Der Bankdirektor hatte seine liebe Not, um alles wieder einzurenken.
Diesmal zeigte er wirklich, daß er Herr im Hause war. Kornelia hatte
ihm alles berichtet, törichterweise vor dem Diner, und so kam er
geladen nach oben, mehr mit Aerger als mit Essen, denn der Appetit
war ihm vergangen. »Das kommt davon, wenn Du auch mal sechs Gänge
ißt,« sagte er zu seiner Frau, noch mit gutmütigem Ingrimm. Dann aber
wetterte er los. »Ich habe Dir immer gesagt, daß Du manchmal den
Reinemache-Bazillus hast, aber merkwürdig, nicht in Deinem Boudoir. Da
hängen die Seidenfetzen monatelang voll Staub. Laß da mal frische Luft
ein, das ist nötiger!«
Sie wollte in Ohnmacht fallen und schnappte nach Worten, aber er
zeigte keine Spur von Schwäche. »Ueberlaß doch Kornelia alles, wenn
Du Dich über jede Kleinigkeit aufregst! Sie hat Nerven und kommt mit
jedem Menschen aus ... Es wird die höchste Zeit, daß Du Dich irgendwo
gründlich erholst.«
»Wie meinst Du denn das? Adolf, Du hast was Besonderes vor! Ich gehe
nicht allein fort, das kann ich Dir sagen.«
Er hatte schon das »Sanatorium« auf den Lippen, aber er verschluckte
es. »Ich bitte Dich, mach nur mir nicht noch eine Szene,« fuhr er fort.
»Du schaffst Dir Deinen Zustand immer selbst und dann machst Du andere
Menschen auch noch verrückt. Meinetwegen wirf mir wieder Mangel an
Zartgefühl vor! Mit der Zeit bekommt man ein dickes Fell.«
»Du behandelst mich ja, daß ich beinahe einen Scheidungsgrund hätte.«
»Liebe Agathe, laß Dich nicht auslachen ... Morgen früh werde ich mir
einmal den Kandidaten vornehmen.«
Das Wort »vornehmen« machte sie kleinlaut. »Was willst Du denn von
ihm?« forschte sie ängstlich.
Roderich spielte noch mehr den Ueberlegenen. »Er muß fort, morgen
schon,« sagte er mit hochtragischer Miene. »Aber eine große Aussprache
muß erst zwischen uns beiden erfolgen.«
»Aber, Adolf, Du wirst doch keinen Skandal machen. Er ist ein Mann von
großem Zartgefühl. Rede ihm doch lieber gut zu! Walter hat schon den
ganzen Nachmittag geweint. Der Junge wäre ja untröstlich.«
Der Bankdirektor lachte schallend auf. »Schlägt Dir endlich das
Gewissen? Kommt Dir endlich mal zum Bewußtsein, was für Verirrungen man
anrichten kann, wenn man sich selbst nicht in der Gewalt hat ... Laß
Dich nur ruhig scheiden! Ich bin damit einverstanden.«
»Adolf, schäme Dich!«
Er war schon hinaus, hinter der Türe aber vergnügte er sich bei dem
Gedanken, daß ~er~ sich schämen solle.
Da man seinen Zorn kannte, der, einmal geweckt, ohne Grenzen war, so
hatte ihm auch Kornelia diesmal nichts von des Bruders Benehmen gegen
Fanny gesagt, denn auch Rudi hatte sich hinter sie gesteckt mit dem
Versprechen, Fräulein ein paar entschuldigende Worte zu sagen. Das
hatte er denn auch getan und dabei die Phrase von ihrer Schönheit
gebraucht, der selbst ein Mann mit Eskimoherz (er meinte das Eisige
damit) nicht widerstehen könne.
»Es ist schon gut, Herr Roderich,« erwiderte sie. »Hoffentlich ist es
auch so gemeint, wie Sie es sagen.«
Aus ihrer Freundlichkeit glaubte er zu entnehmen, daß sie sich doch ein
wenig geschmeichelt fühlte, und so pfiff er wieder vergnügt vor sich
hin.
Zur rechten Zeit am andern Morgen ließ Kornelia durch den Diener
Fröhlich heraufbitten, bevor er ihrem Vater seinen Besuch abstattete.
Sie legte ihm nahe, er möchte doch ihres Bruders gar nicht Erwähnung
tun, und wies auf Rudis Entschuldigung hin und zugleich auf des Vaters
Absicht, den Kandidaten zum Bleiben zu bewegen.
Es war denn Roderich auch nicht schwer, Fröhlich umzustimmen, der
wohlgefällig mit anhörte, wie man seine außerordentlichen Fähigkeiten
zu schätzen wisse, und da der Bankdirektor auch noch ein übriges tat,
ihm ein vierteljährliches Extrahonorar zusagte und sich verpflichtete,
auch in diesem Sommer während der Reisezeit den Gehalt voll
auszuzahlen, so war die Sache ausgeglichen. Der Zufall wollte es, daß
gerade an diesem Morgen Fröhlich die Nachricht empfangen hatte, daß
seine Bewerbung um eine Lehrerstelle an einem Berliner Gymnasium im
nächsten Jahre aussichtsvoll sein werde, und so betrachtete er diesen
Tag als einen besonders glücklichen, der nicht getrübt werden dürfe.
Er benutzte denn auch die erste Gelegenheit, Fanny davon Mitteilung
zu machen, wonach er dann hinzufügte: »Kommt nichts dazwischen, so
mache ich im nächsten Jahre noch meinen Doktor.« Sein Herz schlug
höher und seine Gedanken richteten sich auf morgen, wo er das größte
Glück erwarten sollte. Und er malte sich die Zukunft weiter aus: sein
bescheidenes Heim, Fanny als sein Weibchen und den Bruder bei sich, dem
er weiter die Lebensstütze sein wollte.
Es war ihm ganz recht, daß sie durchaus nicht bleiben wollte, trotzdem
der Hausherr auch bei ihr vorsichtig die Fühler ausstreckte. Kandidat
Fröhlich sah in allem einen Fingerzeig, der auf den richtigen Weg für
beide weise, denn die Aergernisse wären noch größer geworden, wenn sein
Verhältnis zu ihr die erwartete Wendung genommen hätte.
Auffallend fand es Roderich, daß Kornelia durchaus für
Aufrechterhaltung der Kündigung Fannys war, denn er konnte das mit
ihrer Zuneigung zu Fräulein nicht in Einklang bringen.
»Ich weiß, daß sie festbleibt, also bemühe Dich erst gar nicht!«
sagte sie. »Es ist auch besser so, Mama und sie werden sich nie mehr
vertragen.«
Er wußte nicht, daß sie selbst Fanny bestimmt hatte, ein höfliches
»Nein« zu sagen, aus Gründen, die die beiden Mädchen allein nur kannten.
Am nächsten Mittwoch würde er sicher alles verstehen, wenn drüben im
Zoologischen Garten die größte Ueberraschung für das Haus Roderich sich
offenbaren würde. Endlich hatte sie es soweit gebracht, ihm das Wort
zu einem Nachholen des verschobenen Abends abzunehmen, und wenn ein
Krach in seiner eigenen Bank ausbrechen sollte, was er lachend als eine
Unmöglichkeit gleich der Verbindung mit dem Mars erklärte.
Am Montag, gleich nach seinem Eintreffen, stellte sich der Kandidat
vor seinen Schüler hin und sagte mit einem Ernste, als hätte er einen
Erwachsenen vor sich: »Ich weiß, Du bist immer von aufrichtiger
Gesinnung gegen mich erfüllt gewesen, und so sollst Du der erste in
diesem Hause sein, der etwas recht Freudiges von mir erfährt. Ich habe
mich nämlich gestern heimlich mit Fräulein Frank verlobt, und es steht
zu erwarten, daß die öffentliche Verlobung bald folgen wird ... Du bist
ja noch ein Knabe, aber aufgeweckten Geistes, ich kann wohl sagen, über
Deine Jahre hinaus, und so darf ich hoffen, daß Du diesem Ereignis in
meinem Leben schon genügend Verständnis entgegenbringst.«
»Gewiß, Herr Kandidat. Verloben müssen sich die Menschen immer erst,
ehe sie heiraten.«
»So ist es, so ist es, mein Junge. Und Du gratulierst mir doch, nicht
wahr, von Herzen sogar. Ich sehe es Dir an.«
Bevor sein Schüler noch etwas erwidern konnte, hatte er schon dessen
Hände ergriffen und drückte sie, als hätte er einen Glückwunsch zu
geben und nicht zu empfangen.
»Wissen Sie, Herr Kandidat, das hab' ich schon längst gewußt, daß Sie
Fräulein gern haben,« sagte Walter endlich. »Sie waren ja immer auf
ihrer Seite.«
»Siehst Du, mein Junge, so ist es! Man fühlt sich immer zu den Menschen
hingezogen, die einem mehr sind, als die andern, und Fräulein und Du --
Ihr wart mir stets die Liebsten im Hause. Das heißt, das brauchst Du
nicht etwa Deiner Mama zu sagen, sonst mißversteht sie das. Ich habe
auch vor der übrigen Familie allen Respekt.«
Mit langen Schritten ging er vor dem Unterrichtstisch auf und ab und
ließ dabei die verschlungenen Hände knacken, was er häufig tat, wenn
innere Freude ihn bewegte.
»Ich werde mich hüten, es ihr zu sagen, Herr Kandidat. Ich weiß ja, daß
auch Mama Sie gern hat.«
»Um Himmels willen, mein Junge --! Pst!«
Er sah sich verlegen nach der Tür um, dann aber wurde er sich bewußt,
daß er seinen Schüler vor sich habe. »Das ist ganz etwas anderes,
mein Sohn! Das ist Verehrung, eine gewisse Güte, die mir als Deinem
Lehrer entgegengebracht wird. Ich sage Dir das, weil die Begriffe des
Gernhabens sehr verschieden sind.«
»Das kann ich mir wohl denken, Herr Kandidat, aber von Ihrer Verlobung
sage ich Mama doch nichts, sonst krieg ich's, schon weil sie Fräulein
nicht leiden kann.«
»Nun, sie wird's schon erfahren,« sagte Fröhlich gleichmütig und begann
den Unterricht, aber zerstreut, denn seine Gedanken drehten sich noch
immer um die Herzenssache.
Es hatte sich am vergangenen Tage alles sehr einfach gemacht. Fanny war
mit sich im Reinen, ohne von heißer Liebe für ihn erglüht zu sein.
Vielleicht wäre sie noch schwankend gewesen, wenn sie ihre Stellung
behalten hätte, aber so hatte sie der Ernst des Lebens, der frühzeitig
an sie herangetreten war, um eine herbe Erfahrung bereichert. Sie
dachte an die sitzengebliebene Erna, die sich plagen mußte mit der
sicheren Aussicht auf das Altjungferntum; sie hatte die kranke Mutter
vor Augen und die ganze Zukunft, die ihr als »Mädel ohne Geld« winkte,
wenn sie nicht wie die Aelteste versauern oder irgend einem Manne
folgen wollte, der nicht in die Familie paßte.
Dann wäre das Geschrei der Brüder gekommen, die alles dreimal
durchsiebten und dreimal abwogen, der lieben Standesinteressen wegen.
Als die Frau eines Lehrers würde sie aber noch ganz gut fahren
und namentlich gar als die eines höheren, der obendrein noch die
vortrefflichen Eigenschaften Fröhlichs hatte. Sein männliches Eintreten
für sie am letzten Tage hatte ihr gewaltig gefallen. Zwar sagte ihr
der Spiegel, daß sie hübsch, frisch und jung sei und vielleicht durch
Zufall noch ein anderes Glück genießen könne, aber die Klugheit hatte
sie von diesem Märchengedanken wieder abgebracht. Sie hatte ja aus
Rudis Nachstellungen ersehen, wie die gewissen Herrchen die Schönheit
eines armen Mädchens bewerteten, und da war es wohl besser, versteckten
Gefahren aus dem Wege zu gehen. Gewiß hätten viele sie für dumm
gescholten, wenn sie »nein« gesprochen, und dafür wollte sie nicht
gelten.
So hatte sie herzlich ja gesagt.
Fröhlich fiel es gar nicht ein, ihr Herz zu erschöpfen, er sah nur die
Aufrichtigkeit aus ihren Augen strahlen und hatte warmen Dank für sie.
Er wollte schon am nächsten Sonntag mit Fanny der Mama seinen Besuch
machen und hoffte, dann auch Kurt dort zu sehen, dem er zuvor brieflich
seine ehrlichen Absichten zu erkennen geben wollte. Inzwischen sollte
auch Fanny der Familie Kenntnis von dem Ereignis geben.
Walter merkte bald, daß der Unterricht heute nicht besonders flott
ging. Der Kandidat lauschte auffallend oft dem Klappen der Türen,
steckte öfters den Kopf zum Korridor hinaus und war plötzlich
verschwunden, ohne seinem Schüler Auskunft darüber zu geben, was er
sonst regelmäßig zu tun pflegte.
Man hatte heute Diktat in Deutsch und so hatte Walter das Vergnügen, in
sehr langen Pausen mit der Feder zu spielen, bis er dann einmal sagte:
»Sie freuen sich gewiß, Herr Kandidat, daß Ihre Braut so nahe bei Ihnen
ist.«
»So ist es, so ist es,« erwiderte Fröhlich, rot geworden, und diktierte
nun darauf los, als hätte er fünf verlorene Stunden einzuholen. Aber
sein Standort blieb immer die äußere Tür.
Bald sprach das ganze Haus von der Einigkeit der beiden. Kornelia hatte
es ganz offen ihren Eltern erzählt, und der Bankdirektor war darüber
erfreut, nachdem er seine Verblüffung überwunden hatte. Im allgemeinen
aber berührte ihn die Sache nicht tiefer, denn so etwas kam alle Tage
vor, und es war immer noch Aussicht, den Kandidaten auf längere Zeit
im Hause zu behalten. Es erweckte nur eine gewisse Befriedigung in
ihm, daß seine Frau endlich ihre törichte Tändelei einstellen würde.
»Gratulieren brauchen wir ja noch nicht, ich für mein Teil weiß noch
nichts davon,« sagte er am Abend. »Laß die Leutchen machen, was sie
wollen!«
»Nun ist mir klar, daß sie es darauf angelegt hatte,« warf Agathe ein.
»Du wirst doch nun einsehen, daß ich recht mit meiner Kündigung hatte.«
»Du weißt, ich sehe bei Dir alles ein,« beruhigte er sie.
Rudi pfiff bedeutungsvoll vor sich hin, sonst spielte er den
Gleichgültigen, den solche untergeordneten Dinge nicht interessieren.
Er war überdies den ganzen Tag aus dem Gähnen nicht herausgekommen,
weil das Wannseeer Diner sich noch in Berlin bis zum frühen Morgen
ausgedehnt hatte, und er erst um eine Zeit nach Hause gekommen war,
wo die Bäckerjungen schon lustig durch die Straßen pfiffen. Um aber
doch nicht mit seinem Urteil zurückzuhalten, sagte er gelegentlich
zu seiner Mutter: »Eigentlich hätte Dich Fröhlich erst um Erlaubnis
fragen müssen, ob er sich verloben darf. Rat hätte er sich wenigstens
holen sollen. Das hast Du nun davon, daß Du ihn so ausgezeichnet hast.
Kandidatenundank! ... Was sich solche Menschen überhaupt herausnehmen!
Wer hat nun recht gehabt mit seiner Vermutung? Ich! Die haben schon
längst ihr Techtelmechtel gehabt, verlaß Dich darauf. Kandidat und
Fräulein -- Du lieber Himmel! Auch was Rechtes! Gleiche Begriffe!«
Sie hörte gar nicht darauf, denn ihre Seele war gebrochen und alle
Heiligtümer vernichtet. Sie hatte nur das Bedürfnis, allein zu sein
und einsam darüber nachzudenken, wie man sich in einem Menschen irren
könne, den man stets uneigennützig höheren Zielen zuführen wollte.
Trauer war in ihr Herz gezogen, und so rührte sie keine Note mehr
an und gab ihrer Stimme Ferien, was der Bankdirektor als den ersten
Schritt zur Besserung betrachtete. Da sie aber an die Klänge des
Familienklaviers am Nachmittag gewöhnt war, so mußte Fanny sich
mit Hans an das Instrument setzen, um ihm den ersten Unterricht zu
erteilen. Man hatte bereits früher davon gesprochen, und so entsann
sich die Gnädige noch in der letzten Dienstwoche, daß man für
fünfundvierzig Mark monatlich das Recht habe, alle Talente eines
sogenannten Fräuleins gehörig auszunutzen. Sie wollte noch bis zum
letzten Tage ihre Herrschaft zu erkennen geben, und so machte es ihr
Vergnügen, alle fünf Minuten in das Balkonzimmer zu treten und ihre
Zwischenbemerkungen einzustreuen, trotzdem ihr von dem Geklimper der
Tonleiter der Kopf brummte.
»Ihr wollt heute in den Zo?« sagte Rudi am Mittwoch zu ihr. »Dann
amüsiert Euch nur, ich habe etwas anderes vor. Da drüben ist ja immer
dieselbe Sauce. Immer dieselben Gespenster, die in der Lästerallee
'rumlaufen.«
»Na, wir gehen ja auf die Terrasse,« wandte sie ein.
»Auch nicht besser. Da sitzt die Provinztapete, bunt wie Neu-Ruppin.
Man sollte mal die Tiere freilassen und die ganzen Menschen in die
Käfige sperren, das wäre doch was anderes.«
»Nun hör aber auf! Du wärest ja doch der erste, der Beine machte. Dir
scheint schon alles zuwider zu sein. Mit neunzehn Jahren!«
»Na, manchmal ist das Leben auch wirklich mies. Wir leiden eben beide
am Weltschmerz, Mama. Der Sekt schmeckt mir auch nicht mehr. Die Kinder
von Straßenfegern sind manchmal glücklicher, die haben das alles nicht
kennen gelernt. Ich sehe schon, ich muß mich auch nach 'ner »Braut«
umsehen.«
Pfeifend ging er hinaus, mit dem Gedanken an den Abend beschäftigt, wo
er sicher die »Braut« finden würde, aber die des andern.