XVI.

Wenn Sklaven sich auflehnten, so trotzten sie auch den Befehlen der

Herrschaft, und so machte Kandidat Fröhlich sofort davon Gebrauch,

indem er mit einem kühnen Entschlusse das Kuvert aufriß.

In dem Zettelausschnitt neben dem Billet steckte ein funkelnagelneuer

Zwanzigmarkschein, fast noch feucht von der Presse der Druckerei.

Fröhlich glaubte zuerst, eine jener Blüten vor sich zu haben, mit denen

man sich einen Scherz erlaubt, dann aber kam ihm zum Bewußtsein, was

diese wertvolle Beilage zu bedeuten habe. Frau Roderich hatte nicht

umsonst auf seine Umstände und Auslagen hingedeutet. Er fühlte die

brennende Röte des gebildeten unverdorbenen Mannes, dem plötzlich

unheilvolle Ahnung die Lebenserfahrung ersetzt. Das konnte nicht mehr

Großmut sein, das war Käuflichkeit der Gesinnung. Er sah sich beleidigt

und erniedrigt, tief gedemütigt, zu einem Intriganten herabgezwungen,

dessen geheimes Spiel man sich sichern wollte.

Keinen Augenblick war er im Zweifel, was er zu tun habe, denn plötzlich

kam er sich gewachsen vor und sehend wie ein Blinder, der bisher im

Dunkeln getappt hatte.

Er kehrte zu ihr zurück und ließ sich durch Emma anmelden, die dabei

war, Zofendienste zu verrichten.

»Gnädige Frau werden verzeihen, daß ich so verwegen war, gleich meine

Neugier zu befriedigen,« begann er höflich, als er ihr endlich allein

gegenüberstand. »Frau Direktor haben sich in der Eile vergriffen und

eine Banknote mit eingepackt. Hier ist sie wieder.«

Er hatte etwas warten müssen, denn die Friseuse war gerade

eingetroffen, und so kam die Gewaltige vom Ankleideraum erst

herübergerauscht. Mit kühn gewellter Haartour, die vorne hoch

gelockert, schon für den Abend bestimmt war, erschien sie größer und

majestätischer. Der rosa Frisiermantel, in dem sie noch steckte,

umflatterte sie wie ein Domino, und so war sie auch in diesem

Augenblick ganz Theater, mit einem Stich ins Maskenhafte. Und diese

Maske bewahrte sie mit bewundernswerter Beherrschung, denn sofort

heuchelte sie die Ueberraschte.

»Was, der Zwanzigmarkschein? Wo ist er? Ich suche ihn schon wie eine

Stecknadel, ich hatte ihn vorhin auf den Schreibtisch gelegt, und dann

war er weg. Nein, wie man sich so versehen kann!«

Sie schrie es mehr, als sie es sagte, denn unbändig schäumte die Wut

in ihr. Dann lachte sie breit auf; es sollte heiter klingen, aber ihr

Grollen gurgelte sich damit hervor.

»Jedenfalls danke ich Ihnen sehr, Herr Kandidat. Schließlich wäre ich

bei Ihnen noch in den Verdacht gekommen, das Garderobengeld für Sie

auszulegen.« Ein zweites gurgelndes Lachen folgte, dann nickte sie ihm

wohlwollend wie eine Königin zu und ließ ihn gehen.

Kaum aber war sie allein, so biß sie in das feine Gewebe des

Spitzentuches, mit dem sie das heiße Antlitz getupft hatte. Wie eine

geneckte Tigerin ging sie in ihrem Schmollzimmer auf und ab, ohne

den Ausweg auf den Feind zu sehen. Dann warf sie sich mit Wucht auf

das Ruhebett, drückte das Gesicht rücksichtslos in das geschmeidige

Seidenkissen und suchte nach Tränen. Sie wußte, daß diese Komödie ihr

nicht gelungen war, und so hätte sie schamvoll weinen mögen, sie, die

geachtete Frau und Mutter großer Kinder. Und plötzlich gebärdete sie

sich wie eine Eingekerkerte, die allein mit ihrem Schmerze ist. Sie

rang die Hände mit dem Seidentuch und rief schluchzend ins Zimmer: »Ich

habe es doch nur gut gemeint, er ist ein so armer Mensch, ich wollte

ihm eine Freude bereiten. Und er war vielleicht so dumm, etwas anderes

zu glauben.«

Dann erhob sie sich wieder mit einem Ruck, und ging aufs neue durchs

Zimmer. Alles das wäre vielleicht nicht gekommen, wenn er das Kuvert

erst am Abend geöffnet und wenn ihn Berlin mit seinem Gebrause umtobt

hätte. Dann würde er weiser überlegt haben, hätte nur ihre Güte darin

gesehen und wäre zu einem ganz anderen Entschlusse gekommen. Die Musik

Wagners hätte ihn umwogt, die weihevolle Kunststimmung ihn auf reinere

Gedanken gebracht, und dann würde sie für ihre Aufmerksamkeit am andern

Tage den Dank empfangen haben. Weshalb hätte er sich nicht auch einmal

einen vergnügten Abend in Berlin machen sollen? Denn so hatte sie sich

alles ausgemalt.

Ein böser Gedanke schreckte sie wieder aus dieser geknickten Stimmung.

Sicher war Fröhlich von anderer Seite darauf gebracht worden, das

Kuvert vorzeitig zu öffnen. Konnte Fräulein ihm nicht den Rat erteilt

haben, sich nicht bis zum Abend mit Geheimnissen zu plagen? Agathe

hatte ja vorhin ihre Stimme gehört. Ja, so mußte es sein.

Während Frau Roderich wieder auf und ab raste, wuchs ihre Einbildung

bis ins Uferlose, und nichts Weiches mehr beherrschte ihr Gemüt,

sondern nur der Wunsch zehrte an ihr, sich mit all der Lieblichkeit

austoben zu können, die man im ganzen Hause bereits kannte und die ihr

vorübergehend Ruhe gab.

Es ging auf die Mittagszeit, und Fanny war wirklich mit den Kindern

wieder in ihrem Zimmer, ohne daß aber der Kandidat davon wußte. Als er

es dann aber erfuhr, nachdem er von Frau Roderich zurückgekehrt war,

konnte er die Sehnsucht nach dem geliebten Mädchen nicht unterdrücken.

Er klopfte und bat sie auf einige Minuten in das Spielzimmer.

Solange sie im Hause war, hatte sie sich bemüht, dem Jungen die

Anfangsgründe im Lesen und Schreiben beizubringen und ihn sowohl,

wie das Schwesterchen durch das Ausschneiden und Zusammenkleben von

Modellierbogen zu erfreuen. Rasch schrieb sie dem Jungen etwas auf die

Tafel, gab Trudchen einige bunte Sächelchen und folgte dem Kandidaten.

»Am vorigen Sonntag war Ihr Herr Bruder bei mir,« begann er wichtig,

»und ich kann wohl sagen, wir haben sehr rasch Bekanntschaft

miteinander gemacht. Ich will hinzufügen, aus gewissen Gründen, die

Sie bestimmt von Fräulein Kornelia erfahren dürften. Ich wollte erst

darüber schweigen, aber es drängt mich, es drängt mich wirklich, Ihnen

zu sagen --. Mein liebes Fräulein, wenn Sie wüßten! --«

Bewegt brach er ab, weil er nicht den Mut fand, weiter zu sprechen.

Starr hatte sie ihn angeblickt, denn alles kam ihr unerwartet. »Mein

Bruder Kurt bei Ihnen?« preßte sie endlich hervor.

Das gab ihm den Fluß der Sprache. »Ich habe nicht Zeit dazu, viel

darüber zu sprechen, aber nächsten Sonntag vormittag werden Sie mich

drüben treffen, und dann will ich Ihnen alles sagen. Mein bestes

Fräulein, wir sind umringt von Feinden, und zwar von den schlimmsten,

die es gibt; denn wer uns Brot gibt und haßt uns dennoch, der ist der

wahre Teufel im Fell des Lammes.«

Er ergriff ihre Hände, und staunend ließ sie es geschehen, denn es war

ihr, als würden ihr Offenbarungen verkündet. Mit zitternden Lippen

sprach er weiter. »Hier in diesem Zimmer habe ich die Kindesphantasie

belauscht, und hier will ich auch zu einem großen Kinde sprechen, das

mich jetzt so sonderbar fragend ansieht. Sie sollen wissen, was ich

am nächsten Sonntag von Ihnen erwarte, und so sage ich ganz offen zu

Ihnen: Fräulein Fanny, ich habe Sie schon lange liebgewonnen, und ich

liebe Sie von ganzem Herzen. Und wenn Sie mich auslachen, es ist so.

Und ich sage, wie unser großer Reformator: ›Hier stehe ich, ich kann

nicht anders!‹ Am nächsten Sonntag will ich mir die Antwort von Ihnen

holen, ob Sie meine Braut sein wollen, wenn auch vorerst noch heimlich,

aber doch vor Gott und meinem Gewissen. Und sagen Sie nein, so werde

ich es Ihnen sicher nicht übelnehmen. Meine Verehrung bleibt dieselbe.«

Sie lachte nicht, aber wie versteinert stand sie da und fand keine

Abwehr, als er ihren Kopf zwischen seine Hände nahm und zwei Küsse auf

Haar und Stirn drückte. Und so verharrte sie noch, als er fast lautlos

hinausgegangen war. Es war ihr alles so feierlich gewesen, so ernst

und heilig, wie sie sich niemals die Erklärung einer Liebe gedacht

hatte.

Zum ersten Male war sie von einem fremden Manne geküßt worden, und noch

glaubte sie den heißen Druck der Lippen auf der Stirn zu spüren. Was

war das nur alles? Was für ein geheimnisvolles Weben umgab sie, daß sie

sich wie entrückt der Welt vorkam?

Aber schon in der nächsten Minute wurde sie rauh in die Wirklichkeit

zurückgeführt. Die Hausherrin riß die Tür auf und keifte sofort los:

»Wo stecken Sie denn? Wie können Sie denn die Kinder allein lassen?

Hans hätte beinahe ein Stück Griffel verschluckt! Träumen Sie denn!«

»Jawohl, gnädige Frau, ich habe geträumt,« sagte sie ruhig und schritt

langsam und ernst der Türe zu.

»Aber, ich bitte Sie, dazu haben Sie ja nachts Zeit. Wollen Sie jetzt

die Liebenswürdigkeit haben und dem Jungen mal die Flecke aus seinem

Alltagsanzug machen. Die Kinder werde ich nach vorn nehmen. Waschen Sie

sich dann aber die Hände gründlich, damit Sie beim Essen nicht nach

Benzin riechen.«

»Jawohl, gnädige Frau, das soll alles besorgt werden.«

»Nach Tisch möchte ich Sie dann zu mir bitten, ich habe noch eine

andere Arbeit für Sie.«

»Jawohl, gnädige Frau, ich werde kommen.«

»Ich möchte Sie dann auch bitten, heute einmal gegen Abend zum

Schuhmacher mit heranzugehen und die Schuhe für Trudchen zu holen. Er

schickt sie gar nicht.«

»Es soll geschehen, gnädige Frau.«

Alles das waren Beschäftigungen, die eigentlich dem Hausmädchen und

dem Diener zukamen, aber es behagte Frau Roderich, ihr Fräulein damit

zu belasten. Zwar hatte sie beim Antritt Fannys ausdrücklich darauf

hingewiesen, daß sie sich nur mit den Kindern zu beschäftigen haben

werde, aber so etwas geriet ja leicht in Vergessenheit. Ueberdies gab

es Haushaltungen, in denen die Fräuleins noch ganz andere Dinge zu

verrichten hatten.

Noch immer wie im Traum holte sich Fanny den Anzug des Jungen und ging

dann die schmale Treppe hinauf, die zum zweiten Stockwerk führte. Hier

waren die Fenster niedriger, als unten, und nur die vorderen Zimmer

hatten einen herrschaftlichen Anstrich. Zwei von ihnen bewohnte Rudi,

der früher neben der Schwester hauste, dann aber, als das Atelier

hergerichtet wurde, hier hinaufzog. Es war zwar genug Raum unten, denn

nach dem Garten hinaus lagen noch Fremdenzimmer, aber er behauptete,

sich oben ganz wohl zu fühlen. Er war hier mehr ohne Aufsicht, konnte

sich unbemerkt hinaufstehlen, wenn er lange gekneipt hatte, und

ungestörter Unsinn treiben, sobald er Freunde zu sich geladen hatte.

Dann wurde Essen und Bier hinaufgeschafft, und die Studentenlieder

erschallten, so daß die Fensterscheiben dröhnten.

Vor einem Jahr noch hatte Walter mit ihm in einer Stube geschlafen,

dann aber nahm man den Jungen herunter, weil die Brüder sich nie

vertragen konnten. Stets hatte der Aelteste an ihm etwas auszusetzen

und hielt sich in unzarter Weise über seinen Mißwuchs auf, so daß der

Knabe schließlich Scheu empfand, sich vor ihm zu entkleiden.

Nach hinten hinaus lagen einfache Räume, in denen die Mädchen und

der Diener schliefen, der überdies noch unten seine Putzstube hatte.

Sonst gab es nur Rumpelkammern, die angefüllt mit Kleidungsstücken

und allen möglichen Dingen waren. Früher schlief auch das entlassene

Kammermädchen der Damen oben, aber als die Nervosität Frau Roderichs

sich steigerte, hatte sie den Wunsch, die Zofe auch nachts in ihrer

Nähe zu haben, um schneller auf ihre Dienste rechnen zu können. Man

traute auch Rudi nicht, der für die Mädchen seine unausstehlichen

Neckereien bereit hatte und nach dem späten Nachhausekommen manchmal

den »Geist« spielte, der mehr Bejahung haben möchte, als Verneinung.

Es machte ihm dann Vergnügen, heillosen Spuk zu treiben. Als er

aber einmal an die Türe der Köchin mit Kreide drei Kreuze gemalt

hatte, wurde er am andern Tage von der Rücksichtslosen mit Ohrfeigen

bedroht, er hütete sich jedoch, Klage bei den Eltern zu führen, da

er auf alle Fälle den kürzeren dabei gezogen hätte. Seitdem war er

vorsichtiger geworden und kniff höchstens Emma in die bloßen Arme, was

die Mecklenburgerin mit einem derben Handschlag beantwortete. Das war

immerhin erträglich, denn er wußte auch, daß sie es nicht so meinte.

Hin und wieder fiel eine Mark für sie ab, oder er brachte ihr eine

Fünfzigpfennig-Brosche mit, was namentlich dann geschah, wenn sie die

Zeichen seiner Uebelkeit im Zimmer nicht verraten sollte.

Dem Nachbargarten zu lag eine leere, helle Kammer, die einen langen

Tisch enthielt, der zum Reinigen der Sachen diente. Fanny legte den

Anzug weg, setzte sich auf einen Schemel und faltete die Hände. Ihr

Blick ging durch das geöffnete Fenster über die Kronen der Bäume hinweg

ins Weite. Tränen lösten sich und tropften ihr auf die Wange. Sie

wußte kaum, weshalb sie kamen, ob aus Rührung über die Worte Fröhlichs

oder aus Weh darüber, unverdiente Kränkungen von ihrer Gebieterin zu

erfahren. Aber sie konnte weinen, und das gab ihr Erleichterung und

zugleich auch Trost. Ungekannte Wonne machte sie heimlich erschauern:

sie wurde geliebt, sie sollte Braut werden und natürlich dann auch

Frau. Brachte sie denn dem Kandidaten dasselbe Gefühl entgegen? Sie

wußte es nicht, denn niemals hatte sie an eine derartige Wendung

gedacht. Er war ein angenehmer Mensch, das mußte sie sich sagen, und

gewiß konnte sie nicht behaupten, ihn ungern zu sehen.

Ihr Kopf war mit unklaren Vorstellungen gefüllt, die sie nicht

bezwingen konnte. Die Arbeit sollte ihr Zerstreuung geben.

Als sie wieder die Treppe hinuntergegangen war, kam Rudi den Gang

entlang und zog höflich den Hut. Während er dann die Stufen nahm,

ärgerte er sich, nicht eiliger gewesen zu sein, nachdem er durch die

Mutter von Fräuleins Anwesenheit oben erfahren hatte. Er hätte endlich

einmal in aller Stille über den »dummen Jungen« quittieren können,

worauf er schon längst versessen war.

Aus dem Abend im Zoologischen Garten wurde diesmal nichts. Schon

am frühen Nachmittag bestellte Roderich durch den Fernsprecher die

berühmten sechs Gänge ab und teilte mit, daß er erst spät abends nach

Hause kommen werde. Der Direktor einer auswärtigen Bank habe ihn

gebeten, mit ihm zusammen zu speisen, außerdem sei wieder Abendsitzung.

»Ist mir eigentlich angenehm, lieber Adolf,« sprach Agathe zurück, »ich

fühle mich entsetzlich elend und möchte früh schlafen gehen.«

»Dann schick doch Kornelia ins Opernhaus!«

Im selben Augenblick ertönte das Schlußzeichen von ihr, und das

Gespräch war abgebrochen.

Es war keine leere Ausrede, denn sie fühlte sich wirklich krank. Das

»Mißverständnis« mit Fröhlich war ihr zu sehr an die Nerven gegangen,

und dazu kam noch der Aerger darüber, das Billet verschenkt zu haben.

Hätte sie diese Wendung geahnt, wäre sie selbst gegangen. Und dann

hätte sie diesen großen Undank nicht erlebt.

Frau Agathe befand sich in einer jener Stimmungen, wo sie sich

verlassen von aller Welt wähnte und behauptete, keine Familie zu haben,

und sich einbildete, ihr Ende werde bald bevorstehen. Eigentlich war

es ein großer seelischer Katzenjammer, wie ihr Mann diesen Zustand

stets bezeichnete, natürlich hübsch für sich, aber sie behauptete doch,

an allen Gliedern zu empfinden, wie sie der körperlichen Auflösung

entgegengehe.

Sie lag wie zerschmettert auf ihrem Ruhebett und sprach nur mit

schwacher Stimme. Kornelia und Emma sollten fortwährend bei ihr sein,

und als die Tochter das überflüssige Gestöhne nicht mehr ertragen

konnte, war Emma allein das Opfer, das die Riechfläschchen in Bewegung

hielt und geduldig alles über sich ergehen ließ.

Dann hieß es in wirrem Durcheinander: »Emma, fühlen Sie mal meine Hand.

Ist sie nicht ganz kalt? Und die Stirn und den Kopf. Der helle Schweiß

darauf, nicht wahr?« Manchmal schrie sie auf, als empfände sie heillose

Stiche, und dann behauptete sie, das Herz stünde ihr still. Aber

trotzdem sprach sie ruhig weiter.

Und Emma, die derbe Mecklenburgerin, die von ihrem Herrn schon wußte,

wie man die Gnädige behandeln müsse, sagte zu allem: »Ja«, tröstete mit

dem »Vorübergehen« und packte wacker kalte Kompressen auf die Stirn.

Und war auch sie einmal hinaus, dann bekam Aeffi das ganze Leid zu

hören. »Ja, mein gutes Tierchen, so verlassen läßt man Deine Herrin

liegen! Du allein verstehst mich, Du hast Gefühl. Komm her, mein gutes

Tierchen!« Und sie streichelte den Pinscher und gab ihm Teegebäck aus

der Hand zu fressen.

Einmal erlaubte sich Emma, die Frage zu äußern, ob Fräulein sie nicht

vertreten könne, denn sie hatte notwendig hinten zu tun; sie prallte

aber von der Anhauchung entsetzt zurück. Die Gnädige fühlte sich

plötzlich frisch zum Angriff, als sie losschrie: »Wenn Sie sich noch

einmal so etwas erlauben, ohne gefragt zu werden, können Sie Ihre

Sachen packen! Ich werde Fräulein schon selbst befehlen, wenn ich es

wünsche.«

»Aber, gnäd'ge Frau, das war ja man bloß so'n Einfall von mir. Ich

mein's ja gut.«

»Behalten Sie solche maßlosen Einfälle für sich!« Erregt ließ sie das

Haupt zurückfallen.

Auf einem kleinen Dreifuß mußte Räucherpapier angezündet werden, das

seinen süßlichen Flammenduft durch das Zimmer sandte. Frau Roderich

behauptete, daß das ihre Nerven belebe und das Atmen kräftige. In

Wahrheit wollte sie stets in einer Art Märchentaumel bleiben, der ihre

Sinne wach erhalte. Neben ihr, an der Wand, hing ein ganzes Bündel

Riechkissen, die sie abwechselnd an den langen Bändern heranzog und

gegen die Nase drückte. Sie wollte den Verwesungsgeruch verscheuchen,

den sie angeblich verspürte. Dann verlangte sie nach den Kindern und

strich liebevoll über ihre Häupter. Fast war es so, als wollte sie

wirklich Abschied von ihnen nehmen, denn beinahe versagte ihr die

Stimme vor seelischer Zerflossenheit.

»Aber, Mama, Du bist wirklich nicht recht gescheit,« fuhr Kornelia

dazwischen, die gerade hereingetreten war und ihr den Tee brachte. »Das

geht doch alles vorüber, das weißt Du ja, man sieht Dir ja nicht das

geringste an!«

»Du bist gerade so brutal, wie Dein Vater,« hauchte sie. »Du bist ja

in großer Toilette? Du wirst doch nicht etwa fortgehen und mich hier

allein lassen?«

Kornelia war allerdings zum Ausgehen gerüstet, denn sie hatte den

Verdruß über die Absage des Vaters bald überwunden und betrachtete für

sich allein den Abend durchaus nicht als verfehlt. Kurt Frank wartete

ja drüben und das war die Hauptsache für sie. In nächster Woche gab es

ja auch noch Abende, wo man das Versäumte nachholen konnte.

»Ich muß auf ein paar Augenblicke nach dem Zo,« fuhr sie fort. »Ich

hatte Elsbeth Keller noch geschrieben, und die kann ich nicht warten

lassen. Ich bin gleich wieder hier. Ich werde aber sofort noch zum

Sanitätsrat gehen.«

Diese Drohung half. »Nein, nein, nein!« wehrte Agathe ab. »Da geh nur

schon und bleib' nicht lange!«

Merkwürdigerweise litt Frau Agathes Appetit nicht unter ihrem Leiden,

was sie sofort nach Kornelias Fortgang bewies. Schon vorher hatte sie

angeordnet, daß der Fisch und der Kapaun, die für ihren Mann bestimmt

waren, für sie hergerichtet würden, und so ließ sie sich ein kleines

Diner auftragen, dessen bloßer Anblick schon den Bankdirektor mit

Freude erfüllt haben würde. Aus Suppen machte sie sich nichts, dafür

aber mehr aus Gemüsen und Früchten. Sie hatte zu Mittag fast gar nichts

angerührt, und so vergaß sie ganz das »Fettwerden« und aß doppelt. Es

war wie eine Wut über sie gekommen, sich das teure Leben zu erhalten.

Außerdem leitete sie der Wunsch, es auch einmal ihrem Manne nachzutun

und in gänzlicher Abgeschlossenheit eine Stunde lang zu tafeln.

Emma, die alles nach und nach hereinbringen und auf einem kleinen Tisch

vor dem Ruhebett herrichten mußte, geriet fast außer sich, so daß sie

zu der Köchin ganz erschreckt sagte: »Die gnäd'ge Frau ist doch amende

krank. Was die man heute essen kann! Alles hat sie verputzt, und das

ganze Eis dazu. Sechs ganze Gänge, wie der Här.«

Darauf erwiderte Lene sehr weise: »Lassen Se man, die Nerven essen

manchmal extra. Das sollen ja Tierchen sein, die zehren. Ich war mal

bei einem Arzt, der aß alles auf und seine Frau nichts, und dann sagte

er das immer zur Entschuldigung. Und dabei war er stark wie ein Bär.

Ich glaube, der hätte seine Frau aufgegessen, wenn's gegangen wäre. Die

liebten sich auch nur soso.«

»Na, wissen Sie, das wird unser Här nicht tun,« warf Emma ein.

»Weil's eben zu lange dauern würde,« sagte die Köchin wieder.

Emma, die mit dem Rücken gegen den Herd stand, lachte, daß sie sich

stützen mußte. Aber man hörte nur wenige Laute, denn wenn sie in große

Heiterkeit geriet, warf sie den Kopf in den Nacken und sperrte den Mund

weit auf, so daß sie das Lachen verschluckte.

Emil kam durch die offene Tür hereingeschlichen, umfaßte sie und legte

die Hand auf ihren Mund. »Machen Sie die Futterluke zu, es zieht ...

Ich will mein Diner haben, mein Diner! Mir ist nicht wohl, wenn ich

meine sechs Gänge nicht habe! Der Herr hat mir heute alles vermacht,«

näselte er dann und tänzelte durch die Küche.

Hausmädchen und Köchin schüttelten sich vor Lachen, bis dann Lene

sagte: »Ihnen piekert's woll? Wenn Sie mal nischt zu dun haben, werden

Sie jleich üppig. Hier, essen Sie noch die halbe Stulle, es ist mir

zuviel. Das Diner hat heute die Jnädige jejessen.«

Sie saß am sauber lackierten Tisch, stützte den mächtigen Ellbogen

auf die Platte und trank ein Glas Schultheiß-Bier nach dem andern. An

warmen Abenden mußte sie ihre zwei Flaschen haben, die sie wie Wasser

heruntergoß. Unter ihrer weißen Blusenjacke quoll ihr das Fett förmlich

hervor, denn sie aß für zwei und schöpfte die beste Bouillon für sich

ab.

Emil, der die Luft heute rein wähnte, rauchte seine Zigarette, wobei

er den Rauch immer durch die Nase zog. Nun vergaß er aber den nächsten

Zug. »W--as? Die Gnädige fängt auch so an? Ja, wie soll ich mich denn

da zerteilen? Aber ich weiß schon -- einmal unten, einmal oben.«

Die Zigarette im Munde, jonglierte er mit den Händen. »Nächstens komme

ich mit dem Aufzug zu Euch rauf.«

Abermals lachten die Mädchen, die eine laut, die andere still.

Stets, wenn er so seine Witze machte, amüsierten sie sich über ihn,

denn er war gelenkig wie eine Gliederpuppe und hatte ein gewisses

schauspielerisches Talent, das urwüchsig war, wie oft bei aufgeweckten

Berliner Jungen. Besonders hatte er die Gabe, Menschen nachzuahmen, und

das tat er mit Vorliebe hier in der Küche.

»Paßt mal auf, ich werde Euch den beleidigten Kandidaten zeigen.«

Er hatte an jenem Morgen nach der Anmeldung Fröhlichs bei Roderich

alles durch die offene Tür mit angesehen und vom Verandasaal aus die

Unterhaltung gehört. Und so knöpfte er sich jetzt die Hausjacke zu, so

daß er wie in einer Wurstpelle steckte, tat so, als streifte er die

Handschuhe über, nahm einen Blechdeckel als Hut in die Hand und schritt

mit eingedrückten Knieen würdevoll auf die Köchin zu, die den Hausherrn

vorstellen sollte.

Und nach einer tiefen Verbeugung redete er den größten Blödsinn

zusammen, aus dem aber entschieden die Sprechweise Fröhlichs

herausklang. Dann trat er zurück und wiegte sich mehrmals auf den

Fußsohlen hin und her, was aber mehr ein Hüpfen war. Schließlich

erdichtete er eine große Schlußszene ... »Herr Bankdirektor, ich bin

in Fräulein verschossen, ich möchte heuraten. Ich bitte um eine kleine

Gehaltszulage von fünf Mark. Auch mit einem Vorschuß von zehn Mark wäre

mir gedient. Außerdem hat mich Ihr Herr Sohn beleidigt. Das kostet eine

Zigarre extra. Aber keine zu starke, wenn ich bitten darf, sonst wird

mir schlimm danach. Und was den jüngsten Herrn Sohn betrifft, so macht

er große Fortschritte. Ich kann noch zehn Jahre in Ihrem Hause bleiben.«

Abermals machte er einige Verbeugungen, wobei er diesmal rückwärts

ging, und zwar so, daß er fortwährend stolperte. Den Topfdeckel

schwenkte er wie einen Chapeau-Claque und die freie Hand schlug er

gegen die Brust, wie zur Beteuerung seiner Ehrfurcht. Dann rannte er

gegen den Küchenschrank, machte auch vor diesem eine Verbeugung und bat

um Entschuldigung.

Das Hausmädchen hatte sich nicht mehr halten können, war auf einen

Schemel gesunken, machte fortwährend Luftbewegungen mit den Armen und

brachte sogar diesmal hörbare Heiterkeitstöne hervor.

Die Köchin jedoch schien zu platzen vor Lachen, denn ihr Gesicht war

völlig rot. Sie strampelte vergnügt mit den Beinen und schlug mit der

flachen Hand fortwährend auf den Tisch, daß es klatschte. Sobald sie

Atem schöpfen konnte, rief sie wiederholt: »Nee sowas, nee sowas! Das

reene Theater!«

»Der arme Kandidat! Was for'n guter Mensch doch,« sagte Emma endlich

begütigend.

»Dafür kann er nicht,« warf Emil wieder ein.

Schrill fuhr die elektrische Klingel mehrmals hintereinander in ihre

lustige Stimmung hinein. Schon vorher hatte es leicht getippt, aber sie

hatten es nicht beachtet.

Gleich darauf knarrte die Treppe, und Rudi rief auf halbem Wege

herunter: »Aber, Mensch, wo stecken Sie denn? Was denken Sie sich

eigentlich! Können Sie denn nicht nachsehen, wer klingelt?«

Mit dem Küchenspuk war es aus.

Der Diener warf rasch die Zigarette weg, nachdem er noch einen großen

Zug getan hatte, schimpfte leise beiseite und stürmte dann hinaus.

Abermals ertönte die Klingel, diesmal von der Gnädigen, und auch Emma

eilte hinaus.

Die Köchin blieb allein zurück und wischte sich die Lachtränen aus den

Augen.

Familiensklaven · 第 22 / 33 题