Und bitte nicht um mein Leben;
Doch willst du mir Gnade geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen:
Ihn magst du, entrinn' ich, erwürgen.«
Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
»Drei Tage will ich dir schenken;
Doch wisse, wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh' du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.«
Und er kommt zum Freunde: »Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben;
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
So bleib' du dem König zum Pfande,
Bis ich komme zu lösen die Bande.«
Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen;
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgen-Rot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.
Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen,
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,
Da reißet die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.
Und trostlos irrt er an Ufers Rand;
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket,
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.
Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
»O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht,
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.«
Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet.
Da treibet die Angst ihn, da faßt er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.
Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte;
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.
»Was wollt ihr?« ruft er, vor Schrecken bleich,
»Ich habe nichts, als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!«
Und entreißet die Keule dem nächsten gleich;
»Um des Freundes willen erbarmet euch!«
Und drei, mit gewaltigen Streichen,
Erlegt er, die andern entweichen.
Und die Sonne versendet glühenden Brand,
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet, sinken die Kniee.
»O, hast du mich gnädig aus Räubers-Hand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!«
Und horch! da sprudelt es silberhell,
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen;
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.
Und die Sonne blinkt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüber fliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
»Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.«
Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen,
Da schimmern in Abend-Rots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:
»Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet' er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihn konnte den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.« --
»Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht,
Ein Retter, willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blut'ge Tyrann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue!«
Und die Sonne geht unter, da steht er am Thor
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet;
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
»Mich, Henker!« ruft er, »erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!«
Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen vor Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge thränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wunder-Mär';
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen.
Und blicket sie lange verwundert an.
Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen;
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn;
So nehmet auch mich zum Genossen an!
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der dritte.«
*Ritter Toggenburg.*
»Ritter, treue Schwester-Liebe
Widmet euch dies Herz;
Fordert keine andre Liebe,
Denn es macht mir Schmerz.
Ruhig mag ich euch erscheinen,
Ruhig gehen sehn.
Eurer Augen stilles Weinen
Kann ich nicht verstehn.«
Und er hört's mit stummem Harme,
Reißt sich blutend los,
Preßt sie heftig in die Arme,
Schwingt sich auf sein Roß,
Schickt zu seinen Mannen allen
In dem Lande Schweiz;
Nach dem heil'gen Grab sie wallen,
Auf der Brust das Kreuz.
Große Taten dort geschehen
Durch der Helden Arm;
Ihres Helmes Büsche wehen
In der Feinde Schwarm;
Und des Toggenburgers Name
Schreckt den Muselmann;
Doch das Herz von seinem Grame
Nicht genesen kann.
Und ein Jahr hat er's getragen,
Trägt's nicht länger mehr;
Ruhe kann er nicht erjagen
Und verläßt das Heer;
Sieht ein Schiff an Joppe's Strande,
Das die Segel bläht,
Schiffet heim zum teuren Lande,
Wo ihr Atem weht.
Und an ihres Schlosses Pforte
Klopft der Pilger an;
Ach, und mit dem Donnerworte
Wird sie aufgetan:
»Die ihr suchet, trägt den Schleier,
Ist des Himmels Braut,
Gestern war des Tages Feier,
Der sie Gott getraut.«
Da verlässet er auf immer
Seiner Väter Schloß,
Seine Waffen sieht er nimmer,
Noch sein treues Roß,
Von der Toggenburg hernieder
Steigt er unbekannt,
Denn es deckt die edeln Glieder
Härenes Gewand.
Und erbaut sich eine Hütte
Jener Gegend nah,
Wo das Kloster aus der Mitte
Düstrer Linden sah;
Harrend von des Morgens Lichte
Bis zu Abends Schein,
Stille Hoffnung im Gesichte,
Saß er da allein.
Blickte nach dem Kloster drüben,
Blickte stundenlang
Nach dem Fenster seiner Lieben,
Bis das Fenster klang,
Bis die Liebliche sich zeigte,
Bis das teure Bild
Sich in's Tal herunter neigte,
Ruhig, engelmild.
Und dann legt' er froh sich nieder,
Schlief getröstet ein,
Still sich freuend, wenn es wieder
Morgen würde sein.
Und so saß er viele Tage,
Saß viel Jahre lang,
Harrend ohne Schmerz und Klage,
Bis das Fenster klang.
Bis die Liebliche sich zeigte,
Bis das teure Bild
Sich in's Tal herunter neigte.
Ruhig, engelmild.
Und so saß er, eine Leiche,
Eines Morgens da;
Nach dem Fenster noch das bleiche
Stille Antlitz sah.
*Der Alpenjäger.*
Willst du nicht das Lämmlein hüten?
Lämmlein ist so fromm und sanft,
Nährt sich von des Grases Blüten,
Spielend an des Baches Ranft.
»Mutter, Mutter, laß mich gehen,
Jagen nach des Berges Höhen!«
Willst du nicht die Herde locken
Mit des Hornes munterm Klang?
Lieblich tönt der Schall der Glocken
In des Waldes Lust-Gesang.
»Mutter, Mutter, laß mich gehen,
Schweifen auf den wilden Höhen!«
Willst du nicht der Blümlein warten,
Die im Beete freundlich stehn?
Draußen ladet dich kein Garten;
Wild ist's auf den wilden Höhn!
»Laß die Blümlein, laß sie blühen!
Mutter, Mutter, laß mich ziehen!«
Und der Knabe ging zu jagen,
Und es treibt und reißt ihn fort,
Rastlos fort mit blindem Wagen
An des Berges finstern Ort;
Vor ihm her mit Windes-Schnelle
Flieht die zitternde Gazelle.
Auf der Felsen nackten Rippen
Klettert sie mit leichtem Schwung,
Durch den Riß gespaltner Klippen
Trägt sie der gewagte Sprung;
Aber hinter ihr verwogen
Folgt er mit dem Todes-Bogen.
Jetzo auf den schroffen Zinken
Hängt sie, auf dem höchsten Grat,
Wo die Felsen jäh versinken
Und verschwunden ist der Pfad.
Unter sich die steile Höhe,
Hinter sich des Feindes Nähe.
Mit des Jammers stummen Blicken
Fleht sie zu dem harten Mann,
Fleht umsonst, denn loszudrücken
Legt er schon den Bogen an;
Plötzlich aus der Felsen-Spalte
Tritt der Geist, der Berges-Alte.
Und mit seinen Götter-Händen
Schützt er das gequälte Tier
»Mußt du Tod und Jammer senden,«
Ruft er, »bis herauf zu mir?
Raum für alle hat die Erde;
Was verfolgst du meine Herde?«
*Gefunden.*
Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.
Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?
Ich grub's mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ich's
Am hübschen Haus.
Und pflanzt' es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.
*Erl-König.*
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? --
Siehst, Vater, du den Erl-König nicht?
Den Erlen-König mit Kron' und Schweif? --
Mein Sohn, es ist ein Nebel-Streif. --
»Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir;
Manch' bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch' gülden Gewand.«
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlen-König mir leise verspricht? --
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. --
»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reih'n
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erl-Königs Töchter am düstern Ort? --
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau;
Es scheinen die alten Weiden so grau. --
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt.« --
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erl-König hat mir ein Leid's getan! --
Dem Vater grauset's, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Müh' und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.
*Der Fischer.*
Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor;
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.
Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
Was lockst du meine Brut
Mit Menschen-Witz und Menschen-List
Hinauf in Todes-Glut?
Ach wüßtest du, wie's Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.
Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew'gen Tau.
Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
Netzt' ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war's um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Und ward nicht mehr gesehn.
*Die wandelnde Glocke.*
Es war ein Kind, das wollte nie
Zur Kirche sich bequemen,
Und Sonntags fand es stets ein Wie,
Den Weg ins Feld zu nehmen.
Die Mutter sprach: die Glocke tönt,
Und so ist dir's befohlen,
Und hast du dich nicht hingewöhnt,
Sie kommt und wird dich holen.
Das Kind, es denkt: die Glocke hängt
Da droben auf dem Stuhle.
Schon hat's den Weg in's Feld gelenkt,
Als lief' es aus der Schule.
Die Glocke Glocke tönt nicht mehr,
Die Mutter hat gefackelt.
Doch welch ein Schrecken hinterher!
Die Glocke kommt gewackelt.
Sie wackelt schnell, man glaubt es kaum;
Das arme Kind im Schrecken,
Es läuft, es kommt, als wie im Traum;
Die Glocke wird es decken.
Doch nimmt es richtig seinen Husch,
Und mit gewandter Schnelle
Eilt es durch Anger, Feld und Busch
Zur Kirche, zur Kapelle.
Und jeden Sonn- und Feier-Tag
Gedenkt es an den Schaden,
Läßt durch den ersten Glocken-Schlag,
Nicht in Person sich laden.
*Der Kaiser und der Abt.*
Ich will euch erzählen ein Märchen, gar schnurrig:
Es war 'mal ein Kaiser; der Kaiser war kurrig.
Auch war 'mal ein Abt, ein gar stattlicher Herr;
Nur schade! sein Schäfer war klüger, als er.
Dem Kaiser ward's sauer in Hitz' und in Kälte:
Oft schlief er bepanzert im Krieges-Gezelte;
Oft hatt' er kaum Wasser zu Schwarz-Brot und Wurst;
Und öfter noch litt er gar Hunger und Durst.
Das Pfäfflein, das wußte sich besser zu hegen,
Und weidlich am Tisch und im Bette zu pflegen;
Wie Vollmond glänzte sein feistes Gesicht.
Drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht.
Drob suchte der Kaiser am Pfäfflein oft Hader
Einst ritt er, mit reisigem Krieges-Geschwader,
In brennender Hitze des Sommers vorbei.
Das Pfäfflein spazierte vor seiner Abtei.
»Ha,« dachte der Kaiser, »zur glücklichen Stunde!«
Und grüßte das Pfäfflein mit höhnischem Munde;
»Knecht Gottes, wie geht's dir? Mir däucht wohl ganz recht,
Das Beten und Fasten bekommen nicht schlecht.
Doch däucht mir daneben, euch plage viel Weile.
Ihr dankt mir's wohl, wenn ich euch Arbeit erteile.
Man rühmet, ihr wäret der pfiffigste Mann,
Ihr höret das Gräschen fast wachsen, sagt man.
So geb' ich denn euern zwei tüchtigen Backen
Zur Kurzweil drei artige Nüsse zu knacken.
Drei Monden von nun an bestimm' ich zur Zeit.
Dann will ich auf diese drei Fragen Bescheid.
Zum ersten: Wann hoch ich im fürstlichen Rate,
Zu Throne mich zeige im Kaiser-Ornate,
Dann sollt ihr mir sagen, ein treuer Wardein,
Wie viel ich wohl wert bis zum Heller mag sein?
Zum zweiten sollt ihr mir berechnen und sagen:
Wie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen?
Um keine Minute zu wenig und viel!
Ich weiß, der Bescheid darauf ist euch nur Spiel.
Zum dritten noch sollst du, o Preis der Prälaten,
Auf's Härchen mir meine Gedanken erraten.
Die will ich dann treulich bekennen; allein
Es soll auch kein Titelchen Wahres dran sein.
Und könnt ihr mir diese drei Fragen nicht lösen,
So seid ihr die längste Zeit Abt hier gewesen;
So lass' ich euch führen zu Esel durch's Land,
Verkehrt, statt des Zaumes den Schwanz in der Hand.« --
Drauf trabte der Kaiser mit Lachen von hinnen.
Das Pfäfflein zerriß und zerspliß sich mit Sinnen.
Kein armer Verbrecher fühlt mehr Schwulität,
Der vor hochnotpeinlichem Hals-Gericht steht.
Er schickte nach ein, zwei, drei, vier Un'vers'täten,
Er fragte bei ein, zwei, drei, vier Fakultäten,
Er zahlte Gebühren und Sporteln vollauf;
Doch löste kein Doktor die Fragen ihm auf.
Schnell wuchsen, bei herzlichem Zagen und Pochen,
Die Stunden zu Tage, die Tagen zu Wochen,
Die Wochen zu Monden, schon kam der Termin!
Ihm ward's vor den Augen bald gelb und bald grün.
Nun sucht' er, ein bleicher hohlwangiger Werther,
In Wäldern und Feldern die einsamsten Örter,
Da traf ihn, auf selten betretener Bahn,
Hans Bendix, sein Schäfer, am Felsen-Hang an.
»Herr Abt,« sprach Hans Bendix, »was mögt ihr euch grämen?
Ihr schwindet ja wahrlich dahin, wie ein Schemen.
Maria und Joseph! wie hotzelt ihr ein!
Mein Sixchen! es muß euch was angetan sein.«
»Ach, guter Hans Bendix, so muß sich's wohl schicken.
Der Kaiser will gern mir am Zeuge was flicken,
Und hat mir drei Nüss' auf die Zähne gepackt,
Die schwerlich Beelzebub selber wohl knackt.
Zum ersten: Wann hoch er, im fürstlichen Rate,
Zu Throne sich zeiget im Kaiser-Ornate,
Dann soll ich ihm sagen, ein treuer Wardein,
Wie viel er wohl wert bis zum Heller mag sein?
Zum zweiten soll ich ihm berechnen und sagen:
Wie bald er zu Rosse die Welt mag umjagen?
Und keine Minute zu wenig und viel!
Er meint, der Bescheid darauf wäre nur Spiel.
Zum dritten, ich ärmster von allen Prälaten,
Soll ich ihm gar seine Gedanken erraten;
Die will er mir treulich bekennen; allein
Es soll auch kein Titelchen Wahres dran sein.
Und kann ich ihm diese drei Fragen nicht lösen,
So bin ich die längste Zeit Abt hier gewesen;
So läßt er mich führen zu Esel durch's Land,
Verkehrt, statt des Zaumes den Schwanz in der Hand.« --
»Nichts weiter?« erwidert Hans Bendix mit Lachen,
»Herr, gebt euch zufrieden! das will ich schon machen.
Nur borgt mir eur Käppchen, eur Kreuzchen und Kleid;
So will ich schon geben den rechten Bescheid.
Versteh' ich gleich nichts von lateinischen Brocken,
So weiß ich den Hund doch vom Ofen zu locken.
Was ihr euch, Gelehrte, für Geld nicht erwerbt,
Das hab' ich von meiner Frau Mutter geerbt.«
Da sprang, wie ein Böcklein, der Abt vor Behagen.
Mit Käppchen und Kreuzchen, mit Mantel und Kragen
Ward stattlich Hans Bendix zum Abte geschmückt,
Und hurtig zum Kaiser nach Hofe geschickt.
Hier thronte der Kaiser im fürstlichen Rate,
Hoch prangt' er, mit Scepter und Kron', im Ornate:
»Nun sagt mir, Herr Abt, als ein treuer Wardein,
Wie viel ich itzt wert bis zum Heller mag sein?« --
»Für dreißig Reichsgulden ward Christus verschachert;
Drum gab' ich, so sehr Ihr auch pochet und prachert,
Für Euch keinen Deut mehr, als zwanzig und neun,
Denn einen müßt Ihr doch wohl minder wert sein.« --
»Hum!« sagte der Kaiser, »der Grund läßt sich hören,
Und mag den durchlauchtigen Stolz wohl bekehren.
Nie hätt' ich, bei meiner hochfürstlichen Ehr'!
Geglaubet, daß so spottwohlfeil ich wär'.
Nun aber sollst du mir berechnen und sagen:
Wie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen?
Um keine Minute zu wenig und viel!
Ist dir der Bescheid darauf auch nur ein Spiel?« --
»Herr, wenn mit der Sonn' Ihr früh sattelt und reitet,
Und stets sie in einerlei Tempo begleitet,
So setz' ich mein Kreuz und mein Käppchen daran,
In zweimal zwölf Stunden ist alles getan.« --
»Ha,« lachte der Kaiser, »vortrefflicher Haber!
Ihr füttert die Pferde mit _Wenn_ und mit _Aber._
Der Mann, der das _Wenn_ und das _Aber_ erdacht,
Hat sicher aus Häckerling Gold schon gemacht.
Nun aber zum dritten, nun nimm dich zusammen:
Sonst muß ich dich dennoch zum Esel verdammen.
Was denk' ich, das falsch ist? Das bringe heraus!
Nur bleib' mir mit _Wenn_ und mit _Aber_ zu Haus!« --
»Ihr denket, ich sei der Herr Abt von St. Gallen.« --
»Ganz recht! Und das kann von der Wahrheit nicht fallen.« --
»Sein Diener, Herr Kaiser! Euch trüget euer Sinn:
Denn wißt, daß ich Bendix, sein Schäfer, nur bin!« --
»Was Henker! Du bist nicht der Abt von St. Gallen?«
Rief hurtig, als wär er vom Himmel gefallen,
Der Kaiser mit frohem Erstaunen darein;
»Wohlan denn, so sollst du von nun an es sein!
Ich will dich belehnen mit Ring und mit Stabe.
Dein Vorfahr besteige den Esel und trabe!
Und lerne fortan erst _quid Juris_ verstehn!
Denn wenn man will ernten, so muß man auch sä'n.« --
»Mit Gunsten, Herr Kaiser! Das laßt nur hübsch bleiben!
Ich kann ja nicht lesen, noch rechnen und schreiben;
Auch weiß ich kein sterbendes Wörtchen Latein.
Was Hänschen versäumt, holt Hans nicht mehr ein.« --
»Ach, guter Hans Bendix, das ist ja recht schade!
Erbitte demnach dir ein' andere Gnade!
Sehr hat mich ergetzet dein lustiger Schwank;
Drum soll dich auch wieder ergetzen mein Dank.« --
»Herr Kaiser, groß hab' ich so eben nichts nötig;
Doch seid ihr im Ernst mir zu Gnaden erbötig,
So will ich mir bitten, zum ehrlichen Lohn,
Für meinen hochwürdigen Herren Pardon.« --
»Ha bravo! Du trägst, wie ich merke, Geselle,
Das Herz, wie den Kopf, auf der richtigen Stelle.
Drum sei der Pardon ihm in Gnaden gewährt,
Und obenein dir ein Panis-Brief beschert:
»Wir lassen dem Abt von St. Gallen entbieten:
Hans Bendix soll ihm nicht die Schafe mehr hüten.
Der Abt soll sein pflegen, nach unserm Gebot,
Umsonst, bis an seinen sanftseligen Tod.«
Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlings-Lied,
Kling' hinaus in's Weite.
Kling' hinaus bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust,
Sag', ich laß sie grüßen.
*Das Gewitter.*
Urahne, Groß-Mutter, Mutter und Kind
In dumpfer Stube beisammen sind;
Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt.
Groß-Mutter spinnet, Urahne gebückt
Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl --
Wie wehen die Lüfte so schwül!
Das Kind spricht: »Morgen ist's Feier-Tag,
Wie will ich spielen im grünen Hag,
Wie will ich springen durch Tal und Höh'n,
Wie will ich pflücken viel Blumen schön!
Dem Anger, dem bin ich hold!« --
Hört ihr's, wie der Donner grollt?
Die Mutter spricht: »Morgen ist's Feier-Tag,
Da halten wir alle fröhlich Gelag,
Ich selber, ich rüste mein Feier-Kleid;
Das Leben, es hat auch Lust nach Leid,
Dann scheint die Sonne wie Gold!« --
Hört ihr's, wie der Donner grollt?
Groß-Mutter spricht: »Morgen ist's Feier-Tag,
Groß-Mutter hat keinen Feier-Tag,
Sie kochet das Mahl, sie spinnet das Kleid,
Das Leben ist Sorg' und viel Arbeit;
Wohl dem, der tat, was er sollt'!« --
Hört ihr's, wie der Donner grollt?
Urahne spricht: »Morgen ist Feier-Tag,
Am liebsten morgen ich sterben mag;
Ich kann nicht singen und scherzen mehr,
Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer,
Was thu' ich noch auf der Welt?« --
Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?
Sie hören's nicht, sie sehen's nicht,
Es flammet die Stube wie lauter Licht,
Urahne, Groß-Mutter, Mutter und Kind
Vom Strahl mit einander getroffen sind;
Vier Leben endet ein Schlag --
Und morgen ist's Feier-Tag.
Lieber Sterne ohne Strahlen,
Als Strahlen ohne Sterne --
Lieber Kerne ohne Schalen,
Als Schalen ohne Kerne --
Geld lieber ohne Taschen,
Als Taschen ohne Geld --
Wein lieber ohne Flaschen,
Als umgekehrt bestellt!
[Illustration]
*Räuber-Lied.*
(Zur 2. Sektion.)
Friedrich von Schiller. (1780.)
*Nicht zu schnell.*
Nachbildung von {»Gaudeamus igitur.«} (Vor 1717.)
1. Ein frei - es Le - ben füh - ren wir, ein
Le - ben vol - ler Won - ne! Der
Wald ist un - ser Nacht - Quar - tier, bei
Sturm und Wind han - tie - ren wir; der
Mond ist uns - re Son - ne, der
Mond ist uns - re Son - ne.
*Krambambuli.*
(Zur 3. Sektion.)
Ged. von Crescentius Koromandel,
d.i. Hof-Rat Wittekind in Danzig. (1745.)
*Fröhlich.* Volksweise des 18. Jahrh.
1. { Kram - bam - bu - li, das ist der Ti - tel des
{ Tranks, der sich bei uns be - währt;
{ er ist ein ganz pro - ba - tes Mit - tel, wenn
{ uns was Bö - ses wi - der - fährt.
{ Des A - bends spät, des Mor - gens früh trink'
{ ich mein Glas Kram - bam - bu - li. Kram -
{ bim - bam - bam - bu - li, Kram - bam - bu - li!
2. { Bin ich im Wirts - Haus ab - ge - stie - gen, gleich
{ ei - nem gro - ßen Ka - va - lier,
{ dann lass' ich Brot und Bra - ten lie - gen und
{ grei - fe nach dem Propf - en - Zieh'r,
{ dann bläst der Schwa - ger Tan - tran - ti zu
{ ei - nem Glas Kram - bam - bu - li. Kram -
{ bim - bam - bam - bu - li, Kram - bam - bu - li!
*Blau blüht ein Blümelein.*
Volks-Lied vom Thüringer Walde.
(Zur 5. Sektion.)
{__Moderato.__}
1. Ach, wie ist's mög - lich dann, daß ich dich
las - sen kann! hab' dich von Her - zen lieb,
das glau - be mir! Du hast das
Her - ze mein so ganz ge - nom - men ein,
daß ich kein' an - dre lieb', als dich al - lein.
2. Blau ist ein Blü - me - lein, das heißt Ver-
giß - nicht - mein: dies Blüm - lein leg' an's Herz
und denk' an mich! Stirbt Blum' und
Hoff - nung gleich, wir sind an Lie - be reich;
denn die stirbt nie bei mir, das glau - be mir!
3. Wär' ich ein Vö - ge - lein, wollt' ich bald
bei dir sein, scheut' Falk und Ha - bicht nicht,
flög' schnell zu dir. Schöß' mich ein
Jä - ger tot, fiel' ich in dei - nen Schoß;
säh'st du mich trau - rig an, gern stürb' ich dann!
*Gebet während der Schlacht.*
(Zur 5. Sektion.)
Theodor Körner. (1813.)
*Langsam und mit Würde.* Friedrich Heinrich Himmel. (1813.)
1. Va - ter, ich ru - fe dich! Brül - lend um-
wölkt mich der Dampf der Ge - schü- tze,
sprü - hend um - zu - cken mich ras - seln - de
Bli - tze. Len - ker der Schlach - ten, ich
ru - fe dich! Va - ter du, füh - re
mich!
2. Va - ter du, füh - re mich! führ' mich zum
Sie - ge, führ' mich zum To - de:
Herr, ich er - ken - ne dei - ne Ge-
bo - te; Herr, wie du willst, so
füh - re mich! Gott, ich er - ken - ne
dich!
3. Gott, ich er - ken - ne dich! So im
herbst - li - chen Rau - schen der Blät - ter
als im Schlach - ten - Don - ner-
Wet - ter, Ur - quell der Gna - de, er-
kenn' ich dich! Va - ter du, seg - ne
mich!
*Wenn die Schwalben heimwärts ziehn.*
_Abschied._
(Zur 7. Sektion.)
Carl Herloßsohn. (1842.)
Franz Abt. (1842.)
{__Andantino.__}
1. Wenn die
Schwal - ben heim - wärts ziehn, wenn die
Ro - sen nicht mehr blühn, wenn der
Nach - ti - gall Ge - sang mit der
Nach - ti - gall ver - klang, fragt das Herz in ban - gem
Schmerz, fragt das Herz in ban - gem Schmerz:
ob ich dich auch wie - der
seh'? Schei - den, ach Schei - den,
Schei - den tut weh! Schei - den, ach
Schei - den, Schei - den tut weh!