Rudi nickte gleichmütig. »Alles, was so in besserer Stellung ist.«

»Schäme Dich!«

Der Kandidat erhob sich mit einem Ruck, so daß die Frauen erschreckt

aufblickten. Kerzengerade stand er da. »Verzeihung für die voreilige

Störung, gnädige Frau,« sagte er mit bebenden Lippen. »Ich bitte um die

Vergünstigung, mich etwas früher mit meinem Schüler zurückziehen zu

dürfen. Ich möchte den Aufsatz noch durchsehen.«

Frau Roderich verstand ihn und hob sogleich die Tafel auf. Wie immer,

verneigte er sich höflich vor den Damen, machte auch einen Kopfnicker

zu dem jungen Herrn hinüber und ging dann hinaus, untergefaßt von

seinem Schüler, der sich liebevoll an ihn geklammert hatte.

»Nun bist Du wirklich einmal beschämt,« sagte Kornelia zu ihrem Bruder,

der diese Wendung nicht erwartet hatte. »Vornehmer kann man gar nicht

abgeführt werden.«

Rudis Verblüffung wich. Breit lachte er auf. »Was sollte er auch

erwidern?« gab er spöttisch zurück. »Er hat doch nur bewiesen, daß ich

recht habe. Sklaven ducken sich, weil sie stets die Herrschaft fühlen.«

Kornelia maß ihn mit einem Blick des Mitleids. »Du möchtest am liebsten

die Peitsche noch schwingen.«

Er nickte ihr freudig zu. »Möchte ich auch. Es wird immer eine Kanaille

geben, die sie verdient. Weshalb steckt er so etwas feige ein? Es war

nur Revanche von mir.«

»Oft ist Anstand der größere Mut,« sagte Kornelia nur noch kurz. Dann

nahm sie die Kinder mit in ihr Atelier.

Kaum war Frau Roderich mit ihrem Sohne allein, als sie ihn ankeifte:

»Warte nur, heute sollst Du es einmal zu hören bekommen! Dein Betragen

übersteigt alle Grenzen. Gleich wenn Papa nach Hause kommt, erzähle

ich's ihm.«

Das sagte sie immer, ohne es auszuführen. Und da er sich bereits an

diese leere Drohung gewöhnt hatte, lächelte er nur dazu.

»Du treibst uns noch den besten Lehrer aus dem Hause,« fuhr sie erregt

fort.

»Ich? Aber gutes Ma'chen, ich bitte Dich! Das kann doch Dein Ernst

nicht sein. Wenn er mal flieht, tut er's gewiß vor jemand anderem.«

»Manchmal bist Du ein rechter Ekel.«

»Ach, ich bin ja doch Dein lieber Rudi. Komm, gib mir 'nen Kuß!«

»Laß mich zufrieden! Aendere Dich endlich! Du tyrannisierst uns alle.«

Aber sie meinte es nicht mehr so ernst, denn sie fühlte sich bereits

wieder schwach, und so eilte sie mit gemachter Entrüstung hinaus.

Rudi trat leise pfeifend auf den Balkon. Er war mit sich zufrieden,

denn er hatte heute vier Menschen in die Flucht geschlagen, und das

genügte ihm. Immerhin ~etwas~ von einem »dummen Jungen«! Aber

sein vergnügtes Lachen erstarb sofort im Ingrimm bei dem Gedanken an

diesen Ausspruch. Das mußte seiner Meinung nach ganz besonders bestraft

werden, aber mehr durch Süßigkeiten als durch Bitternisse, oder durch

beides. Wie man's nehmen wollte!

Als er hinter sich das Klappern von Tellern hörte, trat er wieder ins

Zimmer. Emma, das Stubenmädchen, räumte die Tafel ab. Sie war nicht

mehr jung, aber recht drall, mit stets roten Wangen, die immer wie

verfroren aussahen und noch röter wurden, wenn man sie daraufhin ansah.

Ihr strohgelbes Haar war nicht gerade die passende Umrahmung dazu, aber

da sie es glatt gescheitelt hinter den Ohren trug, bekam sie dadurch

etwas Würdevolles, das ihr viel Aehnlichkeit mit einem alten Kinde gab.

Schon seit vier Jahren im Hause, hatte sie Rudi vom Knaben zum Jüngling

heranwachsen sehen und viel von seinen Unarten zu ertragen gehabt, die

sie aber stets durch ihre mecklenburgische Derbheit erwiderte.

Er begann mit ihr zu schäkern, indem er sie in Arm und Wange kniff.

»Lassen Sie ab von mir, das machen Sie man wo anders! Jawoll doch!«

sagte sie unwirsch und drohte, sämtliche Teller fallen zu lassen.

Seitdem sie einen herrschaftlichen Diener in der Nachbarschaft kennen

gelernt hatte, waren bestimmte Grundsätze in ihr aufgestiegen, die sie

nun rücksichtslos zu erkennen geben wollte.

Die Tür zum Nebenzimmer war auf. »Rudi, was soll denn das!« schallte

Frau Roderichs Stimme herein.

»Der junge Här macht ja man bloß Spaß, Gnäd'ge,« rief Emma zurück. Und

sie lachte auf, ohne eigentlich zu wissen, warum, und trug ihre schwere

Last davon.

»Na, fliehen tut sie doch eigentlich auch vor mir,« dachte Rudi

trotzdem befriedigt. »Nummer fünf!«

Familiensklaven · 第 10 / 33 题