»Adieu Fanny,« sagte Kornelia noch kurz vor dem Aufbruch. »Heute wird
es sich entscheiden, ob ich hier meinen Willen durchsetzen kann, oder
nach London gehe zu Miß Spence. Soll ich grüßen? Aber natürlich doch.
Sehen Sie nur zu, daß Sie Ohrenklingen bekommen, dann denken wir an
Sie. Es kann ja auch ein anderer sein.«
Unten warteten bereits die Eltern auf sie. Agathe war im großen Staat,
in blaßblauem Seidenrock mit echten weißen Spitzen, den sie so an den
Körper gestrafft hatte, daß der Bankdirektor, der im dunklen Rock und
weißer Weste war, sie dringend bat, etwas weniger deutlich die neueste
Straßenmode mitzumachen. Ein echter Pariser Blumenhut schwankte, wie
eine kleine Plantage auf ihrem mächtig gelockerten Haar und ließ die
Brillantnadel glitzern. Auch sonst schleppte sie ein kleines Vermögen
mit sich herum: lange Perlentropfen in den Ohren, eine echte Kette um
den dicken Hals, und an der Taille der zartpunktierten Bluse eine große
silberne Netztasche für Portemonnaie, Riechfläschchen und Spiegel. Sie
hatte sich heute besonders vorsichtig angemalt, um den Kampf mit dem
elektrischen Licht aufnehmen zu können.
Und neben ihr schritt Kornelia, wie immer in ihrem einfachen weißen
Foulardkleid, nett und elegant, vornehm, ohne auffallend zu erscheinen.
»Adolf, wir wollen uns nicht lange in dem Trubel aufhalten, Du weißt,
die vielen Menschen machen mich verrückt,« jammerte sie gleich, als sie
die berühmte Lästerallee vor sich hatten.
»Aber, Mama, man muß sich doch erst sehen lassen!« wurde sie von
Kornelia ermuntert.
Der Bankdirektor ging wortlos neben ihnen her, denn er hatte wie
gewöhnlich nur Zahlen im Kopf. Langsam ließen sich alle Drei von dem
Menschenstrom mit forttreiben, der mit seinem entsetzlichen Gewimmel
die Augen verschleierte. »Ganz Berlin« hatte sich wieder versammelt, um
die neuesten Moden spazieren zu führen, um beim Wandeln zu flirten und
zu spötteln, von den Sommerreisen zu sprechen, den Abend bei Konzert
zu schinden und den bedeutenden Gedanken mit sich herumzutragen: »Ich
bin auch da!«
Zwischen den beiden Musikhallen gingen die Wogen auf und nieder, die
das stille Lästern wie ein sanftes Rauschen mit sich führten. Und was
die Worte nicht sprachen, sagten die Mienen beim Wenden der Köpfe, wenn
Auffälligkeit stumm die Kritik herausforderte. Sobald die eine Kapelle
schwieg, wandte sich der Kopf dieses ungeheuren Menschenleibes, der auf
tausend Füßen ging, der andern zu, um dort mit seinen hundert Augen zu
sehen und sich wieder gierig zu wenden, damit er für seinen Schweif
aufs neue freie Bewegung habe.
Alle Farben schillerten in dem weißen künstlichen Licht, das die
Sonne ersetzen sollte. Die Hüte der Damen nahmen sich wie wandelnde
Bouquets aus, auf die wunderlichsten Formen gesteckt, und eintönig zog
die Kopfbedeckung der Herren nebenher, vom hellen Gelb der Strohhüte,
bis zum tiefsten Schwarz der Zylinder. Dieses gleichmäßige Auf und
Ab in langen Reihen, die mehr geschoben wurden, als daß sie sich
selbst bewegten, hatte etwas Komisch-Feierliches, das an riesige
Puppen erinnerte, die mit erzwungener Bewegung ihren Aufzug hielten.
Zeitweilig war es, als wenn die Steifheit auf Stelzen ginge, nur um
sich bemerkbar zu machen. Das äußerte sich in der Form des Grüßens
bei den Herren, die mit wagerechtem Arm an den Hut fuhren, und in dem
pagodenhaften Nicken der Damen, wobei die Blumen und Federn gnädig
mitnickten.
Es war eine ungeheure Illustration zu Platens Worten: »Ein jeder
glaubt, ein All zu sein, ein jeder ist im Grunde nichts.«
Und rechts und links breitete sich das Sitzparterre der bequemen
Genußmenschen aus, die wie eingepökelt um die Tische saßen, bei ihren
Getränken schwitzten und sich einbildeten, etwas voraus zu haben,
trotzdem sie mit jedem Ellbogen an einen Fremden stießen. Sie summten
die Melodie mit, wiegten sich mit heiterer Grimasse und fluchten
innerlich dem Kellner, der sie schon seit einiger Zeit verdursten ließ.
Die Soliden und Sparsamen saßen in diesem Parterre, das allmählich die
Anhöhe hinan, ins Parkett der Terrasse überging und sich dann bis in
die offene Veranda des Restaurationsgebäudes verlor, wo die Sektgläser
klirrten, die Ausgewählten um die bestellten Tische saßen und sich an
Delikatessen der Jahreszeit labten.
Wie ein riesiges buntes Menschenbeet wölbte sich dieser Teil des
Gartens, und unaufhörlich bewegten sich die Köpfe, als wenn der Sturm
die Blüten triebe. Wie in Tageshelle glänzten die Gesichter, deutlich
erkennbar schon von weitem, und unaufhörlich stieg das Schwatzen zum
Himmel, übertönt von dem Lärm des Speisens und dem Gejage der Kellner,
die in Gruppen aus der Halle kamen und sich zu einem Dutzend Fracks
auflösten, die, schwarzen Riesenheuschrecken gleich, das bunte Gewimmel
überragten.
»Schrecklich, schrecklich,« stöhnte Frau Roderich aufs neue, als sie
mitten im schönsten Gedränge waren. »Nur nicht zurückgehen, ich falle
sonst um.« Der Anblick dieser Menschenmasse legte sich auf ihre Nerven,
und so taumelte sie mehr, als sie ging, fast taub von dem Geschnatter,
das wie ein Riesengesumme an ihr vorüberzog, sobald die Musik in der
Nähe schwieg.
Der Bankdirektor nickte nur, denn auf ihn wirkte dies alles erfrischend
und belustigend, worunter seine Gedanken eher klarer als verworrener
wurden.
Kornelia spähte aus, ohne den Geliebten zu sehen. Rücksichtslos
schleppte sie die Mutter mit, immer geradeaus, am Hauptorchester
vorüber, wo unter den Bäumen in langen Reihen auf Bänken und Stühlen
die »Nassauer« saßen, die mit der Unbeweglichkeit von Wachspuppen
ausharrten, ohne etwas zu verzehren, und immer in der Angst schwebten,
ihr Platz könnte weg sein, sobald sie sich einmal die Füße verträten.
Hier, an der Stelle, wo der Park bereits vorherrschte, und durch die
Kronen der alten Bäume das elektrische Licht wie Mondesschimmern drang,
saß und wandelte es sich am schönsten, und ununterbrochen tauchten
die Gruppen aus dem Dämmerungsschein auf, der erst ganz hinten in das
Dunkel des Abends überging.
Ein Offizier kam den dreien entgegen und grüßte Kornelia höflich. »Ah,
Herr Leutnant, guten Abend. So steif? Wollen Sie mich schneiden?«
»Wenn gnädiges Fräulein befehlen, dann ja, sonst nicht. Ich preise die
Vorsehung, die mir in Gnaden Ihre Grausamkeit erläßt.«
»Wieder mal hübsch gesagt.«
Sie war den Eltern nur einige Schritte voraus, doch nahe genug, daß sie
die Anrede hören konnten. Rasch raunte sie ihm zu: »Seien Sie nur recht
nett und recht zähe!«
»Du, wer ist denn das?« fragte Agathe ihren Mann, der, immer noch bei
seinen Zahlen, zerstreut die Achseln zuckte. Was ging ihn ein simpler
Leutnant an, wo er gerade bei einer Millionen-Emission war! Aber sofort
glaubte sie auf wankenden Füßen zu gehen, als die Vorstellung erfolgte.
»Mama, Papa, erlaubt: Herr Leutnant Frank --: meine Eltern.«
Er wiederholte die Verbeugung. »Mir eine besondere Ehre, namentlich
gnädigen Frau gegenüber. Mein Schwesterchen hat mir schon soviel
Liebenswürdiges von Ihnen erzählt und geschrieben, daß ich mich
glücklich schätze ...«
»Ein prächtiger Kerl, wie er heucheln kann,« dachte Kornelia, und
sogleich flüsterte sie dem Vater zu: »Ich bitte Dich, laß ihn nicht
los, es ist meine ganze Lebensfreude.«
Der Bankdirektor hatte das Rechnen vergessen, denn er hörte etwas
aus ihrem Tone, was ihn mehr überraschte, als diese plötzliche
Namensnennung, die ihn mit Ahnungen erfüllte. Etwas Weiches,
Herzbewegendes sprach aus ihrer Bitte und lag in ihrem feuchten Blick,
der ihm weiter, als nur in die Augen ging. »Ah, so, ich verstehe Dich,«
sagte er kurz, aber doch mit der Bestimmtheit eines Vaters, der die
Eigenheiten seiner Tochter längst erschöpft hat. Und ohne Besinnung
streckte er Frank die Hand entgegen. »Freut mich außerordentlich, Herr
Leutnant, Sie kennen zu lernen. Meine Tochter hat schon viel von Ihnen
gesprochen.«
Er log geradeaus, aber er hielt es für geschickter, auf diese Art dem
Wunsche seiner Tochter näher zu kommen.
»Ehrt mich ungemein, Herr Bankdirektor.«
»Haben Sie Zeit, sich uns ein wenig anzuschließen?« warf Kornelia rasch
ein, einen Blitz in ihren Augen, den Frank allein verstand.
»Es wird mir ein großer Vorzug sein, meine Gnädige, wenn die
Herrschaften nichts dagegen haben --.«
»Im Gegenteil, ich bitte sehr darum, Herr Leutnant,« fiel Roderich ihm
höflich ins Wort. »Der Vorzug ist ganz auf unserer Seite.«
Er hatte plötzlich das Zahlenreich sehr weit hinter sich und war
völlig in seine Umgebung zurückgekehrt. Als kluger Mann, der stets
daran gewöhnt war, mit Tatsachen zu rechnen, hatte er sofort den
Vorgang in seiner ganzen Bedeutung erfaßt und wollte nun sehen, wie
sich das weiter entwickeln würde. Es gehörte für ihn nicht viel dazu,
um zu merken, daß diese Begegnung eine hübsch erdachte Falle war, in
die seine Frau sowohl als er in aller Gemütlichkeit hineinplumpsen
sollten, namentlich Agathe, die ein Gesicht machte, als wäre sie aus
der schönsten rosigen Wolke in dieses Menschengewühl gefallen und fände
sich noch nicht zurecht.
Das Pärchen ging vor ihnen, und aus beider Mienen ergänzte er sich, was
ihm an seiner Vermutung noch fehlte. Und langsam kam ihm die Andeutung
ins Gedächtnis, die seine Frau über diese Bekanntschaft gemacht hatte,
der aber von ihm keine besondere Bedeutung beigelegt worden war. Was
für ein sonderbares Wesen, diese Kornelia, die ihm wieder ein neues
Rätsel aufgab! Aber diesmal schien auch gleich die Lösung zu kommen,
die in einem schmucken Leutnant mit auffallend überlegenen Manieren
bestand. Recht so, daß sie sich über den Sauerteig ihres Daseins erhob
und ihrer natürlichen Bestimmung zustrebte!
»Ich bin außer mir,« sagte Agathe endlich.
»Liebes Kind, das braucht nicht alle Welt zu hören,« raunte er ihr
gutmütig zu. »Mach nur hier keine Szene! Bleibe hübsch in Dir!«
»Du steckst natürlich mit ihr unter einer Decke!« fuhr sie aufgebracht
fort, aber doch gedämpfter.
Roderich lachte leicht. »Natürlich, natürlich! Das hörte ich schon
im Geiste. Es würde nichts helfen, wenn ich Dir sagte, daß ich ebenso
perplex bin, wie Du. Deshalb tu ich's erst gar nicht.«
»Es ist doch verdächtig, daß Du Dich so schnell in diese Bekanntschaft
findest!«
»Das solltest Du doch gewohnt sein, liebe Agathe. Ich finde mich ja
auch in Dich stets.«
»Ich bin außer mir, ich bin außer mir,« stöhnte sie nach einem Weilchen
aufs neue. »Mit dem Bruder unseres Fräuleins, das mich krank geärgert
hat! Sie ist doch eine dienende Person.«
»In Deinen Augen. Sie wird sicher noch Frau Professor werden, oder Frau
Direktor, wie Du, wenn man Deine Prophezeiungen für den Kandidaten
auch auf sie ausdehnen will ... Darauf kannst Du mir natürlich nichts
erwidern.«
Sie war allerdings über das »lieber Adolf« nicht hinausgekommen, womit
sie seine »Brutalität« bändigen wollte. Endlich aber ächzte sie wieder
hervor: »Die tun ja schon, als wären sie Herz und Seele! Das kann doch
unmöglich unsere Verwandtschaft werden!«
»Das hat mein seliger Vater auch von Dir gesagt, als ich Dich von der
Bühne nahm. Na, und ich habe Dich doch genommen. Und glücklich bin ich
ja auch geworden.«
Da er sich räusperte, so traute sie ihm nicht recht, aber sie hängte
sich doch an seinen Arm.
»Da siehst Du den blinden Zufall im Leben, der Menschen
zusammenbringt,« fuhr er fort. »Er findet eben nichts Besonderes an der
Stellung seiner Schwester. Na, und ich auch nicht. Ich war auch einmal
ein kleiner Kommis und bin so allmählich gewachsen. Und wer nicht mit
seinen Zielen wächst, der bleibt zurück; und das will unsere Neli
nicht. Soll sie ewig Bilder klecksen, die kein Mensch kauft? So etwas
tun die Mädchen nur in der Verzweiflung, wenn sie's auch nicht zugeben
wollen. Sind sie einmal Frau, dann schwören sie auf etwas anderes.
Sie ist dreiundzwanzig, da wird's Zeit, daß sie aus dem Hause kommt.
Meinetwegen nicht, denn sie wird mir sehr fehlen. Es ist schon schlimm,
wenn ~arme~ Mädels keinen Mann bekommen, aber noch schlimmer,
wenn's den andern so geht, die etwas draufzulegen haben.«
In diesem Augenblick rechnete der Bankdirektor wieder, und so hörte er
kaum mehr auf das, was seine Frau sagte, nur soviel empfand er, daß sie
schwer zu besänftigen war und erst sich selbst wiederfand, als sie an
das Pärchen herantraten.
Kornelia und Frank hatten unwillkürlich den Weg nach der stillen Seite
des Restaurants genommen und standen nun einige Augenblicke unschlüssig
zusammen. Kornelia gab rasch wieder den Ton an: »Aber, Herrschaften,
ich sehe nicht ein, weshalb wir unsern Tisch bestellt haben. Ich mag
das Gewimmel der Menschen nicht.«
»Aha, auf einmal!« dachte Agathe. »Nun hat sie ihn getroffen.« Und
erfüllt mit stiller Wut, sich so gefoppt zu sehen, sagte sie laut: »Ich
finde es sehr schön, mal so im Trubel zu promenieren. Unser Tisch läuft
ja nicht weg.« Sie hatte bemerkt, daß Frank nach der Uhr gesehen hatte
und schloß daraus, daß er möglicherweise wenig Zeit habe und sich bald
verabschieden werde. Dann hätte sie losreden und beizeiten durch diese
Liebesrechnung einen Strich machen können. Aber schon bewies ihr Mann
wieder seine Höflichkeit, und zwar in einer Art, die sie noch starrer
machte.
»Darf ich um die Ehre bitten, Herr Oberleutnant, mein Gast zu sein.« Er
hatte sich mit einem raschen Blick von dieser Rangstellung überzeugt
und wollte nun besonders zuvorkommend sein.
Frank sah abermals nach der Uhr und lehnte mit verbindlichem Danke ab,
aber auf »ein halbes Stündchen« würde er gern mit den andern Platz
nehmen. Die lebhaften Einwendungen Roderichs ließ er unerwidert, denn
im Grunde genommen war es ihm mit seiner Eile nicht ernst. Er handelte
ganz nach Verabredung mit Kornelia und hielt es für angebracht, den
Zurückhaltenden zu spielen.
Es machte sich so, daß er mit Frau Roderich zusammenging, während Vater
und Tochter die Spitze nahmen. »Gnädige Frau sollen vorzüglich singen,
wie ich gehört habe,« begann er.