VIII.

Als er dann hinaufging und seine Frau begrüßte, geriet sie sofort außer

sich. Emil hatte ihr pflichtgemäß durchgetutet, daß der Herr sein

Diner beendet habe und jedenfalls gleich erscheinen werde; jedoch sei

das gnädige Fräulein noch bei ihm. Agathe hatte es gerade im letzten

Augenblick erfahren, als ihr Mann die Wendeltreppe emporstieg. Sofort

glich ihre Erregbarkeit einem kleinen Raketenfeuer von Worten.

»Adolf, Ihr habt wieder etwas miteinander, -- gegen mich natürlich!

Neli hat mich wieder verklatscht, nicht wahr? Wie kommt sie überhaupt

dazu, Dich vor mir zu begrüßen? Und ich darf keinen Muck sagen. Aber Du

ziehst Deine Kinder immer ~vor~, sie zumeist. Ich bin wirklich ein

unglückliches Weib. Tief zu beklagen!«

»Hysterisch bist Du,« wollte er erwidern, unterdrückte aber diese Worte

aus Zartgefühl. Um so offener war er mit seiner anderen Meinung. »Da

habe ich wieder den schönsten Empfang nach des Tages Last und Mühen,

und da wunderst Du Dich noch, wenn ich unten wenigstens ein paar

Stunden lang vor diesen ewigen Nadelstichen bewahrt sein möchte?«

Sie fegte noch einmal so schnell mit der Schleppe über den Teppich vor

dem geöffneten Klavier. Schrill lachte sie auf. »Was ich aber am Tage

hier für Nadelstiche bekomme, das bedenkst Du nicht! Ich brauch' es Dir

wohl nicht erst zu sagen, Neli wird Dir schon alles zugetragen haben!«

Er beruhigte sie, indem er die Ausrede gebrauchte, er habe sich

nur nach dem Befinden Fräuleins erkundigen wollen. Er könne es nur

billigen, daß man den Arzt geholt habe, was übrigens frühzeitig hätte

geschehen müssen.

Es wallte aufs neue in ihr auf. »Siehst Du, nun kriege ich's! Das

soll doch nur ein Vorwurf gegen mich sein! Das ist ja schon die reine

Freundschaft zwischen Neli und dem Mädchen!«

Der Bankdirektor hob die Schultern. »Was Du Dich bloß darüber

ereiferst. Menschliche Teilnahme braucht doch noch nicht Freundschaft

zu sein. Hübsch von Neli, daß sie sich als gebildetes Mädchen zeigt.

Bildung verpflichtet zu anständiger Behandlung der Menschen, die von

uns abhängig sind.«

»Du bist ja der reine Sozialdemokrat,« keuchte sie hervor.

Roderich blieb kalt. »Nimm mir's nicht übel, liebe Agathe, aber

manchmal weißt Du nicht, was Du sprichst. Gut, daß kein Fremder das

hört! Du bist doch sonst so stolz auf den Titel ›Frau Bankdirektor‹. Ob

das nun gerade nach der heutigen Auffassung sozialdemokratisch klingt

-- weiß ich nicht ... Uebrigens zeigst Du Dich dem Kandidaten gegenüber

auch nicht besonders stolz, -- im Gegenteil, Du zeichnest ihn aus,

was ich Dir gar nicht zum Vorwurf machen will. Du kennst meine freie

Auffassung in dieser Beziehung.«

Sie stammelte erst ein wenig, fand aber dann gleich den Fluß der

Sprache wieder. »Das ist doch ein Mensch von hoher Bildung, ein

Lehrer, ein Erzieher, überhaupt ein gesellschaftsfähiger Herr! Er

kann Gymnasialdirektor werden, sogar Universitätsprofessor. Er stellt

sozusagen den Salon vor, Fräulein die Hinterstube.«

Sie trat auf ihn zu und zeigte ihm die Miene einer tief beleidigten

Frau. »Willst Du mir vielleicht diese harmlosen musikalischen Stunden

nicht mehr gönnen? Was habe ich denn sonst vom Leben? Du bist den

ganzen Tag auf der Bank, kommst nach Hause, ißt Deine zwölf Gänge für

Dich, und --«

»Sechs, liebe Agathe,« warf er gutmütig ein. »Davon sind eigentlich nur

drei richtig zu würdigen.«

»-- und läßt Dich dann nach einer Stunde sehen,« beendete sie ihren

Satz. »Ich habe mir dann schon gründlich die Galle voll geärgert, den

Tag über.«

»Du nimmst eben alles zu tragisch.«

»Was übrigens Fräulein betrifft, so kann ich Dir nur sagen -- sie hat

sich wirklich gründlich verstellt. Obendrein den Arzt getäuscht. Es ist

gar nicht so schlimm, fast schon alles vorüber. Morgen wird sie schon

aufstehen können.«

»Na also, -- freue Dich doch!« sagte er vergnügt, zog sie kräftig

an sich und gab ihr vorsichtig einen Kuß, was sie sich erst mit

geheucheltem Widerstreben gefallen ließ. Allmählich wurde sie aber

wirklich ruhig und unterdrückte sogar die Tränen, die sie bei

derartigen Gelegenheiten immer bereit hatte. Dann machte er den

Vorschlag, später auf ein Stündchen in den Zoologischen Garten

hinüberzugehen, und zwar mit Kornelia, oder auch nur zu zweien, wie sie

es wünsche. Man könne ja auf der Terrasse noch gemütlich eine Bowle

trinken und das Konzert einmal in der Nähe anhören.

Die Aussicht, heute noch in großer Frühjahrstoilette glänzen zu können,

mit sämtlichen Brillanten, stimmte sie rasch versöhnt, und so ging sie

gleich an die nötigen Vorbereitungen, die stets eine geraume Zeit in

Anspruch nahmen.

Roderich ging indessen in das Unterrichtszimmer, wo er sich nach

Walters Fortschritten erkundigen wollte, was er jeden Abend tat. Als er

ihn aber nicht vorfand, witterte er ihn bei Kornelia und traf ihn dort

auch an, damit beschäftigt, seinen Aufsatz vorzulesen. Er gab ihm einen

Wink, ruhig fortzufahren, setzte sich und hörte schweigend zu.

»Ausgezeichnet, ausgezeichnet,« sagte er dann zum Schluß und nahm das

Heft entgegen, in das Fröhlich bereits ein »Recht gut« eingetragen

hatte. »Diese Tiergeschichte ist ja sehr interessant. Woher hast Du das

eigentlich?«

»Die reine Novelle, was?« fiel Kornelia ein.

»Du gibst also dem Hunde den Vorzug, ganz mein Fall,« fuhr der

Bankdirektor fort. »Wenn ich Dir auch über den Ziehhund nicht

beistimmen kann. Es gibt doch noch Rassen, die edler sind. Die

Affenpinscher scheinst Du gar nicht leiden zu können. Das laß nur Mama

nicht lesen!«

»Warum denn nicht?« wandte Walter keck ein. »Aeffi ist doch eigentlich

ein Faultier, das sich zwecklos in seinem Korb herumsielt.«

»Um Himmels willen! Junge!« Unwillkürlich sah sich Roderich nach der

Tür um, als könnte die Hausherrin unbemerkt eingetreten sein. Dann aber

lachte er aus vollem Halse, vergnügt über diese Auffassung. »Aeffi

macht doch aber Mama große Freude, das ist eben sein innerer Wert,«

sagte er wieder zur Beruhigung.

Walter wurde lebhaft. »Aber Du sagtest doch oft, daß der eigentliche

Wert des Lebens in der Arbeit bestände. Na, -- und so bin ich auf den

Gedanken gekommen. Du bist doch auch ein fleißiger Mann.«

In seiner klugen Art erzählte er, wie er im vergangenen Sommer im Juni,

bei großer Hitze, eine arme Frau auf der Straße gesehen habe, wie

sie mit ihrem Ziehhund zusammen einen kleinen Wagen zog und an einem

Brunnen unter liebevollen Worten ihn tränkte. Das sei ihm so rührend

vorgekommen, daß er es nicht vergessen habe. Gewiß sei dieser große

starke Hund, der schon die Zunge heraushängen ließ, das ganze Vermögen

der armen Frau gewesen.

»Ich will Dir nur sagen,« sprach er eifrig weiter, »ich wollte damit

dem Herrn Kandidaten eine Freude bereiten. Das hat ihm denn auch ganz

besonders gefallen ... Er kam mir ebenfalls wie ein geplagtes Haustier

vor, als ich sah, wie er sich mit Hans und Trudchen herumärgern mußte.

Hans trat ihm fortwährend auf die Stiefel. Und zum Dank hatte der

Kandidat immer nur hübsche Worte. Das braucht er doch eigentlich nicht

zu machen, er ist doch nur für mich angestellt. Aber das tut er gewiß

nur, weil er so arm ist.«

Roderich erwiderte darauf nichts, sondern nickte nur still vor sich

hin, innerlich ein wenig beschämt darüber, vorhin erst zu dem Diener

anderer Meinung gewesen zu sein. Dann aber meinte er, daß so etwas ja

nicht alle Tage vorkomme, Walter brauche sich darüber nicht aufzuregen.

Aber er zog ihn an sich, nahm ihn zwischen die Knie und fuhr mit der

Hand über sein blasses Gesicht. Er liebte diesen Jungen ganz besonders,

und es war sein innerer Schmerz, daß dieser ehrliche Geist in einem so

mißgestalteten Körper steckte, der sich wie eine verkrüppelte Blume

ausnahm, die trotz alledem ihren herrlichen Duft spendete.

Was für ein Unterschied zwischen dem Aeltesten und diesem! In einsamen

Stunden, namentlich dann, wenn in seinem Privatkabinett in der Bank

die Gedanken von den ewigen Zahlen unwillkürlich zu dem Bilde dieses

zweiten Sohnes schweiften, empfand er leises Bedauern darüber, daß

kaufmännische Eigenschaften Walter versagt zu sein schienen. Und

dann gelobte er sich, der geistigen Entwickelung dieses Jungen keine

Schranken entgegenzusetzen, nach welcher Richtung hin sie sich auch

eines Tages zeigen sollte.

Fortwährend hörte man das elektrische Klingelzeichen hereinschallen.

Wenn Frau Agathe bei der Toilette war, dann setzte sie das ganze obere

Stockwerk in Bewegung. Heute schien sie besonders aufgeregt zu sein.

Sie hatte vor einigen Tagen das Kammermädchen entlassen und noch keinen

passenden Ersatz gefunden, und so mußte Emma vorläufig bei ihr und

Kornelia diesen Dienst versehen. Die Mecklenburgerin stellte sich aber

dabei etwas schwerfällig an. So gab es denn kleine Zornesausbrüche der

Gnädigen, die zwar sanft sein sollten, aber doch deutlich genug für

die ganze Familie waren. Agathes Ankleidezimmer lag zwar neben dem

Schlafgemach, aber der letzte Firnis der Toilette wurde im Boudoir

vollzogen, wo übrigens auch die Auswahl der Kleider erfolgte, sobald

sie sich ungestört sah. Dann wurden ganze Berge von Seide und Spitzen

durch das Balkonzimmer geschleift, und es gab ein ewiges Hin und Her

der Füße. Kaum war die Dienerin fort, so wurde sie auch schon auf

halbem Wege wieder zurückgerufen.

Kornelia konnte dann durch die verbaute Tür die Stimme der Mutter

hören, die nicht zur Ruhe kam. Bald fehlte dies, bald jenes, und

wenn die ganze Ungeduld der Gnädigen erschöpft war, klopfte es an

der Verbindungstür, und Frau Agathe rief laut: »Neli, hast Du einen

Augenblick Zeit?«

So sehr sie auch behauptete, mit ihrer Tochter durchaus keinen

übereinstimmenden Geschmack zu haben, -- ihre letzte Rettung blieb doch

Kornelia, die ihr Urteil abgeben mußte.

Heute schien Aeffi ganz besonderen Anteil an dem Aerger seiner Herrin

zu nehmen, denn er hatte ein Kläffkonzert angestimmt, das immer auf

derselben Diskanthöhe blieb.

»Er scheint wütend über Deinen Aufsatz zu sein,« sagte Roderich lustig

zu Walter. Kornelia jedoch hielt es für besser, den bekannten Zuruf

nicht erst abzuwarten, sondern der Mutter jetzt schon in ihrer Pein

beizustehen. Vorher jedoch gab sie ihrem Bruder heimlich noch ein

Zeichen, das auf ihre Verabredung mit ihm Bezug hatte, dem Vater

nichts von dem Streite des Kandidaten mit Rudi zu sagen.

An diesem Abend ließ sich der Aelteste vor seinen Eltern nicht mehr

blicken; selbst auf die zwanzig Mark von der Schwester schien er

verzichtet zu haben. Sein Gewissen mußte nicht ganz rein sein, und so

kam er auch nicht zum Abendbrot, das man in der Familie pünktlich um

acht einnahm, während der Hausherr, der sonst noch spät zu arbeiten

pflegte, sich gegen Mitternacht an einem kalten Nachtgericht labte.

Erst am andern Morgen suchte Rudi Neli gleich auf, knöpfte ihr wirklich

noch die Doppelkrone ab, die sie sich am Abend vorher von dem Vater

hatte geben lassen, um ihr Wort zu halten, und sagte: »Das hätte ich

wissen sollen, daß die Alten noch weggingen, dann hätte ich das schöne

Geld fürs Abendbrot sparen können. Ich weiß ja, Ihr petzt alle.«

Er wurde aber sogleich wieder fidel, als er dahinter kam, daß die

Luft rein war, wenigstens um den Vater herum. Aber schon nach einer

Viertelstunde fiel er aus allen rosigen Wolken.

Fröhlich war kaum erschienen, als er sich bei dem Hausherrn, der

bereits unten in seinem Arbeitszimmer war, durch Emil anmelden ließ;

er hatte deswegen erst gar nicht den Weg zum ersten Stockwerk genommen.

Roderich, der nur auf das Vorfahren des Wagens wartete, der ihn zur

Bank bringen sollte, war durchaus nicht überrascht, denn es kam vor,

daß der Kandidat, der noch einen jüngeren Bruder zu unterstützen

hatte, in die Lage kam, um einen Vorschuß zu ersuchen, der ihm auch

stets bewilligt wurde. Roderich, der selbst eine harte Jugend hinter

sich hatte, half ihm dann jedesmal durch feines Verständnis über die

Verlegenheit hinweg.

Heute wollte er ihm das Bittgesuch ganz besonders erleichtern, indem er

ihn mit den Worten empfing: »Wie geht's Ihnen, Herr Kandidat? Ich bin

sehr zufrieden mit dem Fortschritt meines Sohnes. Immer nur so weiter.

Ganz ausgezeichnet -- der Aufsatz gestern! So ein Thema liebe ich. Wie

sagt doch Schiller? --: ›Greift nur hinein ins volle Menschenleben!‹

Oder ist's von Goethe? Die beiden hab' ich immer verwechselt ... Es

kann ja zur Abwechselung auch einmal das volle Tierleben sein, nicht

wahr?«

Der Kandidat hatte die Frage lächelnd durch ein rücksichtsvolles

Kopfnicken bejaht, während Roderich schon mit dem Schlüsselbund

spielte, um den kleinen Kassenschrank zu öffnen, in dem sich die

Tagesgelder befanden. Er blickte aber erstaunt auf, als Fröhlich ohne

weiteres begann: »Ich hätte heute eine ganz besondere Bitte an Sie,

Herr Bankdirektor ... Ich möchte ganz ergebenst bitten, mich von

dem Freitisch zu entbinden. Es hat sich nämlich ganz plötzlich die

Notwendigkeit für mich herausgestellt, mit meinem Bruder, der, wie

der Herr Bankdirektor ja wissen werden, hier das Gymnasium besucht,

gemeinsam das Mittagessen einnehmen zu müssen.«

Wenn der Kandidat sich ganz besonders als Erzieher fühlte, so sprach

er stets in wohlüberlegtem Satzbau, der aber diesmal unter der

Unsicherheit seiner Stimme litt, so daß Roderich eine Ausrede dahinter

witterte, was er ganz besonders aus der Tatsache schöpfte, daß der

Blick Fröhlichs nicht wie immer geradeaus gerichtet war.

Ehe Roderich noch was sagen konnte, ergänzte Fröhlich seine Bitte durch

aufrichtige Dankesworte für die ihm bewiesene stete Teilnahme.

Dann aber hielt der andere mit seiner Derbheit nicht zurück. »Schmeckt

Ihnen das Essen nicht, Herr Kandidat?«

»Aber Herr Bankdirektor! Viel eher dürfte ich darüber klagen, daß man

mich in dieser Beziehung stark verwöhnt hat.«

»Na, es könnte doch sein, Herr Kandidat,« fuhr Roderich leutselig

fort. »Mir schmeckt's oben auch nicht. Vielleicht sehen Sie zuviel

Sauerbrunnen auf dem Tisch? Oder vielleicht wird Ihnen das Essen immer

zuviel versalzen?«

Fröhlich faßte das durchaus ernst auf. »Herr Bankdirektor dürften

wohl wissen, daß das bei der vorzüglichen Küche im Hause unter der

vortrefflichen Aufsicht der Frau Gemahlin ganz ausgeschlossen ist.«

»Na ja,« sagte Roderich wieder gedehnt. »Aber es gibt doch noch andere

Arten von Salz als Kochsalz. Man kann einem den Geschmack auch durch

Worte versalzen.«

Und als Fröhlich die Antwort darauf schuldig blieb und leicht betroffen

auf den Teppich blickte, zögerte Roderich nicht länger und bat ihn,

Platz zu nehmen, was der Kandidat bescheiden ablehnte, klingelte nach

dem Diener und befahl ihm, seinen ältesten Sohn herzubitten.

Und als Rudi nach wenigen Minuten erschien, begann Roderich sofort

kurz und gemessen: »Du hast gestern bei Tisch das schöne Wort

›Familiensklaven‹ gebraucht, und zwar in einer Andeutung, die der Herr

Kandidat sehr wohl auch auf sich beziehen konnte. Wir leben nicht in

Südamerika und sind keine Sklavenhalter. Ich glaube, Du vergibst Dir

gar nichts, wenn Du mit einigen Worten Dein Bedauern aussprichst. Ich

will dabei gleich bemerken, daß dieser Wunsch nicht von Herrn Fröhlich

ausgeht, der auch nicht zu diesem Zwecke hier erschienen ist. Auf alle

Fälle bitte ich Dich darum ... Ich möchte nicht, daß man an der guten

Erziehung meiner Kinder zweifelte. Geld hat's mich wenigstens genug

gekostet.«

Fröhlich, völlig überrascht, wollte höflich Einwendungen machen;

Roderich jedoch durchschnitt die Worte mit einer großen Handbewegung.

Rudi, der ängstlich lächelnd hereingetänzelt gekommen war und den

ahnungslosen Engel spielte, hatte sich unwillkürlich emporgereckt

und verstohlen einen anmaßenden Blick auf den Verhaßten gesandt.

Schon wollte er hochmütig das Wort von dem »kompletten Narren« in die

Wageschale werfen, um offen einen Ausgleich herbeizuführen, als sein

aufsteigender Zorn aber weiser Ueberlegung wich. Im Augenblick sagte er

sich, daß dadurch eine neue Auseinandersetzung zwischen dem Vater und

ihm entstehen würde, die jedenfalls nicht zu seinen Gunsten verlaufen

wäre. Gut wenigstens, daß der Alte von der Haarnadelgeschichte und

ihren Folgen noch nichts wußte.

So zeigte er sich denn bestrebt, die Sache mit ausgesuchter

Liebenswürdigkeit zu behandeln, indem er nach berühmtem diplomatischen

Muster die Gedanken hinter der Sprache verbarg -- Gedanken, die

Fröhlich jedenfalls mit der Bezeichnung »schwarz« benannt hätte, wenn

er sie erraten haben würde.

»Aber sicher, Papa; wenn ich dem Herrn Kandidaten damit ein Vergnügen

bereiten kann. Ich hatte nicht die mindeste Absicht, ihn zu treffen,

oder ihn gar zu beleidigen. Du lieber Himmel, Papa --, das sind so

Worte, die einem herausplatzen, ohne daß man sich dabei etwas denkt!«

Roderich verlor seine Strenge, denn es kitzelte ihn, festgestellt zu

sehen, daß man in einem guten Hause lebe, wo selbst leichtfertige

Söhne die Würde ihrer Eltern wahrten. »Ich dachte mir gleich, daß nur

ein Mißverständnis vorliegen könnte,« sagte er lachend, gewissermaßen

aufatmend.

Fröhlich war zwar anderer Auffassung, aber er wagte nicht, sich zu

äußern. Immerhin erlebte er eine kleine Genugtuung, die jedenfalls

seiner Stellung hier nur dienlich sein konnte. Im übrigen kam er sich

doch wie ein gedrückter Mann vor, dem man eine große Auszeichnung

versprochen hatte, und der nun ein Almosen empfing, das gerade dazu

reichte, seinen Appetit im Augenblick zu stillen.

Rudi fühlte sich wieder in gehobener Stimmung. »Ausdrücklich spreche

ich mein Bedauern darüber aus, falls ich falsch verstanden sein

sollte,« näselte er bedenklich und schloß dann mit der spöttisch

getanen Frage: »Sie sind doch damit zufrieden, Herr Kandidat?«

»Aber das ist doch selbstverständlich,« fiel ihm Roderich ins Wort.

»Die Sache ist erledigt.« Dann, als er mit Fröhlich wieder allein war,

der ihn noch zurückgehalten hatte, fuhr er gemütlich fort: »Na, darum

war es Ihnen doch nur zu tun, nicht wahr? Und nun essen Sie doch wieder

bei uns, wie? Mein Scharfsinn! Mit einem Schulmeister nehm' ich's noch

auf.«

Er lachte behaglich und zündete sich eine der schweren Upmann an, die

er mit Vorliebe rauchte. Sofort aber horchte er verblüfft auf, so daß

er in der Zerstreuung sich an dem zu Ende gehenden Zündhölzchen fast

die Finger verbrannt hätte.

Der Kandidat hatte heute seinen schwarzen Taillenrock an, der im

zugeknöpften Zustande seiner schmiegsamen Figur stets etwas Feierliches

gab. Er strich nach seiner Gewohnheit mit beiden Händen über die

Hüften und wiegte sich wieder sanft auf den Fußspitzen, als wollte er

den Anlauf zu etwas Außerordentlichem nehmen. Er war ein wenig rot

geworden, weil er die Empfindung hatte, daß der Hausherr über die

Bemerkung seines Sohnes etwas leicht hinweggegangen sei. Trotzdem die

Vermutung Roderichs der Wahrheit entsprach, drängte ihn im Augenblick

seine Selbstwürde dazu, das nicht zuzugeben. Und so wollte er die

Notlüge lieber aufrecht erhalten, ehe er sich dem Triumphe des jungen

Herrn auf die Dauer länger aussetze. Zwar bedeutete für ihn der

Verzicht auf den Freitisch einen harten Verlust, aber er wollte die

leibliche Bedrängnis lieber der seelischen vorziehen. Und so sagte er

mit bestimmter Höflichkeit: »Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar

dafür, daß Ihr Feinsinn diese Aussprache herbeigeführt hat, zu der

ich direkt niemals Veranlassung gegeben haben würde; denn mein ganzes

Verhalten in Ihrem angesehenen Hause enthob mich wohl von vornherein

der Annahme, Sie könnten die Ansicht Ihres Herrn Sohnes teilen. Ich

muß jedoch bei meiner Bitte bestehen bleiben, weil sie durchaus der

Tatsache entspricht.«

Roderich war zwar ärgerlich, sich getäuscht zu haben, verkniff sich

aber seinen Unmut und erwog rasch, daß durch das Fortbleiben des

Lehrers bei Tisch sich immerhin die Aussicht ergäbe, seine Frau um die

überflüssigen Gesellschaftsstunden zu bringen. Und so sprach er zwar

sein Bedauern aus, hatte aber nichts einzuwenden.

Der Kandidat verbeugte sich tief und ging.

Familiensklaven · 第 12 / 33 题