F.«

Sie lachte stillvergnügt, als sie den Brief noch einmal überflog, und

steckte die beiden Goldstücke, die sie am andern Tage auf der Post

einwechseln wollte, gleich mit ins Kuvert. Eigentlich hatte sie noch

so manches andere schreiben wollen, aber sie hielt es für besser, es

nicht zu tun. Mit der Enthüllung des »Wunderbaren« zu Hause war es

nichts, denn Rudi hatte ihr unterwegs die Stimmung verdorben. Zu ihrem

Schreck war er plötzlich vor ihr aufgetaucht und nicht von ihrer Seite

gewichen. Es waren die alten Redensarten, die er führte, keck und

zweideutig und zuletzt anmaßend, als sie seinen Wunsch, mit ihm noch

ein Stündchen zusammen zu bleiben, nicht erfüllen wollte.

Sie hatte eine neue Abwehrungsart gefunden, indem sie ihn komisch nahm

und alles mit Lachen beantwortete. Als er aber daraus andere Schlüsse

zog und sich ermuntert fühlte, ihr allen Ernstes zuzumuten, sie könnten

ja nach zehn ausbleiben, denn er habe seinen Hausschlüssel bei sich,

hatte der Scherz für sie ein Ende.

Sie empfand das ganze Widerliche seiner Natur, und so verbat sie sich

jede fernere Begleitung und drohte ihm scherzend mit seinem Vater,

worauf er dann den Rücksichtslosen spielte und ganz offen erklärte, daß

man ihr nicht glauben werde.

Ihre letzte Antwort war, daß sie ihm mit stiller Verachtung den Rücken

kehrte und in die nächste Elektrische stieg. Er lachte hinter ihr

her und warf sich in eine offene Droschke, in dem Glauben, sie werde

ihn noch sehen. Als sie wirklich unvorsichtig durch die Scheiben

zurückblickte, zog er in einem schwungvollen Bogen spöttisch den Hut.

Mit Befriedigung war sie nach Hause zurückgekehrt, denn nun mußte er

ihre Deutlichkeit verstanden haben. Schließlich war er doch wirklich

ein »dummer Junge«, der als solcher behandelt werden mußte.

Am andern Tage hatte er für die Neugierde seiner Mutter eine kleine

Lüge bereit. Es sei ihm gar nicht eingefallen, den Spuren Fräuleins

zu folgen, er habe denn doch »andere« Rendezvous. Er wollte einer

Vernehmung Fannys vorbeugen, und so sprach eine gewisse Entrüstung aus

ihm, die sich zu einer kleinen Anklage gegen Frau Roderich verdichtete.

»Aber, Mama'chen, ich bitte Dich! Solche Chosen traust Du mir doch

nicht zu! Ich verabrede mich doch mit keinem Kindermädchen. Mal im Zo

ein bißchen gescherzt, weil sie mit den Augen klapperte, aber seitdem

sie das schief aufgefaßt hat, ist es anders. ~Sie~ möchte wohl

gern so'n kleines Rendezvouschen, aber Rudi ist zu klug. Ich kann

Dir gar nicht sagen, wer mir alles nachläuft, aber ich habe jetzt an

ernstere Dinge zu denken.«

»Brav von Dir, mein Junge, lerne und strebe! ... Unser armer Kandidat,

er kennt die Frauen so wenig!« Sie seufzte, denn sie bezog das auch

auf sich. »Ich werde kurzen Prozeß machen und sie kündigen, dann

bekommt er sie aus den Augen.«

»Na, Mama, das überlege Dir noch! Sie ist immer noch die beste, die

wir gehabt haben. Und sie läßt sich eigentlich viel von Dir gefallen.

Manchmal ist's auch schwer mit Dir auszukommen.«

»Aber Rudi!« fuhr sie wieder auf. »Ich tu doch keinem Menschen etwas!

Ich bin nur wahr und gerecht.« Sie mäßigte sich aber jäh, denn es fiel

ihr ein, was ihr Walter gestern von dem Kandidaten berichtet hatte, und

wenn sie ihre Tugenden abwog, blieb in dieser Beziehung nicht viel für

sie übrig. Die ganze Nacht hatte sie nicht schlafen können, weil ihr

das Gewissen schlug. Und wenn sie wirklich ganz leiser Schlummer erfaßt

hatte, war sie aufgeschreckt, und dann sah sie immer ihren verwachsenen

Knaben vor sich sitzen, der ihr in diesem Stückchen Familiensumpf wie

eine reine Passionsblume erschien, um die man sich zu wenig bekümmerte.

Nun hatte sie dieselbe Schwächeanwandlung und sagte nachgiebig:

»Eigentlich hast Du recht. Eine bessere bekommt man doch nicht, und

dann gibt's auch immer neue Aufregungen. Der Kandidat wird sich noch

sehr besinnen, er kann ja auch noch gar nicht heiraten, er soll auch

noch recht lange bei uns bleiben, denn Walter lernt tüchtig bei ihm.«

»Na siehst Du!« warf Rudi großartig ein. »Höre nur immer auf mich!

Dieser Rat von mir müßte eigentlich etwas kosten. Aber heute gebrauche

ich noch nichts, Ma'chen. Zum Sonntag aber richte Dich darauf ein,

ja? Wir haben uns nach Wannsee verabredet zu einem Diner im Freien.

Natürlich Sektbowle.«

»Quäl mich nur jetzt nicht damit, es ist ja noch nicht soweit.«

Regelmäßig nutzte er ihre Schwäche aus, und so erschien ihm das

verhaltene Jammern bereits wie eine Zusage. Ueberdies war er froh,

ihr diesen Kündigungsgedanken aus dem Kopf geschlagen zu haben, denn

der Abfall gestern hatte ihn erst recht gereizt, auf krummen Wegen

weiterzugehen und seine Machtstellung als bevorzugter Sohn des Hauses

zu beweisen. Wenn man Rudi hieß, so gab man das Liebespürschen nicht so

leicht auf.

Gleich, nachdem sie empfangsfähig war, hatte sich Fröhlich bei Frau

Roderich gezeigt, um sich nochmals für das Billet zu bedanken. Er hatte

wirklich einen großen Genuß gehabt, trotzdem er sich zuerst auf dem

ersten Rangsitz etwas unbehaglich gefühlt hatte, denn er saß zwischen

zwei tief dekolletierten Damen, deren Anblick ihn stark in Verlegenheit

brachte. Die zur Rechten namentlich prangte in der ganzen Fülle ihres

reifen Alters und strömte überdies ein Parfüm aus, das ihn fortwährend

an Agathes Boudoir erinnerte. Neben dem großen Staat der Damen sah er

nur Uniformen, Fräcke und Smokings. So kam er sich in seinem schwarzen

Rock und der hohen Weste verlassen vor, ungefähr wie ein einzelner

dunkler Punkt auf einer bunten Landkarte. Die dicke Dame schielte ihn

in den Pausen immer seltsam an, als wüßte sie nicht, was sie aus ihm

machen sollte.

Schließlich aber hatte er mit verschränkten Armen nur noch krampfhaft

geradeaus geblickt und sich ganz dem Zauber der unsterblichen Musik

hingegeben.

»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, wenn ich mich nicht lange aufhalte,

ich bin mitten im Extemporale, aber ich wollte nur pflichtschuldigst

berichten, daß der Gast außerordentlichen Beifall fand. Es war ein ganz

ausverkauftes Haus.«

Beiläufig forschte sie, wie ihm die prächtige Ausstattung des letzten

Aktes gefallen habe und wann es aus gewesen sei. Es stimmte alles, und

sie brauchte eigentlich kein Mißtrauen zu hegen, aber seine deutliche

Zurückhaltung verstimmte sie wieder. Das konnte alles auch »Mache« sein

und vom Hörensagen stammen.

»Haben Sie wirklich keinen Augenblick Zeit? Gerade über die

Meistersinger hätte ich gerne ein wenig mit Ihnen geplaudert. Wie war

denn der Beckmesser?«

Sie lockte verschiedenes aus ihm heraus, um ihn aufzuhalten und zum

Platznehmen zu bewegen, aber er wich nicht von der Türe. Auch der

Hinweis, daß sie über Walter verschiedenes zu sagen habe, konnte ihn um

so weniger von dem abgekürzten Verfahren abbringen, als er von seinem

Schüler bereits das Nötige über den gestrigen Abend erfahren hatte.

Aergerlich ließ sie ihn gehen.

Wie bei ihr die eingebildeten Leiden wechselten, so änderte sich

auch unvorhergesehen ihr Tun und Lassen. An jedem Freitag war großes

Reinemachen im Hause, bei dem alles auf den Kopf gestellt wurde. Der

Kandidat floh dann mit seinem Schüler in das Spielzimmer der Kinder,

die er auch an diesem Tage wieder zu beaufsichtigen hatte, denn Strafe

mußte sein, wie Frau Roderich sich sagte. Sie meinte es so gut mit

ihm, und er wurde aufsässig, also mußte die Familiensklavenpeitsche

einmal geschwungen werden. Rudi hatte recht: es gab gewisse Naturen,

die sich nur unter ihrer Wirkung wohlfühlten. Die schlaflose Nacht,

die hinter ihr lag, rächte sich diesmal an allen, und so wurde auch

Fräulein heute zu anderen Dingen gebraucht, wofür als Entschuldigung

diente, daß man das neue Kammermädchen erst in acht Tagen bekomme.

Hinter dem Pferdestall lag ein kleiner Hof, wo die Teppiche und Läufer

ausgeklopft wurden. Kutscher und Diener hatten dieses Geschäft zu

besorgen, wozu auch die Frau des Gärtners, der zugleich Portierdienste

zu verrichten hatte, herangeholt wurde. Es dauerte lange, bis die Berge

von Persern und Smyrnaern überwältigt wurden. Der Bankdirektor rückte

dann frühzeitig von oben aus, nahm den Kaffee unten allein ein und

benutzte an diesem Tage eine Droschke, da sein Kutscher nicht zu haben

war. Da er von seiner Frau als ganz überflüssig beiseite geschoben

wurde, so machte er schleunigst lange Beine.

»Ach, Fräulein, Sie könnten so freundlich sein, und die Vorleger einmal

ordentlich ausstäuben, es fehlen mir heute überall Hände,« sagte sie

mit ihrer ganzen Süßlichkeit, die Fanny schon an ihr kannte.

Damit waren die vielen echten Felle gemeint, die vor den Betten des

Ehepaares und auch als Zierde vor den Sofas und Ruhebetten herumlagen.

Fanny war rot geworden, denn Rudi, der heute über alle Hindernisse

hinwegsprang, war zufällig dazu gekommen und hatte das mit angehört,

natürlich das Glas im Auge, wodurch seine schadenfrohe Miene sich noch

erhöhte. Trotzdem erwiderte sie ruhig: »Schön, gnädige Frau, Emma kann

wohl alles nach oben schaffen?«

»Nach oben? Die Felle können doch nicht auf dem Tisch ausgebürstet

werden, das sollten Sie doch schon wissen, Fräulein. Man klopft sie

unten regelrecht aus, Emma kann sie runterbringen. Der Kutscher

und Emil haben heute viel zu tun.« Sie rief auch schon nach dem

Hausmädchen, als wäre für sie die Sache damit erledigt.

Fanny stand wie starr da, besann sich aber nicht lange. »Das kommt mir

wohl nicht zu, gnädige Frau,« sagte sie mit bebenden Lippen.

»Was kommt Ihnen nicht zu?« schrie Frau Roderich jetzt.

»Das Ausklopfen auf dem Hofe, gnädige Frau. Ich bin doch kein

Dienstbote, gnädige Frau haben mich doch als Fräulein engagiert. Ich tu

doch sonst wahrhaftig meine Schuldigkeit, aber das muß ich ablehnen.«

Emma war schon hinzugekommen und grinste, denn der Hinweis auf die

Dienstboten hatte ihre Teilnahme für die Herrin erweckt. Frau Roderich

suchte nach Worten, denn auf diesen Widerstand war sie nicht gefaßt.

Dann aber zeigte sie ihre Kampfesmiene. »Gegen so ein bißchen Arbeit

sträuben Sie sich? Es kann doch mal eine Ausnahme stattfinden! Es sieht

Sie ja auch niemand.«

»Doch, gnädige Frau, der Kutscher und der Diener. Und ich möchte nicht

gern, daß ich diesen gleichgestellt würde, schon, damit mir die Achtung

der Kinder nicht geraubt werde.«

»Arbeit schändet nicht,« fauchte Frau Roderich, die beiden Arme gegen

die Hüften gestemmt.

»O, das weiß ich, gnädige Frau. Ich habe schon viel in diesem Hause

gearbeitet und mich allen Ihren Wünschen schon gefügt, aber meine

Selbstwürde werde ich mir stets bewahren.«

»Das hätten Sie auch manchmal in andern Dingen tun sollen.«

»Gnädige Frau, ich verbitte mir diese Verdächtigung, obendrein noch vor

Zeugen!«

Das Hausmädchen grinste noch mehr und zeigte keine Miene, die Hände zu

rühren, bevor dieser interessante Zwischenfall nicht erledigt wäre.

Rudi sah Schlimmes kommen und hielt es für besser, aus der Entfernung

zuzuhören. Man stand im hinteren Korridor und fast alle Türen waren

offen, so daß der angenehme Luftzug von allen Seiten wehte. Die Köchin

wurde hin und wieder sichtbar und nickte, wenn niemand es sah, dem

Hausmädchen verständnisvoll zu.

Frau Roderich hatte ihre guten Vorsätze vom Morgen vergessen. Noch

niemals hatte sie sich in ihrer Herrscherinmacht so verletzt gefühlt,

als jetzt, wo sie öffentlich ihre Hausrechte zu verteidigen hatte.

Sie lechzte förmlich nach Genugtuung. Und als jetzt die Stimmen der

Kinder vernehmbar wurden, glaubte sie als sicher anzunehmen, daß sich

auch eine gewisse Tür geöffnet habe, hinter der ein gewisser Jemand

unstreitig aufmerksam geworden war.

»Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie sich gar nichts zu verbitten

haben,« sagte sie heftig. Und plötzlich, als wieder eine Gegenrede

erfolgt war, stürzte sie ihren Entschluß vom Morgen um. »Ich kündige

Ihnen hiermit Ihre Stellung. Sie können schon zum fünfzehnten gehen,

aber ich werde Ihnen den Monat ganz bezahlen.«

Rudi streckte wie erschreckt die Arme aus.

»Ich muß diese Großmut dankend ablehnen, gnädige Frau. Sie sind mir auf

halbem Wege entgegen gekommen, denn ich hatte schon selbst den Wunsch,

Ihr Haus zu verlassen. Gestern bin ich von Ihrem Herrn Sohn auf der

Straße belästigt worden, so daß ich flüchten mußte, und heute werde ich

von Ihnen einer ähnlichen Behandlung ausgesetzt -- das macht mir das

Gehen leicht.«

Das Hausmädchen tat plötzlich sehr geschäftig und ging in eines der

Zimmer, um dort weiter zu horchen. Hinter der Tür links mußte der

Unterricht ganz stocken, denn die Kinder, die von Fröhlich ruhig

gehalten worden waren, lärmten unter ihrem Spielzeug. Frau Roderich sah

und hörte nichts mehr nach diesem Ueberfall.

»Rudi, hörst Du? Was sagst Du?«

Er wollte sich gerade zurückziehen, sie sah aber noch seinen Kopf, und

so mußte er wieder ganz sichtbar werden. Langsam kam er heran, mit der

Miene des völlig Erstaunten, und achselzuckend näselte er: »Reagiere

doch gar nicht mehr darauf, Mama! Du siehst doch selbst, wie Deine gute

Absicht belohnt wird. Ich habe Dir doch schon heute früh gesagt, daß

ich Fräulein gestern abend begegnet bin und nur gefragt habe, wohin sie

will.«

In seiner Miene las sie den heimlichen Wink, ihm zuzustimmen, und so

fiel sie ein: »Natürlich hast Du mir das gesagt, das ist doch keine

Belästigung.«

»Ich habe es als solche empfunden, gnädige Frau, nachdem Ihr Herr Sohn

die Zumutung an mich stellte, mit ihm in ein Restaurant zu gehen.«

»Na, was ist denn da weiter? Dann hätte er Sie doch sehr geehrt. Sie

sind doch keine Hoheit.«

»Aber ein anständiges Mädchen, gnädige Frau, das sich den Herrn

ansieht, der seinen unschönen Charakter zeigt. Alles übrige behalte ich

für mich.«

»Ach, Ihre Phantasie geht mit Ihnen durch,« schnarrte Rudi jetzt

rücksichtslos, »und daraus entstehen dann fromme Wünsche.«

»Dann muß ich sagen, daß Sie unwahrhaftig sind,« preßte Fanny hervor.

»Immer nach Ihnen, mein Fräulein.«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zum Kinderzimmer und der

Kandidat trat heraus und mischte sich in die Unterhaltung. »Verzeihen

Sie, Frau Bankdirektor, wenn ich es wage --,« begann er erregt.

»Aber es wurde so laut gesprochen, daß man auch durch die Türe alles

hören konnte, und da fühle ich mich verpflichtet, Fräulein Frank

vor unverdienten Kränkungen zu bewahren, um so mehr, da sie völlig

schutzlos ist. Ihrem Herrn Sohn gegenüber muß ich bemerken, daß

die Unwahrheit jedenfalls nur auf seiner Seite zu suchen ist, denn

ich hatte Gelegenheit, Zeuge einer ähnlichen Belästigung drüben im

Zoologischen Garten zu sein.«

Mit einer seiner üblichen Handbewegungen fuhr er Rudi in die Gegenrede.

»Ich weiß schon, was Sie sagen wollen, ersparen Sie sich alles! Neue

Beleidigungen von Ihnen werden mich durchaus nicht tangieren, weil ich

ihnen einen zu geringen Wert beimesse. Ich müßte sie also schweigend

über mich ergehen lassen. Ich habe Ihnen das bereits einmal bewiesen

und möchte Sie nicht aufs neue in die Verlegenheit bringen, vor Ihrem

Herrn Papa zu revozieren ...«

Seine Lippen zitterten, als er sich Fanny zuwandte: »Und wenn auch Ihre

augenblickliche Lage dadurch nicht gebessert werden sollte, mein wertes

Fräulein -- es war mir doch Herzensbedürfnis, in Ihrer Gegenwart hier

mit meiner Meinung nicht zurückzuhalten.« Sein Rock stand auf, und so

knöpfte er ihn zu, weil in der Erregung seine Hände immer Beschäftigung

haben mußten; dann sprach er zu der Hausherrin: »Ich habe die Absicht,

Ihren Herrn Gemahl morgen um Entlassung aus meiner Stellung zu bitten,

und so ist mir das alles sehr leicht geworden. Aber ich hätte auch

unbedingt meinen Standpunkt vertreten, selbst wenn ich nicht zu diesem

Entschlusse gekommen wäre. Gnädige Frau werden wohl wissen, daß ich

niemals mit meiner Offenheit zurückgehalten habe. Es deckt sich nicht

mit meiner Ueberzeugung von Recht und Anstand, gebildete Menschen in

einem sogenannten gebildeten Hause wie wehrlose Sklaven erniedrigt und

beleidigt zu sehen, um in einem anderen Sinne Ihres Herrn Sohnes zu

reden. Die wahre Bildung verpflichtet zur Gesittung, und wenn diese

Anschauung nicht oben begriffen wird, dann muß sie eben unten geübt

werden. Ich bitte nochmals um Verzeihung.«

Er verbeugte sich kurz und höflich und ging mit seinen gewohnten

erhabenen Schritten wieder dem Schulzimmer zu, wo er die Tür hinter

sich schloß.

Auch Fanny verschwand in ihrer Stube, um den neuen Schreck zu

überwinden.

»Was hat er alles geschwafelt?« sagte Rudi, auffallend blaß geworden.

»Hast Du gehört? Ein ›sogenanntes gebildetes Haus‹ meinte er.«

Kornelia war durch den Lärm herbeigelockt worden und stand wie

sprachlos da. »Aber nur die eine Hälfte im Hause meinte er,« warf

sie ein. »Mama, was hast Du wieder angerichtet! Es ist ja geradezu

empörend, wie Du Fräulein behandelt hast. Was wird Papa wieder dazu

sagen?«

»Ach, schweig still und behalte Deine Weisheit für Dich ... Deine

Parteinahme verstehe ich schon, Du wirst uns den Brei erst recht

einrühren.«

Sie ließ sie stehen und rauschte davon, denn der Aerger wühlte in ihr,

etwas herbeigeführt zu haben, was sie nicht beabsichtigt hatte. Im

Balkonzimmer, außer Hörweite der Dienstboten, nahm sie sich Rudi vor.

»Alle Schuld trifft Dich allein,« zeterte sie ihn an. »Es wird Zeit,

daß Du aus dem Hause kommst, sonst sehe ich das Ende nicht ab.«

»Na, wenn alles geht, kann ich ja auch gehen,« sagte er träge und hielt

es für das Beste, gleich den Anfang damit zu machen, indem er Hut und

Stock nahm und bummeln ging. Die verschobenen Möbel standen ihm schon

längst im Wege.

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