XI.

Drei Tage darauf war Sonntag. Kandidat Fröhlich hatte inzwischen den

Mut gefunden, sich Frau Rettig anzuvertrauen und war gemeinschaftlich

mit seinem Bruder in Mittagskost bei ihr getreten. Da es heute Geld

gegeben hatte, so war der grüne Hecht nachgeholt worden, und der große

und der kleine Fröhlich hatten sich besonders gütlich getan. Am späten

Nachmittag hielt es der Kandidat für nötig, den geistigen Menschen

in ihm an den Lesefrüchten des Tages wieder einmal aufzufrischen.

Allwöchentlich besuchte er seine kleine Stammkonditorei, die im Westen

lag und ein versteckt liegendes Hinterstübchen hatte, in dem nur wenige

Zeitungswölfe auf Raub ausgingen.

An diesem schönen Tage, der halb Berlin entvölkert und ins Freie

hinausgelockt hatte, war es besonders leer in dem stillen Winkel. Ein

alter Herr, der wie ein vielgeplagter Stadtreisender aussah, saß am

kalten Ofen und bemühte sich, hinter dem vorgehaltenen Riesenformat

einer Zeitung seine Müdigkeit zu überwinden, was ihm aber schlecht

gelang, denn endlich konnte das Papierdach seinen Zustand nicht mehr

verdecken; es entfiel sanft seinen Händen, rutschte über die Knie auf

den Linoleumteppich und zeigte das Bild des Sonntagsschläfers, der die

gewohnte Stunde zu ungewöhnlicher Zeit dem Dasein abrang.

Das Fräulein kam vom Ladentisch, störte den Schläfer nicht, hob aber

die Zeitung mit einer Miene auf, aus der deutlich hervorging, daß sie

diesen Liebesdienst schon öfters vorgenommen habe.

Kandidat Fröhlich, der am Fenster sitzend, in seinem Kaffee rührte,

vergnügte sich einige Augenblicke darüber, dann las er ruhig weiter.

Er blickte erst wieder flüchtig auf, als ein junger Mann eintrat,

der sich als dritter im losen Bunde an einem Marmortisch an der

gegenüberliegenden Wand niederließ, durchaus aber nicht Sinn für

geistige Befriedigung zu haben schien, vielmehr die Augen lebhaft

kreisen ließ.

Das Fräulein brachte ihm einen Apfelkuchen mit Sahne, den er mit

geteilter Aufmerksamkeit zu verzehren begann; denn er sah dabei

wiederholt nach der Uhr und dem vorderen Raum, wo man durch die

Glastür hin und wieder einige Damen erblicken konnte, die es vorzogen,

sich dort niederzulassen.

Fröhlich glaubte in dem männlich offenen Gesicht, dessen starke

Wetterbräune in einer scharfen Linie am Stirnabsatz abschnitt,

bekannte Züge zu entdecken, die er irgendwo schon gesehen haben mußte.

Entschieden war es ein Gast, der sich hierher nur verirrt hatte und aus

gewissen Gründen nicht zur Ruhe kommen konnte. Er strich erregt seinen

braunen aufgezwirbelten Schnurrbart, bückte sich dann wieder über dem

Kuchen und roch schließlich an einer langstieligen roten Rose, die

er neben sich gelegt hatte. Als er dann bemerkte, daß sein Gegenüber

ihn länger als erlaubt betrachtete, nahm er sich endlich eine halb

zerrissene Wochenschrift vom Nebentisch, um darin zu blättern, was er

aber unstreitig wie jemand tat, der sich nur zerstreuen möchte und die

Aufmerksamkeit eines andern von sich ablenken will.

Auch Fröhlich hielt es für taktvoller, sich mehr mit sich zu

beschäftigen als mit dem andern. Plötzlich aber durchzuckte ihn ein

leichter Schreck, denn die Glastür ging auf und Kornelia Roderich

trat ein, mit all dem Duft, den ein hübsches und frisches, elegant

gekleidetes Mädchen aus der Gesellschaft mit sich führt. Dem

Kandidaten war es, als brächte man in diese verdorbene Luft von

Blätterteig, Kaffeeresten und Zigarrenqualm einen großen taufrischen

Blumenstrauß hinein, der erquickende Düfte ausströmt.

Sofort erhob sich der Herr, ging ihr entgegen und küßte ihr mit einem

Dank für ihr Kommen die Hand.

»Haben Sie schon lange gewartet?« fragte sie und nahm neben ihm Platz.

»Eine kleine Ewigkeit von fünf Minuten,« wandte er heiter ein. »Ich

wäre beinahe vor Sehnsucht gestorben.«

»Sie Aermster, was hätten Sie dann davon gehabt?« sagte sie mit

derselben guten Laune. »Beinahe hätte ich's gar nicht möglich machen

können, zu kommen. Wir haben zum Abend Gäste, und da ist Mama noch 'mal

so nervös. Das ganze Haus ist dann rebellisch. Und Neli muß überall

sein. Ich kann auch nicht lange bleiben, aber Sie sollten doch sehen,

daß ich Wort zu halten verstehe.«

»Wenn ich zwei Köpfe hätte, würde ich Ihnen einen dafür zu Füßen

legen,« warf er ein, »aber das teure Haupt muß ich schon für Sie

aufbewahren.«

»Hübsch gesagt, Herr Leutnant, so etwas gefällt mir. Diese Rose ist

natürlich für mich.« Sie nahm sie und sog den Duft ein.

»Pardon, daß ich ganz vergaß. -- Die schönste, die ich finden konnte.«

»Dafür soll sie auch täglich frisches Wasser in meinem Atelier

bekommen. Sie dürfen sich darauf etwas einbilden,« fuhr sie launig

fort. »Bis jetzt ist es nicht vielen passiert.«

»Ach, mein gnädiges Fräulein -- wer Sie einmal so bei Ihrer Kunst

belauschen könnte,« schmachtete er sie an.

»Wenn Sie ganz artig bleiben und mir in allem folgen, dann soll Ihnen

auch einmal das Vergnügen zuteil werden.«

»Ich werde mich bemühen, noch einmal kindlichen Gehorsam zu lernen.«

»Finden Sie nicht, daß es furchtbar gewagt ist, mich mit Ihnen hier zu

treffen?« sagte sie wieder. »Aber Ihr Brieflein war so rührend.«

»In dieser Bude sieht uns niemand,« wandte er lustig ein.

»So? Das klingt ja sehr verdächtig. Wieviel Rendezvous haben Sie sich

hier schon gegeben?«

»Kein einziges, ich schwöre es Ihnen. Aber als ich früher mal durch

Zufall hier hineingeriet, um mich mit meinem Schwesterlein zu treffen,

dachte ich so bei mir: hier könnte man sterben, es würde niemand

merken. Na, und gestorben wäre ich sicher, wenn Sie nicht gekommen

wären.«

»Ach, Sie Schmeichler, Sie! Ich hätte kaum geglaubt, daß man so was in

Spandau auch kennt.«

»Ach, wenn Sie wüßten, was man da alles kennt,« seufzte er.

»Armeleutnants-Diners zu zwei Gängen, Verstorbenevaterfreuden an den

Hinterbliebenen und andauernde Sehnsucht nach dem Kommißgeld mit blauer

Blume daran. Und manches andere noch.«

»Sie sind wenigstens aufrichtig. Das gefällt mir ganz besonders von

Ihnen.«

»Ja, spotten Sie nur, mein gnädiges Fräulein,« fuhr er fort. »Sie

kennen dieses große Kapitel im bunten Drilleben nicht. Sie sind ein

verwöhnter Schmetterling, der immer aus goldenen Schüsseln nascht und

der sich seine Blume suchen kann. Von dem schönen Wort ›arme Familie‹

haben Sie noch nichts gehört.«

»Ach du lieber Himmel,« kam es Kornelia unwillkürlich über die Lippen.

»Wissen Sie, es kommt immer darauf an, wie man alles betont ... Ich

bitte Sie, werden wir nicht so laut, man könnte uns hören!«

»Ach, das sind Zeitungstiger, die nichts sehen.«

Der Schläfer am Ofen hatte sich geregt, und so war Kornelia ängstlich

darauf aufmerksam geworden. Zugleich schien es ihr aber auch, als wenn

der muntere Zeitungsleser am Fenster die Ohren spitzte. Sie konnte

ihn zwar nicht sehen, denn er hielt andauernd eine große eingespannte

Zeitung vor seinem Gesicht, aber seine völlige Bewegungslosigkeit gab

ihr zu denken. Das bedienende Mädchen kam und brachte das bestellte

Vanillen-Eis, das Kornelia langsam zu schlucken begann.

Fröhlich kam sich wie ein Gefangener vor, dem die Aussicht durch

ein großes Stück Papier verdeckt ist, das er zur Strafe fortwährend

anstarren muß, ohne zu erfahren, was darauf steht. Wiederholt hatte er

den Versuch gemacht, ruhig weiter zu lesen, aber er kam über den ersten

Ansatz dazu nicht hinaus. Sofort hatte er den Vorgang erfaßt, und als

er die Anrede ›Leutnant‹ und den Namen ›Fanny‹ hörte, wußte er, daß

er das Original der Photographie vor sich hatte, die auf dem Tische

in Fräuleins Zimmer stand. Also war es der Bruder der Angebeteten,

der sich mit der vielumworbenen Tochter des Bankdirektors hier ein

Stelldichein gegeben hatte. Was für eine Verwirrung im Hause Roderich,

deren Folgen ihm unabsehbar erschienen!

Er hatte sich bereits auf alles gefaßt gemacht: daß Frau Agathe das

Singen lassen könnte, daß sie eines Tages mit ihrem Herrn Gemahl wieder

gemeinsam das Mittagessen einnehmen würde, daß Rudi seinen Eltern

erklären könnte, er möchte zwölf Stunden täglich arbeiten; aber auf

eine derartige Ueberraschung war er niemals vorbereitet gewesen.

Bisher hatte er sich immer geschmeichelt, alles im Hause Roderich

kommen zu sehen, diese Neuigkeit jedoch war urplötzlich an ihn

herangetreten, und unvorbereitet, wie er war, sah er sich in einer

unbehaglichen Klemme, gegen die er machtlos war. Er hatte zwar seinen

Blick bannen, sich aber nicht die Ohren zuhalten können, was er aus

Feinfühligkeit am liebsten getan hätte, und so hatte er jedes Wort

der beiden vernommen. Um alles in der Welt hätte er sich ihnen nicht

gezeigt; denn dann wären sie um ihr stilles Glück gekommen, und

man hätte in ihm den Mitwisser ihres Geheimnisses gesehen und ihn

jedenfalls als Störenfried betrachtet, dem man kein angenehmes Gesicht

zeigen würde. Er kannte das Leben nach dieser Richtung hin und wußte,

daß große Herrschaften immer einen Grund hatten, die Unschuldigen für

ihr eigenes Pech verantwortlich zu machen. Er hätte auch gar nicht

gewußt, wie er sich bei diesem unangenehmen Zufall verhalten sollte.

War es überhaupt ein Zufall, daß ihm die Aussicht winkte, den Bruder

des armen Fräuleins, des von ihm geliebten Mädchens, später einmal im

Hause desselben Mannes zu sehen, in dem die sogenannte Familiensklavin

ihren Dienst tat, oder dann vielleicht schon getan hatte? Der Kandidat

war geneigt, diese Frage zu verneinen und wieder an jene höhere

Bestimmung zu glauben, der er sich als Schicksalsanbeter so gerne

beugte. Sicher waren geheime Mächte mit im Spiele, die ihre Fäden bis

hierher gesponnen hatten, um die Menschen zusammen zu bringen, die

denselben Kampf um ihr Glück zu führen hatten.

Fröhlich zerbrach sich aber nicht länger den Kopf darüber; er hielt

es für besser, sich gar nicht zu zeigen, sondern in Ruhe abzuwarten,

bis sie gehen würden. Lange konnte das nach Kornelias Andeutung nicht

dauern.

Die beiden am anderen Tisch plauderten ruhig weiter. »Wie geht's meiner

Schwester?« fragte Frank. »Sie würde schöne Augen machen, wenn sie uns

hier sitzen sähe, meinen Sie nicht?«

Kornelia lachte leicht auf. »Vielleicht ahnt sie schon etwas. Ich habe

ihr nämlich Ihren Gruß bestellt ... Wie wär's, wenn Sie sich einmal

persönlich nach ihrem Befinden erkundigten, Sie stolzer Marsjünger? Es

geht ihr übrigens gut.«

»Durch Ihre Aufopferung, gnädiges Fräulein. Es ist ja brüllend-rührend,

wie sie von Ihnen schreibt.«

»Dafür soll sie einen Verweis bekommen.«

»Aber nicht zu hart, wenn ich bitten darf,« wandte Frank gutmütig

neckend ein. »Schon kein Vergnügen für sie, Fräulein zu spielen.

Na, und mir macht's erst recht keinen Spaß. Ich war immer dagegen.

Aber hören die Mädels denn? Sie müssen immer gleich weg von Muttern,

sogenannte Selbständigkeit sich erringen. Nette Selbständigkeit, wenn

der Bruder darunter am meisten zu leiden hat. Deubel ja!«

»Fluchen Sie nicht, es kleidet Sie nicht!«

»Es ist wahr, verehrtes gnädiges Fräulein,« fuhr er fort. »Ich bin

Aktiver, und sie geht mit fremden Kindern spazieren! Verzeihung --

hoffentlich werden mir diese reizenden Kleinen bald näher gerückt.

Aber es ist doch so. Wenn man nichts davon sieht, läßt man die Karre

ruhig gehen. Ist ja bei hundert anderen Mädels aus guter Familie auch

so. Da sind die Töchter von Exzellenz Hübner, alter verdienter General

gewesen, entfernter Verwandter von uns. Alle drei Lehrerinnen. Was

haben sich die Mädels gesträubt, in Kommunalschuldienst zu treten!

Jetzt haben sie's längst überwunden. Kriegen besser von der Stadt

bezahlt, wie sie sagen. Obendrein pensionsberechtigt. Wenn sie aus der

Schule kommen, lüften sie immer die Kleider aus. Sie sind aber ganz

kreuzvergnügt dabei: Brot schmeckt eben süß.«

»Es ist doch auch keine Schande, Herr Leutnant, es sich ehrlich zu

verdienen.«

»Sicher nicht, meine Gnädige. Das soll ja auch alles sein, wenn's

unsern bunten Rock nur nicht geniert. Immer besser noch, die armen

Mädels bleiben in der Häuslichkeit, als wenn sie in die Komptoirs und

in die Bureaus laufen, oder gar zu Hause verschämte Armut treiben, nur

kollidieren dürfen sie nicht mit uns. Dann wird's natürlich uns zur

Last gelegt.«

»Ich würde das niemals tun, Herr Leutnant.«

Frank machte einen verbindlichen Kopfnicker. »Das ehrt Sie ungemein,

mein gnädiges Fräulein; aber so denken nicht alle Menschen, die

es angeht. Was würde zum Beispiel Ihre gnädige Frau Mama oder Ihr

verehrter Herr Papa sagen, wenn Leutnant Frank bei ihnen um die Hand

ihres Töchterleins anhalten würde, derselbe Leutnant Frank, dessen

liebe, gute Schwester -- und das ist sie wahrhaftig -- im selben Hause

sozusagen Halbdienerin ist?«

»Nichts würden sie sagen,« warf Kornelia altklug ein. Trotzdem war

sie rot geworden, denn da ihr Herz fortwährend mitsprach, war diese

Deutlichkeit ihr sehr nahe gegangen. Er hatte schließlich nur ihre

Gedanken wiedergegeben, und so war ihre Antwort nur der Ausdruck ihrer

Verlegenheit.

Er lächelte überlegen. »Nichts -- das habe ich mir auch gedacht. Ihre

Herren Eltern würden eben sprachlos sein. Zuerst über die Kühnheit des

Mitgiftjägers, -- Verzeihung, ich gebe ja nur die Gedanken anderer

wieder -- und dann über die Anmaßung aus verwandtschaftlichen Gründen.

Kenne ich. Solche Märchen erzählen wir uns im Kasino, und wenn der

Ausgang uns nicht paßt, dann wird geflucht und geschimpft. Besser

wird's dadurch ja nicht, aber es gibt Erleichterung ... deshalb sage

ich, mein liebes, wertes Fräulein Kornelia, -- ich darf Sie doch so

nennen? -- wenn mir der Aufstieg erleichtert werden soll, ohne zu große

nebulose Aussicht, dann muß Fanny Plätzchenwechseln spielen. Sie muß

fort von Ihnen.«

Die große Zeitung am Fenster bauschte sich plötzlich nach vorn, gleich

einem Segel, in das der Wind gefahren ist. Diese Bewegung kam von einem

unmutigen Kopfschütteln Fröhlichs, der mit dieser Ansicht durchaus

nicht einverstanden war. Er hatte zwar nicht alles vernommen, da das

Sprechen zeitweise zu einem Flüstern sank. Zuletzt jedoch, als Erregung

aus den Worten klang, hatte er jede Silbe gehört. Beinahe hätte er das

Schiff ins Wanken gebracht. Zum Glück aber beherrschte er sich sofort

und zog das Segel wieder an, so daß seine Aufregung unsichtbar blieb.

»Das kommt vielleicht bald, ohne Ihren Willen,« warf Kornelia ein.

»Was sagen Sie dazu -- sie hat einen Anbeter gefunden, und einen ganz

ehrlichen obendrein.«

»Sieh einer diese Muckerin,« sagte Frank ganz verblüfft. »Davon

schreibt sie natürlich nichts! Hat er denn was?«

»Schöne Aussichten.«

»Also gerade wie ich?«

»Ganz so schön sind sie nicht,« fuhr Kornelia fort. »Es ist nämlich

unser Herr Kandidat, der in sie verschossen ist.«

»Also ein anständiger Kerl?«

Familiensklaven · 第 15 / 33 题