»Was geht das dich an?« fuhr Sonja ihn zornig an. »Übrigens war ich bei
meiner Tante, die ist krank und wollte nicht die Nacht über allein
bleiben.«
»Wo wohnt deine Tante? In der Liechtensteinstraße vielleicht?«
Sonja errötete. -- »Nein. In Mariahilf. Wie kommst du auf die
Liechtensteinstraße?«
»Sie fiel mir zufällig ein. Übrigens, sehr schwer krank scheint deine
Tante nicht zu sein, sonst würdest du wohl kaum mit dem Weiner auf
Reisen gehen.«
»Weht der Wind daher?«
»Jawohl. Daher.«
»Bitte, entschuldige, daß ich vergessen habe, dich um Erlaubnis zu
fragen,« sagte Sonja spöttisch.
»Du wirst nicht fahren!« rief Demba.
»Doch. Morgen früh um neun.«
»Ich will es nicht!« schrie Demba wütend.
»Aber ich will es,« sagte Sonja immer gleich ruhig.
»Ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß es dann zwischen uns für
immer zu Ende ist.«
»Und ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, daß es für mich schon
seit einem Vierteljahr zu Ende ist.«
»So,« sagte Demba. »Gut. Dann sind wir also fertig. Nur das eine hab'
ich dir noch zu sagen, daß du mir geschworen hast, niemals einen andern
als mich zu lieben.«
Demba hatte sich von dieser Erinnerung viel versprochen. Aber Sonja
begann zu lachen.
»Wirklich?« fragte sie.
»Ja,« sagte Demba. »Vorigen Herbst. In der Rohrerhütte. Wir gingen nach
dem Nachtmahl in den Park und da --«
»Hab' ich dir nicht vielleicht auch geschworen, daß ich niemals mehr
Hunger bekommen werde? Das hätt' ich ebensogut tun können. Ich hab'
wirklich nicht geglaubt, daß du so kindisch bist, Stanie.«
»Willst du es vielleicht abstreiten?«
»Nein,« sagte Sonja. »Aber damals war ich ein halbes Kind, mit dem du
machen konntest, was du wolltest. Und heute bin ich ein denkender
Mensch. Das ist doch sehr einfach.« Sie zuckte die Achseln. »Jetzt ist
eben alles anders.«
Demba, der geglaubt hatte, in der Erwähnung jenes Abends in der
Rohrerhütte ein unfehlbares Mittel, Sonja umzustimmen, zu besitzen,
wurde verwirrt. Auf ihren Einwand, daß »jetzt eben alles anders sei«,
war er nicht vorbereitet. Er blickte voll Ärger auf die Uhr und stampfte
mit dem Fuß.
»Ich hab' gedacht, daß ich dich in ein paar Minuten werde zur Vernunft
bringen können. Wenn ich dir nur begreiflich machen könnte, wie kostbar
heute jede Viertelstunde für mich ist. Ich hab' so viel zu tun und muß
hier durch deine Halsstarrigkeit meine Zeit verlieren.«
»Ich find' auch, daß du hier ganz unnütz deine Zeit verlierst,« sagte
Sonja.
»Da hilft aber nichts,« sagte Demba entschlossen. »Ich gehe nicht fort,
ehe nicht die Sache zwischen uns ins reine gebracht ist. Und wenn es
mein Verderben ist. Und ich glaube« -- Demba warf nochmals einen Blick
auf die Uhr und stöhnte ganz leise -- »es wird mein Verderben sein.«
Sonja wurde aufmerksam. Hatten diese Worte etwas zu bedeuten? Wollte ihr
Demba Angst einjagen? Aber womit? Es fiel ihr auf, daß Demba irgend
etwas unter dem Mantel zu verstecken schien. Welchen letzten Trumpf
hatte er da in Vorbereitung?
»Du mußt nicht glauben,« sagte jetzt Demba, »daß ich dir die Reise
mißgönne. Du wirst eben mit mir fahren. Heut nachmittag verschaffe ich
mir das Geld und besorge alles Notwendige, und morgen früh können wir
abreisen.«
»Wirklich?« spottete Sonja. »Zu lieb von dir, zu freundlich.«
»Dem Weiner wirst du abschreiben. Ich werde dir den Brief diktieren,«
sagte Demba unbeirrt.
»Jetzt hör' aber endlich auf, Unsinn zu reden. Ich hab' es satt. Das
glaubst du doch selbst nicht, daß ich mir von dir Briefe an meine
Freunde diktieren lasse. Es wird für deinen Geisteszustand am besten
sein, wenn wir uns jetzt ein paar Wochen lang nicht sehen.«
Demba wurde es langsam klar, daß er gegen Sonjas kühle, überlegene Ruhe
nicht aufzukommen vermochte. Seit einer halben Stunde mühte er sich und
kam nicht von der Stelle. Er erkannte, wie hilflos er gegen Sonjas
festen Entschluß war, wußte kein Mittel mehr, auf sie einzuwirken und
sah das Spiel verloren. Und er verlor den Kopf dazu.
Die Photographie Georg Weiners, die noch immer auf dem Schreibtisch lag,
stach ihm ins Auge. Der Anblick des glücklichen Nebenbuhlers reizte ihn
zur Wut und er begann über Georg Weiner loszuziehen.
»Diese aufgeblasene Null! Dieser Ringstraßenaff! In so einen Hohlkopf
hast du dich vergaffen können!«
Sonja wurde zum erstenmal scharf.
»Wenn du anfängst, meine Freunde zu beleidigen, dann sind wir sofort
fertig. Dein Benehmen ist mir nur wieder ein Beweis dafür, daß wir beide
nicht zueinander passen.«
»Schön,« sagte Stanislaus Demba. Seine Sache bei Sonja war ohnehin
verloren. Aber an seinem Gegner gedachte er sich zu rächen, wenn er ihn
auch nur _in effigie_ vernichten konnte.
Er wählte einen sonderbaren Umweg, um sich in den Besitz des Bildes zu
setzen. Eine Fingerspitze kam zwischen den Säumen seines Mantels zum
Vorschein, näherte sich der Photographie, zielte und schleuderte sie vom
Tisch. In der Nähe des Ofens fiel sie zu Boden. Sofort war Demba hinter
ihr her und bückte sich. Aber Sonja, die Georg Weiners Bild vor
Mißhandlungen schützen wollte, war ebenso rasch, wie Demba. Beide
haschten nach der Photographie, und in diesem Augenblick geschah es, daß
Sonja Stanislaus Dembas Hand berührte.
Sie stieß einen leichten Schrei aus und fuhr zwei Schritte zurück.
Sie hatte etwas Eiskaltes, Hartes gefühlt und den Bruchteil einer
Sekunde lang einen Blick auf ein weißblinkendes, metallisch glitzerndes
Instrument erhascht.
Sie begriff sofort. In der ersten Sekunde schon war es ihr klar:
Stanislaus Demba hielt eine Waffe unter dem Mantel verborgen. Sie hatte
nicht Zeit genug gehabt, um unterscheiden zu können, ob es ein Revolver
war, oder ein Messer, oder ein Todschläger, sie wußte nur, daß sich ihr
Leben in höchster Gefahr befand.
Blitzschnell überlegte sie. An Flucht war nicht zu denken. Demba stand
zwischen ihr und der Tür. Von dem Praktikanten war keine Hilfe zu
erwarten. Schlug sie Lärm, so erreichte sie nur, daß Demba seinen
Mordplan sofort ausführte. Sie beschloß, sich zu stellen, als hätte sie
nichts gemerkt. Und alles zu tun, was der Wahnsinnige von ihr verlangte.
Alles zu unterlassen, was ihn reizen konnte. Nur so war Rettung möglich.
Sie hatte sich hinter einen der Schreibtische geflüchtet. Jetzt richtete
sich Stanislaus Demba auf. Die Photographie lag zerrissen auf dem Boden.
Er stieß sie mit dem Fuß in einen Winkel. Dann wendete er sich Sonja zu.
Die Hände mit der Waffe waren wieder unter dem hellbraunen Havelock
verborgen.
Er bemerkte nicht, daß Sonja am ganzen Körper zitterte, und daß sie sich
mit beiden Händen an dem Schreibtisch festhalten mußte, um nicht zu
Boden zu sinken.
»So,« sagte er. »Und jetzt frag' ich dich zum letztenmal: Bleibst du
dabei, morgen mit dem Weiner fortzufahren?«
Die Frage war rein rhetorisch gemeint, denn Stanislaus Demba erwartete
keine Antwort, er hatte die Hoffnung, Sonja umzustimmen, aufgegeben.
Aber Sonja sagte leise:
»Ich weiß es noch nicht.«
Demba blickte erstaunt auf. Das klang ganz ernst und gar nicht
spöttisch, wie alles, was Sonja zuvor zur Antwort gegeben hatte. Er nahm
sich nicht die Mühe, nach einer Erklärung für diese Wandlung zu suchen.
»Du bist noch nicht entschlossen?« fragte er.
»Ich muß es mir erst überlegen.« Durch Sonjas Kopf raste ein einziger
Gedanke: Zeit gewinnen! Nur Zeit gewinnen. Er hatte eine Waffe in den
Händen, er war jähzornig, er stand kaum sechs Schritte weit von ihr --
»Was gibt es denn da lang zu überlegen, Sonja. Du wirst ihm den Laufpaß
geben. Du wirst mit mir fahren. Sag': Ja!, Sonja.«
»Vielleicht,« hauchte Sonja geängstigt. »Wenn ...« Sie stockte. Was
sollte sie nur sagen, um ihn hinzuhalten und nicht zu reizen.
»Wenn ich mir das Geld verschaffe, das wir brauchen. Nicht wahr?« Er
trat näher heran. Sie wich erschrocken zurück, aber er bemerkte es
nicht. Er war sehr zufrieden mit dem Umschwung in Sonjas Stimmung.
»Bis zum Abend habe ich mir das Geld verschafft,« sagte er. »Ich erwarte
das Honorar für den Kolportageroman, den ich ins Polnische übersetzt
habe. Außerdem kann ich in ein paar Häusern, in denen ich unterrichte,
Vorschuß bekommen. Bis zum Abend hab' ich das Geld.«
Sie hörte nicht auf das, was er sagte. Sie sah ihn starr an und dachte
nur an die Mordwaffe unter seinem Mantel. Vor zwei Minuten noch hätte
sie sie nicht beschreiben können. Jetzt aber war sie überzeugt, den
Revolver genau gesehen zu haben, den ihr die Furcht vor Augen malte:
Einen Browning, der wie ein großer Haustorschlüssel geformt war und sie
aus einer dunklen Mündung mordlustig anglotzte.
»Bis zum Abend ist das Geld beisammen,« wiederholte Demba. Er warf einen
Blick auf die Uhr. »Halb elf ist's!« rief er. »Der Teufel noch einmal.
Ich hab' viel Zeit verloren. Ich werde mich beeilen müssen.«
Jetzt wird er gehen -- dachte Sonja. -- Wenn er doch nur schon endlich
fort wäre! --
»Jetzt versprich mir also, daß du mit mir fährst, morgen,« drängte
Demba.
»Ja,« hauchte Sonja. »Vorausgesetzt, daß --« Sie suchte nach irgendeinem
Vorbehalt.
»Vorausgesetzt, daß ich das Geld habe. Natürlich,« unterbrach sie Demba.
»Du sollst nicht um deine Reise kommen. Wenn ich dir am Abend das Geld
nicht auf den Tisch lege, dann, meinetwegen, fahr' mit dem Weiner.«
Er wandte sich zum Gehen, blieb aber nochmals stehen und nickte ihr zu:
»Ich wußte, daß wir uns bald einigen würden, wenn wir erst vernünftig
über die Sache zu sprechen begonnen haben würden. Ich komm' am Abend
nach dem Bureau zu dir. Und jetzt leb' wohl. Ich muß gehen. Ich hab'
keine Zeit zu verlieren.«
Er blickte im Zimmer umher, als suche er noch etwas. Er biß sich in die
Lippen, zuckte die Achseln und ging zur Tür. Auf dem Wege stieß er in
einem plötzlichen Zornanfall einen Sessel zur Seite, der ihm im Wege
stand. Gleich darauf polterte er die Treppe hinunter.
* * * * *
Als Klara Postelberg und Etelka Springer ins Zimmer kamen, fanden sie
Sonja schluchzend und das Gesicht in den Händen vergraben.
»Was ist geschehen?« rief Klara Postelberg.
»Er hat auf mich schießen wollen. Er hat aus einem Revolver auf mich
schießen wollen.«
Etelka Springer schüttelte den Kopf.
»Unsinn!« sagte sie. »Dazu kenn' ich den Stanie zu gut. Der Revolver war
sicher nicht geladen, und du hast dich ins Bockshorn jagen lassen.«
»Nein!« beteuerte Sonja. »Er hat ihn gar nicht gezeigt. Die ganze Zeit
über hat er ihn unter dem Mantel versteckt gehalten. Durch einen Zufall
hab' ich ihn zu sehen bekommen.« Sie begann von neuem zu schluchzen.
»Warum habt ihr mich allein mit ihm gelassen? Ich hab' euch doch
gebeten: Bleibt da! -- Nie im Leben bin ich in solcher Gefahr gewesen.«
-- Sie zitterte noch immer an allen Gliedern.
Etelka Springer wurde nachdenklich.
»Er ist ein gewalttätiger Mensch, das ist richtig,« sagte sie. »Und sehr
leicht erregbar. Aber --« Sie unterbrach sich. »Auf jeden Fall mußt du
den Weiner benachrichtigen.«
»Er kommt erst am Abend nach Wien. Er hat mir eben telephoniert, daß er
zu seinen Eltern nach Mödling fährt.«
»Den Revolver müssen wir dem Stanie abnehmen. Im Guten oder, wenn's
nicht anders geht, mit Gewalt,« sagte Etelka Springer. »Wo ist er denn
jetzt?«
»Ich weiß nicht. Er ist fortgegangen.«
»Aber nein. Dort hängt doch noch sein Hut.«
Wahrhaftig! Stanislaus Dembas breitkrempiger Filzhut hing noch immer am
Kleiderhaken.
Ohne Hut war Demba davongerannt auf seine wütende Jagd nach Geld.
5
Oskar Miksch dehnte sich, gähnte, rieb sich die Augen und richtete sich
halb in seinem Bette auf. Wieviel Uhr es sein mochte, wußte er nicht,
sicher aber war es noch nicht spät. Er konnte nicht lange geschlafen
haben. Er war nicht von selbst erwacht. Ein Geräusch, das wie das
Klirren aufeinander schlagender Teller, Messer und Gabeln klang, hatte
ihn geweckt.
Er erinnerte sich, daß die Überbleibsel seines Frühstücks, eine
halbgeleerte Teetasse und ein angebissenes Marmeladebrot, auf dem Tisch
liegengeblieben waren und begann innerlich, aber ziemlich intensiv auf
seine Hausfrau, Frau Pomeisl, zu schimpfen, die wieder einmal die
Frühstückstasse abräumte, während er noch schlief, und dazu noch
unnötigen Lärm machte.
Als sich seine Augen an das Halbdunkel des Zimmers gewöhnt hatten, -- er
pflegte, bevor er des Morgens zu Bett ging, die Fensterladen zu
schließen, um nicht durch das Tageslicht gestört zu werden, -- erkannte
er, daß er der ehrwürdigen Matrone schweres Unrecht zugefügt hatte.
Nicht sie war es, die Mikschs gestörten Schlummer auf dem Gewissen
hatte, sondern sein sonst so stiller Zimmergenosse Stanislaus Demba.
Demba stand über den Tisch gebeugt, und Miksch sah ihn undeutlich auf
komische und gravitätische Art das Marmeladebrot verspeisen -- er hob es
mit beiden Händen in die Höhe und zum Mund, es sah aus, als ob er
feierlich eine heilige Handlung zelebrierte. Und so oft er die Hände
sinken ließ, klirrte der Teller aus irgendeinem rätselhaften Grund, und
eben dieses Geräusch hatte Miksch geweckt.
Auf dem Sessel neben der Tür saß noch eine zweite Gestalt, die sich bei
schärferem Hinschauen als Dembas hellbrauner, durch seinen eigenen
Schatten vergrößerter Havelock erwies.
Miksch wunderte sich, Demba um diese Zeit zu sehen. Sie trafen einander
sonst tagelang nicht. Miksch war Eisenbahner und kam zumeist erst gegen
neun Uhr morgens vom Dienst nach Hause; um diese Zeit hatte Demba
gewöhnlich schon die Wohnung verlassen; den Tag über ließ er sich nur
selten blicken und auch abends war er meist noch nicht zu Hause, wenn
Miksch wieder in seinen Dienst ging. Sie bewohnten das Zimmer beinahe
ein halbes Jahr lang und hatten während dieser Zeit kaum ein dutzendmal
miteinander gesprochen. Dinge von Wichtigkeit pflegten sie einander auf
zurückgelassenen Zetteln mitzuteilen. Mit Dembas Verhältnissen war
Miksch ziemlich vertraut, er wußte es genau, wenn Demba in Geldnöten
war, in Prüfungssorgen steckte, Zahnschmerzen hatte, in Liebesabenteuer
verfangen war oder mit Garderobeschwierigkeiten kämpfte. Denn der
Student hatte die Gewohnheit, seine Briefe, Bücher und Notizhefte
herumliegen zu lassen, und Frau Pomeisls Neigung, dem einen vom andern
zu erzählen, tat das übrige. Hie und da wandten sie sich mittels
Zettelpost aneinander um Aushilfe, und entliehen etwa eine alte
Frackhose, einen frischen Hemdkragen oder einen Geldbetrag bis zur Höhe
von fünf Kronen voneinander.
»Guten Morgen! Wünsch' guten Appetit!« rief Oskar Miksch den Studenten
an.
Stanislaus Demba fuhr auf und starrte eine Sekunde lang auf das Bett. Er
merkte offenbar erst jetzt, daß Miksch erwacht war. Der Teller begann
wieder zu klirren und gleich darauf verschwand Demba hinter dem Tisch,
so plötzlich, als wäre er versunken.
»Was gibt's denn, Demba? Ist Ihnen etwas zu Boden gefallen? Was suchen
Sie? Warten Sie, ich mache Licht.«
Miksch sprang aus dem Bett und trat ans Fenster, um die Fensterladen zu
öffnen. Als ein schüchterner Sonnenstrahl ins Zimmer fiel, brüllte
Demba, vom Licht wie von einem Messerstich getroffen, plötzlich auf:
»Zum Kuckuck, was fällt Ihnen ein? Lassen Sie doch die Laden
geschlossen. Ich vertrage kein Licht, ich habe Augenschmerzen.«
»Augenschmerzen?« Miksch schloß augenblicklich die Fensterladen, und es
war jetzt stockdunkel im Zimmer.
»Rasende Augenschmerzen! Ich muß doch endlich zu einem Spezialisten
gehen.« Stanislaus Demba war wieder hinter dem Tisch emporgetaucht und
schien mit einem Messer auf ein Brotlaib loszustechen, das auf dem
Tische lag.
»Zum Teufel, es geht nicht!« fluchte er. »Schneiden Sie mir doch ein
Stück Brot ab, Miksch.«
»So wird's freilich nicht gehen,« sagte Miksch. »Man nimmt das Brot in
die eine und das Messer in die andere Hand.«
»Hol Sie der Teufel!« brüllte Demba in einem Anfall ganz unerklärlicher
Wut. »Geben Sie mir keine Lehren, und schneiden Sie mir lieber ein Stück
Brot ab.«
»Es ist nur Faulheit von Ihnen,« sagte Miksch gelassen und langte über
den Tisch nach dem Brotlaib und dem Messer. »Sie lassen sich ganz gern
ein bißchen bedienen, nicht? So, da haben Sie Ihr Brot. Streichen müssen
Sie es sich selbst.«
Demba aß, und wieder benützte er beide Hände, um das Brot zum Mund zu
führen -- in dem dunklen Zimmer sah das aus, als hebe ein Schwerathlet
mühsam mit beiden Händen ein Fünfzigkilogewicht.
Mit dem Schlafen war es aus. Miksch tastete im Dunklen nach seiner Hose
und seinen Hausschuhen und begann sich anzukleiden.
»Ich esse Ihnen da eigentlich Ihr Frühstück weg,« sagte Demba.
»Aber nein! Ich bin vollständig satt.«
»Ich habe Hunger. Ich war fast verzweifelt vor Hunger. Ich habe seit
gestern mittag nichts gegessen, und heute morgens hat mir ein Hund mein
Frühstück weggeschnappt.«
»Wer? Ein Hund?«
»Ja. Ein häßlicher, braungefleckter Pinsch. Und ich mußte ruhig
zusehen.«
»Warum mußten Sie das?«
»Ich hatte im Augenblicke zufällig die Hände nicht frei. Was kümmert Sie
das übrigens? Man kommt manchmal in Situationen, in denen man seine
Hände nicht gebrauchen kann. Ich bringe Sie übrigens um Ihren Schlaf?«
»Ich bin nicht müde. Ich kann nachmittags noch ein paar Stunden
schlafen. Wir sehen uns ohnehin so selten. -- Wie kommt es, daß Sie
heute zu Hause sind? Keine Vorlesungen? Keine Lektionen?«
»Ich bin hergekommen, um mir von der Frau Pomeisl einen Mantel
auszuleihen. Meiner ist zerrissen. Sie hat die Zivilkleider von ihrem
Sohn, der eingerückt ist, zu Hause.«
»Ihr Mantel ist zerrissen?«
»Ja. Er hat ein Loch. Der Hund, wissen Sie, hat nach ihm geschnappt.«
»Sie können meinen haben. Ich brauche ihn erst am Abend. Bis dahin hat
Frau Pomeisl ihren Mantel ausgebessert.«
»Nein. Danke. Ihrer ist mir viel zu kurz.«
»Aber wir haben ja die gleiche Größe.«
»Nein. Ich danke wirklich. Ich werde die Pelerine anziehen, die der Sohn
der Frau Pomeisl zurückgelassen hat.«
»Wie Sie wollen. Was gibt's sonst Neues?«
»Neues? Nichts. Die Sonja will mit dem Georg Weiner nach Venedig
fahren.«
»Georg Weiner? Wer ist das?«
»Ein Idiot. Ein Tennistrottel. Ein Mensch, der niemals von etwas anderem
spricht, als von irgendeinem neuen Gehrock, den er sich bestellt hat.«
»Geben Sie ihm Ihren Segen.«
»Reden Sie doch keinen Unsinn! Lassen Sie sich etwa bestehlen?« rief
Demba zornig.
»Wer bestiehlt Sie denn?«
»Ist das etwa kein Diebstahl, wenn mir einer die Sonja wegnimmt?«
»Nein. Sie ist frei. Nicht an Sie gebunden. Sie kann tun, was sie will.«
»So. Sie haben einen Posten bei der Bahn. Und einen Protektor im
Ministerium. Wenn nun irgendwer Sie bei dem Sektionsrat im Ministerium,
der doch auch 'frei' ist und tun kann, was er will, verdrängen und Ihnen
Ihren Posten wegnehmen würde -- ließen Sie sich das gefallen? Ich soll
zuschauen, wie mir ein anderer die Sonja wegnimmt? Wenn ein armer Teufel
ein Stück Brot stiehlt, wird er eingesperrt, und gegen diese
Buschklepper der Liebe gibt es kein Recht?«
»Wollten Sie denn das Mädel heiraten?«
»Nein.«
»Sehen Sie! In ein paar Wochen hätten Sie sie stehen gelassen. Der
Verlust ist also nicht so groß.«
»In ein paar Wochen. Vielleicht. Aber heut bin ich noch nicht zu Ende.«
»Was heißt das: Noch nicht zu Ende? Die paar Tage oder Wochen können
doch keine Rolle spielen.«
»Aber es ist eben noch nicht zu Ende, verstehen Sie das nicht? Wie soll
ich Ihnen das begreiflich machen? -- Hören Sie: Sie essen ein
Salzstangel. Oder eine Birne. Und Sie legen das letzte Stückchen aus der
Hand, irgendwohin, und Sie suchen es und finden es nicht mehr. Dann
werden Sie den ganzen Tag Hunger danach haben. Sie können andere Dinge
essen, soviel Sie wollen, hundertmal bessere Dinge: das kleine Stückchen
Birne wird Ihnen immer fehlen. Den ganzen Tag hindurch werden Sie
unbewußt ein Verlangen in Ihrem Gaumen und in Ihrer Zunge haben nach
jener Birne, nur weil Sie das letzte Stückchen nicht gegessen haben.«
»Nun. Und?«
»So geht es mir mit Sonja Hartmann. Vielleicht hätt' ich sie in ein paar
Wochen vergessen. Es sind andere da, die viel wertvollere Menschen sind,
als Sonja Hartmann. Aber da sie gestern mit mir gebrochen hat, kann ich
heute ohne sie nicht leben. Der letzte Bissen -- verstehen Sie das
nicht? -- Miksch, Sie müssen mir Geld verschaffen.«
»Sechs Kronen können Sie sofort haben.«
»Sechs Kronen? Ich brauche zweihundert.«
»Zweihundert Kronen? Du lieber Gott, die soll ich Ihnen verschaffen?«
Miksch begann aus vollem Halse zu lachen. »Wozu brauchen Sie das Geld,
Demba?«
»Ich will mit der Sonja nach Venedig fahren.«
»Ich dachte mir's. Glauben Sie, daß es mit dem Geld allein getan wär'?
Wenn das Mädel den andern nun einmal lieber hat!«
»Wenn ich das Geld habe, fährt sie mit mir.«
»Glauben Sie das im Ernst?«
»Ich glaube nichts. Ich weiß es,« sagte Demba. »Ich war vor einer halben
Stunde bei ihr, und sie hat es mir versprochen. Soweit hab' ich sie zur
Vernunft gebracht. Mit ein bißchen Diplomatie und Menschenkenntnis geht
alles. Sie hat seit jeher einen unbezähmbaren Drang, sich die Welt
anzusehen. Sie =muß= diese Reise machen, und wer ihr dazu verhilft, das
ist ihr nebensächlich. Wenn ich mir bis heute abend das Geld verschaffe,
ist der Weiner erledigt.«
»Mit Ihrer Menschenkenntnis war es nie weit her, lieber Demba,« sagte
Miksch skeptisch.
Stanislaus Demba hörte nicht auf ihn.
»Und heute morgen hätt' ich beinahe die zweihundert Kronen gehabt, die
ich brauche. Wenn ich nur im rechten Moment zugegriffen hätte! Aber ich
habe zu lang gewartet, und seither ist mir das Zugreifen erheblich
erschwert worden. Ich könnte mich ohrfeigen, wenn --«
»Wenn?«
»Wenn ich es könnte. Auch das geht nicht mehr so leicht.« Demba lachte
kurz auf. »Genug davon! Also Sie haben kein Geld für mich. Dann muß ich
schauen, daß ich mir's wo anders beschaffe. Leben Sie wohl. -- Ja,
richtig: Die Pelerine! -- Frau Pomeisl!«
Aus dem Nebenzimmer kamen schlurfende Schritte. Die Hauswirtin steckte
den Kopf zur Tür herein.
»Haben Sie gerufen, Herr Miksch? Jessas, haben Sie's aber heut dunkel.
Man sieht ja seine eigenen Händ' nicht.«
»Frau Pomeisl!« bat Demba. »Können Sie mir für heute die Pelerine
leihen, die ihr Sohn früher immer getragen hat? In meinen Mantel hab'
ich mir ein Loch gerissen.«
»Die Pelerine von meinem Anton wollen Sie? Aber warum denn nicht. Die
wird Ihnen nur zu schlecht sein, Herr Miksch, mein Anton hat in der
letzten Zeit, bevor er zum Militär gegangen ist, gar nicht mehr auf die
Gassen gehen wollen mit der Pelerine. Warten Sie, gleich such' ich sie
Ihnen heraus.«
Frau Pomeisl verschwand im Nebenzimmer, und kam nach ein paar
Augenblicken mit der Pelerine zurück.
»So. Da ist sie schon, Herr Miksch. Ein bissel nach Naphtalin stinkt sie
halt.«
»Das macht nichts. Geben Sie sie nur her,« sagte Demba. »Ein praktisches
Ding, so eine Pelerine. Man wirft sie einfach um und knöpft sie vorn zu
und muß sich nicht erst damit plagen, die Arme in diese scheußlichen
Futterale zu zwängen, die der Teufel erfunden hat --«
»In welche Futterale?« fragte Miksch.
»In die Ärmel. Ich vertrage Ärmel nicht. Machen Sie die Fensterladen
auf, Miksch.«
»Haben Sie keine Schmerzen mehr?«
»Schmerzen? Was für Schmerzen?«
»Augenschmerzen.«
»Nein, zum Kuckuck. Halten Sie mich nicht auf mit Ihren Fragen und
öffnen Sie die Fensterläden.«
Helles Tageslicht flutete in das Zimmer.
Demba trat vor den Spiegel, der die Tür des Kleiderkastens und das
Prunkstück des dürftig möblierten Zimmers bildete. Er besah sein
Spiegelbild und nickte mit dem Kopf. Die Pelerine schien seinen Beifall
zu finden.
»Jesses, Sie sind's, Herr Demba!« rief Frau Pomeisl, die ihn erst jetzt
erkannte. »Wenn ich gewußt hätt', daß Sie zu Hause sind. Ich hab'
geglaubt, Sie sind fort. Den Moment hat Sie der Geldbriefträger
gesucht.«
»Der Geldbriefträger? Ist er fort? Sie haben ihn doch nicht fortgehen
lassen?« schrie Demba.
»Nein. Er ist hinauf in den vierten Stock gegangen. Er muß gleich
herunterkommen. Er hat einen Geldbrief für Sie.«
»Das ist gut. Dann werd' ich hinausgehen und ihn abpassen.« Stanislaus
Demba wandte sich zu Miksch und lachte. »Der Herr Weiner wäre erledigt.
Es ist das Geld von dem Schundverleger, dem ich seinen Roman ins
Polnische übersetzt habe. Einen Kolportageroman für Dienstmädchen in
vierhundert Lieferungen _à_ zwanzig Heller, in jeder Lieferung ein
Raubmord oder eine Brandstiftung oder eine Hinrichtung oder eine
Kindesunterschiebung -- er bietet jedem Geschmack etwas. Ich sollte mich
eigentlich schämen, aber Sie wissen, Miksch: _Non olet._ Und er läßt
mich nicht mal lang auf mein Geld warten. Diese Wilden sind doch bessere
Menschen.«
»Und nun kommt das Geld gerade heute. Sie haben wahrhaftig Glück,
Demba!«
»Glück? -- Verdammtes, elendes Pech habe ich!« schrie Demba. »Warum
konnte das Geld nicht gestern kommen. Lieber Gott, wenn es gestern
gekommen wäre!«
»Nun, und worin läge der Unterschied?«
»Daß ich vielleicht einen ruhigeren Tag vor mir hätte, heute -- weiter
nichts,« sagte Demba und starrte zu Boden. Dann gab er sich einen Ruck:
»Jetzt muß ich hinaus, sonst läuft mir der Geldbriefträger fort.«
Nach ein paar Minuten kam Demba zurück. Er öffnete, ohne ein Wort zu
sprechen, den Kleiderkasten, und vergrub sich zwischen alten Hosen,
Röcken und Westen. Als er wieder hervorkam, hatte er einen hochbetagten,
speckig glänzenden, an den Rändern zerfransten Schlapphut auf dem Kopf,
einen monströsen Methusalem von Hut, den Miksch vor etlichen Jahren in
den wohlverdienten Ruhestand geschickt hatte.
»Um Gottes willen! Mit diesem Hut wollen Sie doch nicht unter Menschen
gehen?« rief Miksch.
»Ich hab' keinen andern.«
»Wo haben Sie denn den Ihren?«
»Den hab' ich irgendwo liegen gelassen.«
»Wie kann man denn nur so zerstreut sein.«
»Ich war nicht zerstreut. Ich hab' ihn liegen lassen müssen.«
»Müssen? Ja, warum denn?«
Demba wurde ungeduldig.
»Fragen Sie nicht soviel. Sie können sich das nicht vorstellen? Sie
werden mich mit Ihrer verdammten Phantasiearmut noch ärgerlich machen.
Man muß Ihnen alles lang und breit erklären. Also: Es ist windig. Der
Hut fliegt mir auf das Stadtbahngeleise. Ich lauf' ihm nach und will
nach ihm greifen -- da kommt der Stadtbahnzug. -- Manchmal ist es
besser, die Hand nicht auszustrecken, wenn man nicht unter die Räder
geraten will, Miksch!«
»Sie müssen sich gleich einen neuen Hut kaufen, Demba. Jetzt haben Sie
ja Geld.«
»Nein,« sagte Demba, »ich habe kein Geld.«
»Ist der Briefträger nicht gekommen?«
»O ja,« sagte Demba.
»Oder war das Geld am Ende gar nicht für Sie bestimmt?«
»Doch. Es gehörte mir. Aber --«
Ein Wutanfall kam über Stanislaus Demba. Er stieß wie irrsinnig nach
Frau Pomeisls rotem Plüschfauteuil, und starrte dann im Zimmer umher
nach etwas, was er in Trümmer schlagen könnte. Frau Pomeisls
seidengestickter Ofenschirm, auf dem die Legende der heiligen Genoveva
dargestellt war, hatte das Unglück, Dembas Aufmerksamkeit auf sich zu
ziehen. Er erhielt einen Fußtritt, stürzte ächzend zu Boden und starb
den Märtyrertod. Das schien Herrn Demba soweit zu beruhigen, daß er in
seinem Berichte fortfahren konnte.
»Er hat mir das Geld nicht geben wollen!« tobte er. »Nur gegen
Unterschrift! Er hat mich zwingen wollen, seinen schmutzstarrenden
Tintenstift in die Hand zu nehmen, sein klebriges Buch anzufassen, und
meinen Namen auf eine schmierige Stelle darin zu setzen. Sonst könne er
mir das Geld nicht geben, hat er gesagt. Mein Geld, hören Sie, Miksch?
Mein Geld!«
»Nun, und?«
»Ich lasse mir nichts erpressen,« sagte Demba. »Ich habe nicht
unterschrieben.«
6
»Dreizehn vier sechsundfünfzig! -- Nein, Fräulein, dreizehn vier
sechsundfünfzig. Sechsundfünfzig, Fräulein! Sechsundfünfzig! Sieben mal
acht. -- Ja. -- Wer dort, bitte? Ja? -- Ich bitte, kann ich vielleicht
mit Fräulein Prokop sprechen? Prokop. Pro--kop. Steffi Prokop. Ja. Ich
werde warten.«
»Steffi? -- Ja? -- Endlich! Gott sei Dank! Eine Viertelstunde lang hab'
ich keine Verbindung bekommen. Hier Stanislaus Demba. -- Ja. -- Grüß
dich Gott. Steffi, hör' zu: Ich habe mit dir zu sprechen. Womöglich
gleich. Geht's nicht? Lieber Gott, erst mittag? Geht es nicht doch
jetzt, vielleicht läßt dich dein Chef -- nein? Herrgott, hat sich heut
alles gegen mich verschworen? Also mittag, in Gottesnamen. Sind wir dann
wenigstens allein? Ungestört? Gut. Ich werde kommen. -- Das kann ich dir
durchs Telephon nicht sagen. Ja, natürlich werd' ich dir's erzählen,
deswegen komme ich ja zu dir. Nein, durchs Telephon geht's wirklich
nicht. Es steht einer draußen und hört jedes Wort, und ist schon sehr
ungeduldig, weil er so lange warten muß. Ich läut' jetzt ab. Also um
zwölf Uhr. -- Nach zwölf. -- Gut. -- Gut. Grüß dich Gott, Steffi!«
Stanislaus Demba trat auf die Straße und ließ einen kleinen, dicken
Herrn, der ihn wütend anblickte und unverständliche Beleidigungen
murmelte, in die Telephonzelle. Als er ein paar Schritte gegangen war,
wurde er von der andern Seite der Straße angerufen.
»Grüß Sie Gott, Demba! Wohin des Wegs? Warten Sie, ich komme ein Stück
mit Ihnen.«
Demba wartete. Willy Eisner kam herüber.
Demba nickte ihm flüchtig zu.
»Was ist denn mit Ihnen? Sind Sie denn nicht mehr in Ihrer Bank, daß Sie
vormittags spazieren gehen können?« fragte er.
Willy Eisner machte einen Zug aus seiner Zigarette und blies den Rauch
von sich.
»Doch,« sagte er. »Glauben Sie, die Bank ließe mich gehen? Aber ich
komme eben von der Börse. Ich hatte dort zu tun.«
Willy Eisner flunkerte gern. Er war ein kleiner Beamter in der
Zentralbank und in der Revisionsabteilung beschäftigt. Mit dem
Börsengeschäft der Bank hatte er nichts zu tun. Er war vielmehr damit
betraut gewesen, einen Kassenboten, der einen größeren Geldbetrag bei
sich trug, auf seinem Gang zu begleiten, und hatte nach Erledigung
dieses Auftrages der Versuchung, ein bißchen über die Ringstraße zu
promenieren -- die Glacéhandschuhe in der rechten, das Stöckchen in der
linken Hand -- nicht widerstehen können. Willy Eisner fühlte sich in
seinem Bureau nicht an dem richtigen Platze. Er beneidete alle, die in
einem freien Beruf tätig und nicht an bestimmte Bureaustunden gebunden
waren. Advokaten, Künstler, Handelsagenten. Als sein Lebensideal
schwebte ihm das Dasein eines Menschen vor, der morgens gemächlich seine
Post durchsieht, dann ins Kaffeehaus geht und im bequemen Fauteuil
zurückgelehnt, die Zigarette im Mund, ein Gläschen Likör vor sich auf
dem Marmortisch, das Straßengetriebe betrachtet. Der mittags zur
Korsozeit auf dem Graben flaniert, gerade so lange, als es ihn freut,
Bekannte sieht und gesehen wird, zu Freunden mit gelangweilter Miene ein
paar Bemerkungen über die eleganten Damen macht, dann ohne Hast zu
Mittag speist und schließlich nachmittags an seinem Schreibtisch ein
paar wichtige Geschäfte erledigt. -- Willy Eisner jedoch war genötigt,
von acht bis halb eins und von zwei bis halb sechs in einem Raum, den er
mit acht Kollegen teilte, ununterbrochen Rechnungen und Ziffern zu
vergleichen und richtig befundene Posten mit einem kleinen
Bleistifthäkchen zu versehen.
Er sprach langsam und in gesuchten Wendungen, schaltete nach einzelnen
Worten eine kleine Pause ein, um sie zu voller Wirkung zu bringen und
war überzeugt, daß ihm alle Welt mit Aufmerksamkeit zuhörte, wenn er es
für gut fand, eine Äußerung zu machen.
»Ich habe meine Wohnung aufgeben müssen. Eine wirklich schöne Wohnung.
Aber sie war mir ein bißchen zu eng geworden -- ich brauchte einen Raum
für meine Bibliothek --«
»Entschuldigen Sie,« sagte Stanislaus Demba. »Sie müssen ein bißchen
schneller gehen, ich habe wenig Zeit.«
»Es tut mir leid um die Wohnung,« sagte Eisner und setzte sich in Trab.
»Ich habe angenehme Stunden in ihr verbracht. So viele nette Mädchen
haben mich dort besucht, wirklich nette Mädchen --«
»Ich gehe jetzt in die Kolingasse,« unterbrach ihn Stanislaus Demba.
»Das ist wohl nicht Ihr Weg?«
»In die Kolingasse? Da kann ich leider nur ein kleines Stückchen mit
Ihnen gehen. Ich habe zu viel zu tun in der Bank. Wirklich zu viel zu
tun. Sie müssen wissen, ich disponiere, ich repräsentiere, ich verkehre,
ich wickle Geschäfte ab -- alles.«
»So,« sagte Stanislaus Demba zerstreut.
»Gestern fragt mich der Baron Reifflingen -- kennen Sie den Reifflingen?
Ich speise manchmal mit ihm im Imperial -- gestern fragt er mich also:
Was halten Sie eigentlich von der Gleisbacher Union, haben Sie Meinung
für dieses Papier? Und ich sag' ihm, lieber Baron, Sie wissen:
Geschäftsgeheimnis! Ich habe da leider gebundene Hände, aber --«
Stanislaus Demba blieb stehen, runzelte die Stirne und blickte seinen
Begleiter an. »Was sagen Sie da? Gebundene Hände?«
»Ja. Weil nämlich --«
»So. Gebundene Hände haben Sie. Das muß unangenehm sein.«
»Wie meinen Sie das?«
»Es muß unangenehm sein,« sagte Demba mit einem hämischen Blick.
»Gebundene Hände! Ich stelle mir vor, daß die Fingerspitzen anschwellen
infolge der Blutstauung, daß man das Gefühl hat, als ob sie bersten
wollten. Dann ein Schmerz, der sich bis zur Schulter hinaufzieht --«
»Was reden Sie da?«
»Ich male mir aus, wie es Ihnen zumute sein muß, wenn Sie mit gebundenen
Händen herumlaufen.«
»Aber ich wollte nur sagen: Mit gebundenen Händen, insoferne ich nämlich
das Interesse der Bank ...«
»Genug!« schrie Demba. »Warum reden Sie von Dingen, von denen Sie nichts
wissen, bei denen Sie nichts denken und nichts fühlen. Die Worte, die
Sie sprechen, kommen tot zur Welt und stinken, kaum daß sie aus Ihrem
Mund sind, schon wie Aas.«
»Was fällt Ihnen ein, so einen Krawall zu machen! Mitten auf der Straße.
Ich hab' ihm ja schließlich die Auskunft gegeben. Ich hab' ihm gesagt:
Wissen Sie, Baron, ich will Ihnen ja nicht abraten, ich habe selbst
gekauft, aber es war eben ein Sprung ins Ungewisse. Wenn ich --«
»Was sagen Sie? Ein Sprung ins Ungewisse? Sehr gut! Ausgezeichnet.
Sicher sind Sie schon einmal gesprungen. Ins Ungewisse. Nicht?«
Stanislaus Demba suchte mit Anstrengung einen seiner Wutanfälle zu
unterdrücken und zwang sich, ganz ruhig zu sprechen. »Nicht wahr, man
blickt hinunter und hat anfangs gar keine Angst, man denkt sich: es muß
sein. Angst bekommt man erst -- furchtbare Angst! -- in der Sekunde, in
der man den Halt verliert und zu fallen beginnt. Erst dann, in dieser
Sekunde. Man sieht alles, was rings um einen vorgeht, doppelt deutlich.
Man spürt seine Schweißtropfen auf der Stirn. Und dann -- nun, was
geschieht dann? Nun?«
»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen,« sagte Willy Eisner verwundert.
»He?« schrie Stanislaus Demba. »Sie wissen nicht --? Wie können Sie sich
dann unterstehen zu sagen: Sprung ins Ungewisse. Ich, wenn ich das sage,
bekomme kalten Schweiß auf der Stirne und die Knie zittern mir. Aber
Sie, Sie sagen das sicher bei jeder Gelegenheit so leicht hin und fühlen
nichts dabei.«
»Jeder Mensch ist eben anders, lieber Demba,« sagte Willy Eisner. »Es
können nicht alle Ihre Phantasie haben. Ich wieder --«
»Sie haben gebundene Hände, ich weiß. Bei Ihnen verreckt alles, was
einem andern einmal blutiges Erlebnis war, zu einer blechernen
Redensart. Aber versuchen Sie doch einmal sich vorzustellen, wie das
ist: gebundene Hände. Mir hat einmal geträumt, daß ich einen
widerwärtigen Dummkopf mitten in seine glatte Visage hinein schlagen
müsse, und es ging nicht! Ich hatte gebundene Hände, wirklich gebundene
Hände, nicht durch ein Geschäftsgeheimnis gebunden, sondern mit Ketten
an den Knöcheln, eine Hand an die andere gebunden --«
»Haben Sie immer so lebhafte Träume?« fragte Eisner, dem unbehaglich
zumute wurde. »Ich muß mich jetzt verabschieden. Die Arbeit wartet. Grüß
Sie der Himmel.«
»Was ist das?« sagte Demba und beugte sich über Willy Eisners
ausgestreckte Hand.
»Ich wollte Ihnen die Hand geben, trotz Ihres, ich muß schon sagen,
eigentümlichen Benehmens, das Sie da mitten auf der Straße -- Aber es
scheint, daß Sie --« Er zuckte die Schultern und wandte sich zum Gehen.
»Sehr gut,« sagte Demba. »Sagen Sie mal, Verehrtester, wie kann man
jemandem die Hand geben, wenn man gebundene Hände hat! Möchten Sie mir
das nicht sagen?«
7
Zwischen halb zwölf und zwölf Uhr mittags, wenn die Essensstunde
heranrückte, war es meist sehr still im Café Hibernia gegenüber der
Börse. Das Heer der Handelsagenten, Firmenchefs und Börsenbesucher, die
in den Vormittagsstunden das Lokal mit lärmendem Treiben erfüllten, die
hier ihr Gabelfrühstück nahmen, ihre Geschäfte abwickelten, Konjunkturen
erörterten, ihre Korrespondenz erledigten, und dazwischen hindurch die
Zeitungen studierten, durchblätterten, oder wenigstens durch
Herausreißen des Kurszettels entmannten, hatte sich nach allen
Richtungen verlaufen. Das Nachmittagsgeschäft des Kaffeehauses, der
Aufmarsch der Domino-, Billard-, Tarock- und Schachspieler begann erst
nach ein Uhr. Der Kellner Franz, dem für diese Stunde auch das Ressort
des Zahlmarkörs übertragen war -- der »Ober« war beim Mittagessen --,
lehnte an einem Billardtisch, blinzelte schläfrig mit den Augen und
kiebitzte den beiden einzigen Gästen, zwei Geschäftsreisenden, die ihre
Strohmannpartie noch nicht beendet hatten. Das Fräulein an der Kasse
pickte die Brösel einer angeschnittenen Linzertorte vom Teller auf.
Stanislaus Demba trat ein. Er behielt den Hut auf dem Kopf, aber das
fiel in dem mitten im Geschäftsviertel gelegenen Kaffeehaus, in das die
Gäste oft nur auf ein paar Minuten eintraten, und in dem jeder Eile
hatte oder doch wenigstens merken lassen wollte, nicht weiter auf.
Demba blickte sich um, musterte das Gelände mit den Augen eines
Feldherrn, verwarf einen Tisch in der Nähe der Kasse als für seine
Zwecke ungeeignet, lehnte den Vorschlag des Kellners, der ihn mit
einladender Handbewegung pantomimisch auf eine Reihe vorzüglicher
Sitzgelegenheiten aufmerksam machte, wortlos ab, und entschied sich
schließlich für einen Tisch in einem Winkel des Lokals zwischen zwei
Kleiderständern.
Der Kellner kam mit einem Bückling heran.
»Befehlen der Herr?«
»Ich möchte etwas essen,« sagte Stanislaus Demba. »Was haben Sie?«
»Portion Salami vielleicht. Schönes, kaltes Rostbeaf wär' da!«
Stanislaus Demba schien zu überlegen.
»Ham and eggs, wenn etwas Warmes nehmen wollen,« empfahl Franz in der
höflichen Art Wiener Kellner, die sich lieber die Zunge abbeißen würden,
als daß sie es übers Herz brächten, den Gast wie irgendeinen
gewöhnlichen Sterblichen mit »Sie« anzusprechen.
»Ham and eggs, Portion Salami, Portion Rostbeaf, zwei Eier im Glas --,«
rekapitulierte er nochmals.
»Bringen Sie mir,« entschied sich Demba nach längerem Nachdenken,
»bringen Sie mir Lehmanns Wohnungsanzeiger.«
»Ersten, zweiten Band, bitte?« fragte der Kellner, der eine Bestellung
von größerem Nährwert erwartet hatte, verblüfft.
»Beide Bände.«
Der Kellner holte die dicken Bände aus dem Bücherkasten, legte sie auf
den Tisch und wartete auf den nächsten Auftrag.
Der ließ nicht lang auf sich warten.
»Haben Sie ein Lexikon?«
»Wie, bitte?«
»Ein Konversationslexikon.«
»Jawohl. Den kleinen Brockhaus.«
»Also bringen Sie mir den kleinen Brockhaus.«
»Welchen Band belieben?«
»A bis K,« befahl Demba.
Der Kellner brachte drei Bände.
»Eigentlich brauche ich auch die Buchstaben: N, R und V. Bringen Sie mir
die übrigen Bände auch,« sagte Demba.
Der Kellner schleppte die fünf Bände herbei, der ganze kleine Brockhaus
lag auf Dembas Tisch.
»Ist das das ganze? Fehlt kein Buchstabe?« fragte Demba.
»Nein. Nur noch ein Supplementband ist im Kasten.«
»Warum bringen Sie mir ihn nicht?« rief Demba ungeduldig. »Ich benötige
die Ergebnisse der neuesten wissenschaftlichen Forschung zu meinen
Untersuchungen.«
Der Kellner brachte den Supplementband und zog sich dann ehrfurchtsvoll
zurück. Er trat an den Tisch zu den beiden Kartenspielern, legte die
Hand an den Mund und flüsterte geheimnisvoll:
»Ein Herr von der Zeitung! Schreibt hier seinen Artikel.«
»Kellner!« rief in diesem Augenblick Stanislaus Demba.
»Befehlen der Herr?«
»Haben Sie vielleicht das Handbuch für Ingenieure?«
»Leider nicht dienen --«
»Dann bringen Sie mir den Armeeschematismus und das Jahrbuch für Heer
und Flotte und was Sie sonst von militärischen Handbüchern haben.«
Der eine der beiden Reisenden legte die Karten hin.
»Gegen die hohen Militärs geht's,« sagte er mit einem Blick auf Demba.
»Haben Sie gehört? Den Armeeschematismus! Ist schon recht, soll er's
ihnen nur geben! Wer spielt aus?«
»Wer sagt Ihnen, daß er =gegen= die Militärs ist? Genau so gut kann er
=für= die Militärs schreiben. Vielleicht haben wir dem Herrn Redakteur
zu wenig Dreadnoughts,« sagte der Spielpartner.
»Haben Sie auch den Gothaischen Almanach?« forschte inzwischen Demba den
Kellner aus.
»Jawohl.«
»Den bringen Sie mir auch.«
»Was der alles braucht zu seinem Artikel,« sagte der Reisende. »Und da
hört man immer: Die Journalisten sind nicht gründlich.«
»Den Gotha,« sagte der andere. »Der schreibt etwas gegen den Minister
des Äußeren. Der ist ja ein Graf von und zu.«
»Es kann auch sein, er zielt auf den Kriegsminister. Der ist auch ein
Freiherr von.«
Der Kellner legte den Gothaischen Hofkalender und das gräfliche
Taschenbuch auf Dembas Tisch.
»Das sind doch nicht alle Bände!« fuhr ihn Demba an. »Bringen Sie mir
die anderen Bände auch. Oder soll ich es vielleicht auswendig im Kopf
haben, ob der Reichsfreiherr Christoph Heribert Apollinaris von
Reifflingen aus der älteren Sebastianischen oder aus der jüngeren
Cyprianischen Linie stammt?«
Dem Kellner begann es im Kopf zu wirbeln. Er brachte das Taschenbuch der
freiherrlichen, der uradeligen und der briefadeligen Häuser und dazu ein
Jahrbuch des Vereins ehemaliger Börsebesucher, das ihm mit unter die
Hände gekommen war.
Alle Wissenschaft und Gelehrsamkeit der Welt hatte sich auf Stanislaus
Dembas Tisch zu einer hohen Bastei gehäuft, hinter der der Student
völlig verschwunden war. Nur sein speckig glänzender Hut allein war noch
sichtbar. Aber Herrn Demba schienen alle diese Behelfe noch immer nicht
zu genügen. Er ließ sich auch den Niederösterreichischen Landeskalender,
den Wiener Kommunalkalender und das Hof- und Staatshandbuch der
österreichisch-ungarischen Monarchie bringen, und von den beiden
erstgenannten Werken auch noch den vorletzten Jahrgang.
»Kellner,« rief er, als er das alles hatte. »Was steht dort für ein Buch
im Kasten. Dort, das große, schwarze?«
»Das Fremdwörterlexikon, bitte.«
»Bringen Sie mir das doch sofort! Das brauch' ich sehr notwendig. Ich
muß unbedingt nachschlagen, wie man Leptoprosopie am besten ins Deutsche
übersetzt. Leptoprosopie! Oder können Sie mir das vielleicht sagen?«
»Leider nicht mehr dienen,« stotterte der Kellner, dem ganz wirr im Kopf
geworden war.
Jetzt schien Demba endlich alle Bücher zu haben, die er zu seiner Arbeit
benötigte. Die beiden Reisenden begannen weiter zu spielen; der Kellner
trat an ihren Tisch und sah zu.
»Kellner!« brüllte Stanislaus Demba von neuem, so laut, daß das Fräulein
in der Kasse das Stück Linzertorte, das sie in der Hand hielt, fallen
ließ. »Kell--ner!«
»Sofort, bitte!« rief der Kellner und warf einen Blick in den
Bücherkasten; aber der war leer. Daher nahm er das befleckte gläserne
Tintenfaß und die Pappschachtel, in der das Schreibpapier verwahrt war,
vom Büfett, denn er glaubte den nächsten Wunsch des Gastes erraten zu
können.
»Kellner! Wo bleiben Sie!« rief Demba.
»Bin schon da. Befehlen Tinte, Feder und Papier?«
»Nein,« sagte Demba. »Bringen Sie mir eine Portion Salami, zwei Eier im
Glas, Brot und eine Flasche Bier.«
Der Kellner brachte das Verlangte, und eine Weile hindurch sah man von
Stanislaus Demba nichts weiter, als den Hut, der sich im Rhythmus des
Kauens auf und ab bewegte, und hinter dem Bücherwall bald sichtbar
wurde, bald verschwand.
Einer der Reisenden hatte Zahnschmerzen und befahl dem Kellner
nachzusehen, ob die Kaffeehausfenster alle geschlossen seien. Als Franz
diesen Auftrag ausgeführt hatte, hielt er es für seine Pflicht, Herrn
Demba beim Speisen ein wenig Gesellschaft zu leisten und ihn zu
unterhalten.
»Manche Herrschaften sind so heikel, vertragen kein Lüfterl,« begann er
das Gespräch und deutete auf den Reisenden.
Stanislaus Demba hatte sofort zu essen aufgehört, als der Kellner in
seine Nähe kam. Er ließ Messer und Gabel klirrend auf die Tischplatte
fallen, hob den Kopf und starrte den Kellner durch zwei Brillengläser
über den Lexikonband Löffelhuhn -- Nebenniere hinweg wütend an.
»Was wollen Sie?«
»Mußte leider die Fenster schließen, weil der Herr dort --«
Der Kellner kam nicht weiter.
»Machen Sie sie zu oder lassen Sie sie offen, was geht das mich an!«
brüllte Demba. »Aber stören Sie mich nicht beim Essen!«
Franz verschwand eiligst hinter dem Büfett und kam erst wieder hervor,
als Stanislaus Demba »Zahlen!« rief.
»Bitte sehr, was haben gehabt? Portion Salami, zwei Eier im Glas, eine
Flasche Bier, -- Brote? Zwei? Drei?«
Demba saß eigentümlich steif auf seinem Sessel.
»Drei Brote.«
»Eine Krone achtzig, zwei sechzig, drei sechsunddreißig, drei Kronen
zweiundvierzig, bitte --.«
Demba wies mit den Augen auf die Tischplatte. Dort lagen drei Kronen und
ein paar Nickelmünzen.
Dann erhob er sich und ging zur Tür. Ehe er auf die Straße trat, wandte
er den Kopf und sagte mit verdrießlicher Miene zum Kellner:
»Ich habe hier eigentlich meine große Dissertation über den Stand des
menschlichen Wissens am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts schreiben
wollen. Aber es war mir doch ein bißchen zu viel Lärm in dem Lokal.«
8
Als Steffi Prokop nach Hause kam, fand sie Stanislaus Demba schon im
Wohnzimmer ungeduldig wartend.
»Grüß dich Gott!« sagte sie. »Bist du schon lange hier?«
»Seit zwölf Uhr wart' ich,« sagte Demba.
»Ich kann nichts dafür, daß ich mich verspätet habe. Man läßt mich nicht
eine Minute vor zwölf Uhr aus dem Bureau. Und dann dauert es noch zehn
Minuten, ehe ich die Farbbandflecken von den Händen 'runter bekomm'.
Jetzt hab' ich aber Zeit bis fast drei Uhr.«
Sie legte eilig Hut und Jacke ab, auch den grauen Schleier, den sie
immer umnahm, wenn sie auf die Straße ging. Dann band sie sich die
Schürze vor und nahm Dembas Hut vom Tisch.
»Nun? Willst du nicht ablegen?« fragte sie. -- Demba hatte seine
Pelerine umbehalten.
Demba schüttelte den Kopf.
»Nein! Laß mir den Mantel! Mir ist kalt.«
»Kalt ist dir? Aber geh'. Heut ist doch nicht kalt. Heut kann man schon
wieder im Freien sitzen.«
»Mich friert,« sagte Demba. »Ich bin krank. Ich glaube, ich habe
Fieber.«
»Armer Stanie!« sagte Steffi in jenem mitleidig klagenden Ton, in dem
man Kinder bedauert und tröstet, die beim Spielen gefallen sind und sich
»weh getan« haben. »Armer Stanie. Ist krank, hat Fieber. Armer Stanie.«
Dann änderte sie den Ton und fragte: »Du ißt doch mit uns?«
Demba schüttelte den Kopf.
Sie öffnete die Tür und rief ins Nebenzimmer:
»Mutter, der Herr Demba ißt mit uns!«
»Nein!« rief Demba lebhaft und beinahe aufgeregt. »Was fällt dir denn
ein?«
»Dukatenbuchteln haben wir heut,« sagte Steffi Prokop aufmunternd.
»Nein, ich danke. Ich kann nicht,« sagte Demba.
»Also, du mußt wirklich krank sein, jetzt erst glaub' ich's, Stanie,«
sagte Steffi lachend. »Sonst bist du doch immer bei Appetit. Wart', ich
werd' gleich mal nachschauen.«
Sie griff unter die Pelerine nach Dembas Hand, um ihm den Puls zu
fühlen. Sie fand die Hand jedoch nicht gleich, und erhielt im nächsten
Augenblick einen Stoß, daß sie zwei Schritte zurücktaumelte und sich an
der Kommode festhalten mußte, um nicht zu fallen.
Demba war aufgesprungen und stand, weiß wie die Wand und ganz außer sich
vor ihr.
»Woher weißt du --?« zischte er mit einem feindseligen Blick auf Steffi.
»Wer hat dir verraten, daß --?«
»Was denn? Warum hast du mich gestoßen? Was ist dir denn, Stanie?«
Demba sah das Mädchen mit unsicherem Blick an, atmete schwer und sprach
kein Wort.
»Ich hab' deinen Puls fühlen wollen,« sagte Steffi Prokop kläglich.
»Was?«
»Deinen Puls hab' ich fühlen wollen. Und du stößt mich!«
»So, den Puls.« Stanislaus Demba setzte sich langsam. »Dann ist's gut.
Ich dachte --«
»Was denn? Was dachtest du?«
»Nichts. -- Du siehst ja, daß ich krank bin.« Demba starrte schweigend
auf die Tischplatte. Aus dem Nebenzimmern kam das Klirren von Tellern
und Löffeln. Steffis Mutter deckte den Tisch zum Mittagessen.
Steffi Prokop legte ihren schmalen Kinderarm leicht auf Dembas Schulter.
»Was fehlt dir, Stanie? Sag' mir's.«
»Nichts, Steffi. Nichts Ernstes, wenigstens. Morgen ist's vorüber -- so
oder so.«
»Sag' mir's. Mir kannst du's sagen.«
»Es ist nichts. Wirklich.«
»Aber du wolltest mir doch etwas erzählen. Etwas Wichtiges, das du mir
durchs Telephon nicht sagen konntest.«
»Das ist längst nicht mehr wichtig.«
»Was war es denn, Stanie?«
»Ach nichts. -- Daß ich morgen früh fortfahre.«
»So? Wohin denn?«
»Das weiß ich noch nicht. Wohin Sonja will. Ins Gebirge vielleicht oder
nach Venedig.«
»Mit der Sonja Hartmann fährst du?«
»Ja.«
»Auf lange?«
»Solange Sonja Zeit hat. Ich denke, auf zwei Wochen oder auf drei.«
»Seid ihr denn wieder gut? Ihr hattet euch ja gestritten?«
»Es ist alles wieder gut.«
»Drei Wochen. Da hast du sicher das Geld für den lustigen Roman
bekommen, den du ins Polnische übersetzt hast. Weißt du, den Roman, in
dem gestanden ist: 'Ihre Tochter, Frau Gräfin, hat höchstens noch sechs
Stunden zu leben, vielleicht sogar noch weniger.' Ich hab' damals so
lachen müssen. -- Hat man dir endlich das Geld geschickt? Nun? -- Gib
doch Antwort! An was hast du jetzt gedacht, Stanie?«
Demba blickte zerstreut auf.
»Wo warst du mit deinen Gedanken? Schon in Venedig?« fragte Steffi.
»Nein. Bei dir.«
»Geh, lüg' mich nicht so an. Ich weiß ganz gut, daß du dir nichts aus
mir machst. Ich bin dir zu jung und zu dumm und zu --« Steffi Prokop
warf einen Blick in den Spiegel. Ihre rechte Wange war eine einzige
tiefrote Feuernarbe. Vor Jahren, als sie noch ein Kind war, hatte ihre
Mutter einmal nach der Gewohnheit vieler Wiener Frauen Benzin auf die
Kohlen im Herd geschüttet, um das Feuer anzufachen. Das Kind hatte sie
hierbei auf dem Arm gehabt, und als das Feuer ihre Kleider ergriff,
hatte auch Steffi ihr Andenken fürs Leben davongetragen. Das Feuermal
entstellte sie, das wußte sie genau. Niemals ging sie ohne Schleier auf
die Gasse.
»Und jetzt will ich wissen, was dir fehlt. Starr nicht so in die Luft.«
»Nichts fehlt mir, Kind. Und jetzt muß ich wieder gehen. Ich wollt nur
schauen, wie es dir geht.«
»Geh! Geh! Geh!« sagte Steffi Prokop ärgerlich. »Schau'n, wie mir's
geht! wie wenn dich das interessieren würde! Und überhaupt, sag' mir
nicht immer: 'Kind'. Ich bin sechzehn Jahre alt. Mir kannst du alles
erzählen. Ich weiß, dich drückt etwas. O, ich kenn' dich, Stanie, kein
Mensch kennt dich so gut, wie ich. Wenn's dir schlecht geht, kommst du
zu mir und starrst in die Luft. Wenn dir elend zumut ist, wenn du wütend
bist, wenn du Ärger gehabt hast, kommst du immer zu mir. Wie dir die
Sonja den Brief geschrieben hat, bist du zu mir gekommen. Früher, wie du
noch bei uns gewohnt hast, bist du auch zu mir gekommen, wenn dir in
deinem Kabinett zu kalt war. Hieher in das Zimmer hier, da war immer
geheizt. Und bist auf und ab gegangen und hast studiert oder aus den
alten Griechen deklamiert, _Integer vitae ..._ -- wie geht's weiter?«
»_Integer vitae scelerisque purus --_«, sagte Demba halb in Gedanken.
»Ja -- _lerisque purus_. So heißt's. Und ich bin im Winkel gesessen und
hab' meine Schulaufgaben gemacht, Buchhaltung, Rechnen, Warenkunde --
Wovon träumst du, Stanie? Du hörst mir gar nicht zu. Warum starrst du so
auf den Tisch? Wovon träumst du, sag?'«
»Ja. Vielleicht träume ich,« sagte Demba leise. »Sicher ist alles nur
ein Traum. Ich liege zerschlagen und zerfetzt irgendwo in einem
Spitalbett, und du und deine Stimme und das Zimmer da, ihr seid nur ein
Fiebertraum der letzten Minuten.«
»Stanie! Was ist das? Was redest du da?«
»Vielleicht trägt mich in diesem Augenblick ein Rettungswagen durch die
Straßen oder vielleicht lieg' ich noch immer in dem Garten unter dem
Nußbaum auf der Erde und hab' das Rückgrat gebrochen und kann nicht
aufstehen und hab' die letzten Gesichte und Visionen --«
»Stanie, um Gotteswillen, willst du mir Angst machen? Was ist
geschehen?«
»_Integer vitae scelerisque purus --_«, sagte Demba leise.
»Ich hab' Angst!« klagte Steffi. »Was ist geschehen? Jetzt mußt du mir's
sagen!«
»Sei still! Es kommt jemand,« sagte Demba rasch.
Frau Prokop steckte den Kopf durch die Türspalte.
»Stör' ich?« fragte sie scherzend. Wie geht's, Herr Demba? Gut immer,
nicht? Steffi, ich wollt' dir nur sagen, die Suppe wird kalt. Herr
Demba, essen Sie nicht einen Löffel mit uns?
»Ich danke, gnädige Frau, ich bin schon nach dem Essen.«
»Mutter!« sagte Steffi. »Geh, heb' mir das Essen auf. Ich komm' dann
hinein. Herr Demba und ich haben noch etwas zu besprechen.«
»Und jetzt sprich!« sagte Steffi, als Frau Prokop draußen und die Tür
verschlossen war. »Ich hab' nicht mehr viel Zeit. In einer Stunde muß
ich wieder ins Bureau.«
Demba lachte verlegen auf.
»Ich weiß nicht, was da vorhin über mich gekommen ist. Heute vormittag
war ich zwar auch nicht in bester Stimmung, aber ich habe doch nicht
einen Augenblick lang den Kopf hängen lassen und den Mut verloren,
obwohl mir so ziemlich alles fehlgeschlagen ist, was ich angepackt hab'.
'Angepackt' ist übrigens sehr gut.« -- Demba stieß ein kurzes, heiseres
Lachen hervor. -- »Manchmal ist die Sprache geradezu witzig. 'Angepackt'
ist nämlich wirklich nicht ganz das richtige Wort. Also sagen wir:
Angerührt --, nein, in die Hand genommen -- auch nicht! Zum Kuckuck,
alles was ich unternommen habe -- so ist's richtig! Also alles, was ich
unternommen habe, ist mir durch die Finger geglitten -- hätt' ich jetzt
wieder beinahe gesagt! Meine eigene Zunge hält mich zum Narren. Alles,
was ich angepackt habe, ist mir durch die Finger geglitten.
Ausgezeichnet. Wirklich, ausgezeichnet! Galgenhumor der Sprache. Aber es
war doch nicht so, sondern ich wollte sagen: Alles, was ich unternommen
habe, heut vormittag, ist mir mißglückt.«
»Ich verstehe dich nicht, Stanie.«
»Das ist doch sehr einfach. Alles ist mir heut fehlgeschlagen. Aber ich
hab' doch nicht den Mut verloren, das wollt' ich nur sagen. Nur vorhin
ist's über mich gekommen. Ich war beinahe sentimental. Nicht wahr? Ich
will dir gestehen: Ich bin nahe daran gewesen, den Kopf in deinen Schoß
zu legen und zu weinen. So elend war mir zumut. Und eigentlich ohne
Grund. Wirklich. So tragisch ist nämlich die ganze Sache nicht.«
Er sah dem Mädchen unsicher ins Gesicht, hustete ein paarmal verlegen
und fuhr dann fort:
»Du bist der einzige Mensch, Steffi, zu dem ich Vertrauen hab'. Du bist
klug und mutig und verschwiegen. Du wirst mir helfen. Vorhin war ich ein
bißchen merkwürdig, nicht wahr? Aber das war nur ein Schwächeanfall, und
jetzt ist's vorüber. Du darfst nicht glauben, daß ich mir auch nur
soviel aus der ganzen Sache mache.«
»Also sag' doch endlich, was geschehen ist, Stanie,« bat das geängstigte
Mädchen.
Demba atmete schwer auf.
»Ich bin nämlich --. Also kurz und gut: Die Polizei ist hinter mir her.«
»Die Polizei!« -- Steffi Prokop sprang auf.
»Schrei doch nicht! Du alarmierst das ganze Haus,« mahnte Demba.
Sie beherrschte sich und zwang ihre Stimme in ein leises, gehauchtes
Flüstern.
»Was hast du getan?«
»Ein Verbrechen, Kind,« sagte Stanislaus Demba in gleichgültigem Ton.
»Das kann ich nicht leugnen. Aber ich bring's nicht fertig, mich zu
schämen. Ich kann ganz ruhig davon sprechen. Mein Verstand und meine
Logik billigen es. Nur die Polizei ist halt dagegen.«
»Ein Verbrechen.«
»Ja, mein Kind. Ich habe drei Bücher aus der Universitätsbibliothek
einem Antiquitätenhändler verkauft. Das heißt, verkauft hab' ich nur
zwei. Das dritte hab' ich heute morgen umsonst hergegeben. Schau mich
doch nicht so entgeistert an. Jetzt verachtest du mich natürlich. Da hat
es keinen Sinn, wenn ich weiter erzähle.«
»Warum hast du das getan, Stanie!«
»Lieber Gott! Warum! Ich habe eine Studie über die Idyllen des
Calpurnius Siculus und seine _Hapax legomena_ geschrieben. Eine Arbeit
über ein paar agrarische Fachausdrücke, die dieser Calpurnius Siculus
verwendet, deren Bedeutung strittig ist und die in der übrigen römischen
Literatur nicht vorkommen. Dazu hab' ich gewisse Quellenwerke gebraucht.
Ich bekam einiges aus der Universitätsbibliothek. Aber drei alte,
wertvolle Drucke wollte mir der Kustos nicht nach Hause geben. Ich
brauchte sie aber, und so trug ich sie einfach unter dem Mantel fort.«
»Und jetzt ist die Polizei --«
»Deswegen? Ach Gott, nein. Das ist jetzt über ein Jahr her. Und kein
Hahn hat in der Universitätsbibliothek nach den Büchern gekräht.
Vielleicht, wenn sie wieder jemand verlangen würde, dann vielleicht
würde man ihr Fehlen bemerken. Aber ich war seit einem Jahrzehnt der
erste, der sie gebraucht hat, das hat mir damals ein Bibliotheksbeamter
gesagt. Also diese drei Bücher habe ich fortgetragen. Meine Arbeit ist
nach drei Monaten fertig geworden. Ich hab' sie in einer großen
Fachzeitschrift veröffentlicht. Sie hat ziemlich viel Beachtung
gefunden. Eine große Diskussion hat sich über ein Wort, für das ich eine
neue Deutung gegeben habe, entsponnen. Ich bin gelobt und bin
angegriffen worden. Ich habe viel Zuschriften bekommen. Professor Haase
in Erlangen und Professor Mayer in Graz haben meine Auffassung
verteidigt und der berühmte Riemenschmidt in Göttingen hat meine
Untersuchung scharfsinnig genannt. Um ehrlich zu sein: Es war nicht
eigentlich Scharfsinn, der mich das Richtige finden ließ. Es hat sich um
Ausdrücke aus der antiken Bauernsprache gehandelt. Aber meine Eltern und
Ureltern sind eben Bauern gewesen und ich bin hellsichtig in solchen
Dingen.
»Bezahlt wurde mir die Arbeit so, daß Kosten für Tinte, Feder und Papier
gedeckt waren, und vielleicht ein paar von den Zigaretten, die ich
während des Schreibens geraucht habe. Der Dienstbotenroman, den ich
übersetzt habe, trägt mir genau das Zwölffache. Dafür hab' ich die
Bücher behalten. Wem hab' ich sie weggenommen? Sie wären nutzlos und
verstaubt in einem dunklen Winkel der Universitätsbibliothek gelegen und
nur der Katalog hätte von ihnen gewußt.«
»Aber die Polizei, Stanie! Die Polizei!« klagte Steffi Prokop
verzweifelt.
»Ach Gott, die Polizei! Wenn's nichts anderes wäre, die macht mir keine
Sorge, derentwegen wär' ich nicht zu dir gekommen. Nein. Das ist es
nicht. So einfach liegen die Dinge nicht. Ich will dir alles erzählen.
Jetzt geht's viel leichter. Hör' zu.«
Aber er sprach nicht weiter, sondern trat ans Fenster, blickte hinaus
und pfiff leise vor sich hin.
»Nun?« fragte Steffi Prokop.
Er drehte sich um.
»Ja. Also wo war ich stehen geblieben. Die drei Bücher, richtig. Die
beiden ersten hab' ich vor einem halben Jahr verkauft. Ich hatte
Schulden. Ich trug sie in die Antiquitätenläden in der Johannesgasse und
in der Weihburggasse. Aber dort wollte man mir nichts dafür geben. Die
Leute verstehen nichts. In alten Drucken legen sie ungern ihr Geld an.
Einer von ihnen wollte sie nach dem Gewicht kaufen.
Ich erfuhr durch Zufall den Namen eines Bücherliebhabers in
Heiligenstadt, eines Sonderlings, der halb Trödler, halb Sammler ist.
Ich ging hin. Er verstand wirklich etwas von Büchern. Für das eine
zahlte er mir fünfzig Kronen; einen Monat später, als ich wieder Geld
brauchte, bekam ich für das zweite fünfundvierzig. Die Bücher waren mehr
wert, besonders das zweite, aber immerhin, die Preise waren annehmbar.
Das dritte Buch wollte ich nicht verkaufen. Es war ein prachtvoller
Druck, siebzehntes Jahrhundert, eine Ausgabe des Calpurnius Siculis aus
der Offizin Enschede & Söhne in Amsterdam mit Interpolationen, Glossen
und Marginalien und einem Titelblattkupfer, den Aart van Geldern
gezeichnet hat. Der Einband war mit vier Halbedelsteinen und einer
Elfenbeinschnitzerei verziert, die einen ziemlichen Wert besaßen.
Das Buch wollte ich behalten. Ich hab' es auch nicht hergegeben, die
ganze Zeit über und wenn ich noch so sehr in Geldnot war. Und in
Geldverlegenheit war ich fast immer. Einmal im Jänner ist es mir so
schlecht gegangen, daß ich in der strengsten Kälte meinen Winterrock ins
Leihhaus tragen mußte. Aber das Buch hab' ich doch nicht hergegeben.
Bis ich gestern das von der Sonja hörte. Das muß ich dir auch erst
wieder erzählen. Ich erzähle dir alles. Ich bin so müde, Steffi, und es
tut mir wohl, alles zu erzählen. Daß wir uns in der letzten Zeit öfters
gestritten haben, die Sonja und ich, das weißt du. Es war nicht mehr
ganz so wie früher. Aber ich legte dem keine Bedeutung bei, ich wußte,
daß Sonja manchmal ihre Launen hatte. Auch mit dem Weiner ließ ich sie
ruhig verkehren. Bei mir ist das eine Art Hochmut. Kann mir dieser
Weiner irgend etwas wegnehmen? -- dachte ich. Dieser Weiner mir? Er ist
ein aufgeblasener Hohlkopf. Ich habe noch nie ein Wort oder einen
Gedanken aus seinem Mund gehört, auf den einzugehen es sich verlohnt
hätte. Dabei ist er feig und hinterhältig und selbstsüchtig. Ich dachte
mir: sie mag selbst darauf kommen, wieviel der Kerl wert ist.
Nun, und gestern kam ich abends in ihre Wohnung. Sie war nicht zu Hause.
Aber auf dem Tisch stehen zwei gepackte Reisetaschen. Ich frage die
Quartierfrau. 'Ja, das Fräulein verreist.' 'So,' sag' ich. 'Wohin denn?'
Ja, das wisse sie nicht. Ich war ganz erstaunt. 'Für den Urlaub ist's ja
noch viel zu früh,' denk' ich mir. Und außerdem hätt' sie mir doch was
davon gesagt. Und wie ich mich im Zimmer umschau, seh' ich ein
Schreibtischfach offen und drin liegt ein großes Kuvert ganz obenauf von
der Firma Cook & Son.
Ich nehm' es und mach' es auf. Da sind die beiden Fahrscheinhefte drin.
Eines auf ihren Namen und eines auf: Georg Weiner, _stud. jur._
Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich glaub', so ist einem zumute,
wenn man überfahren wird oder einen Nervenchock bekommt. Wie ich aus der
Wohnung hinausgekommen bin und die Treppe hinunter, weiß ich nicht. Eine
halbe Stunde lang bin ich in den Gassen, die um Sonjas Wohnung liegen,
herumgeirrt, wie ein Fremder und konnte mich nicht zurechtfinden, obwohl
ich in diesem Stadtteil wie zu Hause bin.
Dann bin ich wieder ein bißchen ruhiger geworden und hab' die Sonja
gesucht. Zuerst im Kaffeehaus. Die Sonja geht fast täglich ins
Kaffeehaus, das ist etwas, was mir nie an ihr gefallen hat. Ich hab' ihr
das oft gesagt: eine Frau soll nicht ins Kaffeehaus gehen. Zu einer Frau
soll man vier Treppen hoch steigen müssen, mit klopfendem Herzen muß man
an ihrer Tür läuten. Und dann soll man sie erst nicht zu Hause antreffen
und umsonst gekommen sein. Wenn man dann enttäuscht die Treppe
hinuntergeht, dann fühlt man erst, daß man sie liebt. Aber eine Frau,
die man, so oft man Lust hat, sie zu sehen, in seinem Kaffeehaus
vorfindet, so sicher, wie den 'Simplizissimus' oder das 'Tagblatt', die
verliert an Wert und wird Alltag.
Die Sonja also hat vier Kaffeehäuser, in denen sie verkehrt. Zwischen
neun und zehn ist sie meist im Café Kobra, dort verkehrt sie mit ein
paar Malern und Architekten. Doch gestern war sie in keinem der vier
Lokale. Aber ich traf einen ihrer Bureaukollegen, der wußte auch schon
von ihrer Reise. Der hat mir bestätigt, daß sie mit dem Weiner nach
Venedig fahren will.
Um zehn Uhr war ich nochmals bei ihr in ihrer Wohnung, aber sie war noch
immer nicht zu Hause. Bis ein Uhr bin ich vor ihrem Haus auf und ab
gegangen. Sie kam nicht, und als es eins wurde und sie noch immer nicht
da war, sah ich ein, daß es keinen Zweck hatte, länger zu stehen. Der
Weiner hat ein Absteigquartier in der Liechtensteinstraße, dort hätte
ich warten müssen.
Ich hatte inzwischen Zeit genug gehabt, über die Sache ruhig
nachzudenken. Über Sonjas Beweggründe. An dem Georg Weiner selbst konnte
sie nichts finden, das war klar. Gar nichts. Er ist eine niedere
Menschenform. Daß er manchmal Poker spielt, ist die einzige geistige
Regung, die ich hie und da an ihm beobachtet habe, und auch da verliert
er zumeist. Du kennst ihn nicht, aber ich hab' immer, so oft ich ihm
begegnet bin, schon vorher, lang eh' ich gewußt hab', wer das ist, immer
hab' ich ganz unwillkürlich den Gedanken gehabt: 'Dieser Mandrill hat
doch eigentlich einen ganz menschenähnlichen Gang'. Weißt du, nicht aus
Gehässigkeit, sondern ich war wirklich erstaunt, daß er so gut aufrecht
gehen konnte, und dachte mir, das muß ihm doch große Mühe machen, warum
plagt er sich so und geht nicht einfach auf allen vieren? Also der
Mandrill will mir jetzt die Sonja wegnehmen. Es ist eigentlich zum
Lachen. Und doch geht sie mit ihm. Das kann nur die Aussicht auf die
Reise sein. Reisen machen, das ist Sonjas große Leidenschaft. Sie möchte
die Welt sehen, wie und mit wem, das ist ihr gleichgültig, sie ginge als
Stewardeß auf ein Schiff, wenn man sie nähme, sie ginge als
Lokomotivführer oder als Handgepäck, wenn es nicht anders zu machen ist.
Ganz kindisch ist sie in diesen Dingen. Sie hat mich früher oft gebeten,
mit ihr zu fahren, aber ich habe niemals die paar hundert Kronen gehabt,
die eine Reise gekostet hätt'. Der Georg Weiner hat das Geld. Sein Vater
ist ein Lederhändler in der Leopoldstadt. Und das war mir klar: wenn ich
heute dreihundert Kronen aufbringe, so läßt sie den Weiner sofort stehen
und fährt mit mir.«
»Stanie!« sagte Steffi Prokop. »Ist das dein Ernst?«
»Natürlich.«
»Wie kannst du nur so von ihr denken? Wie kannst du glauben, daß es sich
ihr nur um Geld oder um eine Reise oder um sonst etwas handelt. Sie hat
ihn gern. Sie will mit ihm allein sein.«
Stanislaus Demba lachte.
»Mit ihm? Mit dem Georg Weiner? Man sieht, daß du ihn nie gesehen hast.«
»Stanie, du bist so klug und doch denkst du wie ein Kind. Frauen sind
anders, als ihr Männer. Euch stößt es ab, wenn eine häßlich ist. Aber
eine Frau kann einen Mann liebhaben, auch wenn er bucklig ist oder
entstellt oder dumm. Gerade, weil er so dumm ist, kann eine Frau einen
Mann liebhaben. Das verstehst du nicht. Nie wird die Sonja mit dir
fahren, und wenn du die Brieftasche voll Tausendguldennoten hast.«
»So,« sagte Demba. »Du weißt es natürlich besser. Und ich sag' dir, sie
wird mit mir fahren. Ich war bei ihr und hab' mit ihr gesprochen.« --
Demba lehnte sich in seinen Sessel zurück und genoß seinen Triumph.
»Wirklich? Hat sie dir das gesagt?« fragte Steffi.
»Jawohl.«
»Dann tut sie mir leid,« sagte Steffi Prokop leise und verzagt. »Erzähl'
weiter.«
»Ja. -- Also wie ich drüber nachdenk', woher ich das Geld nehmen soll,
da ist mir das Buch eingefallen. Das Buch ist viel Geld wert. Vielleicht
sechshundert oder achthundert Kronen.
Ich bin nach Hause gegangen, hab' mich aber nicht zu Bett gelegt. Ich
bin die ganze Nacht aufgeblieben und hab' in dem Buch gelesen. Von jedem
kleinen Holzschnitt hab' ich Abschied genommen. Mein Herz hing an dem
Buch. Und heute, zeitlich morgens, hab' ich's nach Heiligenstadt
getragen.
Der Händler wohnt in der Klettengasse 6. Man fährt durch die
Heiligenstädter Straße, steigt bei der dritten Haltestelle aus, biegt in
die erste Seitengasse links ein und hat dann noch etwa vier bis fünf
Minuten zu gehen. Er wohnt in einem kleinen, zweistöckigen Vorstadthaus
mit einer ganz schmalen Zwei-Fenster-Front. Obwohl ich schon vorher dort
gewesen war, fand ich es lange nicht, erst, als ich zum drittenmal
vorüberging. Es muß irgendwo in der Nähe eine Brauerei sein, denn die
ganze Gasse ist erfüllt von dem unangenehmen, dumpfen Malzgeruch, den
ich nicht vertragen kann. Er macht mich wütend.
Dann ging ich in den ersten Stock hinauf und hielt mir mit der Hand die
Nase zu, denn der Malzgeruch verfolgte mich auch ins Haus hinein und bis
auf die Treppe.
Ich läutete, mußte eine Weile warten, läutete noch einmal, und dann
hörte ich Schritte und eine Stimme: 'Ja, ja. Ich komme schon.' Dann
machte der Alte selbst die Türe ein klein wenig auf und schaute durch
den Spalt. Er erkannte mich und nahm die Vorlegkette ab. Ich trat ein
und er führte mich in sein Arbeitszimmer.
Dieses Arbeitszimmer ist der merkwürdigste Raum, den ich je gesehen
habe. Schlafzimmer, Kontor, Museum, Magazin zu gleicher Zeit und
scheinbar auch Atelier -- der Kerl restauriert auch Bilder. Das edelste
Kunstmobiliar und der erbärmlichste Trödel stehen wüst durcheinander.
Zum Beispiel, da ist ein Schrank aus Nußholz, vielleicht Frühbarock, mit
wundervollen, dunkeln Stabeinlagen, aber seine Kleider hat der Alte
nicht in diesem Schrank, sondern in einem halbzerbrochenen, deckellosen
Wäschekorb. Ein schönes, geschnitztes Bett mit Blattwerk und einem
adeligen Wappen, das früher einmal vergoldet gewesen sein muß, steht im
Zimmer, aber sein Besitzer schläft auf einer schmutzigen, roten
Matratze, die in einem Winkel auf dem bloßen Erdboden liegt. Ein
französischer Eichenschreibtisch mit Rosenholzbelag ist da, aber der
Alte arbeitet an einem wackligen Tisch, auf dem ein schlechtes,
gläsernes Tintenfaß steht. Dort liegt auch seine Lupe und ein Haufen
Papier und sein Geschäftsbuch, in das er die Ein- und Verkäufe einträgt.
Und überall im Zimmer liegen und stehen Silberleuchter herum und alte
Drucke und Kristallgläser und Porzellanfiguren. Auch ein 'Heiliges Grab'
aus Ebenholz und Perlmutter steht in der Ecke. Das muß er billig gekauft
haben und er möchte es wahrscheinlich rasch wieder verkaufen, denn er
ist ein galizischer Jud und hat an dem 'Heiligen Grab' sicher keine
rechte Freude.
So sieht's in seinem Arbeitszimmer aus. Man bekommt das Gefühl der
Nichtigkeit und Wertlosigkeit alles Sammelns. Es sind die schönsten,
wertvollsten Stücke da, und doch sieht das Zimmer trostlos aus, und das
Loch einer siebenköpfigen Taglöhnerfamilie mit zwei Bettgehern ist
stilvoller.
In das Zimmer also führt er mich, fragt nicht viel und nimmt mir das
Buch gleich aus der Hand. Er blättert darin herum, nickt mit dem Kopf,
sieht's durch die Lupe an und fragt: 'Woher haben Sie das?' Ich sage:
'Aus einer Auktion.' Er nickt wieder, setzt sich und fängt an, in dem
Buch zu studieren. Dann fragt er: 'Warum verkaufen Sie das Buch? Nur
weil Sie brochen Geld?' Er fragt das mit so einem galizischen Akzent,
ich kann aber den Ton nicht nachahmen. Du kennst ja die Leute. Ich
überlegte rasch, daß er mir mehr bieten werde, wenn ich nicht als armer
Teufel vor ihm dastehe und sag' deshalb: 'Nein. Mich freuen alte Drucke
nicht mehr. Ich hab' mich jetzt ganz auf die Keramik geworfen. Kacheln,
wissen Sie?'
Ich weiß nicht, warum mir gerade Kacheln einfielen. Ich hätte ebensogut
sagen können: Limousiner Email oder Satsumavasen oder andere Dinge, die
ich nur aus den Museen und Ausstellungen kenne.
Er nickt mit dem Kopf, geht zu dem Wäschekorb und wühlt eine Weile in
den alten Kleidern herum. Dann bringt er eine alte persische
Fayancefliese zum Vorschein: Einen Jäger auf einem Schimmel mit einem
großen, blauen Turban auf dem Kopf und einem Falken auf der Faust. Er
reitet über ein Tulpenbeet und der Schimmel hebt die Beine so steif, als
wüßte er ganz genau, daß er keine von den Tulpen zertreten dürfte.
'Was wollen Sie dafür?' frag' ich ihn. Aber er macht nur eine abwehrende
Bewegung mit der Hand, und legt die Kachel wieder zurück in den
Wäschekorb. Er hat sich von mir nicht täuschen lassen. Er hat sofort
erkannt, daß ich ein armer Teufel bin, der Geld 'brocht'.