Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht,
auch für Rußland, vorbehalten.
Leo Perutz
Albert Langen
1
Die Greislerin in der Wiesengasse, Frau Johanna Püchl, trat an diesem
Morgen gegen halb acht Uhr aus dem Laden auf die Straße. Es war kein
schöner Tag. Die Luft war feucht und kühl, der Himmel bewölkt. Das
richtige Wetter, um sich einen kleinen Schnaps zu vergönnen. Aber Frau
Püchls Slivovitzflasche, die im Kasten stand, war beinahe geleert und
die Greislerin beschloß, den kleinen Rest, der kaum ein »Stamperl« zu
füllen vermochte, für die »Zehnerjausen« aufzusparen. Vorsichtshalber
versperrte sie die Flasche in den Küchenschrank, denn ihr Ehegatte, der
im Lichthof den zerbrochenen Greislerkarren reparierte, stimmte mit ihr
in der Wertschätzung eines guten Schnapses völlig überein.
Vor acht Uhr kamen nur ein paar Stammkunden: Der Friseurgehilfe, dem sie
allmorgendlich sein Frühstück, ein Butterbrot mit Schnittlauch und ein
Büschel Radieschen, zurechtmachte. Zwei Schulkinder, die um zwölf Heller
»saure Zuckerln« kauften. Die Köchin der Frau Inspektor aus dem ersten
Stock des Elferhauses, die ein Häuptel Salat und zwei Kilo Erdäpfel
bekam, und der Herr aus dem Arbeitsministerium, der seit Jahren täglich
einen »feinen Aufschnitt« für sein zweites Frühstück im Geschäfte der
Frau Püchl erstand.
Lebhaft wurde das Geschäft erst nach acht Uhr und gegen halb neun hatte
Frau Püchl alle Hände voll zu tun. Kurz nach neun Uhr erschien die alte
Frau Schimek, der die Ecktrafik in der Karl-Denk-Gasse gehörte, zu einem
längeren Plausch. Das Gespräch drehte sich um das Mißgeschick, das der
Frau Püchl mit einer aus Ungarn bezogenen Sendung Brimsenkäs zugestoßen
war. Und in diesem Gespräch wurden sie durch das Erscheinen Stanislaus
Dembas unterbrochen, eben jenes Herrn Stanislaus Demba, dessen
merkwürdiges Verhalten den beiden Frauen noch wochenlang reichlichen
Gesprächsstoff bot.
Demba war dreimal an der Tür vorbeigegangen, ehe er sich entschloß,
einzutreten, und hatte jedesmal einen scheuen Blick in das Ladeninnere
geworfen. Es sah aus, als suche er jemanden. Auch die Art, wie er
eintrat, war auffallend: Er drückte die Klinke nicht mit der Hand,
sondern mit dem linken Ellbogen nieder, und bemühte sich sodann, mit dem
rechten Knie die Tür aufzustoßen, was ihm nach einigen Versuchen auch
gelang.
Dann schob er sich in den Laden. Er war ein großer, breitschultriger
Mensch mit einem kurzen, rötlichen Schnurrbart in einem sonst
glattrasierten Gesicht. Er trug seinen hellbraunen Überzieher zu einer
Art Wulst gewickelt, in welchem seine Hände staken, wie in einem Muff.
Er schien einen langen Weg hinter sich zu haben, seine Stiefel waren
schmutzig, seine Hosen bis zu den Knien hinauf mit Straßenkot bespritzt.
»Ein Butterbrot, bitte!« verlangte er.
Frau Püchl langte nach dem Messer, ließ sich aber vorerst in ihrem
Gespräch mit der Trafikantin nicht stören.
»Also schon das hat mir net g'fall'n: Wie das Kistl ankommt, wiegt's
vierasiebz'g Kilo, und i hab' doch von dem Brimsen fünfasiebz'g Kilo
b'stellt. Na, und wie i erst den Deckel aufmach', -- na also, i sag'
Ihna, der Brimsen hat ausg'schaut, daß ma'n hätt' glei auf a
Sommerfrisch'n schicken können zur Erholung. Alles wach, alles
zerlaufen. Was bekommt der Herr?«
Stanislaus Demba hatte in seiner Ungeduld mit dem Fuß mehrere Male
heftig gegen den Ladentisch gestoßen. »Ein Butterbrot, bitte, aber
rasch. Ich habe Eile.«
Die Greislerin ließ sich jedoch nicht ohne weiteres von dem wichtigen
Gesprächsthema abdrängen. »Entschuldigen, die Frau is vor Ihnen kommen,«
sagte sie zu Herrn Demba. »Muß ich sie auch z'erscht bedienen.« Das
»z'erscht bedienen« bestand vorerst lediglich darin, daß sie die
Fortsetzung der Brimsengeschichte ungekürzt zum besten gab.
»Also i hab' natürli glei reklamiert, und was glauben S' antwort't mir
der Mensch! Er hat« -- sie holte einen fettbefleckten, zerknitterten
Brief aus der Schürzentasche hervor und begann die Stelle zu suchen. --
»Aha, da seh'n S', da steht's: ... 'den Käse ordnungsgemäß verpackt, und
habe ich für den geringfügigen Gewichtsverlust, den die Ware während des
Transportes erleidet, nicht aufzukommen'. Für den 'geringfügigen
Gewichtsverlust'! I hab' glaubt, mi trifft der Schlag, wie i das les'.«
»Das ist halt so die gewöhnliche Redensart bei die Leut',« meinte die
Trafikantin.
»Ah, da hat er aber bei mir an die unrechte Tür g'läut't. Glaub'n S', i
lass' mir das g'fall'n? Da wär' i ja der Trottel umasunst!«
»Die Leut' haben halt ka Bildung net g'lernt!«
»Das kann ja nur a Verbrecher sein, der si so äußern tut!« rief Frau
Püchl im höchsten Zorn.
Hier wurde sie zum drittenmal von Herrn Stanislaus Demba unterbrochen,
der nicht gewillt schien, noch länger auf sein Butterbrot zu warten.
»Also vielleicht,« sagte er mit einer Mischung von Nervosität, Hohn und
mühsam unterdrückter Wut, »wenn sich Ihr gerechter Zorn ein bißchen
gelegt haben wird, vielleicht bekomm' ich dann doch endlich mein
Butterbrot.«
»Bin eh scho dabei,« sagte die Greislerin. »Nur a bisserl Geduld. Der
Herr hat's aber eilig!«
»Jawohl,« sagte Stanislaus Demba kurz.
»Bleiben S' net noch, Frau Schimek?« rief Frau Püchl der fortgehenden
Trafikantin nach.
»I muß hinüberschau'n in mein G'schäft, i komm' nachher eh wieder auf an
Sprung.«
»Der Herr ist wahrscheinlich wo fix ang'stellt; in einem Büro oder in
einer Kanzlei?« fragte die Greislerin ihren neuen Kunden. »I mein' nur,
weil's der Herr so eilig hat.«
»Jedenfalls hab' ich meine Zeit nicht gestohlen,« antwortete Demba grob.
»Bin eh scho fertig.« Frau Püchl schob ihm über den Ladentisch das
Butterbrot zu. »Vierundzwanzig Heller.«
Herr Demba machte eine hastige Bewegung nach dem Butterbrot. Aber er
nahm es nicht. Er fuhr sich mit der Zunge ein paarmal langsam über die
Lippen, runzelte die Stirn und sah aus, als seien ihm plötzlich ernste
Bedenken gegen den Genuß von Butterbrot aufgestiegen.
»Soll ich's vielleicht zerschneiden?« fragte die Greislerin.
»Ja, natürlich, zerschneiden Sie's. Selbstverständlich. Oder glauben
Sie, daß ich das Brot auf ein mal in den Mund stecken werde?«
Die Frau schnitt das Brot in schmale Stücke und legte es vor den Kunden
hin.
Demba ließ das Brot liegen. Er trommelte mit der Fußspitze gegen den
Boden und schnalzte mit der Zunge, wie jemand, der ungeduldig auf ein
Ereignis wartet, das sich nicht einstellen will. Seine Augen blickten
unter dem horngefaßten Zwicker wie hilfesuchend im Laden umher.
»Bekommt der Herr sonst noch was?« fragte Frau Püchl.
»Wie? Ja. Haben Sie vielleicht Krakauer?«
»Krakauer net. A Extrawurst wär' da, a Preßwurst, dürre Wurst, Salami.«
»Also Extrawurst.«
»Wieviel?«
»Acht Deka. Oder zehn Deka.«
»Zehn Deka. So bitte.« Die Frau schlug die Wurst in ein Papier und legte
das Päckchen neben das Butterbrot. »Macht vierundsechzig Heller, beides
zusammen.«
Demba nahm weder das eine, noch das andere. Er hatte plötzlich
außerordentlich viel Zeit und zeigte ein überraschendes Interesse für
die kleinen Besonderheiten der Inneneinrichtung eines Greislerladens. Er
suchte die Etikette einer Essigflasche zu entziffern und wandte sich
sodann dem Studium mehrerer Blechplakate zu, die an den Wänden und über
dem Ladentisch hingen. »Verkaufsstelle des beliebten Hasenmayerschen
Roggenbrots.« -- »Chwojkas Seifensand hält rein die Hand«, las er mit
großer Aufmerksamkeit, wobei sich seine Lippen lautlos mitbewegten.
»Das ist doch das beliebte Hasenmayersche Roggenbrot?« fragte er dann
und bückte sich prüfend über das Butterbrot, auf das sich inzwischen
zwei Fliegen niedergelassen hatten.
»Nein, das ist Brot aus den 'Heureka'-Werken.«
»So. Eigentlich habe ich Hasenmayersches Roggenbrot haben wollen.«
»Schmeckt eh eins wie's andere und billiger is a net,« gab die
Greislerin zur Antwort.
»Dann ist's gut.« Dembas Verhalten wurde immer rätselhafter. Jetzt
blickte er mit verzerrtem Gesicht zur Ladendecke hinauf und biß sich
wütend in die Lippen.
»Könnten Sie mir die Sachen da nicht nach Haus schicken?« fragte er
plötzlich, während ihm ein kleiner Schweißtropfen die Stirne
herunterlief. »Mein Name ist Stanislaus Demba.«
»Die Sachen nach Haus schicken? Welche Sachen?«
»Die Sachen da.« Herr Demba wies mit den Augen auf das Butterbrot und
das Wurstpäckchen.
»Die Extrawurst?« Die Greislerin starrte Herrn Demba verwundert an.
Solch ein Ansinnen hatte ihr noch niemand gestellt.
»Geht das nicht? Ich dachte nur, weil ich noch einige Wege habe, bevor
ich nach Hause gehe, und das Zeug nicht herumschleppen will. Man sollte
glauben, in einem so großen Betriebe -- Geht's nicht? Gut. Das macht
nichts.«
Er pfiff leise vor sich hin, sah ein paar Augenblicke den Fliegen zu,
die sich auf dem Butterbrot tummelten, und musterte dann mit prüfenden
Blicken ein Holzkistchen, das getrocknete Zwetschen enthielt.
»Wie wird denn heuer die Kirschenernte ausfallen?« fragte er dann.
»No, halt in der einen Gegend gut, in der andern wieder schlechter, wie
halt die Witterung war,« meinte Frau Püchl und griff nach ihrem
Strickstrumpf.
Demba rührte sich noch immer nicht fort.
»Werden sie billiger sein, als im vorigen Jahr?«
»I glaub' net.«
Das Gespräch geriet wieder ins Stocken. Die Greislerin strickte an ihrem
Strumpf, während Dembas Aufmerksamkeit von einer Büchse Ölsardinen
völlig in Anspruch genommen war.
Zwei neue Kunden kamen. Ein kleines Mäderl, das Salzgurken verlangte,
und ein Droschkenkutscher, der eine Knackwurst kaufte. Als die beiden
den Laden verlassen hatten, stand Demba noch immer da.
»Kann ich vielleicht ein Glas Milch bekommen?« fragte er jetzt.
»A Milli führ' i net.«
»Also einen Schnaps?«
»Schnaps führ' i net. Is dem Herrn leicht net wohl?«
Stanislaus Demba blickte auf. »Wie meinen Sie. Ja. Gewiß. Mir ist nicht
wohl. Ich habe Magenschmerzen, schon die ganze Zeit hindurch. Haben Sie
das nicht gleich gesehen?«
»A Lackerl Slivovitz hätt' i no drüben in meiner Wohnung. Vielleicht,
daß Ihna davon besser wird,« sagte die Greislerin.
Herrn Dembas Gesicht erhellte sich mit einem Male. »Ja, ich bitte Sie
darum. Liebe Frau, bringen Sie mir den Slivovitz! Das soll das Beste
sein, was es gegen Zahnschmerzen gibt.«
Die Katherl, Frau Püchls Älteste, spielte im Wohnzimmer mit ihrer
Springschnur. Sie war ein dickes, unbeholfenes Kind, und es gelang ihr
nur selten, den Vers, nach dessen Takt sie über die Schnur hüpfte,
fehlerlos zu Ende zu bringen. Eben hatte sie von neuem begonnen:
»Herr von Bär
schickt mich her,
ob der Kaffee fertig wär' --«
»Kathi,« sagte die Greislerin, »geh eina, daß wer drin is im Laden.
Weißt vielleicht, wo i die Schlüsseln hin'tan hab'?«
»Liegen eh in der Lad',« sagte die Katherl und begann weiter zu
springen.
»Morgen um acht
wird er gemacht,
morgen um neun
schaust herein --«
Frau Püchl öffnete den Küchenschrank. Aber während sie das Schnapsglas
füllte, kam ihr plötzlich ein Gedanke, der sie mit Besorgnis erfüllte.
Der Mensch hatte sich so merkwürdig benommen. Zuerst hatte er solche
Eile gehabt, und dann war er nicht aus dem Laden herauszubringen
gewesen. Hatte herumstudiert und herumspioniert, wie nicht recht
gescheit, und am Ende hatte er es auf das Geldladl abgesehen. Vierzehn
Kronen waren drin und die Korallenkette, dann zwei Ringe mit Türkisen,
das Sparkassabüchl von der Katherl und zwei Heiligenbilder aus
Maria-Zell!
Mit dem Stamperl Slivovitz in der Hand stürzte Frau Püchl
schreckensbleich in den Laden.
Natürlich! Der Laden war leer! Der feine Herr hatte sich aus dem Staube
gemacht. Da haben wir's! Vierzehn Kronen! Das schöne Geld! Frau Püchl
ließ sich schweratmend in einen Stuhl fallen und riß wütend die Geldlade
auf.
Aber es war alles in schönster Ordnung! Da stand die Schale mit dem
Silbergeld, daneben lagen die beiden Ringe, die Korallenkette, das
Postsparkassabüchl und die beiden Heiligenbilder.
Gott sei Dank! da fehlte nichts. Nur mit dem Butterbrot und der Wurst
war er durchgebrannt. Dafür hatte sie andererseits den Slivovitz für
ihre »Zehnerjausen« gerettet. Diese Tatsache versetzte sie in eine
versöhnliche Stimmung. Der arme Teufel! Natürlich hatte er kein Geld
gehabt, das Brot und die Wurst zu bezahlen. Nun, sie hätte es ihm auch
geschenkt, wenn er sie darum gebeten hätte. Man ist ja schließlich doch
auch ein Mensch und hat ein Herz im Leib.
Frau Püchl trank nach dem ausgestandenen Schrecken eilig das
Slivovitzglas leer. Dann trat sie auf die Straße, um nach dem Flüchtling
Ausschau zu halten.
Aber Stanislaus Demba war nicht mehr zu sehen.
Erst als sie zurückkam, fiel ihr Blick auf ein paar Nickel- und
Kupfermünzen, die auf dem Ladentisch lagen. Drei Zwanzighellerstücke und
zwei Kreuzer. Vierundsechzig Heller.
Stanislaus Demba hatte das Geld gewissenhaft auf den Tisch gezählt und
sich dann mit dem Butterbrot davon geschlichen, als ob er es gestohlen
hätte.
2
Hofrat Klementi machte mit seinem Freunde, dem Professor Ritter von
Truxa, und seinem Hunde »Cyrus« den täglichen Morgenspaziergang in den
Liechtensteinpark. Hofrat Klementi, der Direktor der altorientalischen
Spezialsammlung des kunsthistorischen Museums, derzeit vorübergehend
auch mit der Oberleitung der ethnographisch-anthropologischen Abteilung
betraut, muß den Lesern wohl nicht erst vorgestellt werden. Mit seinem
grundlegenden, von der Akademie der Wissenschaften subventionierten
Werke über die »Bildung altassyrischer Eigennamen« hat er sich in der
Gelehrtenwelt eine angesehene Stellung gesichert, während seine
scharfsinnigen Untersuchungen über »indische Kachelmotive und ihren
Einfluß auf die persische Teppichornamentik« seinen Namen auch in
weitere Kreise der Künstler, Kunstfreunde und Sammler getragen haben.
Professor Ritter von Truxa, wirkliches Mitglied der Akademie der
Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und Lehrer an der
Konsular-Akademie, ist weniger bekannt.
Von seinen zahlreichen sprachwissenschaftlichen Arbeiten ist sein
vorzügliches kalmückisch-deutsches Wörterbuch an erster Stelle zu
nennen. Andere Werke, so zum Beispiel seine Studie über die Häufung der
Halbvokale r und l in den kymrischen Dialekten und sein umfangreiches
Werk: »Zur Ethnographie und Sprache der Somalistämme« haben auch den Weg
ins Ausland und in der dortigen Fachwelt Anerkennung gefunden.
Die wissenschaftliche Tätigkeit dieser beiden Herren spielt jedoch in
dieser Erzählung keine bedeutende Rolle, und so sei nur noch rasch
angemerkt, daß Professor Ritter von Truxa erst vor kurzem von einer
mehrmonatlichen Studienreise aus dem nördlichen Haurangebiet
zurückgekehrt und derzeit damit beschäftigt war, die wissenschaftliche
Ausbeute dieser Reise, eine Anzahl mehr oder weniger gut erhaltener
chettischer und phönizischer Sprachdenkmäler, gemeinsam mit Hofrat
Klementi zu bearbeiten und zu veröffentlichen.
Was des Hofrats Hund Cyrus betrifft, so läßt sich seine Rasse mit
absoluter Zuverlässigkeit nicht feststellen. Man wird sich jedoch nicht
allzuweit von der Wahrheit entfernen, wenn man ihn als -- im großen und
ganzen -- zu der Familie der Spitze gehörig bezeichnet. Er konnte
apportieren, Pfotl geben und »bitten« und besaß ein weißes,
braungeflecktes Fell und ein verwegenes Temperament.
Hofrat Klementi ging langsam und hatte zudem die Gewohnheit, im
Gespräche öfters, am liebsten in besonders belebten Straßen, stehen zu
bleiben; er schien sich nur als Verkehrhindernis wirklich wohl und
behaglich zu fühlen. Selbst der durch heftiges An-der-Leine-Zerren zum
Ausdruck gebrachte Unmut seines Hundes Cyrus, der den alten Herrn sonst
grausam tyrannisierte und ihm in allem und jedem seinen Willen aufzwang,
konnte gegen diese Schwäche des Gelehrten nichts ausrichten, und
Professor Truxa hatte seine liebe Not, den Freund beim Überqueren der
Porzellangasse glücklich aus dem Gefahrenbereich der elektrischen
Tramway zu bringen.
Der Liechtensteinpark war um diese Zeit -- es mochte gegen halb zehn Uhr
vormittag sein -- bereits ziemlich stark besucht. Kleine Mäderln und
Buben liefen mit Reifen und Gummibällen über den Kiesweg,
Kinderfräuleins und Ammen schoben plaudernd ihre Wägen vor sich her,
Gymnasiasten sagten einander mit wichtigen Mienen ihre Lektionen vor.
Die beiden Gelehrten strebten einer abgelegenen Stelle des Parkes zu, an
der sie eine von alten Akazienbäumen beschattete und durch dichtes
Gebüsch den Blicken der übrigen Parkbesucher entzogene Bank erwartete.
Auf diesem Plätzchen pflegten sie allmorgendlich, unbeachtet und von dem
lärmenden Treiben ringsumher nur wenig gestört, ein oder zwei Stunden
der Durchsicht ihrer Manuskript- und Korrekturbögen zu widmen.
Vorerst waren die Herren jedoch in ein Gespräch über das
Verbreitungsgebiet des Haschischgenusses vertieft. Professor Truxa
vertrat die Ansicht, daß der Gebrauch dieses Berauschungsmittels immer
auf den Orient beschränkt geblieben sei, eine Behauptung, die den Hofrat
zu lebhaftem Widerspruch herausforderte.
»Sicher ist es Ihnen bekannt,« sagte er, »daß in den prähistorischen
Gräbern Südfrankreichs kleine Tonpfeifchen gefunden worden sind, welche
Reste der _Canabis sativa L._ enthielten. Unsere Vorfahren haben
zweifellos Hanf geraucht, und auch den alten Griechen war er bekannt.
Erinnern Sie sich doch der Stelle in der Odyssee, in der der Trank
Nepenthes erwähnt wird, der 'Kummer tilgt und das Gedächtnis jeglichen
Leides'. Und das '_Gelotophyllis_', das 'Kraut der Gelächter' der alten
Skythen, von dem Plinius spricht.«
»Ich möchte doch lieber auf gesichertem, wissenschaftlichem Boden
bleiben,« warf Professor Truxa ein. »Wirth in München geht ja noch viel
weiter als Sie, ohne übrigens auch nur den Schatten eines
ernstzunehmenden Beweises für seine Theorien zu erbringen. Nach seiner
Behauptung wären die großen Massenpsychosen der Vergangenheit, der
Flagellantismus ebenso wie die merkwürdigen Tanzepidemien, als Folgen
des übermäßigen Genusses des Haschischs oder eines Narkotikons von
ähnlicher Wirkung anzusehen.«
»Ich kann mich natürlich diesen Seitensprüngen Professor Wirths, der in
seinem eigenen Wissensgebiet übrigens Tüchtiges geleistet hat, nicht
anschließen. Ich habe ja nur behauptet, daß vereinzelte Fälle von
Haschischgenuß auch in Europa zu allen Zeiten einwandfrei beobachtet
worden sind und wahrscheinlich auch heute noch auftreten. Wohlgemerkt:
Vereinzelte Fälle! Ich erinnere mich beispielsweise eines
neapolitanischen Hafenarbeiters -- welche Symptome könnten Sie übrigens
feststellen, Professor?«
»Ich erkenne Haschischraucher sofort an ihren blitzartig wechselnden
Neigungen und Stimmungen und an ihrer aufs äußerste gesteigerten
Einbildungskraft. Ein Limonadenverkäufer in Aleppo, den ich im
Rauschzustande beobachten konnte, hielt sich für den Erzengel Gabriel.
Ein arabischer Briefträger in Waran gab sich für eine Heuschrecke aus
und machte solange Flugversuche von der Stadtmauer herab, bis er das
Bein brach. Manchmal treten ganz unerwartet brutale Roheitsakte bei
sonst sehr ruhigen und friedliebenden Temperamenten auf. Ich habe
gesehen, wie ein Nachtwächter in Damaskus einem harmlosen Spaziergänger
ohne jeden Anlaß einen solchen Tritt in den Magen versetzte, daß der
arme Teufel vom Fleck weg ins Spital gebracht werden mußte.«
»Die Rauschwirkung wird sich aber wahrscheinlich bei den einzelnen
Rassen doch auf verschiedene Art äußern, nicht wahr?« fragte der Hofrat.
»Ich möchte da sogar noch weitergehen. Wenn ich von einzelnen, unbedingt
sich immer wieder zeigenden Symptomen absehe, dürfte jedes einzelne
Individuum in besonderer Art auf den Haschischgenuß reagieren.«
Die Herren waren im Eifer der Debatte stehen geblieben. Es wäre aber
unrichtig, zu glauben, sie wären durch das Gesprächsthema so weit
absorbiert worden, daß sie den Blick für all das, was in dem
menschenerfüllten Park rings um sie vorging, verloren hätten. Das
Gegenteil ist richtig. Ein Gummiball, den ein kleiner Bub seinem
Kameraden aus der Hand geschlagen hatte, war knapp vor die Füße des
Hofrates gerollt. Der Gelehrte hob ihn auf, betrachtete ihn nachdenklich
und versuchte ihn sodann in seiner Rocktasche unterzubringen, offenbar
im Glauben, daß ihm selbst der Ball eben aus den Händen gefallen sei.
Professor Truxa lächelte nachsichtig und nahm dann behutsam seinem
Freunde das Spielzeug aus den Händen, sehr darauf bedacht, den Hofrat in
seinem Gedankengang nicht zu stören. Gleich darauf vergaß er jedoch
selbst, wie er in den Besitz des Balles gekommen war, hielt ihn ratlos
in den Händen und wußte nicht, was mit ihm beginnen. Der unglückliche
Eigentümer des Spielzeugs war bis auf einige Schritte herangekommen und
beobachtete mißtrauisch und stets fluchtbereit die weitere Entwicklung
der Dinge.
»Haben Sie die Wirkung des Haschischs auch am eigenen Leib erprobt?«
fragte der Hofrat.
»Ja. Aber nur einmal. Ich sah einige Arabesken sinnlicher Natur und
bekam Magenbeschwerden.« Professor Truxa war hinsichtlich des Gummiballs
zu einem Entschluß gelangt. Er säuberte ihn mit seinem Rockärmel sorgsam
von Lehm- und Sandspuren, blies einige Staubkörnchen weg und legte ihn
dann behutsam auf den Kiesweg zurück. Der kleine Junge stürzte sich
sofort auf sein Eigentum und machte sich mit einem Triumphgeheul aus dem
Staube.
Die beiden Gelehrten setzten ihren Weg fort. Sie waren jetzt in dem
weniger belebten Teil des Parkes angelangt. Der Kiesweg, durch dichtes
Buschwerk zu beiden Seiten in einen Fußweg verengt, führte sie zu ihrem
Lieblingsplätzchen, der hinter einer sandsteinernen Gruppe -- Kinder,
die mit einer Rehkitz spielten -- und Gesträuch verborgenen und von zwei
Akazien beschatteten Bank.
Auf der Bank saß Stanislaus Demba.
Er war beim Frühstück. Er saß vornüber gebeugt, den Kopf in die Hände
gestützt und kaute. Der Rest des Butterbrots und eine Anzahl
Wurstscheibchen lagen neben ihm auf der Bank. Sein hellbrauner
Überzieher schien ihm jetzt als eine Art Serviette zu dienen. Er hing
ihm vom Hals herunter, wie ein Theatervorhang, und verbarg Brust, Hände,
Arme und Beine hinter seinem Faltenfluß. Die langen, leeren Ärmel
flatterten im Wind.
Der Hofrat und der Professor trafen ihre Vorbereitungen. Die Bank war
feucht und nicht sehr sauber. Professor Truxa suchte in seinen Taschen
nach einer Unterlage und entschied sich, als er nicht gleich etwas
Passendes fand, mit der raschen Entschlossenheit, die diesen Gelehrten
in großen, wie in kleinen Dingen kennzeichnet, dafür, dieser Verwendung
die Korrektur- und Manuskriptbögen zuzuführen, zu deren Durchsicht der
heutige Vormittag bestimmt war. Nur der Geistesgegenwart des Hofrates,
der noch im letzten Augenblick die kostbaren Papiere dem Freunde entriß,
war es zu danken, wenn ein nicht wieder gutzumachender Schaden verhütet
wurde.
Cyrus wurde mit der Leine an die Banklehne gebunden und dafür vom
Maulkorb befreit. Dann nahmen die Herren Platz.
Stanislaus Demba schien die Ankunft der beiden Gelehrten als lästige
Störung zu betrachten. Er hörte zu essen auf, hob den Kopf und biß sich
verdrießlich in die Lippen. Er schien enttäuscht, als er sah, daß
Vorbereitungen zu längerem Aufenthalt getroffen wurden, stand auf und
wandte sich zum Gehen. Da fiel sein Auge auf das Butterbrot. Er zögerte,
blieb eine Weile unentschlossen stehen und ließ sich dann resigniert
wieder auf die Bank nieder.
Hofrat Klementi und Professor Truxa hatten ihre Manuskriptbögen geordnet
und zurechtgelegt, machten sich Notizen und tauschten halblaute
Bemerkungen. Ein paar Minuten vergingen, dann wurden sie in ihrer Arbeit
gestört.
»Würden Sie vielleicht die Güte haben, Ihren Hund zu sich zu rufen?«
sagte Demba mit einem unangenehmen Lächeln zum Professor, der ihm
zunächst saß.
Professor Truxa hob den Kopf. Cyrus verspeiste eben zwei Stücke von
Dembas Extrawurst.
»Er ist mir lästig. Ich kann Hunde nicht vertragen.« Dembas Stimme
zitterte vor Wut.
»Herr Hofrat, sehen Sie doch, was Ihr Hund angestellt hat!« rief der
Professor verlegen.
»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung!« klagte der Hofrat, dem das
Benehmen seines Hundes sehr peinlich war. »Ich muß Sie wirklich um
Verzeihung bitten. Cyrus! Daher zu mir!«
Es ist nicht bekannt, in welcher Sprache Hofrat Klementi sich für
gewöhnlich mit seinem Hunde verständigte. Vielleicht hatte sich Cyrus in
langjährigem Zusammenleben mit seinem Herrn einige Kenntnisse im
Aramäischen oder Vulgärarabischen erworben. Deutsch schien er auf keinen
Fall zu verstehen. Er wiederholte seinen Angriff auf die Wurst, und der
Versuch des Hofrats, ihn an den Ohren zurückzuziehen, hatte nur die
Wirkung, daß Cyrus böse wurde, knurrte und nach seines Herrn Hand
schnappte.
Demba folgte mit ängstlicher Spannung jeder Bewegung des Hundes, rührte
jedoch keine Hand, um ihn zu verjagen oder seine Wurst zu schützen.
»Könnten Sie vielleicht Ihre Eßwaren auf die andere Seite der Bank
legen? Dorthin kommt der Hund gewiß nicht,« bat der Hofrat.
»Auf die andere Seite?« Demba sah keinen Anlaß, die Sachen auf die
andere Seite zu legen. Er wäre dazu nicht verpflichtet. Und überhaupt
dort sei Sonne und die Wurst würde zweifellos in der Sonne verderben,
das werde der Herr wohl einsehen.
Der Hofrat sah das natürlich ein, obwohl der Himmel bewölkt und keine
Spur von Sonne zu sehen war.
»Übrigens,« fuhr Demba fort, »ist die Wurst eigentlich schon jetzt nicht
mehr zu genießen. Sie ist nicht mehr frisch, man kann sie ruhig dem Hund
geben. Brot frißt er wahrscheinlich nicht? Auf das Brot habe ich nämlich
selbst Appetit. Es ist das beliebte Hasenmayersche Kornbrot und feinste
dänische Butter.«
»Wollen Sie es nicht doch von hier fortnehmen?« bat der Hofrat. Cyrus
war mit der Wurst fertig und fiel rücksichtslos über das Butterbrot her.
Stanislaus Demba schluckte ein paarmal, verschlang das Butterbrot gierig
mit den Augen, aber er tat nichts, um es in Sicherheit zu bringen.
»Na!« zischte er wütend. »Ihr Hund scheint ja geradezu ausgehungert zu
sein. Nicht ein Stückerl läßt er übrig, nicht das allerkleinste
Stückerl.«
»Ja, warum haben Sie es denn nicht fortgenommen?« fragte Professor
Truxa.
»Das Brot ist altbacken, wissen Sie, und vor Butter habe ich bei warmem
Wetter geradezu einen Ekel. Ich hätte es ohnedies nicht berührt.«
Die beiden Gelehrten wandten sich wieder ihrer Arbeit zu. Aber für Demba
schien die Angelegenheit noch nicht beendet zu sein. Ob es den Herren
etwa nicht recht sei, fragte er herausfordernd, daß er ihren Hund mit
seinem Butterbrot füttere. Es sei merkwürdig, daß manche Leute ihrem
Hunde sein bißchen Fressen mißgönnten, selbst wenn es sie nicht einen
Heller kostete.
Professor Truxa fragte seinen Freund, ob er es nicht für rätlich halte,
sich nach einer anderen Bank umzusehen. Der junge Mensch wolle einen
Streit vom Zaun brechen. -- Um von Demba nicht verstanden zu werden,
bediente Professor Truxa sich des Idioms der nördlichen Tuaregvölker,
und zwar -- der größeren Sicherheit halber -- des Dialekts eines bereits
seit längerer Zeit ausgestorbenen Stammes.
Stanislaus Demba schien es wirklich darauf abgesehen zu haben, die
Gelehrten an der Weiterarbeit zu verhindern. -- Ob der Herr vielleicht
etwas Besonderes daran finde, wenn es ihm einfiele, einem fremden Hund
sein Frühstück zu schenken, -- fuhr er in gereiztem Ton den Professor
an. Was denn weiter dabei sei? Bißchen Wurst und Brot. Um vierundsechzig
Heller in jedem Greislerladen zu haben. Oder ob der Herr etwa glaube,
daß man besondere Tricks oder Schliche oder Winkelzüge anwenden müsse,
um in den Besitz von Wurst und Brot zu gelangen.
»Nein. Natürlich nicht,« sagte der erstaunte Professor höflich. Und der
Herr sei augenscheinlich ein großer Tierfreund, -- setzte er hinzu.
»Aber du bist ja ein liebes Hunderl!« rief Stanislaus Demba in plötzlich
erwachter Begeisterung. »Du bist ein reizendes Hunderl.« Ob die Herren
den Hund vielleicht abgeben wollten. »Nicht? Schade!« -- Der Hund würde
es bei ihm gut haben. Stanislaus Demba, -- wenn er sich den Herren
vorstellen dürfe. Demba, _cand. phil._ ... Nach so einem Hund sei er
schon lange auf der Suche. »Und von wem hat denn der Hund das schöne,
rote Mascherl bekommen? Du bist aber ein herziger Hund! Na, so komm doch
her zu mir! Willst du Zucker haben?«
»Geh hin, Cyrus!« sagte der Hofrat. »Gib dem Herrn schön das Pratzerl.«
Cyrus ging arglos ganz nah an Stanislaus Demba heran und hob die
Vorderpfote.
Darauf schien der Student jedoch gewartet zu haben. Der unglückliche
Hund erhielt statt des Zuckers einen gewaltigen Fußtritt und fiel
heulend auf den Rücken.
Und nun sprang Stanislaus Demba auf und stürmte ohne Gruß davon. Das
untere Ende seines Mantels, den er über den Armen hängen hatte, geriet
ihm unter die Füße und brachte ihn zum Stolpern. Ein leises,
metallisches Klirren war plötzlich zu hören, ähnlich dem Rasseln eines
Schlüsselbundes. Aber Demba bewahrte sein Gleichgewicht, raffte den
Mantel zusammen und verschwand hinter der Biegung des Fußpfads.
Professor Truxa erholte sich nur langsam von seinem Entsetzen. »So ein
roher Mensch!« rief er entrüstet dem Hofrat zu.
Der Hofrat war merkwürdig ruhig geblieben. »Professor!« sagte er leise,
ohne sich um den jammernden Cyrus zu kümmern. »Haben Sie das gesehen?«
»Natürlich! So ein roher Mensch!«
»Ist Ihnen sonst nichts an dem Menschen aufgefallen?« flüsterte Hofrat
Klementi geheimnisvoll. »Ich habe ihn die ganze Zeit hindurch
beobachtet. Denken Sie doch: Dieser jähe Umschwung der Stimmungen!
Dieser anfängliche Heißhunger, der sich plötzlich in Ekel vor allem
Eßbaren verwandelte. Dieser Roheitsausbruch, diese Brutalität gegen ein
harmloses Tier, das er kurz vorher geradezu liebevoll gefüttert hat.
Professor! Merken Sie nichts?«
»Sie meinen --?« fragte Professor Truxa.
»Haschisch!« schrie der Hofrat. »Ein Haschischraucher hier bei uns! In
Europa!«
Professor Truxa erhob sich langsam und starrte dem Hofrat ins Gesicht.
»Sie könnten recht haben, Herr Hofrat,« sagte er. »Wie merkwürdig! Ein
Haschischtrunkener! Er wäre der erste, dem ich in Europa begegne!«
»Natürlich hab' ich recht!« frohlockte der Hofrat.
»Mir ist die Art, wie er seinen Mantel trug, aufgefallen,« meinte der
Professor nachdenklich. »Als ob er etwas Kostbares unter dem Überzieher
vor den Augen der Menge zu verbergen hätte. Sie wissen, der
Haschischraucher bildet sich immer ein, irgendeinen geheimnisvollen
Schatz bei sich zu tragen.«
»Kommen Sie, Professor!« rief der Hofrat, »rasch! Wir holen ihn noch
ein, wir dürfen ihn nicht aus den Augen lassen!«
Sie eilten dem Studenten in solcher Aufregung nach, daß sie den Hund
Cyrus ganz vergaßen, der, mit der Leine an die Bank gebunden, vergeblich
seinen Herrn durch Bellen und Winseln an seine Existenz zu erinnern
suchte.
Als die beiden Gelehrten atemlos den unteren Teil des Parkes erreichten,
war der Haschischtrunkene schon lange im Gewühle der spielenden Kinder
verschwunden.
3
Das »Fräulein« wußte genau, wie gut ihr ihre neue Voilebluse mit den
beiden sich kreuzenden roten Libertyspangen zu Gesicht stand. Wenn sie
im Park auf der Bank saß und in ihrem Buch las, während der kleine Bub
und das Mäderl, die sie spazieren zu führen hatte, mit ihrem
Miniaturspritzwagen spielten oder Sand in allerlei kleine Gefäße und
Formen füllten, so kam es nur selten vor, daß sie lange allein blieb.
Ein oder zwei junge Herren setzten sich bald neben sie (zwei waren ihr
gewöhnlich lieber, denn es war so lustig zuzusehen, wie dann einer dem
andern im Weg war), taten anfangs überaus gleichgültig, so als ob sie
sich aus reinem Zufall oder weil gerade der Platz so hübsch schattig war
für diese Bank entschieden hätten, bezeigten ein forciertes Interesse
für alles mögliche: für die Spatzen und Tauben, für die Leute, die
vorübergingen, oder für ihre eigenen Stiefelspitzen, -- bis sie
schließlich doch ein Gespräch anknüpften: »Fräulein lesen da sicher
etwas sehr Interessantes!« oder: »Zwei reizende Kinder, Ihre beiden
kleinen Zöglinge, wie heißt du denn, Mäderl?« Oder die Keckeren unter
ihnen: »Sie werden sich Ihre schönen blauen Augen verderben, Fräulein,
wenn Sie fortwährend lesen.«
Ernstere Bekanntschaften ergaben sich für das Fräulein aus solchen
Anfängen fast niemals, denn die jungen Herren kamen meist schon bei der
zweiten Zusammenkunft mit Vorschlägen, Wünschen und Anliegen, die weit
über das hinausgingen, worüber ein junges Mädchen aus gutem Hause, --
bitte, »Fräuleins« Vater war Oberoffizial bei der Post gewesen und ein
Onkel ihrer Mutter war noch heute Sektionsrat im Handelsministerium --,
worüber ein junges Mädchen aus gutem Hause also vielleicht nach längerer
Bekanntschaft, eventuell, unter Umständen mit sich reden lassen darf.
Bei manchen Herren mußte man überhaupt schon nach zwei Minuten das
Gespräch abbrechen, solche Reden führten sie, man mußte aufspringen:
»Willi! Gretl! Es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen!«, und den
unverschämten Menschen einfach sitzen lassen. Das kam öfters vor, obwohl
das Fräulein durchaus nicht prüde war, sondern im Gegenteil ein gewisses
Vergnügen an vorsichtig-andeutenden Gesprächen über schlüpfrig-pikante
Themen hatte.
Am liebsten sah sie es, wenn solch eine zwecklose Bekanntschaft in einen
Ansichtskartenverkehr überging. Ansichtskarten ließ sich das Fräulein
für ihr Leben gern schicken. Die Post, die morgens kam, bedeutete für
sie den Höhepunkt des Tages. Oft, ja zumeist waren es Karten mit der
Unterschrift eines ihr völlig gleichgültig Gewordenen oder gar
Vergessenen, das letzte Echo einer nichtigen, verplauderten halben
Stunde. Aber es war so lustig, wenn die Gnädige ärgerlich ins Zimmer kam
und auf die Frage ihres Mannes, ob der Briefträger schon dagewesen sei,
verdrossen zur Antwort gab: »Ja, aber für uns war nichts, nur für das
Fräulein zwei Karten.«
Heute saß kein junger Mann neben dem Fräulein, sondern Frau Buresch,
eine ältere Dame, die mit ihren beiden Kindern Tag für Tag den Park
besuchte. Man kannte einander. Die Kinder spielten, alle vier zusammen;
Frau Buresch und das Fräulein tauschten Bemerkungen über das Wetter aus.
»Hat es sich doch aufgeheitert,« sagte das Fräulein.
»Mir ist lieber, es regnet, als man weiß nicht, wie man dran ist,«
meinte Frau Buresch pessimistisch und holte ihre Häkelarbeit hervor.
»Wie ich heut früh aus dem Fenster geschaut hab', hätt' ich geschworen
darauf, daß es den ganzen Tag regnen wird, so hat's ausgesehen. Jetzt
ist's doch wieder ganz schön geworden, merkwürdig.«
Das Wetterthema war erledigt. Das Fräulein blätterte in ihrem Buch. Frau
Buresch häkelte.
»Im Votivpark sollen dieses Jahr Sessel aufgestellt werden statt der
Bänke«, erzählte das Fräulein. »Vier Heller pro Person.«
»Alles wird täglich teurer. Ich sag' Ihnen, Fräulein, grau in grau ist
das Leben. Was, glauben Sie, kostet heuer ein Kilo ganz gewöhnliches,
ausgelassenes --«
Sie verschluckte das ganze Kilo ganz gewöhnlichen ausgelassenen
Schweinefetts, das sie auf der Zunge hatte, und verstummte. Ein junger
Mann hatte sich zwischen sie und das Fräulein gesetzt. Und wenn sich ein
junger Mann neben das Fräulein setzte, dann wollte Frau Buresch um
Gottes willen nicht stören. Dann schob sie sich rücksichtsvoll bis an
das äußerste Ende der Bank und vertiefte sich in ihre Häkelarbeit.
Stanislaus Demba trug seinen hellbraunen Havelock um die Schultern
geworfen und vorne flüchtig zugeknöpft. Die leeren Ärmel hingen schlaff
hinunter. Er hatte sich erschöpft auf die Bank niedergelassen, wie
einer, der einen weiten Weg hinter sich hat und froh ist, daß er ein
paar Minuten lang ausruhen kann.
Erst nach einer Weile schien er zu bemerken, daß seine Nachbarin ein
ausnehmend hübsches Mädchen war. Er setzte sich zurecht und schaute ihr
aufmerksam ins Gesicht. Er schien zufrieden.
Dann fiel sein Auge auf das Buch, das sie in der Hand hielt.
Dem Fräulein entging der Eindruck, den sie auf ihren Nachbar machte,
nicht. Verstohlen hatte auch sie ihn gemustert, ohne dabei von ihrem
Buche aufzublicken. Er mißfiel ihr nicht. Freilich, elegant konnte man
ihn beim besten Willen nicht nennen, und die gut angezogenen jungen
Leute waren ihr eigentlich lieber. Aber dieser junge Mann schien ihr von
andrer Art zu sein, als die Leute, mit denen sie sonst verkehrte.
Vielleicht gehörte er zur Boheme -- dachte sie. -- So sieht er aus. Er
hat lebhafte Augen und macht den Eindruck eines energischen und klugen
Menschen. Wenn man es recht überlegte, so konnte man sich diesen
schweren und ungefügen Körper gar nicht in einen feinen, gutgemachten
Anzug hineindenken. Er kleidete sich eben, wie es seiner Natur entsprach
-- stellte das Fräulein fest. Freilich, die Hosen, die über und über mit
Kot bespritzt waren, hätte er sich wohl abbürsten können, bevor er sich
neben sie setzte. Aber trotzdem! Das Fräulein fand, daß irgend etwas an
dem jungen Menschen sie anzog. Sie beschloß, sich seinen
Annäherungsversuchen gegenüber, die ja nicht ausbleiben würden, das
wußte sie genau, entgegenkommend zu verhalten.
Stanislaus Demba begann das Gespräch in nicht gerade origineller Weise,
indem er das Fräulein nach dem Gegenstand ihrer Lektüre fragte. »Das ist
ein Ibsen, nicht wahr?«
Das Fräulein war sehr geübt darin, zusammenzufahren, wenn sie
angesprochen wurde und dem Fragenden ein erschrockenes, verwirrtes und
ein wenig indigniertes Gesicht zuzukehren.
Stanislaus Demba wurde sofort verlegen. »Hab' ich Sie gestört?« fragte
er. »Ich wollte Sie nicht stören.«
»Ach nein,« sagte das Fräulein, senkte die Augen und tat, als ob sie
weiterlese.
»Ich wollte nur fragen, ob das Buch da nicht ein Ibsenstück ist.«
»Ja. Die Hedda Gabler.«
Stanislaus Demba nickte mit dem Kopf und wußte weiter nichts zu sagen.
Pause. Das Fräulein blickte in ihr Buch, ohne jedoch zu lesen. Sie
wartete. Aber Stanislaus Demba schwieg.
Ein bißchen schwerfällig ist er -- dachte das Fräulein. Sie kam ihm zu
Hilfe. »Sie kennen das Stück?« fragte sie. Jetzt ließ sie das Buch
sinken zum Zeichen, daß ihr nicht sonderlich viel am Weiterlesen gelegen
sei.
»Ja. Natürlich kenne ich's,« sagte Demba. -- Weiter nichts.
Dem Fräulein blieb nichts anderes übrig, als umzublättern und die
Lektüre fortzusetzen. War er so ungeschickt? Wußte er nichts weiter zu
sagen? Oder bedauerte er am Ende, sie angesprochen zu haben? Mißfielen
ihm etwa die beiden kleinen Pockennarben auf ihrer linken Wange? Kaum.
Alle Leute fanden gerade diesen kleinen Schönheitsfehler reizend und
apart. Nein. Es war nur Unbeholfenheit. Und das Fräulein entschloß sich,
ihm eine letzte Chance zu geben. Sie ließ ihren Regenschirm fallen.
Jeder junge Mann, auch der dümmste und ungeschickteste, wird in einem
solchen Fall blitzschnell nach dem Schirm greifen und ihn der Dame mit
einer eleganten Verbeugung und ein paar liebenswürdigen Redensarten
überreichen. Und die Dame bedankt sich vielmals, und ehe man's merkt,
ist das Gespräch im Gange.
Aber diesmal geschah etwas Unerhörtes. Etwas, was sich in der Geschichte
aller Parkanlagen der Welt niemals vorher ereignet hatte: Stanislaus
Demba ließ den Schirm liegen. Er sprang nicht auf, er haschte nicht nach
ihm. Nein. Er rührte sich nicht und ließ es zu, daß sich das Fräulein
selbst nach dem Schirm bückte.
Aber das Fräulein war seltsamerweise nicht beleidigt. Nein. Gerade das
imponierte ihr an Stanislaus Demba, daß er so anders als die anderen
vorging. Er verschmähte die abgebrauchten Mittel, mit denen
Dutzendmenschen auf Frauen Eindruck zu machen suchen. Er wollte nicht
galant erscheinen, er verachtete die hohle Geste billiger
Ritterlichkeit. Des Fräuleins Interesse an Demba wuchs. Und vielleicht
hätte jetzt sogar sie ihn angesprochen -- Frau Buresch häkelte und sah
nicht hin --, wenn nicht Demba selbst mit einem Male zu reden begonnen
hätte.
»Wenn ich Ihr Vater wäre, Fräulein,« sagte er, »würde ich Ihnen
verbieten, Ibsen zu lesen.«
»Wirklich? Aber warum denn? Paßt er denn nicht für junge Mädchen?«
»Weder für Erwachsene noch für junge Mädchen,« erklärte Demba. »Er gibt
Ihnen ein falsches Weltbild. Er ist die Marlitt des Nordens.«
»Aber das müssen Sie doch wohl begründen.« Das Fräulein kannte die Art
der jungen Leute, denen es nicht darauf ankam, ein paar Größen zu
stürzen, wenn sie durch kühne, literarische Behauptungen Interesse für
sich erwecken konnten.
»Es würde Sie langweilen. Mich langweilt es auch,« sagte Demba. »Ich
müßte Ihnen vor allem erklären, wie wenig und wie Gewöhnliches hinter
seinen Symbolen verborgen liegt. Wie alle seine Menschen sich am leeren
Klang ihrer Worte berauschen. -- Aber lassen wir das, mich langweilen
literarische Gespräche. Nur etwas noch: Haben Sie es noch nicht bemerkt?
Seine Menschen sind alle geschlechtlos.«
»So? Geschlechtlos?« -- Das Fräulein hatte nicht viel von Ibsen gelesen.
Mein Gott, man kommt so selten zu einer ruhigen Stunde und zu einem
guten Buch. Außer »Hedda Gabler« kannte sie nur noch »Gespenster«. Aber
sie verstand es, hauszuhalten mit ihrem Wissen und den Eindruck großer
Belesenheit und einer lückenlosen Kenntnis der neueren Literatur
hervorzurufen.
»Und der Oswald?« fragte sie. »Finden Sie den etwa auch geschlechtlos?«
»Oswald? Ein verkappter Kandidat der Theologie. Glauben Sie ihm doch den
Kuß im Nebenzimmer nicht!« -- Stanislaus Demba raffte sich zu einem Witz
auf. »Das ist ein Schwindel: Ein Theaterarbeiter ist es, der im
Nebenzimmer die Regina küßt, ein Kulissenschieber, der Inspizient
vielleicht, aber nicht der Oswald.«
Das Fräulein lachte.
»Übrigens,« fuhr Demba fort und rückte näher an das Fräulein heran, »ist
der Kuß ein Betrug an der Natur. Ein Ausweg, von Frauen ersonnen, um den
Mann um sein Recht zu prellen.«
»Sie sind aber unbescheiden. Sie gehen wohl gleich aufs Ganze, nicht?«
meinte das Fräulein.
»Küssen, Streicheln, Körper an Körper schmiegen,« predigte Stanislaus
Demba, »sind nur dazu da, um uns abzulenken von dem einen, das wir der
Natur schulden.«
Das Fräulein überlegte, ob es nicht besser sei, aufzustehen und die
Unterhaltung zu beenden, die ein wenig schwül zu werden drohte. Aber ihr
Nachbar sprach ja vorerst ganz akademisch, reine Theorie alles, und der
Gegenstand des Gesprächs behagte ihr im Grund genommen. Sie schielte
nach Frau Buresch: die saß und häkelte und hatte sicher kein Wort
verstanden, und die Kinder spielten in beruhigender Entfernung.
Aber Demba gab jetzt selbst dem Gespräch eine andere Wendung.
»Ich habe Hunger,« sagte er.
»Wirklich?«
»Ja. Denken Sie. Seit gestern mittag habe ich nichts gegessen.«
»So rufen Sie doch dort das Brezelweib und kaufen Sie sich ein Stück
Kuchen.«
»Das sagt sich sehr leicht, aber es ist nicht so einfach,« sagte Demba
nachdenklich. »Wieviel Uhr ist es eigentlich?«
»Halb zehn vorüber ist es auf meiner Uhr. Gleich dreiviertel,« sagte das
Fräulein.
»Herrgott, da muß ich ja gehen!« Demba sprang auf.
»Wirklich? Das ist schade. Es ist so langweilig, hier allein zu sitzen.«
»Ich habe mich verplaudert,« sagte Demba. »Ich habe viel zu tun. Ich
hätte mich eigentlich gar nicht setzen dürfen. Aber ich war todmüde und
die Füße schmerzten mich. Und außerdem« -- Demba schwang sich zur
höchsten Liebenswürdigkeit auf, deren er fähig war --, »ich konnte ja
gar nicht an Ihnen vorbeigehen. Ich mußte Sie kennen lernen.«
»Es ist eigentlich schade, daß wir nicht weiterplaudern können.« Das
Fräulein wippte leicht mit der Fußspitze und ließ einen zarten Knöchel
und den Ansatz eines schlanken, schöngeformten Beines sehen.
Stanislaus Demba starrte wehrlos auf ihren Fuß und blieb sitzen.
»Ich möchte Sie gerne wiedersehen,« sagte er.
»Ich gehe häufig um diese Zeit mit den Kindern spazieren. Freilich, in
diesem Park bin ich nicht immer.«
»Und wo sind Sie gewöhnlich?«
»Das ist verschieden. Es hängt von meiner Gnädigen ab. Ich bin
Erzieherin.«
»Dann werde ich wieder mal hierher schauen.«
»Wenn Sie es dem Zufall überlassen wollen -- aber Sie können mir ja
schreiben,« sagte das Fräulein.
»Gut. Dann werde ich Ihnen schreiben.«
»Also notieren Sie sich meine Adresse: Alice Leitner, bei Herrn
kaiserlichen Rat Adalbert Füchsel, neunter Bezirk, Maria-Theresien
Straße 18. -- Warum notieren Sie es nicht?«
»Das merke ich mir auch so.«
»Das ist unmöglich. So eine lange Adresse kann man sich nicht merken.
Wiederholen Sie sie doch einmal.«
Stanislaus Demba wußte nur noch Alice und kaiserlicher Rat Füchsel.
Alles andere hatte er vergessen.
»Also schreiben Sie sich's auf!« befahl das Fräulein.
»Ich habe weder Bleistift noch Papier,« sagte Demba und verzog ärgerlich
das Gesicht.
Das Fräulein holte einen Bleistift aus ihrer Handtasche und riß ein
Blatt Papier aus ihrem Notizbuch. »So. Notieren Sie sich's.«
»Ich kann nicht,« versicherte Stanislaus Demba.
»Sie können nicht?« fragte das Fräulein erstaunt.
»Nein. Ich bin leider Analphabet. Ich kann nicht schreiben.«
»Machen Sie doch keine Scherze!«
»Das ist kein Scherz. Es ist eine bekannte statistische Tatsache, daß
0,001 0/00 der Wiener Bevölkerung aus Analphabeten besteht. Dieses eine
Null Ganze, Null, Null eins pro Mille bin ich.«
»Das soll ich Ihnen glauben?«
»Gewiß, Fräulein! Sie haben heute die Ehre --«
Stanislaus Demba verstummte. Ein Windstoß hatte ihm den Hut vom Kopf
gerissen und über den Kiesweg auf den Rasen getrieben. Stanislaus Demba
sprang auf und machte einige Schritte hinter dem Hut her. Plötzlich
blieb er stehen, kehrte sich langsam um und ging auf seinen Platz
zurück.
»Dort liegt er,« murmelte er, »und ich kann ihn nicht holen.«
»Sind Sie komisch,« lachte das Fräulein. »Haben Sie vielleicht Angst vor
dem Parkwächter?«
»Wenn Sie mir nicht helfen, bleibt er dort liegen.«
»Ja, aber warum denn?«
Stanislaus Demba holte tief Atem.
»Weil ich ein Krüppel bin,« sagte er mit tonloser Stimme. »Es muß
heraus. Ich habe keine Arme.«
Das Fräulein sah ihn entsetzt an und brachte kein Wort aus der Kehle.
»Ja,« sagte Stanislaus Demba. »Ich habe beide Arme verloren.«
Das Fräulein ging wortlos in den Rasen und holte den Hut.
»Bitte, setzen Sie mir ihn auf. -- Ich bin leider auf fremde Hilfe
angewiesen. -- So, danke.«
»Ich war Ingenieur,« sagte Demba und ließ sich wieder auf die Bank
nieder. »Demba, Ingenieur in den Heurekawerken. Ich war so ungezogen,
mich nicht gleich vorzustellen. Kennen Sie die Heurekawerke? Nein!
Broterzeugung. Hasenmeyers beliebtes Kornbrot. Haben Sie nie davon
gehört?«
»Nein,« flüsterte das Fräulein und schloß die Augen. Jetzt verstand sie
manches an ihres Nachbars Benehmen. Sie begriff, warum er ihr vorhin den
Schirm nicht aufgehoben hatte, der Arme. Und warum er sich geweigert
hatte, ihre Adresse aufzuschreiben.
»In der Dampfmühle ist es mir geschehen. Ich geriet mit beiden Armen in
die Mahlmaschine. An einem -- nein, es war gar nicht einmal an einem
Freitag. An einem ganz gewöhnlichen Donnerstag war's; am zwölften
Oktober.«
Mit einem Male bekam das Fräulein eine rasende Angst, daß er auf den
Einfall kommen könnte, ihr seine verstümmelten Arme zu zeigen. Zwei
kurze, blutunterlaufene Stümpfe -- Nein! Sie konnte nicht daran denken.
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.
»Ich muß leider jetzt gehen,« sagte sie leise und schuldbewußt. »Willi!
Gretl! Es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen.«
Sie warf einen scheuen Blick auf ihren Nachbar. Wie schauerlich die
leeren Ärmel herunterhingen. Und sein abgetragener Anzug. Dieser alte
Mantel aus billigem Stoff! Alles, was ihr vorher als stolz zur Schau
getragene Originalität, als die gewollte Uneleganz des Bohemiens
erschienen war, erkannte sie jetzt als das, was es wirklich war: Als
mühsam verborgenes Elend.
Und hatte er nicht selbst gestanden, daß er Hunger litt?
»Sind Sie noch in der Fabrik?« fragte sie.
»Wo? In der Fabrik? -- Ach so. In den Heurekawerken. -- Nein. Wer kann
denn einen Krüppel brauchen,« sagte Demba.
Ja. Es war so, wie sie vermutet hatte. Es ging ihm schlecht. -- Viel
Geld hatte das Fräulein nicht bei sich. Eine Krone fand sich in ihrem
Handtäschchen und ein Zehnhellerstück. Die legte sie heimlich neben
Stanislaus Demba auf die Bank.
Dann stand sie auf. -- Einen Augenblick lang zuckte es in ihr, dem
unglücklichen Menschen die Hand zu reichen. Rechtzeitig kam ihr die
ganze Absurdität dieses Vorhabens zum Bewußtsein.
Sie nickte Stanislaus Demba zu und verabschiedete sich von Frau Buresch.
Dann nahm sie das kleinere der Kinder an der Hand und ging.
Als sie beim Parkausgang stand, fiel ihr ein, daß der arme Mensch das
Geld ja gar nicht zu sich nehmen konnte. Aber sie dachte sich, daß ihm
irgend jemand schon helfen werde. Vielleicht ein Vorübergehender; oder
Frau Buresch.
* * * * *
Frau Buresch, der kein Wort des Gespräches entgangen war, obwohl sie
sich den Anschein gegeben hatte, als sei sie nur mit ihrer Häkelarbeit
beschäftigt, war Zeugin, wie Stanislaus Demba das Geld entdeckte. Sie
beobachtete, wie sein Gesicht sich in eine Grimasse der Bestürzung, des
Ekels und der Enttäuschung entstellte, und sie sah mit Staunen, wie aus
seinem Mantel zwei Fingerspitzen hervorkamen, die das Geld mit wütender
Gebärde auf den Boden warfen.
4
Im Bureau der Firma Oskar Klebinder, Modewestenstoffe en gros, herrschte
heute keineswegs rege Tätigkeit. Der Chef war zwar wie alle Tage am
Morgen hier gewesen, hatte ein bißchen mit dem Personal gebrummt, und
speziell den Kontoristen Neuhäusl, der sich um eine volle halbe Stunde
verspätet hatte, für den nächsten Ersten die Kündigung in Aussicht
gestellt. Hatte dann in seinem Privatkontor eine heftige
Auseinandersetzung mit dem Reisenden Zerkowitz gehabt -- »In Wien
spazieren gehen, dafür zahl' ich Sie nicht! Fällt mir nicht ein!« hatte
man ihn schreien gehört. -- Schließlich hatte er dem Fräulein Postelberg
unter fortwährendem Husten und Räuspern zwei Briefe diktiert, und
dazwischen über den Kohlenstaub in den Stadtbahnzügen geschimpft. Dann
aber war er mit der Bemerkung fortgegangen, daß er in einer Stunde
wahrscheinlich wieder da sein werde; aber die Drohung machte auf keinen
seiner Angestellten Eindruck. Man wußte, daß er mit dem Zehnuhrzug nach
Kottingbrunn fahren wollte, wo nachmittag das Rennen stattfand.
An solchen Tagen pflegten die Bureaustunden im Hause Oskar Klebinder,
Modewestenstoffe en gros, gemütlich und angenehm zu verlaufen. Denn der
Buchhalter Braun, der den abwesenden Chef zu vertreten hatte -- Mister
Brown wurde er von den drei Bureaufräuleins genannt, obwohl er nach
Mährisch-Trübau zuständig war und kein Wort Englisch verstand --, Mister
Brown war kein Spielverderber. Er selbst arbeitete zwar gewissenhaft an
seinem Stehpult weiter, addierte unverdrossen Ziffernkolonnen, schloß
Konti ab und eröffnete neue, aber was rings um ihn geschah,
interessierte ihn nicht. Seine Kollegen und Kolleginnen durften sich die
neunstündige Bureauzeit vertreiben, wie es ihnen beliebte. Nur wenn die
Unterhaltung zu laut wurde, schüttelte er mißbilligend den Kopf.
Laut war die Unterhaltung diesmal nicht. Eine einzige Schreibmaschine
klapperte. Das war Fräulein Hartmann, die morgen auf Urlaub ging und
ihren Rückstand aufarbeiten mußte. Fräulein Springer las aus dem
Tagblatt den Sportbericht vor. Fräulein Postelberg hatte zwei Spiegel
auf ihren Schreibtisch gestellt und legte die letzte Hand an ihre neue
Frisur. Herr Neuhäusl beschäftigte sich mit der Malträtierung seiner
Taschenuhr, der er die Schuld an seiner Verspätung beilegte. Der
Praktikant Josef malte traumverloren auf einen Bogen Kanzleipapier mit
blauem Bleistift seine Unterschrift, die so schwungvoll war, daß er
ohneweiters zum Gouverneur der österreichisch-ungarischen Bank hätte
ernannt werden können. Aus dem Lagerraum war die fettige Stimme des
Reisenden Zerkowitz zu vernehmen, der irgend jemandem Vorwürfe machte,
weil eine Musterkollektion noch immer nicht zusammengestellt war.
»Ethel, wie steht sie mir?« fragte jetzt Fräulein Postelberg, die eben
mit ihrer Frisur fertig geworden war.
»Laß dich anschauen! Wirklich großartig, Claire,« sagte Fräulein
Springer.
»Claire« und »Ethel« sind für Angestellte einer Manufakturfirma am
Franz-Josefs-Kai nicht gerade alltägliche Namen. Keine der beiden Damen
hätte ihr Recht auf den schönklingenden Rufnamen aus ihren Tauf-,
Geburts- oder sonstigen Dokumenten schwarz auf weiß nachweisen können.
Aber dem Fräulein Postelberg konnte man die Berechtigung, sich »Claire«
rufen zu lassen, nicht bestreiten. Obwohl sie ein widriges Geschick als
schlichte Klara Postelberg in Wien II hatte das Licht der Welt erblicken
lassen, so stand sie doch bei dem männlichen Personal aller Häuser, mit
denen die Firma Oskar Klebinder in Geschäftsverbindung stand, in dem
Ruf, etwas »Französisches«, etwas »echt Pariserisches«, oder, wie der
Reisende Zerkowitz, ein gewiegter Frauenkenner, es noch deutlicher
ausdrückte, »ein gewisses Etwas« an sich zu haben. Sie bezog den »_Chic
parisien_« im Subabonnement, pflegte auf dem Weg ins und aus dem Bureau
in französischen Romanen zu lesen, und hatte im Vorjahr durch den
Vortrag eines französischen Chansons bei einem Vereinsabend einen
außerordentlichen Erfolg erzielt. Fräulein Springer, die ungarische
Korrespondentin, hingegen gab sich, seit sie in einem Wettschwimmen im
Dianabad den zweiten Preis erzielt hatte, ganz als _sporting girl_. Sie
verbreitete Angst und Schrecken durch die robuste Art ihres Händedrucks,
mit dem sie ihre Freunde und Bekannten aufs äußerste zu mißhandeln
pflegte, und hatte es durch Terrorismus im Bureau durchgesetzt, daß ihr
Vorname Etelka in das klangvollere Ethel abgekürzt wurde. Sie führte mit
Vorliebe Gespräche über amerikanische Mädchenerziehung und über die
Stellung der Frau »drüben«, »jenseits des großen Wassers«, und wußte den
leichten ungarischen Akzent in ihrer Sprache durch gelegentlich
eingestreute »_All rights_« und »_Neverminds_« zu verbergen.
Sonja Hartmann hieß wirklich Sonja. Sie stand jetzt auf, stülpte den
Deckel über ihre Schreibmaschine und schloß sie ab.
»So. Fertig,« sagte sie. »Zwölf Tage lang rühr' ich jetzt keine Feder
an. Außer wenn ich euch Ansichtskarten aus Venedig schick'.«
Sonja Hartmanns bevorstehende Urlaubsreise stand seit zwei Tagen im
Mittelpunkt der Erörterungen. Das Ergebnis ihres gestrigen Bittgangs zum
Chef -- zwölf Tage hatte er bewilligt -- war mit Spannung erwartet und
eingehend besprochen worden. An der Zusammenstellung der Reiseroute
hatte das ganze Bureau mit Eifer und Hingebung mitgearbeitet, für die
notwendigen Einkäufe und sonstige Vorbereitungen hatte der welterfahrene
Herr Zerkowitz, der Reisende, seinen sachkundigen Rat geliehen. In kaum
vierundzwanzig Stunden ging der Zug ab, der Sonja Hartmann aus dem
Südbahnperron in märchenhafte Fernen entführen sollte. Und vor drei
Tagen hatte noch niemand auch nur die leiseste Ahnung gehabt von dem
Glück, das ihr bevorstand. Aber vorgestern hatte Georg Weiner, ihr
Freund, von seinem Vater ganz unerwartet dreihundert Kronen als
Belohnung für ein bestandenes Kolloquium bekommen. Neunzig Kronen hatte
sie selbst in der Sparkassa gehabt, die konnte sie zur gemeinsamen
Reisekasse beisteuern. Und für beinahe vierhundert Kronen ließ sich
schon ein ganz hübsches Stückchen Welt besehen. Freilich, das
Rundreisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien -- schon
gestern war es im Bureau von Hand zu Hand gegangen und gebührend
angestaunt worden -- war dünn genug und enthielt nicht imponierend viel
Blätter. Aber ebenso wie in den amtlichen Communiqués über
Monarchenzusammenkünfte oder Ministerbegegnungen die bedeutungsvollen
Ergebnisse nicht im Text, sondern zwischen Zeilen verborgen liegen, so
sollten die eigentlichen Genüsse der Reise nicht auf den perforierten
Blättern des Rundreiseheftes, sondern zwischen ihnen gefunden werden.
Schon am Semmering wollte man die Fahrt für einige Stunden unterbrechen
und eine Besteigung des Sonnwendsteines unternehmen. Für die
Besichtigung Laibachs -- Graz kannte Sonja Hartmann schon -- und für den
Besuch der Adelsberger Grotte war je ein halber Tag vorgesehen. Von
Triest aus sollten größere und kleinere Ausflüge nach Pirano, Capo
d'Istria und Grado unternommen und der mehrtägige Aufenthalt in Venedig
durch einen Abstecher nach Padua unterbrochen werden. Denn Padua --
hatte Georg Weiner erklärt --, war doch nicht solch ein
Allerweltsreiseziel wie Venedig, sondern lag abseits vom Strome der
Globetrotter, und schon eher im Herzen Italiens. Wer in Venedig war, der
kennt nur die Fransen Italiens, wer aber in Padua war, kennt auch das
Innere, -- hatte auch Herr Zerkowitz bestätigt. Padua stand also
gleichfalls auf dem Reiseplan, obwohl Sonja eigentlich einen längeren
Aufenthalt auf dem Lido vorgezogen hätte. Von Padua aus sollte dann
jenes Telegramm an Sonjas Chef, Herrn Klebinder abgehen, über dessen
Abfassung es gestern beinahe zu einem Streit zwischen Sonja und Georg
Weiner gekommen wäre. Sonja war unbedingt für einen draufgängerischen
Text gewesen, für eine Tonart, die den Gedanken an einen Widerspruch von
vornherein nicht aufkommen lassen sollte. Georg Weiner hatte einen
diplomatischen Entwurf in Vorschlag gebracht, und schließlich hatte man
sich auf die Stilisierung: »Durch Unwohlsein Rückfahrt verzögert,
ankomme Freitag« geeinigt. Freitag, das ergab zwei volle Tage
Urlaubsverlängerung, und die sollten, wenn das Geld langte, auf der
Heimreise zu einer Fußwanderung durch das romantische Ennstal verwendet
werden.
Sonja zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich in ihren Stuhl
zurück, als säße sie schon im Eisenbahnwagen und ratterte an
Mürzzuschlag, St. Peter oder Opcina vorbei.
»Werdet ihr mir alle nach Venedig schreiben?« fragte sie und ließ eine
Rauchwolke zur Decke schweben. »Venetia, posta grande. Sie auch, Mister
Brown?«
»Was soll ich Ihnen denn schreiben?« fragte Mister Brown, ohne von
seinem Buch aufzublicken.
»Was es Neues gibt im Bureau.«
»Was wird es denn Neues geben?« meinte der Buchhalter und begrub den
Kopf zwischen zwei Kontoblätter: »Daß Koloman Steiner in Groß-Kikinda
sechs Prozent anbietet, wird Sie wahrscheinlich wenig interessieren.
Seien Sie froh, wenn Sie mal paar Tage nichts von uns hören.«
»Die Postelberg wird schon für Abwechslung sorgen,« mischte sich Herr
Neuhäusl in die Unterhaltung. »Diesen Monat trägt sie das Haar
kirschrot, nach dem Ersten soll Grasgrün darankommen, hab' ich aus
verläßlicher Quelle erfahren.«
»Sie werden es wahrscheinlich sowieso nicht bei uns erleben, Herr
Neuhäusl,« wehrte sich die Angegriffene mit unzarter Anspielung auf die
Drohung des Chefs. »Also kann es Ihnen ganz egal sein. Überhaupt heiß'
ich für Sie: Fräulein Postelberg, merken Sie sich das.«
»Kinder, nicht streitet euch fortwährend!« mahnte Etelka Springer. »Sag'
mir lieber, Sonja, was wird Stanie dazu sagen, wenn er hört, daß du mit
dem Georg davon bist?«
»Der?« -- Sonja zuckte geringschätzig die Achseln. »Der soll sagen, was
er will. Wir sind endgültig fertig miteinander.«
»Bei dir ist alles Egoismus und Berechnung,« sagte Fräulein Postelberg.
»Wie kannst du das sagen?« fuhr Sonja auf. »Bitte, misch' dich nicht
immer in meine Angelegenheiten ein.«
Sie holte die Photographie ihres Freundes aus ihrer Handtasche hervor
und hielt sie dem Buchhalter vors Gesicht.
»Das ist Georg Weiner. Ist er nicht schön, Mister Brown? Ist er nicht
schön?«
»Mister Brown« war gerade mitten im Addieren und hatte keine Zeit, von
seinem Buche aufzublicken. »Wie ein Angorakatzerl,« sagte er aber auf
jeden Fall. »Siebzehn -- sechsundzwanzig -- zweiunddreißig. Wie ein
Seidenschwanz.« Er hatte von seiner langjährigen Tätigkeit in der
Seidenbranche her eine unklare Vorstellung, daß ein Seidenschwanz ein
besonders farbenschillerndes Lebewesen sein müsse.
»Im Ernst, Mister Brown,« drängte Sonja. »Sagen Sie, ist er nicht
wirklich schön?«
»Einundfünfzig -- neunundfünfzig -- vierundsechzig. Wie ein
Karpathenhirsch.«
Sonja kehrte ihm gekränkt den Rücken zu und legte die Photographie auf
ihr Schreibpult.
»Mir tut der Stanie leid,« sagte Fräulein Postelberg. »Ich weiß nicht,
fort muß ich an den Menschen denken. Wenn du mir folgst, läßt du Venedig
Venedig sein und den Weiner Weiner, und fährst zu deiner Tante nach
Budweis wie voriges Jahr.«
Sonja verzog den Mund und hielt es nicht der Mühe wert, eine Antwort zu
geben.
»Wie ein Paradeisvogel,« ließ sich von seinem Schreibpult her Mister
Brown vernehmen, der während des Addierens mechanisch nach dem richtigen
Ausdruck für Georg Weiners männliche Schönheit weitersuchte.
»Du hast's bequem. Natürlich,« fuhr Klara Postelberg fort. »Du bist
morgen schon, wer weiß wo, wenn er heraufkommt und uns eine Szene macht.
Wir können uns dann seine Vorwürfe anhören. So wie vorige Woche, wie du
mit dem Weiner ins Theater gefahren bist. Ganz außer Rand und Band war
er, wie du nicht mehr da warst. Wie ein Wilder hat er sich aufgeführt,
schade, daß du nicht dabei warst, gebrüllt hat er mit uns wie --«
»Wie ein Bär in Sibärien,« ergänzte Mister Brown, der sich noch immer in
zoologischen Vorstellungen bewegte und nicht genau wußte, wovon im
Augenblick die Rede war.
»Er hat gar keine Ursache, sich aufzuregen,« sagte Sonja gelassen. »Ich
hab' es ihm schon wiederholt gesagt, daß es zwischen mir und ihm ein für
allemal aus ist. Übrigens könnt ihr ihm ja wirklich sagen, daß ich nach
Budweis zu meiner Tante gefahren bin.«
Herr Neuhäusl legte das Taschenmesser, mit dessen Hilfe er eine wichtige
Verbesserung an dem Räderwerk seiner Taschenuhr erzielt hatte, aus der
Hand.
»Wenn Sie sich vielleicht einbilden,« sagte er zu Sonja, »daß Ihr
Verflossener nicht ganz genau weiß, was Sie vorhaben --«
»So mag er's wissen,« sagte Sonja. »Um so besser. Ich habe keine
Ursache, vor ihm Verstecken zu spielen. Wo haben Sie ihn getroffen?«
»Gestern abend hat er sich im Café Sistiana zu mir gesetzt,« sagte Herr
Neuhäusl, ließ den Deckel seiner Uhr zuschnappen und steckte sie in die
Westentasche. »Ich hab' ruhig meine Zeitung lesen wollen, konnt' aber
nicht dazukommen. Bis neun Uhr hab' ich mir ununterbrochen seinen
Liebesgram anhören müssen und ab neun Uhr seine Rachepläne. Hat mich
=sehr= interessiert,« schloß Herr Neuhäusl ironisch.
»Wie war er? War er sehr aufgeregt?« fragte Fräulein Postelberg
neugierig.
»Anfangs war er sehr aufgeregt, zum Schluß ist ihm dann eine Idee
gekommen, da hat er sich beruhigt. Von sechshundert Kronen hat er etwas
gesagt, die er sich verschaffen will, und damit wird er mit dem Fräulein
Hartmann nach Paris fahren, hat er gesagt, oder an die Riviera.«
Auf Sonja Hartmann machte diese Eröffnung keinen Eindruck, Fräulein
Postelberg hingegen geriet durch die bloße Erwähnung von »Paris« in
Ekstase.
»Sonja!« rief sie verzückt, lehnte den Kopf zurück und blickte
schwärmerisch zur Decke empor. »Paris! Die Boulevards! Der Père
Lachaise! Der Montmartre!«
»Eau de Cologne,« äffte ihr Herr Neuhäusl mit einer Grimasse nach,
»_Chapeau claque! Voilà tout!_«
Dann stand er auf und begann im Flüsterton eifrig auf den Buchhalter
einzusprechen.
»Mister Brown« schien ihm nicht zuzuhören, schrieb und rechnete
unermüdlich weiter. Erst nach ein paar Minuten legte er die Feder hin,
warf einen Blick auf die Wanduhr und schlug sich mit der Hand vor die
Stirne.
»Dreiviertel zehn ist schon? Ist das möglich?« fragte er. »Wieviel Uhr
haben Sie, Herr Neuhäusl? Wirklich schon dreiviertel zehn? Dann hab' ich
den Prokuristen von Gebrüder Goldstein schon eine Viertelstunde lang auf
mich warten lassen. -- Eine geschäftliche Besprechung, Herr Neuhäusl,
Sie können mitgehen, damit Sie lernen, wie man mit der Kundschaft
umgeht. Wenn der Chef zufällig kommen sollte, so rufen Sie mich im Café
Sistiana an, Fräulein Springer, der Kellner dort kennt mich. 17836 ist
die Nummer.«
»_All right_, Mister Brown,« sagte Etelka Springer.
»Ist Ihnen vielleicht etwas nicht recht, Fräulein Postelberg?« stellte
»Mister Brown« die Kontoristin zur Rede, die mit dem Praktikanten Josef
stumme Blicke eines vergnügten Einverständnisses gewechselt hatte.
»Aber wo denken Sie hin?« verteidigte sich Klara Postelberg. »Ich weiß
doch: _Les affaires sont les affaires._«
»Ich möchte wetten,« sagte sie, als »Mister Brown« mit Herrn Neuhäusl
das Bureau verlassen hatte, »daß er jetzt mit dem Neuhäusl Karambol
spielen geht. Immer, wenn der Chef beim Rennen ist, hat er geschäftliche
Besprechungen im Café Sistiana und ausgerechnet den Neuhäusl nimmt er
jedesmal mit.«
»Recht hat er,« sagte Etelka Springer.
Klara Postelberg setzte sich zu Sonja.
»Was hast du denn gegen den Stanie?«
»Nichts,« sagte Sonja. »Gar nichts. Ich hab' ihn nur nicht mehr gern.«
»Warum eigentlich? Und seit wann?«
»Seit wann? -- Wirklich gern hab' ich ihn eigentlich nie gehabt. Oder
nur an dem einen Tag, an dem ich ihn kennen gelernt hab'. Später hab'
ich immer nur Furcht vor ihm gehabt; er ist wild und unberechenbar, wenn
ich mit ihm unter Leuten war, hab' ich immer davor zittern müssen, daß
er mit irgend jemandem Streit beginnt.«
»Aber er ist sehr gescheit,« sagte Klara Postelberg. »Und er versteht
einfach alles. In allem kennt er sich aus. Unlängst hat er mir erklärt,
warum die Obstweiber gerade am Bauernmarkt stehen, alle, und die
Blumenweiber in der verlängerten Kärntnerstraße. Ich hab' es wieder
vergessen, aber es war interessant. Außerdem ist er doch groß und ein
hübscher Mensch, nicht wie der Georg Weiner, der --«
Sie unterbrach sich. Das Telephon hatte geläutet. Sie sprang auf und
lief ins Zimmer des Chefs, auf dessen Pult der Telephonapparat seinen
Platz hatte. Nach ein paar Augenblicken kam sie zurück.
»Sonja, du wirst verlangt.«
»Georg --?«
»Ich glaube. Ja.«
Sonja ging zum Telephon. Klara Postelberg nahm die Zeitung. Sie begann
mit der letzten Seite und las die Annoncen. Zuerst die flatterhaften,
die 'jenes entzückende Fräulein' in Weiß, Rosa oder Blau mit stammelnden
Liebesrufen zu betören suchten, sodann die ehrbaren Vorschläge
gesetzterer Herren mit etwas, mit entsprechendem oder gar mit
ansehnlichem Vermögen. Der Praktikant Josef spielte mit Hilfe zweier
Kupferkreuzer ein aufregendes Hasardspiel eigener Erfindung. Etelka
Springer schrieb eine Ansichtskarte. Nur das Knistern der Zeitung und
das Ticken der Wanduhr unterbrach die Stille.
Plötzlich warf Klara Postelberg die Zeitung weg. »Ethel, horch einmal!
Ich glaube, der Chef ist zurückgekommen.«
Die Holztreppe, die aus dem Lagerraum in das Bureau führte, knarrte
unter schweren Schritten.
Zwei Schreibmaschinen begannen wütend zu klappern. Zwei Köpfe beugten
sich über die eingespannten Briefbogen. Die Nase des Praktikanten fuhr
unruhig zwischen den Seiten eines hastig aufgeschlagenen Kopierbuches
umher.
Aber es war nicht Herr Klebinder, der Chef, der die Treppe heraufkam,
sondern Stanislaus Demba.
In der Türöffnung blieb er stehen und suchte mit blinzelnden Augen das
Zimmer ab. Lose über die Schultern gehängt trug er seinen hellbraunen
Havelock. Vorn an der Brust hielt er ihn mit den Händen zusammen.
»Ist Sonja nicht hier?« fragte er. Er sah übernächtig aus und schien vom
raschen Gehen und vom Treppensteigen ermüdet zu sein.
»Sie sind's, Herr Demba? Grüß Sie Gott!« rief Klara Postelberg. »Sonja
ist drüben im Chefzimmer. Gleich wird sie da sein.« Sie verschwieg
vorsichtig, daß Sonja eben mit Georg Weiner ein Telephongespräch führte.
»Ich werde warten,« sagte Demba.
»Dann nehmen Sie aber, bitte, gefälligst den Hut ab, Stanie. Bei uns im
Zimmer nimmt man den Hut ab,« sagte Etelka Springer.
Stanislaus Demba stand mit dem Hut auf dem Kopf breit und schwerfällig
da und blickte unruhig auf Etelka Springer. Ein Schweißtropfen glitt ihm
von der Stirne. Er wischte ihn nicht ab, sondern zuckte nur nervös mit
den Gesichtsmuskeln, als ob er ein lästiges Insekt verscheuchen wollte.
Den Hut behielt er auf dem Kopf.
»Siehst du, Claire, so macht man das,« sagte Etelka Springer und nahm
ihm mit einem raschen Griff den Hut vom Kopf. Demba zuckte zusammen,
aber er ließ es geschehen. Etelka Springer schob ihm einen Sessel zu.
»So, jetzt dürfen Sie sich setzen. Sonja wird gleich kommen.«
Stanislaus Demba starrte haßerfüllt auf Etelka Springer und dann mit
einem Ausdruck völliger Ratlosigkeit auf seinen breitrandigen Hut, den
Etelka auf den Kleiderhaken an der Wand gehängt hatte. Schließlich
zuckte er die Achseln und ließ sich auf den Stuhl nieder.
»Mir können Sie aber doch die Hand geben. Ich hab' Ihnen doch nichts
getan?« sagte Klara Postelberg.
Demba schien erst jetzt die ihm entgegengestreckte Hand zu bemerken und
wurde mit einemmal gesprächig.
»Was für reizende, kleine Hände Sie haben, Fräulein Klara. Nie im Leben
hab' ich so aristokratisch-edle Hände gesehen. Was gäb' ich für einen
einzigen Kuß auf diese Hand!«
»Aber bitte!« ermutigte ihn Fräulein Postelberg und hielt ihm auch die
andere Hand hin.
»Leider haben Sie Tintenflecke auf den Fingern. Das nimmt einem alle
Illusionen,« sagte Demba.
»Sie sind unausstehlich heute, Herr Demba.« Klara Postelberg trat
tiefgekränkt an den Waschtisch, der zwischen dem Fenster und der
Kopierpresse stand, und begann ihre Finger mit Kleesalz zu reiben.
Demba blickte nachdenklich auf ihre Hände.
»Chwoykas Seifensand!« sagte er plötzlich. »Hält rein die Hand.«
»Sie sind wirklich unausstehlich heute.«
»Heute? Immer ist er unausstehlich,« erklärte Etelka Springer. »Nicht
wahr, Stanie. Deswegen können Sie aber einer alten Freundin doch die
Hand geben. Ich hab' keine Tintenflecke auf den Fingern.«
Etelka Springer und Stanislaus Demba waren alte Bekannte. Er hatte ihrem
jüngeren Bruder gegen freien Mittagstisch Nachhilfestunden gegeben und
ihn durch die vier Klassen des Untergymnasiums gebracht. Durch Etelka
Springer hatte er Sonja kennen gelernt. Aber trotzdem wurde Etelka
Springer der Ehre eines Händedruckes nicht für würdig erachtet.
»Ihnen?« sagte Demba und verzog die Lippen. »Sie renken den Leuten die
Arme aus.«
»Sie sind ein Flegel!« sagte Etelka Springer. »Sonja hat ganz recht,
wenn sie --«. Sie brach ab.
»Was ist's mit Sonja?«
»Nichts.«
»Was ist's mit Sonja?« schrie Stanislaus Demba. Er fuhr aus seinem
Sessel in die Höhe und war kreidebleich. »Was ist's mit Sonja?«
»Schreien Sie nicht so! Nichts,« sagte Etelka Springer.
»Ich will wissen, was Sie von Sonja sagen wollten!« brüllte Demba ganz
außer sich.
»Nichts hab' ich sagen wollen. Mich lassen Sie gefälligst aus dem
Spiel.« Etelka kehrte ihm den Rücken.
Krachend fielen Stanislaus Dembas Fäuste auf die Tischplatte nieder.
Irgend etwas klirrte, als sei eine große Spiegelscheibe in Trümmer
gegangen. Der Praktikant, der in einem Winkel eingenickt war, sprang auf
und rieb sich die Augen. Klara Postelberg und Etelka Springer drehten
sich um und sahen Demba schwer atmend an den Schreibtisch gelehnt
stehen. Er war offenbar selbst erschrocken über seinen plötzlichen
Ausbruch. Seine Hände waren wieder unter dem hellbraunen Havelock
verschwunden.
»Sind Sie verrückt, Stanie?« rief Etelka Springer. »Sie haben mein
Tintenfaß zerschlagen.«
Doch das Tintenfaß stand unbeschädigt auf dem Schreibtisch. Nur ein
wenig Tinte war verspritzt und bildete zwei kleine Inseln auf der
metallenen Schreibtischplatte.
»Aber Sie müssen doch etwas zerbrochen haben. Ein Glas oder so was. Ich
hab' es doch deutlich klirren gehört!« Etelka Springer suchte vergeblich
auf dem Boden nach Glassplittern.
»Was ist's mit Sonja?« fragte Stanislaus Demba jetzt sehr ruhig.
»Da ist sie. Fragen Sie sie selbst,« sagte Etelka Springer und wies auf
Sonja Hartmann, die durch den Lärm herbeigerufen, eben ins Zimmer trat.
Stanislaus Dembas Besuch kam Sonja nicht unerwartet. Da Demba nun einmal
von ihrer beabsichtigten Reise erfahren hatte -- weiß Gott, wer ihm
davon erzählt haben mochte -- so war mit Sicherheit zu erwarten gewesen,
daß er kommen und den Versuch machen werde, Sonja zurückzuhalten. Diese
Auseinandersetzung, die ihr jetzt bevorstand, war unausbleiblich
gewesen. Sie war eine von den kleinen Widerwärtigkeiten, die überwunden
werden mußten, bevor Sonja die Reise antrat. Sie gehörte zu dieser
Reise, genau so, wie das umständliche Packen der Koffer, wie der
peinliche Bittgang zum Chef, wie die Abwehr der zudringlichen Fragen
ihrer neugierigen Wirtsleute. Sonja wohnte bei fremden Leuten, die sich
das dürftig möblierte Zimmer und die mehr als bescheidenen Mahlzeiten
teuer genug bezahlen ließen und sich zudem noch für berechtigt hielten,
eine Art Aufsicht über das Tun und Lassen der Kontoristin auszuüben.
Alle diese Unannehmlichkeiten waren nun glücklich überstanden, und so
hieß es nun, auch diese letzte Unterredung mit Stanislaus Demba über
sich ergehen zu lassen.
Sonja war bereit.
»Du bist's?« fragte sie und zwang ihr Gesicht zu einem Ausdruck
ängstlicher Verlegenheit. »Ich hab' dich doch gebeten, mich nicht mehr
im Bureau zu besuchen. Du weißt, der Chef --«
Der ärgerliche Ton in ihrer Stimme tat seine Wirkung. Stanislaus Demba
wurde verwirrt und geriet schon zu Beginn der Auseinandersetzung in die
Stellung des sich Verteidigenden.
»Bitte verzeih, wenn ich dich hier störe,« sagte er. »Aber ich habe mit
dir zu sprechen.«
»Muß das unbedingt jetzt sein?« fragte sie mit der allergleichgültigsten
Miene, die sie zustande brachte.
»Ja.«
»Wenn es unbedingt sein muß, dann bitte, nimm Platz.«
Demba setzte sich.
»Nun? Laß hören,« sagte Sonja.
Demba schwieg eine Weile. -- »Vielleicht wird es doch besser sein, wenn
die Unterredung unter vier Augen --«
»Komm, Claire,« sagte Etelka Springer. »Wir wollen nicht stören.«
»Nein, nein! Bleibt nur. Ich bitt' euch, bleibt doch. Was Herr Demba und
ich miteinander zu sprechen haben, kann jeder hören,« sagte Sonja rasch.
Sie hatte sich darauf gefreut, ihre beiden Bureaukolleginnen Zeugen der
Niederlage Dembas werden zu lassen. Aber Etelka Springer wollte nicht
bleiben.
»Nein!« sagte sie. »Es ist besser, wir lassen euch allein. Komm,
Claire!«
»_Enfin seul_,« konnte sich Klara Postelberg zu bemerken nicht
enthalten, als sie hinter Etelka Springer das Zimmer verließ. Der
Praktikant blieb in seinem Winkel bei der Kopierpresse. Er verstand nur
wenige Worte Deutsch, -- erst vor drei Wochen war er aus seinem
böhmischen Nest nach Wien gekommen -- und so war eine Indiskretion von
seiner Seite nicht zu erwarten. Außerdem war er eingeschlafen.
»Nun?« sagte Sonja, als sie allein waren.