III.

»Aber Rudi --! Herr Kandidat --! Wie kann man sich nur so hinreißen

lassen!«

Vorwurfsvoll ging ihr Blick von einem zum andern, aber doch mit einem

gewissen ungleichen Ausdruck. Rudi wurde ziemlich streng bedacht.

Fröhlich jedoch empfing ein sanftes Lächeln, aus dem die Gnade zu lesen

war, die sie ihm schon vorher auf alle Fälle zu teil werden lassen

würde.

Die Frau Bankdirektor steckte in einem duftigen, spitzenbesetzten

Morgengewand, dessen lange Schleppe, weite Aermel und kurzer loser

Halsverschluß eigentlich nur dazu dienten, ihrer häuslichen Koketterie

erhöhten Zauber zu geben. Denn trotzdem sie über das Mittelmaß

hinausging und stark zur Ueppigkeit neigte, war sie von seltener

Beweglichkeit, was mit ihren nervösen Zuständen zusammenhing, die

merkwürdigerweise dann am meisten auftauchten, wenn sie die Absicht

hatte, ihren äußerst ruhigen und seßhaften Gatten darunter leiden

zu lassen. Reich gesegnet mit einer ganzen Auswahl dieser luxuriösen

Morgenkleider, von denen sie mit Stolz behauptete, daß sie die meisten

aus Paris beziehe, war es ihr ein Vergnügen, an Tagen, wo sie nicht

auszufahren hatte und keinen offiziellen Besuch erwartete, bis zur

Dinerzeit in diesen zarten Stoffwogen im Hause herumzufegen und sich

in loser körperlicher Fülle wohl darin zu fühlen; auch dann noch, wenn

die Friseuse bereits ihre umständliche Arbeit verrichtet hatte. Gleich

nach dem Aufstehen steckte sie sich sämtliche Brillantringe an, und

auch der tiefe Kleidverschluß über der Büste strahlte verlockend seinen

Diamantglanz aus.

Die weniger Eingeweihten des Hauses, die behaupteten, über alles

Wissenswerte berichten zu können, tuschelten sich in Verschwiegenheit

zu, daß Frau Agathe Roderich in früheren Jahren vorübergehend als

Sängerin der Bühne angehört habe, und so war es wohl nur eine liebe

alte Angewohnheit, wenn sie jeden Morgen etwas stark Rot auftrug, den

kühn geschwungenen Augenbrauen nachhalf und auch sonst jene feinen

Touchierarbeiten vornahm, die scheinbar eine ewige Frische verleihen,

in Wahrheit aber der künstliche Aufputz für verblühtes Fleisch sind.

Sie trat ins Zimmer und brachte den starken Duft von Rosen mit herein,

in dem sie sich jeden Morgen förmlich badete, um den trockenen Geruch

des Puders zu ertöten, der noch in feinen Andeutungen auf Hals und

Armen lag.

»Herr Kandidat, wollen Sie mir, bitte, erklären --?« fuhr sie fort.

Ohne erst die Antwort abzuwarten, wandte sie sich vorwurfsvoll an ihren

Sohn. »Rudi, ich begreife Dich manchmal nicht! Du mußt doch immer etwas

haben! Wie kommst Du dazu, den Unterricht zu stören? Aber das passiert

jedesmal, wenn Du nicht ausgeschlafen hast. Heute war es wieder drei,

als Du nach Hause kamst. Still! Ich habe Dich kommen hören. Ich werde

noch ernstlich mit Papa sprechen müssen.«

»Aber, Mama, ich bitte Dich --. Das sind doch rein private Dinge.«

Ihre Lebhaftigkeit steigerte sich. »Der Herr Kandidat kann alles

wissen, er gehört zum Hause. Sei so liebenswürdig und verziehe Dich!«

Schon aber war Fröhlich, der sich dankend verneigt hatte, bereit, für

den andern einzutreten und eine passende Erklärung abzugeben. »O, es

ist durchaus nichts von Bedeutung, Frau Roderich,« sagte er und hielt

sich den Jüngsten von den Beinen, der durch die offene Tür getobt war

und aus Gründen des bösen Gewissens sich sofort schmeichelnd an ihn

herangemacht hatte. »Eine kleine Meinungsverschiedenheit, die -- ich

bin überzeugt -- Herr Rudi ebenso gern als beigelegt betrachten wird,

wie ich.«

Die Frau vom Hause lächelte ihn diesmal stark an, so daß die zwei

niedlichen Goldplomben der Vorderzähne sichtbar wurden. Denn es freute

sie, daß er endlich einmal in diesem engeren Verkehr das steife »Frau

Bankdirektor« fortgelassen hatte, wie sie ihm erst kürzlich nahegelegt.

Rudi jedoch fiel es nicht ein, zu gehen. Er hatte rasch seine pomadige

Stimmung wiederbekommen, nahm die Haarnadel vom Tisch und hielt sie

seiner Mutter mit den Worten entgegen: »Ein kleines süßes Andenken,

Mama, das Fräulein, unser ~schwer krankes~ Fräulein soeben hier in

Gesellschaft des Herrn Fröhlich verloren hat. Natürlich wunderte ich

mich darüber. Das wird man doch noch dürfen.«

Das Gesicht der Gnädigen wurde starr. »Wie, Fräulein war auf?« stieß

sie verwundert hervor. »Wie kam denn das? Davon weiß ich ja gar nichts.«

Fröhlich gab abermals mit einigen Worten die Aufklärung, sie jedoch

behielt ihr langes Gesicht, in dem unschwer Mißtrauen und Ungläubigkeit

zu lesen waren. Sie sagte nichts mehr, aber ihr Blick ging wie fragend

von einem zum andern, blieb auf der Haarnadel haften, die nun wieder

auf dem Tischchen lag, und kehrte dann zu Rudi zurück, der mit beiden

Händen eine Bewegung machte, die soviel heißen sollte, als: »Nun ja, so

ist es, nun rede Du!«

Ihre Gedanken wurden durch Trudchen abgelenkt. Hans hatte das

Kegelaufsetzen schlecht belohnt und ihr zuletzt eine ungeübte Kugel

gegen das Schienbein gerollt, was Veranlassung zu dem Skandal vorher

gegeben hatte. Als kleine Komödiantin hatte sie beim Lautwerden der

Mutter rasch ihren Schmerz verbissen, weil sie gewöhnt daran war,

stets die Strafe zur gleichen Hälfte mit dem Bruder zu tragen. Nun

aber, da sie die Luft rein wähnte, kam sie mit entsetzlichem Geheul

hereingestürmt. Frau Roderich zog ihr kleines Ebenbild zu sich empor

und liebkoste es, indem sie sorgsam darauf achtete, daß weder die

Patschen noch die tränenreiche Wange ihrem Gesicht zu nahe kamen.

»Ich sehe schon, es geht heut alles verkehrt, mein Kind,« flötete sie

ärgerlich, »daß auch Fräulein gerade krank werden mußte! Es scheint

aber gar nicht so gefährlich zu sein mit ihr. Vielleicht hat sie sich

nur verstellt .... Rudi, meinst Du, daß sie mich belügt?« rief sie

ihrem Sohne plötzlich zu. »Ich wäre ja außer mir!«

»Das ist ganz ausgeschlossen, Frau Roderich,« warf Fröhlich höflich

ein, innerlich empört über diese Offenheit in Gegenwart der Kinder.

Aber sie beachtete diesmal seinen Einwurf nicht, blickte vielmehr an

ihm vorbei, in der Art einer Gebieterin, die sich verletzt fühlt, ihre

Gedanken jedoch nicht verraten möchte. Was sie aber verschwieg, sagte

ihre heftig arbeitende Brust und die plötzlich hereinbrechende Unruhe,

die der Bankdirektor immer dann am unangenehmsten zu empfinden pflegte,

wenn er am wenigsten darauf vorbereitet war.

Rudi hob aufs neue die Schultern. »Das kann ich wirklich nicht sagen.«

Er sah die Erregung Fröhlichs, und so hielt er es für besser, sich so

vorsichtig als möglich auszudrücken.

Aeffi kam auf seinen kurzen Beinen herangesprengt und kläffte vergnügt

die Herrin an. Mit seinen hervorstehenden Zähnen, die langen, weichen

Strähnen kokett über die Augen gestrichen, ein himmelblaues Bändchen

um den Hals, nahm er sich fast wie ein reizendes Spielzeug aus, das

man aufgezogen hatte und das nun lustig herumschnurrte. Alle achteten

darauf, ihn nicht zu treten, denn er schlüpfte jedem unter den Beinen

hindurch, glatt wie ein Wiesel.

»Natürlich, da bist du auch!« sagte Rudi wieder. »Jetzt fehlt nur noch

Mausi.«

Dieser Name, der sehr bezeichnend gesprochen wurde, erinnerte Fröhlich

daran, daß er das letzte Wort noch nicht gesprochen habe. »Ich hatte

durchaus nicht die Empfindung, Frau Bankdirektor, daß Fräulein sich

verstellt habe!« sagte er mit Eifer. »Im Gegenteil -- sie schien mir

noch ein wenig zu fiebern. Schließlich ist sie doch auch ein Mensch,

der das Recht des guten Glaubens für sich in Anspruch nehmen darf.«

Frau Roderichs Lippen zuckten, denn die rasche Wandlung in seiner

Anrede bestärkte sie in ihrer Vermutung, daß diese Parteinahme eine

tiefere Bedeutung haben müsse. »Herr Kandidat, Sie wissen, daß in

unserem Hause den Menschenrechten stets nach Bedürfnis Rechnung

getragen wird,« sagte sie mit wallendem Busen. »Sie lassen sich zu

sehr von Ihren Gefühlen fortreißen. Wir hatten früher ein Fräulein,

das allwöchentlich seinen Faulenzertag hatte. Aber es ist müßig,

darüber zu streiten, ich werde sie selbst fragen. Immerhin scheint

es mir unpassend von Fräulein, aus dem Bett zu springen und in einem

wenig repräsentablen Zustand hier zu erscheinen und Sie vielleicht zu

belästigen.«

In diesem Augenblick, wo Fröhlich ganz gegen seine Gewohnheit schon

zu heftigen Worten greifen wollte, kam ihm von unerwarteter Seite

Beistand. Walter hatte während dieser ganzen Zeit unbeweglich in der

offenen Tür hinter seiner Mutter gestanden, wie ein blasses Häufchen

Unglück, das von Spitzen und Seide erdrückt wird. Den Kopf tief

zwischen den Schultern, waren seine großen Augen hin und her gegangen,

während er die Hände wiederholt emporgehoben hatte, als wollte er sich

zur Rede melden. Nun trat er vor und fuhr ohne weiteres dazwischen.

»Aber, Ma'chen, ich habe ja alles gehört, wie es zuging. Der Herr

Kandidat spricht ja immer laut und verständlich. Es ist so, wie er es

erzählt hat. Fräulein ängstigte sich um Trudchen, und da bat er sie

gleich, nicht auf Rudi zu hören, wenn er immer nach dem Zoologischen

Garten geht, um sie dort zu treffen. Der Herr Kandidat meint es immer

gut. Rudi, Du mußt es doch auch gehört haben. Verstell Dich doch

nicht! Du hast ja an der Tür gehorcht! Fräulein hat Dich einen »dummen

Jungen« genannt. Es ist so, ich kann nicht lügen.«

»Ach so,« kam es gedehnt über der Gnädigen Lippen, aber mehr

zweideutig, mehr zu ungunsten Fröhlichs.

Rudi drehte sich mit einem Ruck herum, und es war, als wollte er die

Hand nach seinem unglücklichen Bruder ausstrecken. »Ach, Du Fex,«

knirschte er hervor. »Du träumst wieder, Du Gnom!«

Walter trat zurück und lachte, mehr fröhlich als boshaft, wie erfreut

über eine gute Tat. »Siehst Du, ich habe wahr gesprochen. Du nennst

mich wieder Gnom, das tust Du immer, wenn Du Dich getroffen fühlst.«

Sein Lachen verschwand. »Schlage mich doch, Du kannst es ja, Du bist

stärker. Aber denkst Du, ich fürchte mich vor Dir? Der Herr Kandidat

ist bei mir, der duldet das nicht. Und wenn Du ihn auch im geheimen

›Aeffi‹ nennst und Fräulein ›Mausi‹, er spricht doch nur Gutes über

Dich. Und ich habe auch gehört, was er Dir selbst alles gesagt hat. Du

solltest Fräulein nicht belästigen und daran denken, daß sie sich hier

im Hause ihr Brot verdienen müsse. Es war so schön gesprochen. Der

Herr Kandidat spricht immer schön. Und nun kannst Du mich noch zehnmal

Gnom nennen, ich hab's Dir doch gegeben, und das freut mich. Ma'chen

sollte es wissen.«

»Ach, Du langweiliger Peter, Du.« Rudi hob verachtungsvoll die

Schultern und ging hinaus wie ein hochmütiger Prinz, der sich seines

Wertes bewußt ist.

Frau Roderich sah ein, daß sie etwas gut zu machen habe, und so

reichte sie Fröhlich die Fingerspitzen ihrer Rechten und sagte mit

einem leichten Lächeln: »Ich danke Ihnen sehr, Herr Kandidat, für Ihre

gute Meinung von uns allen. Aber mit neunzehn Jahren ist man manchmal

ungezogen. Rudi soll das einsehen. Aber seien Sie ganz beruhigt! --:

Das sind Jünglingsflausen, wie sie bei hundert andern vorkommen.«

Sie nickte gnädig, trieb die Kinder in ihr Zimmer, nahm Aeffi auf den

Arm und rauschte ebenso majestätisch hinweg, wie sie gekommen war.

Familiensklaven · 第 5 / 33 题