XIV.

Als er eintrat und sich zur Begrüßung höflich verbeugte, empfing ihn

Frau Roderich mit einem verheißungsvollen Lächeln. Ihre innere Wut

über Fanny war verflogen, denn nun glaubte sie durch den Anblick des

Verehrten reichliche Entschädigung für ihren Abfall zu haben. Rasch

hatte sie inzwischen wieder den Handspiegel zu Rate gezogen, war mit

der Puderquaste über die edlen Züge gefahren und hatte mit dem zarten

Spitzentaschentuch um die Mundwinkel nachgeholfen, um die gefärbten

Lippen, die so knospenrot leuchteten, durch keinen weißen Strich

getrübt zu sehen. Noch immer durchglühte die Sonne den Vorhang, und

so lag die schöne Frau da wie ein weißes Marmorbild auf einem jener

Sarkophage, die geheimnisvolles buntes Licht durch versteckte Scheiben

empfangen und durch das Spiel der Sonnenstrahlen die Täuschung des

Lebens erwecken.

Frau Agathe lebte allerdings, und das bewies sie dem Kandidaten

sogleich durch das holde Oeffnen ihrer Lippen und durch den sanften

Wink mit der lässig erhobenen Rechten.

»Treten Sie doch näher, Herr Kandidat, und nehmen Sie ein Weilchen

Platz -- nicht dort, hier, bitte. Das Sprechen wird mir heute etwas

schwer. Es ist gewiß einmal eine Erholung für Sie, den Unterricht

angenehm zu unterbrechen. Unser Walterchen wird ja doch noch klug

genug.«

Trotzdem sie vorher in einer hysterischen Anwandlung zu Fanny fast

geschrieen hatte, tat sie jetzt so, als könnte sie die Worte nur mit

Anstrengung über die Lippen bringen. Sie wußte, daß eine derartige

Ermattung manchmal gut kleidet und auf schwermütige Naturen, zu denen

sie den Kandidaten rechnete, ihre Wirkung nicht verfehlt.

Neben dem Ruhebett stand ein runder Seidensessel ohne Lehne, auf

den sie gedeutet hatte. Und so trat Fröhlich zögernd näher, mit den

Gefühlen eines armen Mannes, dem man eine saure Frucht dargeboten hat,

die er aus Höflichkeit genießen muß, ohne den Geschmack zu verraten.

Er nahm Platz, den Schreck noch in den Gliedern, der ihn steif und

unbeholfen machte. Nicht gewöhnt, auf solchen niedrigen, weichen

Pfühlen zu sitzen, was ihm immer wie eine gesellschaftliche Kunst

erschienen war, die man erst lernen müsse, wußte er nicht recht, wo er

die langen Beinen lassen sollte, und so standen sie etwas schief, so

daß die herausgedrückten spitzen Kniee oben zusammenstießen; und die

Hände lagen gespreizt auf den Oberschenkeln. Die Flügel des schwarzen

Taillenrockes jedoch, der mit seinem pastoralen Anstrich so gar nicht

in diese bunt schillernde Umgebung von Tausend und eine Nacht paßte,

hingen trostlos auf den türkischen Teppich hinab, als sollten sie die

Trauer im Gemüte ihres Besitzers andeuten.

Trotzdem der Kandidat mit Vorliebe dunkel gekleidet ging, trug er stets

tadellose Anzüge, wie es sich für ein vornehmes Haus gehörte, und dazu

blendend weiße Wäsche, auf deren gestärkten Zustand er besonderes

Gewicht legte; auch um einwandsfreie Krawatten war er stets besorgt.

Da er überdies einen sehr reinen Teint hatte, »durchgeistigten«, wie

Frau Agathe wiederholt behauptete, und da sein schönes braunes Haar

in natürlichen Wellen sorgsam geordnet war, so gehörte er zu den

Menschen, die auf die Dauer unbedingt fesseln müssen, trotzdem man

sich gegen das Düstere in ihrer Erscheinung zuerst gesträubt hatte.

Seine Hände und Füße waren auffallend klein, und die letzten steckten

in durchaus modernem Schuhwerk, das ihre Zierlichkeit noch mehr

hervortreten ließ.

Während sich Frau Agathe mit einigen nichtssagenden Worten nach

den Fortschritten Walters erkundigte, betrachtete sie ihn mit

gnädigem Wohlgefallen. Das Wort »Familiensklave« schoß ihr durch

den Sinn, und so knüpfte sie daran eine Gedankenkette, die sich um

Fröhlich schlang. Dieser Mann, der des Hauses Brot aß, hatte ihre

Herrschernatur verletzt, und so sollte er wieder das Knie beugen und,

Verzeihung erflehend, zu den alten Spielen zurückkehren. Es gab auch

Frauensklaven, die sich lustig in der Gesellschaft herumtummelten

und auf einen Wink gehorchten (der Bankdirektor nannte sie

»Salongeschmeiß«), die der Frau vom Hause niemals von der Seite gingen,

ihr die Schleppe geistig nachtrugen, jedes Wort aus ihrem Munde wie

eine Offenbarung anerkannten, stets bereit waren, kleine Gefälligkeiten

zu erweisen und auf den Tag der Erfüllung ihrer Sehnsucht hofften,

der aber niemals kam. Im Grunde genommen waren sie die lebende

Salontapete, die sich jeder freigebige Hausherr leisten konnte.

Und in der Villa Roderich gab es an den Winterabenden, wo sämtliche

Räume in einem Lichtmeer schwammen, ein ganzes Rudel solcher männlicher

befrackter Sklaven, die sich alle angenehm verschworen zu haben

schienen, einen Blick der üppigen Sirene zu erhaschen, oder sich im

Beifallklatschen zu überbieten, sobald sie am Bechstein saß und die

Ueberreste ihrer Stimme mit Anstrengung zusammenhielt. Größtenteils

waren es junge, unverheiratete Prokuristen aus der Bank, oder kleine

ledige Bankiers, denen daran lag, über die Hausherrin hinweg sich die

Freundschaft ihres mächtigen Mannes zu erhalten. Dazwischen tummelten

sich junge Künstler, Bildhauer und Maler, die danach gampelten, eine

Büste oder ein Porträt der Gnädigen vom Gastgeber bestellt zu bekommen.

Beim kalten Buffet, das Sektglas in der Hand, wurde Stimmung dafür

gemacht, in so lauten Schönheitsanerkennungen, daß dem Bankdirektor

ganz Angst wurde bei dieser Fülle von Eigenschaften, die er selbst an

seiner Frau noch nicht entdeckt hatte.

Dann hieß es in den gehörigen Abstufungen und mit Rücksicht auf die

Gelegenheit dazu: »Gnädige Frau sind heute wieder von einer Frische

-- bezaubernd! Ich wollte, ich könnte diese Farben einmal auf meiner

Palette haben ..... Gnädige Frau haben einen Hals zum modellieren,

geradezu klassisch. Wann darf ich auf die erste Sitzung hoffen?« Und

ein besonders kecker Atelierzigeuner, der dafür bekannt war, alles

auf eine Karte zu setzen, sagte unverwüstlich: »Also abgemacht, Frau

Bankdirektor, nächsten Sonnabend geben Sie mir die Ehre. Die Leinwand

steht schon auf der Staffelei. Ich male Sie als Königin der Nacht. Die

Blüte, die sich öffnet, sind Ihre Lippen, die den Gesang entströmen

lassen.« Sofort raunte ihm ein anderer witzig zu: »Wenn sie doch nur

einmal im Jahre singen wollte!«

Später, im Café, wenn die Beruhigungsschwarze getrunken wurde, hieß es

dann: »Aufgetakelt war sie wieder und angestrichen, wie die schönste

Kalkwand.« ... »Ich bin ordentlich froh, daß ich sie nicht zu malen

brauche.«

Frau Roderich kannte diese Sorte und wußte, was von ihrem Lob zu

halten war. Deshalb versprach sie jedem etwas und hielt keinem nichts.

Sie aßen und tranken sich alle durch und steckten obendrein noch die

echtesten Zigarren ein, die berühmte »Eine«, die auf dem Nachhausewege

reichen sollte, sich jedoch verdoppelte und verdreifachte. Aber es

waren fidele Gesellschafter, die den Abend verkürzten, und da man sich

gegenseitig durchschaute, hatte man sich nichts vorzuwerfen.

Fröhlich war von anderer Art, vom Zauber gesellschaftlicher Unkenntnis

umwoben, noch ungetrübt von der Doppelzüngigkeit dieser Welt, mit

einem Stich ins Naturburschenartige, das von der Kulturlüge noch

nicht beleckt war. Er hatte noch die großen Ideale im Herzen, die

die andern eigentlich nur auf den Lippen führten; er strahlte Sonne

aus, die andern nur elektrisches Licht. Sie verglich ihn mit einem

Spielzeug, das noch Harzgeruch ausströmte und nicht wie das übliche

öde angestrichen und bunt bewimpelt war. Was er sagte, konnte nur

~einer~ Frau gelten, die vielköpfige Salontapete schwatzte es

hundert andern ins Gesicht.

Ihre ewig regen Gelüste sehnten sich nach einem solchen süßen Sklaven,

der ihr wie Wachs durch die Finger gleiten würde, und ihrer Ansicht

nach durfte Fröhlich nur von Glück sagen, wenn sie ihn dazu erhöbe.

»Wir sind uns eigentlich recht fremd geworden, ich sehe Sie gar nicht

mehr, mein Bester,« sagte sie mit ihrem schönsten Lächeln.

»Aber ich bitte, gnädige Frau --,« wandte er verlegen ein. »Ich bin den

ganzen Vormittag fleißig beim Unterricht, und da überdies die bekannte

Veränderung eingetreten ist.«

»Leider, leider,« stieß sie seufzend hervor. »Daß Sie mir mit Ihrer

Kunst so schnell untreu werden würden, hätte ich nie geglaubt -- mit

Ihrer ~wahren~ Kunst! Ich habe erst gestern zu meinem Manne

gesagt, einen Anschlag hätten Sie, eine Weichheit des Ausdrucks

-- geradezu wie ein Virtuose. Ließ es sich denn gar nicht anders

arrangieren? Hätten Sie ~mir~ doch vorher die leiseste Andeutung

darüber gemacht -- mein Gott, vielleicht hätte Ihr Bruder bei uns essen

können, oder vielleicht hätte mein Mann Ihnen das vergütet, Sie haben

ja auch Opfer an Zeit gebracht, ich sehe es ein. Irgend ein Ausweg

hätte sich schon gefunden! Ich kann sagen, Sie fehlen mir geradezu,

ich hatte mich schon so sehr an Sie gewöhnt. Sie wissen, daß beim

künstlerischen Zusammenwirken der Partner eine große Rolle spielt, --

aber natürlich wissen Sie das -- eine fein empfindende Natur, wie Sie!

Wie harmonisch klang nicht immer alles, wenn Sie mich begleiteten,

meine Stimme lebte förmlich auf, ich fühlte es selbst, wie sie sich

stärkte und an Umfang zunahm.«

Ihre leidende Sprechweise war merkwürdig schnell verschwunden; die

Worte sprudelten ihr wieder über die Lippen, und sie plapperte immer

nervöser, je mehr sie sich in dieses Gebiet vertiefte. Alles, was

sich während der letzten Tage in ihr angesammelt hatte, mußte heraus.

Schließlich wurde sie so erregt, daß Aeffi hervorschoß, seine Pfötchen

emporstreckte und den Versuch machte, ihr die Hand zu lecken, was sie

aber aus Puderrücksichten abwehrte.

Der Kandidat saß wie auf Kohlen. Fortwährend dachte er an seinen

Schüler und an irgend eine Ausrede, durch die er so schnell als

möglich wieder zu ihm gelangen könne. Aus Höflichkeit nickte er nur

zerstreut, aber er hätte schwören können, ihren Worten nicht gefolgt

zu sein. In Gedanken stöhnte er: »Ein fürchterliches Weib! Der arme

Bankdirektor!« Dann aber schwebte ihm vor, daß sie etwas von seinem

Bruder gesprochen habe, und so erlaubte er sich die Einwendung, daß er

zwar ihre gute Absicht dankend anerkenne, aber eine andere Einrichtung

nicht habe treffen können. Gern hätte er einmal nach der Uhr gesehen,

und so hatte er auch schon wiederholt die bekannte Handbewegung danach

gemacht, sich aber jedesmal rechtzeitig besonnen.

Seiner Berechnung nach mußte es bald zwölf sein. Um diese Zeit nahm er

ein kleines Frühstück ein, das man ihm im Hause vorsetzte, ohne daß er

den Unterricht dadurch unterbrach. Sicher würde dann das Mädchen kommen

und es ihm melden. Vielleicht wäre dann Gelegenheit zur Flucht gewesen.

»Haben Sie noch nie daran gedacht, sich mal zu verheiraten?« fragte sie

plötzlich unvermittelt.

Der Kandidat bekam einen freudigen Schreck. Vielleicht hatte er

sich doch in ihrem Wesen getäuscht, vielleicht war eine plötzliche

Umwandlung in ihr eingetreten und sie wollte sein stilles Verhältnis zu

dem Fräulein fördern helfen.

»Allerdings, gnädige Frau, habe ich schon daran gedacht, es wird aber

von meiner Anstellung an einer Schule abhängen.«

»Mein Mann kann Ihnen vielleicht dabei behilflich sein,« fuhr sie

fort. »Er kennt verschiedene Schulräte, ich habe ja davon gehört, daß

die Protektion dabei eine große Rolle spielt. Wir hatten für unsern

Rudi einen Kandidaten zur Nachhilfe, dem es ebenso gegangen ist. Sie

glauben es kaum, was der für Visiten machen mußte. Denn er wollte an

eine städtische Schule kommen.«

Fröhlich empfand so etwas wie Wonne. »Ich würde Ihrem Herrn Gemahl

jedenfalls außerordentlich dankbar sein, wenn er mir durch seinen

großen Einfluß die Wege ebenen wollte. Und wenn gnädige Frau dann die

Güte hätten, den Herrn Bankdirektor daran zu erinnern --.«

Sie unterbrach ihn gelassen: »Schließlich hat er sich dann mit der

Tochter eines Schulinspektors verlobt, und da war es gleich so weit.

Nach solchen Töchtern müßten sie sich auch umsehen. Sie müssen mehr

heraus aus sich, mehr Beziehungen anknüpfen. Ich denke, es wird sich

mal im nächsten Winter so etwas anbahnen lassen, an einem Abend bei

uns. Man ladet da einfach so einen Schulgewaltigen ein. Mein Mann kennt

auch sonst noch einflußreiche Persönlichkeiten. Sie müssen dann mehr

in unsern Zirkel hinein, letzten Winter hat es sich wenig gemacht. Sie

dürfen nicht so menschenscheu sein. Denken Sie daran, wie musikalisch

Sie sind! Ich singe, und Sie begleiten mich dann. Ich habe schon öfters

daran gedacht. Es wäre nett -- sehr nett sogar.«

Im Augenblick schien sie davon zu träumen, denn ihre Augen schlossen

sich, und ihre letzten Worte verklangen wie ein prosaischer Gesang.

Fröhlich war bestürzt, denn er wußte nicht, was er darauf sagen sollte.

Stammelnd brachte er einige Worte hervor, die den Dank für diese

»neue Auszeichnung« enthielten; das übrige würgte er sich herunter,

so verlockend ihm auch die Aussicht erschien, auf diesem krummen Wege

zugleich Gymnasiallehrer und Schwiegersohn zu werden. Sofort schwebte

ihm Fannys süßes Gesicht vor, und es lag nahe, daß er damit die

vielleicht magere und überjährige Erscheinung einer Schulratstochter

verglich, die ihm aus Gründen endlicher Versorgung mit auf den

Berufsweg gegeben werden sollte. Er hatte von ähnlichen Beispielen

gehört, die zur allmählichen Verknöcherung ehemaliger, sehr fideler

Schulamtskandidaten geführt hatten.

Nein, das war nichts für Oswald Fröhlich! Lieber wollte er die

Wartezeit noch bis aufs unbestimmte ausgedehnt sehen und sich das

Weibchen nach seinem Geschmack wählen.

Frau Roderich merkte ihm seine Verfassung an, denn alles hatte nur dazu

gedient, ihn zu einer bestimmten Erklärung herauszufordern. »Sie sind

doch nicht schon etwa irgendwo gefesselt?« fragte sie mit erzwungenem

Lächeln. »Herr Kandidat, machen Sie keine Dummheiten! Bleiben Sie nicht

irgendwo hängen! Sie gehören zu den unerfahrenen Naturen, die leicht zu

täuschen sind.«

»Wenn Du wüßtest!« dachte Fröhlich; dann aber erwiderte er: »Gnädige

Frau brauchen nichts zu befürchten, ich bleibe meiner Gesinnung treu.

Ich werde meinen Namen nie an den einer Unwürdigen knüpfen.« Und wieder

streckte er die Hand nach der Westentasche aus, ohne den letzten Mut zu

finden.

Dieser Hinweis, den sie falsch auffaßte, berührte sie wohltuend;

zugleich aber mischte sich ein Tropfen Aerger hinein, denn nach

ihrer Meinung umging er den Kern der Frage. Und so sagte sie kurz

entschlossen: »Das freut mich um Ihretwillen, Herr Kandidat. Ich hatte

nämlich die Empfindung, daß Fräulein hinter Ihnen her sei, und daß Sie

vielleicht --. Du lieber Himmel, was wagen die Mädchen nicht alles,

um zu einem Mann zu kommen. Man kann niemals genau wissen, was um

einen herum vorgeht. Sie sind eben zu blind, Sie müssen mehr die Augen

öffnen, lieber Herr Fröhlich! Was denken Sie -- ich glaube sogar, sie

bildet sich etwas darauf ein, daß mein Sohn sie auszeichnet. Und so

ein Junge denkt sich gar nichts dabei, aber er ist eben schon in einem

Alter, wo die Eltern besorgt sein müssen. Ich habe sie beide dringend

verwarnt.«

In diesem Augenblick, wo dem Kandidaten das Blut ins Gesicht schoß und

seine Wahrheitsliebe rücksichtslos mit ihm durchgehen wollte, selbst

zu seinem persönlichen Nachteil, wurden sie jäh in ihrer Unterhaltung

gestört. Walter kam aufgeregt hereingestürzt, dem Weinen nahe. »Denk

Dir nur, Mama, Rudi hat mich geschlagen!« rief er laut. »Ich war hinten

und sah ihn in Fräuleins Zimmer gehen, und weil ich Dir's sagen wollte,

gab er mir eins. Was hat er darin zu suchen, wenn sie nicht hier ist!

Gewiß wollte er herumkramen. Er sagte, es habe brandig gerochen. Immer

hat er etwas gegen mich. Ich werde es Papa sagen.«

Frau Roderich beherrschte sofort den Vorgang. »Das wirst Du nicht tun!«

erwiderte sie streng, »das werde ich schon besorgen. Du brauchst auch

nicht Deine Nase überall hinzustecken! Es ist doch hübsch von Rudi,

wenn er irgend eine Gefahr wittert. Neulich roch es auch schon so.

Fräulein verbrennt immer ihre ausgekämmten Haare auf dem Spiritus. Das

kann sie in der Küche machen. Ich habe es ihr schon mehrmals gesagt.

Jetzt geh nur und beruhige Dich! Uebrigens sollst Du immer anklopfen,

mein Junge; vergiß das nicht!«

Der Kandidat hatte sich erhoben, bewegt von sonderbaren Gefühlen. Er

glaubte endlich die Gelegenheit benutzen zu können, sich mit seinem

Schüler zugleich zurückziehen zu dürfen. Aber Frau Roderich bat ihn,

noch zu bleiben. Als sie wieder mit ihm allein war, richtete sie sich

zur sitzenden Stellung empor, denn sie hatte gemerkt, daß er keine

Neigung zeigte, abermals Platz zu nehmen. Endlich hatte er auch den Mut

gefunden, die Uhr zu ziehen.

»Man hat mit seinen Kindern weiter nichts wie Aerger,« sagte sie,

um die Pause der Verlegenheit auszufüllen. »Eigentlich paßt es mir

auch nicht, daß der Junge in Fräuleins Zimmer geht. Er hat bei der

Dienerschaft nichts zu suchen.«

»Ich muß mich darüber jeglichen Urteils enthalten, gnädige Frau,« gab

Fröhlich zurück.

Sein entschlossener Ernst verstimmte sie, aber sie zwang sich zur

Liebenswürdigkeit. Das erste Mißtrauen war gesäet, und so erklärte sie

sich dadurch sein Verhalten. Es galt nun, ihm immer mehr ihr Vertrauen

zu beweisen. Mit Geduld fing man nicht nur Fliegen, sondern erzog sich

auch die Sklaven. »Sie könnten mir eine kleine Gefälligkeit erweisen,

Herr Kandidat,« sagte sie wieder nach einem Weilchen.

Familiensklaven · 第 19 / 33 题