Pünktlich um zwei Uhr nahm man bei Roderichs im großen Balkonzimmer
das Mittagessen ein, an dem die ganze Familie teilnahm, mit Ausnahme
des Bankdirektors und Fräuleins und der beiden Jüngsten, für die im
Kinderzimmer besonders gedeckt wurde. Auch der Kandidat war ständiger
Teilnehmer, trotzdem er hier nicht wohnte, vielmehr den täglichen
Unterricht um diese Zeit schon beendet hatte. Er war in sehr gedrückter
Lage ins Haus gekommen, und so hatte er diese Vergünstigung, die ihm
übrigens nicht angerechnet wurde, mit Freude angenommen. Und es war
wohl nur ein Zeichen der Dankbarkeit, wenn er sich noch über die
Zeit hinaus mit seinem Schüler beschäftigte und dann später sein
musikalisches Talent zum besten gab.
Heute war die Unterhaltung sehr frostig, denn jeder war auf seinen
eigenen Ton gestimmt. Zwischen Mutter und Tochter hatte es vorher
einen kleinen Krach gegeben, in dem die Grundverschiedenheit ihrer
Naturen stark hervorgekehrt worden war. Frau Roderich hatte sich
Korneliens Einmischung in das häusliche Regiment verbeten, was sie um
so unfreundlicher tat, als der Hausarzt wirklich einen Influenza-Anfall
bei Fräulein feststellte und sofort die nötigen Verordnungen erließ.
Trotzdem nichts zu befürchten war, schüttelte sich Frau Agathe
vor Angst, denn schon das bloße Wort »Influenza« erweckte stilles
Grauen in ihr. Natürlich war sie der Meinung, daß Fräulein ihren
Zustand unbedingt hätte wissen müssen und daß sie allein schuld an
der anfänglichen Vernachlässigung sei. Sie malte sich bereits mit
Schrecken eine Ansteckung des ganzen Hauses aus und erwog eine völlige
Absperrung, nachdem man sofort die Umbettung der Kinder beschlossen
hatte. Sogar das Krankenhaus tauchte dafür als winkender Schatten im
Hintergrunde auf. Sie redete soviel darüber, daß selbst Rudi diesmal
ihre Fahne verließ und ihre Furcht »etwas komisch« fand.
»Das kann ich Dir sagen,« fuhr sie Kornelia unsanft an, »geh' Du
hinein, soviel Du willst, die Hand gebe ich Dir nicht, so lange ich
nicht sehe, daß Du gesund bleibst.«
Zuletzt wagte auch Fröhlich einen sanften Einspruch. »Gnädige Frau
brauchen sich aber wirklich nicht zu ängstigen. Der Herr Sanitätsrat
sagte mir ausdrücklich, daß morgen eventuell schon alles vorüber sein
könne.«
Sie säuselte streng: »So! Also Sie haben ihn auch noch gesprochen, Herr
Kandidat? Ihre Anteilnahme für Fräulein ist ja rührend.«
»Gnädige Frau werden verzeihen, aber das ist doch rein menschlich,«
wandte er etwas schüchtern ein. Er hätte ungern diese Stellung
aufgegeben, und so hatte er nach dem kleinen Auftritt am Vormittag sich
im stillen gelobt, alles zu vermeiden, was zu einem Zerwürfnis führen
könne.
»Das ist es allerdings,« kam es gedehnt über ihre Lippen. Das weitere
erstickte sie in einem Räuspern, aber ihr Unbehagen verriet sich
deutlich aus ihrer sauren Miene. Ueberdies hatte sie seine Förmlichkeit
noch mehr verschnupft, und so trug sie sich mit dem Gedanken, den
Nachtischgenuß für heute ganz aufzugeben. Strafe mußte eben sein!
Am meisten aber war ihr Aerger darüber rege geworden, daß Kornelia sich
hinter Walter gesteckt hatte und mit ihrer ungeschminkten Meinung über
die schändliche Verdächtigung Fannys hervorgerückt war. Sie werde es
Papa sagen, der einmal gehörig herumleuchten solle, namentlich bei dem
lieben Brüderlein.
Zum Glück für sie konnte sie das hinter Rudis Rücken sagen, denn seit
dem Geldhandel heute vormittag fürchtete sie die Doppelzüngigkeit des
Frühreifen. Frau Roderich wurde auffallend still, da sie befürchtete,
das »Herumleuchten« könne sich auch auf sie ausdehnen. Es gab Tage, wo
ihr sonst gutmütiger Mann eine schlechte Laune mit nach Hause brachte
und dann Dinge auskramte, an die kein Mensch mehr dachte.
So verschluckte sie denn bei Tisch ihren Groll stumm mit dem Essen
und sprach nur gerade soviel, als nötig war, um den täglichen Gast
nicht zu verletzen. Lautes Leben brachten nur die Kleinen hervor, die
heute ausnahmsweise an der Tafel sitzen durften, rechts und links von
Kornelia, die es sich nicht nehmen ließ, sie eigenhändig zu bedienen.
Diese Arbeit machte ihr plötzlich Freude, denn Fanny hatte sich schon
bei dem Gedanken geängstigt, wer sich nun bei den Mahlzeiten mit Hans
und Trudchen beschäftigen würde. Es ging ganz gut: sie band ihnen die
Serviette vor, teilte ihnen die Suppe zu, gab ihnen ein wenig von
dem Fisch und zerschnitt ihnen auch den Braten mundgerecht. Als sie
schließlich der Jüngsten auch das Näschen putzte, konnte Rudi nicht
mehr länger schweigen.
»Na,« begann er kühn, »alles was recht ist, Neli, -- Fräulein kann sich
bei Dir bedanken. Eine bessere Vertretung gibt's ja gar nicht. Mama
kann ganz beruhigt sein. Ersatz hätte sie auf Wochen. Als wenn Du zum
Familiensklaven geboren wärest.«
Zum ersten Male war dieses Wort gefallen, das seinem augenblicklichen
Einfall entsprang, und fast kindisch erfreut darüber gab er dem
Mädchen, das gerade mit einer garnierten Zwischenspeise hereingetreten
war, einen ablehnenden Wink und wandte sich schnodderig an die
Hausherrin: »Familiensklaven ist gut, was Mamachen? Erschöpft so recht
alles. Ganz neue Wortbildung von mir.«
»Ach, Dummheit, behalte so was für Dich!« fiel Frau Roderich ihm ins
Wort und deutete ihm stumm an, daß sie eine derartige Bemerkung nicht
verstände. Unwillkürlich hatte sie auf Fröhlich geblickt, der Rudi
gegenüber saß an der anderen Schmalseite der Tafel.
Beide hatten sich bis jetzt nur mit dem Essen beschäftigt und sich mit
den Blicken wie zwei Menschen gemieden, deren Beisammensein nur dem
Zwange unterliegt. Da einer dem andern seine Meinung gesagt hatte,
so betrachteten sie die Beleidigungen als ausgeglichen, trotzdem der
Kandidat eigentlich der Ansicht war, der andere habe eine gute Hälfte
zuviel eingesteckt, was mit dem »dummen Jungen« von Fräulein gut
anderthalb gäbe. Nun konnte er ja hübsch den Abwartenden spielen und
sich inzwischen auf den nötigen Formenverkehr beschränken.
»Ich möchte auch darum gebeten haben,« ergänzte Kornelia den Hinweis.
»Man muß das wirklich Deiner Jugend zugute halten.«
»Stolze Schwester, damit kannst Du mich nicht ärgern. Es gibt Mädchen,
die neidisch auf diesen Vorzug sind, ich meine nur so im allgemeinen.«
Sein spöttischer Ausdruck, der von einer großen Handbewegung begleitet
war, sollte aber das Gegenteil bedeuten.
Neli blieb ruhig. »Du kannst mich durchaus nicht kränken,« hielt sie
ihm entgegen. »Schon aus dem Grunde nicht, weil der Herr Kandidat mein
Alter genau kennt.«
Fröhlich, der mit einem gewissen rührenden Anstand Messer und Gabel
handhabte, mit beinahe automatischer Bewegung der Ellbogen, drückte
die Nase tiefer auf den Teller, was sich wie eine rasche Verbeugung
ausnehmen sollte, und warf bedauernd-höflich ein: »Aber, mein gnädiges
Fräulein --«
»Ich werde dreiundzwanzig Jahre,« fuhr Kornelia unbeirrt fort, »und ich
möchte wünschen, daß Du in diesem Alter ebenso vernünftig würdest, wie
ich es heute bin.«
»Darin muß ich Neli schon recht geben,« mischte sich Frau Roderich
beschwichtigend ein.
Rudi glaubte über Fröhlichs Gesicht ein leises Lächeln der Anerkennung
huschen zu sehen, und so platzten ihm die Worte heraus: »Wenn's bei den
Mädchen zweimal genullt hat, sollen die Jahre ja doppelt zählen.«
»Rudi, ich bitte Dich --!« Strafend traf ihn der Blick der Mutter, die,
wie immer, alles bereits kommen sah.
Roderich junior aber lachte, denn derartige Schraubereien erweckten
stets sein Behagen.
»Aber laß ihn doch, Mama,« sagte Kornelia wieder. »Ich fühle mich nicht
beleidigt. Und weil's etwa unser Hauslehrer hört? Der Herr Kandidat
wird derartige Bemerkungen richtig zu würdigen wissen.«
Trotzdem Fröhlich die Empfindung hatte, zwischen zwei Feuern zu sitzen,
vermochte er auch diesmal nicht, ein kurzes Nicken zu unterdrücken,
wobei er in Verlegenheit immer noch an einem winzigen Stückchen Braten
herumschnitt, das dieser Bearbeitung kaum noch wert war. Er empfand
innere Freude über diese mutige Abwehr der Tischnachbarin und bedauerte
nur lebhaft, daß Fräulein das nicht hören konnte, um eine kleine
Genugtuung zu erleben. Sicher aber würde er die erste Gelegenheit
benutzen, ihr eingehend diese interessante Tischunterhaltung zu
übermitteln.
»Die meinigen jedenfalls auch, bei welcher Gelegenheit sie auch fallen
mögen,« stieß Rudi blasiert hervor und kniff nun wieder das Monocle
ein, das er beim Essen vorsichtig in der Westentasche trug, nachdem
es ihm einmal in die Suppe gefallen war. Gesättigt blähte er sich in
der Manier eines Menschen, der stark zu essen pflegt und plötzlich
genug im Leibe hat. Vor Tisch hatte er die modefarbene Weste mit einer
bordeauxroten vertauscht, in deren Armöffnungen er nun die Daumen der
Hände steckte und die Finger vergnügt auf dem Brustkasten spielen ließ.
Und so kam er sich wie ein junger Gott vor, der durch verhaltenes
Gähnen die Langeweile auf seinem Thron andeutet. Trotzdem spitzte er
die Ohren, als sein Blick zur Decke ging, denn er erwartete endlich ein
Herausgehen Fröhlichs aus seiner Verschlossenheit.
Der Kandidat jedoch, der die Absicht des andern wohl merkte, tat ihm
nicht den Gefallen, sondern naschte eifrig von der warmen Kuchenspeise,
die er sich als letzter auf den Teller gelegt hatte. Dabei sprach er
leise und eindringlich mit seinem Schüler, der ihm zur Linken saß
und wiederholt schon die Neigung gezeigt hatte, sich in das Gespräch
zu mischen. Ersichtlich wollte er ihn davon abhalten, worauf sein
andauerndes Kopfschütteln und die Sprache seiner Augen hinwies.
Auch Frau Roderich hatte bereits das silberne Löffelchen hingelegt
und zupfte nur noch an einigen getrockneten Weintrauben, mehr aus
Gewohnheit als aus Appetit. Sie war mit dem Essen rasch fertig, weil
sie von allem sehr wenig nahm, um nicht zu fett zu werden, wie sie
sagte. Beim Nachmittagskaffee, der spießbürgerlich erst um vier Uhr
eingenommen wurde, holte sie dann das Versäumte nach und vertilgte eine
Unmenge Kuchen, wobei die Schlagsahne nicht fehlen durfte. Für feine
Konditorware schwärmte sie ganz besonders.
Es war warm im Zimmer, denn die Maisonne hatte mit ihren kräftigen
Strahlen den Weg hineingefunden, weil man versäumt hatte, die Markise
über dem freiliegenden Balkon frühzeitig anzubringen. Die Glastür stand
noch immer offen, und so hatten die Luftwellen freie Bewegung, die den
starken Geruch der Nelken mit hereinbrachten, die in Töpfen nun draußen
auf der Brüstung prangten. Auf der Tafel stand der erste Flieder, und
sein frischer Duft übertäubte zeitweilig den Bratengeruch, der noch
über den Tellern lag und erst langsam verdunstete. Wenn das Hausmädchen
die Tür öffnete, dann durchwehte der Luftzug vom hinteren Korridor den
großen Raum, trieb den Geruch der Speisereste hinaus und ließ den Duft
des Flieders besonders stark erstehen.
Hin und wieder zog Frau Roderich die Majolikavase an sich und roch an
dem riesigen Strauß, jedoch nur oberflächlich, ohne Berührung. Aber
das starke Parfüm, das heute ihrer Seidenbluse entströmte, verdrängte
den natürlichen Duft des Flieders, der wie vor etwas Unangenehmem
floh. Namentlich die feine Nase des Kandidaten hatte unter diesen
Anspritzungen sehr zu leiden, besonders dann, wenn der Fettgeruch der
Schminke sich ihm bedenklich näherte. Ueberhaupt waren die Launen der
Gnädigen in dieser Beziehung unberechenbar; dann hatte Fröhlich die
Empfindung, ein Parfümerieladen habe sich aufgetan und sende seine
unzähligen künstlichen Gerüche ihm entgegen.
Man trank bei Tisch nur wenig. Frau Agathe genoß schluckweise
ihren Sauerbrunnen, Rudi bekam seine Flasche Bier, der Kandidat
jedoch begnügte sich mit frischem Wasser. Anfangs hatte man ihm
Wein vorgesetzt, den er aber verschmähte; denn, ein Feind aller
alkoholischen Genüsse, behauptete er, geistige Getränke nicht vertragen
zu können. Nur des Sonntags, wo er auch geladen wurde, nippte er von
der dünnen Bowle, die man zusammenbraute, um wenigstens den Unterschied
der Tage zu kennzeichnen.
»Wer wird denn nun heute mit den Kindern in den Zo gehen?« fragte
Rudi, immer von dem bestimmten Gedanken geleitet, Fröhlich zu einer
Unvorsichtigkeit zu bewegen. Durch die offene Tür sah man von drüben
die Bäume des Zoologischen Gartens winken, und so war er auf diese
Frage gekommen. Die Kleinen schrieen sofort durcheinander und deuteten,
die Löffelchen noch in der Hand, auf den Kandidaten. »Onkel Fröhlich
soll mit uns gehen, er setzt sich Fräuleins Hut auf,« sagte Hans und
strampelte mit den Beinen vergnügt unter dem Tisch.
»Dann kommt Rudi zu ihm,« plapperte Trudchen und schlug mit dem Löffel
vor Freude laut auf den leeren Teller.
Kornelia gab jedem einen Klaps auf den Mund, und auch die Mutter
forderte sie zum Ruhigsein auf. Roderich junior aber vergnügte sich
darüber im stillen, verstohlen den Blick auf Fröhlich gerichtet. Dieser
jedoch zeigte sich keineswegs beschämt, er lachte vielmehr und meinte
dann mit Humor, daß er den Versuch ja einmal machen könne; er habe
sich vormittags ganz gut in dieser Rolle geübt. Es sollte ein kleiner
Stich gegen die Gebieterin sein, aber Frau Roderich empfand das nicht,
sondern lachte laut mit. Ihr Groll war schon halb verpufft, und so
sagte sie beinahe herzlich: »Ich danke Ihnen sehr dafür, Herr Kandidat,
daß Sie sich heute so aufgeopfert haben, aber ich wußte im Augenblick
keinen anderen Rat; morgen kann sich das Stubenmädchen mit den Kindern
beschäftigen.«
»Seid nur still!« rief Kornelia den Kindern aufs neue zu. »Emma kann
Euch heute in den Zoologischen bringen, und dann komme ich später nach.
Euer lieber Rudi soll doch sehen, daß ich auch mit Euch umzugehen
verstehe. Mich wird er ja nicht belästigen. Ich bin eben keine
Familiensklavin ... Sage mal, hast Du denn wirklich Fräulein damit
gemeint?«