Als er eintrat und sich zur Begrüßung höflich verbeugte, empfing ihn
Frau Roderich mit einem verheißungsvollen Lächeln. Ihre innere Wut
über Fanny war verflogen, denn nun glaubte sie durch den Anblick des
Verehrten reichliche Entschädigung für ihren Abfall zu haben. Rasch
hatte sie inzwischen wieder den Handspiegel zu Rate gezogen, war mit
der Puderquaste über die edlen Züge gefahren und hatte mit dem zarten
Spitzentaschentuch um die Mundwinkel nachgeholfen, um die gefärbten
Lippen, die so knospenrot leuchteten, durch keinen weißen Strich
getrübt zu sehen. Noch immer durchglühte die Sonne den Vorhang, und
so lag die schöne Frau da wie ein weißes Marmorbild auf einem jener
Sarkophage, die geheimnisvolles buntes Licht durch versteckte Scheiben
empfangen und durch das Spiel der Sonnenstrahlen die Täuschung des
Lebens erwecken.
Frau Agathe lebte allerdings, und das bewies sie dem Kandidaten
sogleich durch das holde Oeffnen ihrer Lippen und durch den sanften
Wink mit der lässig erhobenen Rechten.
»Treten Sie doch näher, Herr Kandidat, und nehmen Sie ein Weilchen
Platz -- nicht dort, hier, bitte. Das Sprechen wird mir heute etwas
schwer. Es ist gewiß einmal eine Erholung für Sie, den Unterricht
angenehm zu unterbrechen. Unser Walterchen wird ja doch noch klug
genug.«
Trotzdem sie vorher in einer hysterischen Anwandlung zu Fanny fast
geschrieen hatte, tat sie jetzt so, als könnte sie die Worte nur mit
Anstrengung über die Lippen bringen. Sie wußte, daß eine derartige
Ermattung manchmal gut kleidet und auf schwermütige Naturen, zu denen
sie den Kandidaten rechnete, ihre Wirkung nicht verfehlt.
Neben dem Ruhebett stand ein runder Seidensessel ohne Lehne, auf
den sie gedeutet hatte. Und so trat Fröhlich zögernd näher, mit den
Gefühlen eines armen Mannes, dem man eine saure Frucht dargeboten hat,
die er aus Höflichkeit genießen muß, ohne den Geschmack zu verraten.
Er nahm Platz, den Schreck noch in den Gliedern, der ihn steif und
unbeholfen machte. Nicht gewöhnt, auf solchen niedrigen, weichen
Pfühlen zu sitzen, was ihm immer wie eine gesellschaftliche Kunst
erschienen war, die man erst lernen müsse, wußte er nicht recht, wo er
die langen Beinen lassen sollte, und so standen sie etwas schief, so
daß die herausgedrückten spitzen Kniee oben zusammenstießen; und die
Hände lagen gespreizt auf den Oberschenkeln. Die Flügel des schwarzen
Taillenrockes jedoch, der mit seinem pastoralen Anstrich so gar nicht
in diese bunt schillernde Umgebung von Tausend und eine Nacht paßte,
hingen trostlos auf den türkischen Teppich hinab, als sollten sie die
Trauer im Gemüte ihres Besitzers andeuten.
Trotzdem der Kandidat mit Vorliebe dunkel gekleidet ging, trug er stets
tadellose Anzüge, wie es sich für ein vornehmes Haus gehörte, und dazu
blendend weiße Wäsche, auf deren gestärkten Zustand er besonderes
Gewicht legte; auch um einwandsfreie Krawatten war er stets besorgt.
Da er überdies einen sehr reinen Teint hatte, »durchgeistigten«, wie
Frau Agathe wiederholt behauptete, und da sein schönes braunes Haar
in natürlichen Wellen sorgsam geordnet war, so gehörte er zu den
Menschen, die auf die Dauer unbedingt fesseln müssen, trotzdem man
sich gegen das Düstere in ihrer Erscheinung zuerst gesträubt hatte.
Seine Hände und Füße waren auffallend klein, und die letzten steckten
in durchaus modernem Schuhwerk, das ihre Zierlichkeit noch mehr
hervortreten ließ.
Während sich Frau Agathe mit einigen nichtssagenden Worten nach
den Fortschritten Walters erkundigte, betrachtete sie ihn mit
gnädigem Wohlgefallen. Das Wort »Familiensklave« schoß ihr durch
den Sinn, und so knüpfte sie daran eine Gedankenkette, die sich um
Fröhlich schlang. Dieser Mann, der des Hauses Brot aß, hatte ihre
Herrschernatur verletzt, und so sollte er wieder das Knie beugen und,
Verzeihung erflehend, zu den alten Spielen zurückkehren. Es gab auch
Frauensklaven, die sich lustig in der Gesellschaft herumtummelten
und auf einen Wink gehorchten (der Bankdirektor nannte sie
»Salongeschmeiß«), die der Frau vom Hause niemals von der Seite gingen,
ihr die Schleppe geistig nachtrugen, jedes Wort aus ihrem Munde wie
eine Offenbarung anerkannten, stets bereit waren, kleine Gefälligkeiten
zu erweisen und auf den Tag der Erfüllung ihrer Sehnsucht hofften,
der aber niemals kam. Im Grunde genommen waren sie die lebende
Salontapete, die sich jeder freigebige Hausherr leisten konnte.
Und in der Villa Roderich gab es an den Winterabenden, wo sämtliche
Räume in einem Lichtmeer schwammen, ein ganzes Rudel solcher männlicher
befrackter Sklaven, die sich alle angenehm verschworen zu haben
schienen, einen Blick der üppigen Sirene zu erhaschen, oder sich im
Beifallklatschen zu überbieten, sobald sie am Bechstein saß und die
Ueberreste ihrer Stimme mit Anstrengung zusammenhielt. Größtenteils
waren es junge, unverheiratete Prokuristen aus der Bank, oder kleine
ledige Bankiers, denen daran lag, über die Hausherrin hinweg sich die
Freundschaft ihres mächtigen Mannes zu erhalten. Dazwischen tummelten
sich junge Künstler, Bildhauer und Maler, die danach gampelten, eine
Büste oder ein Porträt der Gnädigen vom Gastgeber bestellt zu bekommen.
Beim kalten Buffet, das Sektglas in der Hand, wurde Stimmung dafür
gemacht, in so lauten Schönheitsanerkennungen, daß dem Bankdirektor
ganz Angst wurde bei dieser Fülle von Eigenschaften, die er selbst an
seiner Frau noch nicht entdeckt hatte.
Dann hieß es in den gehörigen Abstufungen und mit Rücksicht auf die
Gelegenheit dazu: »Gnädige Frau sind heute wieder von einer Frische
-- bezaubernd! Ich wollte, ich könnte diese Farben einmal auf meiner
Palette haben ..... Gnädige Frau haben einen Hals zum modellieren,
geradezu klassisch. Wann darf ich auf die erste Sitzung hoffen?« Und
ein besonders kecker Atelierzigeuner, der dafür bekannt war, alles
auf eine Karte zu setzen, sagte unverwüstlich: »Also abgemacht, Frau
Bankdirektor, nächsten Sonnabend geben Sie mir die Ehre. Die Leinwand
steht schon auf der Staffelei. Ich male Sie als Königin der Nacht. Die
Blüte, die sich öffnet, sind Ihre Lippen, die den Gesang entströmen
lassen.« Sofort raunte ihm ein anderer witzig zu: »Wenn sie doch nur
einmal im Jahre singen wollte!«
Später, im Café, wenn die Beruhigungsschwarze getrunken wurde, hieß es
dann: »Aufgetakelt war sie wieder und angestrichen, wie die schönste
Kalkwand.« ... »Ich bin ordentlich froh, daß ich sie nicht zu malen
brauche.«
Frau Roderich kannte diese Sorte und wußte, was von ihrem Lob zu
halten war. Deshalb versprach sie jedem etwas und hielt keinem nichts.
Sie aßen und tranken sich alle durch und steckten obendrein noch die
echtesten Zigarren ein, die berühmte »Eine«, die auf dem Nachhausewege
reichen sollte, sich jedoch verdoppelte und verdreifachte. Aber es
waren fidele Gesellschafter, die den Abend verkürzten, und da man sich
gegenseitig durchschaute, hatte man sich nichts vorzuwerfen.
Fröhlich war von anderer Art, vom Zauber gesellschaftlicher Unkenntnis
umwoben, noch ungetrübt von der Doppelzüngigkeit dieser Welt, mit
einem Stich ins Naturburschenartige, das von der Kulturlüge noch
nicht beleckt war. Er hatte noch die großen Ideale im Herzen, die
die andern eigentlich nur auf den Lippen führten; er strahlte Sonne
aus, die andern nur elektrisches Licht. Sie verglich ihn mit einem
Spielzeug, das noch Harzgeruch ausströmte und nicht wie das übliche
öde angestrichen und bunt bewimpelt war. Was er sagte, konnte nur
~einer~ Frau gelten, die vielköpfige Salontapete schwatzte es
hundert andern ins Gesicht.
Ihre ewig regen Gelüste sehnten sich nach einem solchen süßen Sklaven,
der ihr wie Wachs durch die Finger gleiten würde, und ihrer Ansicht
nach durfte Fröhlich nur von Glück sagen, wenn sie ihn dazu erhöbe.
»Wir sind uns eigentlich recht fremd geworden, ich sehe Sie gar nicht
mehr, mein Bester,« sagte sie mit ihrem schönsten Lächeln.
»Aber ich bitte, gnädige Frau --,« wandte er verlegen ein. »Ich bin den
ganzen Vormittag fleißig beim Unterricht, und da überdies die bekannte
Veränderung eingetreten ist.«
»Leider, leider,« stieß sie seufzend hervor. »Daß Sie mir mit Ihrer
Kunst so schnell untreu werden würden, hätte ich nie geglaubt -- mit
Ihrer ~wahren~ Kunst! Ich habe erst gestern zu meinem Manne
gesagt, einen Anschlag hätten Sie, eine Weichheit des Ausdrucks
-- geradezu wie ein Virtuose. Ließ es sich denn gar nicht anders
arrangieren? Hätten Sie ~mir~ doch vorher die leiseste Andeutung
darüber gemacht -- mein Gott, vielleicht hätte Ihr Bruder bei uns essen
können, oder vielleicht hätte mein Mann Ihnen das vergütet, Sie haben
ja auch Opfer an Zeit gebracht, ich sehe es ein. Irgend ein Ausweg
hätte sich schon gefunden! Ich kann sagen, Sie fehlen mir geradezu,
ich hatte mich schon so sehr an Sie gewöhnt. Sie wissen, daß beim
künstlerischen Zusammenwirken der Partner eine große Rolle spielt, --
aber natürlich wissen Sie das -- eine fein empfindende Natur, wie Sie!
Wie harmonisch klang nicht immer alles, wenn Sie mich begleiteten,
meine Stimme lebte förmlich auf, ich fühlte es selbst, wie sie sich
stärkte und an Umfang zunahm.«
Ihre leidende Sprechweise war merkwürdig schnell verschwunden; die
Worte sprudelten ihr wieder über die Lippen, und sie plapperte immer
nervöser, je mehr sie sich in dieses Gebiet vertiefte. Alles, was
sich während der letzten Tage in ihr angesammelt hatte, mußte heraus.
Schließlich wurde sie so erregt, daß Aeffi hervorschoß, seine Pfötchen
emporstreckte und den Versuch machte, ihr die Hand zu lecken, was sie
aber aus Puderrücksichten abwehrte.
Der Kandidat saß wie auf Kohlen. Fortwährend dachte er an seinen
Schüler und an irgend eine Ausrede, durch die er so schnell als
möglich wieder zu ihm gelangen könne. Aus Höflichkeit nickte er nur
zerstreut, aber er hätte schwören können, ihren Worten nicht gefolgt
zu sein. In Gedanken stöhnte er: »Ein fürchterliches Weib! Der arme
Bankdirektor!« Dann aber schwebte ihm vor, daß sie etwas von seinem
Bruder gesprochen habe, und so erlaubte er sich die Einwendung, daß er
zwar ihre gute Absicht dankend anerkenne, aber eine andere Einrichtung
nicht habe treffen können. Gern hätte er einmal nach der Uhr gesehen,
und so hatte er auch schon wiederholt die bekannte Handbewegung danach
gemacht, sich aber jedesmal rechtzeitig besonnen.
Seiner Berechnung nach mußte es bald zwölf sein. Um diese Zeit nahm er
ein kleines Frühstück ein, das man ihm im Hause vorsetzte, ohne daß er
den Unterricht dadurch unterbrach. Sicher würde dann das Mädchen kommen
und es ihm melden. Vielleicht wäre dann Gelegenheit zur Flucht gewesen.
»Haben Sie noch nie daran gedacht, sich mal zu verheiraten?« fragte sie
plötzlich unvermittelt.
Der Kandidat bekam einen freudigen Schreck. Vielleicht hatte er
sich doch in ihrem Wesen getäuscht, vielleicht war eine plötzliche
Umwandlung in ihr eingetreten und sie wollte sein stilles Verhältnis zu
dem Fräulein fördern helfen.
»Allerdings, gnädige Frau, habe ich schon daran gedacht, es wird aber
von meiner Anstellung an einer Schule abhängen.«
»Mein Mann kann Ihnen vielleicht dabei behilflich sein,« fuhr sie
fort. »Er kennt verschiedene Schulräte, ich habe ja davon gehört, daß
die Protektion dabei eine große Rolle spielt. Wir hatten für unsern
Rudi einen Kandidaten zur Nachhilfe, dem es ebenso gegangen ist. Sie
glauben es kaum, was der für Visiten machen mußte. Denn er wollte an
eine städtische Schule kommen.«
Fröhlich empfand so etwas wie Wonne. »Ich würde Ihrem Herrn Gemahl
jedenfalls außerordentlich dankbar sein, wenn er mir durch seinen
großen Einfluß die Wege ebenen wollte. Und wenn gnädige Frau dann die
Güte hätten, den Herrn Bankdirektor daran zu erinnern --.«
Sie unterbrach ihn gelassen: »Schließlich hat er sich dann mit der
Tochter eines Schulinspektors verlobt, und da war es gleich so weit.
Nach solchen Töchtern müßten sie sich auch umsehen. Sie müssen mehr
heraus aus sich, mehr Beziehungen anknüpfen. Ich denke, es wird sich
mal im nächsten Winter so etwas anbahnen lassen, an einem Abend bei
uns. Man ladet da einfach so einen Schulgewaltigen ein. Mein Mann kennt
auch sonst noch einflußreiche Persönlichkeiten. Sie müssen dann mehr
in unsern Zirkel hinein, letzten Winter hat es sich wenig gemacht. Sie
dürfen nicht so menschenscheu sein. Denken Sie daran, wie musikalisch
Sie sind! Ich singe, und Sie begleiten mich dann. Ich habe schon öfters
daran gedacht. Es wäre nett -- sehr nett sogar.«
Im Augenblick schien sie davon zu träumen, denn ihre Augen schlossen
sich, und ihre letzten Worte verklangen wie ein prosaischer Gesang.
Fröhlich war bestürzt, denn er wußte nicht, was er darauf sagen sollte.
Stammelnd brachte er einige Worte hervor, die den Dank für diese
»neue Auszeichnung« enthielten; das übrige würgte er sich herunter,
so verlockend ihm auch die Aussicht erschien, auf diesem krummen Wege
zugleich Gymnasiallehrer und Schwiegersohn zu werden. Sofort schwebte
ihm Fannys süßes Gesicht vor, und es lag nahe, daß er damit die
vielleicht magere und überjährige Erscheinung einer Schulratstochter
verglich, die ihm aus Gründen endlicher Versorgung mit auf den
Berufsweg gegeben werden sollte. Er hatte von ähnlichen Beispielen
gehört, die zur allmählichen Verknöcherung ehemaliger, sehr fideler
Schulamtskandidaten geführt hatten.
Nein, das war nichts für Oswald Fröhlich! Lieber wollte er die
Wartezeit noch bis aufs unbestimmte ausgedehnt sehen und sich das
Weibchen nach seinem Geschmack wählen.
Frau Roderich merkte ihm seine Verfassung an, denn alles hatte nur dazu
gedient, ihn zu einer bestimmten Erklärung herauszufordern. »Sie sind
doch nicht schon etwa irgendwo gefesselt?« fragte sie mit erzwungenem
Lächeln. »Herr Kandidat, machen Sie keine Dummheiten! Bleiben Sie nicht
irgendwo hängen! Sie gehören zu den unerfahrenen Naturen, die leicht zu
täuschen sind.«
»Wenn Du wüßtest!« dachte Fröhlich; dann aber erwiderte er: »Gnädige
Frau brauchen nichts zu befürchten, ich bleibe meiner Gesinnung treu.
Ich werde meinen Namen nie an den einer Unwürdigen knüpfen.« Und wieder
streckte er die Hand nach der Westentasche aus, ohne den letzten Mut zu
finden.
Dieser Hinweis, den sie falsch auffaßte, berührte sie wohltuend;
zugleich aber mischte sich ein Tropfen Aerger hinein, denn nach
ihrer Meinung umging er den Kern der Frage. Und so sagte sie kurz
entschlossen: »Das freut mich um Ihretwillen, Herr Kandidat. Ich hatte
nämlich die Empfindung, daß Fräulein hinter Ihnen her sei, und daß Sie
vielleicht --. Du lieber Himmel, was wagen die Mädchen nicht alles,
um zu einem Mann zu kommen. Man kann niemals genau wissen, was um
einen herum vorgeht. Sie sind eben zu blind, Sie müssen mehr die Augen
öffnen, lieber Herr Fröhlich! Was denken Sie -- ich glaube sogar, sie
bildet sich etwas darauf ein, daß mein Sohn sie auszeichnet. Und so
ein Junge denkt sich gar nichts dabei, aber er ist eben schon in einem
Alter, wo die Eltern besorgt sein müssen. Ich habe sie beide dringend
verwarnt.«
In diesem Augenblick, wo dem Kandidaten das Blut ins Gesicht schoß und
seine Wahrheitsliebe rücksichtslos mit ihm durchgehen wollte, selbst
zu seinem persönlichen Nachteil, wurden sie jäh in ihrer Unterhaltung
gestört. Walter kam aufgeregt hereingestürzt, dem Weinen nahe. »Denk
Dir nur, Mama, Rudi hat mich geschlagen!« rief er laut. »Ich war hinten
und sah ihn in Fräuleins Zimmer gehen, und weil ich Dir's sagen wollte,
gab er mir eins. Was hat er darin zu suchen, wenn sie nicht hier ist!
Gewiß wollte er herumkramen. Er sagte, es habe brandig gerochen. Immer
hat er etwas gegen mich. Ich werde es Papa sagen.«
Frau Roderich beherrschte sofort den Vorgang. »Das wirst Du nicht tun!«
erwiderte sie streng, »das werde ich schon besorgen. Du brauchst auch
nicht Deine Nase überall hinzustecken! Es ist doch hübsch von Rudi,
wenn er irgend eine Gefahr wittert. Neulich roch es auch schon so.
Fräulein verbrennt immer ihre ausgekämmten Haare auf dem Spiritus. Das
kann sie in der Küche machen. Ich habe es ihr schon mehrmals gesagt.
Jetzt geh nur und beruhige Dich! Uebrigens sollst Du immer anklopfen,
mein Junge; vergiß das nicht!«
Der Kandidat hatte sich erhoben, bewegt von sonderbaren Gefühlen. Er
glaubte endlich die Gelegenheit benutzen zu können, sich mit seinem
Schüler zugleich zurückziehen zu dürfen. Aber Frau Roderich bat ihn,
noch zu bleiben. Als sie wieder mit ihm allein war, richtete sie sich
zur sitzenden Stellung empor, denn sie hatte gemerkt, daß er keine
Neigung zeigte, abermals Platz zu nehmen. Endlich hatte er auch den Mut
gefunden, die Uhr zu ziehen.
»Man hat mit seinen Kindern weiter nichts wie Aerger,« sagte sie,
um die Pause der Verlegenheit auszufüllen. »Eigentlich paßt es mir
auch nicht, daß der Junge in Fräuleins Zimmer geht. Er hat bei der
Dienerschaft nichts zu suchen.«
»Ich muß mich darüber jeglichen Urteils enthalten, gnädige Frau,« gab
Fröhlich zurück.
Sein entschlossener Ernst verstimmte sie, aber sie zwang sich zur
Liebenswürdigkeit. Das erste Mißtrauen war gesäet, und so erklärte sie
sich dadurch sein Verhalten. Es galt nun, ihm immer mehr ihr Vertrauen
zu beweisen. Mit Geduld fing man nicht nur Fliegen, sondern erzog sich
auch die Sklaven. »Sie könnten mir eine kleine Gefälligkeit erweisen,
Herr Kandidat,« sagte sie wieder nach einem Weilchen.