Trautenau fühlte wie er über und über roth im Gesicht wurde,

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Kreuz und Quer.

Neue gesammelte Erzählungen

von

Friedrich Gerstäcker.

Erster Band.

Leipzig,

Arnoldische Buchhandlung.

1869.

Inhaltsverzeichniß.

Seite

1. Den Teufel an die Wand malen 1

2. Booby-island 176

3. Zacharias Hasenmeier's Abenteuer 225

4. Das Hospital auf der Mission Dolores 280

5. Eine Polizeistreife in Cincinnati 330

Den Teufel an die Wand malen.

Erstes Kapitel.

Das Wandgemälde.

In seinem kleinen Atelier, drei Treppen hoch in der Osterstraße, stand der

junge Maler Ernst Tautenau auf einer Art von Treppenleiter, die Kohle in

der Hand, und entwarf auf der weiß getünchten Seitenwand eine groteske

Figur in übermenschlicher Größe.

Es schien eine Art von Faun zu sein -- ein nicht unschöner Kopf, aber mit

gierig lüsternem Blick, und breiten, sinnlichen Kinnbacken -- der nackt,

nur mit einem breiten Gürtel von Weinlaub und -- sonderbarer Weise

Spielkarten um die Hüften, trotzdem ein paar große Epauletten auf den

bloßen Schultern trug, aber in der Hand ein großes Herz hielt, wie man

sie wohl von Pfefferkuchen macht, und eben im Begriff stand dasselbe

auseinander zu brechen.

Er war noch eifrig mit der Ausführung der Figur beschäftigt, als sich, ohne

vorheriges Anklopfen, die der Wand gegenüber liegende Thür öffnete, und

ein junger Mann mit breitrandigem schwarzen Filzhut, den Zipfel des langen

blauen Mantels über die linke Schulter geschlagen, dabei mit vollem weichen

braunen Bart und ein paar großen ehrlichen Augen, lachend auf der Schwelle

stehen blieb, und das neu erstehende Werk des Freundes betrachtete.

»Alle Wetter Ernst,« rief er dabei, »was malst Du denn da? ich glaube gar

»den Teufel an die Wand.« Was fällt Dir denn ein?«

»Du könntest am Ende Recht haben, Frank,« sagte der Angeredete, der kaum

den Kopf nach dem Eintretenden wandte, und sich auch in seiner Arbeit nicht

stören ließ. »Der Bursche ist in der That mehr Teufel als Faun und eine

kleine Aenderung kann da nachhelfen.« Noch während er sprach wuchsen der

Gestalt an der Wand ein paar kurz aufsteigende spitze Hörner und zwischen

den Kartenblättern und dem Weinlaub krümmte sich ein, mit einem dicken

Haarbüschel versehener Schweif heraus.

»Hahaha,« lachte Frank, »der Teufel mit Epauletten -- gewissermaßen in

Generals-Uniform bei großer Gala -- die Idee ist nicht schlecht. Aber,

Menschenkind, was soll die Spielerei? oder arbeitest Du im Auftrag irgend

eines Ministeriums, um vielleicht Frescobilder für einen Ständesaal zu

entwerfen?«

»Und kennst Du den Burschen nicht?«

»Wen? Seine höllische Majestät mit dem Pfefferkuchen-Herz in der Hand? --

Das muß gut zu dem Schwefel schmecken?«

»Ich meine das Gesicht.«

»Hm, in dem Gesicht liegt in der That etwas Bekanntes,« sagte Frank, es

jetzt aufmerksamer betrachtend. »Also es ist keine Phantasie?«

»Nein.«

»Portrait?«

»Vielleicht -- Du kennst das Original jedenfalls.«

»Zum Teufel auch, die Epauletten bringen mich darauf -- der Major von

Reuhenfels, wie?«

Ernst nickte stumm vor sich hin -- »Allerdings,« sagte er endlich, »der

Herr Major von Reuhenfels, den ich mir hier zu meinem besonderen Vergnügen

abconterfeit habe.«

»Und liebst Du den so sehr, daß Du sein Bild immer vor Augen haben willst?«

»Ja,« sagte Ernst finster und mit fest zusammengebissenen Zähnen, »so

innig, daß ich -- aber zum Teufel auch, ich will mir den schönen Tag nicht

verderben und habe mir nur den Spaß gemacht die Fratze hier an die Wand zu

zeichnen.«

»Aber Du hast karrikirt -- der Major ist wirklich was man einen schönen,

stattlichen Mann nennt.«

»Ein Fleischklumpen mit einem paar Unterkiefern, wie eine Kuh.«

»Das spricht für seine gastronomischen Leistungen,« lachte Frank.

»Und mit einem paar Lippen wie ein Faun -- selbst der Schnurrbart kann den

widerlichen Zug derselben nicht verbergen.«

»Aber sage mir nur, weshalb Du eine solche Wuth auf den armen Teufel hast.

Hat er Dir denn je etwas zu Leide gethan?«

»Ich habe noch nie ein Wort mit ihm gesprochen.«

»Also gefällt Dir blos sein Gesicht nicht.«

»Du setzest die Worte falsch -- mir gefällt sein Gesicht nicht bloß, er

sollte einen Schleier darüber tragen, wie der Prophet von Khorassan und ich

glaube bei Gott, er hat in seinem Charakter Aehnlichkeit mit dem.«

Frank lachte, warf den Mantel und Hut auf den nächsten Sessel, sich selber

in einen, der Staffelei schräg gegenüber stehenden Lehnstuhl und sagte

dann, indem sein Blick an dem auf der Staffelei befindlichen und noch nicht

vollendeten Bild haftete:

»Du hast etwas auf dem Herzen, Ernst, herunter damit, ich bin gerade in

der Stimmung Dir als »älterer Freund« -- denn Dein Geburtstag fällt auf den

25sten, meiner aber schon auf den 14ten Juni, einen guten und väterlichen

Rath zu ertheilen. -- Aber vorher sage mir erst einmal, was Du aus dem Bild

da machen willst. Ich werde nicht daraus klug, und Du mußt es ja auch in

den letzten zwei Tagen, wo ich Dich nicht gesehen, nur so auf die Leinwand

geworfen haben.«

Das Bild stellte eine wilde Alpenlandschaft vor, mit rechts einer

sogenannten »Lanne,« einem grünbewachsenen, ziemlich schräg abfallenden

Bergabhang, an welchem ein paar einzelne Lärchen-Tannen wuchsen. An der

einen stand eine Mädchengestalt, mit im Winde flatternden Locken, und

den Baum, wie Schutz suchend, umklammernd. Oben an der, von der Lanne

emporstrebenden Bergwand, setzte ein Rudel Gemsen in voller Flucht hinüber

-- die Thiere waren wenigstens flüchtig angedeutet.

»Was soll denn das vorstellen?« -- fuhr er nach einer kleinen Weile fort

-- »willst Du noch irgendwo einen Räuberhauptmann anbringen, der die junge

Dame überfällt? Sie umfaßt ja den Baum als ob sie ihn im Leben nicht wieder

los lassen wollte.«

Trautenau hatte seine Arbeit indessen keinen Augenblick unterbrochen, und

die Gestalt an der Wand nur noch immer mehr ausgeführt. Er verschönerte

aber die Figur keineswegs, und schien fast Gefallen daran zu finden, den

Ausdruck aller bösen Leidenschaften in das Gesicht hinein zu legen. Jetzt

drehte er sich um, stieg herunter, warf die Kohle auf den Tisch, wusch sich

die Hände in einem daneben stehenden Becken und sagte:

»Du sollst die Geschichte hören, Frank -- wenn auch nur in ihren flüchtigen

Umrissen -- ich wollte es Dir schon lange erzählen, und Dich um Deinen

Rath fragen. Aber wir müssen dazu ungestört sein, denn wenn ich einmal

unterbrochen werde, weiß ich nicht, ob ich den Muth haben werde, zum

zweiten Male zu beginnen.«

Damit ging er zur Thür, riegelte sie zu, warf noch einen festen Blick

über das unvollendete Bild auf der Staffelei und begann dann, indem er mit

untergeschlagenen Armen im Zimmer auf- und abging:

»Ich war im vorigen Herbst, wie Du weißt, in Tyrol, jene Gegend ist aus

einem der dortigen Thäler; ich wanderte mit meiner Mappe durch den wilden

Grund, als ich plötzlich einen gellenden Hülferuf höre, und aufschauend,

gar nicht so weit über mir eine weibliche Gestalt in einem lichten Kleide

und jener Stellung, wie Du sie hier auf dem Bilde findest, den Baum

umklammern sehe. Nirgend weiter war mehr ein menschliches Wesen zu

entdecken, und obgleich ich mir nicht denken konnte, weshalb die Dame

schrie, denn eine Gefahr gab es ringsum nicht, säumte ich doch nicht, so

rasch mich meine Füße trugen, dort hinauf zu eilen, was auch mit keinen

großen Schwierigkeiten verbunden war.«

»Ich fand ein Mädchen -- erlaß mir die Beschreibung -- Du kennst sie auch

wahrscheinlich selber, denn sie wohnt seit vorigem Winter mit ihrem Vater

hier in M--«

»Und wie heißt sie?«

»Den Namen nachher. -- Es war ein Wesen, so zart und duftig, als ob es

dieser Erde gar nicht angehöre -- eine Bergelfe, die ihre Zeit verpaßt, und

am hellen Tag aus ihrem Schlupfwinkel herausgekommen war, um sich --«

»An einen Baum anzuklammern und zu schreien,« sagte Frank trocken.

»Du hast sie nicht gesehen und verstehst mich deshalb nicht,« erwiderte,

verdrießlich über den prosaischen Einwurf, der Freund. »Was wußte das arme

Kind von den Bergen. Muthwillig, in kindlichem Uebermuth war sie ihrer

Gesellschaft davon gelaufen, um hier über den grünen Wiesenhang hin ein

Stück vom Weg abzuschneiden, bis sie die Lanne steiler fand, als sie

Anfangs geglaubt und nun schwindlich wurde und Angst bekam. Kaum erreichte

sie noch den Baum, als sie ihn auch umfaßte, um sich daran zu halten, und

nun durch ihr Rufen die übrige Gesellschaft herbei zu ziehen suchte.«

»Und Du warst der Glückliche, der sie fand.«

»Ja -- ich sprach ihr Trost ein, ergriff ihre Hand, während sie sich fest

und schüchtern an meinen Arm anklammerte, und führte sie den übrigen Theil

der hier allerdings ziemlich steilen Lanne bis auf den durch das Thal

laufenden Pfad hinab, wo wir auch gleich darauf ihre Gesellschaft

bemerkten, die denselben nicht verlassen hatte, und nun etwas später

eintraf.«

»Und wie heißt Deine Schöne?«

»Damals erfuhr ich nur ihren Vornamen: Clemence, wollte mich aber der

Gesellschaft nicht aufdringen und zog mich bald darauf zurück, weil ich sie

den Abend schon wieder in dem nächsten Gasthof zu finden hoffte. Ich hatte

mich getäuscht -- sie waren weiter gegangen -- ich folgte ihnen, umsonst;

auf der Landstraße endlich verlor ich ihre Spur, bis ich ihr hier, vor

vierzehn Tagen etwa -- Du kannst Dir meine Freude denken, in M-- begegne.«

»Und hast Du schon um sie angehalten?«

»Du kannst Deinen Spott nicht lassen. Ich liebe sie aus voller, reiner

Seele, aber -- sie ist die Tochter des steinreichen Joulard und meine Liebe

deshalb hoffnungslos.«

»Und was hat Dich vermocht, jenen Teufel dort an die Wand zu malen, und

in welcher Beziehung steht er mit Deiner ganzen Erzählung, denn etwas

Derartiges muß ich doch vermuthen.«

»Die Sache ist sehr einfach,« sagte Ernst ruhig. »Vor drei Tagen war

ich zum ersten Male in dem Hause, ich könnte wohl sagen im Palais des

Banquiers, denn er bewohnt in der That ein solches. Die Treppen sind mit

schweren Teppichen belegt und mit Marmorstatuen verziert; die Vorsäle

selbst haben getäfelte Wände und riesige Spiegel. Im Inneren der Räume war

ich nicht; aus dem einen Zimmer trat der Major von Reuhenfels heraus, sein

widerliches Gesicht strahlte in Seligkeit. Als ich einen der Diener

frug, wer der Herr wäre, lautete die Antwort: »Der Verlobte des gnädigen

Fräuleins Clemence.«

»Aha -- deshalb!« meinte Frank still vor sich hinlächelnd. »Nun und weiter?

Du wolltest meinen Rath.«

»Ja, ich weiß es,« sagte Ernst seufzend, »aber -- er wird kaum mehr nöthig

sein, denn ich sehe nicht ein, wie mir noch ein Mensch helfen oder rathen

kann. Es bleibt mir ja doch Nichts weiter übrig, als eben einfach zu

entsagen und jede Hoffnung auf ein dereinstiges Glück fallen zu lassen. --

Sie sind verlobt.«

»Nun,« meinte Frank, »was das beträfe, so ist verlobt noch nicht immer

verheirathet, und ich könnte Dir verschiedene Beispiele nennen, wo solche

Verlobungen wieder rückgängig wurden, wenn Dir dadurch die geringste

Aussicht auf einen Erfolg Deiner Werbung bliebe -- aber Du bist doch wohl

nicht wahnsinnig genug zu glauben, daß Dir der reiche Joulard seine einzige

Tochter geben wird? Ich begreife sogar nicht, daß er dem einfach adligen

Major eine solche Gnade zu Theil werden läßt; denn bis jetzt hieß es in der

Stadt, daß er sich einen Herzog oder Prinz für sie ausgesucht.«

»Und weißt Du, was dieser Major für ein Charakter ist?«

»Ich kenne ihn gar nicht -- kaum dem Namen nach und nur von Ansehen.«

»Aber ich habe mich desto sorgfältiger in den letzten Tagen nach ihm

erkundigt. Ein berüchtigter Spieler und Roué, der mehr Schulden als Haare

auf dem Kopfe hat, und das arme, engelgleiche Wesen elend machen wird.«

»Und was geht das Dich an?«

»Was das mich angeht? -- Mensch, Du kannst mich mit Deinen kalten Fragen

zur Verzweiflung treiben. Hab' ich Dir nicht gesagt, daß ich zum Tollwerden

verliebt in das Mädchen bin?«

»In die Braut des Majors? Nun, Ernst, Du hast mich um meinen Rath gebeten

und den will ich Dir nicht vorenthalten. Wenn Du dem also folgen willst,

so bekümmerst Du Dich um die ganze Familie von diesem Augenblick an nicht

weiter, als daß Du Dein »Ideal« meinetwegen aus der Ferne anbetest, und den

Major, wenn es Dir Spaß macht, als Teufel oder sonst was an die Wand malst.

Darin bleibst Du vollkommen harmlos, und kein Mensch kann es Dir verwehren

oder wird dadurch geschädigt. Mische Dich aber um Gottes Willen nicht in

fremde Familienangelegenheiten, in denen Dir nicht das entfernteste Recht

zusteht, denn daß Du dadurch etwas zu Deinen Gunsten erreichen könntest,

wirst Du selber nicht glauben, um andere Menschen -- kümmere Dich aber

nicht, wie sich Andere auch nicht um Dich bekümmern.«

»Aber wenn Clemence in der Verbindung mit jenem Menschen elend wird --«

»Wenn sie wieder schreit und Du bist in der Nähe, so komm ihr wie damals

zur Hülfe -- aber früher nicht.«

»Aber dann ist es zu spät. Soll ich sie denn rettungslos zu Grunde gehen

sehen?«

»Lieber Freund,« erwiederte der junge Maler, »ihr Vater ist Banquier und

Du wirst mir Recht geben, wenn ich Dir sage, daß alle derartigen Leute die

Augen gewöhnlich offen halten. Thun sie es nicht, so ist es ihr eigener

Schade und kein Mensch weiter hat sich darum zu quälen.«

»Und Clemence?«

Frank schwieg ein paar Augenblicke und sah sinnend vor sich nieder, endlich

sagte er:

»Du wirst aller Wahrscheinlichkeit nach wüthend werden, wenn ich Dir irgend

etwas gegen Dein »Ideal« einwerfe, aber es geht eben nicht anders. Was ich

auf dem Herzen habe muß heraus, so sollst Du denn auch meine Meinung über

Deine Auserwählte hören, die allerdings nicht so günstig lautet, als Du Dir

vielleicht wünschen könntest.«

»Kennst Du sie?«

»Zufällig habe ich in einem Hause Zutritt, wo sie aus und ein geht, und ich

gestehe Dir zu, daß sie ein bildhübsches, ja man könnte sogar sagen schönes

Mädchen ist, mit edlen, wenn auch etwas stolzen Zügen, aber --«

»Aber? --«

»Sie ist dabei die ärgste Kokette, die mir im ganzen Leben vorgekommen, und

herzlos bis zum Aeußersten.«

»Und woher willst Du das wissen?«

»Das kann ich Dir sagen. Als sie eines Tages jenes Haus verlassen wollte,

und ihre Equipage hielt vor der Thür -- ich ging hinter ihr die Treppe

hinunter -- wurde ein armes junges Nähmädchen, die irgend eine Arbeit

dort hinauf gebracht hatte, ohnmächtig und fiel gleich neben dem gnädigen

Fräulein, ja so dicht bei ihr, daß sie ihr wohl etwas an der Robe mußte

beschädigt haben, auf der Flur nieder. Hätte sie ein weiches Herz im Busen,

so würde sie sich der Armen angenommen und sie in ihrem eigenen Wagen

fortgeschafft haben, so warf sie ihr nur einen Blick voll Abscheu und Ekel

zu, sah nach ihrem Kleid und eilte dann so rasch sie konnte in den schon

für sie geöffneten Schlag des Wagens, der dann gleich nachher mit ihr davon

rollte.«

»Es giebt Menschen, die keinen Kranken, besonders Ohnmächtigen, sehen

können,« sagte Ernst, »es geht mir selber so -- ich muß mich dazu zwingen

-- das ist kein Beweis gegen sie.«

»Wenn Du einen Beweis wolltest, wäre der genügend,« meinte Frank, »aber in

dem Fall wird Dich auch das Andere, was ich Dir noch sagen könnte, nicht

überzeugen.«

»Und das wäre --«

»Daß sie die ganze Zeit, in welcher ich mit ihr dort oben im Salon zusammen

war, sich so gesetzt hatte, daß sie sich fortwährend in dem Spiegel sehen

konnte, und die Gelegenheit auch auf das Eifrigste benutzte.«

Ernst lachte. »Daß sich also ein junges hübsches Mädchen gern selber sieht

und ein wenig eitel ist, rechnest Du ihr zum Verbrechen an, -- und findest

Du eine unter Allen, die davon frei wäre?«

»Gut! wir wollen uns auch darüber nicht streiten, denn die Sache hat keinen

Zweck. Dir wird Fräulein Clemence kaum gefährlich werden können, denn

wenn sie wirklich mit dem Major verlobt ist, werden wir auch wohl in

allernächster Zeit von ihrer Verbindung hören. Solltest Du aber wahnsinnig

genug sein, Einspruch thun zu wollen -- was ich Dir aber nicht zutraue,

denn eine Geistesstörung habe ich bisher noch nicht an Dir bemerkt, so

bedenke wohl, daß Dir jedes Recht dazu fehlt. Was Du auch über den Major

weißt, können nur Gerüchte sein, für die Du nie wirkliche Beweise bringen

würdest, außer vielleicht für die Schulden, und was schadet es dem reichen

Joulard, wenn sein Schwiegersohn ein paar tausend Thaler negatives Vermögen

hat? Er wird sie eben bezahlen, und die Sache ist abgemacht. Aber wie

ist's? Hast Du Lust einen Spaziergang zu machen? Ich komme eigentlich her,

um Dich abzuholen.«

»Ich danke Dir -- ich bin es jetzt nicht im Stande,« sagte Ernst, »nicht in

der Stimmung -- es geht mir zu viel, zu Schweres im Kopfe herum -- ich muß

allein sein -- muß mich erst sammeln -- aber wenn Du zurückkehrst, sprich

wieder bei mir vor.«

»Also sammele Dich,« rief ihm Frank zu, »und ich bin überzeugt, Du wirst

in die richtige Bahn hinein kommen. -- Ich frage dann wieder vor und hoffe

Dich gegen Abend ruhig und vernünftig zu finden. Ueberdieß haben wir heute

Künstlerverein, und Du darfst da nicht fehlen.«

Mit diesen Worten warf er seinen Mantel wieder um, setzte seinen Hut auf

und verließ das Zimmer. Sein Freund blieb aber in einer trüben, ja fast

verzweifelten Stimmung zurück, denn er konnte sich nicht verhehlen, daß

Frank in manchen -- ja in vielen Stücken Recht hatte und da mit der kalten

Vernunft eintrat, wo bei ihm nur Alles Feuer und Leidenschaft war. Was

wußte der Vernunftmensch aber auch von Liebe -- einer Liebe, die ihm

selber das Herz zu verzehren drohte, und der er sich mit aller Zähigkeit

hingegeben hatte, mit welcher wir manchmal in der Jugend einen Schmerz

pflegen, nur um uns unglücklich zu wissen.

Unglückliche Liebe! Wer von uns Allen hat nicht schon das selige Bewußtsein

gehabt unglücklich zu lieben und sich mit Stolz und Heroismus demselben

hingegeben. Wir sind auch vielleicht wirklich unglücklich in dem Augenblick

-- wir verachten das Leben, das für uns nicht den geringsten Reiz mehr hat,

begehen aber dabei den Fehler, daß wir uns gewöhnlich für »ewig verloren«

halten -- wie denn die Jugend mit dem Worte »ewig« einen argen Mißbrauch

treibt. So hält sie auch ihren Schmerz für ewig, und weiß doch noch

gar nicht was wirklicher Schmerz ist, bis das Leben selber ernst an sie

herantritt. Aber dann ist auch ihre Kraft gestählt, und sie trägt und

besiegt das Schwerste, wo sie früher unter dem Leichteren zusammenzubrechen

drohte.

Ernst Trautenau war aber überhaupt gar keine schmachtende oder weiche

Natur. Er rang dem Leben kräftig seine Existenz ab, und wenn ihn auch auf

kurze Zeit vielleicht das romantische Gefühl seines Leidens bewältigen

konnte, lange war es wenigstens nicht im Stand ihn niederzudrücken, denn

der Haß gegen das ihm im Wege stehende Hinderniß gewann die Oberhand.

Wieder und wieder fiel sein Blick auf die Figur an der Wand. Die

Kohlenzeichnung genügte ihm nicht mehr, und er beschloß das Bild =al

fresco= in Farben auszuführen. Rasch ging er auch an's Werk -- es war eine

grimme Genugthuung für ihn, an dem verhaßten und glücklichen Nebenbuhler in

solcher Weise seine Rache auszuüben, und kaum zwei Stunden später hatte er

das Portrait eines gelbbraunen Satans, mit allen Insignien der Hölle, und

noch einer Menge irdischer Zuthaten, in den grellsten Farben prangend, an

der Wand vollendet.

Zweites Kapitel.

Der Besuch.

Am nächsten Morgen um elf Uhr saß Trautenau wieder an seiner

Staffelei, aber er hatte das Bild, das er am vorigen Tag darauf gehabt,

heruntergeworfen und die Leinwand zu einem neuen Gemälde aufgespannt. Mußte

er Frank nicht Recht geben? -- War es nicht Wahnsinn, da noch eine Hoffnung

zu nähren, wo jede Aussicht schon in sich selber zusammenschwand? Ja, sah

er auch nur selbst die Möglichkeit voraus, sich der Geliebten zu nahen?

denn unter welchem Vorwand konnte er sich bei ihr melden lassen? -- Als

Retter in den Alpen? Wenn er die Sache ruhig überdachte, so war nicht mehr

Gefahr dabei gewesen, als wenn er die fremde Dame über eine gewöhnliche

Wiese hinüber geführt hätte -- und gab ihm das überhaupt ein Recht sich

bei ihr einzuführen? -- Wahrlich nicht, ja er mußte erwarten, daß er als

zudringlicher Fremder abgewiesen wurde; und eine solche Demüthigung wäre

nur verdiente Strafe für seinen Uebermuth gewesen.

Was ging ihn des reichen Mannes Tochter an -- sie war ihm so »unerreichbar

wie die Sterne« und er mochte sich wohl an ihrem Glanz erfreuen, aber

durfte auch weiter nicht die Hand nach ihr ausstrecken.

Er hatte sich heute Morgen eine recht prosaische Arbeit hervorgesucht. Es

war das Portrait eines benachbarten Gewürzkrämers, der das Bild seiner

neu verlobten Tochter als Hochzeitsgeschenk bestimmt hatte. Das Original

erfreute sich dabei eines nicht allein alltäglichen, sondern sogar gemeinen

Gesichts, mit einer rothen Nase und niederer, von struppigen Haaren

eingedämmten Stirn, eines Paars dünner Lippen und sogar noch Blatternarben.

Das war eine Physiognomie, wie der Maler sie jetzt brauchte, und er

beschloß deshalb auch ganz besonderen Fleiß auf die mit großen unächten

Steinen besetzte Tuchnadel, auf die goldene Kette und das gestickte

Vorhemdchen zu wenden.

Aber die Staffelei stand so, daß er, wenn er nur zwei Schritte davon

zurücktrat, gerade darüber hin den Kopf des teuflischen Majors erkennen

konnte, der fast wie höhnisch, und jedenfalls mit einem ganz abscheulichen

Ausdruck nach ihm herüber grinste, und der arme Gewürzkrämer kam dabei

am Schlimmsten weg. Unwillkürlich arbeitete ihm Ernst mit ein paar

Pinselstrichen auch im Gesicht herum, so daß er der Carrikatur dahinter

täuschend ähnlich wurde.

Noch war er damit beschäftigt und schon auf dem besten Weg das vor ihm

stehende Bild total zu verderben, als man plötzlich ziemlich herzhaft

an die Thür pochte und Trautenau, der gerade wieder von seinem Portrait

zurückgetreten war, um einen besseren Ueberblick zu gewinnen, sah, daß

sich auf sein barsches »Herein« die Thür öffnete und ein Officier -- sein

eigenes Wandgemälde, wie es leibte und lebte, nur in etwas anderem Costüm,

auf der Schwelle stand. --

»Habe ich das Vergnügen Herrn Portraitmaler Trautenau zu sprechen?« sagte

der Fremde artig.

»Mein Name ist Trautenau,« erwiederte der junge Mann, in dem Moment doch

etwas verlegen, denn er hatte keine Ahnung gehabt, daß sich das Original

seines Teufels so bald einstellen würde.

»Mein Name ist von Reuhenfels,« erwiderte der Officier, -- »Major, und Sie

sind mir als ein so vortrefflicher Portraitmaler in der Stadt genannt, daß

ich Sie ersuchen möchte, das Bild einer Dame in Lebensgröße zu übernehmen.«

»Einer Dame?« fragte Ernst, dem bei den Worten alles Blut in seinen Adern

zum Herzen zurückströmte.

»Ja, mein Herr. Würden Sie vielleicht im Stande sein, ein solches Gemälde

rasch in Angriff zu nehmen, und sobald als möglich fördern zu können? Es

ist das Bild meiner Braut.«

Ernst wollte antworten, brachte jedoch kein Wort über die Lippen; die Kehle

war ihm wie zugeschnürt. Aber er fühlte auch, daß er, gerade vor diesem

Menschen, nicht wie ein Schulknabe dastehen dürfe, und sich gewaltsam

zusammenraffend, sagte er endlich:

»Ich denke wohl, Herr Major -- wie heißt die Dame?«

»Fräulein Joulard -- Sie werden sie wohl kaum kennen -- Sie ist ein

reizender Vorwurf für ein Bild -- eine imposante, prachtvolle Gestalt --

ein wahres Meisterstück der Schöpfung. Und wann können Sie damit beginnen?

Meine Braut hat sich bereit erklärt, von morgen an dem Bild sitzen zu

wollen, und zwar täglich eine Stunde von 12-1 Uhr, acht Tage lang. Wären

Sie im Stande das Gemälde in der Zeit zu vollenden?«

»Zu untermalen jedenfalls; ich würde aber dann später noch um einige

Sitzungen bitten müssen.«

»Hm, das wird schwer halten; sie hat einen kleinen Trotzkopf, so schön

er ist, und wenn sie sich da einmal etwas hineinsetzt -- alle Teufel,«

unterbrach er sich aber plötzlich lachend, als sein im Atelier

umherschweifender Blick auf das riesige diabolische Bild fiel -- »Sie haben

sich ja da im wahren Sinn des Wortes den Teufel an die Wand gemalt -- famos

-- ganz ausgezeichnet -- Hahahahaha.«

Trautenau fühlte wie er über und über roth im Gesicht wurde, und doch auch

hatte die Sache wieder etwas unendlich Komisches, daß sich der Major über

sein eigenes Bild amüsirte, ohne anscheinend eine Ahnung zu haben, daß es

eben sein eigenes sein sollte.

»Verfluchte Idee,« lachte der Major aber noch immer weiter -- »und ein

Schurz von Wein- und Kartenblättern -- famos allegorisch -- ja wohl sind

das die Attribute des Teufels, lieber Freund, und das Herz, das er mit den

Krallen zerbricht, ergänzt die dritte Kraft im Bunde. Ganz ausgezeichnete

Idee das -- ganz ausgezeichnet. Sie haben Phantasie, mein junger Künstler,

und der Teufel dort ist ein wahres Meisterstück.«

»Sie sind zu gütig, Herr Major,« entgegnete Trautenau, bei dem das

Humoristische der Situation die Oberhand gewann, »also er gefällt Ihnen

wirklich?«

»Ausgezeichnet, sage ich Ihnen -- und die Epauletten -- höhere Charge

natürlich in seiner Beelzebubschen Majestät Armee; wundervoll! -- Aber ich

muß fort. Also bitte sich morgen früh um zwölf Uhr im Joulardschen Hôtel --

wissen Sie wo Joulard wohnt?«

»Ja wohl.«

»Gut -- also dort mit Allem was Sie brauchen, einzufinden. Ein kleines

Atelier werden Sie auch da antreffen, indem die junge Dame selber viel Sinn

für die Kunst hat, und auch zuweilen malt. Und dann noch eins -- der Preis

-- ich glaube, daß Sie sich später darüber mit Herrn Joulard in für Sie

sehr befriedigender Weise verständigen werden. Sie laufen dabei keine

Gefahr. Also Sie kommen?«

»Ich werde mich pünktlich einfinden.«

»Und noch eine Bitte, bester Freund -- könnten Sie nicht für mich eine

kleine Skizze -- und wenn es nur Aquarell ist -- von diesem famosen Teufel

machen -- aber eine ganz treue Copie, wie? Sie würden mich unendlich

verbinden.«

Trautenau sah ihn erstaunt an. War denn der Mann wirklich im Ernst und so

ganz verblendet, daß er nicht einmal sein eigenes Portrait erkannte? Aber

unwillkürlich lachte er doch auch über die merkwürdige Bitte desselben, und

in einem Anfall von wildem Humor rief er aus:

»Sie sollen eine Copie bekommen, Herr Major, verlassen Sie sich darauf --

eine treue Copie -- und vielleicht schon in nächster Zeit.«

»Sie sind unendlich liebenswürdig, Herr Trautenau,« versicherte der

Officier -- »also unser Geschäft wäre soweit abgemacht -- habe die Ehre,«

und militairisch grüßend verließ er das Zimmer, während Trautenau wie

in einem wachen Traum mitten in dem kleinen Gemach stehen blieb und ihm

nachstarrte.

Konnte denn das auch Wirklichkeit sein? Der Major -- sein Major, den er

dort als diabolisches Eigenthum an der Wand besaß, war zu ihm gekommen,

hatte das Bild betrachtet und sich darüber gefreut, und ihn selber zu

Clemence, zu der Geliebten bestellt, um diese zu malen, um ihr Stunden lang

in die guten, seelenvollen Augen zu sehen und ihrer zauberholden Stimme zu

lauschen? Er vermochte das Riesige des Gedankens und der Consequenzen noch

nicht zu fassen, und starrte noch immer, wie in einer Verzückung nach der

Thür, als sich diese wieder rasch öffnete und Frank eintrat.

»Weißt Du wer eben hier im Hause war?« -- rief er -- »ich begegnete ihm

unten in der Thür« --

»Der Teufel!« sagte Ernst.

»Er war doch nicht bei Dir?« fragte Frank rasch.

»Allerdings, und hat sich eine Copie von dem Wandgemälde bestellt.«

»Du willst mich zum Besten haben.«

»Ja, mehr als das -- ich soll Clemence malen.«

»Und dazu hat Dich der Major aufgefordert?«

»Allerdings.«

»Und er hat wirklich das Wandgemälde dort gesehen?«

»Gewiß hat er, und war entzückt davon.«

»Ohne die Aehnlichkeit zu bemerken?«

»Er hat sich wenigstens Nichts merken lassen, mich jedoch wahrhaftig um

eine Copie gebeten, die ich ihm auch versprochen.«

»Du willst dem Major eine Copie von dem Teufel da machen?«

»Gewiß will ich -- und weshalb nicht?«

»Nun, mir kann's recht sein,« sagte der junge Maler, »wenn es ihn eben

freut. Sobald er aber hinter die Aehnlichkeit kommt, -- und gute Freunde

werden ihn schon darauf aufmerksam machen, -- wird er wüthend werden.«

»Und was weiter?« fragte Ernst trotzig. »Wenn er glaubt, daß ich ihm auch

nur den Raum eines Schrittes weiche, so irrt er sich gewaltig.«

Frank lachte. »Wenn ich nur in dem Moment, wo er hinter die Aehnlichkeit

kommt, bei ihm sein könnte, -- was für ein prachtvoll dummes Gesicht er

dann machen wird. Aber zu solchen Aufführungen bekommt man nie ein Billet.

Uebrigens kam ich eben her, um Dir zu sagen, daß ich mich selber noch

gestern und heute nach dem Major erkundigt und allerdings alles Das

bestätigt gehört habe, was Du über ihn gesagt. Er scheint selbst bei seinem

Regiment sehr schlecht angeschrieben, obgleich die Officiere natürlich

nichts Nachtheiliges über ihn äußern werden.«

»Siehst Du, daß ich recht hatte.«

»Aber das ändert deshalb an der Sache nichts. Du selber stehst dabei der

jungen Dame so fern als je, und wenn Du wirklich aufgefordert bist, sie

zu malen, Ernst, so weisest Du, wenn Du auf meinen Rath nur das geringste

Gewicht legst, den Auftrag rund ab.«

»Ich habe schon zugesagt.«

»Eine Ausrede läßt sich finden. Du brauchst den Verdienst auch nicht so

nothwendig, denn was Du zum Leben bedarfst, werfen Dir eben so leicht

andere Arbeiten ab.«

»Und sogar ihrem Begegnen soll ich feige ausweichen?« fragte Ernst trotzig,

-- »glaubst Du, daß ich mich vor der Dame fürchte?«

»Ich fürchte nur, daß Du einen dummen Streich machst, und um Dir die Folgen

desselben zu ersparen, habe ich Dich gebeten, ihr auszuweichen.«

»Ich bin kein Kind mehr.«

»Nein, Du wärst alt genug, um selber zu wissen, was Du zu thun hast, aber

-- nimm mir's nicht übel, Ernst, -- schon diese tolle Liebe, oder vielmehr

der Glaube, daß Du sie liebst, denn Du kannst dies nach einem so flüchtigen

Begegnen noch gar nicht wissen, spricht für Dein -- kindliches Gemüth. In

Dir steckt weit mehr Romantik, als Dir gut und zuträglich ist, und ohne daß

Du es selber merkst, geht Dir einmal das Herz mit dem Verstand durch und

läßt Dich dann in irgend einer unangenehmen Situation rettungslos sitzen.

Denk' an mich.«

»Du hättest Schulmeister werden sollen, Frank,« sagte Trautenau lächelnd,

»denn Du sprichst wirklich wie ein Buch, und wenn ich Dich nicht so genau

kennte, würde ich Dich jetzt für einen furchtbaren Philister halten.«

»Ich gestehe Dir zu, daß ich jetzt vernünftiger spreche, als ich gewöhnlich

denke,« erwiderte Frank -- »ich setze mich auch selbst in Erstaunen, aber

sei überzeugt, daß es mir nicht an praktischem Sinn fehlt, und nur

die Sorge, Dich in eine peinliche -- und doppelt peinliche, weil

selbstverschuldete Lage gebracht zu sehen, läßt mich so zu Dir reden. Malst

Du das junge bildhübsche Mädchen, in das Du bis über die Ohren verliebt zu

sein selbst eingestehst, so läuft die Sache auch nicht so glatt ab, und ich

fürchte, Du -- ruinirst Dir ein groß Stück Leinwand um gar Nichts.«

»Ich kann nicht mehr ablehnen, was ich einmal angenommen habe.«

»Bah, wenn Du ernstlich wolltest, wäre Nichts leichter als das. -- Ich will

Dir einen Vorschlag machen: Wir wollen tauschen -- ich habe das lebensgroße

Bild des Grafen Stirnheld zu malen bekommen, und zwar nur durch Protection,

denn meinen bescheidenen Verdiensten kann ich das kaum zumessen. Uebernimm

Du die Arbeit. Was wir für beide Bilder bekommen legen wir dann zusammen

und theilen.«

»Du bist ein Thor -- durch das Bild des Grafen erhältst Du, wenn es Dir

gelingt, Zutritt in alle aristokratischen Cirkel der Stadt.«

»Ich möchte Dich aus Joulard's Haus entfernt halten.«

»Ich danke Dir, Frank,« rief Trautenau, indem er ihm die Hand reichte und

die seine herzlich schüttelte -- »ich wußte vorher, daß Du es wirklich gut

mit mir meinst, und Du hast mir dadurch einen neuen Beweis Deiner Liebe

und Treue gegeben, aber -- es bleibt dabei. Ich male Clemence und werde

Dir zeigen, daß ich kein kindischer Thor mehr bin, der irgend einen

unüberlegten Streich ausführt, ohne die Folgen zu bedenken. Liebt Clemence

wirklich den Major, gut, so habe ich kein Recht, zwischen ein paar Seelen

zu treten, die sich einander angehören wollen.«

»Und wie willst Du erfahren, ob sie ihn oder ob sie ihn nicht liebt, wenn

sie Dir täglich ein oder zwei Stunden, und dann doch auch jedenfalls in

Gesellschaft irgend einer Begleiterin sitzt?«

»Das überlaß mir,« meinte Ernst, »die Liebe sieht scharf und einen Plan

habe ich mir überhaupt nicht entworfen, kann es auch gar nicht. Der

Augenblick muß das bestimmen, aber ich verspreche Dir, mein kaltes Blut zu

wahren -- mehr kann ich nicht thun.«

»Gut, Du willst einmal Deinem Kopf folgen, und und ich kann Dir da nicht

weiter helfen. Aber was hast Du denn da für eine Carrikatur auf der

Staffelei. Der alte Spießbürger sieht ja ebenfalls genau so aus wie Dein

Teufel da an der Wand. Ist die Aehnlichkeit zufällig?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete Ernst, indem er die beiden Bilder mit

einander verglich -- »wahrhaftig Du hast Recht. Ich glaube aber fast, ich

habe meinem wackeren Gewürzhändler da Unrecht gethan. Nun er kommt morgen

Nachmittag zu mir, und da werde ich wohl wieder in seine normalen Züge

hineinfallen. Heute mag er sich so behelfen. Was ich Dich noch fragen

wollte: Kennst Du Clemencens Vater persönlich?«

»Den Herrn Joulard? vom Ansehen ja -- weiter nicht. Vorhin begegnete er

mir auf der Straße und rannte mich fast über den Haufen, so in Gedanken

vertieft war er. Der hat immer den Kopf voll von Speculationen -- eine

reine Rechenmaschine.«

»Ich denke, er ist sehr reich. Speculirt er denn da noch immer?«

»Das können die Börsenleute ebensowenig lassen, wie wir das Malen; es

ist ihre zweite Natur geworden, und ich glaube sie würden sich zu Tode

langweilen wenn sie sich nicht alle Tage wenigstens einmal eine Stunde

über das Fallen oder Steigen ihrer Papiere ängstigen müßten. Das läßt uns

ruhiger, nicht wahr Ernst?«

»Du magst Recht haben -- ich wenigstens kenne, außer einer Banknote, kein

einziges Werthpapier von Angesicht zu Angesicht. Schadet auch Nichts. Mit

dem Geld kommen die Sorgen, und so lange wir haben was wir brauchen, sind

wir am zufriedensten.«

»Was willst Du aber mit dem Carton machen?«

»Mit dem Blatt hier? Nun die Copie für den Major.«

»Bist Du denn wirklich des Teufels?«

»Laß mir doch meinen Spaß -- ich habe mich jetzt einmal in das verhaßte

Gesicht hineingelebt und fürchte fast, daß ich morgen Clemence denselben

Ausdruck gebe -- es wäre ein verwünschter Spaß.«

Frank lachte. »Mit Deinem Starrkopf ist doch Nichts anzufangen, so habe

Deinen Willen. Uebrigens bin ich wirklich neugierig was der Major dazu

sagt« -- und dem Freund die Hand drückend, stieg er wieder die Treppe hinab

um seinen eigenen Geschäften nachzugehen.

Drittes Kapitel.

Die erste Sitzung.

Ernst konnte die ganze Nacht kein Auge schließen, denn in seinem Herzen war

ein Verdacht rege geworden, daß Clemence selber die Aufforderung an ihn,

ihres Vaters Haus zu besuchen, veranlaßt haben müsse. Die Möglichkeit lag

doch nicht soweit ab, daß sie ihn erkannt haben konnte. Sie war vielleicht

an ihm vorüber gefahren, ohne daß er sie bemerkte, denn er achtete nie auf

Equipagen, und leicht genug konnte sie dann von der Dienerschaft seinen

Namen erfahren haben. Welche Seligkeit erfüllte ihn aber, wenn er die

Möglichkeit -- ja die Wahrscheinlichkeit eines solchen Glückes überdachte,

denn wie wäre dieser Major gerade auf ihn gefallen, da es doch viele ältere

und berühmtere Portraitmaler in der Stadt gab; es ließ sich nicht anders

denken. Vielleicht hatte ihn Clemence doch noch nicht ganz vergessen, trug

nur ungeduldig den ihr auferlegten Zwang und suchte Mittel und Wege ihm

selber eine Annäherung zu ermöglichen. Frauen sind schlau; er durfte sich

ruhig auf sie verlassen, sie würde es schon einzurichten wissen.

Und was dann? wenn er nun wirklich fand, daß die Verbindung mit dem Major

eine erzwungene gewesen wäre, wenn sie sich dagegen sträubte? -- Aber das

Alles konnte er nicht jetzt überdenken, nicht in einem Augenblick, wo ihm

das Blut wie Feuer durch die Adern rollte. Das mußte auch erst der Moment

bringen, in welchem sich seine Träume zu wirklichem Leben gestalteten. Das

allein konnte entscheiden wie er zu handeln habe, und was dann kam, ei dem

wollte er auch keck und muthig die Stirn bieten. Nur dem Muthigen lächelt

ja das Glück.

Mit diesem Vorsatz schlief er ein, erwachte aber am nächsten Morgen

in einer ganz anderen, und viel ruhigeren Stimmung, denn es ist eine

allbekannte Thatsache, daß Abends unsere Nerven viel aufgeregter und

wir gewöhnlich geneigt sind, Schwierigkeiten, besonders in

Herzensangelegenheiten, gar nicht anzuerkennen, während der Morgen die

kaltblütige Ueberlegung und gewöhnlich ganz andere Resultate mit sich

bringt.

Das Herz pochte ihm allerdings lebhaft, als er jetzt an das Zusammentreffen

mit Clemence dachte, aber er fing an, die Sache in einem anderen Licht zu

betrachten. Die Aufforderung des Majors konnte allerdings recht gut ein

Zufall sein, und das junge Mädchen? -- wie flüchtig -- wie kurze Zeit nur

hatte sie ihn damals in den Alpen gesehen, und war es denkbar, daß sie sich

seiner Züge da noch erinnern sollte? hatte sie nicht vielleicht die ganze

unbedeutende Begegnung mit ihm schon lange vergessen?

Er war wieder recht verzagt geworden, hatte aber auch nicht die geringste

Lust zum Arbeiten und beschloß deshalb, langsam und in aller Ruhe seine

Vorbereitungen zu der heutigen Sitzung zu treffen. Für diesmal brauchte

er ja doch nur ein kleines Stück Leinwand, auf dem er die Skizze entwerfen

konnte, um vor der Hand einmal die Stellung festzuhalten. Die Größe des

Bildes mußte erst besprochen und festgestellt werden und manches Andere

blieb dabei zu thun. Die Zeit verflog ihm dabei ungemein rasch, und es war

elf Uhr geworden, bis er alles Nöthige -- oder wenigstens was er für nöthig

hielt, beendet hatte. Dann zog er sich an, rief einen Packträger von der

Straße herauf, um ihn mit den nöthigen Utensilien zu begleiten und

schritt nun fest und entschlossen, aber doch mit starkem Herzklopfen,

dem Joulard'schen Palais entgegen, als ob er nicht beordert wäre nur ein

Portrait zu beginnen, sondern als ob sein eigenes Schicksal sich gleich

endgültig entscheiden müsse.

Er hatte das Joulard'sche Haus bald erreicht, aber hier beengte ihn

der Glanz und die Pracht, die ihn umgab. Die Halle schon war mit Marmor

ausgelegt -- prächtige Statuen verzierten sie, kostbare Topfgewächse

standen auf der mit einem reichen Teppich belegten Treppe und galonnirte

Diener schlenderten müssig auf und ab.

Trautenau fühlte sich beklommen, als er, durch einen der Lakaien, der

dem Träger seine Last abnahm, geleitet, die Treppe hinaufstieg, und das

besserte sich nicht, als er in ein kleines reizendes Boudoir geführt und

dort allein gelassen wurde.

Hier athmete Clemence; wie lieb, wie wunderbar reizend das Alles aussah,

aber auch wie reich, wie ausgesucht, fast übertrieben prachtvoll. Wäre er

ruhig und unbefangen gewesen, so würde das Gemach eher einen unangenehmen

als günstigen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn es war von Gegenständen

überladen, die eine Zimmerzierde sein sollen, aber nie eine Zimmerlast

werden dürfen. Die breiten goldenen Rahmen an den Wänden standen in keinem

Verhältniß zu der Größe der Bilder, welche sie umschlossen, und das war mit

allem Uebrigen der Fall. Marmor- und Bronze-Statuen und Statuetten drängten

sich einander. Die schweren, mit Spitzen überwallten Seidengardinen wurden

von goldenen Troddeln entstellt, prachtvoll eingelegte Möbeln rückten zu

nahe aneinander und brachten eher ein Gefühl der Beengung als des Behagens

hervor; der mit den seltensten Pflanzen gezierte Blumentisch war sogar so

gestellt, daß er keine freie Bewegung in dem Raum gestattete. Sonderbarer

Weise hing dazwischen auch eine Anzahl vergoldeter Bauer mit unseren

heimischen Sängern herab, mit Finken, Nachtigallen und anderen, und auf

einem gestickten Polster lag ein kleines silberweißes Wachtelhündchen und

knurrte leise vor sich hin, als Trautenau das Heiligthum betrat, hielt es

aber sonst nicht der Mühe werth, sich auch nur zu rühren.

Trautenau überflog das Ganze mit einem Blick, aber er sah auch, daß dieses

Boudoir zugleich das kleine Atelier der jungen Dame bildete, denn ein

mächtiges, mit einer einzigen großen Scheibe versehenes Fenster sah nach

Norden hinaus und neben dem Blumentisch stand noch, von zwei Stühlen

gehalten, eine Mahagoni-Staffelei, von der unser junger Freund allerdings

nicht recht begriff, wie es möglich sein würde, sie hier in dem engen Raum

aufzustellen.

Ehe er aber darüber ganz mit sich im Reinen war, hörte er plötzlich

ein seidenes Kleid rauschen, die eine Thür wurde nur durch einen

purpurdamastenen Vorhang verdeckt, dieser schob sich zurück, und wie er

sich rasch dorthin wandte, stand er einem Wesen gegenüber, das ihm mehr dem

Himmel als der Erde anzugehören schien.

Es war Clemence, -- aber nicht mehr das junge schüchterne Mädchen aus den

Alpen, das sich, Hülfe und Schutz suchend, an seinen Arm schmiegte. Wie

eine Prinzessin schwebte sie herein, ein weißes Seidenkleid vom schwersten

Stoff und mit Goldfäden durchwirkt, umschloß ihre schlanke, junonische

Gestalt. Voll und schwer hingen ihr die dunklen Locken an den Schläfen

nieder, ihren weißen Hals deckte ein Collier blitzender Brillanten, aber

ihre beiden Augensterne überstrahlten sie alle, und wie sie mit königlichem

Anstand vor dem jungen Manne stehen blieb und ihn mit diesen Augen ansah,

war es, als ob ihr Feuer bis in seine innerste Seele drang. Er wurde

über und über roth und stand so verlegen vor der Jungfrau, daß diese ein

leichtes Lächeln kaum unterdrücken konnte. Aber sie schien nicht böse über

den Eindruck, den sie auf ihn hervorbrachte, und sagte freundlich:

»Herr Trautenau, Sie haben Ihre Zeit pünktlich eingehalten und ich möchte

Sie jetzt bitten Ihre Anordnungen hier in meinem kleinen Atelier zu treffen

-- Künstler folgen dabei am Liebsten ihrer eigenen Neigung. Das Licht

ist, wie Sie sehen vortrefflich, und nur der Raum vielleicht ein wenig

beschränkt, doch werden wir uns ja wohl einrichten.«

Trautenau bemerkte jetzt erst, daß eine andere Dame der Tochter des Hauses

gefolgt war, von dieser freilich, in ihrem ganzen Wesen so verschieden wie

Tag und Nacht -- wie Sonnenstrahl und Kerzenschein.

Die Begleiterin entwickelte sich als eine kleine dicke Person mit einem

Kropf, in einem schwarzseidenen, aber schon lange getragenen Kleid, und mit

einer wunderlichen Coiffüre von grellrothen und gelben Blumen auf dem Kopf.

Trautenau warf einen erstaunten Blick nach ihr hinüber, konnte aber nicht

klug aus ihr werden, was sie vorstelle. Clemencens Mutter, Madame Joulard?

-- Diese war, so viel er gehört schon vor längerer Zeit gestorben. -- Eine

Gesellschafterin? Clemence würde sich sicherlich eine andere Persönlichkeit

dazu ausgesucht haben, und eine Gouvernante brauchte sie ebenfalls

nicht mehr. Vielleicht eine Duenna? Aber es blieb ihm keine Zeit, der

Persönlichkeit eine weitere Aufmerksamkeit zu schenken, denn Clemence

selber verlangte diese, und er ärgerte sich auch, daß er ihr gar so

schülerhaft gegenüber stand.

»Wenn Sie mir erlauben, mein gnädiges Fräulein,« sagte er zu Clemence, »so

will ich die Staffelei hier herüber stellen -- an diesem Platz werden wir,

glaub' ich, das beste Licht haben.«

»Wie Sie es für gut halten.«

»Aber die Symmetrie wird gestört, wenn der Blumentisch dort hinüber kommt,«

bemerkte die Dame mit dem Kropf.

»Die Symmetrie wird durch Manches gestört, gnädige Frau,« entgegnete

Trautenau, durch den albernen Einwurf geärgert, »was sich im Leben nun

einmal nicht ändern läßt.«

Clemence lächelte verstohlen vor sich hin, drückte aber auch zu gleicher

Zeit auf die auf ihrem Schreibtisch stehende Klingel, und bedeutete dann

gleich den eintretenden Bedienten, die gewünschte Aenderung vorzunehmen.

Es war das rasch gemacht; Ernst half selber dabei, der Staffelei die

richtige Stellung zu geben und zugleich einen passenden Platz für Clemence

zu haben, wo das Licht voll auf sie fiel und ihre schlanke Gestalt gut

beleuchtet wurde.

Jetzt erst bekam er Zeit, das junge Mädchen aufmerksam zu betrachten,

und ach wie schön war sie -- wie himmlisch schön. Die dunklen, vollen

castanienbraunen Locken stachen wunderbar gegen den weißen Nacken ab, auf

dem sie ruhten und diese Augen mit den Wimpern, -- diese Lippen, die Zähne,

wie Perlen an einander gereiht. So voll und aufmerksam, und sich selbst

dabei vergessend, ruhte, ja haftete sein Blick an der verführerischen

Gestalt, daß Clemence endlich erröthete und lächelnd sagte:

»Wie wünschen Sie, daß ich mich stellen soll?«

»Wie Sie wollen,« rief Trautenau begeistert; »es giebt immer ein

prachtvolles Bild, aber -- es wird matt gegen das Original werden, fürchte

ich --«

»Mein Vater wünscht ein ähnliches Bild,« sagte Clemence, und ihre, noch

eben lächelnden Züge nahmen einen weit strengeren Ausdruck an. »Sie werden

also mit Ihren Farben wohl vollständig ausreichen. Dürfte ich Sie bitten,

meine Stellung zu bestimmen.«

»Ich würde Sie ersuchen, sich diese selber zu wählen,« erwiderte der

Maler, der die Zurechtweisung recht gut fühlte und leicht erröthete -- »so

natürlich und ungezwungen wie möglich, wenn ich bitten darf. Vielleicht

dürfen wir zu der Stellung eine jener Vasen benutzen, und den großen

Trumeau als Hintergrund.«

»Nein, das ist zu gesucht,« meinte Clemence »und macht Ihnen außerdem

doppelte Arbeit -- die Vase, ja. -- Ich werde ein kleines Blumenbouquet

in die Hand nehmen, bitte Sie aber, die Blumen nicht auszuführen, da ich

Alpenblumen -- Edelweiß, Alpenrosen und Genziane -- dazu benutzen möchte.«

Trautenau fühlte, wie ihm das Herz lauter schlug. -- Also auch sie

erinnerte sich noch jener schönen Berge und schien sogar die Erinnerung

daran zu lieben -- hatte sie ihn aber ganz vergessen? Aber um ihr jene

Scene in's Gedächtniß zurückzurufen, bedurfte er einer ruhigeren Zeit, als

den Beginn der Sitzung -- die mußte er abwarten.

Die Stellung der Dame nahm jetzt auch in der That seine ganze

Aufmerksamkeit in Anspruch, und wie ein electrischer Strom lief es durch

seinen ganzen Körper, als er leise und ehrfurchtsvoll selbst ihren Arm

berührte, um denselben etwas zu heben.

»Mademoiselle,« rief Clemence, als diese Vorbereitungen beendet waren,

»bitte klingeln Sie einmal -- ich lasse meinen Vater ersuchen, einen

Augenblick herüber zu kommen, um zu sehen, ob ihm meine Stellung gefällt.«

Der Befehl wurde rasch ausgeführt. -- Also eine Mademoiselle war die Dame

mit dem dicken Hals -- Wirthschafterin jedenfalls, oder gar eine Art von

Duenna -- und abschreckend genug sah sie für den letzteren Beruf aus.

Es dauerte übrigens nicht lange, so betrat Herr Joulard das Zimmer.

Trautenau hatte ihn noch nie gesehen und er machte allerdings bei seinem

ersten Erscheinen keinen besonders günstigen Eindruck. Es war eine kleine

etwas schwammige Gestalt, dieser Millionair, mit halb zugekniffenen Augen

und ziemlich rastlosem und unstätem Blick. Er hatte eine Glatze, aber

eine hohe Stirn, die beiden Hände dabei in den Hosentaschen und dabei die

Angewohnheit, sich mit dem Kinn in die schwarze Halsbinde hineinzuarbeiten.

Uebrigens ging er einfach gekleidet und nur eine dicke schwere Goldkette

hing ihm, als einziger Schmuck, über die braunseidene Weste.

Er trat in das Zimmer, ohne aber die Hände aus den Taschen zu ziehen und

den jungen Maler auch kaum mehr als durch ein leichtes Kopfnicken grüßend,

und in der Mitte des Boudoirs stehen bleibend, betrachtete er sich die

Gestalt des jungen Mädchens ein paar Augenblicke wohlgefällig.

»Sehr schön mein Herz,« sagte er endlich -- »sehr schön -- allerliebst,

wird sich recht gut machen. -- Aber weshalb hast Du Dein Diadem nicht

aufgesetzt? Das fehlt noch --«

»Ich möchte nicht mit dem Diadem gemalt werden, Papa,« sagte Clemence --

»es sieht zu anspruchsvoll aus.«

»Zu anspruchsvoll! Unsinn,« rief lachend der alte Herr, »was Du für Ideen

hast -- Joulard's einziges Kind zu anspruchsvoll!«

»Es paßt mir auch nicht zu meiner Kleidung; ich werde ein Bouquet von

Alpenblumen in die Hand nehmen.«

»Zur Erinnerung an das ewige Bergsteigen und die erbärmlichen

Wirthshäuser,« meinte Herr Joulard -- »Dein chinesischer Fächer würde sich

viel besser machen.«

Kreuz und Quer, Erster Band Neue gesammelte Erzählungen · 第 1 / 16 段