IX.

An diesem Tage aß Fröhlich kein Mittag. Der Monat ging seinem Ende

entgegen, und so war völlige Ebbe in seiner Kasse. Sein Stolz hatte

ihm einen unerwarteten Possen gespielt, den er aber mit Würde ertrug.

Vorübergehend mischte sich nur leises Bedauern hinein, als ihm einfiel,

daß es gerade heute grünen Hecht gab, den er mit Leidenschaft aß, und

worauf Frau Roderich schon am Tage vorher zart hingedeutet hatte.

Sie war sehr überrascht, als der Kandidat eine günstige Gelegenheit

benutzte, sie zu bitten, nicht mehr für ihn decken zu lassen; er habe

sich mit ihrem Herrn Gemahl bereits darüber ausgesprochen.

Sie stürmte hinunter, fand aber ihren Mann nicht mehr vor, der es eilig

gehabt hatte. Schließlich witterte sie Rudi dahinter, der aber mit

den Achseln zuckte und sich ausschwieg, im Innern jedoch sich wie ein

Sieger vorkam, der einen lästigen Feind aus dem Felde geschlagen hat.

Kornelia war bereits in den Zoologischen Garten hinübergegangen, wo sie

seit einiger Zeit mit Erlaubnis der Direktion Tierstudien trieb, und

so blieb der Mutter nur noch Walter übrig, den sie aber unmöglich beim

Unterricht aushorchen konnte, ohne sich nicht lächerlich zu machen.

Und so rauschte sie an diesem Vormittage wie eine in ihrem Stolze tief

gekränkte Frau umher, die die Empfindung hat, ein Gnadengeschenk durch

große Undankbarkeit belohnt zu sehen.

Sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß eine heimliche Macht den

Hauslehrer zu seinem Entschlusse bestimmt haben müsse, und, sofort

geneigt, der mißtrauischen Sprache ihres Herzens zu folgen, sah sie

als Urheberin dieses Unheils allein Fanny Frank an. Sie hatte ihn

jedenfalls dazu bewogen, den Freitisch aufzugeben, um ihn der Nähe

seiner Gebieterin zu entreißen, natürlich nur aus Eifersucht!

Dieses kleine Mädchen, mit dem Benehmen für Kinder geeignet, konnte es

wagen, eifersüchtig auf eine imposante Frau der Gesellschaft zu werden!

Frau Agathes überreizte Einbildung ging wieder ins Unbegrenzte, und sie

malte sich die schönsten Ränke aus, die binnen eines Tages und einer

Nacht hinter ihrem Rücken sich abgesponnen haben könnten. Es erschien

ihr als sehr wahrscheinlich, daß der Kandidat sich nicht gescheut

habe, Fräulein heimlich im Krankenzimmer aufzusuchen. Es war also an

der Zeit, die Minen springen zu lassen; denn in einem gesitteten Hause

durfte ein derartiges Verhältnis zwischen Angestellten niemals geduldet

werden.

Oswald Fröhlich bewohnte zusammen mit seinem zwölfjährigen Bruder

ein bescheidenes Zimmer im obersten Stockwerk eines Gartenhauses in

Charlottenburg, nicht weit von des Bankdirektors Villa. Der Sohn eines

Pastors in der Mark, hatte er zuerst aus Gründen der Billigkeit in

Halle zwei Semester Medizin studiert, war dann aber zu seinem jetzigen

Studium übergegangen und nach Berlin übergesiedelt, um sich besser

durchschlagen zu können. Noch während der höheren Semester hatte er die

ganze Bedrängnis des armen Studenten kennen gelernt, der, fast ohne

Zehrpfennig von zu Hause, sich durch Hochmut, Demütigung und Entbehrung

durchschlängeln muß, um sein Leben zu fristen, sein Studium nicht zu

vernachlässigen und die Hoffnung auf die Zukunft nicht zu verlieren.

Er hatte Klavierunterricht, die Stunde für fünfzig Pfennig, erteilt,

zugleich Nachhilfestunden für je eine Mark, und war Einpauker bei allen

jenen hoffnungsvollen Knaben biederer, philisterhafter Eltern gewesen,

die an die dicken Schädel ihrer Herren Söhne niemals glauben wollten,

schon aus Rücksicht auf die eigenen Geistesgaben nicht, und die die

liebliche Gewohnheit hatten, es sofort mit einem anderen Hauslehrer

zu versuchen, sobald die Gymnasium- oder Realschulpflanze bei der

Versetzung in eine andere Klasse unberücksichtigt geblieben war. In

diesem Falle pflegte dann stets die vorherige gute Meinung von den

Fähigkeiten des Nachhilfestundengebers in das Gegenteil umzuschlagen,

und von den Empfehlungen, mit denen man ihn ausstatten wollte, keine

Rede mehr zu sein.

Allmählich verbesserten sich die Einkünfte Fröhlichs, was er mit

Freuden begrüßte, da inzwischen sein Vater gestorben war und außer den

beiden Söhnen der Witwe noch zwei unverheiratete Töchter hinterließ.

Die Mädchen fanden schließlich Stellungen auf dem Lande, den Jungen

aber nahm Oswald gleich nach dem Begräbnis des Alten mit nach Berlin,

wo er ihn auf das Gymnasium brachte und väterlich für ihn sorgte. Er

mußte die Zahl der Nachhilfestunden verdoppeln, und er tat es gern, in

heiliger Pflichterfüllung. Die Frau Pastor half nach Kräften, indem sie

selbstgemachte Wurst schickte, eigenhändig gestrickte Strümpfe beilegte

und sich bis zu selbstgenähten Anzügen für den Jungen verstieg;

überhaupt alle jenen nützlichen Dinge sandte, an denen die Liebe einer

Mutter reich ist. Auch die Schwestern knapsten sich manches ab, und so

konnte die Daseinskarre zwar schwerfällig aber ohne Gefahr weitergehen.

Als dann Fröhlich die Universitätszeit glücklich beendet hatte und

nun in den schönen Zustand eines Hungerkandidaten kam, den er gern

mit einem Lebenstümpel verglich, auf dem man fortwährend im Kreise

herumrudert, ohne den Ausweg zu finden, machte er als sogenannter

fester Hauslehrer die sonderbarsten Erfahrungen. Er wollte gern in

Berlin und Umgegend bleiben, schon des Bruders wegen, und so mußte er

Zumutungen über sich ergehen lassen, wie sie das große Angebot einer

Riesenstadt mit sich bringt.

Er sollte bei gewissen Zöglingen hin und wieder den Schwamm anwenden,

wenn sie sich unerwarteterweise das Gesicht beschmutzt hätten; sollte

sich in einer andern Stellung als Heilkünstler für angeborenes Stottern

zeigen und zugleich den Nachweis führen, ob er auch schwimmen könne,

da es notwendig sein werde, den Schüler während des Sommers in die

Badeanstalt zu begleiten. Ja, ein früherer biederer Bäckermeister, der

sich als Rentier in einem Vorort zur Ruhe gesetzt hatte, machte den

dauernden Aufenthalt in seinem Hause davon abhängig, daß Fröhlich das

Zitherspielen erlernen müsse, da der spätere Erbe durchaus Neigung zu

diesem Instrument habe und sein musikalisches Talent darin ausbilden

wollte. Daß sonst noch besondere Familienwünsche nebenbei liefen, hing

wohl mit den unerschöpflichen Zeitansprüchen zusammen.

Die Fräulein Töchter verlangten englische und französische

Konversationsstunden, unentgeltlich natürlich, höchstens gegen eine

Einladung zum kalten Aufschnitt, und gelegentliches Besorgen der

neuesten Walzernoten. Und auch die wohlerzogene Frau Mama fand es nicht

unbillig, wenn der Herr Kandidat gelegentlich eines Damenkränzchens

seine Fingerfertigkeit auf dem Klavier zur Belustigung der Gäste

freundlichst beweise. Einmal erlebte Fröhlich sogar die Ueberraschung,

daß der Hausherr, ein früherer Apotheker, der von seinem Rentensitz

aus große Grundstücksspekulationen trieb, ihm das Vertrauen schenkte,

zwischen vier und sechs Uhr nachmittags die umfangreiche Korrespondenz

mit erledigen zu helfen, wofür dann in Gnaden hin und wieder ein

Abonnementsbillet für das Opernhaus bewilligt wurde.

Endlich kam Fröhlich durch Empfehlung in das Haus Roderichs, das er

nach unruhiger Irrfahrt wie einen kleinen Hafen betrachtete, in dem

er vor zu argen Lebensstürmen bis auf absehbare Zeit bewahrt bleiben

würde. Zwar wurde er auch hier nicht fürstlich belohnt, aber die

hundertzwanzig Mark monatlich reichten doch, sein und des Bruders

Dasein zu fristen. Er war bedürfnislos, und der Schüler hatte noch

weniger Ansprüche ans Leben zu stellen, und so erschien ihm die

Zukunft sonnenreicher denn je. Die kleinen Aergernisse, die ihm auch

hier bereitet wurden, nahm er gern in den Kauf, denn er hatte in dem

Bankdirektor einen Mann von Gesinnung gefunden, der seine Fähigkeiten

zu schätzen wußte und in ihm stets den gebildeten Mann sah.

Nun aber waren plötzlich neue Aufregungen an ihn herangetreten, die

mehr den inneren als den äußeren Menschen beschäftigten.

Eine starke Neigung zu Fanny Frank hatte ihn erfaßt, die ihm unerwartet

Herzensnot brachte, weil er nicht wußte, ob er auf Gegenliebe rechnen

durfte. Schon seit Wochen hatte er diese Umwandlung in seinem

Wesen empfunden, die ihm den Wert des Lebens von einer neuen Seite

offenbarte. Und als er Fanny gestern in ihrer holden Verwirrung vor

sich sitzen sah, wie ihr Pflichtgefühl jedes andere Bedenken verdrängt

hatte, war der heiße Wunsch nach ihrem ehrbaren Besitz wie eine

elementare Bewegung in ihm rege geworden, so daß er die Arme hätte

ausstrecken mögen, um sie an sich zu ziehen und ihr das in innigen

Worten zu sagen.

Und noch viel mehr hatte er diesen sengenden Trieb empfunden, als Rudi

dazwischentrat und mit häßlicher Lebensauffassung seine reine Achtung

vor ihr zu trüben versuchte. Er hatte Worte des Zornes unterdrückt,

hatte sich unter glatter Höflichkeit bemeistert, trotzdem er sich im

Augenblick nicht mehr als bloßer Hausgenosse von ihr gefühlt hatte,

sondern als der Mann, der sich durch seine Liebe schon zu jeder Abwehr

berechtigt glaubte.

Als er jetzt aber die Treppe zu seiner Wohnung emporstieg, konnte er

nicht sagen, daß er unzufrieden mit dieser Wendung sei. Er hatte immer

mehr an eine Bestimmung als an einen Zufall im Leben geglaubt, und

so faßte er es auch jetzt als eine weise Fügung des Schicksals auf,

daß er die allzu familiären Beziehungen zum Hause Roderich gelöst

hatte. Er brauchte sich nicht mehr der Gefühlstyrannei der Hausherrin

auszusetzen, konnte nun über den ganzen Nachmittag verfügen und seine

Zeit besser verwenden, als schlechten Gesang zu unterstützen und eine

Augensprache zu empfangen, der er kein Verständnis entgegenbringen

konnte.

Er war sich immer wie ein erwachsener gehorsamer Schüler vorgekommen,

der zu einer außergewöhnlichen Lektion befohlen wurde und der niemals

zu widersprechen wagte, aus Furcht, er könnte sonst auf irgend eine

Art bestraft werden. Nun aber fühlte er sich sozusagen der verliebt

geschwungenen Zuchtrute entlaufen, und konnte, wenn auch mit leerem

Magen, zum ersten Male frei aufatmen. Seine größte Freude war, sich

nun schon am Nachmittage mit seinem Bruder beschäftigen zu können, der

bereits in Quarta saß und ein sehr fleißiger Schüler war. Als er aber

in sein Zimmer trat, fand er ihn nicht mehr vor, denn heute nachmittag

war Schule, woran Fröhlich in seiner Zerstreuung nicht gedacht hatte.

Frau Rettig, die ehrsame Witwe eines Magistratsbeamten, die sich durch

»möblierte Herren« ernährte, wunderte sich sehr, ihn schon um diese

Zeit zu Hause zu sehen. Als gute Herbergsmutter, die gern ihre Zunge in

Bewegung setzte, wenn es galt, die Neugier zu befriedigen, fragte sie

sofort: »Nanu, Herr Kandidat? Heute so früh? Die Herrschaften haben

wohl zeitiger gegessen?«

Fröhlich geriet in Verlegenheit. Während des Jahres, wo er hier wohnte,

hatte er den Mittagstisch bei Roderichs stets derartig gelobt, daß

Frau Rettig oftmals die Hände zusammenschlug und ausrief: »Immer drei

Gerichte? Besser können Sie's ja gar nicht haben! Das halten Sie nur

fest!«

Als treue Kreditgeberin des Kandidaten in Zeiten, wo er nicht pünktlich

die Miete bezahlen konnte, die überdies sonst in alle kleinen Leiden

der Brüder eingeweiht war, glaubte sie die Berechtigung zur großen

Offenheit zu haben.

Kandidat Fröhlich nickte nur zur Bestätigung und meinte, daß er

heute einen notwendigen Besuch wegen einiger Nachhilfestunden bei

einem Sekundaner zu machen habe, der endlich nach Prima versetzt

werden wollte. Er könnte diesen Unterricht auf den Abend verlegen,

und so würde er das gerne mitnehmen. In der Tat erwartete man ihn zu

einer Besprechung, aber erst um sechs Uhr. Er half sich jedoch mit

dieser Ausrede, weil er noch nicht den Mut hatte, mit der Wahrheit

herauszukommen. »Nun, was hat's denn heute bei Ihnen gegeben?« fragte

er, um sie auf andere Gedanken zu bringen.

»Bratwurst mit Quetschkartoffeln. Bruno hat wieder tüchtig eingehauen.«

Das sagte sie jedesmal, um damit anzudeuten, wie gering eigentlich der

Pensionspreis im Verhältnis zu ihrer Beköstigung sei; aber es geschah

mehr harmlos als bösartig.

Kandidat Fröhlich hatte die Bratwurst bereits gerochen, denn in dieser

kleinen Wohnung, wo die Küchentür selten geschlossen wurde, lag der

Geruch des Essens fortwährend in der Luft. Er blähte verlangend die

Nasenflügel, etwa wie ein armer Reisender, der zwischen Tür und

Schwelle steht und doch nicht wagt, einen bescheidenen Wunsch zu

äußern. »Er hat wohl wieder alles aufgegessen, wie?« fragte er lachend,

aber lauernd.

»Alles reine weggeputzt, Herr Kandidat,« gab Frau Rettig eifrig zurück.

»Es war man heute wenig, die alten Kartoffeln werden schon schlecht.

Ich hätte gerne auch noch mehr gegessen.«

Kandidat Fröhlich wußte nun, daß nichts mehr zu erwarten gewesen

wäre, selbst wenn er jede Scheu überwunden haben würde. Zwar hätte

es nur eines Wortes bedurft, um die biedere Wirtin einige Eier in

die Pfanne schlagen zu lassen, aber dann wäre er doch gleich in lange

Auseinandersetzungen mit ihr geraten, die er in seinem heutigen Zustand

fürchtete. Er bestellte sich eine Tasse Kaffee, und las den Brief der

Frau Pastor, der während seiner Abwesenheit eingetroffen war. Zu Hause

ging alles gut, und so fühlte er sich wenigstens seelisch gestärkt,

während der Magen allerdings darauf keine Rücksicht nahm, sondern

seine Leere nach dem Genuß des cichorienreichen Getränkes erst recht

ankündigte.

Kandidat Fröhlich zählte seine Barschaft nach, die noch aus

dreiundfünfzig Pfennigen bestand, und beschloß, in der frischen Luft

draußen zu erwägen, was für Herrlichkeiten er durch das Aufheben

jeglichen Standesvorurteils bei einem Bäcker und Schlächter erstehen

könne. Rasch griff er wieder zum Hut, zu den Zwirnhandschuhen und

zum unvermeidlichen Regenschirm, der erst unlängst einen neuen Griff

erhalten hatte, und schritt, wie immer stolz und kerzengerade, über den

mit schönen Gartenanlagen ausgestatteten Hof, wie ein Mann, dem niemand

es ansehen konnte, daß er sich mit wenigen Nickeln auf Umwegen sein

trockenes Mittagessen einkaufen wolle.

Familiensklaven · 第 13 / 33 题