Dagegen konnte er nichts einwenden. »Recht gern, gnädige Frau.«

»Müssen Sie vielleicht heut noch in die Stadt?« Sofort unterbrach sie

sich, indem sie ein wenig heuchelte. »Aber es wäre vielleicht zu viel

verlangt von mir. Sie kommen gewiß nicht in die Nähe der Linden?«

Er wollte es nicht mit ihr verderben, und so erbot er sich, ihr diesen

Dienst zu leisten, neugierig, was sie wünschen werde.

Am nächsten Donnerstag gab es »Die Meistersinger« im Opernhaus mit

einem berühmten Gast als Hans Sachs. Fröhlich sollte so freundlich

sein, nach dem »Invaliden-Dank« zu gehen und ihr das Billet zum ersten

Rang zu holen, das sie sich heute früh telephonisch hatte zurücklegen

lassen. Zwar war es Sache des Dieners, derartige Besorgungen zu machen,

aber ihr Eigensinn drängte sie, Fröhlich damit zu betrauen. Zugleich

erschien es ihr wie eine kleine Genugtuung, ihn auf diese Art an die

Erfüllung ihrer Wünsche zu gewöhnen.

Der Kandidat fand das durchaus nicht sonderbar, denn alte Erinnerungen

wurden in ihm wach.

»Vielleicht sind Sie so gut und bringen mir das Billet morgen früh

gleich hier herein. Uebrigens -- Sie gehen gewiß auch gern einmal

ins Opernhaus auf einen guten Platz. Bei uns verfallen manchmal die

Billets, wenn die Dispositionen umgestoßen werden.«

Fröhlich fand nur eine stumme Verbeugung dazu. Peinlich wurde ihm der

Auftrag erst, als sie nach ihrer schillernden Geldbörse suchte, denn

gern hätte er gesagt, er werde den Betrag auslegen, aber er scheute die

hohe Summe, die in Vergessenheit hätte geraten können. Je größer die

Häuser waren, je öfter ging man über solche Kleinigkeiten hinweg.

Sie hatte sich erhoben und suchte auf dem Tischchen umher. Plötzlich

sah er, daß sie hinkte.

»Ich glaube, ich habe mein Portemonnaie im Speisezimmer liegen lassen

... Nun ist mir auch noch dieses Malheur passiert. Denken Sie nur, ich

habe mir vorhin den Fuß verstaucht. Wollen Sie mich nicht ein wenig

stützen?«

Es war zwar kein wahres Wort daran, aber sie wollte nun einmal von ihm

geführt werden. Und so tat er es mit Worten des Mitgefühles, erriet

aber ihre Absicht. Und als er ihren vollen Arm an dem seinigen fühlte,

so dicht, daß er fast ihren Atem verspürte, stöhnte es abermals in ihm

auf: »Ein fürchterliches Weib!«

Kaum im Speisezimmer angelangt, entdeckte sie plötzlich die Börse

in ihrer Tasche und reichte ihm ein Zwanzigmarkstück. »Ach, führen

Sie mich doch zum Instrument,« flötete sie abermals, diesmal mit dem

Ausdruck noch größeren Schmerzes. Sie verband die Absicht damit, ihn

sanft wieder zur Stelle ihrer beiderseitigen musikalischen Triumphe zu

schleifen, um den Genuß zu haben, ihn wenigstens wieder einige Töne

anschlagen zu hören. Vielleicht ließ er sich dadurch auf fünf Minuten

fesseln und bewegen, die Proben allmählich wieder aufzunehmen.

In diesem Augenblick, als sie an der Seite des Kandidaten gerade

mitten im Zimmer war und die Nähe seiner Schulter ganz besonders

suchte, kam ihr Mann eilig die Wendeltreppe herauf und blieb auf der

vorletzten Stufe verblüfft stehen. Er hatte sich nur kurze Zeit in

der Bank aufgehalten und war um diese ungewöhnliche Zeit nach Hause

zurückgekehrt, da er wichtige Papiere gebrauchte, die er im Geheimfach

seines Schreibtisches verwahrte.

Den Kandidaten durchfuhr ein tödlicher Schreck, und sofort verrenkte

er sich zu einer tiefen Verbeugung. Am liebsten hätte er sich einige

Meilen fortgewünscht; denn obgleich er ein reines Gewissen hatte,

fühlte er sich mitschuldig an diesem Aufzug.

Der Bankdirektor machte ein Gesicht, aus dem zunächst der größte Weise

nicht hätte klug werden können, dann aber, als er die trostlose Miene

des Kandidaten sah, erinnerte er sich sofort der unberechenbaren Launen

seiner Frau und sagte spöttisch: »Ich störe die Herrschaften doch

nicht? Ich denke, die Konzerte sind aufgehoben?«

Fröhlich, dem der Angstschweiß auf die Stirn trat, fand sofort einen

Ausweg aus seiner Pein. »Gnädige Frau haben befohlen.«

Roderich lachte und kam ganz herauf. »Das kann ich mir denken, Herr

Kandidat.« Dann aber wurde er ernst, als Agathe, die sofort ihre

Beherrschung fand, auf ihren Fuß hinwies, mit einer so tragischen

Gebärde, daß er an die Verletzung glauben mußte. Schwer ließ sie sich

auf den Klaviersessel fallen. Der Kandidat jedoch, der sich wie erlöst

von hartem Joch fühlte, verbeugte sich nach beiden Seiten und verließ

das Zimmer.

»Eine Momentphotographie wäre unbezahlbar gewesen,« sagte Roderich

wieder. »Agathe, ich verstehe Dich gar nicht mehr. Laß doch den armen

Kandidaten zufrieden, er hat andere Dinge zu tun, als Dir die Zeit

zu verkürzen! Gott sei Dank neige ich nicht zur Eifersucht, sonst

könnte ich dieses Puppenspiel tragisch auffassen ... Was hast Du denn

eigentlich?«

Sie mußte die kleine Komödie fortsetzen und verzog das Gesicht aufs

neue, indem sie mit der Hand nach dem Fuß fuhr. Es sei aber nicht

bedeutend, sie habe sich nur etwas vertreten. Zufällig sei Fröhlich

gerade hinzugekommen, den sie über Walter gefragt habe, und so sei er

so freundlich gewesen, sie ans Klavier zu führen.

Roderich war dafür, zum Sanitätsrat zu schicken.

Sofort wurde sie aufgebracht. »Aber ich bitte Dich, um solcher Lappalie

willen! Ein wenig verknackst, das ist das Ganze. Ich werde mir sofort

eine kalte Kompresse machen und Du sollst sehen, morgen ist es gut.«

Der Bankdirektor hatte andere Dinge im Kopf, und so beruhigte er sich

dabei, da er schnell fort mußte. Er gab ihr den üblichen Gewohnheitskuß

auf die Stirn und ging. Da sein Wagen, der ihn heute früh nach der

Bank gebracht hatte, bereits wieder nach Hause gefahren war, so hatte

er sich eine Droschke genommen, die auf der Straße noch hielt, weil er

nicht abermals anspannen lassen wollte. Kaum war er wieder unterwegs,

als der Sanitätsrat in seiner etwas unmodernen Kutsche ihm entgegenkam.

Roderich betrachtete das als einen Fingerzeig und ließ halten, was der

andere auch tat. Rasch verständigte er den Hausarzt von dem kleinen

Unfall und fuhr dann erst ganz beruhigt weiter.

Familiensklaven · 第 20 / 33 题