XV.

Rudi hatte die Stimme des Vaters gehört und war im Hintergrunde

stehen geblieben, denn er befürchtete, Walter könnte seine Klage aufs

neue anbringen. Nun aber trat er zu der Mutter ins Zimmer, die sich

bereits sehr gelenkig erhoben hatte, um ihren Mißmut über die fatale

Ueberraschung durch ruheloses Umherrauschen austoben zu lassen. Sofort

schüttete sie ihren Aerger über den Aeltesten aus. »Was hast Du denn

in Fräuleins Zimmer zu tun!« fuhr sie ihn an. »Genierst Du Dich denn

nicht? Das wird ja immer besser mit Dir!«

Er hatte etwas Aehnliches kommen sehen, und da er vorhin horchend

an der Tür stehen geblieben war, fühlte er sich durchaus nicht

eingeschüchtert. »Aber, Mama, Du gehst ja wieder ganz gut,« sagte er

sorglos. Sie nahm an, daß Fröhlich über ihr Hinken gesprochen haben

könne, und so fand sie nichts Besonderes in seinen Worten. Rasch

gefaßt erwiderte sie: »Die Schmerzen, die ich dabei empfinde, kannst

Du natürlich nicht sehen. Ich bemühe mich eben, alles sehr rasch

zu überwinden. Nur mit meinem Kummer über Dich wird mir das nicht

gelingen.« Und gleichzeitig biß sie die Lippen aufeinander und zog den

einen Fuß etwas nach, aus Zerstreuung aber diesmal den verkehrten, was

ihr übrigens auch ganz gleichgültig war.

»Natürlich hat mich Fröhlich wieder verklatscht. Er war doch bei Dir.«

»Ach, laß den Herrn Kandidaten aus dem Spiel! Wenn ich ihn nicht gehabt

hätte, wäre ich umgefallen. Um mich bekümmert sich ja niemand im

Hause!« Das war bei schlechter Laune ihre ewige Klage.

»Na, denn kann ich ja wieder gehen, Mama,« warf Rudi patzig ein. »Wenn

Du so bist! Ich wollte Dir gerade eine große Neuigkeit mitteilen ...

Na, denn nicht.«

Neugierig geworden, hielt sie ihn zurück; denn sie brachte seine

Andeutung mit seinem Besuche in Fannys Zimmer zusammen und hatte sich

auch nicht getäuscht.

»Hat es denn wirklich brandig gerochen?« fragte sie ängstlich.

»Aber sicher, Mama; deshalb habe ich mich ja auch nur dahin verirrt.

-- Denk mal an, was ich entdeckt habe. Die Photographie von Fräuleins

Bruder hat große Aehnlichkeit mit dem Leutnant, der neulich mit

Kornelia sprach. Ich möchte beschwören, daß er's ist.«

»Ach, Du bist nicht recht gescheit. Das setzte ja allem die Krone auf!«

Sie vergaß ganz, das Leiden weiter zu heucheln, und ging mit ihren

gewohnten wuchtigen Schritten vor ihm auf und ab.

Rudi hielt ihr Mißtrauen munter. »Na, weshalb denn die dicke

Freundschaft zwischen Neli und Fräulein? Das hat doch etwas auf sich!

Vielleicht hat die Frank das vermittelt? Natürlich purer Mitgiftjäger.

Und einen kleinen Vogel hat ja Neli auch, wie alle Maleusen. Die möchte

jetzt mit Gewalt einen Mann haben. Na, Du kannst Dich freuen. Die

Schwester von Deinem Schwiegersohn war dann ›Fräulein‹ bei uns. Ist ja

gerade keine Schande, aber angenehm auch nicht ... Ich ziehe mich dann

zurück von Euch.«

»Ach, schwatze doch nicht solchen Blödsinn!« warf sie ärgerlich ein.

»Den ganzen Tag beschäftigst Du Dich mit andern Leuten, statt mit Dir

selbst. Es wird Zeit, daß Du auf die Presse kommst. Papa hat sich

entschlossen, Dich anzumelden.«

Er hüpfte vor Freude. »Ach was! Das ist ja famos. Na, denn braucht Ihr

keinen Schwiegersohn als Offizier, dann habt Ihr mich ja zur Zierde!«

Sein Sprechen ging plötzlich in leichtes Schnarren über. »Uebrigens,

Ma'chen, dann werde ich ja dem Belästiger Nelis mit der gehörigen Verve

entgegentreten können. Natürlich suche ich mir ein Kavallerie-Regiment

aus. Na, und dann kannst Du stolz sein auf mich, Ma'chen!«

Diese Aussicht bezwang sie, denn eigentlich war sie in ihn, trotz

seiner Fehler, ebenso vernarrt, wie Kornelia vom Vater bevorzugt wurde.

Sie trat auf ihn zu und faßte ihn scherzhaft an beiden Ohren. »Werde

doch nun endlich einmal vernünftig, Rudi!« flötete sie ihn zärtlich

an. »Du bist ein so schmucker Junge. Ich glaube, daß Dir die Uniform

prächtig stehen wird. An Geld fehlt's ja Gott sei Dank nicht! Du wirst

also alles mitmachen können. Nun bleibe aber endlich mal bei der Stange

und mach uns Ehre!«

Einige Augenblicke lagen sie sich gerührt in den Armen, dann ließ sie

ihn allein zurück, und er ging und holte sich Stöckchen und Hut, um

nun dem Zoologischen Garten seinen Besuch zu machen, da er Fanny mit

den Kindern hatte fortgehen sehen.

Trotzdem Frau Roderich seiner Mitteilung kein Gewicht beilegen wollte,

ging ihr die Sache doch im Kopf herum. Der Zufall spielte ja oft

merkwürdig, und bei Kornelias Starrsinn war alles möglich. Sie wollte

vorsichtig zu Werke gehen, und so ging sie zuerst in Fräuleins Zimmer

und sah sich die Photographie auf dem Tisch, der sie sonst keine

Beachtung geschenkt hatte, gründlich an. Ein ganz hübscher Kerl, das

mußte sie sagen, aber für ein anderes Mädchen geschaffen, als ihre

Tochter war, die jeden Tag noch auf die Potsdamer Garde hoffen konnte.

Gern hätte sie einen Blick in die Kommode geworfen, aber alles war fest

verschlossen.

Dann ging sie in der Aeltesten Zimmer, um auf die Spur eines

Briefwechsels zu kommen, mußte aber auch hier enttäuscht ihr Forschen

aufgeben. Das hätte sie sich auch denken können: wenn man Kornelia

hieß, dann ließ man so etwas nicht offen liegen. Erst im Atelierraum

gab ihr zweierlei zu denken. Auf einem Stück Pappe, das auf der

Staffelei stand, war mit Kohle ein männliches Profil mit eine Ansatz

von Schnurrbart gezeichnet, das auffallende Aehnlichkeit mit der

Photographie hinten hatte. Und dann erblickte sie eine vollerblühte

dunkelrote Rose in einem hohen, getrübten Kelchglase. Einzelne Rosen

im Zimmer eines jungen Mädchens waren immer verdächtig, und diese hier

schien ganz besonders aufmerksam behandelt zu werden. Also konnte an

der Vermutung doch etwas daran sein. Merkwürdigerweise lief ihr Rudi

gleich wieder über den Weg, als sie in die untern Räume hinabstieg.

Es sei sehr schwül draußen, und da sitze es sich besser zu Hause,

meinte er. Etwas schwül war ihm allerdings drüben im Zoologischen

Garten geworden, denn er hatte seine Schwester bei Fanny erblickt

und war in einem weiten Bogen um beide herumgegangen, bis er den

Ausgang wieder aufsuchte. Die Tiere interessierten ihn nicht, nur

die Menschen, namentlich, wenn sich zu einem jungen Gesichtchen auch

hübsche Frauenkleider fanden. Gern hätte er aufs neue ein wenig über

die Zuneigung der beiden Mädchen geschürt, aber dann hätte die Mutter

seinen Besuch drüben um diese Zeit auffallend finden und abermals mit

Fräulein zusammenbringen können.

Als Kornelia dann nach Hause kam, ging Frau Roderich direkt auf

ihr Ziel los. »Kennst Du einen Leutnant Frank?« fragte sie ziemlich

gleichgültig.

Neli, die sich auf einen derartigen Fall längst vorbereitet hatte,

tat etwas zerstreut, ohne sich in ihrer Arbeit stören zu lassen. Es

war noch vor Tisch, und sie legte den Hintergrund des Tierstückes aus

dem Gedächtnis weiter mit Wasserfarbe an. »Frank ... Frank ... Frank

...? Warte mal. Man lernt so viele Leutnants kennen. Ach, Du meinst

wohl Fräuleins Bruder? Ja, den habe ich mal kennen gelernt. Wo war es

doch gleich? Richtig, bei Kroll auf dem Krippenfest; da regnet es ja

immer ein Schock Freibillets für Leutnants, die zum Tanzen kommandiert

werden. Ein netter Mensch, soweit ich mich erinnere. Irre ich nicht, so

hat er neulich auf der Straße auch mal gegrüßt.«

Sie strich ihre Farbe ruhig weiter, und Frau Roderich fand diese Ruhe

so »pomadig«, daß sie nichts Besonderes dahinter witterte. Sie hatte es

ja gleich gesagt, daß von etwas Ernstem dabei nicht die Rede sein könne.

»Wie kommst Du übrigens darauf?« fragte Neli noch, bevor ihre Mutter

ging.

»Du lieber Himmel, wie man so darauf kommt. Du tust ja so intim mit

unserem Fräulein, daß man beinahe annehmen könnte, Du hättest bei ihrer

Mutter schon Visite gemacht.«

»Deine Einfälle, Mama!« Kornelia lachte, dachte sich aber ihr

Teil. Noch am selben Abend hatte sie von ihrem Vater die Zusage

zum gemeinsamen Besuche des Zoologischen Garten am Donnerstag

erhalten. Wenn etwas derartiges bevorstand, dann mußte er zeitig

darauf aufmerksam gemacht werden; denn gerade jetzt, vor seiner

Erholungsreise, hatte er große Arbeiten zu bewältigen, und so fuhr er

öfters zu einer Abendsitzung ins Geschäft. Einer großen Hypothekenbank,

die mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, war man beigesprungen, und

so gab es fast täglich Verhandlungen in Gegenwart des Aufsichts-

und Verwaltungsrats. Roderich hatte sogar angekündigt, daß er sein

Diner in der Stadt einnehmen werde, um Zeit zu ersparen, was einen

Jammerausbruch Agathes zur Folge hatte. »Nun werden wir Dich wohl gar

nicht mehr zu sehen bekommen,« sagte sie. »Nächstens schläfst Du noch

in Deiner Bank.«

»Na, laß nur, liebe Agathe,« erwiderte er ruhig. »Dann spielst Du

fleißig vierhändig mit unserem ewig ernsten Fröhlich ... Ich weiß

schon, was Du mir da vorhältst: ich gönnte Dir wieder nichts.«

Er versetzte ihr jetzt gerne hin und wieder einen derartigen Stich,

denn seit der letzten Ueberraschung fing ihm die Sache an bunt zu

werden. Es war Zeit, ihrer nervösen Selbsthetze den nötigen Dämpfer

aufzusetzen. Im geheimen nahm er sich den Kandidaten vor und bestärkte

ihn, festzubleiben und keine »Ueberstunden« mehr zu machen, wie er sich

ausdrückte. Fröhlich sah sich nun zwischen zwei Feuern und fühlte jetzt

schon das Brennen von der heißeren Seite, aber er nahm sich doch vor,

den Rat des vernünftigen Hausherrn zu befolgen.

»Also Mama wird nicht mitkommen können,« sagte Roderich dann zu seiner

Tochter. »Sie kann ja gar nicht auftreten.«

»Wart's nur ab, Papa; bis dahin wird's schon besser sein,« gab Kornelia

zurück. »Du kennst Mama noch lange nicht so, wie ich.«

Sie lachte so merkwürdig, daß er stutzte und dann, neugierig geworden,

sich am andern Vormittag, als er erst später fortfuhr, hinter den

Hausarzt steckte, dessen Besuch er abgewartet hatte.

Sanitätsrat Siebert war ein alter schrullenhafter Herr, der seine

Zylinderhüte sehr lange trug und sie vermittelst einer Bürste und eines

nassen Handtuches andauernd selbst aufbügelte, bis sie verschiedene

Neuheiten überstanden hatten und glücklich wieder modern geworden

waren, was bei den Modetorheiten nicht lange auf sich warten ließ.

Aehnlich ging es seinem verwilderten rötlichen Bart, den er sich

selbst beschnitt, was manchmal etwas einseitig ausfiel, so daß sein

noch auffallend junges Gesicht mit der scharfen Brille hin und wieder

einen schiefen Ausdruck bekam, was ihn aber durchaus nicht genierte,

in seinen Bestrebungen der Selbsthilfe fortzufahren, weniger aus

Sparsamkeitsrücksichten, als aus Bequemlichkeitsgründen.

Zu seinen sonstigen Gewohnheiten gehörte auch das Tragen der

Winterkleidung bis in die warme Jahreszeit hinein, weil er es für die

erste Pflicht eines Arztes hielt, sich selbst gesund zu erhalten, wenn

er seinen Patienten gute Lehren geben wollte. Das zu frühe Wechseln

der Jahreszeitkleider hielt er für die Hauptursache aller Erkältungen,

und so war sein Grundsatz: »Lieber ein bißchen zu viel, als zu wenig.«

Im allgemeinen galt er als ein rücksichtsloser Herr, der plötzlich

sehr grob werden konnte, wenn man seine Feinheiten, die in einem

liebenswürdigen Spott bestanden, nicht mehr verstehen wollte.

»Nun, was macht der rechte Fuß meiner Frau?« fragte Roderich, als der

Arzt ihn unten in seinem Kabinett begrüßt hatte.

»Der Linke ist's, der Linke, Verehrtester,« knurrte der Sanitätsrat

etwas verdächtig. Den Winterüberzieher hatte er zwar endlich der zu

großen Wärme wegen abgelegt, dafür trug er aber jetzt beim brennenden

Sonnenschein seinen Sommerpaletot, an dem regelmäßig die Knöpfe nicht

recht in Ordnung waren. In dieser Beziehung litt er stark unter seinem

Junggesellentum, was aber andere nur bemerkten, denn er selbst hatte

für eine derartige Vernachlässigung keine Augen.

»Hat sie sich denn beide Füße verstaucht?« fragte Roderich. »Sie sagte

mir doch ausdrücklich, daß der Rechte es sei.«

»Der Linke, der Linke, lieber Freund,« wiederholte Siebert

unerschütterlich. »Sie haben zuviel Zahlen im Kopf, natürlich nur

siebenstellige, da vergessen Sie andere Kleinigkeiten.«

Beide kannten sich seit vielen Jahren, und so war auch ihre

Unterhaltung stets von der vertraulichsten Art. Zwei ganz

entgegengesetzte Naturen, stritten sie sich manchmal um Kleinigkeiten,

kamen aber niemals auseinander, weil sie sich gegenseitig eingehend

studiert hatten und der eine dann stets einlenkte, wenn der andere über

das Ziel hinausgegangen war.

»Sie irren sich, Doktor, es ist der Rechte! Ich könnte es beschwören.«

»Dann würden Sie eben einen Meineid leisten, Direktor, und das ist

doch wahrhaftig so ein dummer Fuß nicht wert. Bei allem Respekt vor

seiner Kleinheit,« milderte er sogleich seinen aufsteigenden Groll.

»Uebrigens, ob es nun der Rechte oder der Linke ist, Ihre Frau Gemahlin

muß auf alle Fälle bald in ein Sanatorium.«

Er hatte mittlerweile den Zylinderhut, den er während des Sprechens

mit dem Aermel stets liebevoll zu bürsten pflegte, beiseite gestellt

und legte die ausgeblichenen grünen Handschuhe, die er niemals anzog,

auf den Deckel. Den alten Regenschirm, den er Sommer und Winter mit

sich führte, und niemals im Wagen zurückließ, weil er ihn als einen

unzertrennlichen Freund betrachtete, dessen Stütze man bedarf, behielt

er in der Linken, während er mit der Rechten an seiner Brille rückte,

was er unbewußt tat, sobald er jemand scharf ansah. »Sie müssen sich

dazu entschließen, sonst wird's chronisch. Mit See und Gebirge ist's

diesmal nichts. Die Aerzte sind da nicht streng genug, sie können auch

den Patienten nicht nachlaufen. Da geht zu viel durch die Finger.«

Roderich zeigte sich bestürzt. »Steht's denn so schlimm mit dem Fuß?

Sie erschrecken mich ja. Es wird doch nichts gebrochen sein?«

»Unsinn,« knurrte der Sanitätsarzt wieder. »Dann würde ich doch kein

Sanatorium vorschlagen. Das könnten wir hier im Hause kurieren. Ich

meine ja auch gar nicht den Fuß, weder den rechten noch den linken. Es

ist an beiden nichts zu sehen. Ich meine überhaupt den ganzen Zustand

Ihrer Frau Gemahlin, daß Sie das noch nicht bemerkt haben, wundert mich

eigentlich. Das macht aber, weil Sie fast den ganzen Tag über nicht zu

Hause sind. Sie bekümmern sich zu wenig um Ihre Familie, mein lieber

Direktor.«

Und indem er sich an dem verblüfften Gesicht des andern erfreute,

machte er eine Gesprächswendung: »Uebrigens, ehe ich es vergesse --:

mit den Aktien, die Sie mir im vorigen Jahre empfohlen haben, bin ich

schön reingefallen. Die stehen jetzt auf vierundachtzig. Ich werde

Ihnen den Verlust auf die Neujahrsrechnung setzen.«

Roderich hatte bereits seine Grobheit kommen sehen, und da er den Grund

dazu kannte, lachte er, zugleich vom Schreck befreit. »Ich sagte Ihnen

doch zur rechten Zeit, Sie sollten verkaufen,« erwiderte er dann.

»Sie wissen doch, daß ich ein Mensch bin, der sich nicht gern von

liebgewordenen Dingen trennt,« zeterte Siebert aufs neue.

Roderich lachte abermals und tröstete ihn dann: das Unternehmen habe

eine große Zukunft und die Papiere würden jedenfalls noch einmal sehr

gesucht werden. Sofort war der Sanitätsrat wieder umgestimmt und

nahm eine Prise, nachdem er auffallend lange nach der Dose in seiner

tiefen Rocktasche gesucht hatte. Liebenswürdiger als sonst kam er auf

seinen Vorschlag zurück, und Roderich verhehlte ihm nicht, daß er

schon längst um seine Frau mit Besorgnis erfüllt sei. Und da er kein

Geheimnis vor dem Freunde hatte, so weihte er ihn auch in das neueste

»Kandidaten-Leiden« Agathes ein und schilderte ihm den letzten Vorfall

in erheiternder Weise.

Der Sanitätsrat blieb durchaus ernst, denn er hörte nichts Neues. Als

Hausarzt kam er öfters unverhofft, und so hatte er auch einmal am

späten Nachmittag die beiden am Klavier überrascht.

»Sie sehen auch alles!« sagte Roderich ärgerlich.

»Einer von uns beiden muß es doch tun,« erwiderte Siebert spöttisch.

»Sie dinieren eben viel zu lange. Das wird sich auch noch mal bei Ihnen

rächen. Dann werden Sie vielleicht nach Kissingen müssen, oder irgend

sonst wohin, und Ihre liebe Frau wird dann gesund sein und über Sie

triumphieren.«

»Sie behandeln mich ja heute gut,« sagte Roderich wieder.

»Zu was bin ich denn Ihr Hausarzt?« warf der Sanitätsrat ein, der um

so gemütlicher wurde, je mehr er andere sich ärgern sah. Im Augenblick

hatte er daran gedacht, daß er den Verlust an den Aktien niemals werde

einbringen können, und so hatte er wieder einen kleinen boshaften

Vorstoß gewagt.

Dann aber sprach er sehr vernünftig über Frau Agathe. »Solche

Nervösen bilden sich alle möglichen Leiden ein. Sie verspüren sogar

einen intensiven Schmerz, trotzdem es nichts zu schmerzen gibt, und

haben Geruchwahrnehmungen, die gar nicht vorhanden sind. Schließlich

behaupten sie eines Tages, sie hätten keinen Kopf mehr, trotzdem der

Kürbis noch ganz fest sitzt. Sie müssen immer einen Bewunderer haben.

Natürlich darf's der eigene Mann nicht sein. Na, beunruhigen Sie sich

nur nicht, wir werden das Schiff schon lenken. Wenn wir sie nur erst

einmal aus dieser orientalischen Bucht herausbekommen könnten, in der

sie den ganzen Tag sitzt und grübelt.«

»Das ist's ja eben!« rief der Bankdirektor aus und sprang erregt auf.

»So viele Oele und Salben gibt's ja in keiner Apotheke,« fuhr der

Sanitätsrat trocken fort. »Man könnte den halben Balkan damit

versorgen. Aber ich werde mich schön hüten, ihr diesen Rat zu erteilen.

Solche Naturen hassen ebenso stark, wie sie lieben können. Da muß der

Milieuwechsel helfen, die neuen Wände, die neue Tageseinteilung und die

neuen Gesichter. Deshalb sage ich nochmals: raus, raus und nochmals

raus! ... Das will ich nun aber selbst befolgen, sonst schläft mein

Gaul draußen ein. Im übrigen kennen Sie ja meine Parole: Mensch, ärgere

Dich nicht.«

Er war bereits vom Stuhle aufgestanden und hatte inzwischen die

Handschuhe sehr sorgsam glatt gestrichen und den Zylinder unter dem

Ellbogen gedreht. Nun verabschiedete er sich, sprach aber von der

Tür aus noch einmal zurück: »Lassen Sie sich um Gottes willen nichts

merken, sonst wird's noch schlimmer!«

»Ich werde mich hüten, ich will meine Ruhe haben,« rief Roderich ihm

nach. Er tat denn auch gar nicht erstaunt, als Agathe ihm mitteilte,

daß die verschriebene Einreibung über Nacht geholfen habe, und daß sie

nicht den leisesten Schmerz mehr verspüre. Erfreut darüber, alle so

hübsch getäuscht und ihr Mitgefühl erweckt zu haben, erklärte sie sich

bereit, am Donnerstag mit in den Zoologischen zu gehen. Sie hatte zwar

das Billet für »Die Meistersinger«, aber rasch faßte sie den Entschluß,

es Fröhlich zu schenken.

Getreu der Anregung des Hausherrn folgend, hatte der Kandidat bei

seinem nächsten Vormittagsbesuch sich ebenso kurz als höflich gefaßt

und durchaus keine Augen für ihre verführerische Stellung gehabt.

Er fühlte, daß er jetzt sozusagen ein Rückgrat habe, und so war er

förmlich und würdevoll näher getreten und hatte die Angelegenheit im

Stehen erledigt.

Sie war der Meinung, daß die Ueberraschung im Musikzimmer an seiner

Unruhe schuld sei, und versuchte ihm diesen Gedanken zu nehmen.

»Sie brauchen durchaus nicht in Angst zu schweben,« ermunterte sie ihn,

»weil mein Mann neulich dazwischenkam. Er ist sehr dafür, daß wir die

musikalische Unterhaltung wieder aufnehmen. Er wollte sogar mit Ihnen

darüber sprechen. Es wird sich ja leicht eine Honorarverständigung

erzielen lassen.«

Fröhlich hörte nur ihre frommen Wünsche heraus und ließ lächelnd diese

Frage offen. Als sie dann aber zu ganz neuen Noten griff und ihn bat,

sie einmal durchzulesen, wobei sie ihm über die Hand blickte, packte

ihn wieder das stille Entsetzen, daß er neulich erst empfunden hatte,

und so bat er sich das Blatt aus, nur, um schleunigst fortzukommen.

In Gnaden entließ sie ihn, denn sie glaubte, nun wieder die alte

Anteilnahme in ihm erweckt zu haben.

Als Fröhlich das Billet angeboten bekam, wagte er nicht, es abzulehnen,

um so weniger, als er wußte, daß es sonst verfallen wäre. Ueberdies

erfreute ihn die Gabe wirklich, denn er hatte »Die Meistersinger« nur

einmal als Student gehört, und zwar vom »Olymp« aus, wo die Götter

jedenfalls neidisch auf seine Anwesenheit waren, denn sie versperrten

ihm jegliche Aussicht.

Der Genuß wurde ihm jedoch schon vorher etwas getrübt, als Frau

Roderich hinzufügte: »Erzählen Sie mir nur gleich morgen, wie es war.

Um elf empfange ich schon.«

»Sie läßt nicht locker,« stöhnte es in Fröhlich, »mit der einen Hand

streichelt sie und mit der andern martert sie mich.«

»Haben Sie nicht neulich Auslagen gehabt?« fragte sie lächelnd. »Und

wie ist's denn mit den Stunden heute abend? Die werden doch wohl

ausfallen. Walter sagte mir, daß Sie jetzt einen Sekundaner hätten.«

Fröhlich redete sich aus, das sei nicht so schlimm, die Stunden würde

er nachgeben. Flugs eilte sie zu dem kleinen Schreibtisch an der Wand,

tat eilig etwas in ein Kuvert und klebte es zu.

»So, mein Bester! Hier ist das Billet drin, damit Sie's nicht

verlieren. Ich habe gleich das Personenverzeichnis mit hineingelegt,

damit sie keinen Theaterzettel zu kaufen brauchen. Ich bitte mir aber

aus, daß Sie das Kuvert erst heute abend öffnen.«

Mit einem harmlosen Lächeln überreichte sie es ihm.

Der Kandidat war betroffen, aber sein ahnungsloses Gemüt wurde dadurch

nicht getrübt. »Gewiß wird sie Dich noch andichten,« raunte ihm sein

innerer Mensch zu. »Was hast Du eigentlich getan, um dieses Uebel auf

Dich zu laden?« Und er ging in das Zimmer neben der Unterrichtsstube,

stellte sich vor den Wandspiegel und musterte sich wie ein Mensch, in

den plötzlich die Eitelkeit gefahren ist.

Er wollte doch einmal gründlich sehen, was er eigentlich so Besonderes

besäße, wodurch die Gnädige sich so andauernd bewogen fühlte, ihm ihre

Gunst zu schenken. Und das Ergebnis dieser Betrachtung war die stille

Anrede: »Es ist die reine Verirrung von ihr, die absolute Verirrung,

oder eine Trübung ihres Sehnervs, wenn nicht gar eine Verdunklung der

Gefühlswelt. Oswald Fröhlich, es muß gerade herausgesagt werden: Du

kannst nicht den mindesten Vergleich aushalten mit dem Bankdirektor.

Er ist nicht nur stattlicher als Du, weltkluger und energischer, -- er

hat auch viel mehr Geld, ist in hochangesehener Stellung und besitzt

die Kraft, sechs Gänge täglich zu verdauen. Er ist also sozusagen das

Muster eines Mannes. Was will sie also von Dir? Ist sie eine zweite

Lukrezia Borgia, ins Moderne übertragen, die eine grausame Wonne darin

findet, arme Schulamtskandidaten seelisch zu zermartern?«

Ja, was wollte dieses fürchterliche Weib?

Der Kandidat, der Frauen gegenüber ein großes Kind war, vermochte

keine Antwort auf diese Frage zu geben, aber er nahm sich vor, diesem

Zustande ein Ende zu machen, und sollte auch der Zorn der Hausherrin

sich mit Gewitterschwere über ihm entladen. Auch Familiensklaven hatten

das Recht, sich zu verschwören und zu empören, und leisteten sich zwei

den Eid der Treue, so wurden sie stärker, als einer.

Familiensklaven · 第 21 / 33 题