In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, die zum hinteren Flurgang
führte, und »Fräulein« trat ein, hastig, wie von der Angst getrieben.
Ihrem Aeußeren sah man es an, daß sie sich nur eilig angekleidet habe,
um von ihrem Zimmer, das auf der anderen Seite des Korridors lag, rasch
hier hineinzuhuschen. Das üppige, braune Haar war lose aufgesteckt,
und einige Strähnen davon umspielten noch den freiliegenden Hals,
der übrigens weiß und verlockend aussah. Sofort fuhr die Hand an den
Verschluß des Kleides, und sie wollte die Tür von draußen wieder
zuziehen, als sie empfand, daß sie ihr Erscheinen mit einigen Worten
rechtfertigen müsse. Und so sagte sie, noch immer die Klinke in der
Hand: »Ach, Sie sind hier, Herr Kandidat. Dann bin ich beruhigt. Ich
bitte um Entschuldigung, aber ich hörte den Lärm und glaubte, es sei
etwas passiert. Ich bin gar nicht gewöhnt, am Tage zu liegen.«
»Aber so kommen Sie doch herein, Fräulein.«
»Ich kann mich ja gar nicht so zeigen.«
»Aber ich bitte Sie -- das geniert mich doch nicht,« beruhigte er sie.
»Sie gehören doch hier zum Hause.«
»Nein, nein, ich will mich nicht aufhalten,« entgegnete sie wieder.
»Ich fühle mich wirklich nicht recht wohl, und wenn Frau Roderich
es sieht, dann glaubt sie es wieder nicht. Ich hoffe, daß es bald
vorübergehen wird.«
Der Junge hatte sich aber bereits an ihr Kleid geklammert und machte
ein solches Hallo, daß sie rasch die Türe schloß, um den Lärm nicht
weiter dringen zu lassen. »Mausi, Du kannst immer sterben, Onkel
Fröhlich kommt mit nach dem Zo,« schrie Hans sie an, umschlang sie aber
so innig mit seinen Aermchen, daß dieses Sterben jedenfalls für ihn
sofortiges Auferstehen von den Toten bedeutete.
»Eine liebenswürdige Range, nicht wahr?« wandte sie sich an den
Kandidaten, »was sagen Sie nur zu dem Katzennamen, den man mir gegeben
hat?«
Fröhlich war rot geworden und wandte sich ab, denn er befürchtete, sie
könnte auch seinen Lieblingsspitznamen bereits kennen und ihn dadurch
in Verlegenheit bringen. Er sah sie erst wieder an, als sie sich mit
Trudchen beschäftigte und er dabei die unsinnigen Worte vernahm, die
ein derartiges Fräulein für ihre Schützlinge immer bereit haben muß.
Dann bat er sie auf einige Augenblicke in das Nebenzimmer hinein, und
als sie ihm überrascht gefolgt war, schloß er auch die zweite Tür, die
zum Schulzimmer führte, so daß sie ungestört waren.
Sie wartete auf eine Neuigkeit, die mit häuslichen Dingen zusammenhinge
und die vielleicht ganz plötzlich hinter ihrem Rücken emporgeschossen
sein könnte. Um so erstaunter war sie, als er eine ganze Weile
schweigend vor ihr auf- und abging, wobei er nicht vergaß, sie mit
raschen Blicken zu streifen. Ihre süße Liederlichkeit gefiel ihm, und
so wollte er sich erst allmählich daran berauschen, erst den Menschen
in sich befriedigen, bevor er diesen hinter der Maske des Pädagogen
verbarg. Bisher hatte er sie nur sozusagen frisch geplättet, frisch
gestärkt und frisch frisiert gesehen, wie es einem netten Mädchen in
einer großen Häuslichkeit geziemte, deren Herrscherin am liebsten ihre
Leute auf dem Präsentierteller gehabt hätte. Nun jedoch sah er sie
ohne Aufputz, weniger auf Draht gezogen, mehr weicher und schmiegsamer,
ohne den Firnis des Zurechtgemachten.
Besonders ästhetisch veranlagt, hatte er immer eine Scheu vor der
Kehrseite menschlicher Gewohnheiten, und so fühlte er sich um so
angenehmer enttäuscht, sie auch in diesem Aufzuge ganz appetitlich zu
finden. Sein kritisches Urteil blieb unvermindert das alte: Eine gut
gezogene Familienblume, die, vom Daseinssturm verweht, aufs Geratewohl
ins Leben hinausgetrieben war, aber immerhin genug Vorzüge hatte, sich
über der Herde ihrer Mitschwestern zu erheben.
»Nun, was gibt's, Herr Kandidat? Aber recht schnell, wenn ich bitten
darf. Man könnte kommen.«
»Frau Roderich liest die Zeitung,« beruhigte er sie und bewog sie, sich
zu setzen.
Trotzdem sie noch nicht lange im Hause war, kannte sie ihn nur als
einen ruhigen, besonnenen Mann. Nun aber wunderte sie sich, ihn so
erregt zu sehen.
Er wagte nicht gleich, auf sein Ziel loszugehen, und so erkundigte er
sich nach ihrem Leiden. »Frau Roderich sprach von Fieber, das sich
entwickeln könnte. Man wird doch hoffentlich den Arzt holen.«
Sie zeigte ihre hübschen Zähne und schüttelte heftig mit dem Kopf.
»Dann wäre ich doch nicht aufgestanden. Ein bißchen Erkältung. Ich
werde nächste Nacht tüchtig schwitzen, und dann wird es wieder gut
sein. Aber wissen Sie, hier sitzt es, in den Schläfen, mir ist ganz
dumm im Kopf. Ueberhaupt in allen Gliedern liegt mir's. Ich hab's mir
vorgestern geholt, am letzten kalten Tage.«
»Brennt denn Ihr Kopf?« fragte er besorgt, legte seine Hand auf ihre
Stirn und fühlte dann an ihrem Puls. »Ich habe zwei Semester Medizin
studiert, eh' ich umsattelte,« fügte er wie zur Entschuldigung hinzu.
Dann aber, als sie dazu lachte, fand er sein Verhalten etwas läppisch,
und so reckte er sich, zupfte an seinem Rock (eine Angewohnheit, die
ihm besonders lieb war), und wurde wieder der ernste Kandidat Fröhlich,
der vorzügliche Lehrer und Erzieher, von dem Frau Roderich das schöne
Wort geprägt hatte, er sei korrekt wie ein armer Leutnant, bis auf die
Taille sogar.
»Hauptzweck ist mir eigentlich, es Ihnen nahezulegen, unserem jungen
Herrn Roderich soviel als möglich aus dem Wege zu gehen,« sagte er mit
Nachdruck. »Vermeiden Sie seine Belästigungen, wehren Sie sich dagegen
mit aller Macht, ja, ich würde es sogar für richtig finden, wenn Sie in
dieser Beziehung eine Unterredung mit seiner Mama nicht scheuten, falls
er gegen den guten Gebrauch unschicklich werden sollte. Ich habe durch
reinen Zufall davon gehört -- die Kinder plappern so manches, na, und
dann macht man sich ein Bild.«
»Weiter ist es nichts, Herr Kandidat? Der Zoologische Garten ist groß,
und ich kann mir doch nicht die Ohren zuhalten, wenn Herr Rudi sich vor
mich hinstellt und mir was vorschwatzt. Mehr können Ihnen die Kinder
doch auch nicht erzählt haben.«
Ihre Harmlosigkeit ärgerte ihn ein wenig. »Mein liebes Fräulein, --
Sie sind jung, unerfahren, und ich möchte nicht gern, daß die Gnädige
üble Deutungen daran knüpfe, wenn man aus einem vielleicht öfteren
Zusammentreffen dort unwahre Schlüsse zu ziehen sich für berechtigt
hielte. Wir kennen alle die leichte Lebensauffassung des jungen Herrn.«
Sie zeigte sich durchaus nicht böse. »Wissen Sie, Herr Kandidat, es ist
mir wirklich nicht lustig zu Mute, aber am liebsten möchte ich laut
lachen. Er ist ja noch ein dummer Junge.«
Plötzlich trat der, von dem sie sprachen, etwas unsanft aus dem
Schulzimmer herein, und ganz in der Art eines Menschen, der den
Verblüfften spielt, sagte er mit steifer Verbeugung: »O, bitte
tausendmal um Verzeihung. Ich hatte keine Ahnung --.«
Sie stieß einen leichten Schrei aus, erhob sich und flüchtete durch
das Spielzimmer hinaus. »Aber so bleiben Sie doch, Fräulein, was soll
man denn davon denken,« rief Fröhlich ihr nach, aber sein Bemühen war
vergebens. Die Korridortür klappte bereits. Der Kandidat war ärgerlich,
denn sie hatte seiner Ueberzeugung nach etwas Unbegreifliches getan,
was dazu geschaffen war, ihrem Beisammensein eine andere Deutung zu
geben, wenigstens diesem jungen Herrn gegenüber, der seine neunzehn
Jahre bereits mit der Wichtigkeit eines Lebegreises herumtrug, den
nichts mehr überraschen kann. Aber sofort sich beherrschend, hielt er
den anderen zurück: »Sie haben durchaus nicht gestört, Herr Rudi.«
»Herr Roderich, wenn ich bitten darf, Verehrtester,« schnitt ihm der
Hausherrnsohn mit der gleichen Verbindlichkeit jede Annäherung ab.
»Weshalb verfallen Sie eigentlich immer in den alten Fehler? Einmal muß
man Ihrem Zauberbann doch entwachsen.«
Kandidat Fröhlich hielt es für besser, denselben leichten Ton
anzuschlagen. Und so erwiderte er lächelnd: »Pardon für meine
Rückfälligkeit, es soll gewiß nicht wieder vorkommen, Herr Roderich.
(Diese beiden Worte waren gleich stark betont.) Ich werde mich
jedenfalls sehr auf den Tag freuen, wo ich Ihnen noch einen besonderen
Titel anhängen kann.«
»So lange wollen Sie noch bei uns aushalten? Beneidenswerte Courage.«
»Hängt das von Ihnen ab, oder von mir?«
»Na, Sie können doch nicht als ewiger Kandidat in die Unsterblichkeit
gehen. Das würde ja meiner hohen Meinung von Ihnen den Todesstoß geben.«
»Ich werde mich bemühen, mir auch fernerhin Ihr gütiges Wohlwollen zu
bewahren,« gab Fröhlich heiter zurück.
Trotzdem er den Spott des andern jedesmal empfand, sobald sie in
derartige Plänkeleien gerieten, fühlte er sich doch viel zu sehr
als überlegener Mann, um seinen Gleichmut aufzugeben. Die kindische
Herausforderung des andern erschien ihm immer nur als ein Mangel an
guter Erziehung, dem er in Würde begegnen müsse.
»Mir angenehm zu hören,« schnarrte Roderich junior plötzlich von
oben herab, indem er sich bemühte den Einwurf anders aufzufassen.
Die Hände in den Hosentaschen, schlenderte er gemütlich im Zimmer
umher. Er steckte bereits in der neuesten Frühjahrsmode: in ganz
engen Beinkleidern, die nach englischer Art fast trikotartig über
die gelben Strandschuhe fielen, in auffallend kurzem Jackett und in
oben geschlossener Weste, aus der der Sezessionsumlegekragen so hoch
über der roten Sportkrawatte ragte, daß man den Eindruck gewann, er
hätte aus Versehen eine steife, umgekippte Halsmanschette um den Hals
gewürgt, damit den etwas zu groß geratenen Ohren die Schaustellung
nicht geschmälert würde. Nur mit Anstrengung konnte sich der Kopf
daraus hervorschrauben, je nachdem das Bedürfnis vorlag, der Nase eine
neue Richtung zu geben. Ein dünnes Uhrkettchen, das durch das Knopfloch
gesteckt war, zog sich über die schmale Brust von einer der oberen
Westentaschen zur andern, und so glich er einem stilvollen Gecken, der
auch niemals vergaß, die linke Hand auffallend nach unten zu schütteln,
damit man das silberne Armband klirren hören könne. Ein leichtes
Gähnen hinter der vorgehaltenen rechten Hand folgte seinen Worten. Er
gähnte selbst am lichten Tage sehr oft, und zwar mit einer gewissen
Koketterie, weil er das zum guten Ton gehörig fand, wodurch Lebewesen
seiner Art die ewige Langeweile ihres jungen Daseins andeuten müßten.
»Ich finde, Sie sind etwas erregt, Herr Kandidat,« begann er wieder und
holte das lose Monocleglas aus der Westentasche, das er sich mit Grazie
und schiefem Gesicht ins Auge klemmte. »Schwere Arbeit heute, was? So
drei Rangen auf einmal in Raison halten zu müssen -- wie? Auch kein
Austernschlucken, was? Mama hat mir schon von Ihrer Opferfreudigkeit
berichtet. Na, einmal ist ja keinmal. Aber trösten Sie sich mit den
Paukern, die eine ganze Klasse über sich ergehen lassen müssen. Habe
ich auch mal mitgemacht, natürlich aktiv. Bis Quarta ist man ja immer
rauhbeinig. Wir hatten da einen Ordinarius, na --! In dessen Haut hätte
ich nicht stecken mögen. Werden Sie ja auch mal erleben ... In den
höheren Klassen wird man vernünftiger.«
»Sind Sie nicht aus Obertertia abgegangen?« fragte Fröhlich.
Roderich junior merkte die Absicht, aber blieb kalt. Sein Hochmut
war jedoch unverkennbar, als er mit Daumen und Zeigefinger sein kaum
sichtbares Bärtchen teilte und mit Betonung erwiderte: »Ich habe mein
Einjähriges, Verehrtester. Das dürfte Ihnen doch nicht ganz unbekannt
geblieben sein -- bei der Regsamkeit, mit der Sie sich für alle
Vorgänge im Hause interessieren.« Dann aber schlug er wieder einen
leichten Ton an, um schneller über diese Gesprächsbrücke zu kommen, dem
endlichen Ziele entgegen. »Was wollte denn eigentlich Mausi? Pardon
-- Fräulein wollte ich sagen. Ich denke, sie ist krank, liegt im Bett
und konserviert ihre Schönheit durch Vermeiden jeder Aufregung? Und
nun hat sie Ihnen hier Gesellschaft geleistet als =mademoiselle sans
gène=? Erteilen Sie ihr etwa auch Lektionen? Herr Kandidat, Herr
Kandidat!«
Im Bewußtsein seiner augenblicklichen Uebermacht drohte er Fröhlich
lächelnd mit dem Finger. Dieser jedoch zeigte keine Neigung zum
Scherzen, gab ihm vielmehr mit ernster Miene kurz die nötige
Aufklärung. Rudi jedoch bückte sich plötzlich mit ungläubiger Miene vor
dem Stuhle, auf dem Fanny Frank gesessen hatte, und hob lachend eine
Haarnadel auf.
»Ei, sehen Sie doch -- sie hat etwas verloren. Ihr Haar muß ja
ordentlich ramponiert gewesen sein. Darf ich Ihnen das Ding zur
Erinnerung an die genußreichen Minuten dedizieren?«
Eine Blutwelle schoß dem Kandidaten ins Gesicht, und sofort empfand er
die Neigung, ihm die Haarnadel aus der Hand zu schlagen; aber indem er
sich sofort beherrschte, sagte er mit erzwungener Verbindlichkeit: »Ich
muß bedauernd verzichten. Vergrößern Sie nur Ihre Sammlung damit, die
ja, wenn sie mit Ihrer Lebensauffassung gleichen Schritt gehalten hat,
sehr reichlich sein muß!«
»Sie sind heute äußerst verschwenderisch in Anerkennung meiner
Vorzüge,« erwiderte Rudi mit einem Kopfnicken und legte den Fund, den
er zwischen den Fingerspitzen wie etwas Unangenehmes weit von sich
hielt, auf ein Tischchen am Fenster. »Dann mag Mama sich den Kopf
darüber zerbrechen. Die ist ja gleich bereit, sich aus allem einen
Roman zu machen.«
»Vielleicht kann ich dabei mit einem Kapitel dienen, das sich hin und
wieder im Zoologischen Garten abspielt.«
»Wie meinen Sie, Herr Kan--di--dat?«
Roderichs junior Lächeln war verschwunden, er erhob den Kopf aus der
Kragenschraube, gab dem wackelnden Augenglas einen neuen Halt, machte
einige Schritte und blieb herausfordernd vor seinem Gegner stehen.
Fröhlich empfand die Neigung im selben Tone zu erwidern, aber sogleich
fiel ihm ein, daß sein Beruf in diesem Hause es mit sich bringe, auch
diesem Jüngling gegenüber, der der Schule bereits entwachsen war, jene
Milde zu bewahren, die die schönste Eigenschaft des Erziehers ist. Und
so begann er mit seiner klangvollen Stimme:
»Herr Roderich, es ist den Kindern bereits aufgefallen, daß Sie
merkwürdig oft im Zoologischen Garten zur Stelle sind, wenn Fräulein
Frank ihrer Pflicht nachgeht. Sie ist jung und Sie sind jung, sie
aber ist gänzlich unerfahren, während Sie in der =ars amandi=
schon bedeutende Fortschritte gemacht haben. Ich höre darüber
manchmal Andeutungen -- Sie wissen ja, ich genieße das besondere
Vertrauen Ihrer Frau Mama. Bleiben Sie meinetwegen hübsch bei Ihren
Bar-Damen, poussieren Sie Ihre Konfektioneusen, mich soll's nicht
genieren, mich geht's auch nichts an, -- das ist Sache Ihrer Herren
Eltern, sich darüber mit Ihnen abzufinden. Aber lassen Sie anständige
Mädchen aus dem Spiel, die unerfahren in die Welt blicken und den
Verführungskünsten der Männer nicht gewachsen sind! Solche jungen
Dinger reißt ihr Blut leichter fort, weil sie sich impulsiv geben,
ohne Berechnung, im Vertrauen auf den Anstand desjenigen, der da lockt
und in der Leidenschaft unwürdige Beteuerungen nicht verschmäht.
Die Erfahrung spricht dafür, daß diese Beteuerungen von Liebe um so
williger Gehör finden, wenn die soziale Stellung des Lockenden dabei
ins Gewicht fällt. Sie wissen, daß Fräulein Frank aus vortrefflicher
Familie stammt; ihr Bruder ist aktiver Offizier, ihre Mutter ist
eine reich mit Kindern gesegnete Witwe, deren jüngere Söhne noch im
Kadettenkorps erzogen werden. Ein Vergnügen ist es für eine solche
junge Dame wahrhaftig nicht, ein sogenanntes Fräulein zu spielen.
Aber sie wollte zu Hause nicht länger zur Last liegen, da die älteste
Schwester die Wirtschaft führt. Das sonst übliche Lehrerinnenexamen
hat sie nicht gemacht, anders konnte sie sich nicht betätigen, und so
verwertet sie hier ihre Kenntnisse und Liebe zu Kindern. Etwas, was
heute hundert andere aus gleicher Familie tun. Ich möchte hinzufügen:
tun ~müssen~ im Vertrauen auf die Diskretion der großen Welt, die
in der Regel wenig von diesem Martyrium der armen, gebildeten Mädchen
erfährt. Sie treiben eben mit in dem breiten Strom, in dem die Armee
der Abhängigen und wirtschaftlich Gestraften schwimmt. Man sieht die
tausend Köpfe der Schwimmenden und wundert sich nicht, bis plötzlich
ein besonders hübscher auftaucht, der die Aufmerksamkeit erregt. Nehmen
wir z. B. an, ~Ihre~ Aufmerksamkeit erregt, und fügen wir hinzu,
daß dieses schöne und temperamentvolle Gesicht Fräulein Fanny Frank
gehört. Sie sind zu reif in allen Dingen, Herr Rudi -- Verzeihung,
Herr Roderich, -- als daß Sie meine kleine Warnung, die aus dem Herzen
kommt, nicht verstehen sollten. Und also, nicht wahr? Sie werden der
guten Freundin Ihrer kleinen Geschwister den Platz hier nicht verärgern
wollen. Schließlich wird sie doch weichen müssen, denn Sie sind der
Sohn des Hauses, der unter allen Umständen recht behalten wird.«
Rudi hatte ihn ruhig angehört, mit jener brutal-lächelnden Miene, die
der frühreife junge Mann für die Lebensbelehrungen weiser Männer bereit
hat. Nur hin und wieder hatte er ein kurzes »So?«, ein spöttelndes
»Meinen Sie?« und ein ebensowenig ernstes »Hübsch, sehr hübsch von
Ihnen!« eingeworfen. Und um seine Gleichgültigkeit noch mehr zu
beweisen, mußte das Spielen mit der silbernen Zigarettenbüchse
herhalten, der er schließlich eine der Marke »High life« entnahm und
sie mit großartigem Getue anzündete. Noch das Schwenken des allmählich
verglühenden Zündhölzchens sollte seine erhabene Stimmung andeuten. Und
als er mit vollen Backen den Dampf gegen die Decke stieß, beinahe über
den Kopf des Sprechers hinweg, war das unstreitig die Illustration zu
dem Gedanken, daß ihm im Augenblick alles Luft sei. Dann nahm er einen
Anlauf zu einer gewaltigen Zwischenbemerkung, um dem Redestrom ein Ende
zu machen, aber das Wort erstarb ihm auf der Lippe. Das Augenfeuer
des andern ließ ihn den Blick allmählich niederschlagen, und so sank
er zur Kleinheit herab, während der Kandidat über ihn hinauswuchs. Es
lag etwas in Fröhlichs Sprechweise, das ihn bezwang, am Ende seine
Aufmerksamkeit erregte und das letzte dumme Lächeln verscheuchte.
»Hören Sie, Sie hätten eigentlich Pastor werden müssen,« sagte er
endlich. »Verflucht, können Sie predigen! Das kann einem ja nahe gehen.
Wenn Sie's nicht wären, ich hätte längst die Flucht ergriffen. Sie
haben eben eine ganz bestimmte Diktion, um in Ihrem Jargon zu reden,
Sie schmücken Ihre Sätze mit Gefühlsspitzen. Geistreich, was? Eigener
Einfall von mir ... Der Meinung ist auch Mama, Papa nennt es anders.
Der sagt einfach: Sie griffen an die geistige Niere, Sie fixten auf
Moral-Aktien. Börsenton natürlich! Aber diese Aktien haben doch inneren
Wert, Sie müssen sich nur hüten, zu überzeichnen, sonst haben Sie bei
raschem Kursfall die Differenz allein zu tragen. Sie imputieren mir
etwas, woran ich gar nicht gedacht habe. Man wird wohl noch ein bißchen
techtel-mechteln können! Das wird wohl schließlich auch Ihre Gnade
finden. Darf ich mir erlauben --?«
Er hielt ihm die offene Zigarettendose hin, in die hineinzugreifen
Fröhlich aber keine Neigung zeigte. Innerlich erfreut darüber, diesen
angenehmen Verkehrston wieder geschaffen zu haben, lehnte er doch
dankend ab mit dem Bemerken, daß er nur wenig rauche.
Und einmal im Zuge, jede Meinungsverschiedenheit über den wunden Punkt
zwischen beiden ein für allemal aus der Welt zu schaffen, warf der
Kandidat angeregt ein: »Nicht wahr, Herr Rudi -- ich nenne Sie diesmal
mit guter Absicht so -- Sie versprechen mir, auch das Techtel-mechteln
zu unterlassen.«
Roderich junior lachte. »Töchtermöchteln möchte ich schon,« witzelte
er. »Sie kennen doch diese neueste Scherzverdrehung?«
Der Kandidat glaubte, diese gute Laune festhalten zu müssen, und so
drang er aufs neue in ihn: »Sie geben mir Ihr Ehrenwort darauf, nicht
wahr?«
Sofort schlug die Stimmung des andern um. »Aber, Verehrtester, ich
verstehe Sie nicht! Um Lappalien gibt man doch kein Ehrenwort. Ich weiß
überhaupt nicht --. Sie trainieren mich ja förmlich.«
Fröhlich ging durch das Zimmer und blieb dann wieder erregt vor ihm
stehen. »Fräulein ist doch keine Lappalie,« stieß er hervor.
»Für mich aber ein Begriff. Sagen wir besser eine Art, meinetwegen auch
eine Gattung.«
»Herr Roderich!«
»Aber natürlich doch. Ich kenne weder die Schwester des Aktiven, noch
die Tochter der Offizierswitwe, sondern nur das sogenannte ›Fräulein‹.
Ich habe Ihre Pauke mit Würde über mich ergehen lassen, aber das Bild
bekommt jetzt eine andere Beleuchtung. Sie muten mir zu, hier bindende
Versprechungen zu geben ... Ja, worüber denn? Ueberhaupt, ich verstehe
Sie gar nicht. Tun ja gerade, als handele es sich um eine große Dame.
Mit Abzug von Manko. Pauken Sie doch Ihre Moral sich selbst! Weshalb
wollte ich Ihnen denn die Haarnadel dezidieren? Herrgott, ich will ja
gar nicht auf fremden Revieren jagen. Beruhigen Sie sich doch!«
Einige Augenblicke schwieg der Kandidat, völlig verblüfft über diese
unerwartete Wendung; dann aber hob er sich leicht auf die Zehen, wie er
es oft zu tun pflegte, wenn er ganz aus sich herausgehen wollte, und
sagte scharf: »Ach, Sie sind ein kompletter Narr! Ich bitte, mich nicht
weiter zu stören, ich bitte ~sehr~ darum!«
Roderich junior wurde blaß. »Sie werden das Wort sofort zurücknehmen,
Herr Kandidat!« schrie er ihn an.
Fröhlich zuckte mit den Achseln. »Ich bin gern bereit, Ihnen den Vorzug
in dieser Beziehung zu überlassen,« sagte er ruhig.
Beide gerieten in ein Wortgefecht darüber, wobei jeder dem andern den
begonnenen Satz vom Munde abschnitt. Je erregter Rudi wurde, um so
gelassener blieb der andere.
Im Kinderzimmer, aus dem während der ganzen Zeit Rollen der Kugeln und
das Klappern der Kegel hereingeschallt war, ertönte das laute Schreien
Trudchens. Fröhlich erinnerte sich sofort wieder der übernommenen
Verpflichtung und blickte besorgt hinein. Zu gleicher Zeit wurde die
Tür zum Schulzimmer geöffnet, ohne daß man jemand sehen konnte. Dafür
erschallte aber Walters Stimme, die schon in einem der Vorderzimmer
laut wurde. »Mama, komm doch nur! Rasch! Rudi beschimpft den Herrn
Kandidaten!«
»Ach, Du bist nicht recht gescheit,« ließ sich eine volle weibliche
Stimme vernehmen.
Es folgte noch die heftige Gegenrede Walters; dann, nach kaum einer
halben Minute, kam die Gerufene herangerauscht und füllte mit ihrer
imposanten Figur fast ganz den Türrahmen aus.