X.

Kandidat Fröhlich ging in eine Nebenstraße, zum Bäcker und zum

Schlächter. Er wollte sein ganzes Vermögen nicht auf einmal

verschwenden, und so kaufte er sich nur für zwanzig Pfennig Wurst

und zwei trockene Schrippen dazu, womit er vorläufig die Magenbestie

beruhigen zu können glaubte, dann, als die Frage an ihn herantrat, wo

er die sorgfältig eingewickelten Speisen ohne Aufsehen werde verzehren

können, war er keinen Augenblick in Verlegenheit.

Da es öfters vorgekommen war, daß er mit seinem Schüler Walter Roderich

den Zoologischen Garten besuchte, um auf einem Spaziergang die

mündlichen Lektionen vorzunehmen und damit die Stärkung des Körpers

zu verbinden, so hatte ihm der Bankdirektor eine Abonnementskarte

gestiftet, die er stets in der Brieftasche bei sich führte. Zwar galt

sie nur in Begleitung des Zöglings, aber der Billetabnehmer kannte ihn

bereits und ließ ihn aus Gewohnheit durch.

Der Nachmittag dieses Maientages war besonders schön, denn es hatte in

der Nacht wieder geregnet, und so war die Luft milde und abgeklärt.

Fröhlich kannte einen stillen Winkel, wo auf einer kleinen Anhöhe unter

einem Baume versteckt eine Bank stand, die er auch unbesetzt fand, da

dieser Teil des Parkes, der auf Charlottenburg zuging, an Wochentagen

weniger besucht war. Der breite Strom zog der anderen Seite zu, nach

Berlin hinüber, wo bei den Klängen der Musik das große bunte Leben sich

entfaltete.

Der Kandidat setzte sich, blickte erst nach rechts und links und

begann wie ein Tagelöhner aus dem Papier heraus Wurst und Schrippen

zu verzehren. Hin und wieder näherten sich Fußtritte, dann verbarg er

rasch das Essen und spielte den verlorenen Träumer, von heimlicher

Angst erfüllt, es könnte jemand neben ihm Platz nehmen und ihm den

Appetit verderben. Aber er hatte Glück und blieb ungestört.

Vor ihm lag die abgeschlossene Gärtnerei, die bis an den Außenzaun

ging. Darüber hinweg konnte er auf die Hardenbergstraße und

deren Paläste blicken. Im hellen Sonnenglanz tobte das Leben

Charlottenburgs, gleichsam wie ein vielköpfiges, noch sanft grollendes

Ungeheuer, das erst zu tosendem Lärm überging, sobald es sich in die

Straßenfluten Berlins ergoß. Unaufhörlich sandten die Stadt- und

Fernzüge aus der Halle ihr Fauchen herüber, um dann über die Köpfe

der Menschen hinweg hinter den Häusern zu verschwinden, als hätten

die Mauern sie verschlungen. Heller und dunkler Qualm schlug zur Erde

hernieder und verflog wie ein Heer von Flocken an den scharfen Kanten

der Häuser.

Die elektrischen Wagen heulten an den Kurven und gaben gellend ihr

Klingelzeichen, dazwischen erschallte klirrendes Wagengerassel,

begleitet von dem gleichmäßigen Geklapper der Pferdehufe. Und

dann ertönte aus der Luft herunter das dumpfe Glockenläuten der

Wilhelms-Gedächtniskirche, wie herabschwebendes Riesensummen aus

lichten Höhen, das den irdischen Lärm zermalmen wollte.

Lange klang es dem Kandidaten in den Ohren wieder, wie ein Ruf zu

stiller Betrachtung. Er hatte mit Heißhunger gegessen und war nun

fertig. Die Glocken ließen seine Gedanken zurückschweifen in die stille

Heimat zur Dorfkirche, in der sein Vater so oft den Segen gesprochen

hatte. Und der Spruch des Alten fiel ihm ein, den er ihm im Stammbuch

zur Begleitung auf allen Wegen mitgegeben hatte: »So du dein Brot in

Frieden ißt, laß es trocken sein und beneide nicht den, der glücklicher

als du, es in Unfrieden ißt.« Und seine Mutter hatte hinzugefügt:

»Fürchte nicht die Menschen, sondern fürchte dich!«

Kandidat Fröhlich wurde es weich zu Mute und unwillkürlich streckte er

die Hände aus, als wollte er etwas fassen, was nicht da war, den Toten

und die Lebende, beide zugleich, die ihm die große Heerstraße durch das

Leben gezeigt hatten, auf der in jeder Station dasselbe steht: »Sei

neidlos und harre aus!«

Gefestigt erhob er sich, denn schon war er nahe daran gewesen, mit dem

Schicksal zu hadern, das dem einen den Ueberfluß gab und dem andern die

Entbehrung. Ein Buchfink schlug sein Lied ihm zu Häupten, und hinter

dem Zaune auf einem Obstbaum begann Frau Nachtigall sanft zu flöten,

schmollend, mit der Rührung einer Vogelbraut, die das ferne Männchen

lockt. Und es war merkwürdig, daß der Kandidat plötzlich an Fanny

dachte, und der heiße Wunsch in ihm rege wurde, ihr hier zu begegnen.

Und plötzlich durchzuckte ihn ein wonniger Schreck, als ihm einfiel,

daß er am Vormittag gehört hatte, sie fühle sich zum Aufstehen schon

genügend gekräftigt.

Er schritt langsam unter den Bäumen dahin, und machte hier und da

vor den Tieren Halt. Besonders lange betrachtete er die Giraffe, die

ihm stets als eines der merkwürdigsten Naturwunder vorgekommen war,

dazu geschaffen, hochmütig über alle Nebentiere hinwegzublicken, um

dafür von dem Löwen gestraft zu werden, den sie beim unfreiwilligen

Wüstenritt wegen ihres langen Halses niemals erreichen konnte. Ein

magerer Predigtamtskandidat seiner Heimat fiel ihm ein, der gerade so

auf der Kanzel seinen dürren Hals reckte, und stets nach zwei Seiten zu

äugeln schien, wenn er die Wirkung seiner Kinderstimme abwarten wollte.

Fröhlich machte seinem Namen Ehre und vergnügte sich innerlich. Aber

sein heimliches Lachen erstarb wie durch einen Ruck. Bekannte Stimmen

schlugen an sein Ohr.

»Herr Rudi, ich wünsche diese Belästigungen nicht mehr. Ich sage es

Ihrer Mama.«

»Ach, das tun Sie ja doch nicht.«

»Sicher. Ich dachte wunder, was Sie mir zu sagen hätten ... Ich muß zu

den Kindern.«

»Ach, die buddeln ja ganz vergnügt. Kommen Sie nur! Wir gehen so rum.«

»Nein, nein. Wenn's die Gnädige erfährt, geht's mir noch schlechter.

Dann heißt's wieder: ›Vernachlässigung der Pflicht‹.«

»Ach, Dummheit!« sagte Rudi wieder. »Mama hat gar nichts dagegen. Im

Gegenteil --.«

»Wie meinen Sie denn das?«

Er ging aber darauf nicht ein, sondern sagte rasch:

»Wissen Sie, weshalb der Kandidat nicht mehr bei uns ißt?«

»Er wird mir's gewiß morgen selbst sagen. Ich hörte schon davon. Aber

selbst Walter wußte es nicht.«

»Er hat gestern Ihre Haarnadel in der Suppe gefunden und sich den

Geschmack daran verdorben.«

»Pfui, das ist nicht schön von Ihnen.«

»~Ich~ hätte mich an ihrem Duft berauscht. Scherz beiseite --

kommen Sie, ich will Ihnen den wahren Grund sagen.«

Neugierig folgte sie.

Fröhlich sah es, als er endlich wagte, sich umzublicken. Er hatte ihnen

den Rücken zugekehrt, eingekeilt zwischen anderen Neugierigen, die nun

in Scharen den weiten Käfig umstanden. Es war lebhafter im Garten

geworden, und so sammelten sich die Menschen schon in Gruppen. Rudi und

Fanny hatten hinter dem Kandidaten gestanden, ohne ihn zu sehen und von

den andern beachtet zu werden, die nur Sinn für die Tiere hatten. Er

aber war die Stimmen nicht mehr losgeworden und hatte nur ihnen sein

Ohr geliehen.

Nun sah er die beiden dahinwandeln, wie sie in den Menschenlücken

wieder auftauchten und verschwanden und er sah Fannys helles Kleid

flattern, in der Sonne ihr Haar glänzen unter dem dunklen Strohhut. Ihr

Gang hatte etwas Schwebendes, Leichtes und Verlockendes. Und der andere

schritt neben ihr, lässig und keck, wie jemand, der sich herabläßt,

mit einem Mädchen zu gehen. Und wenn er die Arme erhob und das dünne

Stöckchen schwang, sah es aus, als tändelte er mit ihr.

Kandidat Fröhlich war alles Blut nach dem Herzen gedrungen, und fast

war es ihm, als stände es lange still. Zwei Gewalten kämpften in

ihm: Die Eifersucht mit der Scham -- nicht jener Scham vor andern,

sondern vor sich selbst, die nicht der Feigheit entsprang, sondern dem

Zartgefühl, nicht als Lauscher zu gelten. Und so glich er dem Manne,

der in Gedanken schon Besitz von einem süßen Wesen genommen, nicht

aber das Recht hat, diese Gedanken in Worte umzusetzen. Und doch fühlte

er die drängende Kraft in sich, hinter ihnen herzueilen, um die Szene

von gestern fortzusetzen, aber es war nur die Kraft des Willens, nicht

die des Körpers. Dann empfand er Beruhigung, durch das, was sie gesagt

hatte. Sie war dem andern nur gefolgt, wie das ahnungslose neugierige

Kind dem frühreifen Großsprecher.

Er trat aus der Menge, um den Blick zu ihnen frei zu haben. Und als

er nun sah, wie Rudi das Stöckchen hoch in der Luft spielen ließ,

glaubte er so etwas wie eine Peitsche zu sehen, die von einem jungen

Hausherrnsohn über eine Sklavin seiner Familie geschwungen würde, wenn

auch nur bildlich.

Er wollte nicht gesehen werden und ging nach der andern Richtung.

Plötzlich befand er sich am Spielplatz, wo Dutzende kleiner Rangen

durcheinanderkribbelten, Sandburgen bauten und aus demselben Stoff

die schönsten Kuchen buken, während die Fräuleins und Kindermädchen

auf den Bänken saßen und stille Wacht hielten. Es war ein richtiger

öffentlicher Kindergarten, in dem die jungen Menschenblüten bunt und

beweglich herumschillerten, allerdings ohne die tote Sprache der

Blumen; denn unaufhörlich war das Schwatzen, Schreien und Lachen.

Hin und wieder ließ sich das Weinen einer gekränkten Kinderseele

vernehmen, begleitet von dem lauten Schelten der Hüterin. Das Gekreisch

eines Vogels platzte hinein, das Grollen des Löwen klang dumpf herüber,

die geneckten Hunde ließen ihr bissiges Gebell ertönen. Der Kandidat

dachte an eine zuchtlose Schulklasse, in die Tierstimmen zur Warnung

hereinschallen. Sofort verspürte er liebe Erkennungszeichen, denn ein

lebendes Etwas machte den Versuch, ihm von hinten durch die Beine zu

krabbeln. Es war Hans, der ihn bereits erblickt und diese Ueberraschung

auf Umwegen vorgenommen hatte.

»Onkel Fröhlich, reite mal auf mir!«

Der Hauslehrer fand dieses Vergnügen etwas gewagt, zog vielmehr den

Jungen zu sich empor und bekam zur Belohnung eine kleine Sandladung auf

Rockschoß und Stiefel. »Mein Sohn, Du darfst nicht unartig sein,« sagte

er vorwurfsvoll und klopfte sich den Staub von der Kleidung.

»Onkel Fröhlich, spiel mit uns, Fräulein ist bei Rudi,« sagte der Junge

wieder. »Grab doch auch 'ne Höhle!«

»Ein andermal, mein Sohn,« gab er freundlich zurück.

Trudchen kam herangewackelt und streckte ihm das schmutzige Händchen

entgegen.

Er überlegte gerade, wie er sich die Kinder abschütteln könnte, als er

hinter sich wieder das bekannte unausstehliche Lachen hörte, dem die

Worte folgten: »Sie haben ja gute Vertretung gehabt. Ich gratuliere.

Mamas Auftrag ist also erledigt, ich kann gehen.«

Roderich junior lüftete leicht den Hut, entfernte sich und ließ

Fräulein stehen. Fröhlich tat so, als bemerkte er ihn nicht, aber er

hörte neben dem Spott die Absicht aus den Worten, das Zusammentreffen

für andere Ohren durch eine Ausrede zu entschuldigen. Als er sich dann

aber umblickte, sah er das gerötete Gesicht Fannys, das vor Freude

strahlte. »Guten Tag, Herr Kandidat. Das ist aber nett, daß Sie auch

mal hier sind,« sagte sie freundlich, noch mit einer halben Wendung

nach rückwärts. »Denken Sie nur nicht wieder Schlimmes von mir, aber

ich konnte ihn nicht los werden. Kaum saß ich hier, da tauchte er schon

auf und winkte. Und ich ging, um kein Aufsehen zu machen.«

»Ich denke durchaus nichts Böses von Ihnen, Fräulein,« erwiderte

Fröhlich freundlich, nachdem er höflich den Hut gezogen hatte. Er

hätte ihr gern die Hand gereicht, aber er wußte nicht, ob es ihr recht

wäre.

»Er sagt immer, er hätte mir etwas Schönes zu erzählen. Heute war es

wieder eine Neuigkeit. Es betrifft Sie, ich wage es Ihnen gar nicht zu

sagen. Wenn Sie mir aber Ihr Versprechen geben wollen --.«

»Das haben Sie unter allen Umständen,« sagte er mit derselben Wärme.

»Sie sollen in seine Mama verliebt sein und hätten das Unsinnige

eingesehen. Deshalb hätten Sie den Mittagstisch und die musikalische

Unterhaltung aufgegeben.«

Der Kandidat fand das so überaus komisch, daß er lachte und dabei seine

schönen Zähne zeigte. »Verliebt bin ich allerdings,« sagte er dann mit

leiser Erregung.

»Aber, Herr Kandidat! Wie können Sie nur --!« entfuhr es ängstlich

ihren Lippen. »Sie können sich ja um Ihre ganze Stellung bringen. Eine

Mutter mit großen Kindern -- nein! Ich begreife Sie nicht! Ich hab mir

wohl gedacht, daß sie immer hinter Ihnen etwas her sein könnte, aber

Sie, ein junger Mann --!«

»Es fragt sich nur, in wen ich verliebt bin,« fuhr Fröhlich unbeirrt

fort und sah sie dabei so merkwürdig an, daß sie verwirrt die Augen

niederschlug. »Sie werden mir wohl die Geschmacklosigkeit nicht

zutrauen, noch weniger aber die niedrige Gesinnung, die Augen zu der

Gattin meines sogenannten Brotgebers zu erheben.«

»Nein, wahrhaftig nicht, Herr Kandidat.«

»Da sehen Sie also gleich, wo die Verleumdung steckt, aber ich will

mich milde ausdrücken: die gänzliche Verdrehung der Tatsachen. Und

das zwingt mich, ganz offen zu Ihnen zu sein, jedoch mit der Bitte,

der unschönen Gesinnung des jungen Herrn keinen allzugroßen Wert

beizumessen. Menschen wie er, die die Arbeit gründlich hassen, sind

schon gestraft durch ihr eigenes Dasein. Sie haben den Frieden ihrer

Seele nicht, sie kennen das eigene Glück im Menschen nicht, deshalb

zerstören sie so gern dasjenige anderer. Und ihr einziger Freund

ist der eigene Schatten, der sie ruhelos verfolgt und sie stets an

ihr Alleinsein erinnert ... Ich bitte also nochmals, mehr Mitleid

als Mißachtung für den jungen Herrn zu haben ... Uebrigens habe

ich viel darüber nachgedacht --: er kommt ganz nach seiner Mutter.

Dieselbe Unruhe, dieselbe Sprunghaftigkeit des Wesens, dieselben

Charakterschwächen. Und diese gewissen Triebe erstrecken sich sogar

bis auf die Eitelkeit und Putzsucht. Es ist mir aufgefallen, daß er

schon an einem Tage dreimal den Anzug gewechselt hat. Er soll fünfzig

verschiedene Krawatten besitzen und ein Dutzend bunter Westen. Mein

Schüler Walter machte sich gelegentlich darüber lustig ... Sie dürften

gewiß schon etwas von einer sogenannten Vererbung gehört haben, und von

der Degeneration der Arten.«

Sie wandelten unter den Bäumen auf und ab, während die Kinder sich

wieder über den Sand hergemacht hatten. Wenn der Kandidat von einem

bestimmten, gelehrten Gedanken erfaßt wurde, dann vergrub er sich in

ihn und holte zur Entwicklung seiner Ansicht die verborgensten Fäden

hervor, die er mit großer Klarheit weiterspann. Und so hielt er es denn

auch im Augenblick für durchaus notwendig, dem Fräulein darüber einen

kleinen Vortrag zu halten, wobei er nach Lehrart mit der lebhaften

Bewegung seiner Hände nicht zurückhielt. Er zergliederte die ganze

Familie Roderich, zerfaserte die Eigenheiten eines jeden Mitgliedes und

teilte schließlich die sieben Häupter in zwei ungleiche Lager.

»Kornelia und Walter sind der Vater, die übrigen die Mutter,« schloß

er lebhaft. »Dort die Beständigkeit, die kompakte Ruhe, die Sicherheit

des Strebens und die Festigkeit des Charakters; und hier das gerade

Gegenteil: absolute Trägheit, Hang zum Müßiggang, zur Unaufrichtigkeit,

um nicht zu sagen zur Lüge, zu großen Worten, hinter denen die

Selbsttäuschung steckt, und zu vielen anderen Dingen. Sie werden das

vielleicht schon bei den Kleinen entdecken, wenn Sie acht darauf geben.«

»Gewiß, bei dem Jungen. Sie bringen mich erst darauf,« warf Fanny

ein, die zuerst nicht ganz bei der Sache war, nun aber Verständnis

zeigte. »Wollen Sie glauben, Herr Kandidat: er ist schon ganz nervös,

gerade wie seine Mama; die Phantasie geht immer mit ihm durch. Na, und

Bescheidenheit kennt er gar nicht.«

Sie bekam Lust sich zu setzen, denn die ganze Nacht hatte sie in einem

Schwitzbad gelegen und sich heute früh tapfer zusammengenommen, um ihre

Schuldigkeit im Hause wieder zu tun. Die gesunde Natur in ihrem Körper

hatte ihr zwar rasch über die Erkältung hinweggeholfen, aber sie fühlte

doch noch das Unbehagen einer gewissen Schwäche. Sie fanden abseits von

dem Kindertrubel eine leere Bank, wo sie sich niederließen, nachdem

Fanny sich ängstlich umgeblickt hatte. Es wäre ihr nicht angenehm

gewesen, Rudi noch in der Nähe zu wissen, der dieses Zusammentreffen

wieder wenig harmlos ausgelegt haben würde. Als sie ihn aber nicht sah,

war sie beruhigt. Sie hatte ohnedies schon zu viel von ihm anhören

müssen, was sie schwer bedrückte und wie eine stille Last mit sich

herumtrug, die man sich scheut, einem andern aufzubürden.

Frau Roderich hatte auch heute früh noch die lächerliche

Ansteckungsfurcht, die sich nicht eher legte, bis der Sanitätsrat

um elf Uhr kam und in seiner geraden Art dazwischen fuhr. Er lachte

vergnügt, als er die Kranke schon auf sah, und wünschte sich selbst

noch einmal in diese Jahre zurück, um so schnell alle ärztlichen

Bemühungen durchkreuzen zu können. Im übrigen hatte er gegen den

täglichen Ausgang nichts einzuwenden, denn der Puls sei normal, und der

Appetit werde mit dem Essen kommen. Die Medizin könne man weggießen.

Er vergaß jedoch nicht, hindurchblicken zu lassen, daß diese rasche

Wendung zum Guten seiner Hilfe zu verdanken sei. Zum Schluß empfahl

er wenig Aerger, was seine ständige boshafte Redensart war, die er im

Hause Roderich regelmäßig nach jedem überflüssigen Nervenbesuch bei

der Hausherrin als Stichwort hinterließ.

Die Frau Bankdirektor sah aber darin niemals die Empfehlung, andere

nicht zu ärgern, und so war sie gleich nach Fannys Erscheinen

mit einer sonderbaren Zumutung an sie herangetreten. Emma habe

heute außerordentlich viel zu tun, da bekanntlich noch immer

kein Kammermädchen da sei, und so möchte Fräulein sich doch dazu

»herablassen«, die Schuhe für die Kleinen zu putzen. Einmal sei ja

keinmal. Das Wort »Herablassen« war aber so mit Spott getränkt, daß

Fanny die Spitze sofort verstand, trotz des zuckersüßen Lächelns. Zu

klug, um sich eine Blöße zu geben, hatte sie freundlich zugesagt und

sich den Wichskasten in ihr Zimmer geholt, um nicht das Gespött der

Dienstboten herauszufordern, die schon lange das »höhere Wesen« in ihr

nicht begreifen konnten.

»O, das ist niederträchtig, ich will mich verbessern, ich will lieber

sagen, unfein,« brauste der Kandidat auf, der durch diese vertrauliche

Mitteilung sehr schnell in das alltägliche Leben zurückversetzt worden

war. »Die Frau Bankdirektor scheint das schöne Wort Familiensklavin von

ihrem Sohne aufgegriffen zu haben, mit der Absicht, es in der Praxis

anzuwenden. Ihnen zuzumuten, das Schuhzeug der Kinder zu putzen! In

solch noblem Haushalt, wo Diener und Kutscher sind!«

In seiner Erregung griff er sanft nach ihrer Hand und drückte sie wie

zum Trost, und sie duldete es, weil sie es erklärlich fand. Gleich

nach dem Fortgang Fröhlichs heute, hatte ihr Walter verraten, wie der

Hauslehrer gestern vormittag sie und ihre Familie gelobt hatte, und so

fühlte sie sich ihm plötzlich näher gerückt als sonst.

»Sie meinen es so gut mit mir, Herr Kandidat. Ich danke Ihnen sehr

dafür,« sagte sie einfach, entzog ihm aber ihre Hand. Beim Aufblicken

war sie leicht zusammengeschreckt, denn es war ihr, als wäre Rudi

hinten in der Menge wieder irgendwo aufgetaucht. Und als dann

Fröhlich mit der ganzen Wahrheit nicht mehr zurückhielt und ihr seine

Unterredung mit Roderich mitteilte, die ihn gegen seinen Willen um den

Freitisch gebracht hatte, war sie arg betroffen.

»Wie kann dieser Mensch nur so lügen,« rief sie aus, »es ist

schändlich! Und ich bin nun indirekt die Veranlassung, daß Sie diese

Vergünstigung nicht mehr haben. Es tut mir leid, herzlich leid.«

Kandidat Fröhlich schüttelte lächelnd mit dem Kopf. »Es ist

Bestimmung, alles nur Bestimmung, Fräulein Frank, gewissermaßen der

Wille des Schicksals, der uns alle lenkt. Es sollte so kommen. Ich

hätte wohl sonst nicht das Vergnügen gehabt, mich mit Ihnen über

unsere beiderseitigen kleinen Leiden hier ungeniert aussprechen zu

können. Was mich betrifft, so hatte ich schon längst große Sehnsucht

danach. Und soll ich noch offener sein, so muß ich Ihnen sagen,

daß mir das Essen bei Roderichs längst nicht mehr geschmeckt hat.

Wissen Sie auch, weshalb? Weil Sie nie am Tische mitaßen, weil man

Sie sozusagen immer im Hintergrunde abspeiste. Stets hatte ich das

Gefühl, daß man Sie zurücksetze, daß die Gnädige Sie halb und halb zu

den Dienstboten rechne -- und dadurch bin ich mir selbst ein wenig

entwürdigt vorgekommen. Denn eigentlich nehmen wir beide dieselbe

Stellung im Haushalt ein: wir opfern unsere ganze Liebe den Kindern.

Das gebildete Proletariat ist gerade gut genug, seine Töchter und

Söhne den Wohlhabenden ins Haus zu schicken, damit aus ihren Kindern

Menschen gemacht werden. Sie können sich diese Familiensklaven

jederzeit verschreiben lassen, sie sind im Ueberfluß vorhanden, denn

das Angebot ist stärker, als die Nachfrage. Ich kann Ihnen sagen --

ich freue mich beinahe, daß unser Herr Rudi dieses Wort gestern geprägt

hat. Immer schon suchte ich nach einer erschöpfenden Bezeichnung für

die Legion dieser geplagten Menschen, zu denen auch wir gehören. Und

was mein Scharfsinn nicht fand, gab seine Brutalität zum besten.

Familiensklaven -- das klingt so hübsch strafmildernd, so ganz nach

verzuckerter Grobheit, ganz anders wie Haussklave. Man kann dem Worte

nicht recht beikommen. Man fühlt sich gekränkt und muß den Aerger

herunterwürgen, mit Höflichkeit sogar, wie ich es gestern getan habe.

Man weiß, daß es kein eigentliches Sklaventum mehr gibt, daß man, wenn

man will, jeden Augenblick davon gehen kann, um seine persönliche

Freiheit ganz und voll zu genießen, -- und doch fühlt man statt der

einstigen Kette die hundert Fäden, die uns in Abhängigkeit zwingen

und fesseln. Und wie diese Fesseln feiner geworden sind, so auch die

Demütigungen; sie werden nicht mehr mit der Peitsche verabreicht,

sondern hübsch in Pillen, die manchmal recht bitter schmecken. Wir sind

zwar in der Familie, aber wir gehören nicht dazu, wenn man uns das auch

glaubhaft machen will. Was ja auch ganz natürlich ist, denn es gibt

keine bezahlten Familienmitglieder. Sie sind eben das Fräulein, und

ich bin der Kandidat, etwas rein Sachliches. Und eine Sache kann man

sich kaufen. Und doch verlangt man Wärme von uns, gewissermaßen ein

Aufgehen unseres Gefühls in das unserer Zöglinge; man verlangt einen

Pflichteifer, der beinahe an persönliche Verantwortlichkeit grenzt. Und

das finde ich wieder unnatürlich, weil wir stets Fremde in der Familie

bleiben werden, und weil ungleiche Werte ausgetauscht werden.«

Während der Kandidat sprach, hörte ihm Fanny aufmerksam zu. Noch

niemals hatte sie viel darüber nachgedacht, nun aber fand sie, daß er

zwar recht habe mit seinem Vergleich, daß er aber doch etwas schwarz

sehe. Er hatte sich eben Rudi zum Feinde gemacht, und so sprach der

bittere Groll aus ihm, während sie in Kornelia eine Freundin hatte, die

manche Härte ihrer Mutter ausglich. Als sie das aber äußerte und auch

auf Walter hinwies, lächelte Fröhlich wie verzeihungsvoll, als hätte er

auf diesen Einwurf nur gewartet.

»O, gewiß; das sind die kleinen menschlichen Oasen in unserer

Familienwüste, dazu da, uns nicht seelisch verdursten zu lassen. Die

gibt's überall, und sie werden ohne Zweifel freudig begrüßt. Sie sind

die kleinen Nebengeschenke, die nichts kosten. Aber bezahlt werden

wir doch nur von den Eltern, und das ist für uns das Entscheidende.

Sie werden sehen -- alle Macht Kornelias wird nicht ausreichen, Sie

vor neuen Unwürdigkeiten zu bewahren. Auf alle Fälle wollen wir

zusammenhalten. Geben Sie mir Ihre Hand darauf!«

Und als er sie hatte, drückte er einen Kuß darauf, ohne daß Fanny es

verhindern konnte.

Unter seinem seltsamen Blick wurde sie rot, aber es war ein anderes

Gefühl der Röte, als das war, was sie vorhin bei Rudis Reden empfunden

hatte. Ein Mann hatte zu ihr gesprochen, ein ernster Mann, der sie

nicht wie eine billige Spielsache behandelte, nicht wie eine gebildete

Dienerin, gegen die man sich Keckheiten erlauben dürfe, sondern mehr

als Dame, der man trotz des Kattunkleides allen Respekt entgegenbringen

müsse. Und ihre Verlegenheit machte sie noch röter, als er jetzt

mit großer Höflichkeit tief den Hut zog und mit einer ritterlichen

Verbeugung davonging.

Zum ersten Male waren ihr seine tiefbraunen Augen aufgefallen, und zum

ersten Male sah sie seinen schwarzen Taillenrock nicht, der so wenig in

diese lichte Umgebung paßte.

An einer einsamen Stelle des Gartens blieb der Kandidat wieder stehen

und blickte vorsichtig in sein Portemonnaie, ob die Nickelstücke noch

vorhanden wären. Er hatte zu dem Sekundaner einen weiten Weg, den er

fahren wollte. Heiteren Blickes ging er dann weiter, und das Lied, das

er vor sich hinsummte, war ein allbekanntes, das vortrefflich zu seiner

Stimmung paßte:

»Im wunderschönen Monat Mai,

Als alle Knospen sprangen,

Da ist in meinem Herzen

Die Liebe aufgegangen.«

Familiensklaven · 第 14 / 33 题