Demba fuhr zusammen. »Was wollen Sie?«

»Nur eine Formalität natürlich,« sagte Dr. Rübsam. »Ich bin

selbstverständlich vollkommen überzeugt -- aber --«

»Was wollen Sie denn?« fragte Demba, ärgerlich über die Störung. Ihm war

gerade in diesem Augenblick ein Mittel, das Geld in Sicherheit zu

bringen, eingefallen. Er wollte Hübel bitten, das Geld vorläufig zu sich

zu stecken, und das Weitere würde sich dann leicht finden.

»Bitte, also vielleicht zuerst den Mantel abzulegen,« sagte Dr. Rübsam.

»Wie gesagt, es liegt mir fern, irgendwie -- aber --«

Demba starrte ihn an und glaubte schlecht verstanden zu haben.

»Was sagen Sie da? Was reden Sie da von meinem Mantel --?«

»Ja. Ich bitte, ihn abzulegen.« Dr. Rübsam wurde ungeduldig.

»Ausgeschlossen,« sagte Demba.

»Was soll das heißen?« fragte Dr. Rübsam. »Sie wollen nicht?«

»Unsinn,« sagte Demba. »Lassen Sie mich in Ruhe.«

»Sehr verdächtig!« schrie der Postbeamte.

»Aha!« ließ sich Frau Suschitzky vernehmen.

»Wirklich, sehr merkwürdig,« stellte der Reisende fest.

»So also ist die Sache,« sagte Dr. Rübsam.

»Demba!« rief Hübel. »Du hast die Uhr?«

»Welche Uhr?« fragte Demba verwirrt.

»Die Uhr des Herrn Doktor.«

»Sie meinen doch nicht, daß ich Ihnen Ihre Uhr genommen habe?« rief

Demba entsetzt.

»Nicht?« fragte Dr. Rübsam erstaunt und in nicht sehr überzeugtem Ton.

»Ein Scherz vielleicht, dachte ich --«

»Aber das ist ja Unsinn!« beteuerte Demba.

»Aber dann lassen Sie sich doch untersuchen.«

»Nein,« stieß Demba hervor.

»Aber Demba. Es ist doch nur eine Formalität. Alle Herren werden

sich --«

»Nein!« brüllte Demba und sah den Mediziner hilfeflehend an.

»So,« sagte da Dr. Rübsam. »Sie wollen nicht. Dann weiß ich, was ich zu

tun habe.«

Er drehte Demba den Rücken und näherte sich dem Tisch.

»Ich werde mich nicht streiten,« sagte er ganz ruhig. »Wozu?«

Und mit einem plötzlichen Griff hatte er sich des Geldes, das auf dem

Tisch lag, versichert.

Demba wurde aschfahl, als er sein Geld in Dr. Rübsams Händen sah. Die

Wut der Verzweiflung kam mit einem Mal über ihn. Nein. Es durfte nicht

sein! Es konnte nicht sein, daß der Mensch dort das Geld behielt. Jetzt

-- sich auf ihn stürzen, die Hände frei bekommen, ihm das Geld

entreißen! Die Ketten mußten zerrissen werden! Auch Eisen ist nicht

unbezwingbar, auch Stahl kann brechen. Und mit einer gewaltigen

Anstrengung rebellierte er gegen seine Ketten, die Muskeln dehnten sich,

die Adern schwollen, in höchster Not wurden seine Hände zu zwei

Giganten, die sich empörten, die Kette knirschte --

Das Eisen hielt.

»Ich muß doch meine Uhr wiederbekommen. Helf', was helfen kann,« sagte

Dr. Rübsam und schob mit nicht ganz reinem Gewissen Dembas Geld in seine

Tasche. »Ich kann nicht anders. Not bricht Eisen.«

16

Und nun stand Demba auf der Straße, genarrt, gestrandet, um das Geld

geprellt und um die letzte Hoffnung betrogen.

Es regnete. Er verspürte brennenden Durst und die Hände schmerzten ihn,

die Knöchel vor allem und die Finger. Er war mutlos und so müde, daß er

keinen anderen Wunsch mehr hatte, als endlich zu Hause zu sein, um den

Kopf unter der Bettdecke zu verbergen, an nichts zu denken und zu

schlafen.

Er hatte sich seinen gefesselten Händen zum Trotz um des Geldes willen

in den Wirbel des Alltags gewagt. Und der tollgewordene Tag hatte ihn

ohne Erbarmen durch die Stunden gehetzt, ihn wie eine hilflose Nußschale

hin und her geschleudert, und jetzt war Stanislaus Demba müde, gab den

Kampf auf und wollte schlafen.

»Wenn ich dir heute abend das Geld nicht auf den Tisch lege, dann magst

du in Gottes Namen mit dem Georg Weiner fahren,« hatte er am Morgen

gesagt. Und so weit war es nun. Er hatte das Geld nicht, und er wollte

keinen Versuch mehr machen, es zu erlangen.

»Sie mag fahren,« sagte er im Gehen zu sich selbst und zuckte die

Achseln. »Ich halte sie nicht. Bis heute abend um acht Uhr ist sie

verpflichtet, auf mich zu warten. Länger nicht. _Fair play._ Ich habe

getan, was ich konnte, aber ich habe keinen Erfolg gehabt. Eine straffe

Organisation tückischer Zufälle stand gegen mich, ein Trust bösartiger

Ereignisse. Jetzt ist Sonja frei. So ist es ausgemacht und ich halte

mein Wort. _Fair play._«

Ein Gefühl der Genugtuung überkam Demba bei dem Worte '_fair play_' und

er nahm im Gehen die Haltung eines Mitgliedes des Jokeyklubs an, der

eben im Begriffe ist, ohne seine Miene zu verziehen, Ehrenschulden von

beträchtlicher Höhe zu begleichen.

»An der weiteren Entwicklung der Dinge bin ich ja glücklicherweise

desinteressiert,« sagte Demba leise und beflügelte seine Schritte.

»Völlig desinteressiert.« Das Wort gefiel ihm und er gebrauchte es

nochmals. »Ich erkläre hiemit mein Desinteressement,« sagte er und bekam

den Gesichtsausdruck eines gewiegten Diplomaten, der eine bedeutsame

Erklärung von großer Tragweite abgibt. Er blieb stehen und brachte durch

eine leichte Verbeugung einem unsichtbaren Gegner zur Kenntnis, daß er

an dem weiteren Verlauf der Dinge völlig desinteressiert sei.

»Jawohl. Völlig desinteressiert,« wiederholte er nochmals, denn er

konnte sich von diesem Worte nicht losreißen, das die merkwürdige

Fähigkeit zu besitzen schien, alles in einem tröstenden und beruhigenden

Licht erscheinen zu lassen. Er brachte es beinahe zustande, ohne eine

Spur von Haß, Zorn und Schmerz daran zu denken, daß Sonja Hartmann

morgen mit einem Anderen fortfahren und daß er selbst allein

zurückbleiben werde.

»Ich habe mein Wort nicht einlösen können, und nun heißt es eben die

Konsequenzen ziehen,« versicherte er sich selbst. Er blieb an einer

Auslage stehen und suchte sein Spiegelbild, denn er mußte sich unbedingt

dabei beobachten, wie er kühl, unbewegt und zu Allem entschlossen die

Konsequenzen zog.

»Das läßt sich nicht mehr ändern. Es war so ausgemacht,« sagte er und

suchte sich selbst die Überzeugung von der zwingenden Natur der Umstände

beizubringen. Und der Dienstmann an der Straßenecke, der

Geschäftsdiener, der eben den Rolladen herunterließ und das

Dienstmädchen, das mit dem vollen Bierkrug im Haustore stand, sie alle

blickten verwundert der seltsamen Figur nach, die mit gesenktem Kopf,

achselzuckend und sich selbst eifrig zuredend durch die Straßen eilte.

»Und jetzt nach Hause!« sagte Demba und blieb stehen. »Wohin geh ich

denn? Es ist Zeit, nach Hause zu kommen! Miksch wird schon fort sein.

Ich kann ruhig nach Hause. Es ist halb acht Uhr. Steffi wird bald

kommen, und ich werde endlich die Handschellen los.«

Er bog in die Liechtensteinstraße ein, denn er sah wirklich nicht ein,

warum er sich durch diesen Herrn Weiner abhalten lassen sollte, auf dem

kürzesten Weg nach Hause zu gehen. Daß dieser Herr Weiner gerade in der

Liechtensteinstraße wohnte, das konnte kein Grund sein, um einen Umweg

zu machen. Jede Minute war kostbar.

Der Regen war stärker geworden. Demba hüllte sich fest in seinen Mantel.

Es dunkelte und die flackernden Gasflammen spiegelten sich in den

Regenlachen.

»Ich habe mich doch ein wenig zu stark engagiert in dieser Sache,«

erzählte sich Demba und trat in Gedanken in eine Pfütze. »Es ist Zeit,

daß ich meine Engagements löse.« Und auch diese Redewendung tat ihm auf

seltsame Weise wohl. Sie klang so geschäftsmäßig kühl, so kaufmännisch

berechnend und log die Gefühle weg, die schlecht verborgen hinter all

den tönenden Worten lagen: Schmerz, Eifersucht und brennendes Verlangen.

Vor dem Hause, in dem Georg Weiners Wohnung lag, blieb er stehen und

stellte fest, daß das Fenster im zweiten Stock neben dem Balkon

erleuchtet war.

»Nun ja,« sagte er und ging nicht weiter. »Er ist zu Hause, und sie ist

bei ihm. Was ist weiter dabei? Keine Ursache stehen zu bleiben und Zeit

zu verlieren. Es kümmert mich nicht; ich bin anderweitig präokkupiert.«

Er seufzte und fühlte einen Augenblick lang das Aufflammen eines

hilflosen Zornes und dann einen leise bohrenden Schmerz. Mit starren

Augen blickte er auf das erleuchtete Fenster. Aber er überwand dieses

Gefühl und flüchtete sich in den Schutz der schön klingenden Worte, die

seinen Schmerz betäuben sollten.

»Die Sache wird in durchaus amikaler Weise geordnet,« murmelte er. »Wir

werden im besten Einvernehmen auseinander gehen.«

Er setzte seinen Weg fort, blieb aber bald wieder stehen.

»Nun ja,« sagte er. »Weiner wohnt recht hübsch. Morgensonne, Ausblick

auf den Liechtensteinpark. Das ist alles, was über den Fall zu sagen

wäre. Sonst ist ja nichts festzustellen. Also -- Allons!«

Er ging aber nicht, sondern blickte weiter zum Fenster hinauf.

Ȇbrigens habe ich Zeit. Es ist noch nicht halb acht. Steffi kann noch

nicht bei mir sein. Ob ich zu Hause sitze oder hier noch ein bißchen

stehe, ist wohl irrelevant. Irrelevant,« wiederholte er nochmals mit

Nachdruck, und der Klang dieses Wortes gab ihm bei sich das Air eines

kühlen Beurteilers, der die Dinge mit den Augen des Außenstehenden zu

betrachten vermochte. »Sie ist bei ihm, was weiter? Wenn ich mich dafür

interessiere, so ist es nicht viel anders, als wenn ich im Theater auf

die Bühne sehe. Eine Angelegenheit zwischen fremden Menschen. Es mag

amüsant sein oder auch langweilig, -- keinesfalls ist es sehr wichtig.

Man könnte beinahe --«

Er fuhr zusammen. Sein Herz stand einen Augenblick lang still und begann

dann wild und ungestüm zu pochen. In seinen Ohren sauste und brauste es

und ein würgender Schreck nahm ihm den Atem.

Dort oben im Fenster war mit einem Male das Licht erloschen.

In Georg Weiners Zimmer war das Licht erloschen.

Was ging dort vor! Was hatte das zu bedeuten!

Der mühselig errichtete Bau kühlen Gleichmutes brach in Scherben

zusammen.

Dort oben in jenem Zimmer lag jetzt Sonja in den Armen Georg Weiners.

Sie war es, die das Licht ausgelöscht hatte, und jetzt gehörte sie ihm.

Eine Stunde begann jetzt für die beiden oben, von der die Welt nichts

wissen sollte. Stummes Einverständnis, Gewährung und Erfüllung, das war

es, was das Erlöschen des Lichtes bedeutete. Und Demba stand unten

kläglich im Stich gelassen von den glatten Worten, mit denen er sich

wider Schmerz und Zorn gerüstet hatte und die nun zu Boden fielen, wie

welkes Laub. Verzweifelt, tief unglücklich, zitternd vor Leid und Haß,

von Neid geschüttelt und dem Weinen nahe stand Demba auf der Straße.

Aber sie durften nicht allein bleiben! Sie sollte nicht in seinen Armen

liegen! Sie sollten nicht glauben, die beiden, daß sie sich vor Demba

und der ganzen Welt verbergen könnten.

Er mußte hinauf. Er wußte nicht, was er oben tun und was er sagen würde.

Die Türe aufreißen wollte er und plötzlich wie ein Vorwurf, wie eine

Anklage, wie eine Drohung, wie ein Alarmruf im Zimmer stehen.

Und er ging mit keuchendem Atem mit geballten Fäusten und dennoch: das

Herz voll Angst -- so ging er auf das Haustor los.

Aber da trat plötzlich ein junger Mann aus dem Haustor auf die Straße.

Es war Georg Weiner, und er war allein.

Er trat an den Rand des Trottoirs, spähte nach rechts und nach links,

die Straße hinauf und hinab, und winkte einen Wagen herbei.

Einen Augenblick lang sah Demba den Rivalen in höchster Verwunderung an.

Dann atmete er sehr erleichtert auf.

Georg Weiner war ganz allein zu Hause gewesen. Nein. Sonja war nicht bei

ihm gewesen. Sie hatten einander nicht umarmt und nicht geküßt im

Dunkeln. Nur weil er weggegangen war, hatte Weiner das Licht in seinem

Zimmer ausgelöscht.

Mag sie gestern bei ihm gewesen sein, mag sie morgen wieder kommen!

Daran war nichts gelegen. Aber daß Sonja jetzt, gerade jetzt, da Demba

in hilflosem Zorn auf das Fenster gestarrt hatte, nicht oben gewesen

war, das machte Demba glücklich. Daß das plötzliche Erlöschen des Lichts

nichts anderes zu bedeuten gehabt hatte, als daß Georg Weiner seine

Wohnung verließ, das machte Demba dankbar und zufrieden.

Und jetzt, da er seine Ruhe wieder hatte, versuchte er nochmals, sich

hinter das Rüstzeug der schönen Redensarten zu flüchten. Aber die

glatten Worte hatten ihre tröstende und täuschende Kraft verloren.

Nein. Es half nichts. Er konnte jetzt nicht nach Hause gehen. Einmal

mußte er sie noch sehen, bevor sie fort fuhr. Einmal noch ihr

gegenübersitzen, sie ansehen, sie sprechen und lachen hören und stummen

Abschied von ihr nehmen.

Georg Weiner hatte einen Wagen herbeigerufen und stieg ein. Er schien es

eilig zu haben.

-- Wahrscheinlich fährt er zu ihr, -- dachte Demba. -- Und jetzt wird er

mir sagen müssen, wo sie zu finden ist. --

»Guten Abend, Herr Kollege!« sagte Demba und trat aus dem Dunkel hervor.

Georg Weiner wandte sich um.

»Guten Abend, Demba!« sagte er kühl.

»Wohin?« fragte Demba mit klopfendem Herzen.

»In den Residenzkeller!« sagte Weiner.

»In den Residenzkeller? Man ißt gut dort, nicht wahr?«

»Passabel.«

»Vorzüglich ißt man im Residenzkeller!« sagte Demba eifrig. »Es ist

möglich, daß ich auch hin komme.«

17

Stanislaus Demba war in gereizter Stimmung, als er die Türe öffnete. Er

hatte sich in dem dunkeln Vorraum, durch den man gehen mußte, um in das

Extrazimmer zu gelangen, das Schienbein schmerzhaft an einem Stuhle

angestoßen. Er trat nicht sogleich ein, sondern blieb in der offenen

Türe, halb verdeckt durch einen mit Hüten und Überröcken beladenen

Kleiderständer, stehen.

Das kleine Zimmer war überheizt. Das Licht blendete ihn, dennoch sah

Demba sofort, daß Sonja nicht da war. Aber ihre Freunde und Freundinnen

saßen da, die Menschen, mit denen sie in den letzten Wochen fast

immer beisammen gewesen war. Die beiden jungen Mädchen waren

Schauspielschülerinnen. Der Tür gegenüber saß Dr. Fuhrmann, ein

vierschrötiger Mensch mit dem Gesicht einer verdrossenen Bulldogge

und einem Durchzieher auf der linken Wange. Er hatte ein scharfes,

durchdringendes Organ, das wie die Hupe eines Automobils klang, man war

versucht, eilig beiseite zu springen, so oft er zu reden anfing. An der

andern Seite des Tisches, Georg Weiner gegenüber, saß, in eine Wolke von

Zigarettenrauch gehüllt und sein ewiges, nichtssagendes Lächeln auf den

Lippen, zu Dembas großem Ärger Emil Horvath.

Demba wurde wütend, wenn er nur an Horvath dachte. Manchmal, wenn er bei

Beckers seine Lektionen gab, kam Horvath, der im Hause verkehrte, ins

Zimmer, grüßte nicht, hörte nachsichtig lächelnd zu, wie Demba den Buben

die unregelmäßigen Verba erklärte und ging dann mit überlegenem Lächeln

wieder hinaus. Unverschämt! Er kam herein, reichte den Buben, ohne Demba

zu beachten, die Hand, zog den einen am Ohr, gab dem andern einen Klaps,

fragte, ob »die Ella« zu Hause sei -- »die Ella!« Einfach »die Ella«

nannte er Fräulein Becker. Aber dem Hauslehrer -- dem wird Herr Horvath

doch nicht die Hand geben! Der gehört zum Dienstpersonal, siebzig Kronen

monatlich und die Jause, der ist Luft für Herrn Horvath. Was ist der

Herr Horvath eigentlich so Besonderes! Disponent. Disponent in der

Ölindustrie-Aktiengesellschaft, weiter nichts. Kein Hochschulstudium,

keine Staatsprüfung, nun also! Und reicht mir nicht die Hand, woher

denn. Unter seiner Würde! Demba spürte, wie ihm vor Ärger das Blut zu

Kopf stieg.

Nein, nein! Nur ruhig bleiben. Liebenswürdig, freundlich, zuvorkommend

sein, sich nichts anmerken lassen von seinem Ärger. Was ging ihn Horvath

an? Nichts. Demba hatte sich seinen Plan zurecht gelegt. Er wollte sich

zu den jungen Leuten da setzen, so tun, als säße er alle Tage mit ihnen.

Wollte an der Unterhaltung teilnehmen, witzige Anekdoten erzählen,

amüsant sein, den jungen Mädchen geistvolle Liebenswürdigkeiten sagen;

und wenn dann Sonja kam, so sollte sie ihn als gern gesehenen Gast in

angeregter Unterhaltung im Kreise ihrer Freunde finden.

Er öffnete vollends die Türe, trat hinter dem Kleiderständer hervor und

verbeugte sich nach allen Seiten.

»Guten Abend die Herren! Küss' die Hand den Damen!« Er näherte sich dem

Tisch in der Haltung eines geschmeidigen Weltmannes und

unwiderstehlichen Charmeurs. »Wünsch' guten Abend den Herrschaften, ich

habe die Ehre.«

Die drei Herren unterbrachen ihr Gespräch und sahen verwundert Demba an,

der in kotbespritzten Hosen und durchnäßter Pelerine von Regenwasser

triefend im Zimmer stand. Er störte. Man war nicht mehr unter sich. Die

beiden Damen blickten von der Speisekarte auf und betrachteten Demba mit

neugierigen Augen.

»Guten Abend!« sagte Horvath endlich. »Wie kommen Sie her?«

»Ein wenig ausgegangen, ein bißchen Zerstreuung gesucht,« sagte Demba

leichthin. »Ein bißchen unter Menschen nach des Tages Arbeit. Ist es

erlaubt, Platz zu nehmen oder störe ich vielleicht?«

»Bitte,« sagte Georg Weiner sehr kühl und Demba ließ sich, nachdem er

eine Weile unschlüssig umhergeblickt hatte, schüchtern und ungeschickt

am Nachbartisch nieder. Dr. Fuhrmann hustete, räusperte sich und drehte

sich dann mit seinem Sessel geräuschvoll nach Georg Weiner hin.

»Sag' mir, wer ist der Mensch da?« fragte er ungeniert.

»Einer von Sonjas unmöglichen Bekannten,« gab Weiner leise zurück.

»Genau so sieht er aus,« sagte Dr. Fuhrmann und trank sein Bierglas

leer.

Demba hatte die beiden flüstern gehört und wurde blutrot. Er wußte ganz

genau, wovon jetzt die Rede gewesen war. Daß er Sonja nachlaufe und daß

sie nichts von ihm wissen wolle, hatte der Weiner dem andern natürlich

anvertraut und darüber moquierten sich jetzt die Beiden. Nein, diese

Meinung, daß er Sonjas wegen hergekommen sei, durfte er keinesfalls

aufkommen lassen. Dieser lügenhaften Behauptung mußte sofort auf das

Entschiedenste entgegengetreten werden. Sonjas wegen? Lächerlich! Davon

kann doch wirklich keine Rede sein. Zufall, verehrter Herr Weiner!

Reiner Zufall, lieber Horvath! Bin übrigens erfreut, Sie hier zu

treffen, lieber Horvath --

Demba erhob sich.

»Bin erfreut, hier Gesellschaft zu treffen. Habe viel von diesem

Gasthaus gehört, es soll ja eine ausgezeichnete Küche führen,« sagte er

zu Georg Weiner gewendet in jenen wohltönenden Redewendungen, deren er

sich zu bedienen pflegte, wenn er mit den Eltern seiner Zöglinge sprach.

»Bin nämlich gezwungen, häufig außer Haus zu speisen. Jawohl, beruflich

gezwungen,« erklärte er mit Nachdruck und blickte dabei kampfbereit

Horvath an, als befürchtete er von dieser Seite Widerspruch. »Küche und

Keller dieses Etablissements werden allerorts gelobt. Genießt in der Tat

ein vorzügliches Renommee,« versicherte er dem Dr. Fuhrmann.

Dr. Fuhrmann sah zuerst seine beiden Freunde, dann Demba an, schüttelte

den Kopf und vertiefte sich achselzuckend in sein Abendblatt. Weiner und

Horvath wußten nicht, was sie auf diesen Erguß erwidern sollten und

lächelten verlegen. Die Theaterelevinnen kicherten in ihre Teller

hinein.

Demba aber hatte es sich in den Kopf gesetzt, alle Anwesenden davon zu

überzeugen, daß er durchaus nicht Sonjas wegen, sondern nur des guten

Essens halber hergekommen sei. Er bestand darauf, die Sache allen

klarzumachen und redete eigensinnig weiter.

»Die vorzügliche Qualität der Speisen, die der Wirt bietet, bildet seit

Wochen überall das Tagesgespräch. Von allen Seiten hört man nur Lob

über --«

Er brach jäh ab. Der Kellner stand vor ihm und hielt ihm die Speisekarte

hin.

»Speisen gefällig?«

»Später! Später!« stotterte Demba in höchster Verlegenheit und warf

einen erschrockenen Blick auf Georg Weiner. »Kommen Sie später. Ich

pflege doch nie vor neun Uhr abends zu nachtmahlen.«

Er starrte in die Luft und dachte angelegentlich über die Dringlichkeit

der Erfindung eines elektrischen Hebekrans nach, der die Speisen unter

völliger Ausschaltung der Hände direkt vom Teller in den Mund befördern

sollte.

»Zu trinken gefällig? Bier oder Wein?« fragte der Kellner.

Trinken! Ja, bei Gott, trinken mußte er endlich. Die Zunge klebte ihm am

Gaumen und die Kehle brannte ihm wie Feuer. Lieber Gott, nur einen

Schluck Bier, nur einen einzigen, kleinen Schluck! Aber es ging ja

nicht, die Leute dort sahen alle her. Ein Knockabout fiel ihm ein, den

er einmal in einem Varieté gesehen hatte. Der hatte ein volles Bierglas

mit den Zähnen erfaßt und in die Höhe gehoben, und es geleert, ohne

einen Tropfen zu vergießen. Er sah ihn ganz deutlich vor Augen, er

erinnerte sich sogar an den Applaus. Händeklatschen in allen Rängen,

bravo, bravo, bravo! Ob er es nicht auch so versuchen sollte. Vielleicht

einen Scherz vorgeben, eine Wette -- »erlauben Sie, daß ich ihnen ein

kleines Kunststück vorführe, meine Herrschaften, -- ein Kunststück mit

einem vollen Bierglas -- sehen Sie: so.« -- Bravo, bravo, bravo! Alles

applaudiert.

Nein. Es ging nicht. Er wagte es nicht. Und der Durst war unerträglich.

Hilfesuchend blickte er umher. Dort führte gerade Dr. Fuhrmann sein Glas

zum Mund. Auf einen Zug trank er es leer. Wie gut es ihm schmeckte. Ein

alter Couleur. Und er, Demba, mußte dasitzen und zusehen mit

ausgetrockneter Kehle.

Mit einem Mal kam ihm die Erleuchtung.

Warum war ihm das nicht schon früher eingefallen! Ein so einfacher

Gedanke! Und den ganzen Tag hatte er sich vom Durst quälen lassen!

»Kellner!« rief Demba. »Bringen Sie mir ein Glas Bier mit einem

Strohhalm darin.«

»Wie, bitte?«

»Ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin!« rief Demba und wurde ganz

erbost, weil der Kellner nicht gleich begriff, was er wollte. »Gehen Sie

und bringen Sie mir es doch endlich! Sie tun ja, als ob noch nie zuvor

jemand ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin bestellt hätte!«

Kopfschüttelnd ging der Kellner und brachte das Bier mit der

resignierten Miene eines Mannes, der an die absonderlichsten Launen

seiner Mitmenschen gewöhnt ist und den nichts mehr wundert.

Demba sah das Bier vor sich, setzte sich feierlich zurecht und begann an

dem Strohhalm zu saugen. Es ging! Das Bier stieg in die Höhe und

feuchtete ihm die Kehle an. Er trank in kurzen, hastigen Zügen, setzte

ab und trank wieder. Bravo, bravo, bravo! Er applaudierte sich selbst,

als wäre er der Knockabout im Varieté und das Publikum zugleich.

»Bringen Sie mir gleich noch ein Bier!« befahl er dem Kellner ganz

heiser vor Durst und vor Erregung.

Drüben an Weiners Tisch waren sie auf Dembas sonderbare Art zu trinken

aufmerksam geworden. Die beiden Mädchen flüsterten miteinander,

kicherten, stießen ihre Nachbarn an und wiesen heimlich auf den

seltsamen Zecher.

Horvath klemmte sein Monokel ins Auge, blickte Demba spöttisch lächelnd

an und fragte:

»Demba! Was treiben Sie da?«

»Sehr originell! Sehr originell!« sagte Dr. Fuhrmann ironisch.

Demba ließ den Strohhalm aus dem Mund fallen. Jetzt war es Zeit, für

seine Sache einzustehen. Er erhob sich. Auf den Lippen hatte er Schaum,

den er nicht wegwischen konnte.

»Ich bitte,« sagte er in sehr bestimmtem Ton. »Das ist durchaus nicht

originell. Die Herren haben das noch niemals gesehen? Dann muß ich wohl

annehmen, daß keiner der Herren jemals in Paris war.« Er verzog

hochmütig und indigniert das Gesicht, weil er es leider mit Leuten zu

tun hatte, die noch niemals in Paris gewesen waren.

»Oho!« protestierte Horvath. »Ich habe zwei Jahre in Paris gelebt, aber

das habe ich noch niemals gesehen, daß man Bier durch einen Strohhalm

trinkt.«

Demba fand es für geraten, den Schauplatz dieses sonderbaren Brauches

schleunigst zu wechseln.

»In Petersburg!« rief er heftig. »Da kämen Sie schön an, wenn Sie dort

versuchen wollten, Ihr Bier ohne einen Strohhalm zu trinken. Es verstößt

geradezu gegen den guten Ton, das Glas direkt an den Mund zu setzen!«

Petersburg schien ihm jedoch noch nicht entlegen genug zu sein. Es

konnte ja ganz gut einer von den Leuten dort gewesen sein. Das eine von

den Mädchen, das sah mit ihren kurzgeschnittenen Haaren beinahe aus, wie

eine Russin. Kurz entschlossen verlegte er die seltsame Zeremonie des

Strohhalms ein Stück weiter und diesmal in eine Gegend, die ganz sicher

außerhalb des Bereiches einer Kontrolle lag.

»Eigentlich stammt der Brauch aus Bagdad,« erklärte er. »In Bagdad und

Damaskus können Sie an jeder Straßenecke und vor den Moscheen Araber

dutzendweis' sehen, die ihr Bier durch einen Strohhalm trinken.«

Er war in diesem Augenblick völlig durchdrungen von der Wahrheit seiner

Behauptung. Kampflustig blickte er von einem zum andern, bereit, mit

jedem anzubinden, der etwa einen Zweifel zu äußern wagen sollte. In

seinem Geiste sah er wahrhaftig einen Türken, der den Turban auf dem

Kopfe in seinem Laden, zwischen Warenballen hockend, statt des Tschibuks

beschaulich einen Strohhalm schmauchte.

»Also die Araber trinken Bier? Sehr gut!« sagte Horvath lachend.

»Ethnographie: Nicht genügend.«

Diese Anspielung auf seinen Hauslehrerberuf brachte Demba aufs äußerste

in Harnisch. Er blickte Horvath aus zusammengekniffenen Augen feindselig

an und sagte giftig:

»Überhaupt. Man grüßt, wenn man in ein fremdes Zimmer kommt. Verstanden?

Merken Sie sich das.«

»He? Wie meinen Sie?« fragte Horvath erstaunt.

Demba erschrak! Was hatte er denn schon wieder angestellt. Er hatte doch

den Vorsatz gefaßt gehabt, bescheiden, höflich und liebenswürdig zu

sein, um die Sympathien aller Anwesenden für sich zu gewinnen. Und jetzt

hatte er Horvath gegen sich aufgebracht, und wenn Sonja kam, würde sie

ihn mit allen zerstritten, in den Hintergrund gedrängt und aus jedem

Gespräche ausgeschaltet vorfinden. Nein. Er mußte seine Unüberlegtheit

wieder gut machen, mußte aufstehen, sich entschuldigen.

Er stand auf.

»Ich bitte um Verzeihung, Herr Horvath, ich muß Sie um Entschuldigung

bitten. Meine Bemerkung hat nämlich nicht Ihnen gegolten. An den Kellner

war sie gerichtet.«

Demba schwieg, ein wenig in Verwirrung gebracht durch Horvaths

suffisantes Lächeln. Die Hitze in dem kleinen Raum wurde unerträglich.

Die Gasflammen summten auf quälende Art. Der Zigarettenrauch reizte zum

Husten. Demba drehte sich in nervöser Hast um und suchte den Kellner;

aber der war nicht mehr im Zimmer.

»Es ist unglaublich, was für Manieren dieser Kellner hat!« ereiferte

sich Demba. »Es wundert mich, daß Sie sich das gefallen lassen! Er grüßt

niemals, wenn er ins Zimmer kommt. Wo ist er überhaupt, eben war er ja

noch da.«

Das Bier, das Demba durch den Strohhalm eingesogen hatte, begann zu

wirken. Das Blut pochte ihm in den Schläfen und er verspürte einen

leichten Schwindel, Ohrensausen und Übelkeit im Magen. Er mußte sich

setzen.

Horvath schwieg noch immer und lächelte, Demba sprach in seiner

Verwirrung unaufhaltsam weiter.

»Ich hoffe, Sie haben die Rüge nicht auf sich bezogen, Herr Horvath. Ein

Mißverständnis. Sie waren nicht gemeint. Es liegt mir fern --«

»Schon gut,« sagte Horvath endlich und Demba verstummte sofort.

»Der spinnt,« sagte Dr. Fuhrmann ganz laut und deutete mit seinem

Zeigefinger auf die Stirn.

»Er ist betrunken,« erklärte Georg Weiner.

»Wollen wir nicht gehen?« fragte das eine der beiden Mädchen ängstlich.

»Wir müssen auf Sonja warten,« meinte Weiner.

»Wo bleibt denn Sonja heute so lange?« fragte Horvath.

»Sie muß jeden Augenblick kommen,« sagte Weiner.

Demba horchte auf. Natürlich! Das war wieder auf ihn gemünzt. »Muß jeden

Augenblick kommen,« hatte Weiner gesagt und ihn dabei angesehen. Ich

bitte, was kümmert denn das mich, wenn Sonja kommt? Bin ich ihretwegen

hier? Sehr gut! Muß jeden Augenblick kommen. Eine kleine bissige

Bemerkung, was? Auf mich gezielt, nicht? Aber Sie sind im Irrtum, Herr

Weiner. Sie befinden sich in einem großen Irrtum. Ganz andere Gründe

führen mich hierher. Triftige Gründe. Eine ganze Reihe triftiger Gründe.

Muß den Herren doch sagen, was für wichtige Gründe --

Demba räusperte sich.

»Ein Zufall eigentlich, daß mich die Herren hier treffen,« sagte er.

»Komme sonst selten hierher. Muß Ihnen doch eigentlich auffallen, wieso

ich heute hier bin.«

Dr. Fuhrmann blickte von der Zeitung auf. Weiner nahm die Zigarre aus

dem Mund und sah Demba an. Horvath lächelte.

»Nun, die Sache erklärt sich auf die einfachste Weise. Ich hatte

besondere Gründe, gerade heute hierher zu kommen. Wichtige Gründe. Eine

ganze Reihe sehr wichtiger Gründe.«

»So,« sagte Dr. Fuhrmann und begann, weiterzulesen.

»Gründe verschiedener Art,« sagte Demba, hustete, um Zeit zu gewinnen,

und dachte nach. Aber nicht ein einziger der Gründe verschiedener Art

wollte ihm in seiner Bedrängnis einfallen.

»Die Sache ist die, daß ein anderes Lokal einfach nicht in Betracht

kommen konnte. Dieses da empfahl sich sozusagen von selbst, schon wegen

seiner außergewöhnlich günstigen Lage. Für alle Beteiligten leicht zu

erreichen.« -- Demba atmete auf. Jetzt war ihm endlich etwas

eingefallen.

»Ich erwarte nämlich hier zwei Herren in einer sehr delikaten

Angelegenheit,« flüsterte er geheimnisvoll. »Eine Ehrenaffäre, Sie

werden es ja schon erraten haben. Eine sehr ernste Sache. Verflucht

ernst! Die Herren sollten eigentlich schon da sein. Offiziere von den

Einundzwanziger-Jägern.«

Er stand auf und ging unsicheren Schritts zur Türe.

»Kellner!« schrie er. »Haben nicht zwei Herren nach mir gefragt? Nach

Herrn Demba. Stanislaus Demba. Ein Leutnant und ein Oberleutnant mit

grünen Aufschlägen.«

Der Kellner wußte von nichts.

»Noch nicht?« fragte Demba und war wirklich erstaunt, enttäuscht und

verdrießlich, weil die Herren noch nicht da waren. »Das wundert mich.

Offiziere pflegen in solchen Dingen pünktlich zu sein.«

Er begann ungeduldig zu werden, sah nach der Tür und stampfte mit dem

Fuß auf den Boden. Die beiden Offiziere kamen nicht. Demba entschloß

sich, Dr. Fuhrmann in dieser heikeln Angelegenheit zu Rate zu ziehen.

»Wie lange bin ich eigentlich verpflichtet, auf die Herren zu warten?«

fragte er.

»Lassen Sie mich in Ruhe!« sagte Dr. Fuhrmann grob und las in seiner

Zeitung weiter.

»Wie meinen Sie?« fragte Demba scharf. Jetzt, da er sich plötzlich und

höchst unerwarteterweise im Mittelpunkt einer Ehrenaffäre sah, war er

nicht gesonnen, auch nur die geringste Beleidigung auf sich sitzen zu

lassen. Er trat an Dr. Fuhrmann heran, fixierte ihn und stellte ihn zur

Rede:

»Ich bin genötigt, Sie um sofortige Aufklärung zu ersuchen.«

»Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie Ihren Rausch aus!« brüllte ihn

Dr. Fuhrmann an. »Sie sind ja betrunken! Den Trottel möcht' ich sehen,

der sich durch Sie vertreten läßt.«

Vernichtet zog sich Demba auf seinen Platz zurück. Betäubt, müde und mit

schwerem Kopf brütete er vor sich hin.

Betrunken. Der Mensch dort hielt ihn für betrunken. Hatte es ihm gerade

heraus ins Gesicht gesagt. Demba lachte bitter auf. Sieht mich kaum an

und sagt, ich bin betrunken. Hat gar nicht erst aufgeschaut von der

Zeitung, sagt einfach, ich bin betrunken. Müßte erst bewiesen werden,

verehrter Herr. Wenn ich da auch mitzureden habe, wenn mir ein Urteil in

dieser Sache gütigst gestattet ist -- bin bei Gott noch niemals so

nüchtern gewesen, wie jetzt. Weiß alles, was vorgeht, seh' alles ganz

genau, nichts entgeht mir. Werde Ihnen sofort beweisen. Eine Fliege hat

sich auf Ihren Teller gesetzt, verehrter Herr. Sehen Sie, nichts entgeht

mir. Beobachte alles haarscharf. Das dort ist Weiners Überzieher, aus

der Tasche schaut die Zeitung heraus, -- zweimal gefaltet -- sehe alles.

Belieben den untersten Westenknopf offen zu haben, Herr Horvath -- paßt

sich nicht in Damengesellschaft -- sehe alles. Müßte doch erst wohl

bewiesen werden. Muß die Herren doch drüber aufklären. Betrunken! Werde

einmal rückhaltlos meine Meinung sagen. Was glauben Sie, verehrter Herr!

Was reden Sie da, verehrter Herr! Betrunken! Da muß ich denn doch --

Demba stand auf und ging auf den Nebentisch zu. Er zielte haarscharf auf

die rechte Tischecke, setzte sorgfältig Schritt auf Schritt und landete

wirklich ohne Zwischenfall neben Dr. Fuhrmann.

»Bitte um Entschuldigung, wenn ich Sie in der Lektüre störe,« begann er

und beugte sich zu Dr. Fuhrmann hinab. »Steht ohnedies nichts in der

Zeitung. Generalversammlung des Jagdverbandes. Militärischer

Zapfenstreich. Ein seltenes Jubiläum. Ein Selbstmord in der

Babenbergerstraße. -- Weiß alles. Muß gar nicht hineinsehen. Steht aber

doch nicht alles in der Zeitung.« -- Demba lachte gut gelaunt in sich

hinein. Der Gedanke, daß nicht immer alles in der Zeitung stand, machte

ihm großen Spaß.

»Was wollen Sie schon wieder?« fragte Dr. Fuhrmann.

»Möchte Ihnen nur sagen --,« erklärte Demba. Er räusperte sich und

begann von neuem: »Ich lege Wert auf die Feststellung --.« -- Die

Übelkeit im Magen machte sich wieder fühlbar. Er verspürte ein Sausen in

den Ohren, einen Druck in den Schläfen und die Gasrohre schwankten auf

beängstigende Art über seinem Kopf. Er fand, daß er nicht sicher genug

stand und lehnte sich kräftig mit dem Rücken an einen Sessel. So. Jetzt

war ihm besser.

»Möchte nur feststellen --,« begann Demba nochmals, aber da gab der

Sessel nach und stürzte um. Das Handtäschchen der Schauspielerin fiel zu

Boden und hundert Kleinigkeiten, Geldmünzen, ein Notizbuch, eine Spule

Zwirn, ein kleiner Spiegel, Zigaretten, ein Schildpattkamm, zwei

Bleistifte und ein kleiner Teddybär verliefen sich über den Fußboden.

Demba gelang es, sich auf den Beinen zu erhalten. Er fand einen Rückhalt

an der massiven Tischplatte. -- Betrunken? Unsinn. Er sah alles; er

beobachtete alles. Dort lag das Notizbuch. Das Fünfkronenstück war

hinter den Kleiderständer gerollt.

»Sie Tölpel!« schrie Weiner. »Sie werden noch das ganze Zimmer

demolieren.«

»Gehn Sie nach Hause, schlafen Sie Ihren Rausch aus, hab' ich Ihnen

gesagt!« rief Dr. Fuhrmann.

»Der Spiegel ist zerbrochen!« klagte die Schauspielerin.

Weiner und Horvath waren aufgesprungen und begannen die Dinge auf dem

Fußboden aufzulesen. Demba beteiligte sich an dieser Bergungsarbeit

nicht. Aber er sah aufmerksam und interessiert zu und steuerte

unaufhörlich nützliche Winke bei.

»Das Fünfkronenstück ist hinter den Kleiderständer gerollt,« sagte er.

»Und dort liegt der Bleistift. Rechts! Rechts, Herr Weiner!« --

Betrunken? Lächerlich. Er hatte alles gesehen, nichts war ihm entgangen.

Horvath richtete sich auf und sah Demba verblüfft an.

»Also das ist doch die höhere Frechheit,« schrie er wütend. »Schmeißt

alles auf die Erde und steht ruhig dabei, schaut zu, wie ich mich

plage.«

Er trat hart an Demba heran.

»Vielleicht haben Sie die Güte, die Sachen aufzuheben, die Sie

hinuntergeworfen haben. Aber rasch!«

Demba bückte sich nach dem Teddybären, überlegte sich die Sache jedoch

und richtete sich wieder auf.

»Also wird's oder wird's nicht?« rief Horvath.

Demba schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er. »Lieber nicht.« Er fand es

höchst unbillig, solche Dinge von ihm zu verlangen.

Jetzt mischte sich Dr. Fuhrmann ein.

»Das ist doch -- das geht denn doch über die Hutschnur. Emil, worauf

wartest du? Hau' ihm doch das Glas an den Schädel.«

Demba wurde rot und sah Dr. Fuhrmann vorwurfsvoll an.

Weiner lächelte amüsiert.

»Sie! Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen,« sagte Horvath. »Provozieren

lassen wir uns nicht. Ich zähle jetzt bis drei. Wenn Sie bei drei die

Sachen nicht alle aufgehoben haben, so --! Das Weitere werden Sie

sehen.«

»Lassen Sie doch, Georg. Ich hebe es schon selbst auf,« bat das junge

Mädchen, dem die Sachen gehörten, ängstlich.

»Eins,« sagte Horvath.

Demba runzelte die Stirne, drehte sich um und ging unsicheren Schritts

an seinen Tisch zurück.

»Zwei,« zählte Horvath.

»Was wollen Sie denn von mir!« rief Demba. »Lassen Sie mich doch in

Ruhe.«

»Drei!« rief Horvath. Seine Geduld war zu Ende. Er griff nach seinem

Weinglas und schüttete den Inhalt Demba ins Gesicht. »So. Da haben Sie.«

Die Mädchen schrieen auf.

Demba fuhr in die Höhe. Er war totenblaß, der Wein strömte über sein

Gesicht und blendete ihm die Augen. Er sah kläglich aus und lächerlich

und furchtbar zugleich.

Der kalte Guß hatte ihn mit einem Male nüchtern gemacht. Er sah alles

ganz klar. Eine brennende Scham stieg in ihm auf. Was hatte er getan,

was hatte er geschwätzt! Wie war ihm das geschehen! Wie hatte er denen

dort den Narren abgeben können und den Hanswurst den ganzen Abend

hindurch! Sie hatten ihn verhöhnt, gereizt, wie einen Hund behandelt,

und er hatte es geduldet, um Sonja sehen zu können, und jetzt stand er

da, allen zum Gelächter.

Aber jetzt war's genug. Aller Groll, alle Wut, alle Enttäuschung, die er

den ganzen Tag hindurch stumm hinunter gewürgt hatte, -- das alles kam

jetzt zum Ausbruch. Jetzt wollte er den dreien dort an die Gurgel.

Sie lachten! Sie lachten über ihn! Alle lachten sie. Nun sollten sie

seine Fäuste spüren. Weiner zuerst mit seiner kinnlosen Fratze. Und dann

der andere mit seinem Bulldoggengesicht und dann Horvath.

Er ging auf sie los, konnte nicht sprechen vor Zorn und Scham und Reue

und hatte nur den einen Gedanken, sie alle drei mit bloßen Händen zu

erwürgen.

Aber plötzlich blieb er stehen und biß stöhnend die Zähne zusammen.

Seine Hände waren gefesselt! Seine Hände waren wertlos. Seine Hände

mußten versteckt und verborgen bleiben.

Und er schrie zu Gott verzweifelt nach einer Waffe.

Gott gab sie ihm.

Demba stand vor den Dreien, keuchend vor Zorn, zitternd vor Rachgier,

knirschend vor Mordlust und dennoch wehrlos, ohnmächtig, allen zum

Gespött. Sie lachten über ihn, lachten aus vollem Hals, schüttelten sich

vor Lachen über seinen hilflosen Zorn.

Und Weiner hatte, um nicht bei dem Spaß zurückzustehen, sein Weinglas in

die Hand genommen und rief:

»Noch ein Glas gefällig? Zur Abkühlung!«

Da erklang plötzlich von der Türe her Sonjas helle Stimme:

»Um Gottes willen! Georg! Nimm dich in acht! Er hat einen Revolver in

der Hand!«

18

Im nächsten Augenblick war Panik im ganzen Zimmer. Der Betrunkene hatte

einen Revolver. In jäher Hast stoben alle auseinander und so groß war

der Schreck, so groß die Verwirrung, daß keiner zur Tür hinausfand.

Weiner ließ das Glas fallen, es zerbrach in Splitter und der Wein ergoß

sich auf den Fußboden. Horvath rannte in kopfloser Flucht an Sonja an,

stolperte und warf einen Sessel um. Als Dembas Blick auf ihn fiel, blieb

er sogleich wie gebannt stehen und gab jeden Gedanken an Entkommen auf.

Die beiden Mädchen hatten sich in die Fensternische geflüchtet und

starrten, eng aneinander gepreßt, voll Entsetzen hinter den Falten des

Fenstervorhanges hervor auf Demba, der in der Mitte des Zimmers stand,

stumm, drohend und zur furchtbaren Tat entschlossen.

»Stanie! Was willst du tun?« rief Sonja angstvoll. Sie zitterte für das

Leben Weiners.

Demba gab keine Antwort und dieses Schweigen machte ihn noch

furchtbarer. Doch in Wirklichkeit blickte er mit einem Gemisch von

Staunen und Ratlosigkeit in den Tumult, den er nicht begriff. Warum

schrie Sonja? Und was trieben die anderen? Wollten sie sich über ihn

lustig machen? War das alles verabredet? Gehörte es zu den Scherzen, die

man eben noch mit ihm getrieben hatte?

Er stand, regte sich nicht und wartete.

»Stanie! Das ist ja Wahnsinn! Gib den Revolver weg!« bat Sonja mit

verstörtem Gesicht.

Den Revolver? Wie, zum Kuckuck, kam Sonja auf den Gedanken, daß er einen

Revolver habe? War das ihr Ernst? Er mußte es erproben.

Dr. Fuhrmann war der einzige, der den Kopf nicht ganz verloren hatte. Er

stellte sich, als sähe er die Gefahr nicht. Er gab sich ganz arglos und

unbefangen, trank gemächlich seinen Wein aus und griff nach seinem Hut.

»Also, gehen wir, meine Herren!« schlug er in gleichgültig klingendem

Ton vor. »Auf was warten wir noch? Zahlen können wir auch draußen.« --

Er wollte zur Tür.

»Zurück!« rief Demba. Er rief es sehr zaghaft und erst nach einigem

Zögern. Denn natürlich, jetzt wird der Spaß ein Ende haben, jetzt werden

sie alle anfangen zu lachen und zu brüllen, so wie vorhin. Demba reute

es, daß er »zurück« gerufen hatte und er hätte sich ohrfeigen mögen.

Aber nein! Keiner lacht. Und -- wie sonderbar -- der Mensch dort

gehorcht. Er bleibt stehen. Er geht zurück, Schritt um Schritt, wie ein

Hund, dem man die Peitsche zeigt. Ja, wahrhaftig, er hat Angst vor der

Waffe, vor dem scharfgeladenen, sechsläufigen Revolver.

Nein, sie spielen alle nur Komödie. Gut ausgedacht, schlau eingefädelt,

damit sie mich wieder zu ihrem Narren machen und verlachen können. Oder

nicht? Die Mädchen dort in der Fensternische machen so entsetzte Augen,

das kann doch nicht Verstellung sein. Und der Mensch da zittert, ja, die

Hände zittern ihm. --

Die erstaunliche Tatsache, daß Dr. Fuhrmann vor ihm zitterte, verwirrte

Demba mehr noch als die Trunkenheit und der Haß. Er verbiß und

verstrickte sich in den Gedanken, daß er eine Waffe schußbereit in

Händen hielt, und erprobte, zögernd vorerst und ängstlich, die Gewalt,

die ihm über die anderen gegeben war.

Er wandte sich Horvath zu und stieß mit dem Fuß an den Schildpattkamm

und den zerbrochenen Spiegel, die immer noch auf der Erde lagen und sein

Mißfallen erregten.

»Werden Sie das endlich aufheben? Oder soll jetzt ich bis drei zählen?«

Horvath und Weiner sprangen zu gleicher Zeit herbei und beeilten sich,

die Gegenstände, die auf dem Fußboden verstreut waren, aufzulesen. Auch

Dr. Fuhrmann hielt es für geraten, mitzuhelfen. Demba war betrunken und

hatte einen Revolver. Sie waren in seiner Hand. Da half nichts, als

alles tun, was er verlangte, und wäre es das Tollste. Und abzuwarten, ob

sich Gelegenheit bot, ihn unschädlich zu machen.

Demba freute sich über diesen Eifer. Jetzt hatte er Genugtuung, volle

Genugtuung für die schmähliche Behandlung, die ihm zuvor zuteil geworden

war. Wie sie sich vor ihm bückten und duckten und zu verstecken suchten!

Das Bewußtsein seiner Macht stieg ihm zu Kopf und brachte Unordnung in

seine Gedanken. Ja. Den beiden anderen wollte er das Leben schenken. Er

begnadigte sie. Aber Weiner, der ihm Sonja gestohlen hatte, der sollte

seiner Waffe nicht entgehen, dem sollte alles Bücken und Ducken nicht

helfen, der kam jetzt an die Reihe.

»Weiner!« rief Demba mit einer Stimme, die nichts Gutes verhieß.

Weiner tat, als hörte er nicht, und fuhr fort, auf dem Erdboden nach

Kupferkreuzern und Bleistiften zu suchen.

»Weiner!« brüllte Demba und bekam einen Wutanfall, als er sah, daß

Weiner nicht hören wollte.

Bestürzt fuhr Weiner auf und glotzte Demba mit stumpfen Augen an. Er sah

voll Entsetzen, wie sich unter Dembas Mantel der Revolver regte,

blutgierig und bereit, sein tödliches Werk zu verrichten. Er stand und

wartete, wie der Verurteilte den Henker erwartet, der ihn aus der Zelle

holt.

Sonja machte einen ängstlichen Versuch, ihrem Freund zu Hilfe zu kommen.

»Kellner!« schrie sie plötzlich laut. »Kellner!«

Aber schon stand Demba vor ihr.

»Still!« befahl er. »Keinen Laut mehr, oder --«

Sonja verstummte. Demba drehte sich um und ging auf Weiner los.

»Was wollen Sie von mir?« rief Weiner geängstigt und machte einen

Schritt zurück. »Lassen Sie mich hinaus.«

»Sie wissen sehr gut, was ich von Ihnen will,« sagte Demba.

»Was wollen Sie denn von mir? Ich kenne Sie ja kaum!« zeterte Weiner.

»Wo waren Sie gestern nachts mit Sonja?« brach Demba los. Sein Gesicht

war verzerrt, Wut, Eifersucht und Schmerz hatten sein Gehirn in Aufruhr

gebracht.

»Wo Sie gestern nachts mit Sonja waren, will ich wissen!«

Und Weiner, der die Mündung des Revolvers gegen seinen Leib gerichtet

fühlte, -- nur eines Zuckens des Fingers bedurfte es, und die Kugel

bohrte sich in seine Brust, -- Weiner, der sah, daß in diesem Augenblick

sein Leben völlig in die Hand eines Wahnsinnigen gegeben war, lud, um

sich zu retten, alle Schuld auf Sonja, klagte sie an und gab sie, ohne

zu zaudern, Dembas rasender Rachgier preis.

»Das hab' ich dir zu verdanken, Sonja!« rief er. »Nur du bist an allem

schuld. Hundertmal hab' ich dir gesagt --«

Er unterbrach sich und wandte sich an Demba.

»Hören Sie mich an, ich schwöre Ihnen, ich wußte bis gestern nachts gar

nicht, wie Sie mit ihr gestanden sind. Ich hab' keine Ahnung davon

gehabt, sie hat mir nichts gesagt. Ist das wahr oder nicht, Sonja?«

Sonja gab keine Antwort. Weiner aber, der fürchtete, daß Demba seinen

Beteuerungen keinen Glauben schenken werde, redete unaufhaltsam weiter.

»Ich hab' mich nie um sie gekümmert. Aber sie hat mich zehnmal im Tag

angerufen. Sie hat mir Briefe und Karten geschrieben, einmal einen zwölf

Seiten langen Brief. Ja. So ist die Sache.«

Sonja wurde rot, preßte die Lippen zusammen und blickte zu Boden. Weiner

sah mit angstvoll irrenden Augen bald sie, bald Demba an. Aber Dembas

Gesicht hatte einen unerbittlichen und grausamen Ausdruck bekommen. Ekel

und Verachtung waren in ihm aufgestiegen und er hatte beschlossen, den

Feigling niederzuschießen um dessentwillen, was er da sprach.

»Ist es etwa nicht wahr?« rief Weiner, der die Nähe der Gefahr fühlte.

»Hast du mich nicht Tag für Tag gequält, daß ich zu dir kommen soll,

vierhändig spielen? Bist du nicht auf die Universität gekommen, wenn ich

in der Vorlesung war? Nur dir hab' ich jetzt das zu verdanken.«

»Genug!« rief Demba. Er fühlte plötzlich Mitleid mit Sonja, die stumm

dastand und Weiners Vorwürfe über sich ergehen ließ.

Aber Weiner war nicht zu halten.

»Ist es etwa nicht wahr? Bist du mir nicht nachgegangen auf Schritt und

Tritt --«

»Ja, es ist wahr,« sagte Sonja. »Und jetzt sind wir fertig miteinander.«

»Jawohl. Jetzt sind wir fertig. Jawohl. Fertig,« schrie Weiner erbost,

und seine Stimme überschlug sich. »Und jetzt --«

»Und jetzt -- da hast du dein Geld zurück.« Sonja riß ihr grünes

Krokodilledertäschchen auf und schleuderte ein schmales, rötlichgelbes

Heftchen in Weiners Gesicht.

»Da hast du es zurück!« rief sie. »Du Feigling! Du Feigling! Pfui, du

Feigling.«

Das Rundreiseheft für die Fahrt nach Venedig fiel zu Boden. Und in

diesem Augenblick war es Demba, als ob sich etwas Schweres, Drückendes

von seinem Herzen löste.

Einen ganzen Tag hindurch hatte ihn das Verlangen gehetzt und getrieben,

dieses Heft in seine Hände zu bekommen, um es in Stücke zu zerreißen und

fortschleudern zu können. Einen ganzen Tag hatte ihn die Furcht

gefoltert, daß er zu spät kommen, daß dieses Heft ihm Sonja entführen

werde. Einen ganzen Tag hindurch war er in atemloser Jagd hinter dem

Gelde hergewesen, das ihm helfen sollte, dieses Heft zu erobern und zu

vernichten. Aber das Geld hatte sich, listig und voll Tücke, vor ihm

versteckt, den ganzen Tag hindurch. Und jetzt, am Abend, da er sich

mutlos und mit leeren Händen, ein Geschlagener und Besiegter,

hierhergeschlichen hatte, jetzt lag dieses Heft, das er gehaßt und

gefürchtet hatte, am Boden, wertloses Papier, das er mit dem Fuße

beiseite stoßen konnte. Von selbst war sein Triumph gekommen, er hatte

erreicht, was er sich den ganzen Tag hindurch gewünscht hatte, ohne

Mühe, ohne Kampf hatte er es erreicht, nur weil er seine Hände unter dem

Mantel versteckt hatte.

Und jetzt, um seinen Sieg zu einem völligen zu machen, trat Sonja zu

ihm. Denn, zwiespältig in ihrer Seele, wurde sie zu ihm zurückgezogen,

weil er nicht, wie Weiner, feig seinem Leben nachgelaufen, sondern um

ihretwillen rasend geworden und bereit war, einen Mord zu begehen.

»Komm, Stanie! Gehen wir,« sagte sie leise. »Ja, du hast recht gehabt:

Er ist nichts wert. Komm, laß den Feigling! Geh, wisch' dich doch ab.«

-- Sie nahm eine Serviette vom Tisch und wischte ihm den Wein aus dem

Gesicht.

Demba sah Sonja an und wunderte sich über alle Maßen. Was war in ihn

gefahren gewesen daß er um dieses Mädchens willen wie toll durch den Tag

gerast war, daß er gelogen, gestohlen und gebettelt hatte um

ihretwillen? Sie stand vor ihm und er sah nichts an ihr, nichts, was ihn

fröhlich oder traurig machen konnte, sie war sein, aber er fühlte

nichts, nicht Stolz, nicht die selige Unruhe des Besitzes, nicht die

Angst, sie zu verlieren.

Er war ihrer satt.

Was wollte er noch hier? Was hatte er hier noch zu suchen? Er wandte

sich zum Gehen und konnte doch nicht fort. Die Liebe war tot, nicht

gestorben, o nein: Verreckt, wie ein krankes, häßliches Tier. Aber der

Haß lebte, der ließ sich nicht verscharren, der war groß und mächtig und

zwang ihn, seine Rache zu vollenden.

Die Waffe, die er in seinen Händen zu halten vermeinte, hatte ihn zu

ihrem Sklaven gemacht. Der Rausch der Macht hatte ihn unterjocht, die

Lust zu morden, hielt ihn gepackt und gab ihn nicht frei. Sollte er

gehen und denen dort ihr Leben schenken? Daß sie, wenn er zur Tür hinaus

war, ihn wieder verlachten oder verhöhnten wie zuvor? Nein, sie sollten

nicht lachen. Keiner durfte lebendig aus dem Zimmer. Keiner. Und er sah

sich im Geiste mit hoch erhobenem Revolver vor die drei hintreten und

Schuß auf Schuß in totenblasse Gesichter feuern.

Er beugte sich über den Tisch.

»Es ist fünf Minuten vor halb neun. Ich gebe den Herren fünf Minuten

Zeit,« sagte er, und seine Stimme klang eiskalt und so voll grausamer

Entschlossenheit, daß ihm selbst ein Schauer vor der Furchtbarkeit des

Augenblicks über den Rücken lief. »Verwenden Sie die Zeit nach Ihrem

Gutdünken.«

»Demba! Sind Sie denn verrückt? Was wollen Sie tun?« rief Horvath.

»Ich habe wirklich nicht länger Zeit, ich bedaure, ich werde erwartet,«

sagte Demba und wurde sogleich ärgerlich und verstimmt, weil man seine

Zeit so ungebührlich in Anspruch nehmen wollte. »Nein. Hinaus dürfen Sie

nicht. Zurück!« befahl er. »Oder ich schieße!«

Die drei standen starr und unbeweglich. Der Trunkene machte Ernst. Es

gab keine Rettung vor dem geladenen Revolver. Sie standen und wagten

sich nicht zu rühren. Nur die Gasflammen sangen und die Uhr tickte und

ihre Zeiger krochen ohne Erbarmen dem Ziele zu.

Demba blickte von einem zum andern, prüfte, auf wen er zuerst anlegen

sollte, es war Zeit, die Uhr mußte gleich schlagen und er entschied sich

für Horvath.

Horvath. Ja. Der mußte der erste sein. Nie hatte er ihn leiden mögen. In

seinem Innern begann er mit Horvath noch einen letzten Zank auszutragen.

Dieser hochnasige Flegel! Ist die Elli zu Hause? Nein, die Elli ist

nicht zu Hause, aber ich bin da, guten Tag, Herr Horvath, haben mich

wohl noch nicht bemerkt? So und jetzt -- halb neun --

Ein Geräusch ließ Demba aufhorchen.

Schritte kamen, der Kellner war ins Zimmer getreten.

Demba drehte sich um.

»Packen Sie ihn!« rief Dr. Fuhrmann und sprang ihm an die Gurgel.

19

»Ich hab' ihn!«

»Halten Sie fest!«

»Die Hände! Packen Sie seine Hände!« schrie Weiner dem Kellner zu.

»Lassen Sie los!« brüllte Demba auf und wehrte sich wie ein Wütender

gegen die Arme, die ihn umklammert hielten.

»Geben Sie acht! Er schießt!«

»Er hat einen Revolver!«

»Den Arm! Weiner, pack' den Arm!«

»Achtung!«

Demba war es gelungen, sich loszureißen. Er teilte nach allen Seiten

Stöße und Fußtritte aus und rannte in seiner Wut wie ein Stier mit dem

Kopf gegen den Kellner.

»Festhalten! Festhalten.«

»Ich hab' ihn!«

»Doktor! Packen Sie seine Beine!«

»Loslassen!« tobte Demba und stieß mit dem Fuß aus.

»Ich bin getroffen!« heulte Weiner und fiel in einen Sessel.

Die beiden Theaterschülerinnen kreischten laut auf und hielten die Hände

vor das Gesicht. Sonja stand schon bei Weiner.

»Georg! Was ist dir geschehen?« schrie sie angstvoll.

»Ich bin getroffen! Hilfe!« ächzte Weiner.

»Wo? Um Gottes willen!« -- Alle Feindschaft war vergessen und Sonja

mühte sich totenblaß vor Schrecken um den wimmernden Weiner.

»Lassen Sie los! Ich ersticke!« keuchte Demba; der Kellner preßte ihm

mit beiden Händen den Hals zusammen.

»Den Revolver fort!« befahl Dr. Fuhrmann.

»Ich hab' ihn! Ich hab' seine Hände!« schrie Horvath triumphierend.

»Lassen Sie los! Sie brechen mir den Arm!« gurgelte Demba, blaurot im

Gesicht.

»Ich hab' den Revolver.«

»Achtung! Er ist geladen.«

»Vorsicht! Er geht los!«

Ein letzter, kurzer, verzweifelter Kampf.

Dann stieß Demba einen Schrei aus. Horvath hatte ihm die Hände im Gelenk

gedreht.

»Da ist er.« Und Horvath brachte triumphierend Dembas Hände unter dem

Mantel hervor, zwei unselige, hilflose, jammervolle Hände, mit Ketten

kläglich aneinander gefesselt.

Einen Augenblick lang war alles starr.

Dann gelang es Demba, sich loszureißen.

Er blickte wild um sich, stöhnte leise, schöpfte tief Atem und rannte

zur Tür hinaus.

Ein paar Sekunden lang hörte man ihn im Dunkeln zwischen Stühlen,

Tischen und den leeren Kleiderständern poltern.

Dann krachte eine Tür und alles war ruhig.

Dr. Fuhrmann war der Erste, der die Sprache wiedergewann.

»Was war das?« fragte er, noch immer außer Atem.

»Habt Ihr das gesehen --?« keuchte Horvath, erschöpft von der

Anstrengung des Ringkampfes.

»Der muß wo aus'kommen sein,« sagte kopfschüttelnd der Kellner.

»Wir müssen ihm nach,« rief Dr. Fuhrmann.

»Zur Polizei! Zur Polizei!« schrie Weiner und rieb sich sein Schienbein.

Der Gedanke, daß sie sich alle von einem Schatten, einer Lüge, dem

Phantom einer Waffe hatten betrügen und in Furcht setzen lassen, brachte

sie in Wut. Weiner hob das Rundreiseheft vom Boden auf und wischte

sorgfältig den Staub von seinen Seiten.

»Es ist am besten, wir gehen aufs nächste Kommissariat,« sagte Dr.

Fuhrmann entschlossen. »Weiß vielleicht jemand, wo der Kerl wohnt?«

»Ich,« sagte Sonja mit harter Stimme und sie nahm das höhnische Lächeln,

die spöttischen Blicke und die Verachtung aller auf sich, um Demba zu

verraten. »Ich weiß, wo er wohnt.«

20

Stanislaus Demba kam langsam die Treppe herauf. Vor der Wohnungstür

stand Steffi Prokop und wartete im Dunkeln.

»Stanie?« rief sie ihm leise entgegen. »Daß du doch kommst! Endlich!

Endlich! Es ist gleich neun Uhr. So spät!«

»Wartest du lang?«

»Seit einer Stunde. Ein Dienstmann war da, deine Hausfrau hat ihm die

Tür aufgemacht. Ich habe mich in die Fensternische gedrückt und sie hat

mich nicht gesehen. Er hat einen Brief gebracht, ich glaube, für dich.«

»So,« sagte Demba. Er wartete auf keine Nachricht mehr von der Welt

unten.

»Gehen wir nicht hinein?« bat Steffi.

»Ja. Nimm den Türschlüssel aus meiner rechten Rocktasche und sperr' auf.

Aber leise -- leise! Es muß niemand wissen, daß ich nach Hause gekommen

bin.«

Sie traten in das Zimmer. Demba versperrte die Tür und zog den Schlüssel

ab.

»Also da wohnst du,« sagte Steffi leise. »Wo ist dein Freund, nicht zu

Hause? Wart', ich werde Licht machen.«

»Nein! Wenn Licht im Zimmer ist, kommt gleich meine Wirtsfrau herein.

Dort die Kerze auf dem Nachttischchen, die kannst du anzünden. Hast du

den Schlüssel?«

»Ja. -- Ich glaube.«

»Du glaubst? Was soll das bedeuten?«

»Ich hab' den Schlüssel. Gewiß hab' ich den Schlüssel,« sagte Steffi.

»Gib mir die Hände her. Schau, da liegt der Brief.«

Demba riß den Umschlag auf. Der Brief war von Hübel. Er enthielt die

Mitteilung, daß Dr. Rübsams goldene Uhr sich gefunden hatte. Bei der

Suschitzky. Dr. Rübsam bat vielmals um Entschuldigung und stellte das

Geld zurück, zweihundertsiebzig Kronen. Hiervon habe er, Hübel, sich

erlaubt, fünfzig Kronen zu entlehnen. Besten Dank und bestimmt am

nächsten Ersten.

Demba warf den Brief und die Banknoten auf die Tischplatte. Was war ihm

jetzt das Geld! Ein paar Fetzen bemalten Papiers, nichts weiter. Es kam

zu spät.

»Stanie, ich hab' nicht viel Zeit, ich muß nach Hause,« drängte Steffi

Prokop. »Gib die Hände her, ich will versuchen, ob der Schlüssel

sperrt.«

»Versuchen?« fragte Demba.

»Natürlich, er muß sperren, das ist ja klar,« sagte Steffi und holte den

Schlüssel hervor. »Ich brauch' mehr Licht.« Sie schob die Kerze an den

Rand des Tisches. Ihr Blick fiel auf die Banknoten.

»So viel Geld!« sagte sie und suchte das Schlüsselloch. »Was wirst du

machen mit dem vielen Geld?«

»Nichts. Ich brauche es nicht mehr. Es kommt zu spät.«

»Zu spät? Warum?«

»Es ist gleichgültig, warum,« sagte Demba müde. »Der Schlüssel kommt

zurecht. Gebe Gott, daß ich im rechten Augenblick die Hände frei

bekomme.«

Steffi blickte unruhig auf.

»Im rechten Augenblick?« fragte sie.

»Sie sind wieder hinter mir her,« sagte Demba.

»Wer denn, Stanie, wer denn?«

»Ich glaube, sie werden gleich da sein.«

»Wer denn, Stanie? Die Polizei?«

»Ja. Aber das macht nichts. Hab' keine Angst. Wenn die Handschellen fort

sind, fürcht' ich die Polizei nicht. Die Hände muß ich frei haben. Die

Handschellen müssen fort!«

»Ja. Die Handschellen müssen fort,« stammelte Steffi. »Die Handschellen

müssen fort! Die Handschellen müssen fort! Stanie, er paßt nicht! Er ist

zu groß.«

»Wer? Der Schlüssel?« -- Demba fuhr erschrocken auf.

»Ich hab' mir's gleich gedacht. Ich hab' gleich Angst gehabt.« Sie ließ

die Hände in den Schoß sinken und blickte hilfesuchend in Dembas

Gesicht.

»Wie ist das möglich!« stieß Demba hervor.

»Ich bin nicht schuld,« schluchzte Steffi, mit den Augen um Verzeihung

bittend. »Dieser dumme Mensch!«

»Was ist denn geschehen?«

»Dieser dumme Mensch! Denk' dir: am Nachmittag, während ich im Bureau

war, ist der Schlosserjunge zu meiner Mutter gekommen, weißt du, der Bub

von nebenan. Er hat gesagt, daß er meinen Wachsabdruck verloren hätte

und die Mutter solle ihm mein Tagebuch geben. Stanie, der Schlüssel

öffnet die Handschellen nicht. Er hat mir einen Schlüssel zu meinem

Tagebuch gemacht!«

»Es ist gut,« sagte Demba leise zu sich selbst.

»Stanie! Was werden wir tun?«

»Ich weiß, was ich tun werde,« sagte Demba mit einem Seufzer.

»Stanie!« begann Steffi. »Du mußt mir folgen, ich mein's mit dir gut.

Schau, wär' es nicht am besten, du gingst zur Polizei und sagtest alles,

was geschehen ist? Du bekämst sicher nur eine ganz leichte Strafe, ein

paar Wochen, zwei oder drei Wochen vielleicht nur. Und wenn du

hinauskommst, bist du frei, hörst du, Stanie, dann bist du frei! Frei,

Stanie --«

»Bis auf die Handschellen,« sagte Stanislaus Demba.

»Bis auf die Handschellen?«

»Ja. Die behalt ich mein Leben lang. Die behält ein jeder, der aus dem

Kerker kommt. Weißt du's nicht, Steffi? Strafen werden von der

Gerechtigkeit immer lebenslänglich verhängt. Wer aus dem Kerker kommt,

der muß seine Hände verstecken, denn sie sind für immer geschändet. Er

kann keinem Menschen mehr frei und offen die Hand reichen, er muß mit

ängstlich versteckten Händen durch sein Leben schleichen, so wie ich

heute zwölf Stunden lang die Hände unter dem Mantel -- horch! Da sind

sie schon.«

Es hatte geläutet.

Steffi sprang auf und schlang ihre Arme um Dembas Hals.

»Sie sollen nicht herein! Wenn sie mich hier finden, Stanie, wenn sie

mich hier finden!«

Es läutete nochmals. Die Tür der Wohnung wurde geöffnet. Männerschritte,

zwei harte Schläge an die Zimmertür. »Im Namen des Gesetzes, öffnen

Sie!«

»Wenn sie mich hier finden,« klagte Steffi.

Demba stöhnte. Ein Windstoß kam durchs Fenster und löschte die Kerze

aus. Aber es wurde nicht dunkel, nicht Nacht, sondern trübes, kaltes

Dämmerlicht.

»Heute morgen,« sagte Demba, »als ich in der Dachkammer am Fenster

stand, hab' ich an dich gedacht, Steffi. Hab' an dich gedacht, mir war

bang nach dir, wollte dich noch einmal sehen. Ich hab' mir gewünscht,

daß du bei mir sein sollst, wenn ich sterbe. Und nun bist du da und ich

bin nicht froh, hab' dich mit in mein Unglück gerissen. Jetzt wollte

ich, du wärest weit fort von hier.«

Der Druck der Arme ließ nach. Steffis Bild sank, als hätte sie auf

dieses Wort gewartet, in sich zusammen, wurde zur Nebelwolke, löste sich

und verflog in nichts.

Das Pochen und Klopfen hatte aufgehört. Harte Instrumente arbeiteten an

der Holzfüllung der Tür.

»Es gibt Menschen,« sagte Demba, »die macht die Freiheit nicht

glücklich, Steffi. Nur müde.«

Es kam keine Antwort.

»Ich hab' mir die Freiheit gewünscht. Mit jeder Fiber meines Körpers,

Steffi. Aber ich bin nur müde geworden und jetzt will ich nur noch

eines: Ausruhen.«

Keine Antwort.

»Wo bist du, Steffi?«

Stille.

Nur das Holz der Tür knirschte und krachte.

Demba stand auf. Er stieß mit dem Kopf an das Balkenwerk des Dachbodens.

Er machte zwei Schritte vorwärts, stolperte über einen zusammengerollten

Teppich, stieß mit dem Kopf an die Wäscheleine und fiel auf einen

Strohsack. Die staubgesättigte Luft der engen Kammer legte sich ihm

drückend auf die Lunge. Er raffte sich auf und trat an die Dachlucke.

Verdammt! Der Malzgeruch! Wie kommt der furchtbare Malzgeruch hierher?

Eine Turmuhr schlägt. Neun Uhr! Morgens? Abends? Wo bin ich? Wo war ich?

Wie lange steh' ich schon hier und hör' die Turmuhr schlagen? Zwölf

Stunden? Zwölf Sekunden?

Die Tür springt auf. Ein Grammophon in der Ferne spielt den »Prinz

Eugen«. -- Jetzt -- das Schieferdach glänzt so fröhlich in der

Morgensonne -- zwei Schwalben schießen erschreckt aus ihren Nestern --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Als die beiden Polizisten -- kurz nach neun Uhr morgens -- den Hof des

Trödlerhauses in der Klettengasse betraten, war noch Leben in Stanislaus

Demba.

Sie beugten sich über ihn. Er erschrak und versuchte, aufzustehen. Er

wollte fort, rasch um die Ecke biegen, in die Freiheit --

Er sank sogleich zurück. Seine Glieder waren zerschmettert und aus einer

Wunde am Hinterkopf floß Blut.

Nur seine Augen wanderten. Seine Augen lebten. Seine Augen irrten

ruhelos durch die Straßen der Stadt, schweiften über Gärten und Plätze,

tauchten unter in der brausenden Wirrnis des Daseins, stürmten Treppen

hinauf und hinunter, glitten durch Zimmer und durch Spelunken,

klammerten sich noch einmal an das rastlose Leben des ewig bewegten

Tages, spielten, bettelten, rauften um Geld und um Liebe, kosteten zum

letztenmal von Glück und Schmerz, von Jubel und Enttäuschung, wurden

sehr müde und fielen zu.

Die Handschellen waren durch die Gewalt des Sturzes zerbrochen. Und

Dembas Hände, die Hände, die sich in Angst versteckt, in Groll empört,

im Zorn zu Fäusten geballt, in Klage aufgebäumt, die in ihrem Versteck

stumm in Leidenschaft gezittert, in Verzweiflung mit dem Schicksal

gehadert, in Trotz gegen die Ketten rebelliert hatten, -- Stanislaus

Dembas Hände waren endlich frei.

Leo Perutz

Die dritte Kugel

Roman. 5. Auflage

Geheftet 5 M., gebunden 8 M.

=Kölnische Zeitung=: Das in bewegter Handlung, die doch nicht grob nach

alten Schablonen das Abenteuerliche zusammenstoppelt, sich aufbauende

Werk ist geradezu meisterhaft im Sinne der dargestellten Zeit empfunden.

Reiche kulturgeschichtliche Studien sind künstlerisch lebensvoll

verarbeitet, an keiner einzigen Stelle macht sich trockene Schilderung

geltend, ... kein Geschenkbuch für junge Damen, sondern ein solches für

Männer, und zwar ein richtiges Meisterstück.

=Wiener Allgemeine Zeitung=: In schlaflosen Nächten, die einem dieser

Krieg so freigebig und überreichlich beschert, mag unter tausend

wichtigen und unwichtigen Fragen, die einen bedrängen und für die man

doch nie eine Antwort gewußt, auch diese aufgetaucht sein: Wie wird das

Buch dann beschaffen sein, später, nachher, wenn alles vorüber ist?...

Nun ist der Krieg noch gar nicht zu Ende -- aber das Buch ist schon da.

Es heißt »Die dritte Kugel«, und der es geschrieben, ist ein neuer, ein

unbekannter Mann und heißt Leo Perutz. Ein Buch, das einen überrascht,

das einen überrennt, das nicht zart und sanft, wie es oft üblich war, um

den Leser wirbt, ein Buch, das packt, festhält und überhaupt nicht mehr

losläßt. Auch dann nicht, wenn man längst damit zu Ende ist. Und das ist

das Beste, was man dem Buch nachsagen kann, das nicht nur ein neuer Mann

geschrieben hat, das auch einer neuen Zeit angehört ... Kein Buch für

Frauen; eines für Männer. Vor allem eines, das im ganzen deutschen

Schrifttum kein Zweiter zu schreiben imstande wäre.

Außerdem erschien:

Leo Perutz und Paul Frank

Das Mangobaumwunder

Eine unglaubwürdige Geschichte

11. Auflage. Geheftet 4 M., gebunden 7 M.

=Zeit im Bild, Berlin=: »Das Mangobaumwunder« gehört zu jenen Büchern,

die man in einem Zuge bis zu Ende lesen muß. Die Grundidee der Erzählung

ist konsequent, geist- und humorvoll durchgeführt, und die Verfasser

verstehen es meisterlich, unsere Spannung und unser ... Gruseln

ununterbrochen wachzuhalten.

Zwischen neun und neun · 第 8 / 9 题