'Sie müssen wissen, was es wert ist,' sag' ich.
Er wackelte mit dem Kopf, kniff die Augen zu und begann wieder in dem
Buch zu blättern. Er trug einen weißen Spitzbart, aber man sah trotzdem,
daß er kein Kinn hatte. Das weißt du doch: manchen Menschen fehlt das
Kinn. Das Gesicht geht unter dem Mund gleich in den Hals über. Sie sehen
aus wie Hühner. Auch der Weiner gehört zu diesen Menschen. Sie tragen
entweder einen Vollbart, dann sieht man es weniger, oder, wenn sie glatt
rasiert sind, dann sehen sie stupid aus. Ich glaube, das ist ein
Atavismus. Zwischen der zweiten und dritten Eiszeit sollen die Menschen
so ausgesehen haben. -- Nein, das ist kein Witz, ich hab' das wirklich
einmal in einem Aufsatz über den prähistorischen Menschen gelesen. Mir
sind Leute ohne Kinn sehr zuwider. Und wie ich den Alten anschau', kommt
mir der verrückte Gedanke, daß vielleicht ein Geheimbund aller dieser
Kinnlosen besteht gegen die übrige Welt, daß sie zusammenstehen, und daß
vielleicht der alte Trödler mit dem Georg Weiner im Einverständnis ist
und mir nur eine Bagatell für das Buch zahlen wird, damit ich nicht mit
der Sonja nach Italien fahren kann.
Du hältst mich jetzt für verrückt, weil ich dir das sage. Ich wußte
natürlich sehr gut, daß das Unsinn war, es war eben nur so ein Gedanke.
Übrigens wurde ich sofort sehr angenehm enttäuscht. Er bot mir
zweihundertunddreißig Kronen für das Buch und wir einigten uns auf
zweihundertvierzig. Das war mehr, als ich erwartet hatte. Denn du mußt
wissen, alte Drucke werden elend bezahlt, weil sich die Sammler weit
weniger für sie interessieren, als für andere Antiquitäten.
Zweihundertundvierzig Kronen sind ein ganz annehmbarer Preis und ich war
zufrieden.
Er ging in das andre Zimmer, um das Geld zu holen, kam aber gleich
wieder zurück und fing an, nervös herumzusuchen. Er rückte die Stühle
von ihrem Platz, kramte in der Tischlade und wühlte im Wäschekorb. Dann
sagte er, er fände den Schlüssel zu der Kassette nicht, in der er sein
Geld verwahrt hielte. Es bliebe nichts anderes übrig, als einen
Schlosser kommen zu lassen. Ich möge ein bißchen warten oder ich könne
auch fortgehen und in einer halben Stunde wiederkommen. Ich sagte, ich
zöge vor, zu warten, aber er solle sich beeilen.
Er ging nochmals ins Nebenzimmer und ich hörte ihn mit jemandem sprechen
und gleich darauf kam er mit seinem Neffen zurück, einem mageren
Burschen mit Korkzieherlocken, der ging angeblich um den Schlosser. Ich
war ein Narr, daß ich darauf einging. Wenn ich gesagt hätte, ich könne
nicht warten und darauf bestanden hätte, das Geld sofort zu bekommen,
wäre die Sache wahrscheinlich anders ausgegangen.
Aber ich blieb und der Alte zeigte mir inzwischen ein paar seiner
Sachen: Einen Senftiegel aus Kupferemail, eine buntbemalte Holzfigur,
eine Delfter Vase mit Landschaften und ein schönes, altes
Damennecessaire aus Karneol, das Scheren, Stichel und allerlei
kosmetische Instrumente enthielt, auch einen Zirkel merkwürdigerweise,
ich erinnere mich, daß ich mir lange den Kopf zerbrach, zu welchem Zweck
eine kleine Modepuppe aus dem achzehnten Jahrhundert einen Zirkel mit
sich geführt haben mochte. Ich mußte ziemlich lange warten, aber ich
wurde nicht mißtrauisch. Das hängt damit zusammen, daß ich niemals auch
nur eine Stunde lang das Empfinden hatte, ein Verbrechen zu begehen. Was
ich tat, ist so ganz unmerklich, so nach und nach ein Verbrechen
geworden. Ich hab' das Buch aus der Universitätsbibliothek nach Hause
genommen. Aber das war mir nie wie ein Diebstahl vorgekommen, eher wie
ein Schabernack, den ich dem dummen Kustos spielte, ich hatte es ja mit
dem Vorsatz getan, das Buch zurückzubringen, sobald ich es nicht mehr
brauchte. Dann hatte ich es lange Zeit bei mir liegen gehabt, aber
entliehene Bücher gibt man doch selten zurück; Bücher sind gleichsam
vogelfrei. Man läßt den Besitzer ein halbes Dutzendmal mahnen und
schließlich gibt er's auf, weil es ihm zu dumm wird, oder weil er's
vergißt. Leute, die sonst sehr rechtlich und ehrlich sind, legen sich
auf die Art eine Bibliothek an. Und mich hat niemand gemahnt, das Buch
lag immer in meinem Zimmer, täglich hatte ich's in der Hand, und auf
einmal war es ganz unmerklich mein Eigentum geworden. Mit dem besten
Gewissen der Welt trug ich es zum Händler. Den Bibliotheksstempel hatte
ich längst ausgemerzt; auch nicht in einer betrügerischen Absicht,
sondern eher so, wie man das Exlibris irgendeines früheren Besitzers
entfernt, einfach weil es einem nicht gefällt. Der alte Trödler muß aber
doch Spuren des Bibliothekstempels mit der Lupe gefunden haben. Es kann
auch sein, daß er schon bei dem Buch, das ich ihm ein paar Monate zuvor
verkauft hatte, Lunte gerochen hat. Kurz und gut, es läutete, der Alte
ging öffnen und kam mit zwei Männern ins Zimmer zurück. Er sagte: 'Das
ist er' und deutete auf mich, und einer von den beiden legte mir die
Hand auf die Schulter und sagte: 'Im Namen des Gesetzes.'
Ich konnte mir in diesem Moment furchtbaren Erschreckens gar nicht
zurechtlegen, was mir da geschah. Ich hatte nur ganz dunkel die
Empfindung, daß der alte Jude mich übertölpelt hatte. Sein kinnloses
Gesicht machte mich plötzlich toll vor Wut, und ich fuhr ihm mit beiden
Händen in den Bart. Die beiden Polizisten warfen sich augenblicklich auf
mich und rissen mich zurück, und der eine von ihnen sagte: --
Um Gotteswillen, sieh doch nicht so verstört drein, Steffi! Wenn ich
ruhig bin, so kannst du auch ruhig bleiben. Schließlich ist die Sache
doch mir passiert und nicht dir. -- Willst du, daß ich nicht weiter
erzähl'? -- Also.
Wo war ich stehen geblieben? Ja. -- Der eine der beiden Polizisten
sagte: 'Sie, exzedieren Sie nicht und kommen Sie ruhig mit.' Und der
andere sagte: 'Mir scheint, er will Handschellen.' -- Da ließ ich mich
abführen.
Als wir durch die Glastür ins Vorzimmer gingen, blickte ich zurück und
sah den Trödler, der seelenruhig an seinem Tisch saß und weiterschrieb.
Was mit mir geschah, kümmerte ihn nicht weiter. Diese Gleichgültigkeit
brachte mich aufs neue in Raserei. Ich wollte mich auf ihn stürzen, aber
die beiden Polizisten hielten mich fest. Es kam zu einer Balgerei, zwei
Sessel fielen um und die Glastür ging in Splitter. Aber sie waren zu
zweit stärker als ich und wurden schließlich mit mir fertig.
Sie gaben mir meinen Mantel zu tragen und führten mich die Treppe
hinunter. Einer ging vor, einer hinter mir. Die Treppe war schmal und
gewunden, und man mußte vorsichtig von Stufe zu Stufe gehen, da es in
dem alten Haus ziemlich finster war. Plötzlich glitt der Mann, der
hinter mir ging, aus und fiel zu Boden. Und im nächsten Augenblick gab
ich dem andern mit beiden Händen einen Stoß in den Rücken, daß er sieben
oder acht Stufen hinunterstolperte. Dann rannte ich die Treppe hinauf.
Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich hatte sofort einen Vorsprung von
einem ganzen Stockwerk. Ich rannte weiter in den zweiten Stock und auf
den Dachboden. Ich hatte durchaus keinen wirklichen Fluchtplan, keine
eigentliche Absicht, keinen bestimmten Vorsatz. Es war alles Instinkt.
Ich wollte bloß frei sein, die beiden Männer los sein, einen anderen
Gedanken hatte ich nicht.
Die Tür zur Dachkammer stand halb offen. Ich trat ein, zog den Schlüssel
ab und sperrte von innen zu.
Es war ein enger Raum mit zwei Türen, deren jede in eine ebenso enge
Kammer führte. Alle drei Räume waren mit Gerümpel angefüllt. Zerbrochene
Möbel, Bretter, Strohsäcke lagen herum. Ich suchte nach einem Versteck.
Es gab ihrer mehrere, aber, wo immer ich mich verborgen hätte, in ein
paar Minuten hätte man mich gefunden. Ich sah keine Möglichkeit von hier
zu entkommen und die beiden Polizisten arbeiteten schon an der Türe.
Und jetzt kam plötzlich die Verzweiflung über mich. Bis jetzt war ich
unfähig gewesen, zu denken. Und nun kam es mir zum Bewußtsein, was mir
bevorstand. Ich sah mich in eine Zelle gesperrt. Ich bin vom Land, weißt
du. Schon in der Stadt ist's mir zu eng. In einer Zelle könnt' ich gar
nicht atmen. Und nun: ich werde behorcht und belauert werden. Werde
aufstehen müssen, wenn man mich aufstehen heißt. Mitgehen müssen, wenn
man mir befiehlt, mitzugehen. Werde Rede stehen und Antwort geben
müssen, wenn man mich fragt. Muß essen und schlafen und arbeiten, wenn
es andern beliebt, mich essen, schlafen, oder arbeiten zu lassen. Das
ist nicht zu ertragen! Und gestern war ich noch frei, konnte machen, was
mir beliebte, konnte hunderterlei Dinge unternehmen. Pläne schossen mir
in diesem Augenblick durch den Kopf, die ich jahrelang mit mir
herumgeschleppt und niemals ausgeführt hab'. Zwecklose und unwichtige
Dinge: daß ich noch niemals ein Glas Bier durch einen Strohhalm
ausgetrunken hab', fiel mir wie eine brennende Sünde ein; es heißt, daß
man davon betrunken wird, und ich hab' es noch niemals ausprobiert.
Dann, was ich schon lange vorgehabt habe, irgendeinem fremden Menschen
auf Schritt und Tritt nachzugehen, um zu sehen, was er treibt, wie er
sein Brot verdient und wie sein Tag verläuft. Daß ich mich hätte heute
auf eine Bank im Stadtpark setzen und auf Abenteuer warten und irgendein
Mädchen mit einer tollen, erfundenen Geschichte erschrecken können, daß
ich schon immer einmal den Bauernfängern beim Bukispielen hatte
zuschauen wollen, -- alles das schoß mir durch den Kopf, alles das hätte
ich noch gestern tun können, unwichtige Dinge, gewiß, lächerliche Dinge,
aber es war die Freiheit. Und ich sah, wie reich ich gewesen war bei all
meiner Armut, daß ich Souverän meiner Zeit gewesen war, es wurde mir
deutlich, wie nie zuvor, was das zu bedeuten hat: Freiheit. Und jetzt
war ich gefangen, war ein Sträfling, die Schritte, die ich in der engen
Dachkammer zwischen dem Gerümpel machte, waren meine letzten freien
Schritte. Mir schwindelte, es gellte mir in den Ohren: Freiheit!
Freiheit! Freiheit! Das Herz wollte mir bersten vor dem einen Wunsch:
Freiheit! Nur noch einen Tag Freiheit, nur noch zwölf Stunden Freiheit!
Zwölf Stunden! -- und dabei hörte ich die Polizisten am Türschloß
arbeiten, gleich waren sie da, es gab keine Rettung, und da beschloß
ich, mich nicht fangen zu lassen und lieber zu sterben -- Sei ruhig,
Steffi, Vorwürfe haben doch jetzt gar keinen Sinn.
Ich trat ans Fenster. Unten lag ein Garten. Ein bißchen Rasen, blühende
Fliederbüsche, ein paar Rondellen mit Blumen, Fuchsien vielleicht oder
Stiefmütterchen oder Nelken. Und dazwischen ein Baum. Aus einem offenen
Fenster tönte die Musik eines Grammophons: Prinz Eugenius, der edle
Ritter.
Und das Lied machte mir Mut. Ich faßte den Entschluß bei den Worten:
Stadt und Festung Belgerad, bei 'Belgerad' wollte ich -- wollte ich
hinunter. Ich schloß die Augen, und dann kam 'Belgerad' viel zu bald,
und ich verschob es bis: 'Brucken', 'er ließ schlagen eine Brucken.' Und
im nächsten Augenblick schob ich es nochmals hinaus bis: 'Hinüber
rucken', 'hinüber', ja dabei blieb es, das war das richtige Stichwort,
wie ein Kommando. Ich beugte mich weit hinaus, die Sonne schien mir auf
den Kopf, und ich schlürfte die letzten Sekunden mit Wollust, und dann
kam's: Hinüber. Ich gab mir einen Ruck, verlor den Halt, ich hörte noch,
wie die Glocke vom Kirchturm her neun Uhr zu schlagen begann, und
dann --«
»Und dann?« schrie Steffi Prokop. Sie hatte Demba an der Schulter
gepackt und starrte ihn mit aufgerissenen Augen an.
»Nichts,« sagte Demba. »Ich verlor das Bewußtsein.«
»Gleich verlorst du das Bewußtsein?« hauchte das Mädchen, bleich vor
Entsetzen.
»Nein. Gleich nicht. Ich glitt das Schieferdach hinunter, das weiß ich
noch. Und dann schossen zwei Schwalben aus ihrem Nest neben der
Dachluke. Es war mir auch, als ob ich einen Schrei hörte, und ich hatte
im gleichen Augenblick einen seltsamen, seit Jahrzehnten nicht mehr
gefühlten Groll wegen meiner Mutter. Einmal nämlich, vor vielen Jahren,
als ich ein kleines Kind war, hat mich meine Mutter auf die Erde fallen
lassen. Und damals hatte ich ein Gefühl, halb Angst, daß ich mir etwas
tun würde, halb kindischen Zorn, weil meine Mutter so schrie. Und das
gleiche Gefühl hatte ich jetzt wieder. Aber gleich darauf verlor ich das
Bewußtsein. Wahrscheinlich bin ich im Fallen mit dem Kopf irgendwo
angeschlagen, an der Mauer des Hauses vielleicht, oder an der Dachrinne.
Als ich wieder zu mir kam, wußte ich nicht, was geschehen war. Ich
bemühte mich, zu denken. Es ging nicht. Ich konnte keinen Gedanken
fassen. Es war qualvoll. Aber dann plötzlich ging's wieder. 'Wer bin ich
eigentlich?' fragte es in meinem Kopf. Nicht so deutlich, nicht so in
Worten, wie ich es dir jetzt sage, sondern solch quälendes Haschen und
Tasten war es nach irgendeinem festen Punkt in der wüsten Leere. Dann
wußte ich wieder, wer ich war, und fragte mich nur: 'Wo bin ich denn?'
Und es kamen Antworten: 'Zu Hause in meinem Bett, der Miksch -- das ist
mein Zimmerkollege -- wird gleich kommen, aufstehen!' Und dann wieder:
Im Klassenzimmer der Quinta auf meinem Platz in der vorletzten Bank.
Nein, wie kann einem das nur passieren, daß man bei hellichtem Tag im
Kaffeehaus einschläft! Mit einemmal aber konnte ich alles ringsum mich
her erkennen, das Buschwerk, den Baum, die Häuser drehten sich im Kreis,
ich erinnerte mich an den alten Trödler, an den Senftiegel aus
Kupferemail und an die beiden Polizisten, und ich wußte plötzlich genau,
was geschehen war und wo ich mich befand.
Das Grammophon aber spielte noch immer, und noch immer hielt es bei:
Hinüber rucken. Vom Kirchturm her hallten die Glockenschläge, neun Uhr.
Das Ganze: der Sturz, die Ohnmacht und das Haschen nach Bewußtsein hatte
zusammen nicht länger als zwei Sekunden gedauert.
Der Kopf tat mir entsetzlich weh. Ich versuchte trotzdem aufzustehen. Es
ging. Neben mir lagen zwei zerbrochene Zweige. Ich war durch das Astwerk
des Nußbaums gefallen, und das hatte die Wucht des Sturzes gemildert.
Ich versuchte zu gehen. Auch in den Beinen spürte ich jetzt einen
leichten Schmerz. Wahrscheinlich habe ich ein paar Hautabschürfungen
davongetragen.
Ich blickte mich um. Kein Mensch war sichtbar. Niemand hatte mich
gesehen. Nur eine Katz rannte in hastiger Flucht quer durch den Garten.
Die beiden Polizisten plagten sich wahrscheinlich noch immer mit dem
Türschloß der Dachkammer.
Die Kopfschmerzen vergingen. Mein Mantel und mein Hut lagen neben mir
auf der Erde. Ich raffte beide auf. Auch meine Brille, die
merkwürdigerweise nicht zerbrochen war. Ich bemerkte, daß ich auf einen
Sandhaufen gefallen war, und bürstete mir den Rock und die Hosen ab, so
gut ich konnte. Dann ging ich durch den Gang und das offene Haustor
hinaus, ohne einem Menschen zu begegnen, bog in die Gasse ein und war
frei!«
Stanislaus Demba erhob sich und ließ sich langsam wieder nieder. Er
blickte auf den Boden und dachte nach. Dann sagte er:
»Bis auf die Handschellen.«
9
»Ja,« sagte Demba. »Bis auf die Handschellen. Das hab' ich dir doch
gesagt, daß sie mir Handschellen angelegt haben, als ich zum zweitenmal
auf den Alten losgehen wollte. Oben in seinem Zimmer an der Glastüre.
Wie ich nun unten im Garten stand, beachtete ich sie anfänglich gar
nicht. Es kam mir wirklich nicht zum Bewußtsein, daß ich gefesselt war,
auch nicht, als ich mir den Rock abbürstete. Ich war frei. Ich konnte
gehen, so rasch, als ich wollte und wohin ich wollte. Ich konnte
verschwinden. Das war alles, was ich fühlte.
Die Klettengasse war menschenleer. Ich dachte gar nicht daran, die Hände
zu verstecken, so unvorsichtig war ich, so leichtsinnig. So gering
wertete ich das Mißgeschick, das mich betroffen hatte und die Gefahr,
die in den Handschellen auf mich lauerte.
Ich spürte wieder den ekelhaften Malzgeruch und hielt mir die Nase mit
den Händen zu. Ich ging an einem Fenster zur ebenen Erde vorbei und ein
altes Weib schaute durch die geschlossenen Scheiben auf die Gasse. Mit
einemmal bekam ihr Gesicht einen grauenvoll, entsetzten Ausdruck, sie
erstarrte vor Schreck. Sie hielt den Mund geöffnet und starrte mich an,
sie vermochte nicht zu rufen und nicht zu schreien. Da erschrak ich
selber über dieses entsetzte Gesicht und über mich selbst und versteckte
die Hände unter dem Mantel, den ich über den Arm gelegt trug. Dann bog
ich um die Ecke.
Ich ging durch ein Gewirr von engen Gassen, wechselte häufig die
Richtung und war bald sicher, daß mich die beiden Polizeiagenten nicht
mehr auffinden konnten, wenn ihnen nicht ein Zufall zu Hilfe kam. Ich
trachtete nun rasch aus dem Heiligenstädter Bezirk fortzukommen. Als ich
an einem bettelnden alten Mann vorbeikam, blieb ich stehen und wollte
ihm ein paar Kreuzer schenken. Fünfzig Heller, dachte ich mir, als Dank
an die Vorsehung, weil ich wieder frei war. Aber im letzten Augenblick
fiel mir ein: 'Das geht ja nicht. Ich verrate mich ja, wenn ich mit
meinen Händen in die Tasche fahre.' Ich ließ ihn stehen. Er hatte schon
Dankworte und Segenswünsche hergeleiert, und war wahrscheinlich
enttäuscht. Aber ich konnte ihm nicht helfen und blieb für ein paar im
voraus erhaltene 'Vergelt's Gott tausendmal, junger Herr' in seiner
Schuld. Und jetzt erst, im Weitergehen, fühlte ich zum erstenmal, daß
die Handschellen mehr waren, als ein kleines, ärgerliches Mißgeschick,
wenn ich auch noch nicht ahnte, was sie in Wirklichkeit bedeuteten: eine
furchtbare, atemberaubende Last, die mich erbarmungslos zu Boden ziehen
würde, wie in Tausendundeiner Nacht jener Alte, der sich an Sindbad des
Seefahrers Rücken hing.
Ich hörte das Läuten einer Elektrischen, ging rascher und kam auf einen
Platz mit einer kleinen Parkanlage. Bei der Haltestelle stand ein
Tramwaywagen. Ich stieg ein. Aber kaum war ich oben, so kam mir auch
schon der Gedanke: 'Lieber Gott, ich kann doch unmöglich zahlen mit
meinen gefesselten Händen.' Zum Glück war der Wagen voll Menschen und
der Schaffner stand noch ziemlich weit vor mir. Ich fuhr ein Stück Wegs
mit, und als dann der Schaffner in meine Nähe kam, stieg ich aus, als
hätte ich mein Fahrziel erreicht und ging zu Fuß bis zur nächsten
Haltestelle. Das machte ich drei- oder viermal. Die Methode war gut, ich
kam bald in eine ganz andere Gegend und war in Sicherheit.«
»Und sie können dich gewiß nicht finden, Stanie?« fragte Steffi Prokop
ängstlich.
»Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Kind. Wien ist groß.
Und wenn ich den beiden Polizisten durch einen bösartigen Zufall doch in
den Weg laufen sollte, so erkennen sie mich gewiß nicht. Sie haben mich
nur ganz kurze Zeit und nur im Halbdunkel eines alten Hauses gesehen.
Außerdem trage ich jetzt einen anderen Hut und Mantel; die Pelerine ist,
glaub' ich, eigens für Leute, die ihre Hände verstecken wollen,
erfunden. -- Und schließlich hab' ich mir heute den Schnurrbart englisch
stutzen lassen. Ich sehe doch jetzt ganz anders aus als sonst, nicht
wahr?«
»Ja. Ein bißchen verändert.«
»Nun also. Siehst du,« sagte Demba befriedigt. »Es war übrigens nicht
gar so einfach, das sich rasieren lassen. Es ging gut aus, aber ich
hätte leicht in die allergrößte Verlegenheit kommen können. Ich war
nämlich vorsichtig gewesen und hatte, bevor ich in den Laden ging, in
einem Haustor das Geld aus der Tasche genommen. Während ich rasiert
wurde, hielt ich die ganze Zeit über die fünfzig Heller in der Hand. Als
ich fertig war, stand ich auf und ließ, während mich der Gehilfe
abbürstete, das Geld scheinbar aus Ungeschicklichkeit auf die Erde
fallen. Der Gehilfe hebt es auf, und ich freue mich schon über meine
gute Idee und will gehen, da sagt er:
'Noch zehn Heller, bitte.'
'Wieso denn?' frag' ich.
'Vierzig Heller macht's,' sagt der Gehilfe.
'Nun. Und mir sind fünfzig Heller auf die Erde gefallen.'
'Nein. Es waren dreißig,' sagt er und zeigt mir die offene Hand, da
waren wirklich nur dreißig Heller darin. Ein Zwanzighellerstück hatte
sich auf dem Erdboden verlaufen. Ich sage: 'Zwanzig Heller müssen noch
irgendwo auf der Erde liegen.' Er bückte sich, und während er suchte und
nicht auf mich acht gab, wollte ich zwanzig Heller aus der Tasche nehmen
und auf den Tisch legen. Aber zum Unglück geht gerade in diesem
Augenblick die Tür auf und ein Herr kommt herein -- ich konnte gerade
noch rechtzeitig die Hände verschwinden lassen. Inzwischen hat der
Friseurgehilfe das Suchen satt bekommen und sagt: 'Es liegt nichts da,
der Herr muß sich irren.'
'Es muß aber da sein. Ich weiß es bestimmt, suchen Sie nur,' so antwort'
ich ihm.
Aber er wollte nicht länger suchen. 'Dreißig Heller sind dem Herrn
gefallen. Ich hab's ja gesehen.'
Ich war ganz verzweifelt. 'Es waren bestimmt fünfzig Heller,' wiederhole
ich. 'Suchen Sie nur, es muß sich finden.' -- Und jetzt mischt sich noch
der Herr ein und brummt, wie er dazukäm', meines schäbigen Sechserls
wegen warten zu müssen. Daß er Eile habe. Ich wußte nicht, was anfangen,
und in meiner Verlegenheit, um Zeit zu gewinnen, sag' ich: 'Haben Sie
schon unter dem Kasten nachgeschaut? Dorthin ist es gerollt.' Der
Friseur sieht nach, und wirklich, stell' dir den Zufall vor: das Geld
liegt tatsächlich dort. -- Ich bin dann rasch fortgegangen, aber mir war
zumut, wie einem, den beinahe ein Auto überfahren hätt'. -- Ich habe nie
vorher gewußt, daß man so oft im Tag seine Hände braucht. Viel öfter als
das Gehirn, das kannst du mir glauben, Steffi.«
»Und was wirst du jetzt tun?«
»Ja,« sagte Demba. »Ich habe jetzt eine doppelte Aufgabe. Erstens muß
ich mir zweihundert Kronen verschaffen. Dazu brauch' ich dich nicht,
Steffi, das kann ich allein. Aber die Handschellen muß ich los werden,
und das ist's, wobei du mir helfen sollst.«
Steffi Prokop schwieg und dachte nach.
»Ich hab' dir alles gesagt, Steffi. Dir allein hab' ich alles gesagt. Du
magst entscheiden, ob ich schuldig bin oder nicht schuldig. Ich hab' dir
alles erzählt. Die Beweggründe, alles. Sprichst du mich frei?«
Steffi Prokop schüttelte den Kopf.
»Nein.«
Demba biß sich in die Lippen.
»Du willst mir also nicht helfen?«
»O ja. Helfen will ich dir. Laß mich die Handschellen sehen!«
»Nein,« sagte Demba. »Wenn du findest, daß ich unrecht habe, dann
brauch' ich deine Hilfe nicht. Warum willst du mir helfen, wenn du mich
verurteilst?«
»Ich hab' dir vorhin gesagt, Stanie,« sagte Steffi leise und bittend.
»Eine Frau kann einen Mann liebhaben, wenn er häßlich ist und wenn er
dumm ist. Und auch, wenn er schlecht ist, Stanie. Laß mich die
Handschellen sehen.«
»Nein,« sagte Demba und rückte mit dem Sessel von Steffi fort. »Wozu?«
»Aber ich muß sie doch vorher sehen, Stanie, wenn ich dir helfen soll.«
Stanislaus Demba spähte unruhig nach der Tür.
»Es wird jemand kommen.«
»Nein. Jetzt essen sie noch,« sagte Steffi Prokop. »Erst wenn sie mit
dem Essen fertig sind, kommt der Vater herein und legt sich aufs Sofa.
Laß doch sehen.«
Stanislaus Demba brachte langsam und zögernd die Hände unter der
Pelerine hervor.
»Im Grunde ist's mir gleichgültig, ob du mich für einen Verbrecher
hältst oder nicht. Ich erkenne nur mich selbst als Richter über mich
an,« sagte er und sah Steffi Prokop mit einem ängstlichen Blick an, der
seine selbstsicheren Worte Lügen strafte.
»So sehen Handschellen aus!« sagte Steffi Prokop leise.
»Hast du dir sie anders vorgestellt?« fragte Demba und verbarg die Hände
eilig wieder unter dem Mantel. »Zwei Stahlspangen und eine dünne Kette.
Handschellen! Das klingt ganz anders, als es aussieht. So harmlos. Ich
habe immer, wenn ich das Wort hörte, an eine Schlittenfahrt im Winter
gedacht oder an das Kleid eines Hofnarren. Es klingt hübsch:
Handschellen. Und ist doch ärger, als wenn ich den Aussatz des Feldherrn
Abner an den Händen hätt'.«
»Es ist eine ganz dünne Kette,« stellte Steffi Prokop fest. »Es kann
doch nicht schwer sein, die durchzufeilen.« Sie stand auf. »Vater hat
einen Werkzeugkorb. Wart' ein bißchen, ich geh eine Feile holen.«
Sie kam mit zwei Feilen zurück, einer größeren und einer kleineren.
»Jetzt mußt du die Kette so straff halten, als du kannst. So ist's gut.
Jetzt, rasch.« Sie begann, die Stahlkette mit der Feile zu bearbeiten.
»Und was würde dir geschehen, Stanie, wenn sie dich fänden,« fragte sie.
»Du mußt die Hände ruhig halten, sonst geht es nicht.«
»Zwei Jahre Kerker,« gab Demba zur Antwort.
»Zwei Jahre?« Steffi Prokop blickte erschrocken von der Arbeit auf.
»Ja. Soviel ungefähr. Zwei Jahre Kerker.«
Steffi Prokop sagte nichts mehr, sondern mühte sich mit wilder Energie,
die Kette durchzufeilen; arbeitete, ruhte nicht aus und wurde nicht
müde.
»Ja,« sagte Demba. »Das ist das Entsetzliche an der Sache. Dieses
Mißverhältnis von Schuld und Strafe. Zwei Jahre Folter! Zwei Jahre
ununterbrochene Tortur.«
»Still!« mahnte Steffi Prokop. »Nicht so laut. Sie hören drinnen im
Zimmer jedes Wort.«
»Zwei Jahre Folter!« sagte Demba leise. »Man muß die Sache bei ihrem
Namen nennen. Gefängnis, das ist der letzte Rest der Tortur und ihr
ärgster. Die kleinen Martern: das Aufziehen und die Daumenschrauben sind
abgeschafft, aber die schlimmste aller Folterstrafen, den Kerker, haben
wir behalten. Tag und Nacht in einer engen Zelle versperrt gehalten
werden, wie ein Tier im Käfig -- ist das nicht Folter?«
»Du mußt stillhalten, Stanie. Sonst kann ich nicht arbeiten.«
»Ja, und die Menschen wissen das und gehen dennoch spazieren und ins
Theater und essen und schlafen. Und keinem nimmt es den Appetit und
keinem das Behagen und keinem den gesunden Schlaf, daß zur selben Zeit
tausend andere die Tortur des Kerkers erleiden! Wenn die Menschen es
zustande brächten dieses Wort 'Zwei Jahre Kerker' bis auf den Grund
nachzufühlen, bis ans Ende durchzudenken, so müßten sie aufbrüllen vor
Grauen und Entsetzen. Aber sie haben stumpfe Sinne und die Bastille ist
nur einmal gestürmt worden.«
»Aber es muß doch Strafe geben.«
»Wirklich? Natürlich. Es muß Strafe geben. Hör' zu, Steffi, ich will dir
ein Geheimnis anvertrauen, aber erschrick nicht: Es muß keine Strafe
geben.«
Demba holte tief Atem. Rot vor Erregung, stammelnd, heiser und fanatisch
fuhr er fort:
»Es muß keine Strafe geben. Strafe ist Wahnwitz. Strafe ist der
Notausgang, der gestürmt wird, wenn in der Menschheit Panik ausbricht.
Die Strafe ist's, die Schuld trägt an jedem Verbrechen, das geschieht
und geschehen wird.«
»Das versteh ich nicht, Stanie.«
»Daß die Menschheit die Macht hat, zu strafen, das ist die Ursache jeder
geistigen Rückständigkeit. Gäb' es keine Strafen, so hätte man längst
Mittel gefunden, jedes Verbrechen unmöglich, überflüssig und
aussichtslos zu machen. Wie weit wären wir in allem, wenn wir Galgen und
Kerker nicht hätten. Wir hätten Häuser, die nicht Feuer fangen und es
gäbe keine Brandstifter. Wir hätten längst keine Waffen mehr und es gäbe
keine Meuchelmörder. Jeder hätte, was er braucht und was er sich
ersehnt, und es gäbe keine Diebe. Manchmal kommt mir der Gedanke: Wie
gut es ist, daß Krankheit kein Verbrechen ist. Sonst hätten wir keine
Ärzte, nur Richter.«
»Halt doch still, Stanie! Es geht sonst nicht.«
»Immer muß ich an das kleine Mäderl der Frau denken, mit der ich Tür an
Tür wohne. Das Kind hatte auch einmal eine Begegnung mit der strafenden
Themis. Seine Mutter ist mit ihm von der Elektrischen abgesprungen und
gestürzt. Das Kind ist unter die Schutzvorrichtung des nächsten Wagens
geraten, ein Bein ist ihm zermalmt worden und mußte ihm abgenommen
werden. Beide sind jetzt wohl elend und unglücklich genug, Mutter und
Kind, sollte man glauben. Aber nein! Noch nicht genug. Jetzt kommt erst
die Gerechtigkeit und die will strafen. Die Mutter wird wegen
Fahrlässigkeit angeklagt. Und wird verurteilt. Zu tausend Kronen
Geldstrafe. Sie ist eine Postbeamtenwitwe. Aber tausend Kronen hat sie.
Die hatte sie für ihr Kind zurückgelegt. Und das Kind, das ein Krüppel
ist, muß jetzt auch noch bettelarm werden, so will es die Gerechtigkeit.
Das Kind muß hungern. Siehst du, so geht's, wenn irdische Richter
strafen! Und diesen Richtern mit ihrem niederträchtigen Irrwahn 'Strafe'
hätte ich mich in die Hände geben sollen? -- Bist du jetzt endlich
fertig, Steffi?«
»Nein! Es geht nicht! Die Kette ist zu fest. Es geht nicht, Stanie!«
schluchzte Steffi und blickte hoffnungslos und verzweifelt auf
Stanislaus Dembas unglückselige Hände.
10
»Was gibt's denn, Afferl! Mir scheint gar, du weinst! Was ist dir denn
geschehen?«
Herr Stephan Prokop war so plötzlich ins Zimmer getreten, daß Demba
nicht Zeit gefunden hatte, die Hände unter den Mantel zurückzuziehen.
Der Student blieb steif auf seinem Sessel sitzen und fand für den
Augenblick unter der Tischplatte ein Notasyl für seine Hände.
»Hat's was gegeben zwischen euch?« erkundigte sich Herr Prokop bei
Demba.
»Nichts hat's gegeben,« sagte Demba hastig. »Steffi weint, weil mein
kleiner Hund überfahren worden ist; das hat sie so aufgeregt.« Er sah
mit großem Unbehagen, daß Herr Prokop sich dem Sofa näherte, von dem aus
man unter die Tischplatte sehen konnte.
»Überfahren?« fragte Prokop.
»Ja. Von einem Fleischerwagen.« -- Dembas Hände suchten Deckung hinter
einer Stuhllehne zu gewinnen, mußten sich jedoch, da Herr Prokop seinen
Rundgang durchs Zimmer plötzlich unterbrach, und er vor ihm stehen
blieb, eilig wieder unter die Tischplatte zurückziehen.
»Das hab' ich gar nicht gewußt, daß Sie einen Hund haben, Herr Demba.
Wie Sie noch bei uns gewohnt haben, ich erinnere mich noch ganz genau,
da haben Sie doch Hunde auf den Tod nicht ausstehen können?« -- Herr
Prokop legte sich auf das Sofa.
»Er ist mir zugelaufen,« sagte Demba. Der Raum unter der Tischplatte
erwies sich als ein Zufluchtsort von zweifelhaftem Wert.
»Wie hat er denn ausgesehen?« wollte Herr Prokop wissen.
»Ein kleiner, braungefleckter Pinscher. Erinnern Sie sich denn nicht,
ich hab' ihn doch mal hergebracht,« erzählte Demba und versuchte, die
breite Lehne eines Stuhles zwischen sich und Herrn Prokop zu bringen.
»Mir scheint, ja. Ich erinnere mich.« Herr Prokop blies aus seiner
Pfeife eine Rauchwolke in die Luft. »Wie hat er denn nur g'schwind
geheißen?«
»Cyrus,« sagte Demba, dem im Augenblick kein anderer Name als der seines
Feindes von heute morgen einfiel. Herr Prokop klopfte eben seine Pfeife
aus, und dieser Moment mußte rasch ausgenützt werden.
»Cyrus. Richtig,« sagte Herr Prokop. »Komischer Name für einen Hund.
Also selig im Herrn entschlafen? Na, mein Beileid. Aff, jetzt hör' auf,
zu heulen. Geh' hinein, dein Essen ist kalt geworden.« Er gähnte. Nach
Tisch wurde er immer schläfrig. »Überhaupt. Hast du denn kein Bureau
heut nachmittag?«
Steffi stand auf, glättete ihre Schürze und warf einen verstohlenen
Blick auf Dembas Hände, die gerade wie Füchse in ihren Bau unter die
Pelerine zu verschwinden im Begriffe waren. Dann ging sie ins andere
Zimmer. Die Tür blieb offen, und Geruch von gekochtem Rindfleisch und
zerlassener Butter drang herein.
Jetzt stand Demba auf und betrachtete allerlei Nippes, die auf der
Kommode standen. Den Gnomen mit dem weißen Patriarchenbart, der einen
roten Fliegenpilz als Regenschirm benützte, die Katzenfamilie aus
Porzellan und das Araberzelt mit dem Dattelbaum, ein Kunstwerk, das
Steffis Vater aus Korkstöpseln hergestellt hatte. Der alte Prokop liebte
Arbeiten dieser Art. Ein Nähzeugschränkchen, das ganz aus alten
Zündhölzchenschachteln angefertigt war, befand sich auch im Zimmer und
an der Wand hing ein Kaiserbild aus gebrauchten Briefmarken.
»Aff, geh, bring' mir mein Bier herein!« befahl jetzt Herr Prokop. »Ich
hab's auf dem Tisch stehen lassen.«
Steffi brachte das Bier. Er trank das Glas leer und legte die Pfeife
fort. Dann drehte er sich mit dem Gesicht der Wand zu. Ein paar Minuten
später war er eingeschlafen.
Jetzt schlich sich Steffi auf den Fußspitzen zu Stanislaus Demba.
»Stanie! Was machen wir jetzt! Um Gottes willen, was machen wir jetzt!«
»Ich hab' mich doch gut herausgelogen. Meine sechsundneunzigste Lüge
seit heute morgen,« meinte Demba.
Steffi Prokop begann von neuem zu schluchzen.
»So ein Unglück! So ein Unglück!«
»Aber wein' doch nicht!« sagte Demba unwirsch. »Das hat gar keinen Sinn.
Wir müssen es nochmals versuchen.«
»Es geht nicht. Es wird nicht gehen. Ich hab' gefeilt und gerieben, bis
ich nicht mehr hab' können, und die Kette ist genau so geblieben, wie
sie war. Sie läßt sich nicht durchfeilen. Sie muß aus einem besonderen
Stahl sein. Was machen wir jetzt, Stanie?«
»Wein' doch nicht! Hör' auf zu weinen. Du wirst deinen Vater aufwecken.«
Stanislaus Demba versuchte ungeschickt, mit den Händen streichelnd über
Steffis Haar zu fahren. Es sah kläglich aus und komisch zugleich: Diese
beiden Hände, die wie zwei Lastpferde, wie zwei Maulesel
aneinandergespannt waren. Wie ein stummer, langweiliger Begleiter, der
starrsinnig mitgeht und sich nicht abschütteln läßt -- so war Stanislaus
Dembas linke Hand.
Demba ließ die Arme sinken, Steffi hörte zu weinen auf und sagte
plötzlich:
»Aber das Ding hat ja Schlüssellöcher. Es muß ja aufzusperren gehen.«
»Natürlich.«
»Wir haben eine Menge so kleiner Schlüssel zu Hause. Im Vorzimmer an der
Wand hängt ein Kasten, da sind zwanzig oder dreißig solcher Schlüssel
drin. Einer wird doch passen! Wir müssen sie durchprobieren.«
Sie brachte eine Handvoll kleiner Schlüssel und legte sie geräuschlos
einen neben den andern aufs Fensterbrett.
Sie versuchte es mit dem ersten.
»Das ist der Schlüssel vom Uhrkasten drüben im Speisezimmer. Der taugt
nicht. Der ist zu groß.«
Sie griff nach dem zweiten.
»Das ist mein Violinkastenschlüssel. Der ist auch zu groß. Der geht
überhaupt nicht ins Schlüsselloch hinein. Wart' einmal, der vielleicht.
Das ist der Schlüssel zur Kassette, in der die Mutter ihre Ohrringe
eingesperrt hat und ihre beiden Lose. -- Auch nicht.«
Sie versuchte es der Reihe nach mit allen Schlüsseln. Keiner paßte. Ein
einziger ließ sich im Schlüsselloch umdrehen, aber das Schloß wollte
trotzdem nicht aufspringen.
Sie dachte einen Augenblick lang nach, griff zögernd in die
Schürzentasche und brachte noch einen kleinen Schlüssel zum Vorschein.
»Das ist der Schlüssel zu meinem Tagebuch. Weißt du, mein Tagebuch hat
Schließen und läßt sich absperren. Ich glaub', der wird bestimmt
passen.«
»Laß es doch. Er paßt sicher auch nicht.«
»Doch! Doch! Laß mich nur erst mal versuchen. Siehst du -- nein! Der
paßt auch nicht. Er ist zu klein.«
Sie blickte Stanislaus Demba hilfesuchend an.
»Stanie! Er ist zu klein! Was machen wir?«
»Wir müssen einen Schlüssel anfertigen lassen,« sagte Demba. »Vom
Schlosser. Wir nehmen einen Wachsabdruck ab -- wo bekommt man Wachs?«
»Wachs hab' ich zu Hause.«
»Wieso denn?«
»Ich male doch. Du weißt ja: Blumen und Vögel und Ornamente auf
Seidenbänder und Schleifen. Da gibt es eine eigene Technik, zu der
braucht man Wachs. Auf gewisse Stellen, die mit der Farbe nicht in
Berührung kommen sollen, kommt flüssiges Wachs. Ich hab' noch ein großes
Stück zu Hause. Wart', ich bring's gleich.«
Sie kam mit einem Stück Wachs zurück und machte Abdrücke beider
Schlösser.
»Das mußt du zu einem Schlosser tragen,« sagte Demba. »Aber du mußt
vorsichtig sein und dir gut überlegen, was du sagst, damit er nicht
Verdacht schöpft.«
»Nein. Ich geh' zu keinem Schlosser. Gegenüber von uns wohnt eine
Familie, und der älteste Sohn ist Lehrling in einer großen Werkstätte.
Der ist sehr geschickt. Er hat uns schon öfter Schlösser repariert.
Jetzt mittag ist er sicher zu Hause. Ich werd' ihm sagen, daß ich den
Schlüssel zu meinem Tagebuch verloren habe. Das Tagebuch selbst kann ich
ihm nicht bringen, werd' ich ihm sagen, weil Sachen drin stehen, die er
nicht lesen darf. Deswegen hab' ich einen Wachsabdruck gemacht, -- werd'
ich sagen. Da kann er gar keinen Verdacht schöpfen. -- Also wart', ich
geh' gleich hinüber.«
Es währte fünf Minuten, ehe sie zurückkam. Aber sie war rot im Gesicht
vor Freude und ganz aufgeregt.
»Es ist alles famos gegangen. Zuerst hat er das Tagebuch haben wollen,
er brauche es unbedingt, hat er gesagt. Weißt du, er macht mir heftig
den Hof, und möcht' gern wissen, ob etwas über ihn im Tagebuch steht.
Darum wollt' er's haben. Aber ich hab' es ihm ausgeredet. Um acht Uhr,
wenn er von der Arbeit kommt, gibt er mir den Schlüssel.«
»Erst um acht Uhr?«
»Ja. Um acht Uhr. Früher geht es nicht. So lange mußt du warten. Aber
weißt du, was? Du bleibst zu Hause, sperrst dich ein und läßt keinen
Menschen in dein Zimmer. Und um acht Uhr komm' ich dann zu dir und
bring' dir den Schlüssel. Du mußt mir selbst aufmachen, wenn ich läut'.
Wird mich jemand sehen?«
»Nein.«
»Wirst du allein sein? Du wohnst ja mit noch einem Herrn zusammen.«
»Der Miksch? Der ist abends schon wieder im Dienst.«
»Ich bin neugierig, wie dein Zimmer aussieht. Ich war noch nie in deiner
Wohnung. Sicher hast du ein großes Durcheinander. Ich werd' Ordnung
machen. Früher, wie du bei uns gewohnt hast, hab' ich dir oft genug
Ordnung gemacht auf deinem Schreibtisch. Du wirst jetzt nach Hause gehen
und warten, bis ich komme. Du darfst nicht ausgehen, Stanie! Sonst
verrätst du dich. Versprich mir's, Stanie.«
Aber Stanislaus Dembas Hirn war ganz beherrscht von dem Gedanken, mit
Geld den Rivalen aus dem Feld zu schlagen. Er vergaß darüber alle
Klugheit und alle Vorsicht.
»Das geht nicht,« sagte er. »Nach Hause kann ich jetzt nicht. Jetzt ist
der Miksch noch zu Hause. Erst am Abend geht er fort. Ich hab' auch
inzwischen zu tun, das hab' ich dir ja gesagt. Ich muß mir das Geld
beschaffen.«
»Für die Sonja. Ich weiß,« sagte Steffi und nickte mit dem Kopf.
Demba setzte sich auf umständliche Art den Hut auf den Kopf, mit einer
grotesk gleichmäßigen Bewegung beider Hände, die an die Darstellung auf
Wandgemälden ägyptischer Königsgräber erinnerte. Dann stand er auf.
»Stanie!« sagte Steffi Prokop. »Stanie, du solltest dich doch irgendwo
einsperren und niemandem zeigen. Folg' mir doch. Du bist in solcher
Gefahr, wenn jemand entdeckt --«
Sie unterbrach sich. Drüben auf dem Sofa hatte der alte Prokop eine
Bewegung gemacht. Beide horchten nach dem Sofa hin.
»Hat er etwas gehört?« flüsterte Demba.
»Nein,« gab Steffi leise zurück. »Er ist gar nicht aufgewacht. Stanie,
folg' mir! Wenn jemand sieht, daß du --«
»Kind! Gerade das ist's, was mich reizt,« sagte Demba mit gedämpfter
Stimme. »Siehst du, mit diesen Handschellen bin ich abseits der Welt.
Ganz allein steh' ich gegen die Millionen anderer Menschen. Wer nur
einen Blick auf meine gefesselten Hände erhascht, der ist von dieser
Sekunde an mein Feind und ich der seine, und wenn er vorher der
friedlichste Mensch war. Er fragt nicht, wer ich bin, er fragt nicht,
was ich getan habe, er macht Jagd auf mich, und wenn ein Keiler
plötzlich über die Straße liefe, oder ein Fuchs oder ein Rehbock, könnte
die Jagd nicht so unbarmherzig und nicht so wild sein, als wenn mein
Mantel zu Boden fiele und meine Hände sichtbar würden.«
»Siehst du!« sagte Steffi. »Das wollt' ich ja sagen.«
»Aber das lockt, Steffi. Das zieht mich. Ich gehe ruhig und sicher
zwischen Millionen Feinden hindurch, die mich nicht erkennen und spotte
sie aus. Heute morgens hätte ich mich vielleicht noch verraten können.
Da war ich ein Anfänger. Aber jetzt -- du glaubst nicht, was für eine
Routine ich schon darin habe, die Hände nicht zu zeigen. Es tut mir
beinahe leid, daß der Tanz nur bis heut abend dauert. Heut abend um
acht, nicht wahr? Und jetzt leb' wohl.«
Steffi begleitete ihn bis vor die Tür der Wohnung.
»Und wohin gehst du jetzt?« fragte sie.
»An die Arbeit!« sagte Demba und schritt die Treppe hinunter.
11
Frau Dr. Hirsch, die Gattin des Hof- und Gerichtsadvokaten in der
Eßlinggasse, kam ein wenig außer Atem in das Privatkontor ihres Mannes.
Sie ließ sich sogleich in den ledernen Klubfauteuil fallen, der, für
Klienten bestimmt, neben dem Schreibtisch des Rechtsanwalts stand, stieß
einen asthmatischen Seufzer aus und hielt ihrem Mann ein paar Banknoten
hin.
»Sag' mir, Robert, was soll ich mit diesen achtzig Kronen machen.«
»Ich hab' da grad die Akten über die Zwangsfeilbietung der Villa
'Elfriede' in Neuwaldegg. Zwölf Wohnräume, Dienerzimmer, Garage,
herrlicher Park, zwei Minuten von der Elektrischen -- geh' hin und biet'
mit!«
»Nein. Spaß beiseite. Ich bin in Verlegenheit. Ich weiß nicht, ob ich
das Geld behalten soll oder nicht. Es ist der Monatsgehalt für Georgs
und Erichs Hauslehrer, für den Herrn Demba. Und der Demba, denk' dir,
will ihn nicht nehmen.«
»Monatsgehalt? Ist denn heute der Erste?«
»Nein. Aber er hat schon heute um seinen Monatsgehalt gebeten.«
»Und will ihn nicht nehmen?« Der Advokat streifte die Asche von seiner
Zigarre ab.
»Nein. Ich will dir erzählen, was vorgefallen ist. Also hör' zu. Vor
einer Viertelstunde läutet's und die Anna kommt herein: Gnädige Frau,
der Herr Demba ist da. Ich wundere mich und denk' mir: was kann er denn
jetzt nach zwei Uhr wollen, die Buben sind ja bis vier in der Schule,
das weiß er ja. Ich habe gerade mit der Köchin verrechnet und so hab'
ich ihm sagen lassen: er soll im Salon ein paar Minuten auf mich warten,
ich komme gleich, er möcht' indessen Platz nehmen. Und wie ich mit der
Köchin fertig war, bin ich hineingegangen.«
Frau Dr. Hirsch machte eine kleine Atempause und stieß einen ihrer
leichten Seufzer aus, der andeuten sollte, wie schwer geplagt sie durch
die vielfachen Anforderungen des täglichen Lebens sei. Dann fuhr sie
fort:
»Also, wie ich hineinkomm', springt er auf und sieht genau so aus, wie
das Stubenmädchen, wenn ich sie über der Zuckerbüchse ertappe. Du weißt,
sie ist sonst ganz brav, die Anna, aber Zuckernaschen, davon kann sie
nicht lassen. Also der Demba sieht auch aus, wie wenn er etwas
Verbotenes getan hätt', ganz verlegen ist er. Ich sage ihm: Bleiben Sie
nur sitzen, Herr Demba! Und denk' mir noch: warum ist der Mensch so
verlegen? Nicht im Traum hab' ich an die Zigarre gedacht.«
»An welche Zigarre?« fragte der Advokat.
»Warte. Du wirst gleich hören. Er setzt sich also und ich frag' ihn:
'Nun, Herr Demba? Was bringen Sie Neues?' Er sagt: 'Gnädige Frau, ich
wollte Ihnen nur mitteilen, daß ich auf vierzehn Tage verreisen muß.' --
'Das ist aber sehr unangenehm,' sag' ich. 'Mitten im Schuljahr. Und vor
der Konferenz. Wird Sie der Georg nicht brauchen? Was ist es denn so
Dringendes?' -- 'Wichtige Familienangelegenheiten,' sagt er. 'Und der
Georg wird in den beiden nächsten Wochen keine Nachhilfe benötigen und
der Erich erst recht nicht. Sie stehen beide in allen Gegenständen gut,
und in der Mathematik, in der Georg ein bissel schwach ist, kommt die
nächste Schularbeit ohnehin erst in vier Wochen.'
'Also bitte,' sag' ich. 'Wenn Sie glauben, daß die Buben Sie nicht
brauchen -- eventuell können Sie mir ja einen Kollegen schicken, der Sie
vertritt.'
'Das wird nicht nötig sein,' gibt er zur Antwort, 'Aber ich möcht' die
gnädige Frau bitten --' also kurz und gut, ob ich ihm nicht schon heute
das Geld für den ganzen Monat zahlen könnt'. Also, weißt du, ich führ'
mir das nicht gern ein, Vorschuß an den Hauslehrer, aber ich hab' doch
gesagt: 'Bitte, sehr gerne', weil er doch das Geld für die Reise
braucht. Und ich greif nach dem Geldtascherl und nehm' die achzig Kronen
heraus. Eigentlich macht es ja weniger aus, denn die Stunden für die
Zeit, wo er verreist ist, muß ich ihm selbstredend nicht zahlen. Aber
ich hab' mir gedacht: Er hat den Georg in Mathematik durchgebracht, wir
haben keinen einzigen Tadelzettel mehr ins Haus bekommen, seit der Demba
den Buben Stunden gibt und der Mensch rechnet mit jedem Heller, wozu
soll ich ihm also die paar Gulden abziehen, es steht gar nicht dafür.
Hab' ich recht?«
»Natürlich, mein Kind,« sagte der Advokat.
»Also, ich nehm' die achzig Kronen aus dem Geldtascherl und, wie ich es
wieder einsteck', -- auf einmal spür' ich so einen merkwürdigen,
brenzlichen Geruch, und ich seh' mich um und frag' den Demba: 'Herr
Demba, riechen Sie nichts?' Und er zieht auch die Luft durch die Nase
ein und sagt:
'Nein, gnädige Frau, ich rieche nichts.'
'Aber es muß irgendwo im Zimmer brennen,' sag' ich, und in dem Moment
seh' ich schon den Rauch und das Loch, das ihm die Zigarre in den Mantel
gebrannt hat. Er hat sich eine Zigarre angezündet gehabt, während er auf
mich gewartet hat, und die hat er rasch unter den Mantel versteckt, wie
er mich kommen gehört hat, warum, das weiß ich nicht. Anfänglich dacht'
ich, er hätte sich einen von deinen Virginiern aus dem Zigarrenkastel
genommen, -- du läßt es immer wieder offen im Zimmer stehen, Robert, ich
hab' dir hundertmal gesagt, laß das Kastl nicht offen herumstehen, die
Anna hat einen Feuerwerker, da läßt sie doch sicher jeden Abend, wenn
sie mit ihm ausgeht, zwei oder drei Stück mitgehen, aber du läßt dir ja
nichts sagen! Hab' ich recht?«
»Ja, mein Kind,« sagte der Advokat.
»Also ich denk' mir, wahrscheinlich hat er sich eine von deinen
Virginiern genommen und sie unter dem Mantel verstecken wollen, und
darum war er so verlegen, als ich ins Zimmer kam. Ich ruf' also: 'Herr
Demba, Sie haben sich ein Loch in ihren Mantel gebrannt.' Der Demba
springt auf und läßt die Zigarre auf die Erde fallen. Es war aber gar
keine Virginier, es war eine kleine, dicke, solche rauchst du doch gar
nicht, die muß er sich selbst mitgebracht haben. Aber warum hat er sie
dann versteckt? Das versteh' ich nicht. Also kurz und gut, mit einem
Wort, er läßt die Zigarre fallen und sie liegt auf dem Teppich und
qualmt, auf dem kleinen Teppich, weißt du, den wir von der Tante Regine
bekommen haben aus Revanche dafür, daß du ihr vor zwei Jahren den
Ehrenbeleidigungsprozeß gegen ihren Hausherrn geführt hast. Also auf den
Teppich fällt die brennende Zigarre. Ich bin furchtbar erschrocken, aber
der Demba steht seelenruhig dabei, als ob ihn das nichts anginge und
sieht zu, wie sie mir ein Loch in den Teppich brennt und macht keine
Miene, sie aufzuheben.
Ich ruf: 'Herr Demba, wollen Sie nicht Ihre Zigarre aufheben? Sie sehen
doch, daß sie mir den Teppich ruiniert!' Der Demba wird feuerrot im
Gesicht und furchtbar verlegen und hustet und stottert und bringt kein
Wort heraus und endlich sagt er: 'Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich
darf mich nicht bücken, der Arzt hat's verboten, ich bekomm' sofort
Blutsturz, wenn ich mich bücke, hat der Arzt gesagt.' -- Hast du schon
so etwas gehört? Was sagst du dazu?« --
Der Advokat sagte »hm« dazu.
»Also, was bleibt mir übrig, ich hab' halt selbst die Zigarre
aufgehoben, wenn sich der Herr Demba nicht bücken kann,« sagte Frau Dr.
Hirsch mit bitterer Ironie und seufzte leicht auf. Es war der
kurzatmigen, starkgeschnürten, korpulenten Dame anzusehen, daß das
Aufheben der Zigarre für sie ein mit erheblichen Schwierigkeiten
verbundenes Turnkunststück ersten Ranges dargestellt hatte.
»Der Teppich war aber schon ganz versengt,« fuhr sie nach einer Weile
fort, »und hatte einen großen, schwarzgebrannten Fleck. Ich war
natürlich nicht mehr in der Stimmung, mich mit dem Herrn Demba weiter zu
unterhalten, das begreifst du ja. Ich zähl' ihm also das Geld auf den
Tisch. Und jetzt kommt das Interessante. Was glaubst du, daß geschieht:
Der Herr Demba nimmt das Geld nicht. Er läßt es liegen. Ich sage: 'Also
bitte, hier sind die achzig Kronen!' Er schüttelt den Kopf und macht ein
so verzweifeltes und unglückliches Gesicht, daß er mir beinahe wieder
leid getan hat. 'Aber, Herr Demba!' sag' ich. 'Sie werden mir doch nicht
den Teppich bezahlen wollen, wir sind ja gegen Brandschaden versichert.'
Er starrt das Geld an und nimmt es nicht. 'Also, das ist doch
lächerlich, so nehmen Sie doch das Geld,' sag' ich. -- 'Nein. Ich kann
das Geld leider nicht nehmen', gibt er zur Antwort und ist wieder
blutrot im Gesicht. Nun, denk' ich mir, wenn er das Geld absolut nicht
nehmen will, weißt du, streiten werd' ich mich mit ihm nicht. Aufdrängen
werd' ich ihm doch die achzig Kronen nicht, hab' ich recht? Ich sag'
also: 'Herr Demba, wenn Sie mir durchaus den Schaden ersetzen wollen, es
ist zwar ein Unsinn von Ihnen, aber schließlich --' und will das Geld
wieder einstecken. Und wie ich es in die Hand nehm', da schaut er mich
so böse und wütend an, wie wenn er mich mit den Zähnen zerreißen wollt'.
Ich bin direkt erschrocken, so hat er mich angeschaut, und hab' das Geld
liegen lassen. Und ich denk' mir: Was will der Mensch eigentlich? Will
er das Geld oder will er es nicht? Auf einmal sagt er: 'Gnädige Frau!
Wozu zerbrechen wir uns eigentlich den Kopf? Sie haben doch einen
Rechtsgelehrten im Haus. Bitte, lassen Sie das Geld hier liegen, gehen
Sie zu Ihrem Herrn Gemahl hinein und tragen Sie ihm den verwickelten
Rechtsfall vor. Wenn er finden sollte, daß ich nicht verpflichtet bin,
Schadenersatz für den Teppich zu leisten, so werde ich das Geld ohne
weiteres nehmen.'
'Gut,' sag' ich, nehm' das Geld zusammen und steck' es ein. Weißt du,
ich werde es doch nicht auf dem Tisch liegen lassen, die Dienstboten
gehen fortwährend durchs Zimmer, was braucht denn die Anna zu wissen,
wieviel der Demba Gehalt bekommt? Hab' ich recht?«
»Gewiß, mein Kind,« sagte der Advokat.
»Also, was meinst du dazu? Soll ich mir wirklich von dem Demba die
achzig Kronen zahlen lassen?«
»Natürlich ist es die Assekuranz, die verpflichtet ist, uns den Schaden
zu ersetzen, nicht der Hauslehrer,« sagte der Advokat und strich sich
den Bart. »Aber dieser Herr Demba beginnt mich zu interessieren. Es ist
merkwürdig, was für ein starkes Rechtsempfinden mitunter gerade bei
Nichtjuristen zu finden ist. Ich werde mal selbst mit ihm sprechen.«
Als der Advokat in den Salon kam, traf er Herrn Demba, dem die
Unterredung zu lange gedauert zu haben schien, nicht mehr an. Das Zimmer
war leer.
Der Advokat besah sich den beschädigten Teppich.
»Weißt du,« sagte er, »eigentlich ist der Sachschaden nicht so groß, mit
achtzig Kronen ist er weitaus überzahlt. Der Teppich ist nämlich ganz
billige Fabrikware. Kannst du dir vorstellen, daß deine Tante Regina
mehr als dreißig Kronen für ein Geschenk ausgibt?«
»Robert! Was ist das?« schrie Frau Dr. Hirsch plötzlich auf und zeigte
entgeistert auf einen Haufen zerbrochenen Porzellans, der unter dem
Kaminsims auf dem Fußboden lag.
Es war die Nippesfigur eines Briefträgers, an der Demba, erbittert
darüber, daß es ihm nicht gelungen war, mit seinem Geld allein im Zimmer
zu bleiben, seinen Unmut ausgelassen hatte. Und sie hatte nichts anderes
verbrochen, als daß sie dem Betrachter mit einladendem Lächeln einen
großen Geldbrief aus Porzellan entgegenstreckte.
12
»Herr von Gegenbauer!« rief die Haushälterin. »Herr von Gegenbauer, so
wachen's doch auf! Draußen ist ein Herr, der Sie sprechen möcht.«
Fritz Gegenbauer erhob sich schlaftrunken vom Sofa, wurde aber sofort
munter, als er von dem Herrn hörte, der ihn sprechen wollte. Er hatte in
der Nacht ein Renkontre mit einem Statthaltereibeamten gehabt und
erwartete nun das Erscheinen der bekannten beiden Herrn mit den
scharfgebügelten Hosenfalten.
»Ein Herr oder zwei?«
»Einer,« sagte die Wirtschafterin.
»In Uniform oder in Zivil?«
»In Zivil.«
»Wie sieht er aus? Ist er elegant?«
»Na,« sagte die Haushälterin im Tone ehrlichster Überzeugung.
Fritz Gegenbauer trat an den Waschtisch und steckte den Kopf ins Wasser.
Dann trocknete er sich eilig ab und bürstete sich mit wilder Energie
seinen Scheitel zurecht.
»So. Jetzt können Sie den Herrn eintreten lassen.«
Er lehnte sich in lässiger Haltung an das Rauchtischchen, stützte eine
Hand auf die Tischplatte und verschaffte sich durch einen Blick in den
Spiegel die Gewißheit, daß er wie ein Mann aussah, der mit Überlegenheit
und kühlem Gleichmut die Dinge an sich herantreten läßt.
Aber alle diese kriegerischen Vorbereitungen verpufften in die Luft. Nur
Stanislaus Demba war es, dem die Haushälterin die Zimmertür öffnete.
»Sie sind's, Demba?« rief Fritz Gegenbauer. »Ich war auf anderen Besuch
gefaßt, auf einen weit weniger angenehmen.«
»Stör' ich vielleicht?« fragte Demba.
»Gar keine Idee. Ich freue mich, Sie zu sehen. Setzen Sie sich doch,
alter Freund.«
Demba setzte sich.
»Nun? Haben Sie sich endlich getröstet über unser Pech?« fragte
Gegenbauer.
»Unser Pech« hatte darin bestanden, daß Gegenbauer vor einem Vierteljahr
bei seinem Rigorosum durchgefallen war. Ihn hatte dieses Ergebnis
freilich nicht überrascht, er hatte es immer geahnt, und er gab viel auf
Ahnungen, die ihn jedoch in der Stunde des Rigorosums kläglich im Stich
gelassen hatten, denn da hatte er keine Ahnung gehabt, was man
eigentlich von ihm wissen wollte. Aber Demba, der ihn zur Prüfung
vorbereitet hatte, mochte sich den größten Teil der Schuld beigemessen
haben und war Gegenbauer einige Monate hindurch beharrlich ausgewichen.
»Nehmen Sie eine Zigarette, Demba,« ermunterte Gegenbauer den Kollegen.
»Eine ganz neue Sorte hab' ich da: 'Phädra'. Kosten Sie einmal, von der
algerischen Tabakregie. Meine Cousine Bessy hat sie mir aus Biskra
mitgebracht. Mit Lebensgefahr hat sie sie über die Grenze geschmuggelt.
Kosten Sie!« --
»Nein. Danke,« sagte Demba.
»Nein. Kosten Sie nur. Mich interessiert, was Sie von der Marke halten.
Sie sind Kenner.«
»Danke, ich rauche nicht.«
»Was? Seit wann denn? Sie haben doch immer vierzig Stück im Tag
verqualmt?«
»Ich bin verkühlt,« sagte Demba und bekam sogleich einen grausamen
Hustenanfall, an dem er unfehlbar erstickt wäre, wenn nicht das Läuten
der Türglocke seine virtuose Darstellung der letzten Stunde eines
Schwindsüchtigen unterbrochen hätte.
»Jetzt sind sie da,« sagte Gegenbauer.
»Wer denn?« fragte Demba.
»Zwei Herren, die ausnahmsweise nicht zu einer Tarockpartie zu mir
kommen.«
»So!« sagte Demba. »Was haben Sie denn wieder angestellt, heut nachts?«
»Ich kann mir nicht helfen. Im Frühjahr werd' ich immer stössig. Das
könnten die Leut' schon wissen und sich ein bißchen in acht nehmen.«
Es waren aber wieder nicht die beiden feierlichen Herrn, sondern nur der
Postbote, der einen Brief und eine Karte brachte.
»Sie entschuldigen,« sagte Gegenbauer und begann zu lesen.
Demba hatte, ehe er an Gegenbauers Türglocke läutete, einen Feldzugsplan
entworfen. Sich einfach von Gegenbauer Geld leihen, das wollte er nicht.
Nie im Leben hätte er eine Bitte dieser Art über die Lippen gebracht.
Nein. Das Geld mußte ihm von Gegenbauer angeboten und aufgedrängt
werden. Er hatte ihm vor einiger Zeit Kollegienhefte geliehen.
Vorlesungen, die Demba im Hörsaal sorgfältig mitstenographiert und zu
Hause mit Bienenfleiß in Schönschrift übertragen hatte. Sie stellten
einen ziemlichen Wert dar und Demba hoffte zuversichtlich, daß
Gegenbauer die Hefte längst verloren oder als unnütz fortgeworfen haben
werde. Denn Gegenbauer war niemals im stande gewesen, Entliehenes
aufzubewahren, dagegen aber immer bereit, für Schaden, den er
angerichtet hatte, in generöser Weise aufzukommen. Darauf hatte Demba
seinen Plan gegründet.
»Ich bin eigentlich gekommen,« begann er, als Gegenbauer den Brief auf
den Tisch warf, »ich bin nur gekommen, um zu fragen, ob Sie die Hefte
noch brauchen, die ich Ihnen im Dezember geliehen hab'.«
»Welche Hefte?« fragte Gegenbauer zerstreut.
»Die Vorlesungen Steinbrücks über das römische Kunstepos --«