VII.

Da die Bank um fünf Uhr schloß, so kam der Bankdirektor erst um ein

halb sechs Uhr nach Hause und tafelte dann allein, und zwar nicht oben

im Familienzimmer, sondern unten im Gesellschaftsspeisesaal, wo er

fast eine Stunde lang sechs Gänge zu sich nahm. Im ersten Stock »aß«

man zu Tisch, im Parterre »dinierte« man, was sich bereits so sehr als

Sprachgebrauch eingebürgert hatte, daß daran nicht zu rütteln war.

Oben trug das Mädchen die Kost auf, unten ließ sich der Hausherr von

Emil bedienen, der als eine Art Groom ins Haus gekommen war und sich

allmählich zum Leiblakai entwickelt hatte, der nebenbei noch allerlei

Verrichtungen im Hause tat und bei großer Ausfahrt in Galalivree neben

dem Kutscher thronen durfte. Roderich hatte sich so an ihn gewöhnt, vor

allem an seine Handreichungen als Kammerdiener, daß er ihn kaum noch

zu missen vermochte und ihm sogar den Vorzug einräumte, gelegentlich

über einen Witz, den er machte, mitlachen zu dürfen.

Der Bankdirektor war ein wohlerhaltener Herr in den Fünfzigern, mit

einem runden, frischen Gesicht, in dem zwei kluge Augen stets suchend

hin und her gingen, und das ein üppiger, aber schon stark ergrauter

Schnurrbart zierte, allerdings unter einer Nase, die besser in ein

anderes Antlitz gepaßt hätte, denn sie war ein wenig klein und

weibisch, aber doch in einer klaren Linie mit der schön gewölbten Stirn

vereint. Diese zierliche Nase war für Kenner entschieden das Zeichen

dafür, daß Roderich senior keine wilden Leidenschaften besaß, vielmehr

ein ruhiger, überlegender Mensch war, der seine bestimmten Ziele hatte

und höchstens nebenbei noch ein unschuldiges Steckenpferdchen ritt.

Er aß und trank gut, rechnete noch besser und stritt sich eigentlich

nur um Zahlen, wenn es jemals an das Streiten ging. Sein Scharfblick in

kaufmännischen Dingen war bewundernswürdig, und es war wohl nur eine

Frage der Zeit, daß man ihn zum Generaldirektor seiner Bank ernennen

würde, falls der bisherige Allmächtige das Zeitliche gesegnet hätte,

oder sich gänzlich ins Privatleben zurückgezogen haben würde, was bei

seiner geringen Arbeitsfreudigkeit infolge eines Leidens zu erwarten

war.

Große Dinge regten Roderich senior niemals auf, dagegen konnten kleine

und nichtige Vorgänge ihn aus dem Häuschen bringen. Und weil er oben in

seiner Familie niemals davor sicher war, so hatte er sich hier unten

eingekapselt, ganz nach persönlicher Bequemlichkeit. Oben schlief er

nur, nahm den Morgenkaffee ein und hielt bei dieser Gelegenheit große

Musterung über die lieben Häupter ab. Das war nun schon seit Jahren so,

und er fand, daß seine Nerven dabei je mehr sich stärkten, je weniger

das bei seinem lieben Weibe der Fall war. Ihre wechselnden Launen

machten ihm viel zu schaffen, und wenn er sich früher darüber geärgert

hatte, so entging er jetzt dieser Aufregung durch das Alleinsein, das

ihm ein Labsal war.

Zuerst hatte es Kämpfe dieser Abzweigung wegen gegeben, denn Frau

Agathe fühlte sich in ihrer häuslichen Würde verletzt. Sie wollte das

allgemeine Familienmahl ebenfalls auf diese späte Stunde verlegen,

damit der gestrenge Herr oben an der Tafel teilnehmen könne. Aber Adolf

Roderich sträubte sich so sehr dagegen aus Rücksicht auf die Kinder,

daß sie sich an die doppelte Kocherei gewöhnen mußte. Eigentlich hatte

sie damit nicht viel zu tun, denn die »perfekte Köchin« wirtschaftete

so selbständig und schraubte sich manchmal auf den Küchenherrscherton,

der so ziemlich mit der Höhe ihres Lohnes übereinstimmte. Frau

Roderich zankte zwar viel mit ihr und drohte oft mit Kündigung, weil

ihr alles zu teuer erschien, aber sie lenkte rasch wieder ein, sobald

Lene das berühmte Wort sprach: »Es ist jut, gnädige Frau, ich werde

es dem Herrn Direktor direkt sagen.« Aber weil sie wußte, daß die

Gebieterin es niemals soweit kommen lassen würde, stand ihr dabei der

offene Triumph auf dem feisten Gesicht geschrieben; denn Roderich,

der große Feinschmecker, gab der Köchin stets das Zeugnis »Nummer

eins« und betrachtete sie sozusagen als »Vizeherrin«, die um ihrer

ausgezeichneten Kochkunst willen die größte Hochachtung und Nachsicht

beanspruchen dürfe.

»Nun, was gibt's heute, Emil?« fragte der Bankdirektor seinen Diener,

der, wie immer, bereits auf der Lauer stand, um dem Herrn Hut, Schirm

und Geheimtasche abzunehmen.

Roderich hatte sich bereits hungrig an der gedeckten Tafel

niedergelassen, die in der Mitte einen kleinen silbernen Aufsatz mit

Früchten zeigte, aus dessen Kristallkelch ein einzelner Fliederzweig

ragte. Trotzdem auf einem beigelegten Kärtchen die Speisefolge

verzeichnet war, über die an jedem Morgen beim Kaffee zwischen den

Ehegatten eine Einigung erzielt wurde, richtete Roderich jedesmal

diese Frage an den Getreuen. Und Emil, dessen schlanke Figur sich

vorteilhaft in der Hauslivree: braunem Schniepel mit silbernen

Knöpfen und dunkelgrünen Aufschlägen, und dito Puffbeinkleidern mit

grünen Wadenstrümpfen, ausnahm, schnarrte sofort das Menu herunter:

»Champignon-Suppe, Steinbutt mit holländischer Sauce, frischen

Stangenspargel mit Schinken und Pökelzunge, gefüllten Truthahn, Fürst

Pückler, Butter, Käse und Radieschen.« Die Schmorfrüchte und den Salat

erwähnte er nicht, denn beides stand bereits in Schalen auf dem Tisch.

»Schön, sehr schön,« sagte Roderich schmunzelnd, ungefähr mit der

Miene eines Menschen, der etwas Angenehmes gern zum zweitenmal hört.

Er hatte sich bereits die blütenweiße Serviette zwischen Hals und

Kragen gesteckt, schob die zwei Morgenzeitungen beiseite, die er aus

dem Geschäft gebracht hatte, und trommelte leise mit den Fingern

auf dem Tischtuch, etwa wie ein verwöhntes, ungeduldiges Kind, das

angepriesener Herrlichkeiten wartet.

Von dem Anrichteraum aus, der nebenan lag, ging ein Aufzug direkt zur

Küche hinauf. Emil kehrte mit der dampfenden Suppe zurück und blieb

erwartungsvoll stehen.

»Heute mal eine Deidesheimer -- von dem Fünfundneunziger,« sagte

Roderich wieder, während er schon zu löffeln begann. Aber er hielt ihn

noch zurück. »Nichts Besonderes vorgefallen, oben?«

»Nichts Besonderes, Herr Direktor,« erwiderte Emil mit klugem Gesicht.

Das ganze Personal wußte zwar von dem Krach am Vormittag, aber er

hütete sich, etwas davon zu sagen, trotzdem ihm seine Offenheit hier

unten nicht übel angerechnet wurde; aber um so mehr oben. Er hatte in

dieser Beziehung seine Erfahrung hinter sich.

Er ging und brachte sofort den Kühler mit dem Riesling, der schon

längst bereit stand; denn es war immer dieselbe Marke, die der Gebieter

trank, wenn er auch tagtäglich danach verlangte, wie nach etwas Neuem.

»Was macht Fräulein?« fragte Roderich wieder, während Emil aufmerksam

das Glas vollschenkte.

»Ernst mußte den Herrn Sanitätsrat holen. Die gnädige Frau behauptet,

es sei sehr schlimm. Das ganze Haus müßte ausgeräuchert werden.«

»Nanu! Doch nicht ansteckend?« Er fuhr auf, aber Emil beruhigte

ihn sofort, indem er die Angst der Gnädigen auf das gehörige Maß

zurückführte. Roderich lachte still in sich hinein, womit er unstreitig

andeuten wollte, daß er nichts anderes erwartet habe.

Mit gesundem Appetit ging er zum Fisch über. »Wer hat sich denn heut

mit den Kindern beschäftigt?« war dabei seine Frage.

»Der Herr Kandidat mußte mit ihnen spielen,« gab Emil zurück, indem er

die Betonung auf das letzte Wort legte. Auf eine kleine Uebertreibung

kam es ihm nicht an, denn er wußte, wie sie aufgenommen wurde.

Der Bankdirektor lachte abermals heimlich. »Das ist recht, das kann er

auch mal probieren,« preßte er kauend hervor, eigentlich mehr zu sich,

mit einem gewissen, harmlosen Ingrimm.

Aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, hatte er sich zu dem jetzigen

vielbeneideten Direktorposten einer großen Bank emporgeschwungen, durch

den er wohl zu Ansehen und Reichtum gekommen war, der aber doch den

alten Menschen in ihm nicht hatte unterdrücken können. Und so wurde

er manchmal »rückfällig«, indem er noch die Gewohnheiten des kleinen

Mannes zeigte, der den Abstand zwischen Herr und Diener nicht gehörig

zu schätzen weiß. Was man bei geborenen Herrschern Leutseligkeit

nannte, war bei ihm mehr Vertraulichkeit, durch lange Gewohnheit

bedingt.

Von seltenem Fleiß und Pflichteifer den Tag über, war ihm diese

Tafelstunde hier die einzige wirkliche Ruhe und Erholung, die er

ungestört genießen wollte. Oben wußte man, daß er erst nach gründlicher

Sättigung zu haben sei, und so verdarb man ihm niemals die Laune durch

vorzeitige Belästigung. Selbst seine Frau störte ihn selten, trotzdem

ihre nervöse Stunde erst recht kam, sobald sie ihn unten wußte. Früher

war sie zu ihm hinabgestiegen, um während des Essens mit ihm zu

plaudern, nach Neuigkeiten zu fragen und ihm selbst die Schüssel zu

reichen. Bald aber hatte sie gemerkt, daß all die kleinlichen Dinge,

mit denen sie ihn überschüttete, ihm den Appetit verdarben. Und so

blieb sie gleich den übrigen lieber oben und wartete sein Erscheinen ab.

Da Roderich zu den Leuten gehörte, die stets bestrebt sind, das

Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, so bereitete er sich

sozusagen schon beim Essen auf die Ueberraschungen vor, die ihn

oben in seiner Familie erwarten würden. Emil mußte ihm daher als

Berichterstatter dienen, hin und wieder auch als Schnelläufer die

Treppe hinaufeilen, um Fragen zu übermitteln und die Antwort zu

überbringen. Zwar befand sich vorn im Arbeitszimmer ein Haustelephon,

das Roderich aber abgestellt hatte, weil früher das Klingeln kein Ende

nahm.

Frau Agathe hatte aber verstanden, sich zu helfen. Neben dem Aufzug war

ein Sprachrohr, das die Verbindung mit der Küche herstellte. Kaum war

der Schinken mit Spargel heruntergelassen worden, als es oben klopfte.

Wohlweislich hatte Emil die Tür geschlossen, denn er wußte, daß er

jetzt die Neugier der Frau Bankdirektor erschöpfen mußte.

»Emil, ist alles zur Zufriedenheit des Herrn?«

»Jawohl, gnädige Frau,« tutete er leise zurück.

»Schmeckt's meinem Manne?«

»Jawohl, gnädige Frau; ausgezeichnet.«

»Ist es auch reichlich?«

»Jawohl, gnädige Frau.«

»Wie ist denn mein Mann gelaunt?«

»Sehr gut, gnädige Frau.«

»Hat er etwas gefragt?«

»Nein, gnädige Frau,« log Emil tapfer. »Nur, wie es Fräulein geht.«

»Soooo,« klang es etwas scharf zurück. »Hat er sich nicht nach uns

erkundigt?«

»O doch, gnädige Frau,« log Emil wieder. »Es sei auch nichts

vorgefallen, sagte ich.«

»Es ist gut. Klopfen Sie wieder, wenn mein Mann mit dem Essen fertig

ist! Lene kann es bestellen.«

»Jawohl, gnädige Frau.«

Emil wollte es mit keinem verderben, und so behielt er diese harmlose

Unterhaltung, die er als eine ehrenvolle Auszeichnung betrachtete,

stets für sich. Und wenn er auch die Wahrheit dabei ein wenig

unterdrückte, so glaubte er das im Interesse von Hausfrau und Herr

zu tun, die nicht unnötig zusammengeraten durften. Roderich, der das

Gemurmel manchmal hörte, war der festen Ueberzeugung, daß derartige

Gespräche nur die Köchin angingen.

Beim vierten Gang war die Berichterstattung des Dieners in der Regel

erschöpft; er konnte die Speise und den Käse sofort auftragen und sich

bis auf weiteres unsichtbar machen.

Nun saß der Bankdirektor ganz ungestört vor seinem gefüllten Truthahn

und labte den Gaumen mit erquickendem Behagen. Das Speisezimmer lag

nach dem hinteren Garten hinaus, zu dem man durch eine breite Flügeltür

gelangte, deren obere Felder aus getrübtem bunten Glas bestanden, das

butzenscheibenartige Figuren zeigte. Er hatte die Tür öffnen lassen,

und so sah er durch den kleinen Holzvorbau das saftige Grün der

Sträucher, aus dem die Steinfiguren sich weiß hervorhoben. Ganz hinten

stand eine große Laube, umringt von Flieder, und davor auf einer Säule

blinkte eine mächtige Spiegelkugel, in der sich hell ein Stück des

blauen Himmels wiegte; und darunter zeigten sich unzählige Licht- und

Farbentupfen, durch die ein blendender Blitzstreifen ging.

Hinter dem Hause lag Schatten, und so zog Kühle in den großen Raum,

in dem das graugrün gebeizte Eichenholz der teuren Möbel das Auge

ruhig stimmte. Selbst die rostbraune Tapete erhöhte nur diese vornehme

Einheit, die entschieden von ausgeprägtem Geschmack zeugte. Alles war

auf einen sanften Ton gestimmt, gedämpft wie der Tritt, der auf dem

echten Perser über dem Dielenfilz leicht verhallte. In dem wohligen

Dämmerlicht glänzten nur wenig die Lichter in den Zinnkrügen auf dem

Prunkbuffet und in der matten Bronze des elektrischen Gehänges an der

Decke.

Roderich blickte zwar in den Garten, aber er sah die Pracht des

erwachenden Sommers nicht. Während er gleichmütig kaute, arbeitete sein

Hirn fortwährend. Es waren immer Zahlen, die ihn beherrschten, die

ganze Ziffernwelt des Tages, mit ihren Kursbewegungen und der Aufregung

der neuesten Börsenvorgänge. Wer ihn so still beobachtet haben würde,

hätte ihn für einen reichen Junggesellen halten können, der mit Ruhe

sein üppiges Mahl einnimmt und höchstens still bedauert, daß die

intimen Freunde nicht vorhanden sind, die die drei übrigen Lehnstühle

um den zusammengeschobenen Tisch hätten besetzen können. Kein Laut

umgab ihn, nur dumpf schallte wie von fern das Rollen der Straßenbahn

herein.

Endlich war er gesättigt und drückte an dem Knopf der elektrischen

Klingel, der über der Tafel hing. Emil kam wieder und brachte auf

einem silbernen Tablett den Mokka in einem kleinen Täßchen, und die

Abendzeitung, nach der Roderich noch im Stehen griff und sofort den

Handelsteil überflog. Er gab dabei einen Wink, und der Diener zog

den Teppichvorhang von dem schweren Türrahmen zurück, ließ seinen

Herrn, der zu den übrigen Zeitungen und zu der Mappe gegriffen hatte,

zuerst in den Nebensalon treten und folgte ihm dann in das kleine

Arbeitskabinett, das vorn an der Straße neben dem Verandasaal lag.

Roderich legte die Zeitungen auf den breiten Diplomatentisch, leerte

im Stehen das Täßchen und ging dann, nun wieder allein, in das Zimmer

nebenan und trat auf die Veranda, wo er mit Behagen die frische Luft

einatmete und der Arbeit des Gärtners zusah, der an dem Prachtbeet

beschäftigt war.

Kornelia kam von der Straße und nickte ihm grüßend zu.

»Komm nur herein!« sagte er.

Der Gärtner öffnete eilig das Seitengitter und ließ sie durch. Dann

traten Vater und Tochter wieder ins Zimmer.

»Das trifft sich ja gut,« begann sie, nachdem sie ihn herzhaft geküßt

hatte. »Ich war nämlich drüben im Zo, wo heute Emma mit den Kindern

ist. Sie werden gleich nachkommen. Ich wollte aber schnell noch einmal

zu Dir hineinhuschen, ehe Du oben bist. Du weißt ja, Mama sieht's nicht

gern, wenn man Heimlichkeiten hat.«

Er lachte, legte seine Rechte um ihre Schultern und faßte sie mit der

Linken am Kinn. Dabei sagte er: »Sie wird wohl jetzt gar nicht daran

denken. Hör nur, wie sie wieder kräht!«

»Aber Papa!« warf sie vorwurfsvoll ein.

»Na, es ist ja nicht so gemeint. Es bleibt ja unter uns. Aber bewundern

kann ich ihren Gesang wirklich nicht. Es war schon früher nur soso, und

jetzt ist es wirklich Essig damit. Das heißt, das saure Gesicht kriegen

die Zuhörer.«

»Du bist grausam. Daher wohl Deine Flucht nach hier?«

Er lachte abermals breit und behaglich. »Natürlich. Dann zieht man

so ein Hotelleben vor. Und manchmal ist's mir wirklich, als säße ich

allein im Speisesaal eines Hotels und würgte mir das Diner herunter.

Na, wenigstens kann man sich dabei sammeln.«

»Armer Papa!«

»Na siehst Du ... Manchmal ist nicht alles Gold, was glänzt. Es gibt

auch arme Bankdirektoren ... Komm mal 'n bißchen zu mir, nach oben

ist's noch immer Zeit.«

Einen Augenblick legte sie wie zum Trost ihren Kopf an seine Schulter,

dann traten sie untergefaßt in sein Kabinett, während durch die offene

Tür des Balkonzimmers im ersten Stockwerk ein herzzerbrechender

Triller seinen Ausweg fand. Er nahm Platz und zog sie auf seine Knie.

Liebevoll blickte er ihr in die Augen. »Nun sieh mich mal an,« sagte

er, »was gibt's denn? Etwas Besonderes passiert? Mir scheint's beinahe

so. Na, Du wirst ja ganz rot?«

Wirklich war ihr die Röte ins Gesicht gestiegen, weil sie an die

Begegnung mit Fannys Bruder dachte. Vergnügt lachte sie ihn an. »Rot?

Ich spüre nichts. Aber aus Deinen Wangen könnte man den schönsten Krapp

machen. Dir hat wohl das Essen wieder kolossale Anstrengung gemacht,

wie? Weißt Du -- so ein Diner von sechs Gängen jeden Tag -- ich könnte

es nicht, Papa.«

»Dafür frühstücke ich auch fast gar nicht. Uebrigens ist das noch das

einzige Vergnügen, das ich habe -- außer der Arbeit.«

Seine traurige Miene wirkte komisch, so daß ihre Heiterkeit sich

steigerte. »Na, mich hast Du doch auch noch.«

»Aber natürlich doch. Und Walter dazu -- überhaupt Euch alle.

Redensarten, wenn man so etwas sagt. Im Grunde genommen liebe ich

Mama immer noch so wie früher, wenn sie nur nicht so nervös wäre.

Wetterwendisch in ihren Launen, kribbelig bei jeder Gelegenheit. Ruhe

herrscht immer nur zwischen uns beiden, wenn wir uns nicht sehen.

Dir kann ich's ja sagen, Du bist ein vernünftiger Kerl. In dieser

Beziehung bist Du ganz mein Schlag ... Ist der Kandidat noch oben?«

»Denk' Dir nur, diesen Nachmittag hat er abgesagt, er schützte einen

nötigen Besuch vor. Mama mußte sich selbst begleiten.«

»Daher auch die falschen Noten.«

Sie erzählte ihm die heutigen Vorgänge bei Tisch, ohne den Vorfall am

Vormittag zu berühren, weil sie wußte, daß ihr Vater dann rücksichtslos

Rudi eine Szene gemacht hätte, die alles verschlimmert haben würde.

Durch das offene Fenster hörte man das Sprechen der Kleinen, die mit

dem Mädchen gerade ankamen. Roderich ließ sie herein, herzte und küßte

sie und wollte sie dann gleich von hier aus hinaufschicken. Kornelia

jedoch gab Emma einen Wink, wieder durch den Garten zum Seiteneingang

zu gehen. Sie ging gleich mit, damit ihre Mutter nicht wissen sollte,

daß sie zuerst den Vater begrüßt hatte.

Es klang fast ingrimmig, als Roderich lachend sagte: »Wir sind doch

eigentlich ganz merkwürdige Menschen. Unsere Familie könnte sich sehen

lassen. Einer ist auf den anderen eifersüchtig, wenn man mit mir zuerst

spricht. Eigentlich könnt' ich mir darauf etwas einbilden.«

Er war keineswegs eitel darüber, denn gleich bewegten ihn ganz andere

Gedanken, als er mit großen Schritten den üblichen fünf Minuten langen

Verdauungsmarsch durch den Verandasaal unternahm. Rudi machte ihm

zu schaffen, dieser ungeratene Junge, der noch nichts war, nichts

werden wollte, dabei eine Pfiffigkeit besaß, die einer besseren Sache

würdig gewesen wäre. Ein halbes Jahr lang hatte er ihn in seiner Bank

gehabt, wo er sich aber so träge und unausgeschlafen gezeigt hatte

und außerdem den Kollegen gegenüber so hochfahrend gewesen war, daß

er ihn aus diesem Volontärdienst wieder herausnehmen mußte, unter

dem Vorgeben, er habe andere Pläne mit ihm. Rudi hatte sich zu sehr

als Sohn des Bankdirektors gefühlt, und wenn nun Roderich sich alles

genau überlegte, so war er selbst schuld daran, denn er war viel

zu nachsichtig gegen ihn gewesen. Dann hatte er ihn in eine Fabrik

geschickt, aber nach einigen Wochen war die Herrlichkeit auch hier

beendet.

Neuerdings trug sich der Hoffnungsvolle mit dem Gedanken, eine

sogenannte Fähnrichspresse zu besuchen, um den Ausschuß dort zu

vermehren. Auf diese Art war er bereits zum Einjährigen-Zeugnis

gedrillt worden, und so wäre vielleicht die Aussicht vorhanden, ihn

endlich in eine vernünftige Bahn gelenkt zu sehen. Roderich glaubte

zwar noch nicht recht daran, aber auf alle Fälle war er neugierig, wie

sich der Lebensweg des ältesten Stammhalters noch entwickeln würde.

Familiensklaven · 第 11 / 33 题