Da die Bank um fünf Uhr schloß, so kam der Bankdirektor erst um ein
halb sechs Uhr nach Hause und tafelte dann allein, und zwar nicht oben
im Familienzimmer, sondern unten im Gesellschaftsspeisesaal, wo er
fast eine Stunde lang sechs Gänge zu sich nahm. Im ersten Stock »aß«
man zu Tisch, im Parterre »dinierte« man, was sich bereits so sehr als
Sprachgebrauch eingebürgert hatte, daß daran nicht zu rütteln war.
Oben trug das Mädchen die Kost auf, unten ließ sich der Hausherr von
Emil bedienen, der als eine Art Groom ins Haus gekommen war und sich
allmählich zum Leiblakai entwickelt hatte, der nebenbei noch allerlei
Verrichtungen im Hause tat und bei großer Ausfahrt in Galalivree neben
dem Kutscher thronen durfte. Roderich hatte sich so an ihn gewöhnt, vor
allem an seine Handreichungen als Kammerdiener, daß er ihn kaum noch
zu missen vermochte und ihm sogar den Vorzug einräumte, gelegentlich
über einen Witz, den er machte, mitlachen zu dürfen.
Der Bankdirektor war ein wohlerhaltener Herr in den Fünfzigern, mit
einem runden, frischen Gesicht, in dem zwei kluge Augen stets suchend
hin und her gingen, und das ein üppiger, aber schon stark ergrauter
Schnurrbart zierte, allerdings unter einer Nase, die besser in ein
anderes Antlitz gepaßt hätte, denn sie war ein wenig klein und
weibisch, aber doch in einer klaren Linie mit der schön gewölbten Stirn
vereint. Diese zierliche Nase war für Kenner entschieden das Zeichen
dafür, daß Roderich senior keine wilden Leidenschaften besaß, vielmehr
ein ruhiger, überlegender Mensch war, der seine bestimmten Ziele hatte
und höchstens nebenbei noch ein unschuldiges Steckenpferdchen ritt.
Er aß und trank gut, rechnete noch besser und stritt sich eigentlich
nur um Zahlen, wenn es jemals an das Streiten ging. Sein Scharfblick in
kaufmännischen Dingen war bewundernswürdig, und es war wohl nur eine
Frage der Zeit, daß man ihn zum Generaldirektor seiner Bank ernennen
würde, falls der bisherige Allmächtige das Zeitliche gesegnet hätte,
oder sich gänzlich ins Privatleben zurückgezogen haben würde, was bei
seiner geringen Arbeitsfreudigkeit infolge eines Leidens zu erwarten
war.
Große Dinge regten Roderich senior niemals auf, dagegen konnten kleine
und nichtige Vorgänge ihn aus dem Häuschen bringen. Und weil er oben in
seiner Familie niemals davor sicher war, so hatte er sich hier unten
eingekapselt, ganz nach persönlicher Bequemlichkeit. Oben schlief er
nur, nahm den Morgenkaffee ein und hielt bei dieser Gelegenheit große
Musterung über die lieben Häupter ab. Das war nun schon seit Jahren so,
und er fand, daß seine Nerven dabei je mehr sich stärkten, je weniger
das bei seinem lieben Weibe der Fall war. Ihre wechselnden Launen
machten ihm viel zu schaffen, und wenn er sich früher darüber geärgert
hatte, so entging er jetzt dieser Aufregung durch das Alleinsein, das
ihm ein Labsal war.
Zuerst hatte es Kämpfe dieser Abzweigung wegen gegeben, denn Frau
Agathe fühlte sich in ihrer häuslichen Würde verletzt. Sie wollte das
allgemeine Familienmahl ebenfalls auf diese späte Stunde verlegen,
damit der gestrenge Herr oben an der Tafel teilnehmen könne. Aber Adolf
Roderich sträubte sich so sehr dagegen aus Rücksicht auf die Kinder,
daß sie sich an die doppelte Kocherei gewöhnen mußte. Eigentlich hatte
sie damit nicht viel zu tun, denn die »perfekte Köchin« wirtschaftete
so selbständig und schraubte sich manchmal auf den Küchenherrscherton,
der so ziemlich mit der Höhe ihres Lohnes übereinstimmte. Frau
Roderich zankte zwar viel mit ihr und drohte oft mit Kündigung, weil
ihr alles zu teuer erschien, aber sie lenkte rasch wieder ein, sobald
Lene das berühmte Wort sprach: »Es ist jut, gnädige Frau, ich werde
es dem Herrn Direktor direkt sagen.« Aber weil sie wußte, daß die
Gebieterin es niemals soweit kommen lassen würde, stand ihr dabei der
offene Triumph auf dem feisten Gesicht geschrieben; denn Roderich,
der große Feinschmecker, gab der Köchin stets das Zeugnis »Nummer
eins« und betrachtete sie sozusagen als »Vizeherrin«, die um ihrer
ausgezeichneten Kochkunst willen die größte Hochachtung und Nachsicht
beanspruchen dürfe.
»Nun, was gibt's heute, Emil?« fragte der Bankdirektor seinen Diener,
der, wie immer, bereits auf der Lauer stand, um dem Herrn Hut, Schirm
und Geheimtasche abzunehmen.
Roderich hatte sich bereits hungrig an der gedeckten Tafel
niedergelassen, die in der Mitte einen kleinen silbernen Aufsatz mit
Früchten zeigte, aus dessen Kristallkelch ein einzelner Fliederzweig
ragte. Trotzdem auf einem beigelegten Kärtchen die Speisefolge
verzeichnet war, über die an jedem Morgen beim Kaffee zwischen den
Ehegatten eine Einigung erzielt wurde, richtete Roderich jedesmal
diese Frage an den Getreuen. Und Emil, dessen schlanke Figur sich
vorteilhaft in der Hauslivree: braunem Schniepel mit silbernen
Knöpfen und dunkelgrünen Aufschlägen, und dito Puffbeinkleidern mit
grünen Wadenstrümpfen, ausnahm, schnarrte sofort das Menu herunter:
»Champignon-Suppe, Steinbutt mit holländischer Sauce, frischen
Stangenspargel mit Schinken und Pökelzunge, gefüllten Truthahn, Fürst
Pückler, Butter, Käse und Radieschen.« Die Schmorfrüchte und den Salat
erwähnte er nicht, denn beides stand bereits in Schalen auf dem Tisch.
»Schön, sehr schön,« sagte Roderich schmunzelnd, ungefähr mit der
Miene eines Menschen, der etwas Angenehmes gern zum zweitenmal hört.
Er hatte sich bereits die blütenweiße Serviette zwischen Hals und
Kragen gesteckt, schob die zwei Morgenzeitungen beiseite, die er aus
dem Geschäft gebracht hatte, und trommelte leise mit den Fingern
auf dem Tischtuch, etwa wie ein verwöhntes, ungeduldiges Kind, das
angepriesener Herrlichkeiten wartet.
Von dem Anrichteraum aus, der nebenan lag, ging ein Aufzug direkt zur
Küche hinauf. Emil kehrte mit der dampfenden Suppe zurück und blieb
erwartungsvoll stehen.
»Heute mal eine Deidesheimer -- von dem Fünfundneunziger,« sagte
Roderich wieder, während er schon zu löffeln begann. Aber er hielt ihn
noch zurück. »Nichts Besonderes vorgefallen, oben?«
»Nichts Besonderes, Herr Direktor,« erwiderte Emil mit klugem Gesicht.
Das ganze Personal wußte zwar von dem Krach am Vormittag, aber er
hütete sich, etwas davon zu sagen, trotzdem ihm seine Offenheit hier
unten nicht übel angerechnet wurde; aber um so mehr oben. Er hatte in
dieser Beziehung seine Erfahrung hinter sich.
Er ging und brachte sofort den Kühler mit dem Riesling, der schon
längst bereit stand; denn es war immer dieselbe Marke, die der Gebieter
trank, wenn er auch tagtäglich danach verlangte, wie nach etwas Neuem.
»Was macht Fräulein?« fragte Roderich wieder, während Emil aufmerksam
das Glas vollschenkte.
»Ernst mußte den Herrn Sanitätsrat holen. Die gnädige Frau behauptet,
es sei sehr schlimm. Das ganze Haus müßte ausgeräuchert werden.«
»Nanu! Doch nicht ansteckend?« Er fuhr auf, aber Emil beruhigte
ihn sofort, indem er die Angst der Gnädigen auf das gehörige Maß
zurückführte. Roderich lachte still in sich hinein, womit er unstreitig
andeuten wollte, daß er nichts anderes erwartet habe.
Mit gesundem Appetit ging er zum Fisch über. »Wer hat sich denn heut
mit den Kindern beschäftigt?« war dabei seine Frage.
»Der Herr Kandidat mußte mit ihnen spielen,« gab Emil zurück, indem er
die Betonung auf das letzte Wort legte. Auf eine kleine Uebertreibung
kam es ihm nicht an, denn er wußte, wie sie aufgenommen wurde.
Der Bankdirektor lachte abermals heimlich. »Das ist recht, das kann er
auch mal probieren,« preßte er kauend hervor, eigentlich mehr zu sich,
mit einem gewissen, harmlosen Ingrimm.
Aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, hatte er sich zu dem jetzigen
vielbeneideten Direktorposten einer großen Bank emporgeschwungen, durch
den er wohl zu Ansehen und Reichtum gekommen war, der aber doch den
alten Menschen in ihm nicht hatte unterdrücken können. Und so wurde
er manchmal »rückfällig«, indem er noch die Gewohnheiten des kleinen
Mannes zeigte, der den Abstand zwischen Herr und Diener nicht gehörig
zu schätzen weiß. Was man bei geborenen Herrschern Leutseligkeit
nannte, war bei ihm mehr Vertraulichkeit, durch lange Gewohnheit
bedingt.
Von seltenem Fleiß und Pflichteifer den Tag über, war ihm diese
Tafelstunde hier die einzige wirkliche Ruhe und Erholung, die er
ungestört genießen wollte. Oben wußte man, daß er erst nach gründlicher
Sättigung zu haben sei, und so verdarb man ihm niemals die Laune durch
vorzeitige Belästigung. Selbst seine Frau störte ihn selten, trotzdem
ihre nervöse Stunde erst recht kam, sobald sie ihn unten wußte. Früher
war sie zu ihm hinabgestiegen, um während des Essens mit ihm zu
plaudern, nach Neuigkeiten zu fragen und ihm selbst die Schüssel zu
reichen. Bald aber hatte sie gemerkt, daß all die kleinlichen Dinge,
mit denen sie ihn überschüttete, ihm den Appetit verdarben. Und so
blieb sie gleich den übrigen lieber oben und wartete sein Erscheinen ab.
Da Roderich zu den Leuten gehörte, die stets bestrebt sind, das
Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, so bereitete er sich
sozusagen schon beim Essen auf die Ueberraschungen vor, die ihn
oben in seiner Familie erwarten würden. Emil mußte ihm daher als
Berichterstatter dienen, hin und wieder auch als Schnelläufer die
Treppe hinaufeilen, um Fragen zu übermitteln und die Antwort zu
überbringen. Zwar befand sich vorn im Arbeitszimmer ein Haustelephon,
das Roderich aber abgestellt hatte, weil früher das Klingeln kein Ende
nahm.
Frau Agathe hatte aber verstanden, sich zu helfen. Neben dem Aufzug war
ein Sprachrohr, das die Verbindung mit der Küche herstellte. Kaum war
der Schinken mit Spargel heruntergelassen worden, als es oben klopfte.
Wohlweislich hatte Emil die Tür geschlossen, denn er wußte, daß er
jetzt die Neugier der Frau Bankdirektor erschöpfen mußte.
»Emil, ist alles zur Zufriedenheit des Herrn?«
»Jawohl, gnädige Frau,« tutete er leise zurück.
»Schmeckt's meinem Manne?«
»Jawohl, gnädige Frau; ausgezeichnet.«
»Ist es auch reichlich?«
»Jawohl, gnädige Frau.«
»Wie ist denn mein Mann gelaunt?«
»Sehr gut, gnädige Frau.«
»Hat er etwas gefragt?«
»Nein, gnädige Frau,« log Emil tapfer. »Nur, wie es Fräulein geht.«
»Soooo,« klang es etwas scharf zurück. »Hat er sich nicht nach uns
erkundigt?«
»O doch, gnädige Frau,« log Emil wieder. »Es sei auch nichts
vorgefallen, sagte ich.«
»Es ist gut. Klopfen Sie wieder, wenn mein Mann mit dem Essen fertig
ist! Lene kann es bestellen.«
»Jawohl, gnädige Frau.«
Emil wollte es mit keinem verderben, und so behielt er diese harmlose
Unterhaltung, die er als eine ehrenvolle Auszeichnung betrachtete,
stets für sich. Und wenn er auch die Wahrheit dabei ein wenig
unterdrückte, so glaubte er das im Interesse von Hausfrau und Herr
zu tun, die nicht unnötig zusammengeraten durften. Roderich, der das
Gemurmel manchmal hörte, war der festen Ueberzeugung, daß derartige
Gespräche nur die Köchin angingen.
Beim vierten Gang war die Berichterstattung des Dieners in der Regel
erschöpft; er konnte die Speise und den Käse sofort auftragen und sich
bis auf weiteres unsichtbar machen.
Nun saß der Bankdirektor ganz ungestört vor seinem gefüllten Truthahn
und labte den Gaumen mit erquickendem Behagen. Das Speisezimmer lag
nach dem hinteren Garten hinaus, zu dem man durch eine breite Flügeltür
gelangte, deren obere Felder aus getrübtem bunten Glas bestanden, das
butzenscheibenartige Figuren zeigte. Er hatte die Tür öffnen lassen,
und so sah er durch den kleinen Holzvorbau das saftige Grün der
Sträucher, aus dem die Steinfiguren sich weiß hervorhoben. Ganz hinten
stand eine große Laube, umringt von Flieder, und davor auf einer Säule
blinkte eine mächtige Spiegelkugel, in der sich hell ein Stück des
blauen Himmels wiegte; und darunter zeigten sich unzählige Licht- und
Farbentupfen, durch die ein blendender Blitzstreifen ging.
Hinter dem Hause lag Schatten, und so zog Kühle in den großen Raum,
in dem das graugrün gebeizte Eichenholz der teuren Möbel das Auge
ruhig stimmte. Selbst die rostbraune Tapete erhöhte nur diese vornehme
Einheit, die entschieden von ausgeprägtem Geschmack zeugte. Alles war
auf einen sanften Ton gestimmt, gedämpft wie der Tritt, der auf dem
echten Perser über dem Dielenfilz leicht verhallte. In dem wohligen
Dämmerlicht glänzten nur wenig die Lichter in den Zinnkrügen auf dem
Prunkbuffet und in der matten Bronze des elektrischen Gehänges an der
Decke.
Roderich blickte zwar in den Garten, aber er sah die Pracht des
erwachenden Sommers nicht. Während er gleichmütig kaute, arbeitete sein
Hirn fortwährend. Es waren immer Zahlen, die ihn beherrschten, die
ganze Ziffernwelt des Tages, mit ihren Kursbewegungen und der Aufregung
der neuesten Börsenvorgänge. Wer ihn so still beobachtet haben würde,
hätte ihn für einen reichen Junggesellen halten können, der mit Ruhe
sein üppiges Mahl einnimmt und höchstens still bedauert, daß die
intimen Freunde nicht vorhanden sind, die die drei übrigen Lehnstühle
um den zusammengeschobenen Tisch hätten besetzen können. Kein Laut
umgab ihn, nur dumpf schallte wie von fern das Rollen der Straßenbahn
herein.
Endlich war er gesättigt und drückte an dem Knopf der elektrischen
Klingel, der über der Tafel hing. Emil kam wieder und brachte auf
einem silbernen Tablett den Mokka in einem kleinen Täßchen, und die
Abendzeitung, nach der Roderich noch im Stehen griff und sofort den
Handelsteil überflog. Er gab dabei einen Wink, und der Diener zog
den Teppichvorhang von dem schweren Türrahmen zurück, ließ seinen
Herrn, der zu den übrigen Zeitungen und zu der Mappe gegriffen hatte,
zuerst in den Nebensalon treten und folgte ihm dann in das kleine
Arbeitskabinett, das vorn an der Straße neben dem Verandasaal lag.
Roderich legte die Zeitungen auf den breiten Diplomatentisch, leerte
im Stehen das Täßchen und ging dann, nun wieder allein, in das Zimmer
nebenan und trat auf die Veranda, wo er mit Behagen die frische Luft
einatmete und der Arbeit des Gärtners zusah, der an dem Prachtbeet
beschäftigt war.
Kornelia kam von der Straße und nickte ihm grüßend zu.
»Komm nur herein!« sagte er.
Der Gärtner öffnete eilig das Seitengitter und ließ sie durch. Dann
traten Vater und Tochter wieder ins Zimmer.
»Das trifft sich ja gut,« begann sie, nachdem sie ihn herzhaft geküßt
hatte. »Ich war nämlich drüben im Zo, wo heute Emma mit den Kindern
ist. Sie werden gleich nachkommen. Ich wollte aber schnell noch einmal
zu Dir hineinhuschen, ehe Du oben bist. Du weißt ja, Mama sieht's nicht
gern, wenn man Heimlichkeiten hat.«
Er lachte, legte seine Rechte um ihre Schultern und faßte sie mit der
Linken am Kinn. Dabei sagte er: »Sie wird wohl jetzt gar nicht daran
denken. Hör nur, wie sie wieder kräht!«
»Aber Papa!« warf sie vorwurfsvoll ein.
»Na, es ist ja nicht so gemeint. Es bleibt ja unter uns. Aber bewundern
kann ich ihren Gesang wirklich nicht. Es war schon früher nur soso, und
jetzt ist es wirklich Essig damit. Das heißt, das saure Gesicht kriegen
die Zuhörer.«
»Du bist grausam. Daher wohl Deine Flucht nach hier?«
Er lachte abermals breit und behaglich. »Natürlich. Dann zieht man
so ein Hotelleben vor. Und manchmal ist's mir wirklich, als säße ich
allein im Speisesaal eines Hotels und würgte mir das Diner herunter.
Na, wenigstens kann man sich dabei sammeln.«
»Armer Papa!«
»Na siehst Du ... Manchmal ist nicht alles Gold, was glänzt. Es gibt
auch arme Bankdirektoren ... Komm mal 'n bißchen zu mir, nach oben
ist's noch immer Zeit.«
Einen Augenblick legte sie wie zum Trost ihren Kopf an seine Schulter,
dann traten sie untergefaßt in sein Kabinett, während durch die offene
Tür des Balkonzimmers im ersten Stockwerk ein herzzerbrechender
Triller seinen Ausweg fand. Er nahm Platz und zog sie auf seine Knie.
Liebevoll blickte er ihr in die Augen. »Nun sieh mich mal an,« sagte
er, »was gibt's denn? Etwas Besonderes passiert? Mir scheint's beinahe
so. Na, Du wirst ja ganz rot?«
Wirklich war ihr die Röte ins Gesicht gestiegen, weil sie an die
Begegnung mit Fannys Bruder dachte. Vergnügt lachte sie ihn an. »Rot?
Ich spüre nichts. Aber aus Deinen Wangen könnte man den schönsten Krapp
machen. Dir hat wohl das Essen wieder kolossale Anstrengung gemacht,
wie? Weißt Du -- so ein Diner von sechs Gängen jeden Tag -- ich könnte
es nicht, Papa.«
»Dafür frühstücke ich auch fast gar nicht. Uebrigens ist das noch das
einzige Vergnügen, das ich habe -- außer der Arbeit.«
Seine traurige Miene wirkte komisch, so daß ihre Heiterkeit sich
steigerte. »Na, mich hast Du doch auch noch.«
»Aber natürlich doch. Und Walter dazu -- überhaupt Euch alle.
Redensarten, wenn man so etwas sagt. Im Grunde genommen liebe ich
Mama immer noch so wie früher, wenn sie nur nicht so nervös wäre.
Wetterwendisch in ihren Launen, kribbelig bei jeder Gelegenheit. Ruhe
herrscht immer nur zwischen uns beiden, wenn wir uns nicht sehen.
Dir kann ich's ja sagen, Du bist ein vernünftiger Kerl. In dieser
Beziehung bist Du ganz mein Schlag ... Ist der Kandidat noch oben?«
»Denk' Dir nur, diesen Nachmittag hat er abgesagt, er schützte einen
nötigen Besuch vor. Mama mußte sich selbst begleiten.«
»Daher auch die falschen Noten.«
Sie erzählte ihm die heutigen Vorgänge bei Tisch, ohne den Vorfall am
Vormittag zu berühren, weil sie wußte, daß ihr Vater dann rücksichtslos
Rudi eine Szene gemacht hätte, die alles verschlimmert haben würde.
Durch das offene Fenster hörte man das Sprechen der Kleinen, die mit
dem Mädchen gerade ankamen. Roderich ließ sie herein, herzte und küßte
sie und wollte sie dann gleich von hier aus hinaufschicken. Kornelia
jedoch gab Emma einen Wink, wieder durch den Garten zum Seiteneingang
zu gehen. Sie ging gleich mit, damit ihre Mutter nicht wissen sollte,
daß sie zuerst den Vater begrüßt hatte.
Es klang fast ingrimmig, als Roderich lachend sagte: »Wir sind doch
eigentlich ganz merkwürdige Menschen. Unsere Familie könnte sich sehen
lassen. Einer ist auf den anderen eifersüchtig, wenn man mit mir zuerst
spricht. Eigentlich könnt' ich mir darauf etwas einbilden.«
Er war keineswegs eitel darüber, denn gleich bewegten ihn ganz andere
Gedanken, als er mit großen Schritten den üblichen fünf Minuten langen
Verdauungsmarsch durch den Verandasaal unternahm. Rudi machte ihm
zu schaffen, dieser ungeratene Junge, der noch nichts war, nichts
werden wollte, dabei eine Pfiffigkeit besaß, die einer besseren Sache
würdig gewesen wäre. Ein halbes Jahr lang hatte er ihn in seiner Bank
gehabt, wo er sich aber so träge und unausgeschlafen gezeigt hatte
und außerdem den Kollegen gegenüber so hochfahrend gewesen war, daß
er ihn aus diesem Volontärdienst wieder herausnehmen mußte, unter
dem Vorgeben, er habe andere Pläne mit ihm. Rudi hatte sich zu sehr
als Sohn des Bankdirektors gefühlt, und wenn nun Roderich sich alles
genau überlegte, so war er selbst schuld daran, denn er war viel
zu nachsichtig gegen ihn gewesen. Dann hatte er ihn in eine Fabrik
geschickt, aber nach einigen Wochen war die Herrlichkeit auch hier
beendet.
Neuerdings trug sich der Hoffnungsvolle mit dem Gedanken, eine
sogenannte Fähnrichspresse zu besuchen, um den Ausschuß dort zu
vermehren. Auf diese Art war er bereits zum Einjährigen-Zeugnis
gedrillt worden, und so wäre vielleicht die Aussicht vorhanden, ihn
endlich in eine vernünftige Bahn gelenkt zu sehen. Roderich glaubte
zwar noch nicht recht daran, aber auf alle Fälle war er neugierig, wie
sich der Lebensweg des ältesten Stammhalters noch entwickeln würde.