»Ja. Das sind sie.«
»Müssen Sie die unbedingt haben?«
»Ja. Ich brauche sie notwendig. Ich habe nämlich wieder einen Schüler
bekommen.«
»Das ist unangenehm,« sagte Gegenbauer. »Die hab' ich nämlich
verbrannt.«
Demba jubelte innerlich. Aber in dem jammervollsten Ton, der ihm zu
Gebote stand, schrie er:
»Was sagen Sie? Verbrannt?«
»Ja,« nickte Gegenbauer ohne eine Spur von Zerknirschung.
»Es ist nicht möglich,« rief Demba.
»Ich habe alles verbrannt, was mich irgendwie an meinen Durchfall durchs
Rigorosum erinnerte. Sogar den Zylinder, den ich damals auf hatte, hab'
ich eingetrieben.«
»Lieber Gott, was machen wir jetzt!« klagte Demba.
»Sie sind ein Pechvogel,« stellte Gegenbauer fest. »Haben Sie kein
zweites Exemplar?«
»Nein.«
»Das macht nichts,« sagte Gegenbauer. »Dann wird er halt auch
durchfliegen.«
»Wer denn?«
»Ihr neuer Schüler.«
Demba hielt es bei diesem Beweis arger Herzlosigkeit für höchste Zeit,
mit praktischen Vorschlägen hervorzutreten.
»Müller hat auch ein Exemplar,« sagte er nachdenklich.
»Wer?«
»Ein gewisser Egon Müller. Aber der leiht es nicht her. Er will es nur
verkaufen.«
»Wieviel verlangt er?«
»Siebzig Kronen.«
»Dann ist ja alles in Ordnung. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt,
Sie Unglückswurm.« Er zog seine Brieftasche.
»Nein ich danke. Geld will ich nicht,« sagte Demba rasch.
Gegenbauer hielt ihm vier Banknoten in verlockende Nähe.
»Ich bitte Sie, machen Sie doch keine Umstände. Die Hefte kann ich Ihnen
nicht herzaubern. Also nehmen Sie das Geld.«
»Auf keinen Fall.«
»Warum nicht?«
»Ich mache keine Geldgeschäfte mit meinen Kollegienheften.«
»Aber das ist doch kein Geschäft. Ich ersetze Ihnen doch nur Ihren
Verlust.«
»Bitte, reden Sie selbst mit dem Müller und geben Sie mir dann die
Hefte. Er wohnt Pazmanitenstraße, elf.« Demba zitterte bei dem Gedanken,
daß Gegenbauer auf diesen Vorschlag eingehen und das Geld wieder
einstecken könnte.
»Ich kenne ihn nicht. Machen Sie sich das mit ihm aus,« sagte
Gegenbauer.
Demba fiel ein Stein vom Herzen. Aber er schüttelte den Kopf.
Es läutete.
»Das sind sie,« sagte Gegenbauer. »Wissen Sie, Demba, Ihr Feingefühl in
allen Ehren, aber ich kann jetzt nicht viel Geschichten mit Ihnen
machen.« Er nahm ein Briefkuvert vom Schreibtisch, verschloß die
Banknoten darin und stopfte es in die Tasche, die in Dembas Pelerine
einladend offen stand.
»So,« sagte er. »Ich hab' Ihnen das Geld gegeben. Machen Sie jetzt
damit, was Sie wollen.«
Das war es, was Demba bezweckt hatte. Das Geld befand sich in seiner
Tasche. Er hatte keine seiner Hände hervorziehen müssen, um es in
Empfang zu nehmen. Und nun war es an der Zeit, an einen geordneten
Rückzug zu denken.
»Zwei Herren sind draußen,« meldete die Haushälterin und legte die
Visitkarte auf den Tisch. »Wladimir Ritter von Teltsch.« »Dr. Heinrich
Ebenhöch, Leutnant in der Reserve,« las Gegenbauer. »Ich lasse die
Herren bitten.«
»Also, ich werde mich jetzt drücken,« sagte Demba eilig. »Ich danke
Ihnen bestens, die Sache ist in Ordnung.«
»Servus! Servus!« sagte Gegenbauer zerstreut. »Lassen Sie sich wieder
mal bei mir blicken.«
Und Demba verließ, die Beute in der Tasche, die Wohnung, an zwei
unnahbaren Herren im Gehrock vorbei, die im Vorzimmer standen und in
düsterer Entschlossenheit auf den Fußboden starrten.
Demba jubelte und jauchzte. Es war gelungen. Und ganz ohne Mühe, ganz
programmäßig beinahe. Der Anfang war gemacht. Siebzig Kronen! Demba
fühlte im Gehen, wie bei jedem Schritt das Kuvert, das den Schatz
enthielt, in der Tasche des Mantels knisterte. Siebzig Kronen! Das war
zwar nur ein Bruchteil dessen, was er brauchte. Aber er hatte sich
bewiesen, daß man die Hände nicht braucht, um Geld zu erwerben. -- Es
ist nicht leicht, -- dachte Demba, -- aber es geht. Es geht! Er mußte an
einen Menschen denken, einen Agenten aus der Spiritusbranche, den er
einmal sich rühmen gehört hatte: 'Heut hab' ich, ohne eine Hand zu
rühren, fünfhundert Kronen verdient!' Ohne eine Hand zu rühren! Welch
eine freche Übertreibung. Sicher hatte er doch das Geld in die Hand
genommen, die Brieftasche aus der Tasche gezogen, die Banknoten
zusammengefaltet und in die Tasche geschoben. Dann die Quittung
unterschrieben und dem Geschäftsfreund die Hand geschüttelt. Und das
alles nannte der Mensch: Ohne eine Hand zu rühren. Lächerlich. Wenn er
eine Ahnung hätte, wie schwer das in Wirklichkeit ist: Geld erwerben,
ohne die Hände zu benutzen! Nein. Ein Kinderspiel ist das wahrhaftig
nicht. Man muß die Menschen durch List, durch Überlegenheit des Geistes,
durch volle Ausnützung der Situation, durch die Macht des Willens, durch
die Gewalt des Auges zwingen, das zu tun, was man von ihnen erwartet. So
wie ich jetzt den Gegenbauer gezwungen hab', mir das Geld aufzudrängen,
das ich nicht nehmen konnte.
Demba blickte den Leuten nach, die an ihm vorüber gingen und lachte
leise in sich hinein. Wenn einer von diesen vielen Menschen Augen hätte,
die meinen Mantel durchdringen könnten! Diese alte Dame mit dem
eleganten Seidenschirm etwa. Nein, die wäre auch dann nicht gefährlich.
Die würde sich schreiend in ein Haustor flüchten und in ihrem Schreck
zehn Minuten lang kein Wort hervorbringen. Aber der Herr dort, der sieht
energisch aus. Wie ein Hauptmann in Pension. Der würde sofort auf mich
losgehen. Ich würde trachten, ihm rasch aus den Augen zu kommen, aber er
würde schreien: Aufhalten! Aufhalten!
Wie sich im Nu das Straßenbild verändern würde. Dieser Tumult! Alle
wären sie sofort hinter mir her. Keiner würde fliehen. Wenn sie in
Massen sind, haben sie Mut. Gar, wenn es gegen einen geht, dem die Hände
gefesselt sind. Der Einspännerkutscher dort, der würde sofort vom Bock
herunterspringen und mit der Peitsche auf mich losgehen. Und der Mann im
Wagen, ein Fremder wahrscheinlich, der wird auch dabei sein wollen, so
etwas läßt man sich nicht entgehen. Und der Bäckerjunge wird mit seinem
leeren Korb nach mir schlagen und der Konservatorist mit seinem
Geigenkasten und der Dienstmann dort wird mir ein Bein stellen, wenn ich
an ihm vorbeilauf', die ganze Welt ist gegen mich im Bunde, wenn sie die
Handschellen an meinen Händen sieht. Und ich hab' nur einen einzigen
Menschen, der zu mir hält, einen einzigen Verbündeten: die Steffi. Nein.
Noch einen zweiten: den Schlosserlehrling. Der Narr hilft mir, ohne es
zu wissen. Vielleicht schmiedet er gerade jetzt, während ich an ihn
denke, den Schlüssel, der am Abend meine Ketten öffnen wird. Und noch
einen dritten Verbündeten hab' ich. Den besten: Die alte, brave
Pelerine. Die beschützt mich. Die verbirgt mich wie eine Tarnkappe.
Niemand sieht mich.
Der Wachmann dort. Wie gutmütig-stupid er aussieht mit seinem dünnen,
braunen Backenbart. Er ahnt nichts. Er kümmert sich nur um den
Wagenverkehr. Daß kein Auto in eine Elektrische hineinfährt und kein
Fiaker in einen Möbelwagen. Wenn der mich durchschauen, nein, wenn der
nur einen ganz leisen Verdacht schöpfen würde -- ich wäre verloren. Aber
er merkt nichts. Er kann nichts merken. Ich werde zum Spaß ganz nahe an
ihm vorbeigehen. So! Wenn der Gedanken lesen könnte! Man sollte nur
Gedankenleser und Hellseher als Wachleute verwenden. In den Varietés
gibt es ihrer genug. Eine gute Idee, wahrhaftig. Irgend jemand sollte im
Reichsrat den Antrag einbringen. Oder eine Interpellation: Ist Se.
Exzellenz geneigt, an die hohe Polizeidirektion die Weisung ergehen zu
lassen, daß künftighin tunlichst --
»Sie, Herr!«
Stanislaus Demba fuhr zusammen. Es war ihm, als hätte er einen Schlag
vor die Brust bekommen, dort, an der Stelle, wo das Herz pochte. Die
Knie zitterten ihm. Langsam nur vermochte er sich zu fassen. -- Ach
Gott, wie man nur so leicht erschrecken kann. Lächerlich. Der Wachmann
hat ja gar nicht mich gemeint 'Sie, Herr!' hat er gerufen, und ich hab'
das gleich auf mich bezogen. Weiß Gott, wem das gegolten hat.
Wahrscheinlich --
»Sie, Herr!« rief der Wachmann nochmals.
Demba blieb stehen, plötzlich und mit einem Ruck, als ob er zu Stein
erstarrt wäre. Das Blut wich aus seinem Gesicht. Die Zähne schlugen
aneinander und das Herz pochte ihm bis zum Hals hinauf. -- Nein.
Täuschung war nicht möglich. Ihm galt der Anruf. Keinem anderen. Und
jetzt kam der Wachmann langsam, ganz langsam auf ihn zu --
Unfähig, ein Glied zu rühren, aschfahl im Gesicht, erwartete Stanislaus
Demba das Ende seiner Freiheit.
Und jetzt stand der Wachmann vor ihm und maß ihn mit den Augen und eine
Sekunde lang sprach er kein Wort, als ob er ausholte zum Stoß. Demba
fühlte, daß er im nächsten Augenblick niederbrechen werde. Und jetzt,
jetzt kam's.
»Sie haben etwas verloren, Herr,« sagte der Wachmann höflich.
Demba verstand nicht gleich.
»Haben Sie nichts verloren?« wiederholte der Wachmann.
Langsam fand Demba sich zur Welt zurück. Sprechen konnte er nicht, er
schüttelte nur den Kopf.
»Ist Ihnen nichts aus der Tasche gefallen?« fragte der Wachmann
nochmals.
Demba sah ein weißes Kuvert in den Händen des Polizisten, aber es gelang
ihm nicht, einen Gedanken damit zu verbinden. Er fühlte nur, daß er
wieder atmen konnte und sog in langem Zug die Luft ein. Irgendein
schwerer Druck löste sich und wich aus seiner Herzgegend. Und jetzt
dämmerte es ihm auf, daß das Kuvert in den Händen des Polizisten das
Geld, sein Geld enthielt, daß er es verloren hatte, und daß er es
zurückhaben müsse.
»Natürlich, das gehört mir,« wollte er sagen, aber im gleichen
Augenblick stieg ihm ein furchtbares Bedenken auf.
Er konnte es nehmen. Gewiß. Er konnte das Kuvert geschickt und
nonchalant mit den Fingerspitzen fassen, dem Wachmann wird das
vielleicht gar nicht auffallen. Aber damit war die Sache ja nicht zu
Ende! Um Gotteswillen, dann mußte er mit ins Kommissariat, mußte seinen
Namen nennen, Erklärungen abgeben, irgend etwas unterschreiben, und auf
dem Tisch des Polizeikommissärs lag vielleicht schon die
Personsbeschreibung. Der Polizeibericht von heute morgen: Junger, etwa
fünfundzwanzigjähriger Mensch, anscheinend den besseren Ständen
angehörend, groß, kräftig, rötlicher Schnurrbart, -- und der Kommissär
faßt mich ins Auge, wirft wieder einen Blick in die Personsbeschreibung,
sieht mich wieder an --
Stanislaus Dembas Entschluß war gefaßt. Er verleugnete sein Geld.
»Mir gehört das nicht,« sagte er zu dem Polizisten und gab sich Mühe,
daß seine Stimme nicht allzusehr zitterte.
»Ist Ihnen das Kuvert denn nicht aus der Tasche gefallen?« fragte der
Wachmann erstaunt.
»Mir nicht,« sagte Stanislaus Demba.
Kopfschüttelnd besah der Wachmann das Kuvert. »Dann kann es nur der Herr
drüben verloren haben.«
Er ging auf einen Passanten zu, der kurz vor Stanislaus Demba die Straße
überquert hatte und nun vor dem Schaufenster eines Kravattengeschäftes
stand.
Der Wachmann salutierte und der Herr vor dem Schaufenster zog höflich
seinen englischen, steifen Hut. Der Wachmann hielt ihm das Kuvert hin
und sprach ein paar Worte und der Fremde hörte ihn mit Aufmerksamkeit
an. Dann sah Demba, wie der elegante Herr die Silberkrücke seines
Malagarohres an den Arm hängte, dem Wachmann das Kuvert aus der Hand
nahm und die Banknoten zählte. Wie er ein in Leder gebundenes Notizbuch
aus der Tasche hervorholte, die Banknoten sorgfältig hineinlegte und das
Buch in seiner Brusttasche verwahrte.
Und wie er dann dankend den Hut zog und sich gemessenen Schrittes
entfernte.
13
Herr Kallisthenes Skuludis trat in das große Herrenmodewarengeschäft auf
dem Graben ein und ließ sich von der Verkäuferin Krawatten zeigen. Er
prüfte die einzelnen ihm vorgelegten Stücke mit Sorgfalt und
Kennerschaft, warf die Bemerkung hin, daß er sich die Auswahl größer
vorgestellt habe und daß man etwas wirklich Neues und zugleich
Geschmackvolles in letzter Zeit nicht mehr zu sehen bekäme und entschied
sich schließlich für eine orangefarbene Krawatte aus schwerer,
schillernder Seide, die er sich zu zwei anderen, schon vorher in anderen
Geschäften erstandenen Stücken, in Seidenpapier einschlagen ließ.
Nicht ganz befriedigt von seinem Einkauf trat er auf die Straße. Es war
das dritte Geschäft dieser Art, das Herr Skuludis heute nachmittag mit
seinem Besuche beehrt hatte. Man möge aber nicht glauben, daß er einen
besonders dringenden Bedarf in diesem Artikel zu decken hatte. O nein,
Herr Skuludis besaß eine beinahe lückenlose Sammlung von fast
sechshundert Krawatten in allen Ausführungen und Farbennuancen, in der
alle Formen, von der einfachen weißen Frackschleife an bis zu den
Exemplaren von der feurigen Farbenpracht eines Topaskolibris vertreten
waren. Aber eine Schwäche des Herzens, die jeder Verlockung eines schön
ausgestatteten Schaufensters wehrlos erlag, drängte ihn immer wieder zu
neuen Ankäufen.
Als er auf der Straße stand und sich eine Figaro anzündete, konnte er
feststellen, daß seine elegante Erscheinung und sein distinguiertes
Auftreten berechtigtes Aufsehen erregte. Einen besonders tiefen Eindruck
schien er aber auf einen jungen Mann gemacht zu haben, der unweit von
ihm auf dem Trottoir stand und ihn mit Blicken unverhohlener Bewunderung
betrachtete. Stumme Ovationen dieser Art waren Herrn Kallisthenes
Skuludis nichts Neues, wenn sie sich auch nicht immer in solch naiver
Form zu äußern pflegten. Er war es gewöhnt, daß die lässig-charmante
Art, wie er beim Grüßen den Arm einbog oder wie er den Stock in den
Fingern hielt, schon nach kurzer Zeit -- Herr Kallisthenes Skuludis
verweilte überall nur kurze Zeit, das hing mit seinem Beruf zusammen --,
von den Elegants der Stadt kopiert wurde, und daß die vornehm zerstreute
Geste, mit der er die Zigarette aus der Tabatiere nahm und in Brand
steckte, in den Salons der großen Welt immer vorbildlich wirkte.
Aber Kallisthenes Skuludis war von einem starken Gefühl für
gesellschaftliche Rangunterschiede beherrscht, und der junge Mensch dort
schien seinem ganzen Habitus nach nicht jenen Kreisen anzugehören oder
nahezustehen, in denen sich Herr Skuludis bewegte. Dieser setzte daher,
ohne Stanislaus Demba weiter zu beachten, seinen Spaziergang fort, denn
unter den Eigenschaften, die ihm die Sympathien der guten Gesellschaft
von Paris, Petersburg, Bukarest und Kairo im Fluge erobert hatten, war
seine vornehme Zurückhaltung sicherlich eine der hervorstechendsten.
Er vertiefte sich in die Betrachtung der Auslage eines Blumengeschäftes,
nahm in einem Delikatessenladen eine kleine Erfrischung und überquerte
sodann die Straße, um eine Dame zu begrüßen, die er, er wußte nicht mehr
recht woher, wahrscheinlich von einer Schiffsreise im Mittelmeer her
kannte. Während er im Gespräche stand, fiel ihm Stanislaus Demba von
neuem auf, der ein paar Schritte von ihm entfernt an einem Gaskandelaber
lehnte und ihn unentwegt anstarrte. Herr Skuludis besaß ein vorzügliches
Personengedächtnis -- das erforderte sein Beruf -- und er erkannte
sofort den jungen Menschen wieder, der ihm vor dem Krawattengeschäft
stumme Huldigungen erwiesen hatte.
Er verabschiedete sich von der Dame und betrat einen Friseursalon.
Rasiert und mit frischgezogenem Scheitel trat er nach einer
Viertelstunde auf die Straße, und der erste Mensch, dem er begegnete,
war wieder Stanislaus Demba.
Herr Kallisthenes Skuludis neigte Fremden gegenüber ein wenig zu
Mißtrauen. Er dachte immer gleich an einen Detektiv -- das brachte sein
Beruf mit sich. Wie ein Detektiv sah nun Stanislaus Demba allerdings
nicht aus. Dennoch wollte Herrn Skuludis das Interesse an seiner Person,
das Stanislaus Demba so hartnäckig an den Tag legte, nicht recht
behagen. Er fand, daß Wien im Grunde genommen doch nur eine Provinzstadt
sei, ein Negerkral, in dem jeder halbwegs gut angezogene Fremde wie ein
Meerwunder angestaunt wurde, und beendete vorzeitig seinen Spaziergang,
indem er sich in dem Vorgarten eines Kaffeehauses an einem der Tische
niederließ.
Gleich darauf kam Stanislaus Demba vorbei.
Er blieb stehen, zögerte ein wenig und schien zu überlegen. Im nächsten
Augenblick trat er an Herrn Skuludis' Tisch und bat um die Erlaubnis,
Platz nehmen zu dürfen.
Herr Skuludis war von diesem Verlangen sichtlich unangenehm berührt. Es
waren ja noch mehrere Tische frei, und er legte besonderen Wert darauf,
seinen Tee in wohltuender Zurückgezogenheit nehmen zu können. Neue
Bekanntschaften pflegte er nur auf Bahnhöfen, Haltestellen und anderen
belebten Orten anzuknüpfen -- und das auch nur, weil es sein Beruf
erforderte.
»Verzeihung. Ich erwarte Gesellschaft,« sagte er darum zu Stanislaus
Demba.
»Sie erwarten Gesellschaft? Dann wird es gut sein, wenn wir die
Erledigung unserer Angelegenheit nicht länger aufschieben,« sagte Demba
und setzte sich.
Herr Skuludis blickte ihn in höchstem Grade befremdet an.
»Ich meine, daß wir unser kleines Geschäft vorher in Ordnung bringen
sollten,« wiederholte Demba.
Das Wort »Geschäft« besaß für Herrn Skuludis einen anheimelnden Klang.
Er faßte sein Gegenüber genauer ins Auge.
»Darf ich fragen, für welche meiner mannigfaltigen Unternehmungen Sie
Interesse haben?« fragte er.
»Das werden Sie gleich hören,« sagte Demba. »Bis hieher bin ich Ihnen
nachgegangen. Erst hier war es mir möglich, Sie unauffällig und unter
vier Augen zu sprechen.«
»Unauffällig« und »unter vier Augen« -- diese beiden Worte machten auf
Herrn Skuludis einen guten Eindruck. Sie legitimierten sein Gegenüber
als einen Mann von Diskretion, und Diskretion ging Herrn Skuludis über
alles -- das lag im Wesen seines Berufes begründet.
»Sie waren vor einer Stunde etwa in der Praterstraße?« fragte Demba.
»Ach so,« sagte Skuludis und nickte mit dem Kopf. Jetzt ging ihm ein
Licht auf.
Vor einer Stunde hatte er in der Praterstraße eine Unterredung sehr
delikater Natur mit einem befreundeten Juwelenhändler gehabt, dem er
Schmuckstücke jener Art, die man nur ungern dem grellen Licht des Tages
aussetzt, zum Kaufe angeboten hatte. Die Verhandlungen hatten sich
jedoch unglücklicherweise zerschlagen, und Skuludis hatte sich entfernt,
nicht ohne bittere Worte über den Eigennutz und die Gewinnsucht des
Händlers fallen zu lassen. Und es stellte sich nun heraus, daß der Mann
einen seiner Angestellten mit der Aufgabe betraut hatte, ihn nicht aus
den Augen zu verlieren, und die Verbindung bei Gelegenheit von neuem
anzuknüpfen.
»Sie sind von allem unterrichtet?« fragte Herr Skuludis.
»Gewiß,« sagte Demba. »Ich war Augenzeuge.«
»Und Sie meinen, daß die Angelegenheit noch nicht völlig erledigt ist?«
»Der Ansicht bin ich tatsächlich,« sagte Demba grimmig.
»Nun, für mich ist die Sache gegenwärtig keineswegs dringend,« meinte
Herr Skuludis.
»Für mich um so mehr,« sagte Demba heftig.
»Vor einer Stunde war ich in einer Zwangslage. Ich mußte Geld haben, und
das wollte man sich zunutze machen. Jetzt haben sich die Verhältnisse
gebessert. Ich brauche Ihr Geld nicht mehr.«
»Das vereinfacht die Sachlage außerordentlich,« sagte Demba erfreut.
»Ich kann jetzt einige Tage warten und günstigere Angebote einholen,«
erklärte Herr Skuludis.
»Das verstehe ich nicht.«
Herr Skuludis zog sein in Leder gebundenes Notizbuch, und legte mit der
ihm eigenen eleganten Handbewegung ein weißes Kuvert, durch dessen
dünnes Papier Banknoten durchschimmerten, auf den Kaffeehaustisch.
»In diesem Kuvert befinden sich achthundert Kronen. Ein glattes
Geschäft. Sie sehen, die Verlegenheit, die Ihr Chef für sich ausnützen
wollte, war nur eine augenblickliche,« sagte er stolz.
Stanislaus Demba hatte keine Ahnung, von welchem Chef, welcher
Verlegenheit und welchem Geschäfte die Rede war. Er liebäugelte nur mit
seinem Kuvert und blickte Herrn Skuludis von der Seite an. Daß in dem
Kuvert jetzt achthundert Kronen sein sollten, erfüllte ihn jedoch mit
Verwunderung.
»Achthundert Kronen? Ein glattes Geschäft,« wiederholte Herr Skuludis.
»Achthundert Kronen?« rief Demba. »In diesem Kuvert sind siebzig Kronen.
Nicht mehr und nicht weniger.«
Diese Feststellung überraschte Herrn Skuludis aufs höchste. Er war zwar
abergläubisch, aber daß dem Angestellten eines Hehlers aus der
Praterstraße übernatürliche Kräfte zu Gebote standen -- diese Erfahrung
warf ihn aus seinem seelischen Gleichgewicht.
»Es sind achthundert Kronen darin,« sagte er in ziemlich unsicherem Ton.
»Drei zwanzig- und eine Zehnkronennote, das werd' ich doch wissen,«
zischte Demba über den Tisch hinüber. »Und jetzt werden Sie die Güte
haben, mir das Geld zurückzugeben.«
»Ich verstehe Sie nicht,« sagte Skuludis.
»Sie verstehen mich nicht?« brach Demba los. »Nun, Sie werden mich
gleich verstehen. Sie haben dieses Geld, das Ihnen nicht gehörte, von
einem Wachmann übernommen, der irrtümlich annahm, Sie hätten es
verloren. Verstehen Sie mich jetzt?«
Herr Kallisthenes Skuludis besaß die Gabe rascher Auffassungskraft in
hohem Grade. Blitzschnell fand er sich in die geänderte Situation. Er
erkannte mit Schrecken, daß er fast daran gewesen war, einen Unberufenen
Einblick in seine Geschäftsverbindungen nehmen zu lassen, stellte aber
im gleichen Augenblick mit Genugtuung fest, daß er vorsichtig genug
gewesen war, keinen Namen zu nennen und von der Art seiner Geschäfte nur
in ganz allgemeinen Wendungen zu sprechen. Das gab ihm seine Sicherheit
wieder. Vor allem galt es festzustellen, ob sein Gegenüber nicht doch
ein Detektiv, ein Lockspitzel war, der ihm eine Falle gestellt hatte.
Darüber mußte er sich Klarheit verschaffen, ehe er über seine weitere
Taktik schlüssig wurde.
»Wollen wir nicht lieber mit offenen Karten spielen?« fragte er und
nickte Demba vertraulich zu. »Zeigen Sie doch gleich die Legitimation
und die Situation ist klar.«
»=Was= soll ich Ihnen zeigen?« fragte Demba.
Statt zu antworten, beugte sich Herr Kallisthenes Skuludis über den
Tisch und begann, überlegen lächelnd, Dembas Pelerine aufzuknöpfen. Er
suchte Dembas Brusttasche, in der er die blaugebundene Legitimationskarte
des Detektivs vermutete.
Demba erschrak heftig. »Sie! Lassen Sie meinen Mantel in Ruhe!« rief er
drohend.
»So machen Sie ihn doch auf. Wozu die Umschweife?« riet Herr Skuludis
und arbeitete an dem obersten von Dembas Mantelknöpfen.
»Ich wollte, Sie ließen Ihre Scherze,« sagte Demba und rückte von Herrn
Skuludis fort.
Skuludis wurde wieder unsicher. So benahm sich kein Polizeiagent.
»Was wollen Sie eigentlich von mir?« fragte er.
»Mein Geld, das Sie sich angeeignet haben, will ich zurück. Seit einer
Stunde gehe ich Ihnen auf Schritt und Tritt nach, um mein Geld
zurückzubekommen. Oder glauben Sie, daß es mich interessiert hat, zu
erfahren, bei wem Sie Ihre Einkäufe machen, wo Sie sich rasieren lassen,
und mit welchen Kokotten Sie verkehren?«
Jetzt sah Skuludis klar. Ein armseliger, kleiner Betrüger, der zufällig
Zeuge jenes Vorfalles gewesen war und dies ausnützen wollte, um einen
Anteil an der Beute zu erlangen. Skuludis überlegte, wie er ihn
loswerden könnte.
»Sie behaupten also, daß ich auf unrechtmäßige Weise in den Besitz
dieses Geldes gekommen bin?« fragte er in scharfem Ton.
Demba ließ sich nicht einschüchtern. »Jawohl, das behaupte ich,« gab er
ebenso scharf zurück.
»Und Sie behaupten weiters, daß das Geld Ihnen gehört.«
»Jawohl. Es gehört mir.«
»Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als den ungeklärten Fall dem
nächsten Wachmann vorzutragen,« sagte Herr Skuludis mit verbindlichem
Lächeln und erhob sich, um anzudeuten, daß die Verhandlungen an einem
toten Punkt angelangt seien.
»Das wird das beste sein,« sagte Demba, sehr gegen seine Überzeugung.
Also doch ein Detektiv -- dachte Herr Skuludis. Mit seiner Drohung war
es ihm keineswegs ernst. Er legte, um die Wahrheit zu sagen, nur
geringen Wert auf die Heranziehung der Sicherheitswache zu
schiedsrichterlicher Tätigkeit. Er hatte unter den Funktionären der
Polizei etliche gute Bekannte -- das brachte sein Beruf mit sich --,
denen seine Anwesenheit in Wien vorläufig noch ein streng gehütetes
Geheimnis bleiben sollte. Auch trug er in seiner Rocktasche zwei goldene
Uhren, ein Anhängsel, zwei Kravattennadeln und vier Brillantringe --
kleine Ergebnisse seiner letzten Fahrt im Speisewagen des Eilzugs
Wien-Budapest -- bei sich, deren Verwertung ihm sehr am Herzen lag. Eine
Mitwirkung der Polizei bei dieser Transaktion wäre ihm im höchsten Grade
ungelegen gekommen.
»Zahlen!« rief Herr Skuludis, und beglich seine Zeche boshafterweise mit
einer der Banknoten aus dem Kuvert, auf die Demba seine Ansprüche
erhoben hatte. Dieses Vorgehen machte auf Demba den denkbar
schlechtesten Eindruck und versetzte ihn in hellen Ärger.
»Das Geld scheint Ihnen wahrhaftig gelegen gekommen zu sein,« bemerkte
er bissig.
Herr Skuludis sah an dieser unzarten Bemerkung mit Schmerz, daß Demba
nicht die Umgangsformen der großen Welt besaß. Aber Ruhe und
Selbstbeherrschung gehörten zu seinem Berufe, und er begnügte sich,
seinen Gegner mit einem verächtlichen Blick zu messen.
Gegenüber der Oper stand ein Polizist. Aber beide Herren schlugen ganz
von selbst eine Richtung ein, in der auf tausend Schritte Entfernung
weit und breit kein Wachmann zu sehen war. Und beide spähten, gänzlich
unabhängig voneinander, nach einer Gelegenheit aus, der verfahrenen
Situation eine neue Wendung zu geben. Herr Skuludis studierte mit
Aufmerksamkeit die vielfachen Möglichkeiten des Wiener Verkehrswesens,
während Demba, um sich einen guten Abgang zu sichern, die Vorteile
erwog, die ein dem Gegner unerwartetes Umdieeckebiegen bieten konnte.
Herr Skuludis war es, der auch hier wieder seine Entschlossenheit und
seine Neigung zu rascher Initiative erwies. Ehe Demba sich dessen
versah, hatte er sich auf eine eben abfahrende elektrische Tramway
geschwungen. Er befand sich bereits in voller Fahrt, als Demba sein
Verschwinden bemerkte.
Nur eine Sekunde lang war Demba verblüfft. Dann begriff er: Herr
Skuludis gab seine Sache verloren, und diese Flucht bedeutete den
moralischen Zusammenbruch des Gegners. Und die Chance, die siebzig
Kronen zurückzuerlangen, stieg.
Sofort war er hinter der Elektrischen her. Eine triumphierend-höhnische
Grimasse, zu der sich Herr Skuludis unüberlegterweise hinreißen ließ,
spornte Demba, indem sie seine Gefühle aufs tiefste verletzte, zu
höchster Kraftleistung an. Wütend keuchte er hinter dem Wagen her. Er
kam ihm näher. Er verdoppelte seine Anstrengungen und kam bis auf
Armlänge an ihn heran. Er stieß mit zwei Passanten zusammen, rannte
weiter und holte den Wagen ein. Er hielt keuchend ein paar Sekunden lang
mit ihm Schritt, und dann sprang er, als der Wagen in einer Kurve sein
Tempo verlangsamte, mit einem kühnen Satz auf das Trittbrett und stand
oben -- erschöpft, mit pfeifendem Atem, nach Luft schnappend, und
dennoch siegreich und triumphierend.
Er hatte erwartet, seinen Gegner zerknirscht, gebrochen, beschämt und
grenzenlos verlegen anzutreffen. Aber jetzt, da er ihm gegenüberstand,
sah er, daß das Gesicht des Gegners einen seltsamen Ausdruck angenommen
hatte. Nicht Angst, nicht Ärger, nicht Zerknirschung war in ihm zu
lesen, sondern maßlose Verblüffung, fassungslose Verwunderung malte sich
in Herrn Skuludis Zügen. Mit offenem Mund sah er Demba an, und mit der
ausgestreckten Rechten wies er, unbeweglich wie ein steinerner Apoll,
starr vor Staunen auf Dembas Hände.
Auf die Hände! Auf Dembas Hände!
Denn Dembas Mantel hatte sich an der Griffstange des Tramwaywagens
verfangen, seine Hände waren aller Welt sichtbar, seine Schmach allen
Blicken preisgegeben, sein furchtbares Geheimnis lag offen.
Aber nur einen Augenblick lang. Und von all den Menschen, die
dichtgedrängt den Wagen füllten, hatte nur Herr Skuludis Dembas Hände
gesehen.
Und im nächsten Augenblick waren beide, Demba und Skuludis, vom Wagen
abgesprungen.
Demba zuerst. Jetzt war er der Verfolgte. Einer wußte sein Geheimnis,
und diesem einen galt es zu entkommen.
Er rannte um sein Leben, blind und verzweiflungsvoll, ohne sich
umzusehen. Und Herr Skuludis, eifrig winkend, gestikulierend und rufend,
hinter ihm her.
Dann gelang es Demba, sich der Verfolgung durch einen Sprung auf einen
Autoomnibus zu entziehen.
Herr Skuludis blieb stehen und sah ihm kopfschüttelnd und mit Bedauern
nach. Auf einen Wettlauf mit dem Omnibus konnte er sich nicht einlassen.
Er mißbilligte diese kopf- und sinnlose, überstürzte Flucht. Seine
anfängliche Abneigung gegen Demba war einer starken Sympathie gewichen.
Jeder Groll war aus seiner Seele geschwunden. Wie gerne wäre er ihm mit
Rat und Tat beigestanden. Denn er hatte in Demba den begabten, jungen
Anfänger in seiner Zunft erkannt, der, weiß Gott auf welche Art in eine
mißliche Situation geraten war.
14
Stanislaus Demba verließ den Omnibus und ging langsam die
Mariahilferstraße hinunter. Er überlegte. Steinbüchlers? Nein. Das geht
nicht. Bei Steinbüchlers geb' ich erst seit drei Monaten Stunden. Da
kann ich doch nicht gut schon jetzt um einen Vorschuß bitten. Außerdem,
sie sind kleinliche Menschen, der Herr Steinbüchler ebenso wie seine
Frau. Von dem Honorar, das ich verlangt hab', -- es waren ohnehin nur
fünfundfünfzig Kronen für sechs Stunden in der Woche --, haben sie mir
fünf Kronen heruntergehandelt. Wenn einmal an einem Feiertag eine
Lektion ausfällt, oder wenn der Bub krank ist, ziehen sie mir's ab. Und
dabei sind es vermögende Leute. Er ist Prokurist in einer
Regenschirmfabrik und sie hat einen Kleidersalon. Aber nach dem Ersten
muß ich sie immer drei oder viermal mahnen, ehe sie so um den Sechsten
herum mit dem Geld herausrücken. Auch ihrem Stubenmädchen bleiben sie
schuldig. Nein, mit Steinbüchlers ist's nichts.
Bleibt noch Dr. Becker. Da bekomm' ich das Geld ohne weiteres. Das sind
vornehme und feine Leute, da brauch' ich nur ein Wort zu sagen, nur eine
Andeutung zu machen, und ich hab' das Geld. Freilich, wenn ich sag', daß
ich jetzt vierzehn Tage ausbleiben werde, das wird ihnen nicht recht
sein. Der Junge steht miserabel in Geographie und Physik. Da muß ich
einen zwingenden Grund für mein Ausbleiben angeben, einen Grund, der den
Leuten sofort einleuchtet. Nun, es wird mir schon einer einfallen, ich
hab' ja noch fünf Minuten zu gehen.
Dr. Becker wohnte am Kohlmarkt im vierten Stock eines neuen Hauses.
Neben dem Haustor über der Glocke hing seine Tafel: Dozent Dr. R.
Becker, ordiniert von zwei bis fünf.
Stanislaus Demba benützte den Lift nicht, sondern stieg langsam die
Treppe hinauf. Als er das zweite Stockwerk erreicht hatte, blieb er
stehen. Ein Gedanke war ihm gekommen.
Er blickte sich um. Das Treppenhaus war leer. Kein Mensch war zu sehen.
Jetzt fuhr Demba mit den Händen in seine Rocktasche und zog ein
Taschentuch hervor. Dabei fiel ihm der Wohnungsschlüssel aus der Tasche,
und er bückte sich ärgerlich, um ihn aufzuheben. In diesem Augenblick
stieg der Lift lautlos an ihm vorbei in die Höhe.
Sofort fuhren Dembas Hände zurück unter den Mantel. Erschrocken blickte
er dem Aufzug nach. Aber die Tür des Aufzugs war von Milchglas, sah er
zu seiner Befriedigung. Der Insasse konnte unmöglich die Handschellen
gesehen haben.
Jetzt läutete es oben. Der Aufzug fuhr leer wieder hinunter. Demba
wartete, bis die Wohnungstür im dritten Stock geöffnet und wieder
geschlossen wurde. Man kann nicht vorsichtig genug sein. So, und nun --
Zum Kuckuck! Gerade jetzt muß jemand die Treppe herunterkommen. Wieder
verbarg Demba die Hände. Und wie langsam das ging! Eine alte Dame, die
sich auf den Arm ihres Stubenmädchens stützte. Und just neben Demba
blieb sie stehen und ruhte aus. -- Jetzt ging sie wieder. Endlich. Aber
da kam schon wieder wer anderer die Treppe herauf!
Die Zeitungsausträgerin, die das Abendblatt brachte. Sie legte eine
Zeitung vor die Tür des zweiten Stockwerks und ging dann in den dritten
Stock hinauf.
Bevor sie nicht wieder unten ist, darf ich nichts machen, da heißt's
einfach warten --, dachte Demba. Gelangweilt blickte er auf die Zeitung
hinunter, die auf der Strohmatte zu seinen Füßen lag, las gleichgültig
eine in großen Lettern gedruckte Aufschrift: 'Rücktritt des ungarischen
Ministerpräsidenten', und plötzlich durchfuhr es ihn, ob nicht schon --.
Wie, wenn schon etwas in den Abendblättern steht von meiner Flucht
durchs Fenster. Vielleicht steht schon ein langer Bericht darin, alles
ganz genau, 'der Täter entzog sich der Verhaftung durch einen verwegenen
Sprung aus dem Dachbodenfenster in den Hof', steht vielleicht drinn, und
'anscheinend blieb er unverletzt, die Polizei ist dem Flüchtling auf der
Spur.' -- Oder vielleicht steht gar dort: 'Der Verdacht der Täterschaft
lenkt sich auf einen gewissen Stanislaus D., Universitätshörer. Seine
Verhaftung steht unmittelbar bevor.'
Voll Ungeduld und in maßloser Aufregung wartete Demba, bis die
Zeitungsausträgerin die Treppe wieder hinunterging. Jetzt erst konnte er
die Zeitung vom Boden aufnehmen. Hastig durchflog er sie.
Lokalnotizen. Wo sind die Lokalnotizen? Unter den Lokalnotizen muß es
stehen. Da sind sie. Kleine Chronik. Sein Auge flog über die Spalte.
Musikalischer Zapfenstreich. -- Die Generalversammlung des
niederösterreichischen Jagdverbands auf Dienstag, den einundzwanzigsten,
verschoben. -- Filmbrand auf der Straße. -- Oberinspektor Hlawatschek
gestorben. -- Ein seltenes Jubiläum. -- Ein Selbstmordversuch, halt. Was
ist das? Die Gattin des Realschulprofessors Ernest W., Frau Kamilla W.,
hat gestern in ihrer in der Babenbergerstraße gelegenen Wohnung
Veronal --, nichts! Weiter. Unfall in der Hauptwerkstätte der
städtischen Straßenbahnen. -- Die Tat einer Mutter. -- Schluß.
Nichts steht noch in der Zeitung. Natürlich. Das hätt' ich mir gleich
denken können. Wenn die Polizei sich blamiert, dann beeilt sie sich
nicht mit der Veröffentlichung. Lustig. -- Demba faltete die Zeitung
zusammen und legte sie vorsichtig zurück auf die Türschwelle.
Dann breitete er sein Taschentuch aus. Er glättete es, faltete es
zusammen, daß es aussah, wie eine Kompresse und schlang es dann viermal
um seine rechte Hand, daß nur die Fingerspitzen sichtbar blieben. Er
fand zwei Sicherheitsnadeln in seiner Pelerine, mit denen er den
Notverband befestigte, eine durchaus nicht einfache Arbeit, wenn man die
Knöchel aneinandergefesselt hat. -- So, jetzt war er fertig.
Eine vorzügliche Idee, dieser Verband an der Hand. Ein ausgezeichneter
Einfall. -- Demba beglückwünschte sich selbst zu dem ausgezeichneten
Einfall. »Wirklich eine vortreffliche Idee,« sagte er, trat vor die
Fensterscheibe und machte Verbeugungen gegen sein Spiegelbild. »Meine
Anerkennung! Gestatten Sie, daß ich Ihnen die Hand drücke. Wie? Sie
wünschen es nicht? Ich soll acht geben? Sie fürchten, der Verband könnte
sich verschieben? Natürlich! Natürlich! Schade! Hätte Ihnen gern die
Hand geschüttelt für die wirklich vorzügliche Idee!«
Demba verbeugte sich nochmals und lachte in sich hinein. Ein Messenger
Boy, der mit einem Telegramm in der Faust die Treppe hinaufrannte, blieb
stehen und blickte Demba verwundert an.
»Zwei Fliegen auf einen Schlag,« dachte Demba und stieg die Treppe
hinauf. -- »Jetzt sieht jeder sofort, daß ich die Hände nicht gebrauchen
kann. Jetzt hab' ich endlich Ruhe. Und gleichzeitig hab' ich eine
Entschuldigung, wenn ich ein paar Tage lang nicht komme. Mit schweren
Brandwunden an den Händen kann ich keine Stunden geben. Das kann niemand
von mir verlangen. Die Frau eines Arztes wird das wohl einsehen, sollte
man meinen. Aber nun vorwärts! Keine Zeit verlieren!«
Im vierten Stock läutete Demba. Das Dienstmädchen öffnete.
»Ist die gnädige Frau zu Hause?«
»Nein.«
»Und der Herr Dozent?«
»Der ordiniert.«
Demba warf einen Blick in das Wartezimmer.
Zwei Damen und ein Herr saßen dort und lasen die Zeitschriften.
»Wann kommt die gnädige Frau zurück?«
»Ich werde das Fräulein fragen, die wird es wissen.« Das Stubenmädchen
ging in Elly Beckers Zimmer. Demba hörte ein paar Walzertakte und die
hellen Stimmen lachender Mädchen.
Gleich darauf kam Elly Becker selbst heraus. Sie war stark kurzsichtig
und beguckte Demba durch ihr Lorgnon.
»Guten Tag, Herr Demba! Sie suchen die Mama? Sie ist Besorgungen machen
gegangen.«
»Das ist unangenehm,« sagte Demba. »Ich hätte dringend mit ihr zu
sprechen. Wird die Frau Mama lange ausbleiben?«
»Regnet es schon draußen?« fragte Elly.
»Ja.«
»Dann wird sie gleich da sein, wie ich sie kenne. Wollen Sie nicht
inzwischen zu uns hereinkommen?«
»Sie haben Gäste, Fräulein Elly.«
»Nur zwei Freundinnen. Ich mache Sie bekannt.«
»Ich bin gar nicht danach angezogen.«
»Aber keine Umstände!« Elly öffnete die Zimmertür. »Noch ein Besuch!«
rief sie hinein.
»Ein Tänzer?« fragte das eine der beiden jungen Mädchen.
»Leider nein,« sagte Demba in der Tür.
»Tänzer ist er keiner. Aber deklamieren wird er uns etwas,« sagte Elly
und stellte vor. »Doktor Stanislaus Demba. -- Meine Freundin Viky, meine
Freundin Anny.«
Weder Fräulein Viky noch Fräulein Anny schienen entzückt zu sein,
Stanislaus Demba kennen gelernt zu haben, der allerdings in seiner
alten, vom Regen durchnäßten Pelerine, die er nicht abgelegt hatte, eine
unmögliche Figur machte. Viky, ein hochaufgeschossener Backfisch mit
kurzem, in der Mitte gescheitelten blondem Haar, nickte zur Begrüßung
nur nachlässig mit dem Kopf. Anny, ein kleines, mageres Mädchen mit
Sommersprossen und einer Brille, unterbrach gar nicht erst ihr
Klavierspiel. Demba nahm auf dem Sofa Platz, und schien das abweisende
Benehmen der beiden jungen Mädchen nicht zu merken oder nicht zu
beachten.
Die Tochter des Hauses hingegen empfand die Notwendigkeit, die Stimmung
zugunsten Dembas zu verbessern. Sie stieß zu diesem Zweck ihre Freundin
Viky mit dem Ellbogen an und flüsterte: »Wenn er deklamiert, ficht er
mit beiden Armen herum. Gib acht, das wird ein Spaß.«
Demba hörte sie flüstern und wurde unruhig. Sein Unbehagen erhöhte sich,
als das Stubenmädchen Sandwiches, Bäckereien und eine Tasse Tee vor ihn
hinstellte. Er blickte bald den Tee, bald den Sandwichesteller an und
wußte nicht, was mit den Dingen beginnen. Zudem begann jetzt Elly ihn
zum Zugreifen aufzumuntern.
»Bitte, bedienen Sie sich doch, Herr Demba. Und warum legen Sie nicht
ab?«
Jetzt entschloß sich Demba, die erste Probe auf die Tragfähigkeit seines
ausgezeichneten Einfalles zu machen.
»Ich lege lieber nicht ab, Fräulein Elly. Es wäre kein angenehmer
Anblick für Sie.«
»Warum denn?«
»Meine Arme sind bis zu den Schultern hinauf bandagiert. Ich habe
Brandwunden auf beiden Armen und muß einen Rock ohne Ärmel tragen.«
»Lieber Gott! Was ist Ihnen denn zugestoßen?«
»Mein Zimmerkollege ist gestern abend dem Fenstervorhang mit der Kerze
zu nahe gekommen, und das Zeug hat gleich Feuer gefangen. Wir haben die
brennenden Stücke mit den Händen losgerissen, und dabei hab' ich mir die
Brandwunden zugezogen. Sehen Sie!« Demba steckte die mit dem Taschentuch
umwickelte Hand vorsichtig unter dem Mantel hervor.
»Lassen Sie die Hand! Bewegen Sie sie nicht!« rief Elly ängstlich.
»Warten Sie, ich werde Sie bedienen. Bleiben Sie nur ganz ruhig.«
Sie nahm eines der belegten Brötchen, hielt es Demba vor den Mund und
ließ ihn abbeißen.
Demba, der tagsüber nur zweimal Gelegenheit gefunden hatte, etwas zu
sich zu nehmen, und das nur in aller Hast und bedrückt und behindert
durch das Gefühl, beobachtet zu werden, aß jetzt mit Appetit und empfand
lebhafte Genugtuung über den Erfolg seines Experiments. Als ihm die
Tochter des Hauses auch eine Zigarette in den Mund steckte, fühlte er
sich geradezu wohl. Er hatte, ein starker Raucher, den gewohnten Genuß
den ganzen Tag über schwer entbehrt.
»Haben Sie Schmerzen?« fragte Elly.
»O ja,« sagte er. Die Knöchel taten ihm weh. Sie mußten durch den Druck
der Stahlringe wundgerieben sein. Auch in den geschwollenen Fingern
fühlte er ein Brennen und Stechen, als wühlten hundert Nadelspitzen in
seinem Fleisch. Ein dumpfer Schmerz in seinem Oberarm zog sich bis an
die Schultern.
Anny und Viky waren nähergekommen und betrachteten Demba mit Interesse.
Auch das Stubenmädchen, das den Tisch abräumte, warf mitleidige Blicke
auf die verbundene Hand.
Anny näherte ihre Brille dem Verband.
»Das sind keine Brandwunden,« sagte sie plötzlich.
Demba ließ die Zigarette aus dem Mund fallen und verzog das Gesicht, als
wäre ihm eine Mücke ins Auge geflogen.
»Mir machen Sie nichts vor,« sagte Anny und rückte ihre Brille zurecht.
Demba warf einen Blick auf die Tür und berechnete, daß er im Notfall in
zwei Sätzen draußen sein konnte.
»Sie haben ein Duell gehabt,« erklärte Anny mit Bestimmtheit.
»Ach so,« sagte Demba mit merklicher Erleichterung.
»Hab' ich recht oder nicht?« fragte Anny. »Mir müssen Sie keine Märchen
erzählen. Mein Bruder ist nämlich grüner Alemane.«
»Aber Sie irren sich. Es sind wirklich nur Brandwunden,« versicherte
Demba.
»Kann schon sein, daß Sie sich die Finger verbrannt haben,« meinte Viky
ironisch.
»Prim oder Terz?« fragte Elly mit der sachverständigen Miene eines
Fechtmeisters.
»Eine Sext,« erklärte Demba.
»Also gestehen Sie's doch ein!« riefen alle drei wie aus einem Mund.
»Aber nein!« sagte Demba. »Es sind nur Brandwunden. Ich bin ein Opfer
des Leichtsinns meines Zimmerkollegen.«
»Ist er blond oder brünett?« wollte Viky wissen.
»Wer denn? Miksch?«
»Der Leichtsinn Ihres Zimmerkollegen.«
Alle drei begannen zu lachen.
»Ist er alt oder jung, der Leichtsinn?« fragte Elly.
»Hast du denn nicht gehört?« rief Viky. »Der 'jugendliche Leichtsinn'
hat er doch gesagt.«
»Also, wie war es, Herr Demba,« drängte Elly. »Erzählen Sie! Fangen Sie
an. Wir hören alle zu. Also: So stand ich und so führt ich meine
Klinge --«
Demba fand, daß man sich mehr, als es gut tat, mit seiner Person
beschäftigte. Er versuchte das Gespräch auf das Duell im allgemeinen
hinüberzulenken. Viky gab die Erklärung ab, daß das Duell vom Standpunkt
eines Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts aus betrachtet eine ganz,
aber schon ganz sinnlose Einrichtung sei. Elly gab das zu, meinte aber,
man müsse die Mensuren als Sport nehmen, und da erfüllten sie ihren
Zweck. Anny erzählte eine längere Geschichte von einem Bekannten, der an
einem einzigen Tag drei Gegner abgeführt hätte, und ließ durchblicken,
daß sie selbst der unschuldige Anlaß dieser Affäre gewesen sei. Sie
nannte den Namen dieses verwegenen Kämpfers und wollte wissen, ob Demba
ihn kenne.
Demba hatte nicht zugehört. Er hatte mit Ellys Hilfe die
Sandwichesschüssel geleert, und zuletzt ein paar Bissen von einem mit
stark gewürzten Fleisch belegtem Brot gegessen. Jetzt verspürte er
plötzlich heftigen Durst. Er benützte die Gelegenheit, daß die
Aufmerksamkeit aller drei Mädchen durch einen Fächer mit zahllosen
Unterschriften, Widmungen und Versen, den Elly Becker herzeigte, in
Anspruch genommen war, um sich vorsichtig mit den Händen an ein
Wasserglas heranzupürschen, als die Türe aufgestoßen wurde und ein
Bernhardiner ins Zimmer trottete, der sein regendurchnäßtes Fell
schüttelte und von Anny, Viky und Elly stürmisch begrüßt wurde. Gleich
darauf kam das Stubenmädchen und teilte Herrn Demba mit, daß die gnädige
Frau nach Hause gekommen sei.
Frau Dr. Becker war eine Dame von ausgeprägtem Wohltätigkeitssinn. Sie
war teils Vorstandsdame, teils Mitglied verschiedener Wohlfahrtsvereine,
versammelte mehrmals im Monat eine Anzahl Damen zu Ausschußberatungen,
Vorbesprechungen und Komiteesitzungen in ihrer Wohnung und hatte die
Gewohnheit, von jedem ihrer Spaziergänge kleine Straßenhausierer und
bettelnde Kinder mit nach Hause zu bringen, die vorerst durch eine mit
Gründlichkeit vorgenommene Reinigung eingeschüchtert und dann durch
Kaffee, Obst und Semmeln teilweise entschädigt wurden. Auch heute
standen zwei kleine Buben mit ängstlichen Gesichtern im Vorzimmer in der
Nähe der Tür. Ihre Schuhriemen und Englischpflaster hielten sie noch in
den Händen. Ein drittes Kind wurde offenbar gerade gesäubert, denn aus
der Küche kamen durchdringende Schreie und das laute Schelten der
Köchin.
Frau Dr. Becker hatte sich bereits umgezogen, saß in ihrem Zimmer und
trank Tee, als Demba eintrat.
»Ja, was sind das für Sachen!« rief die kleine, bewegliche Dame Demba
entgegen. »Das Stubenmädchen hat mir schon erzählt -- was ist denn
eigentlich geschehen?«
»Ein kleiner Unfall, weiter nichts, gnädige Frau.« Demba erzählte seinen
Roman von der Kerze und dem brennenden Fenstervorhang, erfand noch ein
paar infolge der Hitze gesprungene Fensterscheiben hinzu und lieferte
die genaue Beschreibung eines Strohsessels, der gleichfalls Feuer
gefangen hatte. Er dachte daran, einen Kanarienvogel, den er mit Gefahr
des Lebens samt dem Käfig aus dem Bereich des Feuers in Sicherheit
gebracht hätte, hinzuzudichten, sah aber schließlich davon ab, um seiner
Erzählung nicht einen sentimentalen und romantischen Einschlag zu geben.
»Sollte man denken, daß solche Unvorsichtigkeit möglich ist?« sagte Frau
Dr. Becker. »Sie können wirklich Gott danken, daß Sie so davongekommen
sind. Lassen Sie die Hand einmal anschauen.«
Das war Demba nicht recht. Mißtrauisch brachte er seine Hand zur Hälfte
aus dem Mantel hervor.
Die Doktorsgattin schlug entsetzt die Hände zusammen. »Aber ist denn das
ein Verband?« rief sie. »Das kann Ihnen doch unmöglich ein Arzt gemacht
haben!«
»Mein Zimmerkollege hat mir den Verband angelegt. Er ist Mediziner.«
Demba sah mit Verdruß, daß seine Idee, sich Verletzungen an den Händen
anzudichten, keineswegs eine sehr glückliche gewesen war. Alle Welt
beschäftigte sich jetzt ausschließlich mit seinen Händen, denen er doch
ein gewisses Maß von Ruhe und stiller Abgeschiedenheit hatte verschaffen
wollen.
»Ich will Ihnen etwas sagen. Sie gehen jetzt zu meinem Mann hinüber und
lassen sich einen anständigen Verband machen,« entschied Frau Dr.
Becker.
Demba wurde bleich wie Käse.
»Das geht nicht,« stotterte er. »Ich kann doch nicht --«
»Glauben Sie nicht, daß mein Mann das besser machen wird, als Ihr Herr
Kollege?«
Demba wand sich auf seinem Sessel.
»Das schon,« sagte er. »Ich möchte nur nicht die Zeit des Herrn
Dozenten --«
»Ach, Unsinn!« unterbrach ihn die Frau des Arztes. »In zwei Minuten ist
mein Mann damit fertig. Er wird Sie gleich vornehmen.«
Sie nahm das Hörrohr des Haustelephons, das ihr Zimmer mit dem
Ordinationsraum ihres Mannes und mit der Küche verband.
»Rudolf!« sagte sie. »Ich schick' dir jetzt den Herrn Demba. Bitte, nimm
ihn gleich vor. Er hat sich Brandwunden an den Händen zugezogen. -- Ja.
-- Also er kommt gleich.« -- Sie legte das Hörrohr fort. »So, Herr
Demba.«
»Ich bin eigentlich nur gekommen --«; Demba schluckte und suchte nach
Worten. »Ich wollte Sie bitten, gnädige Frau, ob ich nicht mein
Monatssalär schon heute, trotzdem noch nicht der Erste ist, weil ja --«
Er hielt verlegen inne. Frau Dr. Becker dachte ein wenig nach, und griff
dann wieder nach dem Hörrohr.
»Du, Rudolf! Geh bitte, gib dem Herrn Demba seinen Monatsgehalt, wenn er
kommt. Achtzig Kronen. Sei so gut, ja? Ich hab' mein Portemonnaie nicht
bei der Hand.«
Geschlagen auf der ganzen Linie verließ Demba das Zimmer.
Im Vorzimmer standen noch zwei von den Kindern. Das eine hatte die
Vorhölle des Gewaschenwerdens bereits hinter sich, hielt ein Butterbrot
in der einen, einen Apfel in der andern Hand. Der kleine Bub neben ihm
horchte unruhig nach der Küche hin. Jetzt sollte offenbar die Reihe an
ihn kommen. Mit einem Male raffte er seine beiden Bündel Schuhriemen vom
Fußboden auf, öffnete rasch die Wohnungstür und machte sich aus dem
Staub.
Hinter ihm schlich Demba lautlos zur Tür hinaus.
Beide rannten die Treppe hinunter. Im ersten Stockwerk blieb Demba
stehen, riß das Taschentuch von der Hand herunter und versuchte, es in
die Tasche zu stopfen. Als ihm dies nicht gleich gelang, schleuderte er
es mit einem Fluch zu Boden.
15
Dr. Rübsam war als erster gekommen. Er hatte nicht lang' warten müssen.
Es regnete in Strömen, und früher als sonst fanden sich die andern zu
der allabendlichen Bukidominopartie ein. In dem kleinen reservierten
Zimmer des Café Turf, in das man durch eine sorgfältig verhängte und von
einem Pikkolo bewachte Tür eintrat, saßen heute elf Personen.
Der rothaarige Postbeamte war wieder da, der tags zuvor geschworen
hatte, daß er sich heute zum letztenmal mit dieser Bande von
Bauernfängern an einen Tisch gesetzt habe. Dann der Geschäftsreisende,
der immer bei Geld und doch seit zwei Jahren stellungslos war. Der
Kellner aus dem Praterwirtshaus, der die Trinkgelder, die er die Woche
über eingenommen hatte, an seinem dienstfreien Abend hier verspielte.
Die Frau Suschitzky, die ehemalige Heiratsvermittlerin, die in der
Gegend zwischen der Augartenbrücke und dem Praterstern überall bekannt
und jetzt zur Vermietung ungenierter Absteigequartiere übergegangen war,
aber auch der Vermittlung kurzfristigerer Gelegenheiten nicht durchaus
ablehnend gegenüberstand. Der Häuseragent, der »Durchlaucht« genannt
wurde -- ohne ersichtlichen Grund übrigens, denn er bezahlte seine
Spielverluste durchaus nicht in der Haltung eines Großfürsten. Der
Rechnungsfeldwebel, der in tschechischer Sprache lasterhaft fluchte,
wenn statt seiner ein anderer gewann. Der »Herr Redakteur«, der auf die
Frage, für welches Blatt er arbeite, immer mit wegwerfender Gebärde zur
Antwort gab: »Für alle«. Der Sparkassenbeamte, der mit seinem Hund und
seiner Freundin erschien, dem Hund vom Pikkolo Wursthäute, der Freundin
ein paar zerlesene Zeitschriften bringen ließ, um sie dann beide im
Eifer des Spieles gänzlich zu vergessen; und schließlich Hübel, der
halbverbummelte Mediziner, der noch nicht, und Dr. Rübsam, der schon
lange nicht mehr Doktor war.
Dr. Rübsam hielt die Bank und gewann natürlich wieder einmal. Zu Beginn
des Spieles hatte er drei zerknitterte Zehnkronennoten aus der
Brieftasche genommen und als Betriebskapital vor sich auf den Tisch
gelegt, eine lächerlich geringe Summe für eine Partie, in der er dem
Gewinner dreifaches Geld auszahlen mußte. »Mit dem Geld will ich heut
sechshundert Kronen gewinnen,« hatte er zu Beginn der Partie mit
aufreizender Offenheit gesagt. »Ich geb's nicht billiger. Genau soviel
hab' ich gestern beim Rennen verspielt. Das muß ich wieder
hereinbringen.« Und jetzt, während des Spiels, fragte er, so oft er den
Einsatz der anderen einstrich: »Hab' ich schon gesagt, daß ich heut
sechshundert Kronen gewinnen will? Setzen Sie, meine Herren! Setzen!
Setzen! In dem Tempo komm' ich heut nicht zu meinem Geld!«
Der Postbeamte, der Feldwebel und die Suschitzky kochten vor Wut, denn
Dr. Rübsam gewann wirklich. Auf seinem Platz häufte sich das Geld. Hie
und da nahm er ein paar Banknoten vom Tisch weg und brachte sie in
seiner Tasche in Sicherheit. Auf dem Stuhl neben ihm lagen seine
Aktentasche, ein Paar abgenutzte Manschetten, die er der Bequemlichkeit
halber abgelegt hatte, seine Zigarre und eine goldene Uhr, auf die er
hin und wieder einen Blick warf. Bis acht Uhr abends wollte er spielen,
nicht eine Minute länger. Um acht Uhr abends mußte er »zur Sitzung«,
hatte er gesagt. Niemals versäumte Dr. Rübsam, sich solch einen Termin
zu setzen. Er entging auf diese Art dem Drängen nach Revanche, bei der
er das gewonnene Geld hätte höchst überflüssiger- und unnützerweise
nochmals aufs Spiel setzen müssen, und entzog sich gleichzeitig den
Herzenstönen der Frau Suschitzky, die ihm immer nach der Partie mit
beweglichen Klagen einen Teil der Beute abzunehmen versuchte.
An die »Sitzung« glaubte natürlich niemand. Seit seiner Verurteilung,
die ihn den Doktorgrad und das Recht auf Ausübung der Advokatur gekostet
hatte -- er hatte an einem seiner Klienten Erpressungen begangen --,
lebte er von seinen und anderer Leute Renten, und die Aktentasche trug
er nur aus alter Gewohnheit mit sich herum. Zu den Kosten seiner
Lebenshaltung trugen nun Staat und Gesellschaft in vielerlei Formen bei:
der Sparkassenbeamte lieferte ihm pünktlich seine Gehaltsvorschüsse ab;
die Unterstützungen, die der Reisende von der Mutter seiner Frau
erhielt, fanden auf dem Umweg über das Bukidomino gleichfalls den Weg in
Dr. Rübsams Taschen, ebenso wie die zahlreichen Nebeneinkünfte des
Rechnungsfeldwebels und die Steuern, die Frau Suschitzky der genußfrohen
_Jeunesse dorée_ der Leopoldstadt auferlegte. Staat und Ärar, Kommerz
und Lebewelt wirkten einträchtig zusammen, um Dr. Rübsam eine
standesgemäße Lebensführung zu ermöglichen.
Die Dominosteine klapperten, die wütend auf den Tisch geschleuderten
Silbergulden klirrten, der Regen schlug an die Scheiben, und von den
Überziehern und Schirmen an der Wand floß das Regenwasser in dünnen
Bächen, die sich auf dem Fußboden zu kleinen Teichen vereinigten. Dr.
Rübsam machte trotz des Aufruhrs der Elemente ein höchst zufriedenes
Gesicht. Die Stimmung gegen ihn wurde immer gereizter, aber zu den
sechshundert Kronen fehlte nicht mehr viel, und er blickte immer
häufiger auf seine goldene Uhr.
Der Pikkolo steckte den Kopf zur Tür herein.
»Herr Doktor werden verlangt.«
»Wer? Ich?« Dem Doktor, der gerade die Dominosteine austeilte, waren
Störungen während seiner Geschäftsstunden sehr unwillkommen.
»Nein. Herr Doktor Hübel.«
Der lange Mediziner stand auf. Er hielt einen Zehnkronenschein zwischen
den Fingern, und überlegte gerade, ob er diesen letzten Rest seiner
Barschaft auf einmal riskieren sollte.
»Mich will jemand sprechen?« fragte er zerstreut.
»Ja. Der Herr wartet draußen.«
»Sagen Sie ihm, ich sei gerade fortgegangen,« entschied er auf alle
Fälle.
»Ich hab' aber schon gesagt, daß Herr Doktor hier sind!«
»Esel!« schrie Hübel und ging voll böser Ahnungen hinaus.
Richtig. Da stand Stanislaus Demba.
»Servus, Demba,« begrüßte ihn Hübel ohne großen Enthusiasmus. »Woher
weißt du, daß ich hier bin?«
»Ich war bei dir zu Hause, aber du warst fort. Ich dachte mir, daß ich
dich hier finden werde.«
»Dein Scharfsinn ist bewunderungswürdig. Aber gib dich um Gottes willen
keinen übertriebenen Hoffnungen hin.« Er zeigte die zerknitterte
Zehnkronennote. »Siehst du, so seh' ich aus. Das ist alles, was ich
habe.«
Demba wurde blaß. »Aber du hast mir doch für heute das Geld
versprochen!«
»Du hättest eine Stunde früher kommen müssen, eh' ich mich zum Spielen
niedersetzte. Jetzt hat mich schon der Dr. Rübsam in Kost und Quartier
gehabt. Das kommt von deiner Unpünktlichkeit,« erklärte Hübel mit einem
schwachen Versuch, die Sache ins Scherzhafte zu ziehen.
»Ich hab' auf das Geld gerechnet!« sagte Demba und bekam einen starren
Blick.
»Wieviel bin ich dir denn eigentlich schuldig?« fragte Hübel
zerknirscht.
»Vierzig Kronen,« sagte Demba.
»Es tut mir leid!« sagte Hübel. »Ich habe Pech gehabt. Nimm auf jeden
Fall diese zehn Kronen, sonst frißt sie der Dr. Rübsam, dieser schwere
Granat, auch oder ein anderer von den Galeristen drin.«
Soweit verstand Demba das Rotwelsch der Bukispieler, um zu wissen, daß
unter »Granat« ein Halsabschneider und unter den »Galeristen«
Spielratten von Beruf zu verstehen waren.
Er nickte mit dem Kopf, nahm aber das Geld nicht. »Was mach' ich mit
zehn Kronen!« sagte er bekümmert. »Zehn Kronen! Ich brauch' viel mehr!«
Hübel wußte keinen Rat.
»Kannst du dir nicht von deinen Freunden etwas ausleihen?« fragte Demba
mit einem Blick auf die Tür.
»Von denen?« Hübel winkte abwehrend mit der Hand. »Da kennst du diese
Leute schlecht. Hier borgt keiner dem andern.«
»Was jetzt?« fragte Demba ratlos.
»Weißt du was?« rief Hübel. »Versuch's einmal mit dem Buki. Vielleicht
hast du mehr Glück als ich.«
Demba schüttelte heftig den Kopf.
»Beim Buki ist alles nur Glück,« versicherte Hübel. »Da können aus zehn
Kronen leicht hundert werden und auch noch mehr.«
»Nein,« sagte Demba, »ich rühre keine Karten an.«
»Es sind gar keine Karten. Buki wird mit Dominosteinen gespielt, du
Ignorant.«
»Ich verstehe das Spiel ja gar nicht,« sagte Demba.
»Da gibt's nichts zu verstehen,« erklärte ihm Hübel eifrig.
»Gewöhnliches Domino. Das kennst du doch. Nur daß man auf die vier
Spieler setzen kann, wie auf Rennpferde. Du mußt gar nicht mitspielen,
du brauchst bloß zu setzen.«
Demba war unentschlossen.
»Hundert Kronen hat gestern die Suschitzky gewonnen, ohne einen Finger
zu rühren,« erzählte Hübel.
Ohne einen Finger zu rühren! Das gab den Ausschlag.
»Eigentlich hab' ich mir schon immer einmal das Spiel anschauen wollen,«
meinte Demba.
»Also komm!« sagte Hübel und schob ihn zur Tür hinein.
Dembas Erscheinen im Spielzimmer fand anfänglich wenig Beachtung. Fremde
Gesichter wurden zwar beim »Buki«spiel höchst ungern gesehen, da aber
Demba von Hübel eingeführt wurde, gab es keine Schwierigkeiten. Die
Aufnahmeformalitäten waren von sehr einfacher Art und vollzogen sich
glatt:
»Hat er Marie?« erkundigte sich Dr. Rübsam.
Hübel machte mit der hohlen Hand ein Zeichen, daß Demba Geld genug habe.
»Wie Mist,« setzte er hinzu.
»Dann ist's gut,« sagte Dr. Rübsam, und die Sache war erledigt.
»Pech! Pech! Verfluchtes, elendes Pech!« schrie in diesem Augenblick der
Postbeamte, der zum viertenmal seinen Einsatz verloren hatte und nun, da
er kein Geld mehr besaß, außer Gefecht gesetzt war.
»Das ist Musik in meinen Ohren,« sagte Dr. Rübsam vergnügt und strich
das Geld ein. »Setzen, meine Herren, setzen, setzen! Das Geschäft geht
flau.« Er rieb sich die Hände, zwinkerte Demba zu und fragte: »Haben Sie
schon eingekocht, junger Mann?«
Demba sah ihn an. Er bemerkte mit einer Art Unbehagen, daß Zeige- und
Mittelfinger an des Doktors behaarter Hand verkrüppelt waren.
»Ob du schon gesetzt hast, Demba, fragt der Herr Doktor,« erklärte
Hübel. »Auf wen soll ich setzen?«
»Auf wen du willst,« sagte Demba, und sah noch immer voll Schauer auf
des Doktors Finger, die ihn ängstigten und erschreckten.
»Alles auf einmal?«
»Ja. Setz' alles auf einmal.«
Vier Reihen Dominosteine lagen auf dem Tisch. Die nahmen am Spiel nicht
teil. Jede Reihe repräsentierte einen der Spieler. Hübel schob den
Zehnkronenschein in den Spalt zwischen die zweite und dritte Reihe, und
hatte damit auf den Sieg »Semmelbrösels« gewettet, des Kellners, der
diesen Spitznamen einer Unzahl gelblicher Gesichtspickel verdankte, die
ihm auf den Wangen und auf dem Kinn standen. Das Spiel nahm seinen
Anfang, und der »Herr Redakteur« startete unter allgemeiner Spannung mit
dem ersten Stein.
Demba wandte sich ab. Er wollte nicht wissen, was mit seinem Geld
geschah. Er suchte irgend etwas, worin er lesen konnte, um nicht sehen
und nicht hören zu müssen, eine Zeitung oder ein illustriertes Blatt.
Aber nur eine Nummer der »Österreichischen Kaffeesiederzeitung« hing an
der Wand. Und die begann Demba zu lesen.
Annoncen. Gleich auf der ersten Seite. Hundertfünfzig grüne Stühle für
einen Gasthausgarten bot einer an. Schnäpse, prima Qualität, wollte ein
zweiter liefern. Ein Orchestrion hatte ein anderer zu vergeben.
Kristalleis! Hunderttausend Papierservietten! Zigarrenanzünder!
Praktisch! Modern! gellte es durch die Spalten. Geld wollte ein jeder
verdienen, alles schrie, alles drängte sich vor, die Welt war ein
großer, runder, grünüberzogener Spieltisch, von Schnäpsen befleckt, von
Zigarrenasche beschmutzt, Silber klirrte, Papiergeld flatterte, hinter
jedem Gulden, der durch die Welt rollte, waren schon tausend gierige
Hände her, Hände, behaarte Hände mit verkrüppelten Fingern, die dennoch
zu greifen verstanden, wie Polypenarme, -- und in all dem Wirrsal von
Hast, Schacher, Gewinnsucht, Wucher und Betrug hatte er, Demba, sich
unterfangen, seine Hände schüchtern nach seinem Teil auszustrecken, nach
einer armseligen Handvoll Geld, um die sich tausend andere geballte
Fäuste rauften, die ihn fortstießen und beiseite drängten. Und Demba
wurde plötzlich mutlos und verzagt und gab seine Sache auf, und wollte
sich voll Scham über seinen kläglichen Versuch heimlich zur Tür
hinausschleichen.
Da kam vom Spieltisch her mit einem Male Lärm und Geschrei. Die
Suschitzky nannte einen von den Spielern einen ordinären Gauner, der dem
Rübsam einen »Zund gegeben« habe. Der Redakteur rief: »Jetzt versteh'
ich alles!« »Semmelbrösel« zeterte unausgesetzt: »Mein Geld will ich
endlich haben!« Und neben Demba stand der Mediziner, hielt Geld in der
Hand und sagte:
»Siehst du, Demba. Was hab' ich gesagt? Du hast gewonnen.«
»Wieviel?« fragte Demba ohne aufzusehen.
»Dreißig Kronen. Dreifaches Geld.«
Demba schwieg.
»Was jetzt?« fragte Hübel.
»Weiter setzen,« sagte Demba.
»Alles?«
»Ja.«
»Herrschaften, Ruhe!« schrie jetzt Dr. Rübsam. »Ruhe!« sekundierte ihm
Hübel. Der Lärm verstummte nach und nach, nur Frau Suschitzky erging
sich noch eine Weile in Anklagen und Verdächtigungen, aber das Spiel
nahm seinen Fortgang.
Noch immer zwang sich Demba, nicht hinzusehen. Er starrte in die
Zeitung, las Worte und Zeilen, ohne sie zu verstehen, und horchte nach
dem Spieltisch hin. Die Dominosteine klapperten, der Reisende schlürfte
geräuschvoll seinen schwarzen Kaffee, und die Frau Suschitzky sagte
plötzlich ernst und feierlich wie ein Gebet:
»Hallum-Drallum.«
»Wieso denn Hallum-Drallum?« protestierte der Postbeamte. »Sind denn auf
beiden Seiten acht? Rechts ist doch sieben!«
Wer ist das: Hallum-Drallum? -- fragte sich Demba seltsam erregt. Wer
ist das: Hallum-Drallum? -- bohrte es ihm quälend im Hirn. Und plötzlich
wußte er es: Der Kriegsgott der Tataren. Und das Bild eines kleinen,
dickbäuchigen Mannes formte sich vor seinem Auge, eines Mannes mit
fahlem Gesicht, das über und über mit gelben Pickeln übersäet war, mit
wulstigen Lippen und glotzenden Augen. Mit bunten Fetzen behängt stand
er da, mit haarigen Händen, ein dicker, geflochtener Zopf hing ihm in
den Nacken -- Hallum-Drallum, der Kriegsgott der Tataren -- nein! Der
Gott des Geldes selbst, zu dem sie alle beteten, die andern dort, da
stand er, und blickte ihn grinsend an und gröhlte: Du willst mein Geld,
du Narr? Was hast du anzubieten? Kristalleis? Gartenstühle?
Papierservietten? Nichts? Gar nichts? Dann bücke dich vor mir, bücke
dich, du Zwerg! Tiefer! Tiefer!
Und Stanislaus Demba bückte sich um des Geldes willen gehorsam, tief und
demütig, vor der leeren Wand, auf der nichts zu sehen war, als sein
eigener Schatten und der Fetzen eines abgerissenen gelblich-fahlen
Stücks Tapete.
»Ich bin fertig!« rief der Kellner in diesem Augenblick, und sofort
brach ein Lärm los, alles schrie durcheinander, die Suschitzky rief mit
gellender Stimme: »Das gibt's nicht! Sie kommen nicht an die Reihe!«
»Schwindel!« brüllte der Postbeamte und schlug mit der Faust auf den
Tisch.
»Aber der Doktor hat doch 'weiter' gesagt,« jammerte der Kellner.
»Betrug! Betrug!« heulte der Postbeamte.
»Ruhe!« überschrie ihn Dr. Rübsam. »Wer sagt: Betrug? Ich verliere doch
auch mein Geld!«
Wieder stand Hübel neben Demba, zupfte ihn am Ärmel und sagte:
»Du hast zum zweitenmal gewonnen.«
»So?« -- Demba war nicht überrascht und nicht erstaunt.
»Neunzig Kronen. Soll ich weitersetzen?«
»Ja,« nickte Demba.
»Wieviel?«
»Alles.«
»Bist du toll?« fragte Hübel.
»Ja.«
»Du hasardierst!«
»Das tu' ich heute schon den ganzen Tag.«
»Mir kann's recht sein. Aber dreimal hintereinander wirst du nicht
gewinnen.«
Er trat an den Spieltisch. Die Orgie der Tobsucht und der Enttäuschung
war vorüber. Ein neues Spiel hatte begonnen, neue Einsätze wurden
gemacht, und Dr. Rübsam fuhr sich nervös mit der Hand über den kahlen
Schädel: Er hatte in der letzten Partie mehr als die Hälfte seiner
Barschaft verloren.
»Was ist damit?« fragte er und wies auf Dembas Geld.
»Bleibt liegen,« sagte Demba.
»Also: Geld auf Geld!« sagte Dr. Rübsam. »Sprechen Sie gefälligst
deutsch!«
»Ja. Geld auf Geld,« bestätigte Hübel.
»Dann ist's gut,« sagte der Ex-Advokat. »Ich wollt' nur wissen --« Er
legte einen Stein in die Mitte des Tisches und das Spiel begann.
»Fort mit Schaden,« sagte die Suschitzky und schob ihren Stein an.
»Ich hab' alles,« erklärte der Redakteur mit Bezug auf seinen Vorrat an
Dominosteinen.
Das Spiel ging weiter. Diesmal sah Demba gespannt und voll Erregung zu.
Da lagen seine neunzig Kronen, eingeklemmt in den Spalt zwischen zwei
Reihen Dominosteinen. Und wenn er jetzt gewann, dann besaß er
zweihundertundsiebzig Kronen. Abgegriffenes, zerknittertes Papier, das
durch hundert schmutziger Hände gegangen war, und dennoch -- Proteus
Geld! -- jedem der Menschen da, die über den Tisch gebeugt standen und
es gierig mit den Augen verschlangen, erschien es in einer anderen
lockenden Gestalt. Dem einen als durchjubelte, durchzechte Nacht, für
den zweiten war es die längst schon fällige Wohnungsmiete. Für den dort
hieß es: Sich satt essen können, einen ganzen Monat hindurch. Der wieder
wird es Nacht für Nacht in die Winkelgassen der Dirnen tragen, dieser da
wird es verspielen, beim Rennen oder an der Börse, die vergräbt es unter
dem Strohsack ihres Bettes -- und für ihn, für Demba, was war es für
ihn? Er gab sich Mühe, sich das auszumalen. An altersgraue Türme wollte
er denken, an Domportale und steinerne Engel, die Geige oder Laute
spielten, an schmale, winkelige Gassen einer italienischen Stadt, durch
die er Arm in Arm mit Sonja ging. Aber seltsam: Keines dieser Bilder
wollte ihm erscheinen. Nicht die Stadt, nicht die Türme, nicht die Geige
spielenden Engel. Alles blieb farblos und verschwommen und zerfloß in
nichts. Dafür kamen andere Visionen, -- die Gespenster der Wünsche, der
Begierden, der Hoffnungen der Anderen nahmen in seinem Gehirn Gestalt
an. Dr. Rübsam saß lachend bei Zigeunermusik mit zwei dicken Weibern vor
Champagnerflaschen. Ein leeres Zimmer war plötzlich da, kein Stück Möbel
stand darin, nur ein Bett, ein riesengroßes Bett, in dem Raum war für
die Lust der ganzen Stadt, und die Suschitzky holte verstohlen unter der
Matratze Geld hervor und liebkoste es. Der Postbeamte hatte Teller aus
Steingut mit Brot, Wurst und Käse vor sich auf einem ungedeckten Tisch
und schlang mit vollen Backen und hungrigen Augen Stück auf Stück
hinunter. Und als die Wünsche und Begierden der anderen vor Dembas Augen
grelles Leben gewannen und die seinen nicht, da begann er um sein Geld
zu zittern und zu bangen, und es wurde ihm zur trostlosen Gewißheit, daß
es verspielt war und daß es in diesem Augenblicke schon nicht mehr ihm
gehörte, sondern dem Rübsam oder der Suschitzky.
»Gesperrt!« rief plötzlich der Redakteur, und die Suschitzky stieß im
gleichen Moment ein Wehgeschrei aus:
»Gesperrt! Jetzt sitz' ich da, eingefroren mit drei Steinen.«
»Gesperrt? Wer sagt Ihnen das?« schrie der Kellner triumphierend und
setzte seine zwei Steine an, einen rechts und einen links. »Den für
Sonntag und den für Montag! Ich bin aus!«
»Mensch! Glückspilz! Du hast wieder gewonnen. Zweihundertsiebzig
Kronen!« schrie Hübel Demba in die Ohren.
Der Advokat erhob sich. Es wurde still im Zimmer.
»Bitte. Ich zahl' alles aus,« sagte er mit belegter Stimme und griff in
die Tasche.
»Ich bekomm' sechzig Kronen,« rief der Feldwebel.
»Ich fünfundvierzig!« schrie der Häuseragent.
»Ich auch fünfundvierzig. Ich wollt', ich hätt' sie schon,« sagte der
Reisende.
»Ich zahl' alles aus,« rief Dr. Rübsam und fuhr sich mit der Hand über
den kahlen Schädel. »Aber die Bank wird dann ein anderer übernehmen
müssen. Ich kann nicht mehr Buki sein. Ich bin total abgebrannt.«
Er zog die Brieftasche und begann auszuzahlen.
»Die Bank soll jetzt ein anderer halten. Ich bin fertig mit meinem Geld.
Außer, einer der Herren ist so gut und leiht mir hundert Kronen.«
Ein Hohngelächter war die Antwort auf diese Zumutung.
»Ich bitte, ich gebe Deckung. Meine Uhr,« sagte Dr. Rübsam, der jetzt
unbedingt weiterspielen wollte, aufgeregt. »Meine Uhr ist unter
Brüdern --«
Er wollte nach der Uhr greifen, fand sie aber nicht auf dem Sessel, auf
den er sie gelegt hatte.
»Wo ist meine Uhr?« fragte er, fuhr sich nervös in alle Taschen und
rückte den Sessel zur Seite.
»Meine Herren! Das hab' ich nicht gerne,« sagte er dann, indem er
gewaltsam seine Unruhe zu verbergen suchte. »Mit meiner Uhr, bitte,
keine Scherze.«
Er blickte sich um und sah erregt von einem zum andern.
»Also, da hört sich jeder Spaß auf,« rief er, als er keine Antwort
bekam. »Da vertrag' ich keine Witze. Die Uhr will ich sofort wieder
haben.«
»Ich hab' sie nicht,« versicherte der Postbeamte.
»Ich auch nicht. Ich mache keine solchen Scherze,« erklärte der
Redakteur.
»Ich habe nicht einmal gewußt, daß Sie eine Uhr haben,« rief der
Feldwebel.
»Wo ist sie zuletzt gelegen?« fragte Semmelbrösel.
»Suchen Sie in Ihren Taschen, Doktor. Sie werden sie eingesteckt haben,«
riet der Häuseragent.
Dr. Rübsam kehrte noch einmal, ganz gelb im Gesicht vor Angst, alle
seine Taschen um, leuchtete dann mit einem Zündhölzchen unter den Tisch,
fand auch da nichts und gab das Suchen auf.
»Es ist ein Skandal!« rief die Suschitzky.
Dr. Rübsam stellte sich jetzt in die Türe und erklärte:
»Kein Mensch geht zur Tür hinaus, bevor nicht meine Uhr wieder da ist.
Das möcht' ich doch sehen, ob es möglich ist, daß einem am hellichten
Tag --«
»Ich bin von meinem Platz nicht aufgestanden!« rief der Redakteur. »Das
haben Sie doch gesehen, Doktor?«
»Gar nichts hab' ich gesehen!« rief Dr. Rübsam wütend. »Jetzt geht mir
keiner hinaus!«
»Ich muß doch um acht in meiner Redaktion sein.«
»Das geht mich gar nichts an. Alles bleibt hier, so lange, bis ich meine
Uhr wieder hab'.«
»Wollen Sie sagen, daß ich sie Ihnen gestohlen hab'?« protestierte der
Sparkassenbeamte.
»Meine Herren! Einen Vorschlag!« rief Hübel. »Es liegt ja allen daran,
festzustellen, daß unter uns kein Dieb ist. Ich schlage vor, daß wir uns
einer nach dem anderen von Dr. Rübsam untersuchen lassen. Ich bitte,«
schrie er laut in das Gewirr streitender Stimmen hinein, »das soll für
niemanden eine Beleidigung bedeuten. Ich selbst will den Anfang machen.«
Er zog den Rock aus und kehrte die Taschen um. Dr. Rübsam untersuchte
ihn. Nicht allzu sorgfältig. Er hatte einen bestimmten Verdacht: Die
Suschitzky war einmal während des Spieles längere Zeit hinter ihm
gestanden.
All das, was im Zimmer vorging, hatte Demba nicht beachtet und nicht
gehört. Auf dem Spieltisch, auf dem sein Einsatz gelegen war, war jetzt
eine ganze Anzahl Banknoten verstreut und Silbergeld dazu,
zweihundertsiebzig Kronen, und die gehörten ihm. Wie eine Katze strich
Demba um den Tisch herum. Wie mußte er es anstellen, daß das Geld in
seine Hände und in seine Tasche kam! Den günstigen Augenblick abpassen
und blitzschnell danach langen -- es sah so leicht aus und dennoch!
Demba wagte es nicht.
Der Sparkassenbeamte war jetzt an der Reihe, und die Untersuchung seiner
Taschen förderte ein Taschenmesser, ein Zigarettenetui aus Karlsbader
Sprudelstein, zwei Pariser Gummispezialitäten und eine Broschüre: »Die
Kunst zu plaudern und ein Gespräch anzuknüpfen« zutage. Dann kam
»Semmelbrösel«, der Kellner, daran, aber nur ein halbes Dutzend
Photographien in Kabinettformat, die ihn selbst Arm in Arm mit einer
ältlichen, sehr verliebt dreinsehenden Dame darstellten, kam ans Licht.
Und jetzt wandte sich Dr. Rübsam an Stanislaus Demba.
»Darf ich bitten?« fragte er höflich.