An diesem Tage aß Fröhlich kein Mittag. Der Monat ging seinem Ende
entgegen, und so war völlige Ebbe in seiner Kasse. Sein Stolz hatte
ihm einen unerwarteten Possen gespielt, den er aber mit Würde ertrug.
Vorübergehend mischte sich nur leises Bedauern hinein, als ihm einfiel,
daß es gerade heute grünen Hecht gab, den er mit Leidenschaft aß, und
worauf Frau Roderich schon am Tage vorher zart hingedeutet hatte.
Sie war sehr überrascht, als der Kandidat eine günstige Gelegenheit
benutzte, sie zu bitten, nicht mehr für ihn decken zu lassen; er habe
sich mit ihrem Herrn Gemahl bereits darüber ausgesprochen.
Sie stürmte hinunter, fand aber ihren Mann nicht mehr vor, der es eilig
gehabt hatte. Schließlich witterte sie Rudi dahinter, der aber mit
den Achseln zuckte und sich ausschwieg, im Innern jedoch sich wie ein
Sieger vorkam, der einen lästigen Feind aus dem Felde geschlagen hat.
Kornelia war bereits in den Zoologischen Garten hinübergegangen, wo sie
seit einiger Zeit mit Erlaubnis der Direktion Tierstudien trieb, und
so blieb der Mutter nur noch Walter übrig, den sie aber unmöglich beim
Unterricht aushorchen konnte, ohne sich nicht lächerlich zu machen.
Und so rauschte sie an diesem Vormittage wie eine in ihrem Stolze tief
gekränkte Frau umher, die die Empfindung hat, ein Gnadengeschenk durch
große Undankbarkeit belohnt zu sehen.
Sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß eine heimliche Macht den
Hauslehrer zu seinem Entschlusse bestimmt haben müsse, und, sofort
geneigt, der mißtrauischen Sprache ihres Herzens zu folgen, sah sie
als Urheberin dieses Unheils allein Fanny Frank an. Sie hatte ihn
jedenfalls dazu bewogen, den Freitisch aufzugeben, um ihn der Nähe
seiner Gebieterin zu entreißen, natürlich nur aus Eifersucht!
Dieses kleine Mädchen, mit dem Benehmen für Kinder geeignet, konnte es
wagen, eifersüchtig auf eine imposante Frau der Gesellschaft zu werden!
Frau Agathes überreizte Einbildung ging wieder ins Unbegrenzte, und sie
malte sich die schönsten Ränke aus, die binnen eines Tages und einer
Nacht hinter ihrem Rücken sich abgesponnen haben könnten. Es erschien
ihr als sehr wahrscheinlich, daß der Kandidat sich nicht gescheut
habe, Fräulein heimlich im Krankenzimmer aufzusuchen. Es war also an
der Zeit, die Minen springen zu lassen; denn in einem gesitteten Hause
durfte ein derartiges Verhältnis zwischen Angestellten niemals geduldet
werden.
Oswald Fröhlich bewohnte zusammen mit seinem zwölfjährigen Bruder
ein bescheidenes Zimmer im obersten Stockwerk eines Gartenhauses in
Charlottenburg, nicht weit von des Bankdirektors Villa. Der Sohn eines
Pastors in der Mark, hatte er zuerst aus Gründen der Billigkeit in
Halle zwei Semester Medizin studiert, war dann aber zu seinem jetzigen
Studium übergegangen und nach Berlin übergesiedelt, um sich besser
durchschlagen zu können. Noch während der höheren Semester hatte er die
ganze Bedrängnis des armen Studenten kennen gelernt, der, fast ohne
Zehrpfennig von zu Hause, sich durch Hochmut, Demütigung und Entbehrung
durchschlängeln muß, um sein Leben zu fristen, sein Studium nicht zu
vernachlässigen und die Hoffnung auf die Zukunft nicht zu verlieren.
Er hatte Klavierunterricht, die Stunde für fünfzig Pfennig, erteilt,
zugleich Nachhilfestunden für je eine Mark, und war Einpauker bei allen
jenen hoffnungsvollen Knaben biederer, philisterhafter Eltern gewesen,
die an die dicken Schädel ihrer Herren Söhne niemals glauben wollten,
schon aus Rücksicht auf die eigenen Geistesgaben nicht, und die die
liebliche Gewohnheit hatten, es sofort mit einem anderen Hauslehrer
zu versuchen, sobald die Gymnasium- oder Realschulpflanze bei der
Versetzung in eine andere Klasse unberücksichtigt geblieben war. In
diesem Falle pflegte dann stets die vorherige gute Meinung von den
Fähigkeiten des Nachhilfestundengebers in das Gegenteil umzuschlagen,
und von den Empfehlungen, mit denen man ihn ausstatten wollte, keine
Rede mehr zu sein.
Allmählich verbesserten sich die Einkünfte Fröhlichs, was er mit
Freuden begrüßte, da inzwischen sein Vater gestorben war und außer den
beiden Söhnen der Witwe noch zwei unverheiratete Töchter hinterließ.
Die Mädchen fanden schließlich Stellungen auf dem Lande, den Jungen
aber nahm Oswald gleich nach dem Begräbnis des Alten mit nach Berlin,
wo er ihn auf das Gymnasium brachte und väterlich für ihn sorgte. Er
mußte die Zahl der Nachhilfestunden verdoppeln, und er tat es gern, in
heiliger Pflichterfüllung. Die Frau Pastor half nach Kräften, indem sie
selbstgemachte Wurst schickte, eigenhändig gestrickte Strümpfe beilegte
und sich bis zu selbstgenähten Anzügen für den Jungen verstieg;
überhaupt alle jenen nützlichen Dinge sandte, an denen die Liebe einer
Mutter reich ist. Auch die Schwestern knapsten sich manches ab, und so
konnte die Daseinskarre zwar schwerfällig aber ohne Gefahr weitergehen.
Als dann Fröhlich die Universitätszeit glücklich beendet hatte und
nun in den schönen Zustand eines Hungerkandidaten kam, den er gern
mit einem Lebenstümpel verglich, auf dem man fortwährend im Kreise
herumrudert, ohne den Ausweg zu finden, machte er als sogenannter
fester Hauslehrer die sonderbarsten Erfahrungen. Er wollte gern in
Berlin und Umgegend bleiben, schon des Bruders wegen, und so mußte er
Zumutungen über sich ergehen lassen, wie sie das große Angebot einer
Riesenstadt mit sich bringt.
Er sollte bei gewissen Zöglingen hin und wieder den Schwamm anwenden,
wenn sie sich unerwarteterweise das Gesicht beschmutzt hätten; sollte
sich in einer andern Stellung als Heilkünstler für angeborenes Stottern
zeigen und zugleich den Nachweis führen, ob er auch schwimmen könne,
da es notwendig sein werde, den Schüler während des Sommers in die
Badeanstalt zu begleiten. Ja, ein früherer biederer Bäckermeister, der
sich als Rentier in einem Vorort zur Ruhe gesetzt hatte, machte den
dauernden Aufenthalt in seinem Hause davon abhängig, daß Fröhlich das
Zitherspielen erlernen müsse, da der spätere Erbe durchaus Neigung zu
diesem Instrument habe und sein musikalisches Talent darin ausbilden
wollte. Daß sonst noch besondere Familienwünsche nebenbei liefen, hing
wohl mit den unerschöpflichen Zeitansprüchen zusammen.
Die Fräulein Töchter verlangten englische und französische
Konversationsstunden, unentgeltlich natürlich, höchstens gegen eine
Einladung zum kalten Aufschnitt, und gelegentliches Besorgen der
neuesten Walzernoten. Und auch die wohlerzogene Frau Mama fand es nicht
unbillig, wenn der Herr Kandidat gelegentlich eines Damenkränzchens
seine Fingerfertigkeit auf dem Klavier zur Belustigung der Gäste
freundlichst beweise. Einmal erlebte Fröhlich sogar die Ueberraschung,
daß der Hausherr, ein früherer Apotheker, der von seinem Rentensitz
aus große Grundstücksspekulationen trieb, ihm das Vertrauen schenkte,
zwischen vier und sechs Uhr nachmittags die umfangreiche Korrespondenz
mit erledigen zu helfen, wofür dann in Gnaden hin und wieder ein
Abonnementsbillet für das Opernhaus bewilligt wurde.
Endlich kam Fröhlich durch Empfehlung in das Haus Roderichs, das er
nach unruhiger Irrfahrt wie einen kleinen Hafen betrachtete, in dem
er vor zu argen Lebensstürmen bis auf absehbare Zeit bewahrt bleiben
würde. Zwar wurde er auch hier nicht fürstlich belohnt, aber die
hundertzwanzig Mark monatlich reichten doch, sein und des Bruders
Dasein zu fristen. Er war bedürfnislos, und der Schüler hatte noch
weniger Ansprüche ans Leben zu stellen, und so erschien ihm die
Zukunft sonnenreicher denn je. Die kleinen Aergernisse, die ihm auch
hier bereitet wurden, nahm er gern in den Kauf, denn er hatte in dem
Bankdirektor einen Mann von Gesinnung gefunden, der seine Fähigkeiten
zu schätzen wußte und in ihm stets den gebildeten Mann sah.
Nun aber waren plötzlich neue Aufregungen an ihn herangetreten, die
mehr den inneren als den äußeren Menschen beschäftigten.
Eine starke Neigung zu Fanny Frank hatte ihn erfaßt, die ihm unerwartet
Herzensnot brachte, weil er nicht wußte, ob er auf Gegenliebe rechnen
durfte. Schon seit Wochen hatte er diese Umwandlung in seinem
Wesen empfunden, die ihm den Wert des Lebens von einer neuen Seite
offenbarte. Und als er Fanny gestern in ihrer holden Verwirrung vor
sich sitzen sah, wie ihr Pflichtgefühl jedes andere Bedenken verdrängt
hatte, war der heiße Wunsch nach ihrem ehrbaren Besitz wie eine
elementare Bewegung in ihm rege geworden, so daß er die Arme hätte
ausstrecken mögen, um sie an sich zu ziehen und ihr das in innigen
Worten zu sagen.
Und noch viel mehr hatte er diesen sengenden Trieb empfunden, als Rudi
dazwischentrat und mit häßlicher Lebensauffassung seine reine Achtung
vor ihr zu trüben versuchte. Er hatte Worte des Zornes unterdrückt,
hatte sich unter glatter Höflichkeit bemeistert, trotzdem er sich im
Augenblick nicht mehr als bloßer Hausgenosse von ihr gefühlt hatte,
sondern als der Mann, der sich durch seine Liebe schon zu jeder Abwehr
berechtigt glaubte.
Als er jetzt aber die Treppe zu seiner Wohnung emporstieg, konnte er
nicht sagen, daß er unzufrieden mit dieser Wendung sei. Er hatte immer
mehr an eine Bestimmung als an einen Zufall im Leben geglaubt, und
so faßte er es auch jetzt als eine weise Fügung des Schicksals auf,
daß er die allzu familiären Beziehungen zum Hause Roderich gelöst
hatte. Er brauchte sich nicht mehr der Gefühlstyrannei der Hausherrin
auszusetzen, konnte nun über den ganzen Nachmittag verfügen und seine
Zeit besser verwenden, als schlechten Gesang zu unterstützen und eine
Augensprache zu empfangen, der er kein Verständnis entgegenbringen
konnte.
Er war sich immer wie ein erwachsener gehorsamer Schüler vorgekommen,
der zu einer außergewöhnlichen Lektion befohlen wurde und der niemals
zu widersprechen wagte, aus Furcht, er könnte sonst auf irgend eine
Art bestraft werden. Nun aber fühlte er sich sozusagen der verliebt
geschwungenen Zuchtrute entlaufen, und konnte, wenn auch mit leerem
Magen, zum ersten Male frei aufatmen. Seine größte Freude war, sich
nun schon am Nachmittage mit seinem Bruder beschäftigen zu können, der
bereits in Quarta saß und ein sehr fleißiger Schüler war. Als er aber
in sein Zimmer trat, fand er ihn nicht mehr vor, denn heute nachmittag
war Schule, woran Fröhlich in seiner Zerstreuung nicht gedacht hatte.
Frau Rettig, die ehrsame Witwe eines Magistratsbeamten, die sich durch
»möblierte Herren« ernährte, wunderte sich sehr, ihn schon um diese
Zeit zu Hause zu sehen. Als gute Herbergsmutter, die gern ihre Zunge in
Bewegung setzte, wenn es galt, die Neugier zu befriedigen, fragte sie
sofort: »Nanu, Herr Kandidat? Heute so früh? Die Herrschaften haben
wohl zeitiger gegessen?«
Fröhlich geriet in Verlegenheit. Während des Jahres, wo er hier wohnte,
hatte er den Mittagstisch bei Roderichs stets derartig gelobt, daß
Frau Rettig oftmals die Hände zusammenschlug und ausrief: »Immer drei
Gerichte? Besser können Sie's ja gar nicht haben! Das halten Sie nur
fest!«
Als treue Kreditgeberin des Kandidaten in Zeiten, wo er nicht pünktlich
die Miete bezahlen konnte, die überdies sonst in alle kleinen Leiden
der Brüder eingeweiht war, glaubte sie die Berechtigung zur großen
Offenheit zu haben.
Kandidat Fröhlich nickte nur zur Bestätigung und meinte, daß er
heute einen notwendigen Besuch wegen einiger Nachhilfestunden bei
einem Sekundaner zu machen habe, der endlich nach Prima versetzt
werden wollte. Er könnte diesen Unterricht auf den Abend verlegen,
und so würde er das gerne mitnehmen. In der Tat erwartete man ihn zu
einer Besprechung, aber erst um sechs Uhr. Er half sich jedoch mit
dieser Ausrede, weil er noch nicht den Mut hatte, mit der Wahrheit
herauszukommen. »Nun, was hat's denn heute bei Ihnen gegeben?« fragte
er, um sie auf andere Gedanken zu bringen.
»Bratwurst mit Quetschkartoffeln. Bruno hat wieder tüchtig eingehauen.«
Das sagte sie jedesmal, um damit anzudeuten, wie gering eigentlich der
Pensionspreis im Verhältnis zu ihrer Beköstigung sei; aber es geschah
mehr harmlos als bösartig.
Kandidat Fröhlich hatte die Bratwurst bereits gerochen, denn in dieser
kleinen Wohnung, wo die Küchentür selten geschlossen wurde, lag der
Geruch des Essens fortwährend in der Luft. Er blähte verlangend die
Nasenflügel, etwa wie ein armer Reisender, der zwischen Tür und
Schwelle steht und doch nicht wagt, einen bescheidenen Wunsch zu
äußern. »Er hat wohl wieder alles aufgegessen, wie?« fragte er lachend,
aber lauernd.
»Alles reine weggeputzt, Herr Kandidat,« gab Frau Rettig eifrig zurück.
»Es war man heute wenig, die alten Kartoffeln werden schon schlecht.
Ich hätte gerne auch noch mehr gegessen.«
Kandidat Fröhlich wußte nun, daß nichts mehr zu erwarten gewesen
wäre, selbst wenn er jede Scheu überwunden haben würde. Zwar hätte
es nur eines Wortes bedurft, um die biedere Wirtin einige Eier in
die Pfanne schlagen zu lassen, aber dann wäre er doch gleich in lange
Auseinandersetzungen mit ihr geraten, die er in seinem heutigen Zustand
fürchtete. Er bestellte sich eine Tasse Kaffee, und las den Brief der
Frau Pastor, der während seiner Abwesenheit eingetroffen war. Zu Hause
ging alles gut, und so fühlte er sich wenigstens seelisch gestärkt,
während der Magen allerdings darauf keine Rücksicht nahm, sondern
seine Leere nach dem Genuß des cichorienreichen Getränkes erst recht
ankündigte.
Kandidat Fröhlich zählte seine Barschaft nach, die noch aus
dreiundfünfzig Pfennigen bestand, und beschloß, in der frischen Luft
draußen zu erwägen, was für Herrlichkeiten er durch das Aufheben
jeglichen Standesvorurteils bei einem Bäcker und Schlächter erstehen
könne. Rasch griff er wieder zum Hut, zu den Zwirnhandschuhen und
zum unvermeidlichen Regenschirm, der erst unlängst einen neuen Griff
erhalten hatte, und schritt, wie immer stolz und kerzengerade, über den
mit schönen Gartenanlagen ausgestatteten Hof, wie ein Mann, dem niemand
es ansehen konnte, daß er sich mit wenigen Nickeln auf Umwegen sein
trockenes Mittagessen einkaufen wolle.