Frau Agathes Qualen waren noch nicht zu Ende. Soeben war Fanny bei ihr
gewesen, um sie zu bitten, ihr bis dreiviertel Zehn Urlaub zu geben.
Sie wollte, wie ihr befohlen, zum Schuhmacher gehen und zugleich ihrer
Mutter einen Besuch abstatten, die in derselben Gegend wohnte. So
brauchte sie nicht erst zu schreiben und konnte von dem »Wunderbaren«
selbst erzählen.
Die Witwe des Hauptmanns Frank war schwächlich und kränklich, und so
ging Fanny allwöchentlich einmal zu ihr, woran man sich im Hause des
Bankdirektors schon gewöhnt hatte. In voriger Woche war der Besuchstag
ausgefallen, und so mußte Frau Roderich einwilligen, so schwer es ihr
auch an diesem Abend wurde.
Es war nach acht, auch das Familienabendbrot war vorüber, und so hatte
sie wieder Emma zu sich bestellt, damit sie die Kinder ins Bett
bringe und bis zu Fräuleins Rückkehr bei ihnen bleibe. Aber schon nach
zehn Minuten fuhr sie wieder empor. Ein schrecklicher Verdacht war in
ihr aufgetaucht, und so brachte sie wieder mit großem Geräusch die
Klingel in Bewegung, was den Dienstboten diesmal durch Mark und Bein
ging. Sicher war Fräuleins Gang nach Hause heute nur eine Ausrede; sie
traf sich gewiß mit Fröhlich, der sich vielleicht nur einen Akt im
Opernhause ansah oder am Ende das Billet gar nicht benutzte!
Diese Einbildung wurde zu einer Wahnvorstellung, die mitten in ihre
Verdauung hineinfuhr und ihr aufs neue die Ruhe nahm, die schon wohlig
über sie kommen wollte.
»Ist Fräulein schon fort?«
»Jawohl, gnädige Frau.«
»Was hat sie denn angehabt?«
»Ihr neues Kostüm und die blaue Bluse dazu.«
»Das braucht sie doch nicht bis zum Schuster anzuziehen!« Sie ließ das
Haupt mit der arg mitgenommenen Frisur wieder zurücksinken, denn nun
erschien ihr alles »richtig«.
»Der junge Här ist auch schon fort,« fügte Emma hinzu, ohne sich etwas
Besonderes dabei zu denken. »Er hat noch Krach mit Emil gemacht, denn
es sollte etwas recht eilig gehen und es ging nicht. Der junge Här war
wütend.«
»Was? Rudi ist gleich hinterher gegangen? Es ist gut!« Ein Seufzer der
Erleichterung folgte, denn ihre Gedanken nahmen eine andere Richtung.
Am liebsten hätte sie ihr Wohlgefallen darüber zu dem Mädchen geäußert,
aber sie bezwang sich noch in letzter Minute. Ach, sie hatte in
diesen Minuten keine liebende Seele, der sie ihre Empfindungen hätte
anvertrauen können! Aber ihr Haß gegen die Freundin ihrer Kinder ging
im Augenblick soweit, daß sie ihrem Sohne einen Triumph, wenn auch
einen unmoralischen, gegönnt hätte, um ihre Rachsucht zu befriedigen.
Und sofort bemakelte sie Fanny wieder mit etwas Häßlichem: sie könnte
doch eine leichte Person sein und Rudi eine Zusammenkunft gegeben
haben. Und wenn er auch ohne ihr Wissen hinter ihr her sein sollte, so
war er ihr wenigstens auf den Fersen und würde seiner geliebten Mutter
am andern Tage berichten, wohin Fräulein seine Schritte gelenkt habe.
Kornelia kam nicht, trotzdem es schon über neun hinaus war. Neues
Stöhnen entrang sich Agathes Brust, und sie kam sich wie eine
verstoßene Mutter vor, die nur Undank von ihren Kindern erntet. Gewiß
flirtete die Aelteste im Zoologischen Garten und hatte keinen Gedanken
an die gequälte Seele hier.
Das Haus erschien der Frau Bankdirektor wie ausgestorben, und um
wenigstens nicht in all dem Luxus lebendig begraben zu sein, drehte
sie das Licht der elektrischen Ständerlampe auf und ließ sich Walter
kommen, der ihr aus seinem deutschen Lesebuche einfältige Geschichten
vortragen mußte, was er mit hübscher Betonung tat.
Als sie den schiefen Jungen so sitzen sah, wie er sich bemühte, ihr mit
seiner dünnen Stimme die Zeit zu vertreiben, packte sie das alte Weh,
das sie immer bei dem Gedanken empfand, ihn so zur Welt gebracht zu
haben. Was für schöne, kluge Augen er hatte in seinem zarten Gesicht,
das die durchsichtige Blässe all dieser körperlich Verunzierten zeigte.
Er mußte mit dem Lesen aufhören und sich dicht zu ihr setzen. Und als
sie seine schmale Hand mit den langen Fingern in ihren fetten Händen
hielt, kam sie zu ihm auf Fröhlich zu sprechen.
»Hast Du denn den Kandidaten lieb?« fragte sie. »Er ist doch immer sehr
streng.«
»Das ist er, Mama, aber immer gerecht. Er lehrt mich stets die Wahrheit
sprechen, und darum kann ich nicht lügen, auch wenn er manchmal gar
nicht nachsichtig ist. Er ist ein edler Mensch. Fast jeden Tag erinnert
er mich an Dinge, die ich niemals vergessen soll, auch im späteren
Leben nicht.«
Sie zeigte eifrige Neugier. »So hat er heute auch wieder etwas zum
besten gegeben?«
Walter nickte vergnügt. »Gleich, als er heute bei Dir war, kam er und
sagte zu mir: ›Du mußt nie Gleiches mit Gleichem vergelten, auch wenn
man Dir noch so wehe getan hat! Vor allem mußt Du Deine Eltern lieben
und achten, und wenn Du schon ein alter Mann geworden bist und sie sind
Greise, auch wenn Du Uebles von ihnen erfährst.‹ Und dann fügte er noch
hinzu, man solle sich nie über die Fehler anderer Menschen aufhalten,
sondern immer an seine eigenen denken. Es gehörte gar nicht zum Thema,
aber er sagte es doch. So tut er es immer.«
»Dann handle nur stets danach!«
In einem Gemisch von Gefühlen, die sie sich selbst nicht erklären
konnte, weil ihr die Gemütsklarheit fehlte, entrang sich doch
ihrer Seele die Sehnsucht nach einer befreienden Tat. Sie zog den
Verwachsenen an sich und küßte ihn zärtlich, um darunter die Scham
einer Mutter zu verbergen.
Eine Stunde später, als alles schon still im Hause war und die Kinder
fest schliefen, saß Fanny an ihrem Tisch und schrieb:
»Donnerstag abend, 10 Uhr.
Lieber Bruder Kurt!
Ich hatte einen Gang zu machen und war zu Hause mit heran. Jetzt
habe ich Zeit und Ruhe, an Dich zu schreiben. Mama fühlte sich
heute ganz besonders schwach, denn sie hatte wieder einen starken
Hustenanfall, der, wie Du weißt, ihre Kräfte stets mitnimmt. Heute
vormittag war der Arzt da und sagte, sie müßte entschieden in diesem
Sommer irgendwohin zur Erholung. Erna wollte mit Dir am nächsten
Sonntag darüber sprechen. Die Gute hat viel Plage mit Mama, und ich
bewundere sie, wie sie das immer noch alles fertig bekommt, trotz der
vielen Stunden, die sie gibt. Gestern hat sie wieder zwei aus dem
Hause bekommen, natürlich billig. Anders wollen's ja die Herrschaften
nicht. Wenigstens haben sie jetzt ein fleißiges Dienstmädchen, ein
junges Ding, aber Erna kann sich doch darauf verlassen, wenn sie mal
nicht zu Hause ist. Schwesterlein meinte, sie sei schon ganz taub von
dem vielen Klavierpauken. Otto und Egon haben heute aus Lichterfelde
geschrieben und wieder gejammert, daß ihr Taschengeld alle sei. Wo
die das nur alles lassen? Ich glaube, sie legen zuviel in Schlagsahne
an. Und Erna, das gutmütige Schaf, schickt immer darauf los. Gestern
war es wieder ein Fünfmarkschein im Brief. Es sind doch noch kleine
Jungen, trotzdem sie schon Seiner Majestät Uniform tragen. Egon will
sich Sonntag Urlaub nehmen, und Erna bereitet sich schon auf sein
Leibgericht vor: gekochte Kirschen mit Klößen. Davon ißt er ja immer
drei Teller. Wenn ich's nur einmal möglich machen könnte, so einem
Sonntagsfest beizuwohnen. Aber ich habe immer nur Wochentags Zeit.
Sonntags haben wir fast immer Gäste, weil der Bankdirektor dann mehr
Zeit hat, und so behauptet seine Frau immer, ich sei unabkömmlich.
Ueberhaupt die Gnädige! An die muß der liebe Gott in einer sehr
schlechten Laune gedacht haben, denn sie besteht überhaupt nur
daraus. Irgend eine Schraube muß manchmal los sein, es können
auch zwei sein. Dann piesackt sie das ganze Haus und möchte am
liebsten hoch gehen wie ein Luftballon. Aber sie bleibt immer unten.
Leider! Sonst ist sie eigentlich eine ganz gebildete Frau, denn
sie hat zweiundzwanzig Morgenröcke (natürlich Seide), ebensoviel
Blusen (natürlich Seide), zwei Dutzend Diner- und Balltoiletten
(natürlich Seide, Sammet und Atlas), ebensoviel Hüte, Abendmäntel und
Kopfschals. Und was sonst noch ihren Konfektionsreichtum betrifft, so
könnte ein kleiner Geschäftsmann sich damit etablieren, und aus ihren
Brillanten könnte ein Juwelier ein Schaufenster zusammenstellen. Aber
trotzdem beneide ich sie nicht, denn sie ist eine kranke Dame, die
den Wert des Lebens nicht zu schätzen versteht. Sie hat den ganzen
Tag über nichts zu tun, das ist ihr Unglück. Und dann hat sie einen
viel zu guten Mann.
Kornelia jedoch ist ein Engel, mit dem ich mich auch später gut
vertragen würde. (Merkst Du was?) Sage mal, weshalb warst Du denn
vorigen Sonntag bei unserem Kandidaten? (Merkst Du was?) Er wollte
aber nicht heraus mit der Sprache; er ist ein sehr guter, lieber
Mensch von feiner Empfindung und ehrlicher Gesinnung. (Hierbei
brauchst Du aber nichts zu merken.)
Ich weiß nicht, wie weit Du schon mit Fräulein Roderich bist, denn
sie schweigt sich aus. Aber da sie sich verstockt gegen mich zeigt,
nehme ich das Beste an; denn alle Verliebten sind verstockt. Von
mir wirst Du das nicht behaupten können, denn ich bin eigentlich zu
aufrichtig gegen Dich. Sei es also ebenso und schreibe mir, wie,
wo und wann? Was Kornelia anbetrifft! Sei nicht so stolz zu Deinem
Schwesterchen. Schließlich bin ich auch noch ein ›Fräulein‹, das man
respektieren muß. Ich traue Dir schon eine reiche Eroberung zu, denn
Du weißt ja, wir nannten Dich immer ›Sturm-Kurt‹. Na, und General
wirst Du sicher mal, natürlich kommandierender. Halt' Dich nur immer
an den Schwiegerpapa in spe, denn der hat's Wort und's Portemonnaie.
Und für seine Kornelia tut er alles. Zu weiteren Auskünften gern
bereit, grüßt Dich herzlich
Dein Nuckerchen.
=P. S.=
Eh' ich's vergesse -- Erna sagte mir, daß Du letzten Sonntag
abend zu Hause sehr schweigsam gewesen seist. Ich kann mir schon
denken, warum. Ich habe noch meine fünfundvierzig Mark liegen vom
letzten ersten, und schicke Dir vierzig davon, gleich im Brief.
Vielleicht brauchst Du bald wieder ein paar Blumenräder. Und nun sei
vernünftig und brumme nicht! Ich kann das Geld wirklich entbehren,
denn ich gebrauche diesen Monat nichts. Später gibst Du's mir mit
Zinsen wieder! Mama braucht nichts davon zu wissen, denn sie mäkelt
sowieso schon über Deinen Zuschuß, der doch für die Katz ist.
Reisedispositionen sind bei uns noch gar nicht getroffen, also sei
beruhigt. Vor Juli wird's sicher nichts, denn der Bankdirektor kann
nicht abkommen. Wenn ich etwas zu sagen hätte, wäre ich für die
Nordsee. Aber auf vernünftige Menschen hört man ja nicht.