Als er dann hinaufging und seine Frau begrüßte, geriet sie sofort außer
sich. Emil hatte ihr pflichtgemäß durchgetutet, daß der Herr sein
Diner beendet habe und jedenfalls gleich erscheinen werde; jedoch sei
das gnädige Fräulein noch bei ihm. Agathe hatte es gerade im letzten
Augenblick erfahren, als ihr Mann die Wendeltreppe emporstieg. Sofort
glich ihre Erregbarkeit einem kleinen Raketenfeuer von Worten.
»Adolf, Ihr habt wieder etwas miteinander, -- gegen mich natürlich!
Neli hat mich wieder verklatscht, nicht wahr? Wie kommt sie überhaupt
dazu, Dich vor mir zu begrüßen? Und ich darf keinen Muck sagen. Aber Du
ziehst Deine Kinder immer ~vor~, sie zumeist. Ich bin wirklich ein
unglückliches Weib. Tief zu beklagen!«
»Hysterisch bist Du,« wollte er erwidern, unterdrückte aber diese Worte
aus Zartgefühl. Um so offener war er mit seiner anderen Meinung. »Da
habe ich wieder den schönsten Empfang nach des Tages Last und Mühen,
und da wunderst Du Dich noch, wenn ich unten wenigstens ein paar
Stunden lang vor diesen ewigen Nadelstichen bewahrt sein möchte?«
Sie fegte noch einmal so schnell mit der Schleppe über den Teppich vor
dem geöffneten Klavier. Schrill lachte sie auf. »Was ich aber am Tage
hier für Nadelstiche bekomme, das bedenkst Du nicht! Ich brauch' es Dir
wohl nicht erst zu sagen, Neli wird Dir schon alles zugetragen haben!«
Er beruhigte sie, indem er die Ausrede gebrauchte, er habe sich
nur nach dem Befinden Fräuleins erkundigen wollen. Er könne es nur
billigen, daß man den Arzt geholt habe, was übrigens frühzeitig hätte
geschehen müssen.
Es wallte aufs neue in ihr auf. »Siehst Du, nun kriege ich's! Das
soll doch nur ein Vorwurf gegen mich sein! Das ist ja schon die reine
Freundschaft zwischen Neli und dem Mädchen!«
Der Bankdirektor hob die Schultern. »Was Du Dich bloß darüber
ereiferst. Menschliche Teilnahme braucht doch noch nicht Freundschaft
zu sein. Hübsch von Neli, daß sie sich als gebildetes Mädchen zeigt.
Bildung verpflichtet zu anständiger Behandlung der Menschen, die von
uns abhängig sind.«
»Du bist ja der reine Sozialdemokrat,« keuchte sie hervor.
Roderich blieb kalt. »Nimm mir's nicht übel, liebe Agathe, aber
manchmal weißt Du nicht, was Du sprichst. Gut, daß kein Fremder das
hört! Du bist doch sonst so stolz auf den Titel ›Frau Bankdirektor‹. Ob
das nun gerade nach der heutigen Auffassung sozialdemokratisch klingt
-- weiß ich nicht ... Uebrigens zeigst Du Dich dem Kandidaten gegenüber
auch nicht besonders stolz, -- im Gegenteil, Du zeichnest ihn aus,
was ich Dir gar nicht zum Vorwurf machen will. Du kennst meine freie
Auffassung in dieser Beziehung.«
Sie stammelte erst ein wenig, fand aber dann gleich den Fluß der
Sprache wieder. »Das ist doch ein Mensch von hoher Bildung, ein
Lehrer, ein Erzieher, überhaupt ein gesellschaftsfähiger Herr! Er
kann Gymnasialdirektor werden, sogar Universitätsprofessor. Er stellt
sozusagen den Salon vor, Fräulein die Hinterstube.«
Sie trat auf ihn zu und zeigte ihm die Miene einer tief beleidigten
Frau. »Willst Du mir vielleicht diese harmlosen musikalischen Stunden
nicht mehr gönnen? Was habe ich denn sonst vom Leben? Du bist den
ganzen Tag auf der Bank, kommst nach Hause, ißt Deine zwölf Gänge für
Dich, und --«
»Sechs, liebe Agathe,« warf er gutmütig ein. »Davon sind eigentlich nur
drei richtig zu würdigen.«
»-- und läßt Dich dann nach einer Stunde sehen,« beendete sie ihren
Satz. »Ich habe mir dann schon gründlich die Galle voll geärgert, den
Tag über.«
»Du nimmst eben alles zu tragisch.«
»Was übrigens Fräulein betrifft, so kann ich Dir nur sagen -- sie hat
sich wirklich gründlich verstellt. Obendrein den Arzt getäuscht. Es ist
gar nicht so schlimm, fast schon alles vorüber. Morgen wird sie schon
aufstehen können.«
»Na also, -- freue Dich doch!« sagte er vergnügt, zog sie kräftig
an sich und gab ihr vorsichtig einen Kuß, was sie sich erst mit
geheucheltem Widerstreben gefallen ließ. Allmählich wurde sie aber
wirklich ruhig und unterdrückte sogar die Tränen, die sie bei
derartigen Gelegenheiten immer bereit hatte. Dann machte er den
Vorschlag, später auf ein Stündchen in den Zoologischen Garten
hinüberzugehen, und zwar mit Kornelia, oder auch nur zu zweien, wie sie
es wünsche. Man könne ja auf der Terrasse noch gemütlich eine Bowle
trinken und das Konzert einmal in der Nähe anhören.
Die Aussicht, heute noch in großer Frühjahrstoilette glänzen zu können,
mit sämtlichen Brillanten, stimmte sie rasch versöhnt, und so ging sie
gleich an die nötigen Vorbereitungen, die stets eine geraume Zeit in
Anspruch nahmen.
Roderich ging indessen in das Unterrichtszimmer, wo er sich nach
Walters Fortschritten erkundigen wollte, was er jeden Abend tat. Als er
ihn aber nicht vorfand, witterte er ihn bei Kornelia und traf ihn dort
auch an, damit beschäftigt, seinen Aufsatz vorzulesen. Er gab ihm einen
Wink, ruhig fortzufahren, setzte sich und hörte schweigend zu.
»Ausgezeichnet, ausgezeichnet,« sagte er dann zum Schluß und nahm das
Heft entgegen, in das Fröhlich bereits ein »Recht gut« eingetragen
hatte. »Diese Tiergeschichte ist ja sehr interessant. Woher hast Du das
eigentlich?«
»Die reine Novelle, was?« fiel Kornelia ein.
»Du gibst also dem Hunde den Vorzug, ganz mein Fall,« fuhr der
Bankdirektor fort. »Wenn ich Dir auch über den Ziehhund nicht
beistimmen kann. Es gibt doch noch Rassen, die edler sind. Die
Affenpinscher scheinst Du gar nicht leiden zu können. Das laß nur Mama
nicht lesen!«
»Warum denn nicht?« wandte Walter keck ein. »Aeffi ist doch eigentlich
ein Faultier, das sich zwecklos in seinem Korb herumsielt.«
»Um Himmels willen! Junge!« Unwillkürlich sah sich Roderich nach der
Tür um, als könnte die Hausherrin unbemerkt eingetreten sein. Dann aber
lachte er aus vollem Halse, vergnügt über diese Auffassung. »Aeffi
macht doch aber Mama große Freude, das ist eben sein innerer Wert,«
sagte er wieder zur Beruhigung.
Walter wurde lebhaft. »Aber Du sagtest doch oft, daß der eigentliche
Wert des Lebens in der Arbeit bestände. Na, -- und so bin ich auf den
Gedanken gekommen. Du bist doch auch ein fleißiger Mann.«
In seiner klugen Art erzählte er, wie er im vergangenen Sommer im Juni,
bei großer Hitze, eine arme Frau auf der Straße gesehen habe, wie
sie mit ihrem Ziehhund zusammen einen kleinen Wagen zog und an einem
Brunnen unter liebevollen Worten ihn tränkte. Das sei ihm so rührend
vorgekommen, daß er es nicht vergessen habe. Gewiß sei dieser große
starke Hund, der schon die Zunge heraushängen ließ, das ganze Vermögen
der armen Frau gewesen.
»Ich will Dir nur sagen,« sprach er eifrig weiter, »ich wollte damit
dem Herrn Kandidaten eine Freude bereiten. Das hat ihm denn auch ganz
besonders gefallen ... Er kam mir ebenfalls wie ein geplagtes Haustier
vor, als ich sah, wie er sich mit Hans und Trudchen herumärgern mußte.
Hans trat ihm fortwährend auf die Stiefel. Und zum Dank hatte der
Kandidat immer nur hübsche Worte. Das braucht er doch eigentlich nicht
zu machen, er ist doch nur für mich angestellt. Aber das tut er gewiß
nur, weil er so arm ist.«
Roderich erwiderte darauf nichts, sondern nickte nur still vor sich
hin, innerlich ein wenig beschämt darüber, vorhin erst zu dem Diener
anderer Meinung gewesen zu sein. Dann aber meinte er, daß so etwas ja
nicht alle Tage vorkomme, Walter brauche sich darüber nicht aufzuregen.
Aber er zog ihn an sich, nahm ihn zwischen die Knie und fuhr mit der
Hand über sein blasses Gesicht. Er liebte diesen Jungen ganz besonders,
und es war sein innerer Schmerz, daß dieser ehrliche Geist in einem so
mißgestalteten Körper steckte, der sich wie eine verkrüppelte Blume
ausnahm, die trotz alledem ihren herrlichen Duft spendete.
Was für ein Unterschied zwischen dem Aeltesten und diesem! In einsamen
Stunden, namentlich dann, wenn in seinem Privatkabinett in der Bank
die Gedanken von den ewigen Zahlen unwillkürlich zu dem Bilde dieses
zweiten Sohnes schweiften, empfand er leises Bedauern darüber, daß
kaufmännische Eigenschaften Walter versagt zu sein schienen. Und
dann gelobte er sich, der geistigen Entwickelung dieses Jungen keine
Schranken entgegenzusetzen, nach welcher Richtung hin sie sich auch
eines Tages zeigen sollte.
Fortwährend hörte man das elektrische Klingelzeichen hereinschallen.
Wenn Frau Agathe bei der Toilette war, dann setzte sie das ganze obere
Stockwerk in Bewegung. Heute schien sie besonders aufgeregt zu sein.
Sie hatte vor einigen Tagen das Kammermädchen entlassen und noch keinen
passenden Ersatz gefunden, und so mußte Emma vorläufig bei ihr und
Kornelia diesen Dienst versehen. Die Mecklenburgerin stellte sich aber
dabei etwas schwerfällig an. So gab es denn kleine Zornesausbrüche der
Gnädigen, die zwar sanft sein sollten, aber doch deutlich genug für
die ganze Familie waren. Agathes Ankleidezimmer lag zwar neben dem
Schlafgemach, aber der letzte Firnis der Toilette wurde im Boudoir
vollzogen, wo übrigens auch die Auswahl der Kleider erfolgte, sobald
sie sich ungestört sah. Dann wurden ganze Berge von Seide und Spitzen
durch das Balkonzimmer geschleift, und es gab ein ewiges Hin und Her
der Füße. Kaum war die Dienerin fort, so wurde sie auch schon auf
halbem Wege wieder zurückgerufen.
Kornelia konnte dann durch die verbaute Tür die Stimme der Mutter
hören, die nicht zur Ruhe kam. Bald fehlte dies, bald jenes, und
wenn die ganze Ungeduld der Gnädigen erschöpft war, klopfte es an
der Verbindungstür, und Frau Agathe rief laut: »Neli, hast Du einen
Augenblick Zeit?«
So sehr sie auch behauptete, mit ihrer Tochter durchaus keinen
übereinstimmenden Geschmack zu haben, -- ihre letzte Rettung blieb doch
Kornelia, die ihr Urteil abgeben mußte.
Heute schien Aeffi ganz besonderen Anteil an dem Aerger seiner Herrin
zu nehmen, denn er hatte ein Kläffkonzert angestimmt, das immer auf
derselben Diskanthöhe blieb.
»Er scheint wütend über Deinen Aufsatz zu sein,« sagte Roderich lustig
zu Walter. Kornelia jedoch hielt es für besser, den bekannten Zuruf
nicht erst abzuwarten, sondern der Mutter jetzt schon in ihrer Pein
beizustehen. Vorher jedoch gab sie ihrem Bruder heimlich noch ein
Zeichen, das auf ihre Verabredung mit ihm Bezug hatte, dem Vater
nichts von dem Streite des Kandidaten mit Rudi zu sagen.
An diesem Abend ließ sich der Aelteste vor seinen Eltern nicht mehr
blicken; selbst auf die zwanzig Mark von der Schwester schien er
verzichtet zu haben. Sein Gewissen mußte nicht ganz rein sein, und so
kam er auch nicht zum Abendbrot, das man in der Familie pünktlich um
acht einnahm, während der Hausherr, der sonst noch spät zu arbeiten
pflegte, sich gegen Mitternacht an einem kalten Nachtgericht labte.
Erst am andern Morgen suchte Rudi Neli gleich auf, knöpfte ihr wirklich
noch die Doppelkrone ab, die sie sich am Abend vorher von dem Vater
hatte geben lassen, um ihr Wort zu halten, und sagte: »Das hätte ich
wissen sollen, daß die Alten noch weggingen, dann hätte ich das schöne
Geld fürs Abendbrot sparen können. Ich weiß ja, Ihr petzt alle.«
Er wurde aber sogleich wieder fidel, als er dahinter kam, daß die
Luft rein war, wenigstens um den Vater herum. Aber schon nach einer
Viertelstunde fiel er aus allen rosigen Wolken.
Fröhlich war kaum erschienen, als er sich bei dem Hausherrn, der
bereits unten in seinem Arbeitszimmer war, durch Emil anmelden ließ;
er hatte deswegen erst gar nicht den Weg zum ersten Stockwerk genommen.
Roderich, der nur auf das Vorfahren des Wagens wartete, der ihn zur
Bank bringen sollte, war durchaus nicht überrascht, denn es kam vor,
daß der Kandidat, der noch einen jüngeren Bruder zu unterstützen
hatte, in die Lage kam, um einen Vorschuß zu ersuchen, der ihm auch
stets bewilligt wurde. Roderich, der selbst eine harte Jugend hinter
sich hatte, half ihm dann jedesmal durch feines Verständnis über die
Verlegenheit hinweg.
Heute wollte er ihm das Bittgesuch ganz besonders erleichtern, indem er
ihn mit den Worten empfing: »Wie geht's Ihnen, Herr Kandidat? Ich bin
sehr zufrieden mit dem Fortschritt meines Sohnes. Immer nur so weiter.
Ganz ausgezeichnet -- der Aufsatz gestern! So ein Thema liebe ich. Wie
sagt doch Schiller? --: ›Greift nur hinein ins volle Menschenleben!‹
Oder ist's von Goethe? Die beiden hab' ich immer verwechselt ... Es
kann ja zur Abwechselung auch einmal das volle Tierleben sein, nicht
wahr?«
Der Kandidat hatte die Frage lächelnd durch ein rücksichtsvolles
Kopfnicken bejaht, während Roderich schon mit dem Schlüsselbund
spielte, um den kleinen Kassenschrank zu öffnen, in dem sich die
Tagesgelder befanden. Er blickte aber erstaunt auf, als Fröhlich ohne
weiteres begann: »Ich hätte heute eine ganz besondere Bitte an Sie,
Herr Bankdirektor ... Ich möchte ganz ergebenst bitten, mich von
dem Freitisch zu entbinden. Es hat sich nämlich ganz plötzlich die
Notwendigkeit für mich herausgestellt, mit meinem Bruder, der, wie
der Herr Bankdirektor ja wissen werden, hier das Gymnasium besucht,
gemeinsam das Mittagessen einnehmen zu müssen.«
Wenn der Kandidat sich ganz besonders als Erzieher fühlte, so sprach
er stets in wohlüberlegtem Satzbau, der aber diesmal unter der
Unsicherheit seiner Stimme litt, so daß Roderich eine Ausrede dahinter
witterte, was er ganz besonders aus der Tatsache schöpfte, daß der
Blick Fröhlichs nicht wie immer geradeaus gerichtet war.
Ehe Roderich noch was sagen konnte, ergänzte Fröhlich seine Bitte durch
aufrichtige Dankesworte für die ihm bewiesene stete Teilnahme.
Dann aber hielt der andere mit seiner Derbheit nicht zurück. »Schmeckt
Ihnen das Essen nicht, Herr Kandidat?«
»Aber Herr Bankdirektor! Viel eher dürfte ich darüber klagen, daß man
mich in dieser Beziehung stark verwöhnt hat.«
»Na, es könnte doch sein, Herr Kandidat,« fuhr Roderich leutselig
fort. »Mir schmeckt's oben auch nicht. Vielleicht sehen Sie zuviel
Sauerbrunnen auf dem Tisch? Oder vielleicht wird Ihnen das Essen immer
zuviel versalzen?«
Fröhlich faßte das durchaus ernst auf. »Herr Bankdirektor dürften
wohl wissen, daß das bei der vorzüglichen Küche im Hause unter der
vortrefflichen Aufsicht der Frau Gemahlin ganz ausgeschlossen ist.«
»Na ja,« sagte Roderich wieder gedehnt. »Aber es gibt doch noch andere
Arten von Salz als Kochsalz. Man kann einem den Geschmack auch durch
Worte versalzen.«
Und als Fröhlich die Antwort darauf schuldig blieb und leicht betroffen
auf den Teppich blickte, zögerte Roderich nicht länger und bat ihn,
Platz zu nehmen, was der Kandidat bescheiden ablehnte, klingelte nach
dem Diener und befahl ihm, seinen ältesten Sohn herzubitten.
Und als Rudi nach wenigen Minuten erschien, begann Roderich sofort
kurz und gemessen: »Du hast gestern bei Tisch das schöne Wort
›Familiensklaven‹ gebraucht, und zwar in einer Andeutung, die der Herr
Kandidat sehr wohl auch auf sich beziehen konnte. Wir leben nicht in
Südamerika und sind keine Sklavenhalter. Ich glaube, Du vergibst Dir
gar nichts, wenn Du mit einigen Worten Dein Bedauern aussprichst. Ich
will dabei gleich bemerken, daß dieser Wunsch nicht von Herrn Fröhlich
ausgeht, der auch nicht zu diesem Zwecke hier erschienen ist. Auf alle
Fälle bitte ich Dich darum ... Ich möchte nicht, daß man an der guten
Erziehung meiner Kinder zweifelte. Geld hat's mich wenigstens genug
gekostet.«
Fröhlich, völlig überrascht, wollte höflich Einwendungen machen;
Roderich jedoch durchschnitt die Worte mit einer großen Handbewegung.
Rudi, der ängstlich lächelnd hereingetänzelt gekommen war und den
ahnungslosen Engel spielte, hatte sich unwillkürlich emporgereckt
und verstohlen einen anmaßenden Blick auf den Verhaßten gesandt.
Schon wollte er hochmütig das Wort von dem »kompletten Narren« in die
Wageschale werfen, um offen einen Ausgleich herbeizuführen, als sein
aufsteigender Zorn aber weiser Ueberlegung wich. Im Augenblick sagte er
sich, daß dadurch eine neue Auseinandersetzung zwischen dem Vater und
ihm entstehen würde, die jedenfalls nicht zu seinen Gunsten verlaufen
wäre. Gut wenigstens, daß der Alte von der Haarnadelgeschichte und
ihren Folgen noch nichts wußte.
So zeigte er sich denn bestrebt, die Sache mit ausgesuchter
Liebenswürdigkeit zu behandeln, indem er nach berühmtem diplomatischen
Muster die Gedanken hinter der Sprache verbarg -- Gedanken, die
Fröhlich jedenfalls mit der Bezeichnung »schwarz« benannt hätte, wenn
er sie erraten haben würde.
»Aber sicher, Papa; wenn ich dem Herrn Kandidaten damit ein Vergnügen
bereiten kann. Ich hatte nicht die mindeste Absicht, ihn zu treffen,
oder ihn gar zu beleidigen. Du lieber Himmel, Papa --, das sind so
Worte, die einem herausplatzen, ohne daß man sich dabei etwas denkt!«
Roderich verlor seine Strenge, denn es kitzelte ihn, festgestellt zu
sehen, daß man in einem guten Hause lebe, wo selbst leichtfertige
Söhne die Würde ihrer Eltern wahrten. »Ich dachte mir gleich, daß nur
ein Mißverständnis vorliegen könnte,« sagte er lachend, gewissermaßen
aufatmend.
Fröhlich war zwar anderer Auffassung, aber er wagte nicht, sich zu
äußern. Immerhin erlebte er eine kleine Genugtuung, die jedenfalls
seiner Stellung hier nur dienlich sein konnte. Im übrigen kam er sich
doch wie ein gedrückter Mann vor, dem man eine große Auszeichnung
versprochen hatte, und der nun ein Almosen empfing, das gerade dazu
reichte, seinen Appetit im Augenblick zu stillen.
Rudi fühlte sich wieder in gehobener Stimmung. »Ausdrücklich spreche
ich mein Bedauern darüber aus, falls ich falsch verstanden sein
sollte,« näselte er bedenklich und schloß dann mit der spöttisch
getanen Frage: »Sie sind doch damit zufrieden, Herr Kandidat?«
»Aber das ist doch selbstverständlich,« fiel ihm Roderich ins Wort.
»Die Sache ist erledigt.« Dann, als er mit Fröhlich wieder allein war,
der ihn noch zurückgehalten hatte, fuhr er gemütlich fort: »Na, darum
war es Ihnen doch nur zu tun, nicht wahr? Und nun essen Sie doch wieder
bei uns, wie? Mein Scharfsinn! Mit einem Schulmeister nehm' ich's noch
auf.«
Er lachte behaglich und zündete sich eine der schweren Upmann an, die
er mit Vorliebe rauchte. Sofort aber horchte er verblüfft auf, so daß
er in der Zerstreuung sich an dem zu Ende gehenden Zündhölzchen fast
die Finger verbrannt hätte.
Der Kandidat hatte heute seinen schwarzen Taillenrock an, der im
zugeknöpften Zustande seiner schmiegsamen Figur stets etwas Feierliches
gab. Er strich nach seiner Gewohnheit mit beiden Händen über die
Hüften und wiegte sich wieder sanft auf den Fußspitzen, als wollte er
den Anlauf zu etwas Außerordentlichem nehmen. Er war ein wenig rot
geworden, weil er die Empfindung hatte, daß der Hausherr über die
Bemerkung seines Sohnes etwas leicht hinweggegangen sei. Trotzdem die
Vermutung Roderichs der Wahrheit entsprach, drängte ihn im Augenblick
seine Selbstwürde dazu, das nicht zuzugeben. Und so wollte er die
Notlüge lieber aufrecht erhalten, ehe er sich dem Triumphe des jungen
Herrn auf die Dauer länger aussetze. Zwar bedeutete für ihn der
Verzicht auf den Freitisch einen harten Verlust, aber er wollte die
leibliche Bedrängnis lieber der seelischen vorziehen. Und so sagte er
mit bestimmter Höflichkeit: »Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar
dafür, daß Ihr Feinsinn diese Aussprache herbeigeführt hat, zu der
ich direkt niemals Veranlassung gegeben haben würde; denn mein ganzes
Verhalten in Ihrem angesehenen Hause enthob mich wohl von vornherein
der Annahme, Sie könnten die Ansicht Ihres Herrn Sohnes teilen. Ich
muß jedoch bei meiner Bitte bestehen bleiben, weil sie durchaus der
Tatsache entspricht.«
Roderich war zwar ärgerlich, sich getäuscht zu haben, verkniff sich
aber seinen Unmut und erwog rasch, daß durch das Fortbleiben des
Lehrers bei Tisch sich immerhin die Aussicht ergäbe, seine Frau um die
überflüssigen Gesellschaftsstunden zu bringen. Und so sprach er zwar
sein Bedauern aus, hatte aber nichts einzuwenden.
Der Kandidat verbeugte sich tief und ging.