder Straße
verfehlen, und er beschloß deshalb, ohne Weiteres in das von der Kurliste
bezeichnete Hôtel zu gehen, um da womöglich einiges Nähere über das Ehepaar
zu erfahren.
Clemence befand sich übrigens diesen Morgen nicht in dem gewöhnlichen
Gedräng der Kurgäste, weder hier noch in einem anderen Theil der Stadt,
sondern schritt nicht weit von der Stelle, wo das Grabmal der verstorbenen
Herzogin steht, am Arm eines jungen, sehr elegant gekleideten Herrn --
desselben, der gestern Abend hinter ihrem Stuhl am Spieltisch gestanden,
-- langsam durch das Gehölz. Beide schienen auch in ernster und eifriger
Unterhaltung begriffen, in welche sie aber doch nicht genug vertieft waren,
um nicht dann und wann wie scheu den Blick nach rechts und links zu werfen,
als ob sie fürchteten beobachtet zu werden.
»Ich halte es beim Himmel nicht mehr aus, Armand,« sagte da die junge Frau.
-- »Er wird mit jedem Tage roher und unerträglicher -- ein wahrer Teufel.
Ach, jener Maler hatte Recht, der ihn in der Gestalt mit auf mein Bild
brachte.«
»Nur noch eine kurze Zeit, Clemence, um meinetwillen,« bat da Armand. »Du
weißt ja, daß ich meine Schwester hier nicht verlassen kann, und in acht
Tagen spätestens, vielleicht schon früher, kommt ihr Gatte zurück. Dann
sinnen wir auf Mittel und Wege, wie wir unsere Flucht bewerkstelligen.«
»Dann ist es zu spät,« sagte Clemence düster, »denn gestern Abend noch hat
er mir erklärt, daß wir in den nächsten Tagen Wiesbaden verlassen werden.«
»Und wohin will er sich wenden?«
»Er weiß es noch nicht, oder würde es mir auch nie sagen, weil er unser
Einverständniß ahnt, oder doch wenigstens Verdacht geschöpft hat. Er
scheint auch nur von hier fortzugehen, um uns zu trennen.«
»So bald schon,« rief Armand erschreckt aus -- »oh, ich kann Dich nicht
verlieren, Clemence, ich würde elend mein ganzes Leben werden.«
»Aber, was läßt sich, was kann ich thun, um es zu verhindern? Ach, Alles
Dir zu Liebe, Armand, sag' mir nur wie?«
»Du kannst mir schreiben wohin Ihr Euch gewandt, und ich folge Dir dann in
wenigen Tagen nach.«
»Ich fürchte, ich fürchte,« stöhnte die arme Frau, »daß er beabsichtigt,
mich weit hinweg zu führen. Irgend ein Vergehen muß ihn drücken -- irgend
etwas muß in der letzten Zeit geschehen sein, wovon ich keine Ahnung habe,
denn verschiedene Anzeigen sprechen dafür. Nicht umsonst trägt er seinen
Bart jetzt so, daß er ein ganz anderes Aussehen gewonnen hat. Dann fährt er
oft, mitten in der Nacht, von schweren Träumen geschreckt, empor. Auch ein
Revolver liegt fortwährend über seinem Kopfkissen, geladen im Bett, als ob
er fürchte überfallen zu werden. Irgend etwas ist jedenfalls geschehen und
er hat auch seitdem nirgends Ruhe mehr. Kaum sind wir acht Tage in einem
Ort, so treibt es ihn wieder hinweg und in der letzten Zeit sprach er sogar
manchmal von England und Amerika. Wenn er mich dort hinüber führt, bleibt
mir ja Nichts übrig, als meinem elenden Leben in den Wellen ein Ende zu
machen.«
»Clemence,« bat sie Armand.
»Wahrlich Armand, ich thäte es,« rief die junge leidenschaftliche Frau --
»aber noch ist es nicht nöthig -- noch bleibt mir ein Ausweg, wenn ich mich
fest auf Dich verlassen kann.«
»Und zweifelst Du daran, Clemence?«
»Nein -- dann bestimme mir nur einen Ort, wo ich Dich erwarten kann und
ich reise morgen früh allein dahin ab. Ich gehe ja jeden Morgen, wie Kuno
glaubt, zum Brunnentrinken. Die Bahn führt mich rasch fort von hier und
dann --«
»Aber auf wen anders fiele dann sein Verdacht, als auf mich?« rief Armand,
»und er würde mich nicht mehr aus den Augen lassen. Wie kannst Du auch
allein reisen -- es geht nicht.«
»Glaubst Du, daß ich mich fürchte?«
»Nein, aber die Spur einer einzelnen Dame, die überall auffällt, ist
leicht verfolgt und wie gesagt, er hat hier so viele Späher, daß er mich
augenblicklich würde beobachten lassen, und folgte ich Dir dann, so wäre
unsere Flucht verrathen. Hast Du denn Niemanden hier, den Du genauer kennst
-- dem Du Dich anvertrauen könntest, um Reuhenfels wenigstens auf eine
falsche Spur zu bringen? -- Wir müssen sicher gehen oder Alles ist
verloren!«
»Ich habe Niemanden,« sagte Clemence eintönig, »Niemanden, als jene frechen
Spielgenossen Kuno's, die wohl zu einem Abenteuer geneigt wären, aber
niemals einer armen unglücklichen Frau Schutz verleihen würden. Du kennst
sie ja selber.«
»So will ich sehen, daß ich Jemanden finde,« sagte Armand nach einer kurzen
Pause -- »es muß sein -- es muß, denn ich selber ertrüge dieses Leben
nicht, wenn ich Dich in der Gewalt jenes Elenden länger wissen sollte.«
»Aber die Zeit drängt -- denke Dir Armand, daß es vielleicht schon morgen
zu spät ist.«
»Wo kann ich Dich heute Abend noch einen Augenblick sprechen?«
»An der zweiten Urne, wo wir uns im vorigen Jahr zum ersten Mal trafen,«
sagte Clemence nach kurzem Bedenken -- »wenn Kuno heute Abend in das
Kurhaus geht, werde ich unter irgend einem Vorwand zurückbleiben. Es wird
ihm nicht auffallen, denn ich habe es schon öfters gethan, weil mir der zu
lange Aufenthalt unter den Gasflammen häufig Kopfschmerzen macht. Ich folge
ihm dann gewöhnlich um acht Uhr -- Du aber darfst im Saale nicht fehlen --
halb acht Uhr nur suche einen Augenblick abzukommen; pünktlich zu der Zeit
bin ich an der Urne, und werde auch heute Abend noch Alles packen, um jeden
Augenblick bereit zu sein.«
»Ich danke es Dir mein ganzes Leben, Clemence,« sagte Armand herzlich --
»doch noch eine Frage. Hast Du lange Nichts von Deinem Vater gehört? Zu
ihm müssen wir, damit er das Band, das Dich an den rohen Burschen knüpft,
wieder löse. Du sagtest mir ja selber, daß er mit Reuhenfels gebrochen
habe.«
»Ja, sie haben sich, so eng sie früher auch befreundet schienen,
veruneinigt. Was da vorgefallen ist, weiß ich nicht, aber harte Worte
fielen zwischen Beiden, und ich durfte, als wir fortreisten, nicht
einmal von dem Vater Abschied nehmen. Neuerdings schien sich wieder ein
Verständniß anzubahnen. Wir waren bei ihm in Paris und Reuhenfels verkehrte
viel geheim mit ihm, bis mein Vater eines Tages, ohne mir selber vorher ein
Wort davon zu sagen, eine Reise machte. Er sandte mir nur durch Reuhenfels
Botschaft, daß er vielleicht acht oder vierzehn Tage könne ferngehalten
werden, und da mein Mann nicht so lange warten wollte, fuhren wir an
den Rhein in die Bäder -- zuerst nach Ems, dann nach Baden-Baden, jetzt
hierher.«
»Aber Dein Vater ist jetzt doch jedenfalls wieder in Paris?«
»Ich weiß es nicht -- ich habe seit der Zeit keine Nachricht bekommen,
obgleich ich selber dreimal an ihn schrieb. Wir wechselten aber den
Aufenthaltsort zu rasch, und ein Brief kann recht gut verloren gegangen
sein. Ha! dort kommen Leute -- verlaß mich jetzt Armand, wir dürfen nicht
zusammen gesehen werden.«
»Also heute Abend halb acht Uhr.«
»An der zweiten Urne -- oh, wenn der morgende Tag nur erst vorüber wäre,«
seufzte sie.
Armand hatte sie an sich gezogen und drückte einen Kuß auf ihre bleiche
Wange, aber sie entwand sich ihm rasch und eilte den Pfad entlang, während
Armand in die nächsten Büsche glitt, und von dort ab einen andern Weg
erreichte, auf dem er allein in die Stadt zurückkehren konnte.
In derselben Zeit, oder etwas später, suchte Trautenau das Hôtel Kompelt
auf. Er konnte ja dort eine Tasse Caffee trinken und die Zeitung lesen,
dabei gab es dann vielleicht eine Gelegenheit, um mit einem der Kellner
ein Gespräch anzuknüpfen. Waren doch die untern Räume des Hôtels um diese
Tageszeit fast immer menschenleer.
Der Oberkellner, der am Fenster stand und mit Nichts in Gottes Welt zu
thun, hinaus auf die Straße sah, ging auch willig auf eine Unterhaltung mit
dem einzelnen Gast ein. Irgend etwas, um die Zeit todt zu schlagen, schien
ihm selber erwünscht. Trautenau steuerte indessen nicht direct auf sein
Ziel los, sondern erkundigte sich erst nach der Saison im Allgemeinen,
frug dann ob das Hôtel voll besetzt wäre, und blätterte in der Kurliste die
Namen der dafür verzeichneten Gäste auf.
»Ah, zu Berg,« sagte er plötzlich -- »die Familie ist mir bekannt, ich
möchte wohl wissen, welcher Zweig derselben es ist. Können Sie mir darüber
Auskunft geben, Herr Oberkellner?«
»Ein Herr und eine Dame« sagte dieser, »mit Kammerfrau -- einer ganz
allerliebsten kleinen Französin -- zum Anbeißen sage ich Ihnen.«
»Noch jung?«
»Kaum achtzehn Jahr höchstens.«
»Nein, ich meine das Ehepaar.«
»Ach so, ich dachte, Sie frügen nach der Kammerfrau. Nun der Herr mag
etwa in den vierzigern sein. Die Dame -- auch eine sehr schöne, vornehm
aussehende Frau, kann höchstens zweiundzwanzig sein. -- Aber eine
unglückliche Ehe.«
»Wirklich?«
»Ewig Streit und Skandal, wenn sie zu Hause sind. Der Herr Gemahl scheint
etwas eifersüchtiger Natur, und hat auch vielleicht Ursache. Lieber Gott,
in Badeorten fällt ja so Manches vor, und man darf sich eigentlich gar
nicht darum bekümmern.«
Der Kellner wurde abgerufen und Trautenau blieb in tiefes Nachdenken
versenkt, allein zurück. Still nickte er dabei vor sich hin mit dem Kopf --
waren ihm doch nur eben seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt worden
-- Arme Clemence! Wie Recht hatte er gehabt, als er sie vor dem Menschen
warnte, aber sie wollte ja nicht hören, und jetzt war sie vielleicht
unglücklich für ihr ganzes Leben lang. Aber was konnte er dabei thun? Ihm
stand kein Recht zu, sich in die Familienangelegenheiten ihm völlig fremder
Menschen zu mischen. Daß er sie geliebt -- daß er sie noch liebte? wie
kam das in Betracht. Er stand auf -- was sollte er auch länger hier in
Wiesbaden, wo ihn nur der Schmerz, die Theilnahme um die Verlorene jede
Stunde verbittert hätte. Er wollte noch an dem Mittag fort. Es war das
Beste was er thun konnte.
Mit diesem Entschluß nahm er seinen Hut, und trat in die Thür, als er
heftige Stimmen auf dem Vorsaal hörte. Es war ein Herr und eine Dame,
die sich auf eine sehr lebhafte Art in französischer Sprache mit einander
unterhielten, und er verstand eben nur noch die letzten Worte der Dame, die
deutlich sagte:
»Du bist wie ein Thier, und ich schwöre es Dir zu, daß ich von diesem
Augenblick an --« Sie schwieg plötzlich, denn sie gewahrte den Fremden. --
Es war Clemence und zwar mit zornesbleichem Gesicht, das aber rasch Farbe
bekam, als ihr Blick auf den, im Moment erkannten jungen Maler fiel.
Ernst konnte nicht gut umkehren, und obgleich er es lieber vermieden hätte,
Clemence zu begegnen, blieb ihm doch jetzt keine andere Wahl, als eben
gerade aus, und an den beiden Gatten vorüber zu gehen. Er mußte sogar
grüßen, denn der jungen Frau Blick haftete starr, ja fast wie ersteckt auf
ihm. Er zog den Hut. Auch der Major schien ihn wieder erkannt zu haben,
wenn er sich auch vielleicht nicht gleich genau auf ihn besinnen mochte.
Nur unwillkürlich griff er ebenfalls nach seinem Hut, sah sich noch einmal
nach ihm um und sprang dann rasch die Stufen der Treppe hinauf, der Dame
voran.
Clemence folgte ihm, aber auch sie warf noch einmal den Blick nach ihm
zurück. Sie stieg auch die Stufen langsam hinauf und Trautenau sah, daß sie
dabei den einen Handschuh auszog. Jetzt blieb sie stehen und wieder drehte
sie den Kopf, und als sie fand, daß Trautenau's Blick noch immer, wie
gebannt, an ihr haftete, bemerkte der junge Maler, daß etwas Weißes, an
ihrem Kleid nieder, auf die Stufen fiel, wo es liegen blieb. Aber sie
bückte sich nicht danach, und folgte jetzt, rascher als vorher dem Gatten.
Was war das? -- ein Zeichen für ihn? Trautenau konnte es sich nicht
erklären, denn schien es denkbar, daß Clemence Joulard ihm ein solches
hinterlassen würde? Aber er wußte wenigstens daß dort etwas liegen
geblieben war. Vielleicht hatte sie irgend etwas nur zufällig verloren, und
er konnte es ihr dann durch den Kellner hinauf schicken.
Der Major wie Clemence waren schon oben im Gang verschwunden, und mit
wenigen Sätzen sprang Ernst die Stufen hinauf und fand dort einen weißen,
noch warmen Handschuh -- mit einer Visitenkarte darin, auf welcher, in kaum
lesbar feiner Schrift der Name Clemence zu Berg =née= de Joulard stand.
Aber sonderbar -- die Karte war oben am Rand sechsmal eingerissen.
Unten trat der Kellner in die Thür, Ernst barg seine Beute rasch in
der Hand und wollte das Hôtel verlassen, denn zuerst mußte er mit Frank
sprechen, wie er hier zu handeln habe, das Alles war so rasch gekommen, daß
er kaum einen Gedanken fassen konnte.
»Das waren sie,« flüsterte der Kellner, als er an ihm vorüberschritt, indem
er mit dem Daumen über seine Schulter zeigte. »Famose Person, heh?«
Damit blinzelte er den jungen Fremden verschmitzt an, drückte sich seine
Serviette unter den Arm und verschwand damit in der Küche.