»Bitte laß mich das selber arrangiren,« entgegnete Clemence ziemlich

bestimmt, »ich hatte Dich nur rufen lassen, um mir zu sagen, ob Dir meine

Stellung so gefällt.«

»Nichts daran auszusetzen,« wiederholte der Vater, schon gewohnt, daß seine

Tochter ihren eigenen Willen hatte -- »wird sich ganz gut machen. Und weiß

der Herr schon die Größe des Bildes?«

»Nein.«

»Gut; führe ihn nachher durch den Salon, daß er sich dort selber das Maaß

nach dem Bild Deiner seligen Mutter nimmt. Es soll genau so groß werden.«

Und sich dann abwendend, als ob gar keine weiteren Personen im Zimmer

wären, verschwand er wieder durch die Thür.

Ernst ging jetzt rasch daran, die Skizze zu entwerfen, und die Dame in dem

schwarzseidenen Kleid hatte es sich indessen in einem breiten Lehnstuhl,

den sie aber so rückte, daß sie die Staffelei im Auge behielt, bequem

gemacht. Sie war augenscheinlich nur dazu da, um der jungen Dame als

Ehrenwache zu dienen.

Er arbeitete außerordentlich rasch; die gegebene Stunde war ihm aber doch

nur zu bald entflogen und mit dem Glockenschlag Eins winkte ihm Clemence

freundlich mit der Hand und sagte:

»Meine Zeit ist für heute um -- ich hoffe, Sie morgen pünktlich wieder hier

zu sehen, und jetzt bitte ich Sie nur noch, mir durch den Saal zu folgen,

damit Sie den Rahmen zu Ihrer Leinwand bestellen können.«

Sie wartete auch gar keine Antwort ab, sondern schritt ihm voran durch das

nächste Gemach hindurch in den eigentlichen Salon, in welchem Trautenau

wieder alle erdenkliche Pracht verschwendet sah. Es fand sich aber hier der

nämliche Uebelstand, wie in dem Boudoir.

Der Raum war mit kostbaren Verzierungen überfüllt und genug davon

aufeinander gehäuft, um zwei solche Säle fürstlich auszustatten. Man

sah bei jedem Schritt, daß man sich nicht in der Wohnung eines wirklich

vornehmen Mannes, sondern in dem Hause eines Parvenus befand, der diese

Räume nicht deshalb so reich ausgestattet hatte, um sich selber wohl und

behaglich darin zu fühlen, sondern nur um damit zu prunken und seinen

Reichthum zu zeigen.

Das Maaß von dem sehr großen Bilde, für welches Herr Joulard schon vorher

eine Treppenleiter hatte herbeischaffen lassen, war bald genommen.

Clemence wartete das aber nicht ab. Sich mit einer leichten Verbeugung

verabschiedend, schritt sie in ihr eigenes Zimmer zurück und überließ es

ihrer Begleiterin, dem fremden Künstler so lange Gesellschaft zu leisten,

bis er fertig sein würde und ihm dann den Ausgang zu zeigen.

Viertes Capitel.

Das Bild.

Sechs Tage hatte Trautenau jetzt an seinem Bild gearbeitet und sich dabei

mit immer wachsender Leidenschaft in die tadellos schönen Züge und Formen

des jungen Mädchens versenkt, ohne es aber zu wagen, ihr die frühere

Begegnung in's Gedächtniß zurückzurufen. Clemence war allerdings immer

freundlich gegen ihn, aber nur mit jener höflichen Freundlichkeit, die wohl

zuvorkommend erscheint, aber zugleich jedes vertrauliche Entgegenkommen mit

einem kalten Lächeln zurückweist und dadurch unnahbar wird.

Auch ihren Vater hatte er in der ganzen Zeit nicht wieder gesehen und

nicht ein einziges Mal den Major, der jedenfalls andere Besuchstunden haben

mußte. Einmal wurde er allerdings gemeldet, während Trautenau arbeitete,

Clemence ließ ihm aber, ohne sich nur im Mindesten aus ihrer Stellung zu

rühren, sagen, sie bedaure sehr, jetzt keine Zeit zu haben, und bäte den

Major, um halb zwei Uhr wieder vorzusprechen.

Das Bild war jetzt soweit in seiner Anlage und besonders in der Ausführung

des Kopfes vorgerückt, daß man schon recht gut ein Urtheil darüber fällen

konnte.

Der Dame in dem alten schwarzseidenen Kleid fing aber nachgerade die

Geschichte an langweilig zu werden. Sie wußte, daß sie eigentlich nur

Anstands halber da saß und benutzte gelegentlich die Zeit, um einen kleinen

Morgenschlaf zu halten, in dem sie dann auch Niemand störte. Sie selber

genirte das aber am meisten, sie schämte sich, wenn sie wieder aufwachte

und es war in den letzten Tagen schon einige Male vorgekommen, daß sie

aufstand, das Zimmer verließ und dann wahrscheinlich irgendwo ein wenig auf

und ab ging, nur um wieder munter zu werden.

Clemence hielt dabei nicht mehr so pünktlich ihre Stunde ein; es mochte ihr

wohl selber daran liegen, das Bild fertig zu bekommen und es wurde jetzt

immer, sehr zum Leidwesen der Mademoiselle, ein Viertel nach Eins, auch

wohl halb zwei Uhr, ehe sie das Zeichen zum Aufhören gab.

Heute war Clemence in einer kleinen Pause vor die Staffelei getreten,

um selber dem Untermalen des Bouquets zuzusehen. Man hatte allerdings in

dieser Jahreszeit keine wirklichen Alpenrosen beschaffen können, aber

dafür künstlich gemachte von Paris verschrieben und die Farben zeigten sich

lebendig genug.

»Lieben Sie die Alpenblumen, gnädiges Fräulein,« begann Trautenau, der

jetzt nicht mehr länger schweigen konnte, denn die Gelegenheit bot sich ihm

zu günstig dar.

»Gewiß liebe ich sie,« erwiederte Clemence, »sie haben freilich keinen

Duft, aber so wunderbar schöne Farben. Wie herrlich ist allein das Laub der

Alpenrosen.«

»Und erinnern Sie sich noch gern jener Zeit, in welcher Sie in den freien

Bergen umherstreiften?«

»Sehr gern.«

»Aber Sie haben sich doch ein Bischen vor den steilen Wegen gefürchtet?«

»Wohl nicht mehr als jeder andere Bewohner des flachen Landes,« entgegnete

Clemence ruhig.

»Auch nicht an der einen steilen Graslanne?« fuhr Trautenau, ohne die Augen

von seinem Bild zu nehmen, still vor sich hinlächelnd, fort.

»An der Graslanne? -- was wissen Sie davon?« rief Clemence, ihn verwundert

ansehend.

»Und kennen Sie mich nicht mehr?«

»Ich? -- Sie? -- und doch,« setzte sie plötzlich tief erröthend hinzu, »es

-- es wäre wirklich möglich -- Waren Sie jener junge Fremde?«

»Ich war wirklich jener Glückliche, der Ihnen damals den kleinen, leider

nur zu unbedeutenden Dienst leisten durfte.«

»Damals habe ich mich allerdings recht ungeschickt benommen, und Sie werden

oft über mich gelacht haben,« flüsterte Clemence, während sie wirklich

blutroth wurde. »Es war zu thöricht, aber ich weiß nicht, ich wurde auf

einmal schwindelig und hielt den Abhang auch für viel steiler, als er sich

später zeigte.«

»Jene Lannen sind gar nicht so leicht zu begehen,« bemerkte Trautenau

entschuldigend, »besonders nicht für Damen, die bei ihren langen Kleidern

nicht genau sehen können, wohin sie den Fuß setzen und außerdem viel zu

leichtes und glattes Schuhzeug tragen. -- Ich hoffte damals Sie später

in den Bergen wieder zu treffen, aber Sie waren so rasch und plötzlich

verschwunden, daß ich selbst auf der breiten Heerstraße Ihre Spur verlor.«

»Ja -- mein Vater eilte etwas, um nach Hause zurückzukehren,« erwiederte

das junge Mädchen, während ihr Blick die Züge des Malers streifte, als ob

sie den Sinn der eben gesprochenen Worte daraus lesen wolle.

Dieser hörte indessen, wie ihm sein Herz in der Brust schlug, die

Mademoiselle schlief sanft -- seine Hand zitterte so, daß er mit dem Malen

inne halten mußte.

»Seit der Zeit,« fuhr er leise und bewegt fort, »ist es immer mein

sehnlichster Wunsch gewesen, Ihnen wieder einmal nahen zu dürfen.«

»Der Wunsch war so bescheiden,« meinte Clemence lächelnd, »daß der Himmel

ihn erfüllt hat. Nicht wahr, Mademoiselle,« setzte sie mit lauterer Stimme

hinzu.

»Ja wohl -- ja wohl -- gewiß,« erwiederte die sanft ruhende Dame, aus ihrem

Schlummer emporfahrend, »nur ein Bischen zu weiß ist das Kleid.«

»Wir sprachen gestern darüber, ehe Sie kamen,« fuhr Clemence fort, »finden

Sie nicht auch, daß das Kleid ein wenig zu weiß ist? Mir kommt es vor, als

ob das meinige einen mehr gelblichen Schimmer hat.«

»Es ist das Licht jenes gelben Vorhanges, der, wenn Sie hier stehen, darauf

fällt,« antwortete Trautenau, und fühlte recht gut, daß sie absichtlich

und fast gewaltsam dem Gespräch eine andere Richtung gegeben hatte;

Mademoiselle war auch jetzt vollständig munter geworden und an eine

Wiederaufnahme desselben nicht zu denken. Clemence brach aber gleich darauf

die Sitzung ab. Sie hatte Kopfschmerzen bekommen, wie sie sagte, und wollte

lieber morgen eine Viertelstunde nachholen.

Damit ging der Maler, er hatte keinen Vorwand mehr zu bleiben, aber er trug

das beunruhigende Gefühl mit sich fort, weiter von seinem Ziele zu sein,

als je, denn war es nicht augenscheinlich, daß Clemence beinahe ängstlich

gesucht hatte die Unterredung abzubrechen? Fürchtete sie etwa deren

Fortsetzung? dann wäre ihm noch eine Hoffnung geblieben. Oder war das

Gespräch ihr nur lästig geworden? dann freilich durfte er Alles verloren

geben.

In den nächsten Tagen zeigte sich auch nicht die geringste Gelegenheit das

Gespräch wieder aufzunehmen. Clemence vermied jede Möglichkeit, um einer

derartigen Unterhaltung den kleinsten Anknüpfungspunkt zu geben und

Mademoiselle hielt ihre sonst so schläfrigen Augen fast krampfhaft offen.

-- Dann kam eine lange Pause -- Ernst hatte das noch nicht beendete Bild

nach Hause geschickt bekommen, um es, so weit es ohne das Original möglich

war, auszuführen, und sich dann nur noch zwei Sitzungen erbeten, um es

vollständig zu beenden.

Darüber waren mehre Wochen vergangen und in dieser Zeit durchliefen

wunderliche Gerüchte über den Major die Stadt, die aber sein Verhältniß im

Hause des reichen Joulard nicht zu stören schienen.

Von einer Seite wurde nämlich ausgesprengt, daß er eine sehr bedeutende

Erbschaft gemacht habe -- Thatsache war nur, daß er in den letzten Wochen

viel mehr verausgabte, als seine monatliche Gage ausmachte -- von anderer

Seite hieß es, daß er seinen Abschied nehmen wolle -- weshalb? wußte

freilich Niemand zu sagen und die natürlichste Erklärung blieb dann immer,

daß er, mit eigenem Vermögen und als Schwiegersohn des reichsten Mannes

in der Stadt, die ewigen Scherereien des Dienstes satt bekommen und ein

unabhängiger Mann zu werden wünschte. Es wäre jedenfalls thöricht gewesen,

da noch länger Soldat zu bleiben. -- Einige wollten aber behaupten, er

müsse den Abschied nehmen, und es gab in der That eine Menge Leute in der

Stadt, die da wissen wollten: der Major sei ein von Grund aus ruinirter

Patron, der sich nur noch durch seinen altadeligen Namen halte, und

nächstens einmal mit seinem ganzen Lug- und Truggewebe zusammenbrechen

müsse. Diese begriffen dann freilich nicht, wie ein Mann wie Joulard ihm

die Hand seines einzigen Kindes geben könne. Hatte er aber wirklich so

viel Schulden, als einzelne behaupten wollten, so zahlte natürlich Joulard

Alles, und des Majors Credit in der Stadt blieb deshalb auch, trotz aller

Gerüchte, ein völlig unbeschränkter.

Trautenau allein vielleicht quälte sich um die Braut. Er fühlte selber, daß

die Hoffnung, sie für sich zu gewinnen, eine wahnsinnige sei, aber er hielt

es für seine Pflicht, vor ihr das nicht als ein Geheimniß zu bewahren, was

die Stadt erfüllte, und was sie selbst als die künftige Gattin jenes Mannes

am nächsten betraf. Er hatte es jetzt noch in seiner Hand, mit ihr zu

reden, und hätte sich später die bittersten Vorwürfe machen müssen, wenn er

da geschwiegen hätte, wo er durch eine freundliche Warnung vielleicht Elend

und Jammer von einem theuren Haupt abwenden konnte.

Das Bild stand wieder im Boudoir von Clemence; er hatte noch höchstens zwei

Tage zu malen, um es zu vollenden; aber der erste verging, ohne daß er im

Stand gewesen wäre, seine Absicht auszuführen. Immer, wenn ihm schon das

Wort auf den Lippen schwebte, fehlte ihm der Muth, und dann kam der Vater

mit einem Paar alter Damen zu ihnen, um mit diesen das beinahe fertige

Bild, das sich wirklich als vortrefflich gelungen zeigte, zu bewundern.

Eine vertrauliche Unterhaltung war deshalb unmöglich geworden.

»Aber Sie haben ja noch etwas vergessen,« sagte da der alte Herr, indem

er mit fast zugekniffenen Augen vor dem Gemälde stand, »daneben, auf dem

Ofenschirm, fehlt ja noch der Chinese -- das sieht zu leer aus. Soll der

nicht hinein?«

»Doch,« entgegnete Trautenau, »aber erst morgen. Ich möchte heute das Bild

soweit beenden, daß ich morgen das gnädige Fräulein gar nicht mehr, oder

doch nur sehr wenig zu bemühen brauche. Die Herrschaften entschuldigen mich

wohl, wenn ich wieder an meine Arbeit gehe -- die Farben werden mir sonst

trocken.«

Der Besuch war ihm lästig geworden und er suchte ihn zu entfernen, denn

es war doch sehr zweifelhaft, ob er morgen, am letzten Tage, eine bessere

Gelegenheit haben würde, mit Clemence zu sprechen. Aber es gelang ihm

nicht. Den beiden alten Damen war es etwas Neues, einen Maler arbeiten

zu sehen und sie wichen hartnäckig nicht von der Stelle bis die Zeit

verstrichen war. Dann rauschten sie fort und Clemence verließ mit ihnen das

Gemach.

Der nächste Tag kam; Trautenau hatte die ganze Nacht gekämpft und der

Morgen fand ihn entschlossen, heute sich durch Nichts von seinem

Plan abschrecken zu lassen und selbst in Gegenwart der schrecklichen

Mademoiselle, wenn es denn nicht anders geschehen konnte, mit Clemence

über seine Besorgnisse zu sprechen. Er mußte die Last von seinem Gemüth

herunterwälzen -- mußte mit sich selber ins Klare kommen, und das geschah

am besten, wenn er sah, wie sich Clemence bei dem, was sie über ihren

Verlobten hörte, benehmen würde. Erschrak sie -- wurde sie bleich -- aber

was half es, sich jetzt schon darüber einen Plan zu machen. Das mußte der

Augenblick bringen und dem Augenblick überließ er darum Alles.

Uebrigens fand er zu seinem Schrecken, als er dieses letzte Mal das Boudoir

der jungen Dame betrat, diese nicht, wie er erwartet hatte und wie es bis

jetzt immer der Fall gewesen, mit ihrer Begleiterin allein, sondern schon

eine kleine Gesellschaft um das so gut wie beendete Bild versammelt. In

dieser aber bemerkte er auch den Major, den er seit jenem Morgen nicht

wiedergesehen hatte und der ihn jetzt mit Lobeserhebungen überschüttete. Er

konnte gar nicht aufhören, die Aehnlichkeit sowohl, wie die künstlerische

Auffassung des Bildes zu preisen.

»Aber wissen Sie wohl, mein verehrter Herr,« brach er plötzlich ab, »daß

Sie noch in meiner Schuld sind? Der versprochenen Copie wegen, mein' ich

nämlich. -- Denken Sie sich, lieber Joulard, denken Sie sich, meine Damen,

der Herr hat in seinem eigenen Atelier daheim den Teufel an die Wand

gemalt, und einen so pompösen, humoristischen Teufel, wie ich ihn in meinem

ganzen Leben nicht gesehen habe.«

Eine alte Generalin schüttelte darüber sehr bedenklich den Kopf und

bemerkte sehr ernsthaft:

»Das ist sündhaft, mein lieber Herr, nehmen Sie mir das nicht übel. Das

heißt Gott versuchen und den Bösen locken, denn wenn Sie ihm eine solche

Einladungskarte geben, kommt er, darauf können Sie sich fest verlassen --

er kommt gewiß.«

»Er hat mich auch schon besucht,« erwiderte der Maler lächelnd, »aber seien

Sie versichert, gnädige Frau, der wirkliche Teufel ist nicht so schlimm,

wie er gewöhnlich geschildert wird, und schon der Umstand, daß er sich nur

das schlechteste Gesindel auf der Welt aussucht, um es für sich zu holen,

zeugt von seiner Bescheidenheit.«

Herr Joulard und der Major lachten laut auf; die alte würdige Dame aber,

die wahrscheinlich keinen Sonntag die Kirche versäumte und jedenfalls eine

heilsame und pflichtgetreue Furcht vor dem Teufel hatte, schlug entsetzt

die Hände zusammen und rief:

»Das ist ja eine Gotteslästerung.«

»Doch nicht, wenn er den _Teufel_ lobt,« sagte lachend Herr Joulard,

»Excellenz irren sich, und ich bin ganz Herrn Trautenau's Meinung. Wenn

der Teufel wirklich so schwarz wäre wie er gemalt wird, würde ihn der

liebe Gott gar nicht auf der Erde dulden. Aber meine Damen, wir müssen dem

Künstler Platz machen, daß er an seine Staffelei treten kann. Vergessen Sie

nur den Chinesen nicht.«

»Und meine Copie,« rief der Major.

»Vielleicht läßt sich Beides vereinigen,« versetzte der Maler in einer

tollen Laune, »wollen die Herrschaften einen Augenblick Platz nehmen?

Vielleicht kann ich Ihren beiderseitigen Wunsch zugleich erfüllen,« und die

Palette aufnehmend, die er indessen in Stand gesetzt hatte, ging er daran,

mit keckem Pinsel seine Teufelsfigur aus dem Atelier auf den Ofenschirm zu

malen, wohin die Zeichnung, da der Schirm doch im Hintergrund und halb im

Schatten stand, also nicht zu sehr hervortrat, vortrefflich paßte.

»Aber um Gottes Willen, Kind,« rief die alte Dame, die Herr Joulard

»Excellenz« genannt hatte, wie sie nur merkte, welche Gestalt aus dem

Ofenschirm herauswuchs. »Du willst doch nicht neben Deinem eigenen

Conterfey den lebendigen Satan abmalen lassen?«

»Das wird, soviel ich bis jetzt sehe,« sagte Clemence, »kein Teufel,

sondern ein Faun, wenn auch mit etwas wunderlicher Ausschmückung und --

ganz absonderlichen Zügen,« setzte sie langsam und mit einem forschenden

Seitenblick auf ihren Bräutigam hinzu, »aber irgend ein phantastisches Bild

paßt an einen solchen Platz, und ich sehe nicht die geringste Gefahr für

mich darin.«

»Es wird ja aber wahrhaftig der helle Satan mit Hörnern und Schweif,« rief

die alte Dame entsetzt, während der Major neben dem jungen, eifrig malenden

Künstler stand und einmal über das andere »Bravo, ganz vortrefflich!« rief.

Er amüsirte sich ausgezeichnet und schien keine Ahnung zu haben, daß eben

dieser belobte Teufel seine eigenen, fast sprechend ähnlichen Züge trug.

Sonderbarer Weise fiel es auch, wie man das ja so oft hat, keinem Anderen

der Anwesenden augenblicklich auf, denn das Gesicht war doch immer

carrikirt. Nur Clemence verglich still, aber desto aufmerksamer das Antlitz

des Officiers mit der Carrikatur, und ihr Blick suchte dabei einmal dem

des Malers zu begegnen. Trautenau, obgleich er es merkte, wich ihr aber

absichtlich aus -- er wollte sich nicht vor der Zeit verrathen, und malte

so emsig weiter, daß in kaum einer halben Stunde das kleine Bild vollendet

war. Als aber von keiner Seite weiter Einspruch gegen das Sacrilegium

geschah, wurde es der alten Excellenz zu eng im Raum. Sie mahnte zum

Aufbruch und die Uebrigen folgten jetzt ebenfalls, um dem Maler den Platz

zu überlassen, denn dieser hatte Clemence gebeten, ihm heute noch höchstens

eine viertel Stunde zu sitzen, damit er den Kopf bis auf die letzten

Kleinigkeiten vollende. Das Uebrige konnte er dann mit leichter Mühe im

eigenen Hause fertig machen.

Mademoiselle hatte wieder ihren gewöhnlichen Platz im Lehnstuhl eingenommen

-- da sagte Clemence plötzlich:

»Ach, Mademoiselle, wenn ich Sie bitten dürfte, im blauen Zimmer, wo meine

kleine Bibliothek steht, finden Sie das Buch der Lieder von Heine; dürfte

ich Sie ersuchen, es mir zu holen. Es muß im dritten oder vierten Fach

stehen.«

Mademoiselle seufzte; sie hatte fast den ganzen Morgen gestanden und sich

eben erst recht bequem hingesetzt. Jetzt mußte sie wieder in die Höhe,

aber es half Nichts: sie konnte den Dienst nicht verweigern, da keiner der

Diener das Buch gefunden hätte.

Des Malers Herz klopfte heftig. Hatte Clemence selber die lästige Zeugin

entfernt, um mit ihm allein zu sein? dann durfte er auch nicht blöde den

günstigen Moment versäumen, er konnte nie wiederkehren, denn heute war

seine Arbeit hier im Hause beendet. -- Aber sein Entschluß sollte ihm

erleichtert werden, denn kaum hatte sich die Thür hinter den Davongehenden

geschlossen, als das junge Mädchen zu der Staffelei trat und den jungen

Maler fest anblickend auf die Figur des Ofenschirms deutete und fragte:

»Wessen Portrait ist das, mein Herr?«

»Und muß es ein Portrait sein, mein gnädiges Fräulein,« rief Trautenau über

den entschiedenen, fast harten Ton der Stimme frappirt.

»Sie leugnen also eine absichtliche Aehnlichkeit?«

»Nein,« sagte der Maler, denn er fühlte, daß der entscheidende Moment

gekommen sei. »Wenn auch keine Aehnlichkeit, wollte ich doch eine

Charakteristik geben.«

»Eine Charakteristik,« sagte Clemence erstaunt --, »wie verstehe ich das?«

»Ich will deutlich reden, denn nicht die Minuten, nein die Secunden sind

mir zugezählt. Fräulein, von dem ersten Moment an, wo ich Sie sah, zog mich

ein Etwas zu Ihnen hin, dem ich keinen Namen geben konnte.«

»Mein Herr!« rief Clemence, einen Schritt zurücktretend.

»Fürchten Sie keine Belästigung,« fuhr Trautenau fort, »lassen Sie mich

ruhig ausreden, denn ich werde mich sehr kurz fassen, und es ist sogar

nöthig, daß Sie es erfahren.«

»Sie sprechen in Räthseln,« erwiederte Clemence, während hohes Roth ihre

Züge färbte.

»Die Ihnen augenblicklich klar werden sollen. Sie sind im Begriff sich mit

dem Major von Reuhenfels zu vermählen.«

»Allerdings.«

»Wissen Sie was man in der Stadt von ihm spricht?«

»Von dem Major?«

»Von demselben: Daß er ein arger Spieler und Schuldenmacher, ja mehr als

das, daß er ein schlechter Mensch sei.«

»Mein Herr, Sie sprechen von meinem künftigen Gatten!«

»Ich weiß es« rief Trautenau bewegt und weich -- »und nur um Unglück von

Ihrem theueren Haupt abzuwenden, wage ich etwas, wozu sonst nur ein Freund

-- kein Fremder, das Recht beanspruchen durfte -- wage ich Sie zu warnen.«

»Zu warnen?«

»Ja, Clemence,« flüsterte Trautenau, der vor innerer Bewegung kaum die

Worte über die Lippen brachte. -- »Glauben Sie mir nur, daß mich allein die

Sorge -- die -- Theilnahme für Sie bewegt, Ihnen das zu sagen. Uebereilen

Sie den Schritt nicht, den Sie im Begriff sind zu thun, denn eine

lebenslange Reue könnte ihn bestrafen. Sie sollen mir nicht glauben -- kein

Wort von dem, was ich Ihnen sage, ohne vorher Alles genau geprüft zu haben;

aber prüfen Sie es wenigstens. Das Urtheil der Stadt über Ihren künftigen

Gatten ist ein schweres, und Ihr Vater wenigstens muß wissen, was man ihm

zur Last legt. Die Enttäuschung später wäre nachher zu furchtbar.«

»Haben Sie geendet?« fragte das junge Mädchen kalt.

Trautenau schwieg und sah sie erstaunt an.

»Dann ersuche ich Sie,« fuhr Clemence fort, »sich in Zukunft mit Anklagen,

die meinen Bräutigam betreffen, an diesen selber zu wenden. Ich und mein

Vater wissen, was in der Stadt aus Bosheit und besonders aus Neid gegen den

Herrn böswillig geklatscht und verbreitet wird. Ich will annehmen,« setzte

sie freundlicher hinzu, als sie die heftige Bewegung bemerkte, mit welcher

der Maler emporfahren wollte, »daß Ihnen solche Gehässigkeiten fremd sind.

Sie meinen es wahrscheinlich ehrlich und ich danke Ihnen dafür. Damit muß

aber auch die Sache und zwar für immer, abgemacht sein. Ich selber wünsche

wenigstens nicht weiter damit behelligt zu werden und nun bitte, beenden

Sie Ihre Arbeit, denn meine Zeit ist beschränkt.«

»Wie Sie befehlen,« erwiederte Trautenau kalt, denn er fühlte diese

Zurückweisung doppelt scharf. -- »Vielleicht wünschen Sie nun auch, daß ich

die Aehnlichkeit in dem Bilde des Ofenschirmes ändern soll.«

Clemence zögerte einen Augenblick mit der Antwort: endlich flog ein

leichtes, fast neckisches Lächeln über ihre Züge.

»Nein,« sagte sie -- »lassen Sie es so. Haben Sie dies nämliche Bild an

Ihre Wand gemalt?«

»Ja, mein gnädiges Fräulein.«

Clemence erwiederte Nichts weiter; sie nahm ihre frühere Stellung wieder

ein und in demselben Augenblick öffnete sich auch die Thür, in welcher

Mademoiselle mit den Worten erschien, daß sie den ganzen Bücherschrank

von oben bis unten durchgesucht habe, ohne das bezeichnete Buch darin zu

finden.

»Ich danke Ihnen, vielleicht hat es mein Vater herausgenommen. Ich brauche

es auch nicht mehr -- wir sind gleich zu Ende,« sagte Clemence in einem

gleichgültigen Ton.

Trautenau beeilte sich jetzt wirklich mit der unbedeutenden Arbeit, die

er rasch vollendete und erst als sich Clemence bereit zeigte das Zimmer zu

verlassen, sagte er herzlich und einfach:

»Mein gnädiges Fräulein, ich weiß nicht, ob ich jetzt, da ich das Letzte an

dem Bild in meinem eigenen Atelier beenden muß, noch einmal die Ehre haben

werde, Sie vor Ihrer Verheirathung zu sehen. Lassen Sie mich, der ich so

manche glückliche Stunde hier verlebte, nicht so kalt und förmlich von

Ihnen Abschied nehmen. Reichen Sie mir Ihre Hand.«

Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 2 / 16 段