Sie zwang sich zur Freundlichkeit. »Hat Neli Ihnen das gesagt?«

»Ich hörte es irgendwo in einer Gesellschaft. Man sprach viel darüber,«

heuchelte er lustig weiter, allerdings innerlich mit einem unangenehmen

Gefühl, aber es ging alles auf das Gewissen Kornelias.

»So,« warf sie ein und streifte ihn mit einem raschen Seitenblick,

denn ihr Mißtrauen arbeitete fortwährend in ihr; aber als sie seine

ungetrübte Miene sah, wurde sie um einen Grad liebenswürdiger.

»Das freut mich zu hören, Herr Leutnant,« fügte sie hinzu. »Die

Gesangskunst ist nun einmal mein Schwarm; na, und da schwärmt man eben

auch häuslich ... Sind Sie auch musikalisch?«

Noch den letzten Brief Fannys im Gedächtnis, hätte er gern seinen

Spott spielen lassen und so hatte er schon die Worte auf den Lippen:

»Ich blase die Suppe bei Tisch,« aber er besann sich noch rechtzeitig,

trotzdem ihm fortwährend etwas anderes in der Kehle würgte, als er

sprach. So tröstete er sich mit dem Gedanken: »Ich blase der gnädigen

Frau den Marsch.« Das konnte auch dadurch geschehen, indem er sie sanft

durch Ritterlichkeit einwickelte und ihr zu erkennen gab, daß die

Franks es immer noch mit den Roderichs aufnehmen konnten. Schließlich

tat er alles des geliebten Mädchens wegen. Er wollte ja Kornelia

heiraten und nicht die Mutter; und der Vater schien ein Mann zu sein,

der in die Welt paßte, und wenn man die eine Hälfte der Eltern für sich

hatte, namentlich die klingende, dann konnte man die andere später

kaltstellen, je nach Bedürfnis.

So setzte er also die »Raubtierzähmung«, die vortrefflich in die

Umgebung des Zoologischen paßte, mit gewinnender Höflichkeit fort.

Eigentlich musikalisch sei er nicht, er habe das immer seinen

Schwestern überlassen, sprach er weiter; aber er sei ein großer

Musikfreund und besuche sehr viel gute Konzerte und namentlich das

Opernhaus. Die Spieloper ziehe ihn ganz besonders an.

Das große Wort war gefallen. Kornelia hatte ihm den ganzen Spielplan

der Mutter mitgeteilt, in dem sie einst geglänzt hatte, im Fürstlichen

Theater zu Gera, in Rudolstadt und in Altenburg, und auf all den andern

kleinen Bühnen, wo die Primadonna noch das Gespräch beim Frühstück

bildet. Frank hatte sich wirklich einen Opernführer zugelegt und eine

Anzahl Textbücher gekauft, und floß nun über von Kenntnis selbst der

vergessensten Opern, die ein Schmierendirektor nicht mehr zugkräftig

finden würde.

Sofort summte sie eine Melodie, und er summte in Gedanken mit, weil ihm

die Sache sehr bekannt vorkam.

»Sie wissen doch, was das ist? Ich habe die Agathe im »Freischütz«

unzählige Male gesungen. Es war meine Lieblingsrolle, die mir Triumphe

brachte, schon deswegen, weil ich ebenso heiße.« Er nickte zustimmend

und fiel begeistert ein: »Natürlich wußte ich es.« Den Freischütz

hatte er zufälligerweise dreimal gehört, und so konnte er hier wirklich

aus Erfahrung sprechen.

Der Bankdirektor und seine Tochter warteten schon auf der Veranda des

Restaurants, aber Frau Roderich schien keine Eile zu haben. Wiederholt

war sie stehengeblieben und erschöpfte ihre Redekunst. Sie vergaß

ganz, wen sie vor sich hatte, und dachte weder an ihren Mann, noch

an Kornelia. Alles, was sich in ihr an Galle aufgespeichert hatte,

war verflogen, und nur die helle Begeisterung für den Augenblick war

übriggeblieben, die wie Funken in der aufgerührten Asche sprühten.

Selbst der Kandidat winkte nur noch wie ein Schatten aus dem

Hintergrunde, denn es war ein Neuer an seine Stelle getreten, der ihr

aufrichtiges Verständnis entgegenbrachte und ihre Kunst mit großem

Ernste behandelte. Wie erschöpfend er zuzuhören verstand, wie klug

er sprach, wie ehrfurchtsvoll er ihre Sehnsucht nach zerstobenem

Bühnenflitter begriff! Und was für ein schmucker Kerl, ein wirklicher

Gentleman voll Grazie und Bewegung, nicht so steif und unbeholfen,

wie der andere mit der Denkermiene in ewigem Schwarz, sondern heiter,

lustig und bunt, wie die Schmetterlinge, die es empfinden, daß die

vollste Blume die größte Anziehungskraft hat.

»Mama scheint sich ja ordentlich festzuhaken an ihn,« sagte der

Bankdirektor, der inzwischen eine kleine Novelle mit wahrem

Hintergrunde von seiner Tochter zu hören bekommen hatte.

»Gefällt mir sehr, Papa,« gab sie zurück. »Sie sprechen von Opern.«

»Woher weißt Du denn das?«

»Na, anders kann's doch nicht sein.«

Roderich sagte nichts, aber er dachte sich sein Teil.

Alle Lebensweisheit eines gereiften Mannes konnte an der Klugheit eines

verliebten Mädchens scheitern! Schade, daß sie nicht als Junge auf die

Welt gekommen war, dann hätte vielleicht ein Diplomat aus ihr werden

können! Aber er wollte auch so mit ihr zufrieden sein.

Man saß gemütlich zusammen hinter dem Blumenständer beim Schein der

roten Tischschirme, unter sich das brandende Menschenmeer, das seine

Kopfwogen mit verstärkter Flut trieb und im Sonnenschein zu liegen

schien. Das elektrische Licht umspielte die äußersten Zweige der

Bäume und ließ die Blätter grasgrün erscheinen, hüllte aber dahinter

alles in tiefen Schatten, so daß es aussah, als wären blendende

Farbenspritzer aufgetragen, die im Zickzack sich aus der Nacht

heraushoben. Hinten im Park sah man durch das Laub hin und wieder weiße

Kugeln auftauchen, die wie winzige Monde in der Luft zu hängen schienen

und einen hellen Lichtkreis um sich schufen.

Und über allem wölbte sich der beinahe schwarze Himmel, an dem die

Sterne nur vereinzelt blinkten. Ein leichter Wind rauschte durch die

Zweige, trieb angenehme Kühle über die Köpfe und brachte den Duft

der Blumenbeete mit. Scharf klang die Militärmusik herauf, aber in

kurzen, merkwürdig abgebrochenen Tönen, als hinderte dieser Berg von

Menschenleibern die Schallwellen daran, sich in Weichheit auszuströmen.

Frank hatte sich sofort etwas zu essen bestellt und einen Schoppen Wein

dazu, um dadurch seine Zurückhaltung an diesem ersten Abend anzudeuten.

Und Roderich machte auch keinen Versuch zu einer erneuten Einladung,

um nicht aufdringlich zu erscheinen. Selbst, als die Familie beim Sekt

angelangt war, blieb er bei diesem Takt, obgleich es ihm etwas schwer

wurde, denn in fideler Stimmung sah er gerne alles »schwimmen«, schon

um der lieben Lustigkeit der andern willen. Aber diesmal mußte er seine

berühmte Gebelaune dämpfen, denn Kornelia hatte ihm schon wiederholt

heimliche Winke mit den Augen gegeben, weil sie klug genug war, jetzt

noch die nötige Schranke zwischen Frank und den Eltern zu wahren.

Alles dies hielt den Bankdirektor jedoch nicht ab, immer aufs neue

mit dem Leutnant anzustoßen und ihm die Versicherung zu geben, daß

er sich sehr freue, seine Bekanntschaft gemacht zu haben. Sobald

er einige Gläser Sekt herunter hatte, verließ ihn seine Ruhe und

er sprach dann etwas viel, wobei sich seine Frau auffallenderweise

schweigsam verhielt. Es war dann, als wäre sie zufrieden damit, daß

ein anderer ihre Familie würdig vertrat, denn gesprochen mußte auf

alle Fälle werden. Heute machte sie den Eindruck, als könnte sie kein

Wässerchen trüben. Um so mehr schleckerte sie von den auserlesenen

Speisen, die Dressels berühmte Küche zeigten. Sie saß an der Brüstung,

Frank gegenüber, und wenn sie aufblickte, gingen ihre Augen auf ihn,

und immer mehr gefiel ihr sein frisches offenes Gesicht. Sein Witz

riß sie hin und sie lachte, daß die Goldplomben sichtbar wurden.

Und schließlich lachten alle und kamen zu der Ueberzeugung, einen

vergnügten Abend zu verleben.

Frank mußte mit seiner Kasse rechnen und genoß den Wein wie eine teure

Medizin; schließlich aber, hingerissen durch die Stimmung und immer

wärmer geworden durch die Nähe Kornelias, die dicht neben ihm saß und

deren Atem ihn selig erzittern machte, bestellte er sich einen neuen

Schoppen von einer besseren Marke. Das erste Glas davon weihte er den

Damen und sah Kornelia dabei so tief in die Augen, daß Wonneschauer sie

durchfluteten und ihr aufs neue zum Bewußtsein kam: »Der oder keiner!«

Familiensklaven · 第 27 / 33 题