über dieses sonderbare und außergewöhnliche Verlangen große Augen machte,
zögerte Clemence, der Bitte zu willfahren. Aber sie mochte es auch nicht
verweigern; schüchtern reichte sie ihm die äußersten Fingerspitzen. Der
Maler nahm sie, hob sie leicht an die Lippen und flüsterte dann: »Gott
gebe, daß diese Hand sich nur zum Glück in die eines Mannes lege. Seien Sie
glücklich --« und seinen Hut aufgreifend, ohne die Mademoiselle weiter zu
beachten, verließ er rasch das Zimmer.
Fünftes Capitel.
Zerronnen.
Ernst Trautenau war in einer recht trüben Stimmung nach Hause gekommen
und diese wurde nicht gebessert als sein Auge auf das karrikirte Bild des
Majors fiel, dessen grinsende Züge sich über ihn lustig zu machen schienen.
Eine ganze Weile ging er auch mit verschränkten Armen in seinem Zimmer
auf und ab, und in Trotz und Aerger fuhr sein Blick wohl manchmal nach
der verhaßten Gestalt hinüber, ja es war als ob er mit einem finsteren
Entschluß ringe. Aber was konnte, was durfte er Anderes thun als der Sache
eben ihren Lauf lassen? Er hatte ja mit Clemence gesprochen und sie gewarnt
und sie ihn auch genau genug verstanden, aber auch höflich zwar, doch kalt
abgewiesen. Damit schien Alles erschöpft was ihn hätte veranlassen können
weiter vorzugehen, ja des jungen Mädchens ganzes Benehmen zeigte deutlich,
daß sie glaubte, er sei schon zu weit gegangen.
Und was sollte er jetzt thun? Er hätte sich gern mit Frank ausgesprochen,
denn er wußte, daß der es treu mit ihm meine, Frank war aber seit einigen
Tagen verreist und wurde in der nächsten Zeit nicht wieder zurück erwartet;
so blieb ihm Nichts übrig, als Alles was ihn quälte, in der eigenen Brust
zu verschließen.
Er war dadurch fast menschenscheu geworden, und als er Clemencens Bild, um
es jetzt in seinem eigenen Atelier zu beenden, wieder in das Haus geschickt
bekam, schloß er sich volle acht Tage damit ein, verkehrte mit Niemandem,
antwortete auf kein Klopfen, und grub sich den Pfeil, diesem geliebten
Zeugen gegenüber nur noch immer tiefer in die Brust. Ja er fand einen süßen
Schmerz für sich darin, eine kleine Copie davon zurückzubehalten, er hätte
sich ja sonst nicht von dem Bilde trennen können.
Endlich hatte er es fertig und es war abgeliefert worden. In der ganzen
Zeit hörte er auch nichts von Joulard -- er wollte nichts hören, bis er
eines Morgens ein Schreiben des alten Herrn selber erhielt, in welchem
dieser ihm mit wenigen Worten für das »sehr gelungene Gemälde« dankte,
und ein Honorar beifügte, das Trautenau nie gewagt haben würde, so hoch zu
fordern. Aus dem Couvert fiel aber auch noch eine kleine Karte zu Boden,
die er vorher nicht bemerkt hatte. Er hob sie auf, es standen mit äußerst
feiner zierlicher Schrift nur die beiden Namen darauf:
Major Kuno von Reuhenfels zu Berg,
Clemence von Reuhenfels zu Berg,
née Joulard.
Es war geschehen, die Hochzeit hatte, ohne daß er in seiner
Abgeschlossenheit etwas davon gehört, stattgefunden und Clemence selber
seine Warnung verachtet. Die Folgen kamen jetzt über sie.
Nun litt es ihn aber auch nicht mehr in der Stadt, er mußte fort. Um der
Form zu genügen, schrieb er ein paar Zeilen an Herrn Joulard, worin er
ihm den richtigen Empfang des Honorars dankend anzeigte und zugleich seine
Glückwünsche für das jung verehelichte Paar beilegte. Dann ließ er noch
einen Brief für Frank zurück, wenn dieser etwa wiederkehren sollte, packte
seinen kleinen Koffer und seine Malergeräthschaften zusammen und verließ
M--, um sich nach dem Süden -- nach Italien, dem Paradies der Künstler, zu
wenden.
Dort blieb er weit über zwei Jahre und vertiefte sich so vollkommen in
seine Arbeiten, daß er von Deutschland wenig oder gar nichts hörte. Ja, er
mied es sogar, Kunde von dort zu erhalten. Nur die Erinnerung wachte und
bohrte noch in ihm. Clemencens Bild verließ ihn keinen Augenblick und ihre
lieben Züge gab er manchem seiner Bilder, wie er denn auch die Züge des
Majors nicht vergessen hatte.
Eines seiner Gemälde machte Aufsehen. Es war eine Scene aus der früheren
italienischen Geschichte, wo Seeräuber von der afrikanischen Küste sich
manchmal keck an die Ufer dieses Landes wagten, ihre Schaaren an den Strand
warfen und von Menschen und Gütern raubten, an was sie in aller Schnelle
die Hand legen konnten. Das Bild stellte den Moment vor, wie die Räuber
wieder, während ein Theil von ihnen das andringende Landvolk zurücktreibt,
mit der gemachten Beute fliehen, und den Mittelpunkt desselben bildete
eine, mit furchtbarer Wahrheit ausgeführte Gruppe, in welcher der Capitain
der Räuber ein junges bildschönes Mädchen, das sich aber in rasender
Leidenschaft gegen ihn sträubt, zu dem nur noch wenige Schritte entfernt
liegenden Boot hinunter schleppt.
Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, daß die Geraubte Clemencens Züge
trug, während der Capitain dem verhaßten Major glich.
Gerade durch dies Gemälde aber, und daß er sich so lebendig wieder mit
den alten besser begrabenen Erinnerungen beschäftigte, erwachte in ihm die
Sehnsucht nach der Heimath stärker als je. -- Clemence? -- er wußte recht
gut, daß er mit keiner Faser seines Herzens mehr an sie denken durfte,
aber er wollte doch wenigstens in ihre Nähe zurückkehren. Er mußte sie noch
einmal sehen, er mußte hören, daß es ihr gut gehe, daß sie sich glücklich
fühle, und dann? Ei, dann hatte er weite Reisepläne vor. Er war noch jung,
und die Welt lag vor ihm mit all ihren ungemessenen Schätzen.
Einmal mit dem Entschluß erst im Reinen, führte er ihn auch bald aus. Seine
Gemälde hatte er fast alle auf Bestellung gemacht; für das letzte wurde ihm
ein bedeutender Preis geboten; er nahm ihn an, und schon in der nächsten
Woche trat er den Rückweg nach Deutschland an.
Als er M-- erreichte, fuhr er vom Bahnhof in einer offenen Droschke durch
die Stadt nach einem dem Kutscher bezeichneten Hôtel. Er wußte, daß er
auf dem Weg Joulard's Palais passiren mußte und wenn er sich auch keine
Hoffnung machte, Clemence dort zu sehen, wollte er doch wenigstens einen
Blick nach ihren Fenstern werfen.
Dort lag das stattliche Gebäude vor ihm, aber er schrak fast zusammen,
als er die Veränderung bemerkte, die mit demselben in der kurzen Zeit
vorgegangen war.
Das war nicht mehr das Haus eines reichen Privatmannes, denn die Industrie
hatte sich seiner bemächtigt, und große Schilder beklebten, entstellten es
von oben bis unten. Die Parterrelokale waren parcellirt und zu eleganten
Verkaufsräumen hergerichtet worden -- in der ersten Etage hatte sich ein
großes Spitzenlager von Aaron Hamburger etablirt, dessen riesiger Name
fast die ganze Front einnahm, und oben war in der zweiten Etage eine Thür
ausgebrochen und ein Krahnbalken eingeschoben worden, um dorthin Waaren
gleich von der Straße aus, hinaufzuwinden.
»Hat denn Herr Joulard dies Haus verkauft?« frug Trautenau unwillkürlich
den Kutscher; dieser zuckte aber mit den Achseln und erwiederte:
»Kann ich nicht sagen, ich bin erst seit einem halben Jahre in M-- und weiß
gar nicht, wem das Haus früher gehörte. Jetzt ist's der Stadt und die Läden
werden vom Stadtrath selber vermiethet, denn ich weiß, mein Herr hätte gern
die schönen Ställe da drin gehabt, aber sie forderten einen zu bärenmäßigen
Zins dafür. Da war's denn Nichts.«
Nicht lange darauf hielt die Droschke vor dem bezeichneten Hôtel, und
Trautenau's erste Frage, nachdem er sein Zimmer angewiesen bekommen, war
nach dem Joulard'schen Hause. Der Kellner zuckte ebenfalls die Achseln.
»Das war eine faule Geschichte,« sagte er, »sind nun fast zwei Jahre, da
brach der Schwindel zusammen. Die ganze Stadt hatte den Herrn Joulard für
einen Millionär gehalten -- ja wohl, eine halbe Million Schulden kam fast
zusammen, es ging hoch in die Hunderttausende und auf einmal war er weg,
wie Schnee im April, und kein Mensch weiß noch bis zu dieser Stunde, was
aus ihm geworden ist.«
Trautenau schnürte es fast das Herz zusammen, aber er wagte nicht, den
kurzjackigen, wohlfrisirten Menschen weiter zu fragen. Von diesen Lippen
wollte er das Schicksal Clemences nicht erfahren. Er mußte sehn, ob er
Frank nicht in M-- traf.
Er zog sich rasch um und ging in dessen alte Wohnung, dort aber war er
nicht mehr zu finden. Jedoch sollte er in der Stadt sein, wo er sich aber
jetzt eingemiethet habe, würde Herr Trautenau wohl auf der Polizei am
sichersten erfahren.
Dorthin ging er und hörte, daß Franz Rauling, Maler, sein eigenes altes
Atelier bewohnte, wohin er sich denn natürlich augenblicklich begab.
Das Wiedersehen der beiden Freunde war herzlich. Wie viel hatten sie sich
auch zu sagen und zu erzählen, und doch scheuten sich Beide eine lange
Weile den einen Punkt zu berühren, der jedenfalls auf Beider Lippen lag und
dem doch Keiner von ihnen zuerst Worte geben mochte.
Trautenau saß in einem alten lederüberzogenen Lehnstuhl, den Kopf in die
rechte Hand gestützt, das linke Bein über das rechte geschlagen, und sein
Blick hing, während er mit dem Freund sprach, fest und unverwandt an seinem
eigenen Teufelsbild, das heute noch wie damals die Mauer zierte -- oder
entstellte.
»Und was ist aus dem da geworden?« brach er endlich durch alle Schranken
durch, denn er mußte ja doch wissen, was mit Clemence geschehen.
»Aus dem da?« antwortete Frank und warf den Blick über die Schulter nach
dem Wandgemälde -- »weißt Du schon, was aus dem alten Joulard geworden
ist?«
»Sein Haus hat er verkauft.«
»Er? -- nein -- aber seine Gläubiger haben es gethan. Das war einer der
größten Schwindler, die je existirt. Und wie hat er unsere gute Stadt
selber angezapft. Mit einer Frechheit ist er dabei aufgetreten, die gar
nichts zu wünschen übrig ließ. Er verstand wie Keiner, den Leuten Sand
in die Augen zu streuen und besaß dadurch einen ganz enormen Credit. Den
benutzte er, so lange es anging, aber ewig konnte das natürlich nicht
dauern -- plötzlich und bald nachdem Du M-- verlassen, brach es zusammen,
und wie nur die erste drohende Wolke am Horizont aufstieg, ballte sich
auch in wenigen Tagen, ja man könnte sagen in Stunden ein so furchtbares
Gewitter über seinem Haupt zusammen, daß er es für gerathen fand demselben
auszuweichen. Er verschwand und hat auch keine Spur hinterlassen, was aus
ihm geworden. Einige wollten behaupten, daß er freiwillig den Tod gesucht,
aber ich glaube es nicht -- sein Leichnam ist nirgends gefunden worden
und außerdem traue ich dem berechnenden Burschen eine solche That der
Verzweiflung gar nicht zu, da er durch die Katastrophe ja nicht überrascht
werden konnte. Er mußte vom ersten Augenblick an wissen, daß sie ihn früher
oder später ereilen würde. Sie konnte nicht ausbleiben.«
»Und Clemence?« fragte Trautenau leise -- »ist sie hier?«
Frank zögerte mit der Antwort. -- »Nein« sagte er endlich, »aber ich sehe
auch nicht ein, weshalb ich Dir etwas vorenthalten soll, was Dir doch hier
in M-- kein Geheimniß bleiben kann, denn die Sperlinge auf den Dächern
haben fast ein Jahr lang davon geschwatzt. Jetzt ist es ruhiger geworden,
denn das Publikum findet immer wieder etwas Neues, was die alten
Geschichten vergessen läßt!«
»So ist etwas mit dem Major vorgegangen?«
»Allerdings, und zwar kurz vorher, ehe der Bankerott des Alten ausbrach.
Wärest Du nur acht Wochen länger in M-- geblieben, so hättest Du die ganze
Sache mit erlebt.«
»Und was war es?«
»Du weißt, welche Gerüchte schon früher über ihn umliefen, und
unbegreiflich ist es, daß Joulard selber Nichts davon gehört haben sollte.«
»Ich selber habe Clemence gewarnt.«
»Du?«
»Gewiß, wie ich sie das letzte Mal sah, aber sie wies mich kalt und stolz
zurück.«
»Dann steckt auch mehr dahinter und dies bestätigt einen Verdacht, den ich
schon lange gefaßt, daß nämlich der Major sowohl, als der alte Joulard ihre
gegenseitigen Verhältnisse genau kannten. Uebrigens wurde später behauptet,
daß Clemence gar nicht Joulards Tochter gewesen sei.«
»Und wessen sonst?«
Frank zuckte mit den Achseln. »Es würde schwer sein, das festzustellen,
und käme auch Nichts mehr darauf an, denn er ist fort aus M-- und wird wohl
schwerlich hierher zurückkehren.«
»Und was ist sonst vorgefallen? Sage mir Alles.«
»Es ist mit kurzen Worten erzählt. Es kamen Dinge zur Sprache, die den
Major auf das Aeußerste compromittirten. Er mußte seinen Abschied nehmen.
Wechsel waren gefälscht worden, Cassengelder unterschlagen. Man sprach von
falschem Spiel und einigen anderen Betrügereien und ging, mit Rücksicht auf
den Schwiegervater und den adeligen Namen des Burschen, wohl schlaffer mit
der Anklage gegen ihn vor, als man gegen einen Menschen aus niederem Stande
vorgeschritten wäre. Auf einmal war der Major verschwunden.«
»Mit seiner Frau?«
»Mit seiner Frau, und als nun Joulard die Wechsel zahlen sollte, brach eben
das ganze Kartenhaus zusammen.«
»Und wurde der Major nicht verfolgt?«
»Nein, man erzählte sich, oder wußte vielmehr, daß er bei Prinz Y-- sehr
gut angeschrieben stand, es gingen darüber allerlei tolle Gerüchte, die
natürlich wenig ehrenhaft für den Major waren. Der Prinz zahlte, wenn auch
seufzend, aber er zahlte doch, und die Klage gegen den Major, da sich die
Gläubiger gern mit 50% abfinden ließen, wo sie schon gefürchtet hatten gar
nichts zu bekommen, wurde niedergeschlagen.«
»Und wo hält er sich jetzt auf?«
»Kein Mensch weiß es. Ein Bekannter von mir wollte ihn neulich in Paris
gesehen haben, schien seiner Sache aber doch nicht ganz gewiß. Unmöglich
wär's freilich nicht, denn wenn er auch nicht in Deutschland mehr verfolgt
wird, dürfte er es doch nicht wagen, sich in anständiger Gesellschaft
blicken zu lassen, und ein solcher Zustand würde ihm bald unerträglich
werden.«
»Und Clemence ist bei ihm?«
»Wenigstens mit ihm von hier fortgegangen.«
»Armes, unglückliches Geschöpf -- wie furchtbar elend muß sie sich jetzt
fühlen.«
Frank schwieg und sah still vor sich nieder. Es schien fast, als ob er
noch etwas sagen wollte; Trautenau aber war zu sehr mit seinen eigenen
schmerzlichen Gedanken beschäftigt, um es zu bemerken. Manche Gerüchte über
Clemence hatten nämlich ebenfalls die Stadt durchlaufen, aber was konnte es
nützen, dem Freund durch Wiederholung derselben wehe zu thun. Bewiesen war
doch keins von allen worden, und ob Clemence nun Mitschuldige oder rein von
jedem Fehl sei, was kümmerte das den Stadtklatsch, der überall seine Opfer
suchte und dabei wahrlich nicht wählerisch in seinen Mitteln war.
»Und weißt Du nicht, was aus ihrem Bild geworden ist?« fragte der Andere
nach einer längeren Pause. -- »Sind denn auch selbst die Familienbilder
unter den Hammer des Actionators gekommen?«
»Alles,« lautete Frank's Antwort, »Dein Bild soll übrigens ziemlich hoch
von einem Engländer erstanden sein, der sich, Gott weiß, aus welchem
Grunde, dafür interessirte. Ich glaube, der Ofenschirm hat ihm in die Augen
gestochen. Das war doch eine verwünschte Idee von Dir, Ernst, den Bräutigam
als Carricatur neben die Braut zu stellen, und ich begreife nur nicht, daß
Clemence selber blind gegen die wirklich frappante Aehnlichkeit blieb.«
»Sie hat sie damals entdeckt.«
»Was? und den Schirm nicht übermalen lassen?«
»Ich erbot mich, es selber zu thun, aber sie wies es zurück.«
»Das ist in der That sehr sonderbar und zeugt wohl von einem ganz
eigenthümlichen Humor der jungen Dame, aber nicht besonders von ihrer
Verehrung für den Bräutigam.«
»Sie hat sich doch keinenfalls etwas Böses dabei gedacht.«
»Wer kann wissen, was sich so ein Mädchenkopf denkt -- das ist
unergründlich wie der Ocean. Aber was gedenkst Du jetzt zu thun? Bleibst Du
hier in M--?«
»Ich weiß es nicht -- weiß auch nicht, ob ich überhaupt in der nächsten
Zeit Ruhe zum Arbeiten haben werde.«
»Aber Du hast gewiß eine Mappe voll prächtiger Studien mitgebracht.«
»Das allerdings, aber die können warten. Meine Casse ist ziemlich gefüllt
und ich mache vielleicht noch, ehe ich den Pinsel wieder in die Hand nehme,
vorher eine kurze Reise durch Deutschland. Ich habe eine Sehnsucht nach dem
Rhein.«
»Höre, Ernst, mach' keinen dummen Streich,« sagte Frank, der ihn
mißtrauisch ansah -- »Du hast doch nicht etwa den tollen, abenteuerlichen
Plan, Deiner früheren Flamme nach Paris zu folgen?«
Trautenau schüttelte leise den Kopf. »Nein, Frank,« erwiderte er, »meine
Seele denkt nicht daran. Clemence ist jetzt das Weib des Majors und kann
für mich natürlich von da an nur eine Fremde sein. Ja, ich würde sogar die
Stadt, in der sie wohnt, meiden, um ihr nicht wieder zu begegnen. Weshalb
auch? es hieße nur alte Wunden aufreißen, um sie frisch bluten zu sehen.«
»Ist das Dein voller Ernst?«
»Hier meine Hand darauf und mein Wort.«
»Gott sei Dank,« rief Frank, »denn ich fürchtete schon, daß die Nachricht
ihres Unglücks jene alte hoffnungslose Liebe wieder anfachen könne.«
»Wenn ich sie verlassen und im Elend wüßte -- ja -- nicht an der Seite
eines Gatten.«
»Dann will ich Dir etwas sagen, Ernst,« rief Frank lebendig. »Ich habe
gerade verschiedene Arbeiten beendet -- bin überhaupt das letzte Jahr
merkwürdig fleißig gewesen, und hatte mir schon fest vorgenommen, diesen
Sommer eine kleine Erholungsreise zu machen. Wenn Du jetzt noch zwei oder
höchstens drei Tage auf mich warten kannst, begleite ich Dich, was meinst
Du dazu, und wir kreuzen dann eine Weile am Rhein umher.«
»Der glücklichste Gedanke, den Du fassen konntest!« rief Ernst erfreut aus
-- »ich warte auf Dich und wenn Du eine volle Woche brauchst, um fertig
zu werden. Oder kann ich Dir vielleicht helfen? Mir geschieht ein Gefallen
damit, denn selbstständig kann ich doch noch Nichts arbeiten und möchte
nicht die Zeit über ganz müssig liegen.«
»Desto rascher werden wir fertig,« entgegnete Frank lachend, »also dankbar
angenommen, und hier in Deinem alten Atelier wird es Dir doppelt heimisch
sein.«
Sechstes Kapitel.
In Wiesbaden.
Die beiden jungen Leute gingen jetzt, dabei mit einander plaudernd und
erzählend, frisch an die Arbeit, um einige Kleinigkeiten, die Frank noch
versprochen hatte abzuliefern, in den nächsten Tagen zu beenden. Das
wurde auch rascher erledigt, als sie selber geglaubt, denn in der
gemeinschaftlichen Thätigkeit flogen ihnen die Stunden nur so dahin. Am
dritten Abend waren sie auch schon zur Abreise fertig gerüstet, und um auch
keinen Moment mehr zu versäumen, benutzten sie selbst den Nachtzug, daß
der sie dem flachen Lande entführe, und nur erst einmal hinein in die Berge
bringe.
Am anderen Abend schon wanderten sie Arm in Arm den wunderbar schönen Rhein
entlang, und das Herz floß ihnen in lautem Jubel und fröhlichem Gesang
über. Giebt es ja doch nur einen einzigen solchen Strom in der ganzen
weiten Welt, und wem das Herz an diesen Ufern nicht aufgeht und wärmer,
freudiger schlägt bei den Wundern, die sich dort seinem Blick öffnen -- ei,
der mag ruhig fortgehen und sich in der lüneburger Haide oder im berliner
Sande begraben lassen -- auf Erden ist er doch zu Nichts mehr nütze.
Das war eine frohe, glückliche Zeit, die sie dort verlebten, und selbst
Ernst, der sonst mehr zur Schwermuth neigte und sich nie wohler fühlte,
als wenn er allein und einsam seine Bahn wandelte, lebte neu auf in der
wunderbar schönen Natur und der Gesellschaft des stets fröhlichen und
heiteren Frank.
Mit ihren Mappen wanderten sie von Bingen zuerst durch die Berge hinüber
bis Bacharach, in dessen Nachbarschaft sie sich eine Zeitlang aufhielten,
dann kreuzten sie hinüber nach dem Lurleifelsen und nach St. Goarshausen,
bis sie sich in St. Goar eine Zeitlang festsetzten, und dann langsam
sich wieder am rechten Rheinufer bis zu der reizenden Mündung der Lahn
hinunterzogen. Es war ein vollkommen zielloses Umherstreifen, aber deshalb
gerade so anziehend, weil es ihnen auch keine Stunde im Tag einen Zwang
auferlegte, und ihre Mappen und Skizzenbücher bereicherten sie dabei
ungemein.
So hatten sie vier volle Wochen glücklich verlebt, als Frank zuerst an den
Heimweg dachte, da er nach M-- zurückkehren mußte, um einige versprochene
Arbeiten in Angriff zu nehmen. Trautenau beabsichtigte noch nach Köln
hinunter zu gehen und sich dort einige Zeit aufzuhalten. Er wollte sich
aber wenigstens nicht so lange von dem Freund trennen, als dieser noch
den Rhein bereiste und beschloß, ihn deshalb bis Mainz oder Castell zu
begleiten und dann die schöne Fahrt wieder stromab bis Köln zu machen.
Aber auch diese Rückfahrt übereilten sie nicht, denn auf eine Woche kam
es dabei nicht an, und manchen hübschen Punkt, den sie auf der Niederfahrt
übergangen, berührten sie jetzt und holten das damals Versäumte ein.
So kamen sie auch nach Bieberich, und Frank, der noch nie eine Spielbank
gesehen hatte, zeigte Lust einmal auf ein paar Stunden nach Wiesbaden
hinüber zu fahren. Ernst natürlich schloß sich ihm an und da der Abend
schon dämmerte, beschlossen sie, die Nacht dort zu bleiben und dann mit dem
Frühzug, der Eine wieder in das innere Land zurück zu kehren, der Andere
seine Reise nach Köln fortzusetzen.
Das war ein reges Leben in dem Ort, denn Wiesbaden kann wohl als das
Paradies der Spielhöllen betrachtet werden. Die Promenaden waren dicht
gedrängt voll geputzter Menschen und in den prachtvollen Spielsalons preßte
sich um die grünen Tische Kopf an Kopf, so daß man nicht einmal in ihre
Nähe gelangen konnte.
Allerdings standen dort auch eine Menge von Neugierigen umher, die nur eben
sehen wollten was gesetzt wurde und wer es gewann. Die Meisten ließen sich
aber doch -- hier und da durch einen augenblicklichen Erfolg einzelner
Spieler angelockt -- verleiten, kleine Summen da oder dorthin zu setzen
und erst wenn die erbarmungslosen Krücken der Croupiers das Geld, das sie
vielleicht Gott weiß wie nothwendig für sich und ihre Familien gebraucht
hätten, einstrichen, zogen sie sich leise und beschämt zurück und suchten
sich unter die Menge zu verlieren. Aber Niemand achtete auf sie; das waren
ja doch nur Eintagsfliegen, Motten, die um das Licht flatterten und
sobald sie sich einmal die Flügel leicht versengt, untauglich für weiteren
Gebrauch wurden.
Die hartnäckigeren Spieler, Stammgäste, wie man sie nennen könnte, hatten
ihren Platz am Tische selbst, auf weich gepolsterten Stühlen, mit kleinen
Täfelchen neben sich, auf denen sie die verschiedenen Chancen des Spiels
notirten und sich dabei so gleichgültig als irgend möglich gegen Gewinn
oder Verlust zu zeigen suchten.
Die beiden jungen Leute verstanden das Spiel gar nicht, und sie dachten
noch weniger daran, »ihr Glück« zu versuchen, wie man das gewöhnlich nennt,
wie es aber besser heißen sollte »ihr Geld dem grünen Tisch zu opfern.« Nur
beobachten wollten sie, und dazu bekamen sie vortreffliche Gelegenheit in
den verschiedenen Physiognomien der bei dem Spiel interessirten Menschen.
Wie sie noch so langsam, bald hier, bald dort umherschlenderten und sich
leise ihre Bemerkungen mittheilten, fiel plötzlich in einem der anderen
Säle ein Schuß, und was nicht unmittelbar an dem nächsten Tisch interessirt
war, zog sich augenblicklich davon zurück, um zu sehen, was vorgegangen
sei. Es kommt ja allerdings gar nicht so selten vor, daß ein armer Commis,
der Geld für seinen Principal eincassirt, und hier in wenigen Stunden --
vielleicht Minuten, Alles verloren hat, mit einer Kugel oder auf sonstiger
Weise seinem Leben ein Ende macht. Aber es geschieht doch nicht oft, daß
er einen solchen verzweifelten Entschluß gleich an Ort und Stelle ausführt,
und ist sicher für die Bankhalter immer ein sehr unangenehmer Fall, da
nachher zu viel darüber gesprochen und geschrieben wird.
Um so mehr wollten die Meisten aber auch Zeugen einer solchen Scene sein,
und nur die wirklichen und leidenschaftlichen Spieler berührte es nicht.
Was war es auch -- ein werthloses Menschenleben, was hier eben, inmitten
von Pracht und Haufen Goldes, geendet hatte -- ein ekelhafter, unangenehmer
Leichnam, den die Aufwärter nun so rasch als möglich entfernen, und
das Blut vom Parket wegwaschen mußten. In zehn Minuten konnte das Alles
beseitigt sein und es dauerte wirklich kaum so lange.