Drei Tage darauf war Sonntag. Kandidat Fröhlich hatte inzwischen den
Mut gefunden, sich Frau Rettig anzuvertrauen und war gemeinschaftlich
mit seinem Bruder in Mittagskost bei ihr getreten. Da es heute Geld
gegeben hatte, so war der grüne Hecht nachgeholt worden, und der große
und der kleine Fröhlich hatten sich besonders gütlich getan. Am späten
Nachmittag hielt es der Kandidat für nötig, den geistigen Menschen
in ihm an den Lesefrüchten des Tages wieder einmal aufzufrischen.
Allwöchentlich besuchte er seine kleine Stammkonditorei, die im Westen
lag und ein versteckt liegendes Hinterstübchen hatte, in dem nur wenige
Zeitungswölfe auf Raub ausgingen.
An diesem schönen Tage, der halb Berlin entvölkert und ins Freie
hinausgelockt hatte, war es besonders leer in dem stillen Winkel. Ein
alter Herr, der wie ein vielgeplagter Stadtreisender aussah, saß am
kalten Ofen und bemühte sich, hinter dem vorgehaltenen Riesenformat
einer Zeitung seine Müdigkeit zu überwinden, was ihm aber schlecht
gelang, denn endlich konnte das Papierdach seinen Zustand nicht mehr
verdecken; es entfiel sanft seinen Händen, rutschte über die Knie auf
den Linoleumteppich und zeigte das Bild des Sonntagsschläfers, der die
gewohnte Stunde zu ungewöhnlicher Zeit dem Dasein abrang.
Das Fräulein kam vom Ladentisch, störte den Schläfer nicht, hob aber
die Zeitung mit einer Miene auf, aus der deutlich hervorging, daß sie
diesen Liebesdienst schon öfters vorgenommen habe.
Kandidat Fröhlich, der am Fenster sitzend, in seinem Kaffee rührte,
vergnügte sich einige Augenblicke darüber, dann las er ruhig weiter.
Er blickte erst wieder flüchtig auf, als ein junger Mann eintrat,
der sich als dritter im losen Bunde an einem Marmortisch an der
gegenüberliegenden Wand niederließ, durchaus aber nicht Sinn für
geistige Befriedigung zu haben schien, vielmehr die Augen lebhaft
kreisen ließ.
Das Fräulein brachte ihm einen Apfelkuchen mit Sahne, den er mit
geteilter Aufmerksamkeit zu verzehren begann; denn er sah dabei
wiederholt nach der Uhr und dem vorderen Raum, wo man durch die
Glastür hin und wieder einige Damen erblicken konnte, die es vorzogen,
sich dort niederzulassen.
Fröhlich glaubte in dem männlich offenen Gesicht, dessen starke
Wetterbräune in einer scharfen Linie am Stirnabsatz abschnitt,
bekannte Züge zu entdecken, die er irgendwo schon gesehen haben mußte.
Entschieden war es ein Gast, der sich hierher nur verirrt hatte und aus
gewissen Gründen nicht zur Ruhe kommen konnte. Er strich erregt seinen
braunen aufgezwirbelten Schnurrbart, bückte sich dann wieder über dem
Kuchen und roch schließlich an einer langstieligen roten Rose, die
er neben sich gelegt hatte. Als er dann bemerkte, daß sein Gegenüber
ihn länger als erlaubt betrachtete, nahm er sich endlich eine halb
zerrissene Wochenschrift vom Nebentisch, um darin zu blättern, was er
aber unstreitig wie jemand tat, der sich nur zerstreuen möchte und die
Aufmerksamkeit eines andern von sich ablenken will.
Auch Fröhlich hielt es für taktvoller, sich mehr mit sich zu
beschäftigen als mit dem andern. Plötzlich aber durchzuckte ihn ein
leichter Schreck, denn die Glastür ging auf und Kornelia Roderich
trat ein, mit all dem Duft, den ein hübsches und frisches, elegant
gekleidetes Mädchen aus der Gesellschaft mit sich führt. Dem
Kandidaten war es, als brächte man in diese verdorbene Luft von
Blätterteig, Kaffeeresten und Zigarrenqualm einen großen taufrischen
Blumenstrauß hinein, der erquickende Düfte ausströmt.
Sofort erhob sich der Herr, ging ihr entgegen und küßte ihr mit einem
Dank für ihr Kommen die Hand.
»Haben Sie schon lange gewartet?« fragte sie und nahm neben ihm Platz.
»Eine kleine Ewigkeit von fünf Minuten,« wandte er heiter ein. »Ich
wäre beinahe vor Sehnsucht gestorben.«
»Sie Aermster, was hätten Sie dann davon gehabt?« sagte sie mit
derselben guten Laune. »Beinahe hätte ich's gar nicht möglich machen
können, zu kommen. Wir haben zum Abend Gäste, und da ist Mama noch 'mal
so nervös. Das ganze Haus ist dann rebellisch. Und Neli muß überall
sein. Ich kann auch nicht lange bleiben, aber Sie sollten doch sehen,
daß ich Wort zu halten verstehe.«
»Wenn ich zwei Köpfe hätte, würde ich Ihnen einen dafür zu Füßen
legen,« warf er ein, »aber das teure Haupt muß ich schon für Sie
aufbewahren.«
»Hübsch gesagt, Herr Leutnant, so etwas gefällt mir. Diese Rose ist
natürlich für mich.« Sie nahm sie und sog den Duft ein.
»Pardon, daß ich ganz vergaß. -- Die schönste, die ich finden konnte.«
»Dafür soll sie auch täglich frisches Wasser in meinem Atelier
bekommen. Sie dürfen sich darauf etwas einbilden,« fuhr sie launig
fort. »Bis jetzt ist es nicht vielen passiert.«
»Ach, mein gnädiges Fräulein -- wer Sie einmal so bei Ihrer Kunst
belauschen könnte,« schmachtete er sie an.
»Wenn Sie ganz artig bleiben und mir in allem folgen, dann soll Ihnen
auch einmal das Vergnügen zuteil werden.«
»Ich werde mich bemühen, noch einmal kindlichen Gehorsam zu lernen.«
»Finden Sie nicht, daß es furchtbar gewagt ist, mich mit Ihnen hier zu
treffen?« sagte sie wieder. »Aber Ihr Brieflein war so rührend.«
»In dieser Bude sieht uns niemand,« wandte er lustig ein.
»So? Das klingt ja sehr verdächtig. Wieviel Rendezvous haben Sie sich
hier schon gegeben?«
»Kein einziges, ich schwöre es Ihnen. Aber als ich früher mal durch
Zufall hier hineingeriet, um mich mit meinem Schwesterlein zu treffen,
dachte ich so bei mir: hier könnte man sterben, es würde niemand
merken. Na, und gestorben wäre ich sicher, wenn Sie nicht gekommen
wären.«
»Ach, Sie Schmeichler, Sie! Ich hätte kaum geglaubt, daß man so was in
Spandau auch kennt.«
»Ach, wenn Sie wüßten, was man da alles kennt,« seufzte er.
»Armeleutnants-Diners zu zwei Gängen, Verstorbenevaterfreuden an den
Hinterbliebenen und andauernde Sehnsucht nach dem Kommißgeld mit blauer
Blume daran. Und manches andere noch.«
»Sie sind wenigstens aufrichtig. Das gefällt mir ganz besonders von
Ihnen.«
»Ja, spotten Sie nur, mein gnädiges Fräulein,« fuhr er fort. »Sie
kennen dieses große Kapitel im bunten Drilleben nicht. Sie sind ein
verwöhnter Schmetterling, der immer aus goldenen Schüsseln nascht und
der sich seine Blume suchen kann. Von dem schönen Wort ›arme Familie‹
haben Sie noch nichts gehört.«
»Ach du lieber Himmel,« kam es Kornelia unwillkürlich über die Lippen.
»Wissen Sie, es kommt immer darauf an, wie man alles betont ... Ich
bitte Sie, werden wir nicht so laut, man könnte uns hören!«
»Ach, das sind Zeitungstiger, die nichts sehen.«
Der Schläfer am Ofen hatte sich geregt, und so war Kornelia ängstlich
darauf aufmerksam geworden. Zugleich schien es ihr aber auch, als wenn
der muntere Zeitungsleser am Fenster die Ohren spitzte. Sie konnte
ihn zwar nicht sehen, denn er hielt andauernd eine große eingespannte
Zeitung vor seinem Gesicht, aber seine völlige Bewegungslosigkeit gab
ihr zu denken. Das bedienende Mädchen kam und brachte das bestellte
Vanillen-Eis, das Kornelia langsam zu schlucken begann.
Fröhlich kam sich wie ein Gefangener vor, dem die Aussicht durch
ein großes Stück Papier verdeckt ist, das er zur Strafe fortwährend
anstarren muß, ohne zu erfahren, was darauf steht. Wiederholt hatte er
den Versuch gemacht, ruhig weiter zu lesen, aber er kam über den ersten
Ansatz dazu nicht hinaus. Sofort hatte er den Vorgang erfaßt, und als
er die Anrede ›Leutnant‹ und den Namen ›Fanny‹ hörte, wußte er, daß
er das Original der Photographie vor sich hatte, die auf dem Tische
in Fräuleins Zimmer stand. Also war es der Bruder der Angebeteten,
der sich mit der vielumworbenen Tochter des Bankdirektors hier ein
Stelldichein gegeben hatte. Was für eine Verwirrung im Hause Roderich,
deren Folgen ihm unabsehbar erschienen!
Er hatte sich bereits auf alles gefaßt gemacht: daß Frau Agathe das
Singen lassen könnte, daß sie eines Tages mit ihrem Herrn Gemahl wieder
gemeinsam das Mittagessen einnehmen würde, daß Rudi seinen Eltern
erklären könnte, er möchte zwölf Stunden täglich arbeiten; aber auf
eine derartige Ueberraschung war er niemals vorbereitet gewesen.
Bisher hatte er sich immer geschmeichelt, alles im Hause Roderich
kommen zu sehen, diese Neuigkeit jedoch war urplötzlich an ihn
herangetreten, und unvorbereitet, wie er war, sah er sich in einer
unbehaglichen Klemme, gegen die er machtlos war. Er hatte zwar seinen
Blick bannen, sich aber nicht die Ohren zuhalten können, was er aus
Feinfühligkeit am liebsten getan hätte, und so hatte er jedes Wort
der beiden vernommen. Um alles in der Welt hätte er sich ihnen nicht
gezeigt; denn dann wären sie um ihr stilles Glück gekommen, und
man hätte in ihm den Mitwisser ihres Geheimnisses gesehen und ihn
jedenfalls als Störenfried betrachtet, dem man kein angenehmes Gesicht
zeigen würde. Er kannte das Leben nach dieser Richtung hin und wußte,
daß große Herrschaften immer einen Grund hatten, die Unschuldigen für
ihr eigenes Pech verantwortlich zu machen. Er hätte auch gar nicht
gewußt, wie er sich bei diesem unangenehmen Zufall verhalten sollte.
War es überhaupt ein Zufall, daß ihm die Aussicht winkte, den Bruder
des armen Fräuleins, des von ihm geliebten Mädchens, später einmal im
Hause desselben Mannes zu sehen, in dem die sogenannte Familiensklavin
ihren Dienst tat, oder dann vielleicht schon getan hatte? Der Kandidat
war geneigt, diese Frage zu verneinen und wieder an jene höhere
Bestimmung zu glauben, der er sich als Schicksalsanbeter so gerne
beugte. Sicher waren geheime Mächte mit im Spiele, die ihre Fäden bis
hierher gesponnen hatten, um die Menschen zusammen zu bringen, die
denselben Kampf um ihr Glück zu führen hatten.
Fröhlich zerbrach sich aber nicht länger den Kopf darüber; er hielt
es für besser, sich gar nicht zu zeigen, sondern in Ruhe abzuwarten,
bis sie gehen würden. Lange konnte das nach Kornelias Andeutung nicht
dauern.
Die beiden am anderen Tisch plauderten ruhig weiter. »Wie geht's meiner
Schwester?« fragte Frank. »Sie würde schöne Augen machen, wenn sie uns
hier sitzen sähe, meinen Sie nicht?«
Kornelia lachte leicht auf. »Vielleicht ahnt sie schon etwas. Ich habe
ihr nämlich Ihren Gruß bestellt ... Wie wär's, wenn Sie sich einmal
persönlich nach ihrem Befinden erkundigten, Sie stolzer Marsjünger? Es
geht ihr übrigens gut.«
»Durch Ihre Aufopferung, gnädiges Fräulein. Es ist ja brüllend-rührend,
wie sie von Ihnen schreibt.«
»Dafür soll sie einen Verweis bekommen.«
»Aber nicht zu hart, wenn ich bitten darf,« wandte Frank gutmütig
neckend ein. »Schon kein Vergnügen für sie, Fräulein zu spielen.
Na, und mir macht's erst recht keinen Spaß. Ich war immer dagegen.
Aber hören die Mädels denn? Sie müssen immer gleich weg von Muttern,
sogenannte Selbständigkeit sich erringen. Nette Selbständigkeit, wenn
der Bruder darunter am meisten zu leiden hat. Deubel ja!«
»Fluchen Sie nicht, es kleidet Sie nicht!«
»Es ist wahr, verehrtes gnädiges Fräulein,« fuhr er fort. »Ich bin
Aktiver, und sie geht mit fremden Kindern spazieren! Verzeihung --
hoffentlich werden mir diese reizenden Kleinen bald näher gerückt.
Aber es ist doch so. Wenn man nichts davon sieht, läßt man die Karre
ruhig gehen. Ist ja bei hundert anderen Mädels aus guter Familie auch
so. Da sind die Töchter von Exzellenz Hübner, alter verdienter General
gewesen, entfernter Verwandter von uns. Alle drei Lehrerinnen. Was
haben sich die Mädels gesträubt, in Kommunalschuldienst zu treten!
Jetzt haben sie's längst überwunden. Kriegen besser von der Stadt
bezahlt, wie sie sagen. Obendrein pensionsberechtigt. Wenn sie aus der
Schule kommen, lüften sie immer die Kleider aus. Sie sind aber ganz
kreuzvergnügt dabei: Brot schmeckt eben süß.«
»Es ist doch auch keine Schande, Herr Leutnant, es sich ehrlich zu
verdienen.«
»Sicher nicht, meine Gnädige. Das soll ja auch alles sein, wenn's
unsern bunten Rock nur nicht geniert. Immer besser noch, die armen
Mädels bleiben in der Häuslichkeit, als wenn sie in die Komptoirs und
in die Bureaus laufen, oder gar zu Hause verschämte Armut treiben, nur
kollidieren dürfen sie nicht mit uns. Dann wird's natürlich uns zur
Last gelegt.«
»Ich würde das niemals tun, Herr Leutnant.«
Frank machte einen verbindlichen Kopfnicker. »Das ehrt Sie ungemein,
mein gnädiges Fräulein; aber so denken nicht alle Menschen, die
es angeht. Was würde zum Beispiel Ihre gnädige Frau Mama oder Ihr
verehrter Herr Papa sagen, wenn Leutnant Frank bei ihnen um die Hand
ihres Töchterleins anhalten würde, derselbe Leutnant Frank, dessen
liebe, gute Schwester -- und das ist sie wahrhaftig -- im selben Hause
sozusagen Halbdienerin ist?«
»Nichts würden sie sagen,« warf Kornelia altklug ein. Trotzdem war
sie rot geworden, denn da ihr Herz fortwährend mitsprach, war diese
Deutlichkeit ihr sehr nahe gegangen. Er hatte schließlich nur ihre
Gedanken wiedergegeben, und so war ihre Antwort nur der Ausdruck ihrer
Verlegenheit.
Er lächelte überlegen. »Nichts -- das habe ich mir auch gedacht. Ihre
Herren Eltern würden eben sprachlos sein. Zuerst über die Kühnheit des
Mitgiftjägers, -- Verzeihung, ich gebe ja nur die Gedanken anderer
wieder -- und dann über die Anmaßung aus verwandtschaftlichen Gründen.
Kenne ich. Solche Märchen erzählen wir uns im Kasino, und wenn der
Ausgang uns nicht paßt, dann wird geflucht und geschimpft. Besser
wird's dadurch ja nicht, aber es gibt Erleichterung ... deshalb sage
ich, mein liebes, wertes Fräulein Kornelia, -- ich darf Sie doch so
nennen? -- wenn mir der Aufstieg erleichtert werden soll, ohne zu große
nebulose Aussicht, dann muß Fanny Plätzchenwechseln spielen. Sie muß
fort von Ihnen.«
Die große Zeitung am Fenster bauschte sich plötzlich nach vorn, gleich
einem Segel, in das der Wind gefahren ist. Diese Bewegung kam von einem
unmutigen Kopfschütteln Fröhlichs, der mit dieser Ansicht durchaus
nicht einverstanden war. Er hatte zwar nicht alles vernommen, da das
Sprechen zeitweise zu einem Flüstern sank. Zuletzt jedoch, als Erregung
aus den Worten klang, hatte er jede Silbe gehört. Beinahe hätte er das
Schiff ins Wanken gebracht. Zum Glück aber beherrschte er sich sofort
und zog das Segel wieder an, so daß seine Aufregung unsichtbar blieb.
»Das kommt vielleicht bald, ohne Ihren Willen,« warf Kornelia ein.
»Was sagen Sie dazu -- sie hat einen Anbeter gefunden, und einen ganz
ehrlichen obendrein.«
»Sieh einer diese Muckerin,« sagte Frank ganz verblüfft. »Davon
schreibt sie natürlich nichts! Hat er denn was?«
»Schöne Aussichten.«
»Also gerade wie ich?«
»Ganz so schön sind sie nicht,« fuhr Kornelia fort. »Es ist nämlich
unser Herr Kandidat, der in sie verschossen ist.«
»Also ein anständiger Kerl?«